Anterhaltungsvlatt des Vorwärts Nr. 146. Freitag� den 30 Juli. 1909 tNachdruck verSolen.) 22] Die Infclbauern. Moman von August Strindberg. Deutsch von Emil Schering Carlsson hatte am selbeir Abend von heimkehrenden Strömlingsfischern gehört, daß man sowohl Gustav wie den Pastor nach der Schäre Norsten habe steuern sehen. Er zog daraus den richtigen Schluß, es sei eine Teufelei im Werke Gegen den Pastor hegte er einen heftigen Groll, einmal, weil er die Hochzeit sechs Monate verschoben hatte: zweitens, wef der Pastor ihm eine nie ermüdende Geringschätzung zeigte. Garlsson hatte vor ihm gekrochen, ihm geschmeichelt, aber ohne Erfolg. Waren sie im selben Zimmer, drehte ihm der Pastor immer seinen breiten Rücken zu: hörte nie auf das. was er sagte: erzählte immer Geschichten, die sich wohl auf den vor liegenden Fall anwenden ließen. Statt nun abzuwarten, wie der Pastor und Gustav ihre Absichten gegen ihn ausführen»würden, entwarf Carlsson einen Plan, wie er ihnen begegnen könne. Der Seesoldat der Küste befand sich zufällig auf Urlaub und war augenblicklich als Mundschenk und Handlanger auf Hemsö angestellt: dort war seine Gewandtheit als Leiter bei Tänzen und dergleichen wohl bekannt und geschätzt. Carlsson hatte richtig gerechnet, wenn er glaubte, der Seesoldat werde mitwirken, um dem Pastor einen Streich zu spielen: Rapp, so hieß der Boots- mann, war nämlich vom Pastor nicht zur Konfirmation vor gelassen worden, weil er hinter Mädchen hergewesen: dieser Werlust. eines Jahres hatte ihm Schwierigkeiten bei der Marine gemacht. Die beiden Pfaffenhasser spannen also bei einer Kaffee halben ihren Plan. Der Streich, den sie dem Pastor spielen wollten, lief auf nichts Geringeres hinaus, als ihn betrunken zu machen: was dann weiter zu tun war. würden die Um- stände schon ergeben. Die Minen waren also von beiden Seiten gelegt; und der Zufall mußte entscheiden, welche die wirsamere war. Der Hochzeitstag brach an. Alle erwachten müde und schlechter Laune, infolge der vielen Vorbereitungen. Als die ersten Gäste zu früh anlangten, da die Waffen Verbindungen niemals pünktlich sein können, empfing sie niemand: verdutzt strichen die Gäste um die Häuser, als seien sie zum Schmarotzen gekommen.» Die Braut war noch nicht angezogen. Der Bräutigam eilte in Hemdsärmeln umher, um Gläser abzutrocknen, Flaschen aufzuziehen, Lichter in die Leuchter zu stecken. Die Stuga war gescheuert und belaubt; alle Möbel waren hinaus getragen und hinter einer Ecke aufgestellt, daß es aussah, als sei Auktion. Auf dem Hofe war eine Flaggenstange errichtet; auf der hatte man die Zollflagge gehißt, die man für die Feier vom Zollaufseher geliehen hatte. Ueber der Haustür hingen Kranz und.Krone aus Preisselbeerreis und Gänseblumen; zu beiden Seiten standen Birkenbüsche. In den Fenstern waren Flaschen aufgereiht, deren Schilder in den stärksten Farben leuchteten: wie in einem Branntweinladen. Carlsson hatte Sinn für starke Effekte. Der goldgelbe Punsch schien wie Sonnenstrahlen durch das seifengrüne Glas: der Purpur des Kognaks leuchtete wie Kohlenfeuer: die silberähnlichm Zinnkapseln, welche die Korke bedeckten, funkelten wie blanke Geldstücke. Einige der Kühnsten unter den jungen Bauern traten näher und gafften, als ständen sie vor einem Ladenfenster: sie fühlten den Vorgeschmack eines angenehmen Kratzens im Schlund. Auf jeder Seite der Tür lag ein Faß von sechzig Kannen: wie grobe Mörser bewachten sie den Eingang. Das eine ent- hielt Branntwein, das andere Dünnbier. Hinter ihnen lagen in Haufen. Ltugelpyramiden gleich, zweihundert Bierflaschen. Der Anblick war prachtvoll und kriegerisch, und Boots- mann Rapp ging umher wie ein Gefreiter, den Korkzichcr am Bauchriemen, und ordnete das Kriegsgerät, das unter seinem Befehl stand. Er hatte die Iäsier mit Fichtcnreisern verziert, sie angestochen und mit Metallkrähnen versehen; er schwang seinen Spundhammer wie einen Kanonenwischer und klopfte dann und wann an die Gefäße, um hören zu lassen, daß etwas in ihnen war. In Paradeuniform mit blauer Jacke und umgeschlagenem Kragen, weißen Hosen und Glanzlederhut, jedoch der Sicher» heit halber ohne Seitengewehr, flößte er den Bauernburschcn großen Respekt ein. Außer seiner Befassung als Mund» schenk hatte er den Auftrag. Ordnung zu halten. Unfug zu verhüten, bei Bedarf hinauszuwerfen, bei Schlägerei cinzu» schreiten. Die reichen Burschen taten so, als verachteten sie ihn: das war aber nur Neid: sie hätten so gern die Uniform angezogen und der Krone gedient, wenn sie nicht das Tau und die kitzlichen Kanoniere gefürchtet hätten. In der Küche standen zwei Kochtöpfe für den Kaffee auf dem Herd, und zusammen geliehene Mühlen krachten und knirschten. Zuckerhüte wurden mi! dem Beil zerschlagen und Kaffeekuchen war in den Fenstern aufgeschichtet. Die Mägde liefen hin und her zwischen Küche und Vorratsschuppen, der mit Gekochtem und Gebratenem aller Art und mit Säcken voll frischgebackenem Brot behängt war. Zuweilen steckte die Braut, mit losem Haar und in Hemdsärmeln, den Kopf durchs Kammerfenster und rief, bald nach Lotte, bald nach Klara. Segel auf Segel bog in die Bucht ein, fuhr geschickt um den Brückenkopf und legte unter Flintenschüssen an. Aber die Leute wagten sich noch nicht in die Stuga hinauf, fondern strichen in Scharen um den Hof. Ein glücklicher Zufall hat es gefügt, daß des Professors Frau und Kinder landeinwärts zu einem Geburtstage reisen mußten, und nur der Professor zu Hause war. Der hatte daher freundlich die Einladung angenommen, gab auch feinen großen Saal für die feierliche Handlung her und seinen Rasen unter den Eichen für Kaffeetrinken und Abendschmaus. Da waren lange Bretjer auf Böcke und Fässer gelegt, um Tische und Bänke zu bilden: die Tische waren bereits mit Decken versehen und mit Kaffeetassen gedeckt. Auf der Höhe vor der Stuga bildeten sich jetzt kleine Gruppen. Rundgvist, Seehundstran im Haar, frisch rasiert, in schwarzer Jacke, l)atte sich selber die Aufgabe gestellt, die Gäste durch spötttsche Anmerkungen zu erheitern. Norman hatte den Aufkrag erhalten, zusammen mit Rapp den Ehrengruß zu donnern, hauptsächlich mit Dynamit» Patronen: er hielt sich hinter der Hausccke und übte sich in kleinerem Maßstab mit einem Terzerol. Dafür hatte er aber seine Harmonika hergeben müsien; die war heute in Acht und Bann getan, weil man den besten Geigenspieler der Gegend, der Schneider aus Fifong, berufen hatte: und dieser Herr war sehr empfindlich, wenn man in seine Kunst eingriff. Dann kam der Pastor. Er war in scherzhafter Hoch- zeitslaune, bereit, mit dem Brautpaar zu scherzen, wie der Brauch es forderte. Er wurde von Carlsson auf der Schwelle empfangen und willkommen geheißen. „Nun. müssen wir auch gleich taufen?" grüßte Pastor Nordström. „Nein, potztausend, so eilig ists denn doch nicht I" ank- wortete der Bräutigam, ohne verlegen zu werden. „Bist Du Deiner Sache auch sicher?" fragte der Pastor, während die Bauern grinsten.„Ich habe schon mal auf einer Hochzeit getraut und getauft, aber das waren auch flinke Leute, die sichs leisten konnten. Im Ernst, wie stehts mit der Braut?" „Hm, diesmal ist keine Gefahr; aber man kann nie wissen, wanns los geht," antwortete Carlsson, indem er dem Pastor seinen Platz anwies, zwischen der Mutter des Kirchen- Vorstehers und der Witwe von Ovassa, die der Pastor mit Fischerei und Wetter unterhielt. Der Professor kam, in Frack und weißem Halstuch, mit schwarzem hohen Hut. Der Pastor nahm ihn sofort als eben» bärtige Standesperson in Anspruch und fing ein Gespräch an, das die Frauen mit gespannten Augen und Ohren belausch- ten; sie waren nämlich davon überzeugt, der Professor sei ein grundgelehrter Mann..— Aber Carlsson kam und verkündete, alles sei bereit: man suche nur Gustav noch, um anfangen zu können. „Wo ist Gustav?" rief man jxtzt auf dem Hof und wieder, holte es bis zur Scheune. � t" Niemand aniwortete. Keiner hatte ihn gesehen. „Oh, ich weiß es wohl, wo er ist," erklärte Carlsson. „Wo kann er denn sein?" höhnte Pastor Nordström so, daß Carlsson es merkte. „Man hat ihn draußen auf Norston gesehen, hat ein Vogel gezwitschert: und ein Fuchs war mit ihm. der ihn zum Trinken veranlaßte." „Wenn er in schlechte Gesellschaft geraten ist, hat es keinen Zweck, auf ihn zu warten," meinte der Pastor.„Es ist jedenfalls unrecht von ihm, sich nicht zu Haus zu halten, wo er so gute Vorbilder und so treue Freunde hat. Aber was sagt die Braut? Sollen wir anfangen oder sollen wir warten?" Die Braut ward gehört. Ob sie gleich recht traurig war, wollte sie doch, daß man anfange, weil sonst der Kaffee kalt werde. So begann man aufzubrechen, während hinten auf den Bergfelsen der Dynamit donnerte. Der Spielmann harzte und schraubte, der Pastor zog den Talar an, die Brautdiener gingen voran. Der Pastor führte die Braut. Die war in schwarze Seide gekleidet, trug den weißen Schleier mit dem Myrtenkranz und war sehr geschnürt: was verborgen werden sollte, wurde um so sichtbarer. So zog man in den Saal des Professors hinauf, während die Geige knirschte und die Schüsse knallten. Die Braut warf noch im letzten Augenblick unruhige Blicke um sich, um nach dem verlorenen Sohn zu spähen: als sie zur Tür hinein sollte, mußte der Pastor sie schleppen, während sie die Augen hinten hatte. Sobald sie in den Saal kamen, stellten sich die Gäste rings an den Wänden auf, als bildeten sie die Wache für eine Hinrichtung. Das Brautpaar nahm vor zwei umgekehrten Stühlen Platz, die mit einem Brüsseler Teppich bedeckt waren. Ter Pastor hatte das Buch genommen, befühlte seinen 'Kragen und wollte sich gerade räuspern, als die Braut ihre Hand auf seinen Arm legte. „Nur noch einen Augenblick, dann kommt Gustav Wohl!" Es wurde fast ganz still im Zimmer: man hörte nur das Knarren von Stiefeln und das Knittern gestärkter Hemden: nach einigen Augenblicken hörte das auf, man sah einander an. wurde verlegen, hustete; dann ward es wieder still. Schließlich sagte der Pastor, an dem aller Blicke hingen: „Jetzt beginnen wir; länger keinen wir nicht warten! Ist er noch nicht gekommen, so komint er auch nicht." (Fortsetzung folgt.) Lerlmer Manufakturen unct falmken im Zeitalter der Aufklärung. DaS Zeitalter der Aufklärung, wie man die zweite Hälfte des 18. Jahrhunderts nach ihrer geistigen Art zu benennen pflegt, wird von der zünftigen Geschichtsschreibung und Pädagogik sehr oft als rin oberflächliches und der wahren Kulturgüter eigentlich ermangelnde« beschrieben. Daran ist soviel richtig, datz jene Kulturperiode das Ideal der Menschenerziehung in eine möglichst scharfe Ausbildung des Ver- standes setzte. Und eS kann auch zugegeben werden, datz bei dieser einseitigen Pflege der Vernunft manche andere Seelenwerte, das Gefühl,' das Gemüt, der Wille usw., zu kurz kamen. Aber es wird immer vergessen, datz die Aufklärung des 18. Jahrhunderts gerade durch diese einseitige Kultur des Denkens der europäischen Be- völkerung Befreiungsdienste geleistet hat, die jenen Schaden bei weitem weit machten. Hierhin gehören die— gar nicht hoch genug zu veranschlagende Befreiung des Volkes von dem theo- logisch-kirchlichen Geiste des Aberglaubens, die energische Hinweisung des Menschen auf die diesseitigen, weltlichen, praktischen Ziele und die Propaganda der Nüchternheit und des Realismus, d. h. die Gewöhnung des Denkens an materielle, wirtschaftliche Dinge. Wenn wir ein Werk wie die zwölfbändige„Reisebeschreibung durch Deutschland und die Schweiz" von Fritz Nikolai, dem Berliner Buchhändler und Haupte der Aufklärung, durchblättern, so sind wir in der Tat überrascht von dem grotzen Raum, den bei ihm rein praktische, nütz- lichc, wirtschaftliche Ueberlegungen einnehmen. Während die romantische Reisebeschreibung(wie sie auch heute wieder Mode ist) in der Schilderung landschaftlicher Schönheiten schwelgt, wimmelt hier alles von Notizen über Oekonomie. Sterblichkeit, Schädelgrötze der Bewohner. Stand des Aberglaubens usw. Es ist die Zeit, in der Sützmilch seine preutzischen Statistiken begann, eine Zeit der Mündigwerdung der Wissenschast, eine Zeit vielleicht ohne Schwung: aber eine Zeit voll nüchternen Wahrheilssinnes. AuS dieser Zeit stammen auch die ersten populär- Wissenschaft« lichen, wirtschaftlichen Monographien. Und wie stark das Interesse für ivirtschaftliche Dinge gewesen sein mutz, ersieht man daraus, datz derselbe Fritz Nikolai in seiner Beschreibung von Berlin, die den Hauptzweck halte, damaligen Reisenden als Handbuch zu dienen, seinen Lesern 100 Seilen über den ökonomischen Zustand der da- maligen preutzischen Hauptstadt zu bieten wagte,— womit heutzutage jeder Verfasser eines Reisehandbuches seine Leute zum Teufel jage» würde. Die französisch- englische Ausklärung war demokratisch, anti- monarchisch. Die peutzisch- deutsche Aufklärung fand sich bis zu Kant hinauf mit dem.aufgeklärten" Despotismus ab. Das zeigt auch Nikolais Monographie über die wirtschaftliche EntWickelung Berlins im Zeitalter der Aufklärung, insofern er bei jedem Industrie- zweig zuerst lang und breit die Verdienste der preutzischen Könige um seine Einführung resp«. Begünstigung aufzählt. So hören wir, wie Friedrich El., der Grotze genannt,„ein in allen Feldern er- fahrener Monarch", zur Erweiterung der alten und zur Anlegung von neuen Manufakturen„fast unglaubliche" Summen auf- wendete, datz er„sehr vielen Entrepreneurs, das heitzt Unter- nehmern, auf seine Kosten(in Wirklichkeit natürlich auf Kosten des Staates, also der Allgemeinheit) die weitläufigsten Manufaktur- Häuser gebaut und nachher verschenkt", datz er insbesondere die Seidenindustrie durch ein mit 100 000 Talern ausgchaltenes Kredit- institur zu heben sich bemüht habe. Datz diese Liebesgabenpolitik auf Kosten des Volkes getrieben wurde, und datz die paar„Seiden- entrepreneurs" diejenigen waren, die den grötzten Profit bei dieser „großzügigen" Politik machten— wobei Friedrich El. immerhin ein gewisses Verdienst nicht abzusprechen ist—. solcher Art Ueberlegungen kommen natürlich dem braven Nikolai nicht. Immerhin entwirft er uns ein zicnflich genaues Bild von dem damaligen ökonomischen Stande Berlins. Die-Woll Manufaktur hatte man schon im Anfang des 13. Jahrhunderts durch ein Ausfuhrverbot aller inländischen Wolle zu heben versucht. Denselben Zweck verfolgte das königl. Lagerhaus lEcke König« und Klosterstratze belegen), das 1713 zur Beschäftigung armer Wollarbeiter errichtet wurde und einen solchen Aufschwung nahm, datz schon 1716 die ganze Armee aus dem Lagcrhause ge- kleidet werden konnte. Die Kaufleute, die aus dem Lagerhause ihre Waren bezogen, hatten grotze Vergünstigungen. 1764 wurde es an einen aus Aachen eingewanderten Industriellen verpachtet, der damit das Monopol für alle feineren Wolltücher erhielt. Alle fremden Wollwaren wurden verboten. Von der Stralauer Brücke aus wurde durch ein Pumpwerk die Färberei deS Lagerhauses mit Wasser versehen. Im königlichen Lagerhaus arbeiteten um 1777 231 Wollweber. Der Wert ihrer Arbeiten belief sich jährlich auf zirka eine halbe Million Reichstaler. Die Hälfte davon ging ins Ausland. Daneben gab eS zahlreiche private Wollmanufakturen. Die Gesamtheit der in der Wollmanufaktur beschäftigten Personen inkl. Färber usw. berechnet Nikolai auf 10 000, die eigentlichen Weber auf 5630, Wieviel Kinder damals in der Weberei beschäftigt wurden, lätzt sich nicht genau er- mittel». Bei jedem Webstuhl, auf dem„gezogene Arbeit" hergestellt wurde, mutzte ein Junge stehen und„ziehen". Nikolai nennt die Anzahl dieser Webstühle„sehr ansehnlich". Neben der Wollmanufaktur nimmt die S ei d e n i n d n st r i e im wirtschaftlichen Berlin des 18. Jahrhunderts einen breiten Raum ein. Als erster hatte ein Berliner Rektor namens Fritsch sich mit der Anlage von Maulbeerplantagen beschäftigt. Doch hören wir aus der Leichenpredigt auf die Prinzessin Elisabeth von Braunschweig, datz man schon im Jahre 1595— aber wohl mehr zum Sport— sich mit der Züchtung von Seidenraupen beschäftigte. Auf die Ver« anlassung von Fritsch hin lietz die Akademie der Wissenschaften die Wälle um Berlin und Spandau mit Maulbeerbäumen bepflanzen. 1714 wurde eine grotze Maulbeerplantage vor dem Spandauer Tor an- gelegt. Und kurz darauf wurde durch amtliches Edikt die Bepflanzung aller Friedhöfe mit Maulbeerbäumen befohlen. Die erste Seidenmanu« faktur legte ein Berliner Schutzjude an. Die Weber verschrieb er sich ans der Schweiz. Auch später, als die Regierung durch sehr luxuriöses Prämiensystem die Seidenindustrie zu hghem Aufschwung brachte(unter„Verwendung" von zahlreichen Waisenhauszöglingen), wurden die Vorarbeiter grötztenteils aus der Schweiz und aus Frankreich verschrieben. Als ein krasses Beispiel dieser vor-libera- listischen Wirtschaftsepoche, in der die Industrie noch eng in die Fesseln des absolutistischen Staates geschnürt war, sei erwähnt, datz Friedrich der Grotze 1766 ein Edikt erlietz, worin die Länge, Breite und auch Qualität aller in Berlin hergestellten Seidenwaren genau vorgeschrieben war. Datz diese Politik aber für eine Zeitlang einen Industriezweig zu heben vermag, zeigt der Aufschwung, den die Posamenticrgewerke von 1776— 1777 durch das oben erwähnte Verbot der Einfuhr fremder Bänder nahmen: 1776 wurden be- schäftigt 206 Meister, 99 Gesellen, 88 Jungen. Im nächsten Jahre waren es 217 Meister, 140 Gesellen und 105 Jungen. In der ge- samten Seidenindustric waren am Ende des 13. Jahrhunderts tätig: 844„Meister", 608 Gesellen und 317„Jungen". Sehr zu kämpfen hatte bei ihrem Aufkommen die Kattun- druckerei. Der Vater des aufgeklärten Friedrich hatte diese„neu- modischen" Stoffe aufs schärfste verboten. Nicht nur als Kleidung waren sie untersagt, sondern auch Möbelbezüge. Bettvorhänge usw. durften von dieser„Neuerung" nicht hergestellt werden. Sobald dies Verbot fiel(Mitte des 18. Jahrhunderts), nahm die Kattundruckerci einen großen Aufschwung: 1773 arbeiten in Verlin 663 Personen in dieser Branche. In der L e i n e n m a n u f a k t u r, die relativ gering in Berlin. war, da das meiste Leinen aus dem eben erst eroberten Schlesien eingeführt wurde, interessiert uns die ausgedehnte Kinderarbeit. Ein ehemaliger Hofjuwelier, Beitel Heine Ephraim, hatte ein ganzes Haus(iii der Heiligengeiststraßcj zu einer mit Kindern betriebenen Fabrik eingerichtet. Die Knaben und Mädchen mußten hier von Morgens bis Abends alle Sorten von Kanten klöppeln. Schul- Unterricht(Lesen und Schreiben) bekamen sie unentgeltlich. Da- für mutzten die Eltern die Kinder aber auf nrindestens zwei Jahre verdingen. Alle bisher erwähnten Manufakturen(Zeugmanufakturen) waren das Eigentum von zu« sammen 848 Meistern(.Manufakturisten") mit zirka 6006 Webstühlen. Der Wert der von ihnen hergestellten Zeugwaren betrug zirka vier Millionen Taler. Die Anzahl derer,'die bei den Zeug- Manufakturen ihr Brot verdienten, berechnet Nikolai auf 27 620 Menschen. Die Anzahl der Einwohner betrug zirka 110 030. In der M e t a l l i n d u st r i e ist zunächst auffallend, eine wie große Wichtigkeit(relativ gerechnet) die Herstellung der für das preußische Heer notwendigen Ausrüstungsgegenstände in ihr hatte. Es gab eine Gold- und Silbermanufaktur, die sich fast nur mit der Herstellung von Gold- und Silberdraht, Tressen, Borten, Fransen, Schärpen usw. beschäftigte. Der Vater Friedrichs hatte diese von einem Privatmanne gekauft und sie dann dem Potsdamschen Waisen- hause zur Nutznießung übergeben. Keine Tresse durfte im Auslände hergestellt werden, und bei Konkursen wurden die Manufakturschulden vor den anderen berücksichtigt. Interessant ist auch zu sehen, wie die moderne Fabrik erst im Entstehen begriffen, wie sie mit der Heimproduktion noch innig verbunden ist. In der Fabrik z. B. wurde das Gold nur gezogen(bis zur Dicke eines Pfeifenstiels). Die eigentliche Bearbeitung des Metalls ging in den Häusern der Drahtzieher, Plätter, Spinner usw. vor sich. Diese Manufaktur beschäftigte im Jahre 1777 866 Personen. Die übrige Metallindustrie ist von relativ sehr geringer Ausdehnung. Von der führenden Stellung, die sie heute einnimmt, ist noch nichts zu merken. Einzig das königliche Gießhaus auf dem Werder, hinter dem Zeughause. wo die Kanonen gegossen wurden, erinnert an moderne Industrie. ES gab nur eine Stahlfabrik in Berlin(am Weidendamm) und diese beschäftigte— 35 Personen. Alle übrigen Industrien sind spärlicher vertreten und arbeiten selten für Export. Nur die königliche Porzellanmanufaktur (in der Fricdrichstraße) nahm in den 60er Jahren unter der Leitung eines gewissen Gottskowsky einen solchen Aufschwung, daß der König selber Gefallen an ihr fand und sie in eigene Regie übernahm. 600 Personen waren in ihr beschäftigt. Jix allen großen Städten der Provinz gab es Niederlagen, und ein strenges Verbot hinderte den Verkauf der Konkurrenz. Auch Branntweinbrennereien und Brauereien suchten ihr Absatzgebiet bis weit in die Provinz hinein. Von den drei Bierarten Braunbier, Weißbier und Mannheimerbier ist letzteres unser heutiges Lagerbier. Münchener wurde sehr selten im- portiert. Bockbier hieß Kuppenbier. Einige Hundert Bierbrauer wurden in zirka 10 Etablissements beschäftigt. Buchdruckereien gab es 11 mit 127 Angestellten. Zum Schluß noch einige Bemerkungen über die„GeWerke". Alle Handwerker teilten sich in zwei Gewerke. Die zünftigen GeWerke find solche, die durch ein erteiltes Privilegium eme Innung geschlossen haben und nun nach den Gesetzen dieser Innung ihr wirtschaftliches Handeln einrichten müssen. Jede Innung hat ein Magistralsmitglied bei sich zur Kontrolle. Die Privilegien(Monopole usw.) dieser Innungen gingen in Berlin auf sehr alle Zeiten zurück. Z. B. hatten die Bäcker und Schuster JnnungSbriefe aus dem 13. Jahrhundert. Der Vater Friedrichs ließ im Jahre 1731 alle Privilegien für nichtig erklären und neue, teils günstigere, teils ungünstigere ausschreiben. Der Zwang dieser Bestimmungen war sehr groß. Zum Beispiel durfte bei den Sattlern jährlich nur ein neuer Meister aufgenommen werden. Im Berlin von 1770 gab es 68 solcher zünftigen Gewerke. Die un zünftigen Gewerke sind die innungslosen. Sie haben keinen Zusammenhang untereinander. Sie umfassen die großen Industrien. Die zünftigen Geiverke sind � die Großväter der heutigen Innungen und der politischen Mittelstandsbewegung. Die unzünftigen sind in gewissem Sinne die Vorläufer des modernen Proletariats. Ver Sckulgarten. Die auf das Prinzip der Arbeit begründete Frcilicht- und Lust- schule der Zukunft wird ohne geräumige, zweckmäßig angelegte und der freien kindlichen Betätigung offenstehende Schulgärten nicht auskommen können. Ein Schulgarten ist als Unterrichtsmittel wie als Erziehungsgclegenhcit gleichermaßen wichtig und trägt ganz außerordentliche Bildungswerte in sich. Er ist es auch, der neben der Wcrkstätte und dem' Schulspaziergang der neuen Schule in der Hauptsache ihre Eigenart vermittelt und ihren Charakter verleiht. Die Schulgärten von heute sind mit den künftigen nicht zu ver- gleichen. Ihre' Anlage und Aufgabe erschöpft sich darin, Arsenale natürlicher Anschauungsmittel für den botanischen Unterricht zu sein. Ursprünglich waren sie auch anders gedacht. Schon die Tatsache. daß Philantropisten die Väter des SchulgartengedankenS ivaren, läßt dies erkennen. Besonders Campen der Verfasser des Robinson, ließ sich die praktische Förderung der Erziehung durch Gartenarbeit angelegen sein. Dann kam Fröbel mit der Idee des Kindergartens. Man fing an, S-bulgärtcn einzurichten; 1343 an der höheren Töchterschule in Worms, 1355 in Stohs Institut in Jena. Aber der Eifer ließ bald nach; die EntWickelung der Volks- schule zu einer Lern- und Drillanstalt war der Bewegung nicht günstig. Lüben begnügte sich— als einer der wärmsten Be- fürworter des Schulgartens—,«eine kleine Anlage zur Hcranzucht der am meisten hervortretenden und die Abteilungen des Pflanzen- reiches am besten veranschaulichenden heimischen Gewächse" zu fordern. Aehnlich Roßmäßler. In diesem Sinne hat sich denn auch späterhin die Sckulgartenftage in Deutschland entwickelt. 1875 wurde im Humboldthain in Berlin ein 4 Hektar großer Schulgarten angelegt. Magdeburg erhielt im Herreukrugpark seinen Zentral- schulgarten, der aus 25 Hektar Anlagen, 7 Hektar Baumschulen und 20 Hektar botanischen Pflanzungen besteht; weiter wurden Schul- gärten eingerichtet in Leipzig 1883(130 Ar), Breslau 1889(208 Ar). Mannheim 1888(20 Ar). Dortmund 1890(2 Hektar), Köln 1891(2 Hektar), Altona 1891 (14 Ar). Karlsruhe 1894(70 Ar). Stolberg, Stettin u. a. In Oesterreich ist die Schulgartenfrage seit 1869 gesetzlich geregelt; es bestehen dort etwa 13 000 Schulgärten, die am vollendetsten ein» gerichtet in Steiermark zu finden find. Schweden zählte 1894 etwa 4670 Schulgärten, doch ist deren Pflege neuerdings zurückgegangen. In Belgien. Frankreich, der Schweiz, besonders in Amerika wenden pädagogische Kreise, sowie staatliche und städtische Behörden der Schulgartensache seit Jahren erhöhte Aufmerksamkeit zu. Gleichwohl bleiben die Schulgärten überall in ihren Leistungen weit hinter dem zurück, was die Schule von ihnen fordert. Gar nicht zu reden von den Aufgaben, die ihnen die Arbeitsschule der Zukunft stellen wird. Denn in ihrem Organismus werden die Schul- gärten nicht bloße Pflanzenspeichcr und botanische Magazine, nicht Anlagen für das Auge und Objekte der Betrachtung sein, nein, sie werden Arbeitsplätze und Versuchsfelder, Betätigungsgebicte für die Hand und den kindlichen Wirklichkeitssinn bilden, werden in lebens- volle Wechselbeziehung zu allen Formen des Erlebungsuuterrichts treten. Nicht bloß die Pflanzenkunde wird aus ihnen schöpfen, auch Tierkunde, Erdkunde, Geologie, Anschammgs-, Formen-, Zeichen- und plastischer Unterricht werden in ihnen auf ihre Rechnung kommen. Je größer und mannigfaltiger ein solcher Garten, umso vielseitiger seine Verwendbarkeit. Er ersetzt als lebendige Bcob- achtungs- und Erfahrungsquelle neben der Werkstatt und der freien Natur alle unsere künstlichen Lehrmittel. Er schließt eine kleine Welt in sich, die sich der Erkenntnis und dem Gemüt des KindeS in tausend Formen und Farben offenbart. Wie ein großer, modernen Anforderungen entsprechender Schul- garten am zweckmäßigsten eingerichtet wird, darüber hat der Leiter des Dresdener Schulgartens, Lehrer Hcrrmann, aus seiner mehr» jährigen Praxis bemerkenswerte Ratschläge erteilt. Da der Schulgarten am besten seinen Zweck erfüllt, wenn er ein Abbild der Natur und der Arbeitsgebiete der Menschen ist, sind die aufzunehmenden Pflanzen nach ihrer natürlichen Zusammen- geHörigkeit, nach Lebensgemeinschaften, zu ordnen. Also: ein Feld mit Getreidearten, Gemüse- und Futterpflanzen, Gespinst-, Oel- und Färb- pflanzen und Feldunkraut; eine Wiese mit einer Mischung verschiedener Grassamen, worunter scharfer Hahnenfuß, Wucherblume, Gänseblume. Wiesenschaumkraut, Löwenzahn, Himmelschlüssel und Glockenblume als Charakterpflanzen nicht fehlen dürfen; sodann ein Stück Wald, in Laub- und Nadelwald gesondert, mit Unterholz, Sträuchern, Beeren- obst und Blumen, bei den Waldbänmen ist der Zusammenhang zwischen Gestein und Pflanze in der Weis« darzustellen, daß man neben die Bäume eine Probe des Gesteins ihrer Standorte legt. Hierauf folgen ein Obst- und ein Gemüsegarten, dann ein Beet Arzneipflanzen und schließlich ein Blumengarten. Bei Anlage eines Berges sind geographische, geologische und botanische Gesichtspunkte zu berücksichtigen. Am dankbarsten ist die Nach- bildung einer heimatlichen Bergform. Je nach der Landschaft wird man einen tafelförmigen Sandsteinberg, einen gewölbten Basaktberg, den sanft geschwungenen Rücken des Granit- oder Gneis- bergcs oder den steilen Gipfel des Klingsteinberges auf- führen. Die Bepflanzung wird in erster Linie die Heimat- liche Bergflora berücksichtigen; erst später wird man auch die fernere Bergflora hinzunehmen. Der geographische Gesichts- Punkt findet besonderen Ausdruck in Reliefdarstellungen im großen Maßgabe aus Lehm, Ton, Beton oder dergleichen. So ist das sächsische Bergland mit dem Egertal. der Harz mit dem Brocken, das Riesengebirge in seiner ganzen Ausdehnung, das Berner Ober- land u. u. eine beliebte Darstellung. Auch Plänerlagerungen, ein Hochmoor, ein geologischer Durchschnitt usw. lassen sich leicht ans« führen. Ist die Berganlage groß genug, so windet sich, nach der Mitte zu ein Pfad hinauf. Auch ein Wasserfall darf nicht-, fehlen. Bei genügenden! Platze legt man ein gesondertes Alptnum an, bei dessen Aufbau ein bestimmtes alpines Motiv nachgebildet wird. Am Fuße des Berges findet der Teich seinen Platz, Auch er erhält Form, Umrisse und Bepflanzung am besten nach einem natürlichen Vorbilde. Angegliedert wird ein Sumpf und eine Sumpfiviese. In gesonderten Äulaoen werden zuletzt noch Kalk-, Sand-, Salzpflanzen und Kryptogamen VNtergcbracht. Systematik, Pssanzenveschreivimg ,-nd Rutzanwen- dling können aber das Gebiet des botanischen Unterrichts nicht erschöpfen. Eine Kenntnis der lvichligsten Lebensvorgänge mnst hinzukommen. Daher ist eS notwendig, dag die gegenseitige Ab- hängigkeit von Bau nnd Lebenstätigkeil erkannt und der Schüler »nit der Zweckmäßigkeit im Leben der Pflanzen bekannt gemacht wird. Der Scbüler muß in jeder Blume ein lebendiges Wesen, ihm Verwandt,»ach gleichen Gesetzen und Lebensbedingungen tätig. erkennen. Diesem Zwecke dienen im Schulgarten die biologischen Abteilungen. In ihnen werden die Erscheinungen der Ernährung. fleischfressende Pflanzen, Schmarotzer, Wasseranmahme. Schatien- lpflanzeu, Schutzeinrichtungen, Erscheinungen des Wachstums, Ver- hreitung, Fortpflanzung, Rcizbewegungen und eine Blumenuhr zur Darstellung gebracht. Was der Schulgarten dem Schüler sein soll, hat schon Campe »nit wenig Worten ausgesprochen:»Der Garten des Schülers ist weder angelegt worden, um die Augen der Vorübergehenden auf sich zu lenken, noch um große Einkünfte daraus zu ziehen, sondern um beim Anbau desselben zu lernen." Die Schüler sollen die Beete selbst bebauen und der Lehrer soll praktisch mit ihnen arbeilen. Beim Graben und Hacken. Pflanzen und Beschneiden, Düngen und Okulieren hätte er tausendfach Gelegenheit, die Kinder in das Leben der Natur, in die Geheimnisse des Werden und Vergehens einzu- führen, so daß sie zu lebensvollen und unverlierbaren Anschauungen »rnd Eindrücken gelangten. Indem er gärtnerte, pflanzte, säete und beschnitte, Furchen zöge und Früchte enitete, könnte er zugleich mit den Kindern sprechen und mesten, zeichnen und rechnen, beob- achten und konstruieren, Geometrie und Physik. Botanik. Zoologie und Chemie, Physiologie und Geographie treiben. Dabei würden Auge und Ohr, Hand und Fuß gebildet, der Körper bewegt, Gemüt und Wille erzogen, die Freude am Schönen und an der Natur geweckt und genährt; Fleiß, Ordnungsliebe, Sauberkeit, Ausdauer und Geduld würden gefördert, soziale Gefühle rege gemacht und der Gemeinsinn tatkräftig entwickelt. So wäre der Schulgarten ein Sammelpunkt freudigster und fruchtbarster Erziehungsarbeit und Unterrichtsbemühung. Aber die Jugend wird bis zur sozialistischen Zukünftsschule warten müssen, bevor sie zum Genuß dieser idealen Bildungsgelegenheit gelangt. Bis dahin ächzt und stöhnt sie im harten Joche der Drillschule weiter. kleines femUetcm. Geographisches. Die Tibetreise von Dr. Erich Zug»naher läßt sich jetzt in ihren geographischen Ergebnissen übersehen, nachdem diese in Petennanns Mitteilungen nebst einer Karte veröffentlicht worden sind. Die Reise wurde von Juni bis September 1S06 aus- geführt, soweit das Gebiet von Tibet in Betracht kam. Der Ein- gang geschah von Norden her bei dem Ort Polu, den auch Hedin bei einer früheren Reise und ebenso noch andere Expeditionen zum Ein- tritt in das Hochland benutzt hatten. Der Neisetoeg von Dr. Zugmahcr beschränkte sich dann auf eine Durchquerung deS nordwestlichsten Tibet in durchschnittlich südwestlicher Rich- tung, die zum Ouellgebiet des Indus führte. Entsprechend dieser kurzen Reisedauer konnten die geographischen Ergebnisse nicht sehr reichlich sein, zumal der Hauptzweck des Unternehmens in der Ausführung zoologischer Sammlungen und Beobachtungen bestand. Dennoch sind wenigstens zwei Punkte aus dem Bericht hervor- zuheben, die innerhalb der großen Probleme der Tibetforschung einen bedeutsamen Platz einnehmen. Der ein: betrifft die Hydrographie(Gewässerkuckde) des GebieteS und insbesondere die Frage seiner allmählichen AuStrocknung. Zugmayer hat auf seiner Reise drei hydrographische Zonen durchmcsien, ein- mal das Ouellgebiet des Kenja, der nach Norden zum Tarim gerichtet ist, zweitens das Flußgebiet im Innern, dritten? die zuin Jndus-Vecken gehörige Zone im äußersten Westen von Tibet. Die Quellen des Kerija find noch immer nicht in ganzer Ausdehnung erforscht worden. Von den Seen des abflußlosen Ge- biete« find namentlich der Jeschil-kul, der Apotzo und die Ponggong- Seen besucht worden. Bei allen Seen wurde das Vorhandensein von Strandlinien und Terraflen festgestellt, die eine früher mehr oder weniger erheblich größere Ausdehnung der Wasserflächen beweisen. Der Jeschil-kul hat bitteres, salziges Wasser, in dem überhaupt keine Lebe- Wesen enthalten zu sein scheinen. Der Apotzo ist in S370 Metern der höchstgclegene große See von Tibet und enthält merkwürdiger- weise Süßivasser, obgleich er keinen nennenswerten Abfluß besitzt. Wahrscheinlich wird dieser gewaltige See in Zukunft auch in einen salzigen Zustand übergehen, und der dahin gerichtete Vorgang hat sogar bereits begonnen. Auch dieser See ist früher weil größer gewesen. Die Panggong-Seen nehmen eine besondere Stellung ein. »ind ihre genauere Erkundung ist die wichtigste geographische Arbeit der Zugmayerschen Expeditisn. Es ist nämlich nach- gewiesen worden, daß diese Seen früher einen Abfluß zum Indus gehabt haben. Noch jetzt ist in der westlichen Umrandung «ine Einsattelung zu erkennen, durch die das abfließende Wasser seinen Weg genommen haben muß. Der zweite wichttge Punkt be- zieht sich auf Tibet als vulkanisches Gebiet. Seit sich die durch Alexander von Hnmboldt gesammelten Berichte über das Vor- kommen von zum Teil noch tätigen Vulkanen in Inner- asicn sämtlich als unzuverlässig herausgestellt hatten, wurden auch die Angaben neuerer Tibetrcisender über das Vor- kommen von jungvulkanischen Gesteinen und kraterähnlichen Bildungen selbst von den größten Kennern Asiens bezweifelt. Seit- dem habe» sich aber die Nachrichten darüber so vermehrt, daß sie sich kaum noch abweisen lassen, obgleich sie der Tatsache widersprechen, daß gegenwärtig Vulkane nur in der Nachbarschaft des Meeres vor- kommen. Auch Dr. Zugmayer hat nicht nur gewaltige Lavaströme am Nordrand von Tibet kennen gelernt, sondern auch die dazu ge- hörigen Krater in gut erhaltener Form aufgefunden. Auch das Vor- kommen heißer Quellen scheint darauf hinzudeuten, daß die vulka- irischen Kräfte in jenem Gebiet noch nicht völlig ihren Einfluß ver« loren haben. Technisches. Papier. Der ins Ungeheuere wachsende Papierverbrauch. der das Fortschreiten der kapitalistischen Zivilisation charakterisiert. verwüstet die Wälder und fuhrt zu einem Raubbau, unter dem die zukünftigen Geschlechter einmal zu leiden haben werden. Anderer- seits sieht sich die Technik genötigt, nach anderen Materialien als Holz umzusehen. Einen guten Ueberblick über den heutigen Stand dieser Dinge gibt„Prometheus" im letzten Heft. Zurzeit werden jährlich etwa 8 Millionen Tonnen Papier erzeugt, davon etwa 55 Proz. in Europa und etwa 43 Proz. in Amerika. An der Gesamtpapiererzeugung der Welt ist Deutschland mit 17 Proz. beteiligt, England mit 11 Proz., Frankreich mit 7 Proz.. Oesterreich-Ungarn mit 5 Proz., Rußland einschließlich Finnland mit 3,5 Proz., 40 Proz. erzeugen die Vereinigten Staaten. Da nun der weitaus größte Teil aller Papiere aus Holzstoff her- gestellt wird, so ist eine Folge der EntWickelung der Papierindustrie eine Vernichtung von Waldbeständen, die besonders in Amerika stark beunruhigende Dimensionen angenommen hat. Da eine Ein» schränkung des Papierverbrauches außerhalb des Bereiches der Möglichkeit liegen dürfte, so bleibt nichts übrig, als nach Ersatz- stoffen zu suchen, die geeignet sind, das Holz als Papierrohstoff zu ersetzen. Unter solchen Ersatzstoffen wären zunächst die verschie» denen Stroharten zu nennen, die leicht zu behandeln und zu bleichen sind und durchschnittlich 45 bis 46 Proz. Zellulose enthalten. Nur reicht leider die jährlich erzeugte Strohmenge bei weitem nicht aus, um einen erheblichen Teil des Holzes in der Papierfabrikation zu ersetzen, und dazu wird das Stroh auch zu anderen Zwecken in größeren Mengen verbraucht. Andere Papierrohstoffe kommen auch nur in verhältnismäßig geringem Maße zur Verwendung, wie z. B. das in Algier, Tunis und anderen Mittelmeerländern wachsende Espartogras, das besonders von englischen Papier« fabriken zur Herstellung besserer Papiere verwendet wird, ferner die bis zu 55 Proz. Zellulose enthaltenden Bambusfasern, die ein wichtiges Rohmaterial der indischen und chinesischen'Papier- fabrikation bilden, aber für die europäischen und amerikanischen Papierfabriken ebenso wenig in Betracht kommen, wie der Bast des Papiermaulbeerbaumes, der zur Herstellung sehr fester und haltbarer chinesischer und japanischer Papiere dient. Ein Papierrohstoff aber, der vielleicht in einiger Zeit besonders für die amerikanische Papierindustrie größere Bedeutung erlangen wird, ist die B a g a s s e, die ausgepreßten Stengel deS Zucker. rohreS, die sehr reich an Zellulose sind und bei der ausgedehnten Nohrzuckerindustrie in großen Mengen entfallen, die nur zum Teil als Heizmaterial Verwendung finden können. Von den Tropen» pflanzen— und unter diesen wird yran, schon ihres schnellen, üppigen Wachstums wegen, den Ersatz für das Holz als Papier« rohstoff in erster Linie suchen müssen— kommen noch eine Reihe von Gräsern und solche Bäume und Sträucher in Betracht, die heute schon ihre Fasern für die Herstellung von Seilen, Matten usw. liefern, wie verschiedene Bananenarten(Manilahanf), Agaven(Sisalhanf), der Majagua st rauch usw. Aus den Resten der Seilfabrikate und auch aus den Abfällen bei der Hanf« bereitung werden heute schon größere Mengen sehr haltbarer Papiere(Manilapapiere) hergestellt. Auch die Torffasern hat man zur Papierfabrikation herangezogen und stellt daraus, be- sonders in Amerika, ein gutes und billiges Packpapier her. Zur Fabrikation von Druckpapier eignen sich die Torffasern nicht, da es bisher nicht hat gelingen wollen, geeignete Bleichverfahren zu finden. Trotzdem wird der Torf mit der Zeit wohl einen größeren Teil des Holzes ersetzen, um so mehr, da in den letzten Jahren die Ausbeutung der Torflager im Vordergrunde des Interesses steht. Als neuester Papierrohstoff, sind die Weinreben zu nennen, mit denen man zurzeit in den französischen Weinbau- gebieten Versuche macht, die bisher zufriedenstellende Resultate ergeben haben sollen. Große Mengen Holz würde man bei ihrer Verwendung aber wohl nicht sparen, und da zurzeit die Papier- industrie noch nicht Miene macht, sich des einen oder anderen der angeführten Rohstoffe in ausgedehntem Maße zu bedienen, so wird sie wohl auf eine Reihe von Jahren hinaus die Wälder weiter verwüsten, bis die Holzpreise unerschwinglich werden und man— dann freilich viel zu spät— einsieht, daß unser Papierbedars auch ohne die Verarbeitung des zu anderen Zwecken so notwendigen Nutzholzes gedeckt werden kann.* .Serantw. Redakt.: Wilhelm Düwell, Lichtenberg.— Druck u. Verlag: Vorwärts Buchdruckerei uLZerl«g