Anterhaltungsblatt des Vorwärts Nr. 147. Sonnabend, den 31. Juli. 1909 (Nachdruck verboten.) es] Die Infelbauern* Roman von August Strindberg. Deutsch von Emil Schering. Dann begann der Pastor: ..Teure Christen, die Ehe ist von Gott selber ge- stiftet..- . � Eine gute Weile war vergangen, die älteren Frauen kochen an ihrem Lavendel und weinten, als plötzlich ein Knall vom Hof zu hören war. und das Geklirr von Glasscherben. Man horchte einen Augenblick auf. ließ sich aber nicht weiter stören: nur Carlsson rührte sich etwas unruhig und schielte zum Fenster hinaus. Bald aber kam ein neues puffl puff! puff!, als entkorke man Champagnerflaschen: die Jungen, die an der Tür standen, fingen an zu kichern. Als sich die Unruhe wieder legte, fragte der Pastor den Nräutigam: „Vor Gott'dem Allwissenden und in Gegenwart dieser Gemeinde frage ich Dich. Johannes Edvard Carlsson. ob Du diese Anna Eva Flod zur Ehefrau haben und sie in Lust und Leid lieben willst?" An Stelle der Antwort schmetterte eine neue Salve Flaschenkörke. Glasscherben klirrten und der Hund fing an ganz toll zu bellen. „Wer zieht denn da draußen Flaschen auf und stört den heiligen Akt?" brüllte Pastor Nordström wütend. „Danach wollte ich gerade fragen," platzte Carlsson her aus, der seine Neugier und Unruhe nicht länger zurückhalten konnte.„Ist es Rapp. der diesen Spektakel macht?" „Was soll ich machen," rief Rapp, der in der Tür stand und sich von der Zumutung verletzt fühlte. . Puff! puff! puff! knallte es unaufhörlich. '„Geht doch um Himmels willen hinaus und seht nach. was los ist, damit nicht noch ein Unglück geschieht," schrie der Pastor:„nachher fahren wir fort." Einige Hochzeits�äste stürzten hinaus, andere drängten sich an die Fenster. .„Das ist das Bier!" schrie jemand. /„Das Bier platzt!" wiederholte der Professor. „Wie kann man aber auch das Bier in den Sonnen- schein legen!" . Wie Kugelspritzen lagen die Bierflaschen in ihren Haufen pnd knallten und brausten, daß der Schaum auf die Erde rann. Die Braut war über die unerwartete Unterbrechung der heiligen Handlung erregt: das bedeutete nichts Gutes! Der Bräutigam wurde gescholten, weil er seine Anordnung schlecht getroffen hatte: beinahe wäre er in eine Schlägerei mit dem Bootsmann gekommen, auf den er die Schuld schieben wollte. Der Pastor war zornig, daß die heilige Handlung von den Flaschen gestört worden. Draußen aber standen die Jungen und tranken die Reste aus den Flaschenböden: während ihrer Rettungsarbeit bargen sie auch einige halbvolle Flaschen, aus denen nur die Korke herausgesprungen waren. Als sich schließlich der Sturm gelegt hatte, versammelte man sich von neuem im Saal, allerdings nicht mehr so an- dächtig wie vorher. Nachdem der Pastor die Frage an den Bräutigam wiederholt hatte, ohne daß sie von etwas anderem unterbrochen wurde als dem Kichern, das die Jungen im Flur nicht zu unterdrücken vermochten. Die Glückwünsche regneten auf die Neuvermählten «nieder: und so schnell man konnte, verließ man den Saal. der nach Sckiwciß, Tränen, feuchten Strümpfen. Lavendel und welken Blumensträußen roch. Eilig gings an den Kaffcetisch.. Carlsson nahm zwischen Professor und Pastor Platz: aber die Braut hatte nicht die Ruhe zum Sitzen, sondern mußte hierhin und dorthin eilen, um nach den Zurüstungen äU � Die Sonne schien glänzend an diesem Juliabend, und unter den Eichen plauderte und lachte man. Der Brannt- wein floß in die Kaffeetöpfe, als die zweite Tasse kam. in die man nicht mehr den Kuchen tauchte. Doch oben am Kopf- ende beim Bräutigam wurde Punsch geboten: weder Bauern noch Burschen sahen scheel darauf. Es war ein Getränk, das man sich nicht alle Tage leistete, und der Pastor ließ sichs aus feinem Kaffeetopf wohl bekommen. Heute war er ungewöhnlich mild gegen Carlsson und trank ihm unaufhörlich zu. rühmte ihn und zeigte ihm die größte Aufmerksamkeit. Doch vergaß er den Professor nicht, dessen Bekanntschaft ihm mehr Vergnügen machte, weil er so selten einen gebildeten Mann traf. Aber es war nicht leicht, ihn im Gespräch zu finden, da Musik nicht die starke Seite des Pastors war und der Professor aus Höflichkeit das Gespräch auf das Gebiet des Pastors zu bringen suchte. dem dieser gerade entkommen wollte. Da man Äuander so schwer verstand, konnte der eine dem anderen auch nicht näher kommen. Ueberhaupt sprach der Professor, der gewohnt war, seinen Gefühlen in Musik Luft zu machen, nicht viel. Jetzt kam der Spielmann, dem es sehr schwer wurde, unbemerkt dazusitzen, zum Hochsitz hinauf: durch Kaffeehalbe in seinem Mut gestärkt, wollte er mit dem Professor über Musik sprechen. „Bitte um Verzeihung. Herr Kammermusikus." grüßte er und knipste an seiner Geige:„wir haben ja gewissermaßen etwas gemeinsam, denn ich spiele auch, wenn auch nur auf meine Art." „Geh zur Hölle, Schneider! Sei nicht unverschämt!'� wies ihn Carlsson ab. „Ich bitte um Verzeihung, aber ihn gehts nicht an, Carlsson! Versuchen Sie nur diese Geige, Herr Kammer- nmsikus, und sagen Sie mir. ob die nicht gut ist: sie hat zehn Reichstaler gekostet." Der Professor knippste die Quinte, lächelte und sagte freundlich: „Recht gut!" „Wenn sich nur jemand darauf versteht, dann kann man ein wahres Wort hören! Aber über Kunst sprechen mit diesen— er wollte flüstern, aber die Stimmittel weigerten sich zu nuancieren, und er schrie— Banernlümmeln..." „Gebt dem Schneider einen Tritt in den Hintern!" schrie man im Chor.__" „Hör mal, Schneider, Du darfst Dich nicht betrinken: dann können wir nicht tanzen!" „Rapp, Du mußt auf den Spielmann achten, daß er nicht mehr trinkt." „Bin ich nicht zum Trinken eingeladen? Bist Du viel- leicht geizig. Du Preller?" „Setz Dich, Friedrich, und sei ruhig," meinte der Pastor. „sonst kriegst Du Schläge." Aber der Spielmann wollte unbedingt über seine Kunst schwatzen: um seine Behauptung, daß die Geige vortrefflich sei, zu bekräftigen, fing er an zu quinkcliercn. „Hören Sie nur, Herr Kammermusikus, diese Bässe: die klingen ganz wie eine kleine Orgel..." „Der Schneider soll das Maul halten!.. Um die Tische entstand Bewegung und der Rausch nahm zu. Da schrie jemand: „Gustav ist da!" „Wo? Wo?" Klara sagte, sie habe ihn unten beim Holzhaufen gesehen. „Sag es mir, wenn er drinnen ist," bittet der Pastor; „aber nicht früher, als bis er drinnen ist, hörst Du!" Die Groggläser werden vorgesetzt, und Rapp zieht bis Kognakflaschen auf. „Das geht etwas hitzig," meinte der Pastor abwehren� Carlsson aber fand, es gehe, wie es gehen soll. Rapp forderte alle heimlich auf, mit dem Pastor anzu» stoßen. Bald hatte der seinen ersten Grog geleert und mußt« den zweiten bereiten. Der Pastor beginnt mit den Augen zu rollen und kaut« Er betrachtet so genau, wie er kann, Carlssons Züge und sucht zu ergründen, ob der seine volle Ladung erhalten. DaA Sehen aber fällt ihm schwer, darum beschränkt er sich darauf. mit ihm anzustoßen. Da kommt Klara und ruft: „Jetzt ist er drinnen, Herr Pastor! Jetzt ist er drinnen!" „Nein, was sagst Du, zum Teufel, ist er schon drinnen!'' Der Pastor hatte vergessen, um wen es sich handelte. - 586- «We'r ist d'rümen. Klara?" wiederholte es im Chor, U .„Gustav natürlich!"' - Der Pastor erhob sich, gina in die Stuga hinunter und holte Gustav. Scheu, verwirrt, kam der zu Tisch. Der Pastor ließ ihn mit einer Tasse Punsch und Hurrarufen begrüßen. Dann stieß Gustav mit Carlsson an und sagte ein kurzes: \„Glück auf!" Carlsson wurde gefühlvoll und trank bis auf den Grund aus: erklärte, es sei ihm ein großes Vergnügen, ihn zu sehen, wenn er auch spät komme: und er wisse von zweien, deren alten Herzen es wohl tue, ihn zu sehen, wenn er auch spät komme. „Und glaub mir," schloß er,„wer den alten Carlsson richtig zu nehmen versteht, der weiß auch, wo er ihn hat." Hingerissen war Gustav nicht, aber er forderte Carls- fon auf, ein besonderes Glas mit ihm zu trinken. Die Dämmerung kam. die Mücken tanzten, die Leute schwatzten, Gläser klangen, Lachen schmetterten. Hier und dort jn den Büschen waren bereits kleine Notschreie zu hören, unterbrochen von Kichern und Hurrahcn. Hallohen und Schüssen, unter dem Himmel des lauen Sommerabcnds. Draußen auf den Wiesen zirpte das Heimchen und snarpte Hie Wiesenknarre. � (Fortsetzung folgt.) (Nachdruck verde ten.l Slcgcwartc. Von M. Roda Roda. Grete, die Köchin, saß behaglich in ihrer Küche. Nachmittags war's, um die sechste Stunde. Die Uhr tickte, der Lampenschein fiel gerade ans Gretens glattgescheitelten Kopf und blinkte in der Schere, dem Fingerhut und dem Lochbohrcr, die alle zusammen in einem Nähkästchen staken. Grete gebrauchte sie nicht. weil'S ihr leid tat, das hübsche Ding auseinander zu nehmen. Sie hatte ihr altes, viel geprüftes Werkzeug in Gebrauch. Der Schere fehlte eine Spitze, der Fingerhut hatte ein Loch. Man kam doch ganz gut damit zurecht. Grete flickte ein Kinderhöschen. Sie leckte den Zeigefinger ab und wirbelte den Faden, mn ihn spitz durchs Nadelöhr zu führen. Dreimal ging er daneben. .Die Augen wern halt schwach mit die Jahr," sagte sie zu sich selbst und nickte melancholisch. Und tröstete sich gleich darauf:„Dö andern Mädeln dun aa nit jünger wern." Da trat die Gnädige ehr. Die Gnädige war jung und strahlend glückliS.„Wie a Rose," pflegte die Grete zu sagen. ,WaS macken Sie denn da. Grete?" „A Hosen fürs klaane HanSmeisterischc. Wer möcht die Würmerln benahn, wo die Mutter in der siebenten Woche krank liegt? Unds dauert aan— in der Kälten— mit hinten verrissene Hosen. Ich kann kein Kind nit frieren segen." „Ja. Sie haben Kinder gern, Grete. Auch Bubi, nicht wahr? Ich wollt, der Storch brächt unS noch ein?. Bubi ist ja süsi— ich ich. ich möchte aber noch ein Mädi haben." erzählte die Gnädige vertrauensvoll— gesprächig, wie's die jungen Gnädigen sind, wenn die Klatschereien der„schlechten Mädchen" sie noch nicht stumm und hochmütig gemacht haben. .A Bub, a Mädel," antwortete Grete nachdenklich, oder auch mehr-- des Hab ich mir auch innner gewunschen. Des. Rix andres, gnä Frau." „Warum haben Sie denn nicht geheiratet, Grete?" „Ich waatz selbst nit, warum. Vor Bcdachtsamkcit, vor lauter Plänemachen, zwegeu dem Warten und nit auf die Letzt."— Gretes Stimme wurde klein und verschämt—„zwegcn dem Glück von die Kinder." Wie, Grete, wie meinen Sie?" fragte die kleine Gnädige und trat neugierig noch einen Schritt näher. Grete wandte sorgsam das Höschen und nähte den Fleck um, auf der linken Seite.„Wann man des nit anständig überwendlich naht, reißt'S bein nächsten Waschen", erklärte sie und klopte mit dem Fingerhut die Naht auf dem Tisch aus.„Mit der Bedachtsamkeit mein ich'S so. gnä' Frau. ES war da aaner, wie daß ich noch a jung'S Madel war. A Th'chlerg'sell. Der sagt, wir sollen heiraten, der liebe Gott werd scho sorgen, daß wir nit verloren geh'n. Er hat so schöne braune Augen g'habt und weißblinkerte Zähnd. Ich Hab ihm gern g'habt. Aber ich Hab' müssen denken: wann nix und nix z'samm' kommt und's Brot bleibt klaan und's kommen Kinder dazu— aanS, zwei, drei... Hab' ich mir denkt: du dienst erscht a Weil, bist d' was G'spartes hast. Ihm iö so langsam die Luft vergangen, und er iS ausblieben. Dann Hab ich a Bekanntschaft ghabt mit aan, der was so gedacht hat wie ich. Wir haben alle beide gspart. Und mitten im Sparen, wie ich noch lang nit genug Hab. nemmt er aane, die was fertig von die Eltern kriegt hat. Aus wars mitm Plänemachen. Und dann Hab ich auf aan vier Jahr gewartet. Der iS gstorben." ,O. Sie können jetzt noch heiraten," sagte die Gnädige, ein Wenig schüchtern, ein wenig verlegen ob des eigenen Glückes.' Jetzt? Kann scho sein. Aber jetz mag ich kan Ledigen nit. Ich— mit meine achtunddreißig Jahr." Grete strich sich über den Scheitel, und die Gnädige rechnete rasch das Alter nach: drei Jahre mehr ergabs nach dem Dienst- botenbuch. „Kann scho sein, daß ich heiraten könnt. Aber S Rechte wärs nit. Die Kinder möchten scho saft- und kraftlos sein. Kinder� muß ma mit jungem Blut nähren." Und sie lenkte ab.„Was kriegt s Bubi auf d Nacht, gnä Frau? Spinat und haschiertes Kalbfleisch?" „Ja. Wir bleiben zum Abend nicht zu Haus. Onkel Rudolf hat telephoniert, daß sie uns erwarten. Bubi wird bei Großmama schlafen. Sie können sich was kochen— Eicrspeis oder Würstel. Ein GlaS Bier können Sie haben— oder Wein. Es ist doch Silvester." „Küß die Hand. Wann die Gnädige erlauben dmr, geh ich herunter zu die Hausmeisterischen. Da is a große Traurigkeit. Die fünf Kinderln, der Mann und die bettlägerige Frau." „Wie Sie wollen, Grete.— Lustig finde ich das nicht" „Wies Gott gibt, gnä Frau, so soll mos halt nehmen. Ich wer ihnen in Gottes Namen an Tee kochen, daß sie wenigstens wissen. daß Neujahr is. An Tee. Zucker und Rum Hab ich mir gebracht Daß die Gnädige selber siegt..." Grete kramte aus ihrer Schublade eilig zwei Päckchen hervor und eine Flasche mit rotem Staniolhals. „Aber Grete...l" wehrte die Gnädige. „Na, nur deswegen. Ordnung muß sein." Dann half Grete der Gnädigen beim Ankleiden. Sie half Bubi in wärmende Hüllen packen und trug ihn selbst nach dem Wagen. Die Kinderfrau kam nach, mit Garderobestücken und Decken beladen. Grete schlug die Wagantilr zu imd grüßte noch durchs Fenster hinein. Der Schnee bestreute ihre Haarsträhne mit Staubzucker. Langsam ging sie zurück, hinauf in die Wohnung. Sie schlug die Betten der Herrschaft auf, stellte Pantoffeln und Morgen- schühlein davor und holte die Waschkrüge voll frischen Wassers. Ehe sie ging, verhängte sie Bubis Bettchen mit einer Decke— grade. als ob Bubi schlafen sollte. Sie strich mit einer schmeichelnd zarten Handbewegung über die kleinen, gestickten Kissen. Und seufzte sehn- süchtig. Dann drehte sie sorgsam das GaS ab; ging in die Küche, packte den Rum, den Tee und eine Düte Zucker zusammen und schloß die Tür hinter sich. Von der Treppe ans kehrte sie noch einmal um. Sie hatte das FlancllhöLchen vergessen gehabt. Sie schlugS über den Arm und ging endlich, festlich erregt und entschlossen, den Abend zu feiern, zu Hausmeisters. „Guten Abend!' rief sie und verhustete sich sofort. Die Lampe blakte, die kleine Stube war voll Rauch und Stickluft. Zwei Stimmen antworteten ihr: ein mürrischer Mann vom Tisch her und eine leidvolle, schwache Frau aus der Bettstatt. „Na, da macht ja die Lampen a scköne Komeedi," sagte Grete ftöhlich, als verkünde sie eine Freudenbotschaft. Und so wie die ftöhliche starke Stimme in die dunkeln Winkeln der Stube drang, da kams aus dem Schatten hervor: Tonerl, die Zehnjährige, artig und schüchtern— Franzi und Hannes, die Schulbuben, mit lüstern forschenden, genäschigen Blicken— Emmi, die Dicke, und das zweijährige, obeinige Jüngste, die Stasi. Im Handumdrehen hatte Grete alles fertiggebracht; die Lampe brannte hell, die Kinder hatten frohe Gesichter, am Feuer brodelte der Teetopf, der Mann rauchte die Pseife. Grete lief noch einmal die Tropen empor in ihre Küche und fand auch im Finstern das Backtuch. Auf dem Flur stäubte sie das Mehl daraus und nun konnte es als Festgedeck dienen— unten bei den Hausmeisterischen. Alles braucht die junge, glückliche Gnädige nicht zu wissen. Grete deckte den Tisch und hatte ihn überreich beladen. Da gab's Kalbsbratenreste und Ueberbleibsel vom letzten jour fix— für das Kleinste eine Tasse Kakao, ein Häferl Rindsuppe für die Kranke. Die Hausmeisterin saß in den aufgeschüttelten Kissen, löffelte lang und bedächtig, und als sie fertig war, sah sie still, mit großen Krankenaugen um sich. Mit tief und weit sehenden Blicken. Reben ihr im Bett schliefen satt die Kleine und Emmi. Auf dem Bänkchen— sie hatten? einmal von einer Partei bekommen. die ausgezogen war— saßen mit zu langen Beinen die zwei Buben, schläfrig vom ungewohnten Tee: Am Tisch, bequem in den Stühlen, Grete und der Mann. Toni war irgendwohin gegangen— zu den Dienstmädchen in den zweiten oder dritten Stock, um in kichernd ftöhlicher Gesellschaft das neue Jahr zu erwarten. Manchmal Nanz ein Lachen und Schreien durchs Haus, auf dessen vornehme Sttlle der Hausbesorger sonst so streng zu halten pflegte. „Die gießen jetzt Blei," dachte die kranke Frau. Und sagte laut: „Heunt sollcten mir Blei gießen." Grete schrak ans.„Wollen S' was, Frau Kleineri? An Eis- limonad vielleicht oder a Weinsuppen?" „Heunt solleten mir Blei gießen," sagte die Kranke. „Freilich. Wollen S'? Ich Hab oben im Kasten an Patzen liegen." Die Kranke hielt sie aber an der Hand fest.„Nein, zu was denn? Ich gießet mir eh nur an Sarg heraus." ,815er, was Sie nit denken! Wann'S Frühjahr kommt«nd die liebe Sonne, da setzen Sie Ihnen in an lomoten Winkel aufn Hof, nacher kommen scho die Kräfte aa." „Naa." sagte die Kranke eigenfinnig,.naa, das Frühjahr nemmt mich mit." „Frau Kleinert, unser Herrgott braucht Ihnen noch lang nit. Ter bat eine Menge andre zum Gurkeusäen." So sprach Grete— leichtfertig, wie man zu Sterbenden redet, wenn man sie trösten will. Sie wandte fich um und herrschte die Buben an:„Was klurst denn noch. Franzi? Mach ins Bett, Hannes!" Sie schob beide energisch hinter die spanische Wand. „Franz," sagte die Frau und wartete, bis ihr Mann an ihrem Bett stand,„Franz, wann ich im Frühjahr stirb— dann, waastt, nach die Ostern, nach der heiligen Fastenzeit, dann nimm die Grete. Sie geht so schö mit die Fratzen um. Wie a richtige Mutter." „Jo, na jo, murrte der Mann. Grete aber wand einen Zipfel der Schürze in den Händen und war verschämt. Die Turmuhr der Sankt-Stefans-Basilika schlug dröhnend die Mitternacht. Da knickste die alte Grete und sagte:„Gesegnetes nenchs Jahr l" Sie füllte drei Gläschen mit Schillerwein, und man stieß miteinander an: der Hausmeister, die Hausmeisterin und Grete. „Bis zum Frühjahr," sagte die Frau. ES dauerte länger. Bis in den Sommer hinein. Im Früh- ling hatte die Frau noch im Hof gesessen— ein schiefer Sonnen- strahl traf sie, schief wie der Blick eines Geizhalses. Frau Kleinert wärmte sich in der kargen Sonne und sah gedankenvoll vor sich hin. All die Jahre hatte das Leben grausam schwer aus ihren Schultern gelegen, eine eiserne Bürde. Sorgen und Kummer. Und die Kinder. Jedes kostete Plage und brennende Schmerzen. Wollte gewiegt und genährt sein. Und der Mann mit seinen Forderungen. Ja, und das Haus. Der Mann ging am Morgen weg— er hatte seinen Dienst als Bankdiener. Sie, die Frau, kehrte und scheuerte und putzte— immer in Angst vor des Hausherrn prüfendem Auge. Sommers in wäg drückender Glut und Winters, wenn die eisigen Treppensteine unter der heißen Lauge, unter Bürste und Wischtuch dampften. Das war nun lang vorbei. Jetzt saß Frau Kleinert in ihrem soimendurchwärmten Eckchen und genoß endlich einmal ihr Leben. ES war zuletzt für sie noch hübsch auf der Welt geworden— als sollte ihr der Abschied recht schwer gemacht werdcu. Alle drei Stock- werle wetteiferten in Liebesgaben. Grete gar, die leistete Ueber- menschliches. Bei Tag räumte sie und kochte für ihre Herrschaft und die Nächte widmete sie der Hausmeisterin und wusch und flickte. Alle waren so fteundlich gegen Frau Kleinert. Sie mußte ge- rührt lächeln. Gegenüber orgelte ein Klavierwerlel„Ich war ein Mädel jung und lieblich..." Im dritten Stock ein Zeiserl sang süß und fein und sehnsüchtig. Frau Kleinert bemühte sich sehr, dieses armen, gefangenen Bogels Liebchen zu verstehen. Und dachte plötzlich an eine Wiese voll Gänseblümchen, Priemeln und Maiglocken und dachte an weidende Lämmer und Glockenklang.„Bim bam. bim bam," dröhnte es ihr in den Ohren und rauschte plötzlich auf zu einer großen, mächtig surrenden Welle, daß ihr der Schein vor den Augen erblich, als hätt» die große Welt sich über sie gestürzt. Das Begräbnis der Frau Kleinert war sehr schön. Me weinten. am bittersten die Grete. Drei Wochen später wollte die junge, rosige, glückliche Gnädige mit Mann und Bubi zu ihrer Frau Mama aufs Gut— da sagte sie zu Grete:„Ich lasse Sie natürlich in der Wohnung mit Kostgeld und allem Nötigen." „Ich küß die Hand," sagte Grete,„indem daß ich mich der- ander. Ich bab nur auf der Gnädigen ihre Abreise gewart.' „Also wirklich?" „Ja, Gnädige," sagte die Grete, und eine Blutwelle bemühte sich, ihr Antlitz zu röten.„Zeit zum Warten is nit— wegen die Kinderln und zwegen dem Haus. Acht haben wer ich schon auf die Wohnung der Gnädigen." Im Herbst kam die Gnädige heim. Kaum hatte sie Hut und Mantel abgelegt, lief sie hinab zur Hausmeisterin. Grete kam ihr strahlenden Angesichts entgegen. Das Kleinste hielt sie ans dem Arm, die Emmi hing an ihrer Schürze.„An Kohl- suppen koch ich." sagte Grete. „Bubi hat ein Zähnchen gekriegt," rief die Gnädige als Wichrigstes. „Uj je l Da faan mir scho weiter." antwortete Grete und kochte vergnügt.„Der Tonerl haben die Barmherzigen gestern an Backen- zahn gerissen." In der Stube war'S hell und fteundlich aufgeräumt. DaS Bett, in dem Frau Kleinert gelegen hatte, war hoch geschichtet, mit einer gehäkelten Decke geschmückt. Sind Sie recht glücklich, Grete?" „Des will ich mannen", antwortete Grete stolz. Dann, nach einer Sekunde des Schweigens:„Alle Zeit amal, gnä Frau, geh ich am Friedhof und bring der armen Frau a Kranzl. Sie hat sich doch für meiner plagt. Gott Hab sie selig. Ich Hab da immer därten warten und zählen und mei Kraft sparen. Sie hat indessen die Kinder geboren und sich die Gesundheit verruiniert. Ich, gnä Frau, bin am Zaun gsessen, und derweil saan nur da im Garten driimet meine siinf schönen Blümcrln derblüht." Und Grete küßte das Kleine, das sie am Arm trug und putzte dem andern, das an ihrer Schürze hing, die Stupsnase. Sine Landeskunde der provinz Brandenburg*) Die immer weiter sortschre'tende Arbeitsteilung ist auch daZ Charakteristikum der heutigen Wissenschast. Selbst für den Fachgelehrten ist eS gegenwärtig bereits schwer, sein ganzeSSpezialgebiet einigermaßen zu übersehen und von allen neuen Ergebnissen, die in den zahlreich in allen Ländern erscheinenden wissenschaftlichen Zeitschriften überall zei'treut veröffentlicht werden, Rottz zu nehmen. Daher mehren fich von Jahr zu Jahr die Monographien, die eine Ueberficht über Einzelgebiete der Forschung geben, besonders da, wo fich ein durch den gesteigerten Verkehr, die Technik-usw. hervorgerufenes praktisches Bedürfnis nach ihnen geltend macht, wie über Wirtschaftsleben, Kunst, Technik, Länder- und Völkerkunde. Neben vielen sehr oberflächlich gehaltenen über einzelne deutsche Städte und Landesteile sind so in letzter Zeit auch einige Werke erschienen, die vor dem Forum der Wiflenfchast mit Freuden begrüßt werden konnten, z. B. Andrees vorbildliche „Braunschweigische Volkskunde", denen sich nun die Provinz Brandenburg'mit einer auf breiter Grundlage angelegten Landes- künde anschließt, deren erster Band vor kurzem im Buchhandel aus- gegeben worden ist. Um eS gleich vorweg zu sagen: Trotz der stark byzantinisch gefärbten Widmung— ohne derartigen Firlefanz scheint es neuerdings auch in der Wissenschaft nicht mehr zu gehen— und trotz' verschiedener Mängel, über die im folgenden zu sprechen sein wird, kann das Werk, soweit man aus dem Inhalt deS ersten Bandes und dem Prospekt auf das Ganze zu schließe» vermag, sowohl den Bibliotheken, wie seines relativ niedrigen Preises wegen auch dem Laien, besonders allen Freunden der Mark. zur Anschaffung empfohlen werden. AlS Herausgeber des Werkes, zu dem die Anregung in der Ge- sellschaft für Heimatkunde der Provinz Brandenburg von dem be- kannten, inzwischen verstorbenen märkischen Geschichtsforscher Prof. Dr. Friedrich Wagner ausging, zeichnen Ernst Friede! und Robert Mielle verantwortlich, denen zur Bearbeitung der einzelnen Spezial- fächer ein zahlreicher Mitarbeiterstab zur Seite steht. Die„Landes- künde der Provinz Brandenburg" zu der die Vorarbeiten über einen Zeitraum von acht Jahren zurückreichen, soll„kein trockenes Nach- schlagewerk sein, sondern ein lebensvolles Buch, das in alle Kreise das Wissen von unserer Heimat hmeinträgt und in frischem, leicht faßlichem Vortrag Auskunft gibt über ihr Klima und ihre Geologie, über Pflanzen- und Tierwelt, Bevölkerung. Geschichte, Kunst, Industrie, Sitten, Volksleben und Sprache, das aber auch ein durchaus wissenschaftliches Buch sein wird". Also eine Enzyllopädie der Mark Brandenburg. Sie soll in fiinf Bänden zu 25 Bogen mit zirka 1000 Illustrationen erscheinen und bis 1911 fertig vorliegen. Inhaltlich sollen sich die ftmf Bände derart gliedern, daß im ersten die Natur behandelt wird, im zweiten die Geschichte, im drilten die Kultur, im vierten die Volkskunde und im fünften die Sprache der Mark. Der vorliegende erste Band zerfällt in vier Unterabteilungen: Das Klima, bearbeitet von Dr. G. Schwalbe, der Boden von Prof. Dr. Ed. Zache, die Pflanze von Dr. Paul Graebner und das Tier von Prof. Dr. Karl Eckstein. Wie bei allen derartigen Sammelwerken sind die Beittäge der einzelnen Mitarbeiter von ungleichem Charakter und zum Teil sehr verschiedenem Wert. Auch eine gewisse Einseitigkeit ist häufig zu konstatieren, da naturgemäß bei den vielfach divergierenden Ansichten jeder Forscher seine eigene Mei- nung zum Ausdruck zu bringen geneigt ist und von anderen entgegengesetzten wenig Notiz nimmt. So entsteht häufig eine den Laien verwirrende und lückenhafte Darstellung. Gerade in solchen Fällen ist es zur Wahrung der nötigen Objektivität durchaus angebracht, auch einmal zwei Fachleute für ein bestimmtes Gebiet heran- zuziehen Oder wenigstens sollte die Vorbesprechung einem Ausschuß von mehreren Fachleuten obliegen. Sehr interessant ist der ersteÄbschnitt des Buches über das K l i m a der Mark. Die Meteorologie ist bekanntlich eine noch sehr junge Wissenschaft, die bislang auf sehr unsicherer Basis zu arbeiten genötigt ist. Sie ist auch, da fie hier und da allzu präteytiös auf- trat und allerhand Pfuscher unter ihrer Flagge mit ProgiBsen aller Art ihr Wesen trieben, stark in Mißkredit gekommen; neuerdings gewinnt fie allerdings mit der sprunghaften Ausbildung der aero- nautischen Technik, der lenkbaren Luftschiffe und Flugapparate wieder erhöhtes JMeresse. Ohne noch ungelöste meteorologische Probleme anzn- schneiden, beschränkt sich Prof. Sch walbe auf das Tatsächliche und gibt an Hand eines reichen statistischen Material? eine umfaffende llebersicht über die Temficratur- und Feuchtigkiits-, die Wind- und Luftdruck- Verhältnisse in der Mark. Einzig daS Kapitel über„Witterung der Mark bei verschiedenen Wetterlagen" hätte eine breitere Behandlung verdient; statistische Unterlagen tvären gerade hierbei äußerst will- kommen gewesen. ") Landeskunde der Provinz Brandenburg mite« Mitwirkung hervorragender Fachleute herausgegeben von Ernst Friede! und Robert Mielke. 5 starke Bände gr. 8° zu je 400 Seiten mit etwa 1000 Abbildungen, zahlreichen Spezialkarten und der großen mehrfarbigen Karte der Provinz Brandenburg. 1: 300 000. Preis brosch. 20 M.. in Leinwand geb. 25 M, für den einzelnen Band brosch. 4 M., geb. 5 M. Bd. 1:„Die Natur". Berlin 1909, Verlag Dietrich Reimer(Ernst Vohsen). Nicht befreunden kann ich mich mit der Darstellung, die der Boden der Mark Brandenburg durch Professor Zache ge« funden hat. Gewiß ist Prof. Zache ein guter Kenner der märkischen Landschaft, und er versteht es, ein anschauliches Bild der Bodenformen und der Bodenzusammensetzung einer Gegend zu geben, aber eine Landeskunde der Provinz Brandenburg müßte mehr enthalten als eine territoriale Beschreibung, die noch dazu an Unübersichtlichkeit leidet; hier wäre der Platz gewesen für eine genetische geologische Darstellung, für eine Entwickelungsgeschichte dcS märkischen Bodens, daran anschließend eine Untersuchung über die Wechselbeziehungen zwischen Boden und Wirtschaftsleben. Was aber die Lektüre dieses Abschnittes manchmal direkt unerquicklich macht, ist die Einseitig» keit, die selbst dem Laien in die Augen springen muß: jedem, der mit dem Gegenstand einigermaßen vertraut ist, wird die Zachesche Abhandlung wie eine fortlaufende Poleinik erscheinen. Es ist der den Nichtfachleuten kaum bekannte,— wie das aber mm mal unter deutschen Professoren so üblich ist— mit erbitterter Schärfe geführte Kampf zwischen„Glazialisten" und„Tektonisten". Es handelt sich dabei um die Frage, durch welche Kräfte das Relief des norddeutschen Flachlandes,. also auch das der Mark Brandenburg, heraus- gebildet worden ist. Die Glazialisten behaupten, daß die verschiedenen Glazial-Eiszeiten mit ihren Folgeerscheinungen der Hauptfaktor bei der heutigen Oberflächengestalt unserer Gegend waren; daß durch den mehrfach wiederholten Schub und Druck der von Norden heranziehenden, wohl 1000 Meter mächtigen Eismassen in dem Untergrund gewaltige Zerrungen, Zer- reißungen, Quetschungen, Falten und Berwerfungen entstanden und daß die Schmelzwasser der Gletscher durch Erosion in den ab- gelagerten Schuttmassen Täler, Rinnen und Kolke bildeten, in denen später das Wasser der Seen und Flüfle sich sammelte. Die be- kanntesten Vertreter dieser Richtung, der übrigens die meisten Geologen angehören, sind Wahnschaffe, Berendt, Keilhack und andere. Im Gegensatz zu diesen sind die.Tektonisten" der Ansicht, daß die Höhenunterschiede im norddeutschen Flachland, die Flußtäler und Seenrinncn, ebenso die Schichtenstörungen Pas Produkt tektonischer Kräfte sind, derselben Kräfte, die infolge der durch die Schrumpfung des glutflüfsigen Erdkerns erzeugten Spannung unsere Gebirge auf- faltete» und die feste Erdrinde in zahlreiche, bald auffteigende, bald niedersinkende Schollen zersplitterten. Nun ist eS selbstverständlich, daß das norddeutsche Flachland in bczug auf die Wirkung tektonischer Kräfte leine Ausnahmestellung einnimmt, das Richtige wird hier wohl wie überall in der Mitte liegen. Aber den tcktonischen Kräften eine so dominierende Stellung einzuräumen, wie Zache es tut, das geht denn doch zu. weit. Für Zache ist jede Höhe ein zwischen niedergesunkenen Schollen stehen gebliebener Horst, jedes Flußtal durch Verwerfung entstanden; die ungeheure Energie erodierender(ausspülender) GewSffer scheint für ihn nicht zu existieren. Dabei vergißt er ganz, daß Verwerfungen und andere Schichtenstörungen gerade im norddeutschen Flachland ganz lokale Ursachen haben können, zum Beispiel AuS- laugung großer Salz- oder Gipslaaer und Einsturz der so entstandenen Hohlräume. Jedenfalls ist das Beweis- Material für ZacheS Theorien durchaus nicht zureichend, obwohl es fast den ganzen Raum des Abschnittes einnimmt und die Eiszeit mit ihren immensen, bis in die Gegenwart hineinreichenden Wirkungen nur so nebenbei erwähnt wird. Eine unschöne Art der Polemik im Ton, den Gegner gewisiermaßen mit einer verächtlichen Handbewegung abzutun, trägt auch nicht dazu bei. den Eindruck der Zacheschen Abhandlung zu verbessern. Dafür entschädigen dann die beiden folgenden Abschnitte des BucheS. Umsomehr Dr. Gräbner, als ausgezeichneter Botaniker durch eine ganze Reihe hervorragender Werke bekannt, erachtet es in der vorliegenden Darstellung als seine Hauptaufgabe, die für die Mark typischen Pflanzenvcreine, die Ursachen ihrer Bildung und ihre Zusammensetzung zu schildern. Gerade die Flora der Mark Brandenburg bietet für den Botaniker außerordentlich viel des Interessanten, da hier ganz verschiedene Pflanzengrenzen durchlaufen und sich schneiden: Steppen- und atlantische, südliche und nördliche Formen stoßen hier auseinander: hinzu kommen verschiedene seltenen Arten, Relikte(Ueberbleibsel) aus der Eis- und Steppen- zeit, vorgeschobene Posten aus anderen Verbreitungsgebieten, viel- fach auch Flüchtlinge aus den botanischen Gärten oder exotische Vertreter der längs der stark frequentierten Eisenbahnnetze sich aus- dehnenden Flora. Bei der geringen Verbreitung botanischer Kennt- nisse ist eS allerdings sehr zweifelhaft, ob die ungeheure Fülle lateinischer Namen ohne entsprechende Abbildungen dem Laien etwas nützen wird. Ebenso wie Gräbner ordnet auch Professor Eckstein einen Stoff nicht auf Grund äußerer Merkmale nach Systemen, andern er gliedert die T i e r w e l t der Mark nach Lebensgemein- schaften. Er führt den Leser wie auf einer unterhaltenden, abwechselungsreichen Wanderung durch Haus und Hof, Stadt und Dorf, in Wald und Feld, in Sumpf und See, über Wiesen und Oedland, und von allem, was da kreucht und fleucht, weiß er in fesselnder Weise zu erzählen. Mit großer Anschaulichkeit wirken dabei die mitgeteilten statistischen Zahlen, z.B. über die Vermehrung der Feldmäuse, den Wildstand und die Schmetterlinge des märkischen Waldes und die eingestreuten biologischen, historischen und technischen Bemerkungen. Das Kartenmatcrial des vorliegenden Bandes ist gut. Jedoch 1 ist mit Illustrationen allzusehr geknausert worden. Eine Landes» künde kann gar nicht genug davon bringen, wenn sie anschaulich wirken soll; besonder? charakteristische Landschasts-, VegetationS- und Tierbilder hätten in größerer Anzahl dem Werke beigefügt werden müffen._ eg. Kleines feinlleton» Sonnenuhren. Es gibt nicht viele Städte, die über den stolzen Besitz einer Sternwarte verfügen und dort jedem Bürger durch das Schwenken einer Fahne oder einen Kanonenschuß den feierlichen Moment anzeigen, da die Sonne in den Meridian des Ortes ge- treten ist;— es gibt auch nicht überall Eisenbahnstationen, deren Amtsuhr allen Zeitmessern im Ort als Vorbild der Pünktlichkeit dient; draußen auf den Einöden, in den Dörfern und einsamen Gehöften können oft Wochen vergehen, ehe man Gelegenheit hat, den Gang seiner Uhr auf ihre Richtigkeit hin zu kon- trollieren, und dort würden die.Gnomons' auch heute noch zu wahren Wohltätern, wenn man es nicht im Wechselspiel der Zeit vergeffen hätte, die Wohltat einer Sonnenuhr zu schätzen. Allerdings ist es nicht leicht, solch einen Stundenmeffcr zu kon- struieren, wer aber von der mathematischen Geographie etwa? versteht und auch sonst mit Lineal und Zirkel ein wenig zu han- tieren weiß, wird auch ohne große Rechenkunststücke eine richtig zeigende Sonnenuhr zuwege bringen. Ucberall, wo die milde Himmclsgabe hinfällt, kann man einen solchen Gnomon aufftellen oder anbringen. Ein Tisch, ein Fensterbrett oder die Glasscheibe eines Fensters genügen, und es gibt Sonnenuhren, die selbst so angelegt werden können, daß sie nicht einmal eines Zeigers be- dürfen. Für gewöhnlich ist der Zeiger aber der wichtigste Bestand» teil dieses StundendeuterS; seine Spitze stellt den Mittelpunkt der Erde vor, durch den die Weltachse geht. Diese Spitze dreht fich nun mit der Erde um die Sonne, und sobald der Zeiger von der Sonne beleuchtet wird, wirft er seinen Schatten auf das Ziffer» blatt und zeigt so die Swnden des TageS an. ES gibt wag» rechte und senkrechte Sonnenuhren, die verbreitetsten aber liegen horizontal. Man sieht sie auf freien Plätzen, und namentlich in Italien uud Spanien sind sie heute noch selbst in kleinen Ortschaften oft anzutreffen. Hohe Obelisken und schön gebaute Pyrainiden trifft man da auf manchem Marktplatz, die auf ihrer Spitze eine Eisenstange tragen. Diese endigt in einer kleinen ovalen Scheibe, die in der Mitte durchlöchert ist. Auf der Erde aber im Pflaster läuft ein heller Steinstreif oder eine metallene Linie, um auf da» genaueste den Meridian des OrteS zu bezeichnen. Fällt nun der Schatten der Spitze auf den Streifen von Metall oder Stein, dann ist es Mittag. In Deutschland trifft man die senkrechten Sonnenuhren viel häufiger an als die horizontaien: auf den Kirchtürmen und an den Mauern öffentlicher Gebäude find sie da manchmal noch zu sehen, von alterSher mit bunter Malerei �geziert, und bilden für den Stand der damaligen Wiffenschaft ein ehrenwertes Denkmal. Köstliche Sonnenuhren pflegten die Baumeister der Renaissance bei ihren Prunkbauten anzubringen. In die Kirchenkuppel oder in da« Dach eines Palastes brachten die Architekten einen Einschnitt an, eine sorgsam berechnete Luke, und wenn durch dies Fensterlein ein Streifen des Sonnenlichts auf den Fußboden leuchtete, dann traf er um die Mittagsstunde genau auf eine helle Linie im Pflaster- als Kundgabe, daß die Zeit den Gipfel des Tages erklommen hatte. Hygienisches. E i n e i n f a ch e s S ch l a f m i t t e l. ES ist eine allbekannte Tatsache, daß die Blutvcrteilung für die Erzeugung des Schlafes von erheblichster Bedeutung ist. Zum Zustandekommen des Schlafes ist Blutleere des Gehirns notwendig, daher entsteht das Gefühl der Schläfrigkeit nach starken Mahlzeiten, weil das für die Verdauung notwendige Blut nach dem Magen und Darm fließt und dadurch das Gehirn blutleer wird. Aber auch die Beschaffenheit des Blutes kommt für die Erzeugung des Schlafes in Betracht. Schlechte Blut- beschaffenheit erzeugt Schläfrigkeit, an welchem Uebel bekanntlich viele bjutarme und bleichsüchtige Menschen leiden. Neben der Blut- beschaffenheit ist aber auch die Atmung für das Zustandekommen des Schlafes von Bedeutung. Oberflächliche Atmung bewirkt neben sonstigen Gesundheitsstörungen schlechten Schlaf und daher rät Professor Haug, da viele Menschen gewohnheitsmäßig nur ober- flächlich atmen, als Mittel gegen Schlaflosigkeit eine Art von Lungengymnastik an. Der Patient soll jeden Abend unmittelbar vor dem Schlafengehen am offenen Fenster bei festgeschlossenem Munde L bis 12 recht tiefe Atemzüge tun und das im Bett in Rückenlage wiederholen. Das Atmen darf nicht gewaltsam sein, muß aber so tief wie möglich erfolgen. Nach der Einatmung läßt man den Brustkorb wieder zusammensinken, mit der Zeit wird die Zahl der Atemzüge erhöht. Die durch das tiefe Atmen bewirkte reichliche Zufuhr von Sauerstoff hat einen tiefen traumlosen Schlaf zur Folge. Schon dadurch werden alle Lebensvorgänge günstig be- einflußt. Diese günstigen Erfolge treten aber nur dann ein, wenn die Atemübungen regelmäßig betrieben werden. Sie ab und zu einmal vorzunehmen, hat wenig Zweck. Nur Beharrlichkeit führt zum Ziel. Nebenbei arbeiten solche Atemübungen in wirksamster Weise der Schwindsucht entgegen. Perantw. Redakt.: Wilhelm Düwell, Lichtenberg.— Druck u. Verlag: Vorwärts Buchdruckerei u.BerlagSanstaltPaul Singer älEo.,BerlinL>V.