AnterhaltungsSlatt des vorwärts Nr. 143. Donnerstag, den 29. Juli. 1909 '(Nachdruck verbotea.) 20 Die Inlelbauern. Roman von August Strindöerg. Deutsch von Emil Schering. Es war eine felsige Insel, einige Morgen groß, mit einer Talmulde in der Mitte. Einige kahlköpfige Ebereschen standen zwischen den Steinen; auch wuchs der prachtvolle Spindelbaum mit seinen feuerroten Beeren in den Klüften: und die Talmulde war mit einer dichten Matte aus Heide- kraut. Krähenbeere, Multcbeere bedeckt; die letzten hatten angefangen, gelb zu werden. Vereinzelte Wachholderbüsche lagen wie platt getreten an den Felsen und schienen sich mit den Nägeln festzuhalten, um nicht fortgeweht zu werden. Hier war Gustav zu Hause; kannte jeden Stein; wußte. welchen Wachholderbusch er heben mußte, um die brütende Eider zu finden, die sich den Rücken streicheln ließ und ihn ins Hosenbein biß. Er steckte seine Gabelstange in einen Bergspalt und zog die Alke heraus, um ihnen den Hals um- zudrehen, da er sie zum Frühstück haben wollte. Hier draußen fischten die Hemsöer ihre Strömlinge. Hier hatten sie zusammen mit einer anderen Fischergescll- schaft einen Schuppen gebaut, in dem sie Nachtherberge zu nehmen pflegten. Dorthin lenkte auch Gustav feine Schritts, nahm den Schlllsiel von seinem gewöhnlichen Ort unterm Dachbart und trug seine Gerätschaften hinein. Der Schuppen bestand aus einem Raum ohne Fenster, hatte aber Bettkojen,. die fachförmig übereinander aufgeschlagen waren; einen Herd, einen Tisch, einen Dreifuß zum Sitzen. Nachdem er seine Sachen verstaut hatte, kletterte er nach dem Dach hinauf, um die Schornsteinluke zu öffnen. Als er wieder herunter kam, holte er die Streichhölzchen von ihrem Nlatz unter einem Balken und machte Feuer im Herd; dort hatte der letzte Besucher, nach altem Brauch, einen Arm voll Brennholz für seinen Nachfolger zurecht gelegt. Dann setzte er den 5kartoffelkcssel auf und legte einige gesalzene Fische über die Llartoffeln. Während er wartete, rauchte er eine Pfeife. Als er gegessen und getrunken hatte, nahm er die Flinte und ging zum Boot hinunter, wo er die Lockvögel hatte. Ruderte die hinaus und verankerte sie vor einer Landzunge. Kroch dann in die Schicßkoje, die aus Steinen und Reisig gebaut war. Die Lockvögel schaukelten auf den langen Wellen, die hereinbrachen, aber keine Eidcr fielen ein. Das Warten wurde ihm lang, und er ermüdete. Trieb sich auf den Strandsteinen umher, um eine Otter aufzuscheuchen; sah aber nur schwarze Nattern und Wespennester zwischen glänzendem Weiderich und vertrocknetem Sandhafer. Es schien ihm auch nichts daran zu liegen, etwas zu be- kommen: er trieb sich mehr herum, um sich herumzutreiben: um nicht daheim sein zu müssen; es machte ihm Vergnügen, sich hier draußen herumzutreiben, wo niemand ihn sah, nie- wand ihn hörte. « Nach dem Mittagessen legte er sich in den Schuppen nieder und schlief. Zur Vesperzeit ruderte er mit der Dorschleine hinaus, um sein Glück auf diese Art zu versuchen. Die See lag jetzi blickstill, und er sah, wie sich das Land gleich dünnem Rauch in der goldenen Straße der sinkenden Sonne ausstreckte. Es war still um ihn wie in einer windstillen Nacht, und er härte das Dunken der Ruderdollen meilenweit. Die Seehunde badeten in gehöriger Entfernung, steckten ihre Schwachköpfe aus dem Wasser, blökten, pusteten und tauchten wieder unter. Der Dorsch biß wirklich; es gelang Gustav, einige Weiß- bauche heraufzuholen, die mit ihrem großen, aber ungefähr- lichen Schlund nach Wasser schnappten und mit ihren Augen in der Sonne blinzelten, als sie aus ihrer dunklen Tiefe hervorgeholt wurden und über die Reling ins Boot sprangen. - Gustav hatte auf die nördliche Schäre zu gehalten; als es schnell Abend wurde und er wendete, um zurückzufahren, merkte er erst, daß der Schornstein des Schuppens rauchte. Er fragte sich, wer das sein könne, und machte, daß er so schnell wie möglich hinkam. «Bist Du's?" hörte er von innen und erkannte die Stimme des Pastors. �- ..Nein, Sie sind's, Herr Pastor," rief Gustav erstaunt, als er den Geistlichen am Herdfeuer fitzen und Heringe braten sah.„Sind Sie allein draußen?" „Ich bin herausgefahren, um Dorsch zu fischen; ich habe auf der Südseite gesessen, deshalb habe ich Dich nicht gesehen. Aber warum bist Du nicht zu Hause und hilfst die Hochzeit rüsten?" „Ich werde die Hochzeit nicht mitmachen," meinte Gustav. „Ach, Geschwätz, warum willst Du sie nicht mitmachen?" Gustav erklärte, so gut er konnte, seine Gründe, aus denen hervorging: er wollte einmal ein Fest nicht mitmachen, das ihm zuwider war; Zwestens wollte er den brandmarken, der sein Widersacher war. „Aber Deine Mutter?" wandte der Pastor ein;„ist es nicht schade um sie, so bloßgestellt zu werden?" „Das kann ich nicht finden," antwortete Gustav.„Es ist eher schade um mich: ich kriege diesen Knoten zum Stiefvater und kann den Hof nicht erben, solange der darauf fitzt." „Ja, mein Junge, das ist jetzt nicht mehr zu ändern; vielleicht aber kann man später einmal was dabei machen. Jetzt mußt Du morgen ganz früh Dein Boot nehmen und heimsegeln. Die Hochzeit mußt Du jedenfalls mitmachen!" „Daraus wird nichts, da ich's mir einmal in den Kopf gesetzt habe," versicherte Gustav. Der Pastor ließ den Stoff fallen und fing an, auf dem Herdstein seine Heringe zu essen. „Du hast wohl keinen Schnaps bei Dir?" begann er von neuem.„Siehst Du. meine Alte schließt alles Starke ein, und ich kriege so früh nichts." Gustav hatte Branntwein. Der Pastor nahm sich einen gehörigen Schluck. Darauf wurde er gesprächig und schwatzte alles mögliche über die Angelegenheiten des Kirchspiels, sowohl die häuslichen wie die inneren. Auf den Steinen vorm Schuppen sitzend, sahen sie die Sonne untergehen und die Dämmerung sich wie ein melonen- farbiger Nebel über Kobben und Wasser legen. Die Möwen gingen auf der Tangbank zur Ruhe, und die Krähen zogen nach den inneren Schären, um in den Wäldern Nachtquartier zu suchen. Es ward Zeit, zu Bett zu gehen. Erst aber mußten die Mücken aus dem Schuppen verjagt werden. Zu diesem Zweck wurde die Tür geschlossen und der Raum mit„Schwarzem Anker" vollgeraucht; darauf wurde die Tür wieder geöffnet und die Jagd mit Ebereschenzweigen angestellt. Die beiden Fischer warfen die Röcke ab und kletterten in ihre Kojen. „Jetzt mußt Du mir noch einen Flohtrunk geben," bettelte der Pastor, der schon sein gehöriges Teil erhalten hatte. Auf dem Bettrand gab Gustav ihm die letzte Oelung. Dann wollte man schlafen. Es war dunkel im Schuppen; nur der eine und der andere Streifen Tageslicht brach durch die undichten Wände. Doch in dex schlechten Beleuchtung fanden einzelne Mücken ihren Weg zu den Schläfrigen, die sich in ihren Kojen wanden und warfen, um den Quälgeistern zu entgehen. „Nein, das ist doch toll!" stöhnte schließlich der Pastor. „Schläfst Du. Gustav?" „Bewahre! Heute nacht wird wohl nichts aus dem Schlafen werden. Aber womit soll man sich die Zeit der- treiben?" „Wir müssen wohl aufstehen und wieder Feuer machen; einen anderen Rat weiß ich nicht. Wenn wir nur ein Spiel Karten hätten, könnten wir eine„Mariage" machen. Du hast wohl keins?" „Nein, ich nicht, aber ich glaube zu wissen, wo die Qvarnöer ihres haben, antwortete Gustav, kletterte aus dem Bett, kroch unter die letzte Koje und kam wieder heraus mit einem Spiel Karten, das etwas abgegriffen war. Der Pastor hatte Feuer geschlagen, legte Wachholder- reisig auf den Herd und steckte einen Lichtstumpf an. Gustav setzte dm Kaffeekessel auf und zog eine Strömlingstrommel herbei: die wurde zwischen die Knie gelegt und diente als Spieltisch. Man steckte die Stummelpfeifen an. Bald tanzten die Karten-—■" — 5 Die Stunden berginnen. Drei frische, passe, Trumpf, waren zu hören: dazwischen ein Fluch, wenn eine Mücke unversehens ihren Schröpfkopf auf Nacken und Knöchel der Spieler ansetzte. „Hör mal. Gustav." unterbrach der Pastor, der seine Ge- danken anderswo als bei Karten und Mücken gehabt zu haben schien, schließlich das Spiel,„könntest Du ihm nicht einen Streich spielen, ohne gerade der Hochzeit fernzubleiben? Es sieht ja feig aus, wenn Du diesem Knoten aus dem Weg gehst! Willst Du ihn ärgern, so weiß ich besseren Rat." „Wie sollte ich das anfangen?" fragte Gustav, dem es allerdings leid tat, um die Bewirtung zu kommen, die noch dazu von seinem väterlichen Erbe genommen wurde. „Komm am Nachmittag, unmittelbar nach der Trauung, heim: sag. Du seist auf der See aufgehalten worden. Das ist genug Schikane. Dann nehmen wir beide zusammen uns den Carlsson vor und machen ihn betrunken, damit er nicht ins Brautbett kommt: auch sorgen wir dafür, daß die Burschen ihren Spaß mit ihm treiben. Ist das vielleicht nicht genug?" Gustav schien nicht abgeneigt zu sein. Der Gedanke, drei Tage allein auf der Schäre zu hausen, um nachts von den Mücken aufgefressen zu werden, machte ihn weich: zumal er sich wirklich danach sehnte, all die Herrlichkeiten, die er hatte zubereiten sehen, auch sich schmecken zu lassen. Der Pastor entwarf also den Plan, wie das Abenteuer auszuführen sei, und Gustav erklärte sich bereit, bei der Aus- führuug mitzuwirken. Mit sich selber und einander zufrieden, krochen sie schließ- lich in ihre Kojen, als schon Tageslicht durch die Tllrspalten drang und die Mücken ihres nächtlichen Tanzes müde ge- worden waren. (Fortsetzung folgt.) I�leue lyriscke Ernte. Vor ein paar Jahren verhalf der Verband der Kunstfreunde am Rhein einem nierkwürdigen Dichterbuche zur Ocffentlichkeir. Das Buch hietz Auf Erden und Alfons P a q u c t ivar der Dichter. Jetzt ist es inhaltlich verstärkt durch den Verlag von Eugen DiederichS, Jena, einer weiteren Oeffcutlichkeit zugänglich geworden, und immer noch erscheint cS als daS wichtigste lyrische Werk der letzten Jahre. Auch für die proletarischen Leser. Ein jugendliches Werden und Reifen will daS Buch spiegeln, in„fünf Pasfionen" ist es eingeteilt, und davon ist die zweite und dritte die loichligste: jene ein Umtun in den Sphären bewegter Kultur in der vatcr- ländischen Heimat, diese ein Durchstreifen und Erober» weiter. frcnider, durch Meere von uns getrennter Welt. In beiden rollen sich starke soziale Bilder ans, Not und Größe ineinander gemischt. Das merkwürdigste ist aber, wie sich Paqnet an das Gewaltigste zusammengedrängter LebenSerscheinnngen als gestaltender Dichter heranwagt. Er ringt um den Rhythmus, der in der Fülle dieses Gewaltigen lebt und der ins Schwingen gerät, wenn unser Auge, zur blitzschnellen Aufnahme eines tausend- fältig bewegten NebeneinanderS geschärft, unter den Ein- druck dieser Fülle gerät. Der Amerikaner Walt Whitman ist Paquets Vorgänger. Aber Forin und Ausdruck wachsen bei Paquet ursprünglich und natürlich, seine Welt hat die Bildkraft des selbst Geschauten. Er ist der Sohn der Industriestadt—„hoch über der Straße geboren"— und in seilt Leben ist die Richtung gekommen, tausendfältige Bewegung niit den Augen als Genuß zu suchen und das Ganze mit dem Einzelnen entwirrt und doch in seiner wirbelnden Wirklichkeit klar zu packen. Vom Großen jagt es ihn zum Größeren, und so bauen sich über die deutschen Großstadtbild« gewaltigere Bewegungen des Lebens amerikanischer Weltstädte. „Ich habe Mein Leben eingesetzt, die Erde zu bezwingen und in allen Fugen Sie auszuforschen und zu beuten wie ein Bote und Kundschafter Von einem andern Stern." Aber wie Ungeheures auch das Leben der fernen Riesenstädte ihm zeigen mag, wa-Z„irgend anderswo auf Erden" ihm höchstes Glück bedeutete, was ihm die Möglichkeit gab, sich selbst zu fühlen und anzugehören, auch in der fernen Fremde wird es ihm zuteil. „Es raunt ein Wind: mein Sohngefühl dem fernen Vaterland, Dem Mutterleib, der mich zur Welt hinausgestoßen hat. Frei wallend lieb ich jedes Land und Meer, und keins. Ich könnte wohl auch hier geboren sein." Bürger des deutschen Vaterlandes und Bürger der Welt zu sein, daS ist die freudige Ueberzeugung, in der das Leben dieses jungen Dichters seiner selbst jauchzend gewahr wird. Er ist ein begeisterter Erschauer jeder Massenbewegung, und seine Gedichte sind breit- tviirfige Schilderungen des Erschauten, die im einzelnen in Strich und Farbe höchst plastisch zeichnen. Mancher deutsche Poet hat eine Volksversammlung geschildert, keiner aber hat sich wie Paquet oder überhaupt vor ihm herangctrant an einen Stoff wie den amerikanischen Volks konvent, diese Zusammenkunft von SO OOO "8— Menschen, die die Wahlbewegnng in den Bereinigten Staaten ein- leitet. Die Stoffivahl an sich bedeutet ja auch etioas von Belang: ein Wagnis, eine Einsicht, einen Lebensvorgang, der seelische Eigenart verrät. Paquet erfüllt die Forderung: Der Dichter solle das Volk bei seiner Arbeit suchen. Er sucht's auf seiner Arbeitsstätte oder besser gesagt: im Trubel seiner ArbeitZhatz. Das bunte Getriebe und Getöse und Jneinandergliedenr von Mensch und Maschine gibt Bilder, die seine Augen entzücken, berauschen. Er schreibt daS wuchtige Gedicht:„Die Güter und die Arbeiter." Es ist nicht bloß die bunte bewegte Oberfläche, es ist auch der soziale Inhalt, die Tätigkeit des Einzelnen und die gesellschaftliche Bestimmung der Erzeugnifle, was sich ihm aufdrängt, immer aus der Enge in die weite Welt hinausrcicht, und was' er ehrfurchtsvoll empfindet. DaS Gedicht„Am ersten Mai" ist schön und ehrlich und großmenschlicb in Gedanken und Gefühl, ein Hymnus der Erden- freude, wie der Festtag des Proletariats eine Verkündigung kommender höchster Erdensreude lein soll. DieseS Buch Paquets liest man wieder und wieder mir neuem, starkem Genuß. Es wird wohl seinen Weg machen. Ein Buch der Arbeiterjugend— deS jungen Arbeiters und der jungen Arbeiterin— sollte das von Hermann Gorter geschriebene Werkchen Ein kleines Heldengedicht sein(Leipzig. MaaS u. van Suchtelen). Ans dem Holländischen ist es ins Deutsche über« tragen, und vier Bilder zieren es. die nach den von Richard Roland- Holst für das Gewerkschaftshaus der Diamantarbeiter in Amsterdam geschaffenen Wandgemälden hergestellt sind: ftimnnmgSernste Bilder, proletarische Kraft und Tragik atmend. Das Gedicht erzählt vom Erwachen deS Klassengefühls in einem jungen Arbeiter, den daS Leben erstmals vor die Frage stellt: sollst du teilnehmen am Streik oder nicht?, und es erzählt vom Eintritt der jungen sanften Maria in die Webfabrik, wo ein Sausen und Schaffen der Maschinen die Heils« erkenntnis des Sozialismus sich inHerz undHirn drängt. Von feierlichem Wesen ist das Gedicht, als etwas Heilig-GroßeS gibt es die Seele der Proletarier und die sozialistische Lehre, die rednerisch entwickelt wird. Der Einschuß an romantischem Schauen und Schildern ist aber allzu stark, Stoffe, wie hier einer gewählt wurde, verlieren dabei die Erdhaftigkeit, die sie zeigen müssen, wenn sie fesseln und wirken sollen, und daran ist doch bei diesem Gedichte ge- dacht. Auf die blonden Dünenhügel der Küste führt das Gedicht, dorthin, wo der Gedanke an Schiffe, die init dein Meere ringen, lebendig ist; so fließt viel verklärendes goldenes Sonnenlicht und wirkt viel gewaltige Be- wegung in das Gedicht herüber und läßt die Menschen und ihre Seelen hell und willensstark erscheinen. Die Stimmung des Dichters, in dem der Glaube an Proletariat und Sozialismus von allen Kräften eines freudigen Optimismus getragen ist, verlor die nahe Fühlung mit Wirklichkeit der proletarischen Menschennatur und umriß Idealbilder, die nicht Fleisch und Bein haben und trotz aller lichten Farbe nur Schemen und ohne die Kraft großer Wirkung sind. Das Gedicht ist nicht aus der Seele des Proletariers heraus gedichtet, das wird ihm den Weg zum deutschen Arbeiter mehr erschlveren als sein spezifisch holläi'.di'ich-küstendörfliches Milieu. Endlich die Vers- spräche: sie ist ungelenk, nnrhylhmisch, unschön. Der Verlag hätte das Gedicht in so uuvöllkomniener llebersetzung nicht veröffentlichen sollen. Die Vcrsbücher von Cäsar Flai schien habe ich immer lieb gehabt. Ich kann den Dichter auch in dem neuen Buche Zwilche»klänge(Egon Fleischel, Berlin) gern begleiten. Er ist ein freundlicher Weggefährte, der die Kunst hat, zu führen, ohne aufdringlich zu sein. Er hat die Glinst, die schlichte Sprache des Lebens selbst als Dichtersprache zu geben. Seine Gedichte haben so gar nichts Gewolltes, das sich kunstvoll gebaut aus dem Leben ab- hebt, sie sind innner nur in der Gelegenheit des Augenblicks aus dem Tun der Seele abgelesen. Flaischlemversinnlicht, wie inholtreich und fruchtbar auch die Minute des Ausspannens sein kann. So ergibt sich dies für ihn charakteristische Liedplaudern, diese improvisierende Art, Geschautes und Ge- dachtes zu sagen, ohne Spannung, ohne kunstvollen Guß, mit Gelegenheitsreimcn und oft mit gesprochenen Gedanken, die künstlerisch nicht aufgearbeitet sind, aber den Menschen von Sonderart doch vernehmlich werden lassen, den Menschen, der sich nicht überheben möchte, der die Dinge unter sich wissen will, ohne sie zu vergewaltigen. Er wird nicht müde, die so oft genossenen Farben des Hinnnels, der Wiesen, deS Frühlings, der Rosen und der Wolken, und die Düfte und das Rauschen der Natur und all ihre endlosen Weiten immer aufs neue zu genießen und in ihrem tausendfältigen Gleichniswert für daS menschliche Leben zu empfinden. Leise streift die Hand an die alten Fragen vom Sinn des Lebens, und iinmer so, daß der Lebensmut dabei gewinnen kann. Daß Flaischlen ein Lebenskämpfer ist, haben frühere Bücher von ihm ge- zeigt, zuletzt Jost Seyfried: in diesen Zwischenklängen, die nicht als eine neue Stufe, sondern als ein Verweilen und Nachsammcln auf schon abgeerntetem Grunde gellen wollen, tritt nicht der Kämpfer, mehr dagegen die freundlich duldende Art hervor, die zum Wesen des Dichters gehört. Aber nun drängt sie bisweilen vor die Frage, ob nicht das Geltenlasien schon zum Gehenlassen wird, das bedenklich scheint und gefährlich ist in einer auf Kampf und Kraftmessen gestellten Zeit, die das Gesunde heraus» hauen soll auf freies Feld, das ihm vorerst noch fehlt. Die Jahre der ersten grauen Fäden im Haar sind freilich gar oft die Jahre beginnender Resignation, wo die Jugendwünsche verblaßt in der Lergangenheit untersinken und als Hitzkppfsrel belächelt werden. Spuren davon werden auch in diesem Buche Flaischlens bemerkbar; es mag damit genug fein. Lieb ist mir der Flaijchlen, der's als Dichterschicksal bezeichnet: Jedem in Stille den Weg zu zeigen, Jedem in Stille ein Ziel zu werden, sich zu befrein... selber aber immer zu kämpfen und ringen zu müssen und im Tiefsten unstät, verlassen und einsam zu sein. Der Flaischlcn auch ist mir wert, der die ewig umstrittene Frage: WaS ist Kunst? in die Worte ausklingen läßt: Grosi und ewig nur noch immer, nur: was mit befreitem Flug über die gebundenen Grenzen unseres WerktagSdaseins trug... was mit festem Fust auf fester Erde... doch vor allem ihrem Zwang und aller Schwere frei, wie als Spiel uns lächelnd schenkt, was das Leben uns zu leben nicht vergönnt und wonach doch unsere Sehnsucht immer übermächtiger drängt. Ein Bündel SÄolarcnliedcr für Kneipgeselligkeit, das aus Flaisch- lenS Jiigcudtagcn stammt, ist dem Buche hinten angebängt worden; es hätte aber doch lieber nicht mit auf die Wanderschaft gegeben werden sollen, es bedeutet zu wenig. Die satirisicrenden Gedichte der Gruppe«Dies und daS" wären ein besserer Buchabschlusi gewesen. Ganz anders ist die Art. wie Erich Mühsam inS Welt- treiben schaut..Ihn hat der Grosistadt-Weltschmerz in den Klauen, kaum je entringt er sich ihm zur Seligkeit schwerefreien Geniehens. Er wühlt in den Dissonanzen einer verfahrenen Kultur, und sein Schmerz ist so echt wie seine Wollnst, zu fühlen, wie verfahren sie ist. Es ist ihm geradezu Bedürfnis geworden, sich diesem Gefühl hinzugeben. Ungemein bezeichnend für Mühsanis Wesen ist der Vers: „War ich nicht manchmal am Gemüte krank, ich würde niemals meines Lebens froh." Bei solchem Wort schlechtweg von Pose zu reden, führt bei diesem Dichter auf den Irrweg. Zu dem letzten Versbuche Der Krater(Morgen-Verlag, Berlin) nötigt zwar ein Gedicht wie.Die Schicksalsankiage" den Gedanken an Pose auf, aber dies Gedicht ist schwach, die Kraft MühsamS bricht hier nur in matter Rhetorik, nicht in der ursprünglichen Eigenart hervor, die viele Gedichte charakteristisch als persönliches Eigentum und als Künstlerwerk abslenipelt. Denn Mühsams Lyrik ist Kunst, wenn auch nicht alles dichterische Betätigen Kunstwerke gebiert, wie es mit Wedekindschem Vergnügen sich gern der satiri- schen Artistik und dem bänkelsängerischen Erzählen hingibt. Die Ausgaben, die der„Simplicissimus" sich gestellt hat, haben die Saat, die einst der alte Schartenmeyer ausstreute, tüchtig aufgehen lassen. Ludwig Thoma hat da sehr eifrig mitgeholfen; die Verse, die er bei verschiedenen politischen und unpolitischen Anlässen zu teilweise köstlichen Siinplicissimus-Bilderbogcn schrieb, sind jetzt mit anderen Bänkelsanggeschichten als Moritaten in Buchform er- schienen sMünchen, Langen). Man weist: dies Wcdekindsche Vergnügen, dem also auch Thoma und Mühsam zu Zeiten gern die Seele verschreiben, ist im Kerne von bitterem Ernste erfüllt und gewinnt durch Knüttel- reimform und Leierversrhythmus gewisse schneidende.Kontrastwirkungcn, die die Slostkrast der Pointe verstärken. Mühsam ist ebenso ernst und ebenso stostlüchtig; er hat durchaus jenen diabolischen Humor, der mit zynischer Deutlichkeit realistisch berichtet und sich so die Möglichkeit schafft, unerbittlich die Geiste! zu schwingen. Das Diabolische ist in Mühsam? Lyrik überhaupt ein echter Grundzug. In dem Krater-Vnche ist er bewußt und absichtsvoll hervorgekehrt: Bleib sitzen, wo du sitzst, und last die Beine vom Rand hernieder in den Krater baumeln. Da unten ist Musik... und Hexen taumeln in eines wilden Feuers Scheine, das Teufel speien. Ins Chaos abgestürzte Seelen schreien nach Kameraden, die vom Kraterrande die Beine lotend in die Tiefe senken... Bleib sitzen wo du sitzst.— Vergiß da? Denken. Träum' die Musik, die die verdaminte Bande auf Knochen bläst. Das LebcnSelcment des Denkens und Anschauens dieses Dichters heistt gierige Unruhe. Sie peitscht des Dichters Seele und gibt ihr doch zugleich eigentliche Befreiung von innerster Not.„Das Grauen, das mich angstvoll dichten hieß." Dieser Mühsamsche Weltschmerz ist ein wichtiges Stück Psyche der Millionenstadt, erzeugt von einer höchstgesteigcrten, überkritischen Empfindlichkeit und von auf Schritt und Tritt geschehenden Verwundungen und Empörmigen der Seele. Er ist krankhaft in seiner Art und oft wird die Erinnerung an Poe wach, an Poe, der die Wollust des Sichselbsthctzcns auskostete. Ein- mal nennt Mühsam sich ein Angstgemüt, aber er ist gleichwohl keineswegs ein Weichling, sondern ein Trotzer und Woller. Er ist eine siackenide, volle Flamme, die im Sturm sieht, aber so, als lebe die Sicherheit des Gefühls in ihr, daß sie selber in aller Nacht nicht erlöschen werde. Er ist mitten drin in der Welt und greift mit der ihm gegebenen Waffe an und seine Zähne fassen gut.' Er hat auch Geifer um die Lippen, aber er verspritzt ihn nur, wenn sein Zahn einschlagen kann. Er hat scharfen Witz, witzelt nie zweck- los, selbst der Papierkorbkalauer zieht von seiner besten Kraft. Es fehlt keineswegs an Blättern, die entbehrlich scheinen, nicht mir um ihres stofflichen Inhalts willen, auch wegen der geringen Lebenskrast des Ausdrucks. Als ein Merkmal, in dem sich Persönliches aus» spricht, mag gelten, daß die künstlerisch»vertvollere erste große Gruppe der Gedickte ausklingt in Stücken von hoch- gestimmter seelischer Ruhe von abgeklärter, selbstsicherer Schönheit, deren großes Lebensgefühl lein schriller Ton zerreißt. Ein starkes Liebeserleben und einSwerdcndes Natur- empfinden strömt hier lyrische Herrlichkeiten aus, die man freilich am wenigsten in einem Buche sucht. daS solchen Titel trägt. Als ein Beispiel der Kraft, mit der Mühsam soziale Bilder schaut und durchgeistigt, lcbenatmend schildert, als ein Beispiel seiner Ausdrucks« kunst überhaupt, die den Blick weit und tief führt, mag folgende? Gedicht gelten: Ein kleines gelbes Haus, plump überdeckt von einem flachen Dach ans schwarzem Schiefer» in dem ein klobig roter Schornstein steckt. Unförmig klimmt aus dieses Schornsteins Bauch ein dumpfer Lichtschein, eingepackt in Rauch, der in der Luft verkriecht wie Ungeziefer.— Ein Vogel macht sich aus dem Lichtschein los, wächst rot zum Himmel, wächst— wird wellengrost, durchzuckt die Nacht in grausiger Geberde— und blutet schwere, rote Angst zur Erde. Die soziale Lyrik der neunziger Jahre hallt immer noch stark zu uns herüber. Sie hatte die Inbrunst mächtigen EinfühlenS in die proletarische Not und war der proletarischen Wirklichkeit auch in der Anschauung sehr nah. Aus Ada Negri trifft das ganz besonders zu. Ihre schwcrschreitenden Rhythmen haben vor zehn Jahren die proletarische Auswärtsbewegung be- gleitet. Sie haben den Atem ihrer Zeit. Seltsam, wie fühlbar sie oft im strophischen Gange das Anstemmen von unten her aus- drücken! Ada Ncgris Gedichte malen den Druck grausamer Not im kapitalistiswen Werkgetriebe, und in ihr grenzenloses Freihcitsbegehren wirkt das Bewußtsein der Wegklarheit und SiegeSsicherheit hellend hinein. Der Name Ada Negri bedeutete einen Zuwachs an Kraft, eine Bestätigung mehr, daß die Besten dem sozia- listischen Kultnrideal dienten, und immer wieder werden auch jetzt noch viele ihrer sozialen Gedichte, die Bild und Rede zugleich sind, von unseren Arbeiterblättern abgedruckt. Jetzt sind die ersten beiden Bände der Gedichte AdaNegris— Schicksal, Stürme — in einer einbändigen V olksausgabe erschienen. Der Verlag von Al. Duncker, Berlin, verdient Dank dafür, mag immerhin die lieber- setzung Hedwig Jahns, so gut sie den Sinn wiedergibt, doch aus künstlerischer Kongenialität nicht erquollen sein. Allerdings, für eine Volksausgabe wäre vielleicht eine Auslese der wichtigsten und am meisten verständlichen Gedichte mehr angebracht gewesen als diese ungekürzte Ausgabe; sie hätte dann auch noch wohlfeiler im Preise aussallen können. Zu fürchten ist, daß der jetzt gestellte Preis von 2 M.(geb. 3 M.) das Buch zwar wohl in viele Arbeiterbibliothcken, nicht aber darüber hinaus als Eigenbesitz in viele Arbeiterhände führen wird._" Franz D i e d e r i ch. Sxplodicrcndc pflanzen« In den mitteleuropäischen Wäldern gedeiht ein unscheinbares 'gelbblühendes Gewächs, das der Volksmund als„Rührmichnichtan" bezeichnet hat, weil seine kleinen grünlichen Fruchtkapseln zwischen den berührenden Fingern mit Heftigkeit zerspringen. Diese grünen Miniaturtorpedos sind nur ein Beispiel für viele Fälle plötzlicher und oft wirklich explosionsartig verlaufender Bewegungen von Pflanzenteilen. Am häufigsten und stärksten finden sich solche Vorgänge bei den Kindern der Tropenflora, die eben in jeder Hinsicht eine Steigerung und Erhöhung unseres Pflanzenlebens darbietet. Wenn das Lied davon singt, daß„alle Knospen sprangen", so bedeutet das für unsere Pflanzenwelt nur eine dichte- rische Uebertreibung. Dem Blick des Naturforschers stellt sich im allgemeinen das Aufblühen der Knospen in unseren Zonen als ein langsamer, mit dem Auge nicht zu verfolgender Vorgang dar, der mit einem eigentlichen„Springen" nichts zu tun hat. Aber wenn in unseren Landen auch nicht alle Pnospen springen, so gibt es doch einzelne, die es wirklich tun. So besitzt zun« Beispiel eine Nachtkcrzenart, die den botanischen Namen Oenotbera grandi- flora führt, die Eigentümlichkeit, daß ihre Blumenblätter sich ganz plötzlich mit einem Ruck auseinanderschieben und sich binnen etwa einer halben Minute ausbreiten, so daß man in diesem Falle der Bewegung wirklich mit den Augen folgen kann. Noch auffallender und wuchtiger vollziehen sich diese Bewegungen bei einer Reihe tropischer Orchideen. Nach einer Schilderung von Eduard Boede in der Zeitschrift„Natur und Offenbarung" vollzieht sich bei den prächtigen Blüten der Ltantiopea tigrina das Aufblühen in der Weise, daß die äußeren Blumenblätter zunächst mit einer einzigen Bewegung S Zentimeter weit auseinander schnellen und danach noch mehrere ruckartige Zuckungen ausführen, so daß sie nach einer halben Minute im Halbbogen weit zurückgekrümmt sind. Dann öffnen sich die inneren Blütenblätter in ganz ähnlicher Weise, und in etwa drei Minuten hat sich die ganze Blume entfaltet. Das Ganze ist von einem klatschenden Geräusch begleitet, so daß mit Recht von„explodierenden Blüten" gesprochen werden kann. Explosionsartig vollziehen sich auch die Geschehnisse, die bei einer großen Anzahl von Pflanzen ein wolkenartiges Auseinandersiicben des Blütenstaubs zum Zweck der Befruchtung bewirken. Ein inter» esiantcs Beispiel ist eine in Nordpersien heimische, zu den Stern« kräutern gehörende Pflanze druclanella sixlosa. Die rosenroten, nach Honig duftenden Blüten weisen im Knospenzustand eine selt- samc Einrichtung auf. Der lange dünne Griffel liegt in spiraligen Windungen in der Knospe, und zwar derart, dafe seine dicke Narbe zwischen die Staubbeutel geklemmt wird. Diese entleeren ihren Inhalt auf die rauhe Aläche der Narbe, die dann von dem sich allmählich streckenden Grifkel bis unter die Kuppel der noch ge- schlossenen Blumcnkrone gepreßt wird. Der Griffel federt dann förmlich gegen die Hülle. Wenn nun der Blütensamen auseinander- zuweichen beginnt, wird der Griffel plötzlich vorgestoßen und schleudert den Blütenstaub in Gestalt eines Wölkchens umher. Der Worgang kann oft durch einen leichten äußeren Reiz, wie die Be- rührung der Knospe durch ein Insekt hervorgerufen werden. Be- fonders merkwürdig ist die Explosionstätigkeit, sofern sie dazu be- stimmt ist, die Befruchtung durch Insekten zu erleichtern. Ein gutes Beispiel dafür sind die in Chile und Peru heimischen Schizanthus-Arten, die zum Teil als Zierpflanzen nach Europa eingeführt worden sind. Ihre Blüte ist durch einen unpaarigen, nach aufwärts gerichteten gefleckten Lappen ausgezeichnet, der gleichsam ein Wirtshausschild für honigsuchende Insekten darstellt. Eine weitere Bequemlichkeit bietet ihnen ein zweites Paar kleinerer Lappen, die sich unterhalb des eben erwähnten Honigplakats zu einem schifschenförmigen Gebilde vereinigen und dem honiglüfternen Insekt einen bequemen Sitz zu seiner Mahlzeit bieten. Dieser Sitz verbirgt aber eine tückische Attrappe, die einen wirksamen Schutz gegen das.Nassauern" der Jnsektenwelt darstellt. Der Honig wird nicht umsonst verabfolgt, sondern muß durch eine entsprechende Gegenleistung bezahlt werden. In dem einladenden Ruheschiffchen liegen schleuderfertig zwei Staubfäden verborgen, wie die Spiral- federn in einem Sesselpolster. Sobald ein genäschiges Kerbtier Platz nimmt, schnellen die Federn— im Gegensatz zu denen eines Kauteuils— mit einem Ruck in die Höhe und hüllen den Gast in eine Wolke von Blütenstaub. Es liegt sogar eine gewisse Ironie darin, daß die.Zündung" der Mine dadurch erfolgt, daß der Honigsucher seinen Rüssel unter den anlockenden Blumenlappen emführt. Honig geben derartige Blüten allerdings her, so daß die ganze Sache als ein leidlich ehrlicher Tauschhandel erscheint. Nur daß manche hierher gehörige Pflanzenarten auch über Humor ver- fügen und nach Art der„groben Wirte" in gewissen großstädtischen llnterhältungslokalen sich den kleinen Scherz erlauben, den Gästen mit plötzlicher Derbheit zu begegnen, indem sie sie mitten in der Mahlzeit mit einem plötzlichen Hagel von Pollen überschütten. Auch andere Pflanzen zeigen ähnliche Einrichtungen. Es ist hier z. B. der gelbe Lerchensporn zu nennen, der einen förmlichen lSattel als Sitz bietet. Auch bei dem gewöhnlichen Ginster findet ein Emporschleudern des Blumenstaubes statt, und ebenso bei seinen Verwandten, wie dem am Mittelmeere weitverbreiteten Besenstrauch(Lpartium junceum). Ziemlich tückisch und unfreund- lich gegen die zu Besuch kommenden Insekten ist die Blüte des Sauerdorns oder der Berberitze. Ihre nach unten gewendete, blendend gelbe Blütenrispe ist ein gutes Aushängeschild, das Bienen, Hummel und Schwebefliegen in Massen anzieht. Die Tiere, die nach dem Honig im Blütengrunde dürsten, klammern sich an die Fruchtknoten und tasten mit dem Rüssel nach der Ansatz- stelle der Staubfäden. In dieser Gegend hat die Blüte jedoch eine ckifcliche Stelle, von der aus ein plötzliches Losschwellen der Staub- säden ausgelöst wird, die dann wie Hämmer auf Kopf und Rüssel des Kerfs losfahren und sie mit Blütenstaub überpudern. Dieser unfreundliche Empfang, der auch noch von anderen mit Blüten- ftaubregen verbundenen Hammerschlägen gegen die Beine ver- bunden zu sein pflegt, veranlaßt das betroffene Tier zur Flucht nach en�r Nachbarblüte, wo es dann seine unfreiwille Fracht an der Narbe zum Teil wieder abstreift. Neben den geschilderten finden sich noch zahlreiche andere Formen von Schleuderwerken mnb„Minen" im Pflanzenreich, die der Befruchtung und Verteilung der Samen dienen. kleines femUeton. Hygienisches. Die Erkennung der Bleivergiftung aus dem Blut. Vor einigen Jahren haben Grawitz und Hamel erkannt, daß das Blei ein ausgesprochenes Blutgift sei. Wo eine Blei- Vergiftung vorlag, zeigte sich stets eine eigentümliche Veränderung der roten Blutkörperchen, die sogenannte blasophile Körnelung, die auch bei Bleiarbeitern vor dem Auftreten eigentlicher Ver- giftungserscheiuungen zu beobachten war. In neuerer Zeit hat jsich P. Schmidt mit der Erkennung der Bleivergiftung aus dem Blute an Menschen und mit Tierversuchen beschäftigt und daraus für die Gewerbehygiene diese Methode als sehr brauchbar empfohlen; dies um so mehr, als sie eben noch vor Ausbruch der Krankheit verwendbar ist. Ein Befund von über hundert der- artig veränderten roten Blutkörperchen in einer Million läßt nach Schmidts Ansicht auf Bleivergiftung schließen. Er hat S46 Personen. die in Bleibeirieben beschäftigt waren, untersucht und damit 110 Personen, die niemals mit Blei m Berührung gekommen waren, verglichen. Bei diesen fand er nur zweimal, das tst bei 1,8 vom Hundert mehr als hundert veränderte Blut. lörperchen. Die Tatsache, daß auch bei anderen Krankheiten, wie bei schwerer Bleichsucht, Tuberkulose, Malaria, Krebs u. a. ein« gleiche Blutveränderung vorkommt, vcranlaßte Dr. Trautmann in Leipzig zu einer Nachprüfung, die namentlich die Tuberkulose ins Auge faßte, da die vorwiegende Krankheit bei den Buchdruckern eben diese ist und nicht, wie häufig angenommen wird, die Blei- Vergiftung. Er untersuchte, wie er in der„Münchener Medizi- nischen Wochenschrift" mitteilt, hundert blutarme Kranke sowie hundert Gesunde. Einbezogen wurden in beide Gruppen nur solche Männer, die beruflich niemals mit Blei zu tun gehabt hatten, und zwar in die erste Gruppe nur Individuen mit einem Hämoglobingehalt von unter 80 vom Hundert und die in die zweite ganz Gesunde mit mindestens 85 vom Hundert Hämoglobin. Diesen Versuchspersonen stehen außerdem 233 Bleiarbeiter gegen- über. Es liegt also ein sehr reiches Untersuchungsmaterial vor, dessen Ergebnis in Kürze das folgende ist: Sowohl bei blutarmen Personen, die nichts mit Blei zu tun haben, als bei gesunden, kommen blasophil gekörnte rote Blutkörperchen vor, wobei aller- dings nur zweimal unter den hundert beobachteten Fällen über hundert davon in der Million gefunden wurden. Es ist dagegen richtig, daß die veränderten Blutkörperchen sich am zahlreichsten bei den Bleiarbeitern finden; bei zwölf schweren Fällen von Blei» Vergiftung hatten alle ohne Ausnahme mehr als hundert solcher Blutkörperchen in der Million. Am schlimmsten sind unter dieser Arbeitergruppe die Maler daran. Die Zahl der erkrankten Blut- körperchen unterliegt auch bei ein und derselben Person Schwan. kungen, so daß die Blutuntersuchungen wiederholt werden müssen. Der von Schmidt aufgestellte Grenzbefund von hundert in der Million ist zum Zweck wirksamer Vorbeugungsmaßnahmen im Bleigewerbe als Erkennungsmittel von Wert, wenn man gehörige Rücksicht auf die Rebenumstände wie eventuelles Vorhandensein von Malaria nimmt. Handelt es sich jedoch um gerichtliche Unter- snchungen, so dürfte man die Grenzzahl auf dreihundert auf die Million erhöhen müssen. Es würde sich jedoch empfehlen, daß die bakteriologischen Laboratorien der hygienischen Institute sich mit der- artigen Blutuntersuchungen zum Zweck des Nachweises von Blei- Vergiftungen beschästigen. Diese Untersuchungen ermöglichen tat- sächlich eine sehr frühzeitige Diagnose, so daß das Wohl der Ar- beiter durch rechtzeitige Entfernung aus dem gefährlichen Wir- kungskreis in erheblichster Weise gefördert werden kann. Verkehrswesen. Dampftriebwagen. Seit einiger Zeit werden von der preußischen Eisenbahnverwaltung Versuche mit sogenannten Triebwagen nach verschiedenen Systemen durchgeführt. Bei diesen Triebwagen ist da? Zugmittel, die Lokomotive, mit dem Beförderungsmittel in einem Wagen vereinigt. Die Versuche werden mit elektrischen Akkumulatoren- wagen, mit Wagen mit Verbrennungsmaschinen sVenzinmotoren) und Dampftriebwagen vorgenommen. Diese Triebwagen sollen in derHaupt- sacke dazu dieneu, aufHaupt- und Ncbcnbabnen, wo ein genügendes Wer- kehrsbedürfnis vorhanden ist, einen Zwischenverkehr neben den großen durchgehenden Hanptzügen zu ermöglichen. Auch für den Vorort- verkehr größerer Städte, ferner für die Verdichtung des Betriebes auf verkehrsreichen Strecken oder als Ersatz für Dampfzüge in ver- kehrsarmen Gegenden sind diese Triebwagen von Bedeutung. Nach Ausführungen von B u ch h o l z in der Zeitschrift des Vereins Deutscher Ingenieure sollen die Dampftriebwagen die größten Aus- sichten auf Erfolg haben. Vor allem passen sich diese Wagen, was die Betriebsmittel und Betriebsbedingungen betrifft, den vorhandenen bahntechnischen Ein- richtungen fast bedingungslos an. Ferner sind in den Lokomotiv- führern geschulte Führer bereits vorhanden. Die Hauptvorzuge der Dampstr'iebivagcn bestehen aber darin, daß der Dampfbetrieb die größte Wirtschaftlichkeit gewährleistet und daß zur lleberwindung der Steigungen eine große Veränderung der Leistung möglich ist. Auch für das Publikum bietet der Dampfbetrieb die Vorteile eines sanften Anfahrens und geräuschlosen Ganges. Ein von der Hannoverschen Maschinenbau-Aktiengesellschaft für die Eisenbahndirektion Frankfurt a. M. gelieferter Dqmpstriebwagen. der 72 Personen ausnehmen kann, hat bei seinen Probefahrten mit einem Anhänger für 40 Personen eine Geschwindigkeit von 50 bis 60 Kilometer in der Stunde erzielt. Der Wagen, der über 16 Meter lang ist, enthält vorn den Raum für den Kessel und die 100pferdige Dampfmaschine und daran anschließend den Führerstand. Darauf folgen die Personenabteile, und zwar ein Abteil IV. und zwei Abteile III. Klaffe, die in der üblichen Weise ausgestattet sind. Am anderen Ende des Wagen» liegt ein Gepäckraum, der gleichzeitig als Führerstand dient, ivenn der Wagen rückwärts fährt. Die Heizung des Wagens geschieht durch Dampf, die Beleuchtung durch hängendes Gasglühlicht. Die Dampfmaschine, die mit Dampf von 35 bis 50 Atmosphären Betriebsdruck aus einem Sicherheitsrohrplatten- keffel gespeist wird, kann 100 Pferdestärken leisten und treibt die hintere Achse des vorderen zweiachsigen Drehgestells an. Außer- dem ist der Wagen hinten noch mit einer freien Lenkachse verbunden. Die Maschine kann sowohl vom vorderen als auch vom hinteren Führerstand bedient werden. Die beiden Führerstände sind durch ein Sprachrohr verbunden, damit sich der Führer eventuell mit dem Kesselheizer verständigen kann. Die Versuche haben bis jetzt günstige Resultate ergeben. Sie sind jedoch nicht soweit abgeschlossen, daß eine endgültige allgemeine Entscheidung für eines der Triebwagensysteme getroffen werden kann. jPprWltw. Redakt.t MilhelW Mwxll, Lichtenberg.— Druck», Verlag: VerwÄts Vuchdru&rei».VerlagsavItaltLauI Singer Si Es., Berlin Äse.