Anterhaltnngsblalt des Horwärts Nr. 151.' Freitag, den 6. August. 1909 �Nachdruck verboten.) 271 Die Inlelbauern. Roman von August Strindberg. Deutsch von Emil Schering. '** Der Frühling kam wieder, die Schwalben besserten ihre Nester aus und der Prosessor kehrte zurück. Um dessen Stuga hatte Carlsson im Laufe der Jahre einen Garten angelegt: Syringen, Obstbäume, Beerenbüsche gepflanzt: für die er Stecklinge und Pfropfreiser aus der Pfarre geholt: Wege befandet und Lauben errichtet. Es be- gann herrschaftlich auf dem Hof auszusehen. Niemand konnte leugnen, daß der Fremdling Wohlstand und Gemütlichkeit geschaffen, daß er Feld und Vieh in die Höhe, Haus und Hof in Stand gebracht: fogar den Preis für die Fische hatte er in der Stadt in die Höhe getrieben und ein Abkommen mit einem Dampfer getroffen, damit man sich die langen zeitraubenden Fahrten nach der Stadt sparen konnte. Jetzt, als er nachließ, müde war, sich mit dem Bau seiner eigenen Stuga beschäftigte, klagte man. „Macht es doch selber," antwortete Carlsson.„dann werdet Ihr mal sehen, wie gut es tut. Jeder für sich und Gott für uns allel" Bald hatte er seine eigene Stuga unter Dach, begann einen Garten anzulegen, Büsche zu pflanzen, Wege zu machen. Er hatte seine Stuga mit solchem Geschmack gebaut, daß sie die anderen in Schatten stellte. Sie besaß zwar nur zwei Zimmer und Küche, sah aber doch stattlicher aus als die alten Häuser: woran es lag, konnte man nicht sagen. Ob daran, daß er den Dachstuhl hoch geführt und die Dachtraufe weit über die Wand hatte vorspringen lassen: oder ob es die >«Krucifixe" waren, die er in die Deckbretter gesägt hatte: oder die Veranda, die er mit einigen Treppenstufen vor die Tür gesetzt. Es waren keine Kostbarkeiten, aber es sah doch etwas villenartig aus. Rot war die Stuga wie eine Kuh, aber die Ecken waren schwarz und getäfelt: die Fensterbretter waren weiß angestrichen und die Veranda, ein leichtes Dach auf vier Pfosten, war blau angemalt. Auch hatte er Verstand genug gehabt, seinen Platz zu wählen: unmittelbar unter dem Fuß des Berges, und zwar so, daß zwei alte Eichen mitten davor zu stehen kamen, unge- fähr wie der Anfang einer geplanten Allee oder eines Parks. Wenn man auf der Veranda saß, hatte man die schönste Aus- ficht: die Bucht mit den Schilfbänken, die lange grüne Quell- wiese: durch eine Mulde im Kälberhag konnte man die Boote hinten im Sund sehen. Gustav sah alles scheel an, wünschte die Stuga fort, hielt Carlsson für eine Wespe, die ihr Nest unter dem Dachstuhl baute: die hätte er gern verscheucht, ehe sie Eier legen und sich vielleicht mit ihrer Brut festesetzen konnte. Er hatte aber nicht die Kraft, sie fortzubringen: darum blieb sie sitzen. Die Alte war kränklich und ließ alles gehen, wie es ging. Im Vorgefühl des Wirrsals, das entstehen würde, wenn sie aus dem Leben schied, sah sie es nicht ungern, daß ihr Mann, denn das war er jedenfalls, ein Dach über dem Kopf hatte und nicht als armer Teufel herumlief. Sie verstand sich nicht auf Rechtssachen, hatte aber eine Ahnung davon, daß es bei Vermögensaufnahme. Erbteilung, Testament nicht mit rechten Dingen zugegangen: doch das war die Sache der anderen, wenn sie nur damit nichts zu tun hatte. Einmal mußte es aber losbrechen, wenn nicht früher, dann an dem Tag, an dem sich Gustav verheiratete: und solche Gedanken mußte ihm jemand in den Kopf gesetzt haben, denn er war sich nicht mehr gleich, sondern ging nachdenklich umher. » Eines Nachmittags Ende Mai stand Carlsson in seiner neuen Küche und mauerte am Herd, als Klara kam und ihn rief: -„Carlsson. Carlsson, der Profesior ist mit einem deutschen Herrn gekommen, der Carlsson sprechen will!" Carlsson nahm das Schurzfell ab. trocknete sich die Hände und machte sich zum Empfang bereit, neugierig, was der ungewöhnliche Besuch zu bedeuten habe. Als er auf die Veranda kam, stieß er auf den Professor, in dessen Begleitung sich ein Herr mit langem schwarzen Bart und von bestimmtem Aussehen befand. „Direktor Diethoff möchte Sie sprechen, Carlsson," sagte der Professor, indem er auf seinen Begleiter deutete. Carlsson bürstete einen Sitzplatz auf der Bank der. Veranda ab und lud zum Sitzen ein.> Der Direktor hatte keine Zeit, sich zu setzen, sondern fragte stehend, ob der Noggenholm zu verkaufen sei. Carlsson fragte, zu welchem Zweck, denn der Holm war vielleicht nur drei Morgen groß, war hügelig, trug etwas Fichtenwald und nur unbedeutende Schafweide. „Zu industriellem Zweck," antworte der Direktor pnd fragte, was er koste. Carlsson war unschlüssig und bat um Bedenkzeit, bis er erfahren, was dem Holm seinen unerwarteten Wert gab. Es war aber nicht die Absicht des Direktors, ihn das so- fort wissen zu lassen, sondern er wiederholte noch einmal seine Frage, was der Holm koste. Dabei faßte er in die Brust- tasche, deren starke Anschwellung deutlich durchs Tuch zu sehen war und verriet, daß darin etwas steckte. „So teuer kann der wohl nicht sein," meinte Carlsson? „aber ich muß erst mit der Alten und dem Sohn sprechen." Damit lief er nach der Stuga hinunter; blieb eine gute Weile fort und kam dann zurück. Jetzt aber sah er verlegen aus, und es schien ihm schwer zu fallen, mit seiner Forderung herauszurücken. „Sagen Sie, was Sie geben wollen, Herr Direktor," brachte er schließlich hervor. Nein, das wollte der Direktor nicht. „Nun, wenn ich dann fünf sage, so werden Sie es nicht zu teuer finden," preßte Carlsson hervor, dem der Atem im Hals stecken blieb und der Schweiß auf die Stirne trat. Direktor Diethoff öffnete den Nock, zog die Banknoten- tasche heraus und zählte zehn Scheine zu einhundert Kronen auf. „Hier ist vorläufig Handgeld; die vier anderen kommen im Herbst. Stimmt es?"•-«- Carlsson war im Begriff, eine Dummheit zu machen; es gelang ihm aber gerade noch, seine überschwellenden Gefühle zurückzudrängen und ziemlich ruhig zu antworten, es stimme, während er nur fünfhundert Kronen statt fünftausend ge- meint hatte. Darauf ging man zum Sohn und zur Alten hinunter, um den Kaufvertrag zu unterzeichnen und die Summe zu quittieren. Carlsson blinzelte und grinste den beiden zu, sie sollten ihm beistehen: die aber verstanden nichts. Schließlich setzte sich die Alte die Brille auf und las, nach- dem sie unterschrieben hatte. „Fünftausend!" schrie sie.„Was lese ich? Er sagte doch hundert, Carlsson?" „Nein, da mußt Du Dich verhört haben, Anna Eva. Habe ich vielleicht nicht tausend gesagt, Gustav?" Dabei blinzelte er so sehr, daß der Direktor es sah. „Ja, ich glaube wohl, er hat tausend gesagtl" stand ihm Gustav bei, so gut er konnte. Als der Vertrag unterschrieben war, erklärte der Direktor, er beabsichtige für Rechnung seiner Gesellschaft auf dem Roggenholm eine Feldspatgrube anzulegen. Niemand wußte, was Feldspat ist, und niemand hatte an diesen Schatz gedacht; außer Carlsson; der schwindelte jetzt, er habe längst daran gedacht, nur kein Kapital gehabt. Der Direktor erzählte, Feldspat sei eine rote Steinart, die von Porzellanfabriken gebraucht werde. In acht Tagen werde das Haus des Verwalters, das schon bei der Tischlerei bestellt sei, aufgestellt sein; in vierzehn Tagen werde die hölzerne Arbeiterkaserne auf ihrem Platz stehen; mit dreißig Mann werde man dann die Arbeit anfangen. Damit reiste er. Dieser Goldregen war so schnell über die Jnselbauern gekommen, daß sie keine Zeit gehabt hatten, alle Folgen zu berechnen. Tausend Kronen auf dem Tisch, viertausend im Herbst, für eine wertlose Insel: das war zu viel aus einmal. Darum saßen sie den ganzen Abend einträchtig beieiimndex und rechneten aus, was ihnen außerdem noch zukommen könnte. Natürlich konnte man Fische und andere Produkte an die vielen Arbeiter und an den Verwalter verkaufen: Holz auch: das war nicht zweifelhaft. Dann kam der Direktor heraus, vielleicht mit Familie, und wollte auf Sommerfrische wohnen. Dann konnte man natürlich dem Professor die Miete steigern: und Carlsson konnte vielleicht feine Stuga auch vermieten. Alles werde schön und gut werden. Carlsson legte selber das Geld in den Sekretär und faß hie halbe Nacht vor der Klappe, um zu rechnen. Während der nächsten Woche fuhr Carlsson mehrere Male Nach dem Badeort Dalarö und kam mit Tischlern und Malern zurück. Auf seiner Veranda hielt er kleine Empfänge ab: er hatte einen Tisch dahingestellt: an den setzte er sich, trank Kognak, rauchte die Pfeife und überwachte die Arbeit, die jetzt große Fortschritte machte. Bald waren Tapeten in allen Zimmern, sogar in der Küche; und dort wurde auch ein ordentlicher Herd einge- mauert. Die Fenster wurden mit grünen Läden versehen, d'ie weithin leuchteten: die Veranda wurde noch einmal ge- .strichen, und zwar weiß und rosenrot: auch erhielt sie aus der Sonnenseite eine blau- und weißgestreiste Zwillichgardine. Um Hof und Garten erstreckte sich ein Lattenzaun, der grau gestrichen war und weiße Knöpfe hatte. Die Leute standen lange davor und gafften die Herrlich- keit an: Gustav aber stand am liebsten in gehöriger Ent- fernung hinter einer Ecke oder einem dichten Busch: eine Ein- ladung, auf die Veranda zu kommen, nahm er selten oder nie- mals an. Es war einer von Carlssons Träumen, die er in recht Ilaren Nächten träumte, wie der Professor auf der Veranda zu sitzen, selbstherrlich zurückgelehnt, aus einem Fußglas Kognak nippend, sich die Aussicht anzusehen und eine Pfeife zu rauchen— noch lieber eine Zigarre: aber die war ihm noch zu stark. Als er acht Tage später eines Morgens in aller Frühe dort saß, hörte er im Sund vorm Roggenholm einen Dampfer pfeifen. „Jetzt kommen sie," dachte er: und als Herr am Orte wollte er fein sein und sie empfangen. Er ging hinunter in die Stuga und zog sich an: schickte nach Rundgvist und Norman, die ihn nach dem Roggenholm begleiten sollten, um die fremden Herren zu empfangen. (Fortsetzung folgt.) (Nachdruck verbalen.) � fettcbcn. Erzählung von Guy de Maupassant. Deutsch von E. W. Der Hunger wuchs und verstörte die Gemüter; und keine Kneipe, keine Wirtschaft zeigte sich; die Annäherung der Preußen und der Durchmarsch der ausgehungerten französischen Truppen Hatte alles Gewerbe vertrieben. Die Herren versuchten in den Bauernhöfen an der Straße zu requirieren, aber sie fanden nicht einmal ein Stück Brot; die mißtrauischen Bauern versteckten ihre Vorräte aus Furcht, von den Soldaten ausgeplündert zu werden, die nichts zu beißen hatten .und mit Gewalt nahmen, was sie fanden. Gegen ein Uhr nachmittags erklärte Loiseau, daß er ent- Ischieden ein gehöriges Loch im Magen fühle. Alle litten längst wie er, und das heftige Nahrungsbedürfnis war ständig gewachsen Und hatte die Unterhaltung ertötet. Bisweilen gähnte einer; ein anderer ahmte ihm unverzüglich nach, und alle nacheinander öffneten, je nach Charakter, Lebensart ;Und sozialer Stellung, den Mund geräuschvoll oder zurückhaltend, die Hand schnell vor den klaffenden, dampfenden Abgrund. Fettchen beugte sich mehrfach nieder, als ob sie etwas unter den Röcken suchte. Sie zögerte ein Weilchen, blickte ihre Nachbarn an und richtete sich wieder ruhig guf. Die Gesichter waren bleich und verzogen. Loiseau beteuerte, er würde tausend Franks für «inen Schinken zahlen. Seine Frau machte eine Bewegung wie zum Protest; dann beruhigte sie sich wieder. Sie litt immer, wenn sie von Geldvergeudung hörte, und hatte nicht einmal für Scherze darüber Verständnis. >„Tatsache ist, daß ich mich nicht wohl fühle," sagte der Graf; �wie habe ich nicht daran denken können, Vorräte mitzunehmen I" Jeder machte sich denselben Vorwurf. Cornudet aber hatte eine Feldflasche mit Rum; er bot sie an; man lehnte kühl ab. Nur Loiseau nahm zwei Tropfen, und als vc die Flasche zurückgab, dankte er: ,Das tut doch gut, das er- wärmt wieder und täuscht über den Hunger/— Der Alkohol versetzte ihn in gute Laune, und er schlug vor, wie im Lied auf dem Schifflein zu verfahren: den fettesten Reifenden zu verzehren. Diese indirekte Anspielung auf Fettchen verletzte. die wohl- erzogenen Leute. Man gab keine Antwort; nur Cornudet hatte ein Lächeln. Die beiden Schwestern beteten nicht mehr ihren Rosenkranz, und, die Hände in die weiten Aermel versenkt, saßen sie unbeweglich da, mit beharrlich niedergeschlagenen Augen; wahrscheinlich weihten sie dem Himmel das Leid, das er über sie geschickt hatte. Um drei Uhr endlich, als man sich mitten in einer endlosen Ebene befand, ohne ein Dorf in der Runde, bückte sich Fettchen lebhaft und zog unter der Bank einen breiten, mit einer weißen Serviette bedeckten Korb hervor. Sie entnahm ihm zuerst einen kleinen Teller, einen feinen silbernen Becher, dann eine geräumige Terrine, in der zwei ganze, schon zerlegte Hühner mit ihrem Saft geronnen waren: Pasteten, Obst, Süßigkeiten, Vorräte für eine dreitägige Reise, auf der man auf die Gasthofsküche verzichten will. Vier Flaschenhälse ragten zwischen den Eßwaren hervor. Sie nahm einen Hühner- flügel und begann ihn fein säuberlich zu essen, mit einem Brötchen, wie man sie in der Normandie Regence nennt. Alle Blicke hingen an ihr. Der Duft breitete sich aus, er- füllte die Nasen, ließ das Wasser im Munde zusammenlaufen, und die Kinnbacken zogen sich an den Ohren schmerzhaft zusammen, Die Verachtung der Damen für daL Frauenzimmer wurde wild, als ob man Lust hätte, sie zu töten oder sie aus dem Wagen zu werfen, in den Schnee: sie, ihren Becher, ihren Korb, ihre Eßwaren. Loiseau verzehrte mit den Blicken die Hühnerterrine. Er sagte:„Bravo, gnädige Frau waren vorsichtiger als wir. Es gibt Menschen, die eS verstehen, immer an alles zu denken."— Sie erhob den Kopf zu ihm:„Wenn Ihnen etwas gefällig ist? Es ist hart, wenn man seit morgens fastet."— Er verneigte sich: „Na, offen gesagt, ich sage nicht nein, ich Halts nicht mehr aus. Krieg ist Krieg, nicht wahr, gnädige Frau?"— Und indem er ringsum blickte, fügte er hinzu:„In solchen Augenblicken ist man recht froh, Menschen zu finden, die einen verpflichten."— Er breitete eine Zeitung aus, um seine Hose nicht zu beschmutzen, und mit der Spitze eines Messers, das er immer bei sich trug, nahm er eine saftglänzende Keule, riß das Fleisch mit den Zähnen ab und kaute es mit so deutlich sichtbarer Befriedigung, daß ein schwerer Seufzer der Beklemmung durch den Wagen ging. Aber Fettchen bot mit demütiger und sanfter Stimnie den Schwestern an, ihr Mahl zu teilen. Sie nahmen beide sogleich an und, ohne die Augen zu erheben, begannen sie sehr hastig zu essen, nachdem sie ihren Dank gestammelt hatten. Cornudet lehnte das Anerbieten seiner Nachbarin auch nicht ab, und man stellte mit den Schwestern eine Art Tisch her, indem man Zeitungen auf den Knien ausbreitete. Ein unaufhörliches Oeffnen und Schließen des Mundes, ein wildes Schlucken, Kauen, Verschlingen. In seinem Eck arbeitete Loiseau schwer und trieb halblaut seine Frau, ihm zu folgen. Sie widerstand lange, nach einem Krampf aber, der ihre Ein- geweide durchzuckte, gab sie nach. Dann fragte ihr Mann in wohl- gesetzter Wendung, die„reizende Reisegefährtin", ob sie ihm ge- statte, Frau Loiseau ein Stückchen anzubieten. Sie sagte:„Aber ja, gewiß," und mit einem liebenswürdigen Lächeln reichte sie die Schüssel. Eine Verlegenheit entstand, als die erste. Flasche Bordeaux geöffnet war: es war nur ein Becher da. Man wischte ihn ab und gab ihn weiter. Nur Cornudet, der wohl galant sein wollte, setzte ihn an der Stelle an, die von den Lippen seiner Nachbarin noch feucht war. Derart von speisenden Menschen umgeben, vom Eßdunst er- stickt, litten der Graf und die Gräfin von Breville, wie Herr und Frau Carre-Lamadon die entsetzlichsten Qualen des ewigen Tanta- lus. Plötzlich aber stieß die junge Frau des Fabrikanten einen Seufzer aus, so kläglich, daß alle Köpfe sich nach ihr wendeten; sie war weiß wie draußen der Schnee; ihre Augen schlössen sich, die Stirn neigte sich: sie war ohnmächtig geworden. Ihr Gatte geriet außer sich und flehte um Hilfe. Alles verlor die Be- sinnung, da führte die ältere der Schwestern, den Kopf der Kranken stützend, zwischen ihre Lippen Fettchcns Becher ein und ließ sie ein paar Tropfen Wein schlucken. Die hübsche Dame bewegte sich, öffnete die Augen, lächelte, und mit ersterbender Stimme erklärte sie, daß sie sich jetzt durchaus wohl fühle. Damit sich das aber nicht wiederholte, nötigte die Schwester sie, ein Glas Rotlvem zu trinken, und sie fügte hinzu:„Das kommt vom Hunger, von nichts anderem." Da stammelte Fettchen, errötend und verlegen, mit einem Blick auf die vier nüchtern gebliebenen Reisenden:„Mein Gott, wenn ich den Herren und Damen anbieten dürfte..." Sie schwieg; sie fürchtete eine Abweisung. Loiseau nahm das Wort: „Aber natürlich, in solcher Lage sind wir alle Brüder und müssen einander helfen. Los, meine Damen, keine Umstände, nehmen Sie an, Teufel auch! Wer weiß, ob wir heute auch nur ein Nacht- quartier finden! Wenn wir so weiter fahren, sind wir vor morgen mittag nicht in Totes." Man zögerte, keiner wollte die Verantwortung für das„Ja" übernehmen. Aber der Graf löste die Frage. Er wandte sich zu dem dicken Mädel, das ganz eingeschüchtert war, und mit dem großartigen Ton des Edelmannes sagte er:»Wir nehmen dankbar an, gnädige Frau." Nur der erste Schritt war schwer gewesen. Nachdem man ein- mal den Rubicon überschritten hatte, hieb man kräftig ein. Der Korb wurde geleert. Er enthielt noch eine Gänseleberpastete, eine Lerchenpastete, ein Stück geräucherte Zunge, Crassaner Birnen, einen Pont-kEvcque-Kuchen, Konfekt, endlich ein Glas Gurken und Zwiebeln in Essig. Fettchcn schwärmte wie alle Frauen für derlei saures Zeug. Man konnte unmöglich die Vorräte des Mädchens aufessen, ohne mit ihr zu sprechen. Man plauderte also. Anfangs mit Zu- rückHaltung, dann liest man sich, da sie sich durchaus passend be- nahm, freier gehen. Die Damen von Breville und Carre-Lamadou, in ihrer grasten gesellschaftlichen Sicherheit, gaben sich taktvoll liebenswürdig. Besonders die Gräfin zeigte jene freundliche Her- ablassung der vornehmen Damen, die keine Berührung beschmutzen kann; sie war reizend. Aber die starke Frau Loiseau, die eine Schutzmannsseele hatte, blieb widerhaarig, sprach wenig und ast viel. Natürlich sprach man vom Krieg. Man erzählte Schreckens- taten der Preusten, Heldentaten der Franzosen; und all diese Leute, die wegliefen, ehrten den Mut der anderen. Man kam bald auf persönliche Erlebnisse, unte Fettchen erzählte mit echtem Ge- fühl und jener Wärme der Sprache, die manchmal diesen Weibern eigen ist, wenn sie ihre natürliche Erregung ausdrücken, warum sie Rouen verlasse:„Anfangs glaubte ich, ich könnte bleiben", sagte sie.„Ich hatte das Haus voll Vorräte, und ich wollte lieber ein paar Soldaten füttern als Gott weih' wohin in die Fremde ziehen. Aber wie ich sie sah, diese Preusten, das ging über meine Kraft I Das Blut kochte mir vor Zorn; und ich habe den ganzen Tag vor Schande geweint. Oh! wenn ich ein Mann wäre, dann sollten Sie sehen! Ich betrachtete sie von meinem Fenster, diese dicken Schweine mit ihren Pickelhauben, und mein Dienstmädchen hielt mich fest, um mich zu hindern, dah ich ihnen mein Mobiliar auf den Kopf warf. Dann sind sie zu mir wegen Quartier ge- kommen; ich bin dem ersten an die Gurgel gesprungen. Sie sind nicht schwerer zu erwürgen als andere Leute! Und den da hätte ich kalt gemacht, wenn man mich nicht an den Haaren fortgerissen hätte. Nach der Geschichte mutzte ich mich verstecken. Bei der ersten besten Gelegenheit bin ich abgereist, und hier bin ich nun." Man beglückwünschte sie sehr. Sie wuchs in der Achtung ihrer Reisegefährten, die sich nicht so tapfer gezeigt hatten; und Cor- nudct hatte beim Hören ein billigendes und gefälliges Apostel- lächeln— wie ein Priester, der einen Gläubigen Gott loben hört; denn die langbärtigen Demokraten haben das Monopol auf Patriotismus wie die Männer im Priestergewand auf die Religion. Er sprach nun in lebhafterem Ton, mit dem Pathos, das er von den alltäglichen Proklamationen an den Mauern gelernt hatte, und er schlost mit einem Aufschwung der Beredsamkeit, indem er diesen„Schuften von Badinguet"*) nach allen Regeln der Kunst striegelte. (Fortsetzung folgt.)i Spiele statt VolKsfreiKeit. Unsre Zeit gleicht in mehr als einer Hinsicht dem spätrömischcv Kaiserreich, das Rom, oder besser, das Byzanz der Zäsaren feiert anscheinend im neudeutschen Reiche eine fröhliche Urständ. Hier wie dort das persönliche Regiment und der Zäsarenkult, hier wie dort auch das öde Wohlgefallen an hohlen und halsbrecherischen sportlichen Veranstaltungen. Die römischen Zäsaren veranstalteten für das Volk nervenaufreizende Zirkusspiele, um es über sein Elend und seine verlorene Freiheit hinwegzutäuschen. Bei diesen Spielen wurde an die hungernde Masse Brot verteilt und somit hatten diese Veranstaltungen für die misera plebs eine doppelte Anziehungskraft und sie konnte bei dieser Gelegenheit auch gleich doppelt betrogen werden. �ve Caesar morityri te salutant! Sei gcgrüstt, Zäsar, die, die in den Tod gehen, grützen Dich! Mit diesem Spruch betraten die römischen Gladiatoren die Arena, um sich vor den Augen der ver- rohten Masse zur höheren Ehre der Zäsaren gegenseitig abzu- schlachten. Jene armen Schächer waren die Epigonen der stolzen Griechen, die einst die Leibeskultur zu so bewundernswerter Höhe gebracht hatten. In diesen rohen Kämpfen der Berufsathleten hauchte die Kultur Altgriechenlands ihre sonnige Seele aus. Nichts war übrig geblieben von der stolzen Kultur Griechenlands und Roms, als diese ekelhaften Menschenabschlächtcreicn und Gaukle- reien einer verachteten Menschenklasse. Lanem et(ludos) circensis, Brotspenden und Schauspiele für den Pöbel, das war das Leit- motiv der herrschenden Klassen bei diesen ludi publici(öffentliche *) Anmerkung de S UebersetzerS: Spottname für Napoleon III. Napoleon war 1846 aus der Zitadelle von Ham, wo er nach dem Putschversuch von Boulongne im Jahre 1840 ge- fangen gehalten wurde, in der Verkleidung eines Arbeiters unter bem Namen Badinguet entflohen. Die Republikaner legten ihm später diesen Namen wieder bei.> Spiele), und das Lumpenproletariat Roms erstickte in den nerven- aufregenden Kämpfen seinen grenzenlosen Jammer. Aehnliche Sumpfblüten hat auch die neudeutsche Kultur schon im ersten Vierteljahrhundert ihrer Blüte gezeitigt. Was in Griechenland und Rom das Werk von Jahrhunderten war, das'st in unserer schnellebenden Zeit das Ergebnis weniger Jahres Zweifellos schwebt unseren herrschenden Klassen bei der Protektion der modernen Wettkämpfe der Berufsathleten ein ähnliches Ziel vor, wie den herrschenden Klassen Roms, hier wie dort will man das Volk, über dem Sinnenkitzel und der Schaulust, von ernsten politi- schen und wirtschaftlichen Bestrebungen fernhalten. Wenn bei uns noch kein Brot und Getreide verteilt wird, so liegt das wohl nur daran, weil man Hungerrevolten noch nicht zu befürchten hat und weil das Lumpenproletariat bei uns noch gut staatserhaltend ist. Wenn aber die jetzige Steuerpolitik noch einige Jahrzehnte so weiter betrieben wird, dann wird auch bei uns das Lumpenproletariat zu einer Staatsmacht werden und dann erleben wir vielleicht ähn- liche Dinge wie in Rom. Die Entwicklung der kapitalistischen Kultur scheint uns in der Tat einem solchen Ziel entgegenzutreiben. Eigentliche Befriedi» gung gewährt diese Kultur keiner Gesellschaftsklasse mehr, überall sucht man sich durch nervenaufreizende Veranstaltungen über die Trostlosigkeit unserer Zustände hinwegzutäuschen, ein rechtes Innenleben gibt es kaum bei einer Klasse. Die„oberen" Klassen gehen dabei den untern mit dem denkbar schlechtesten Beispiel vor- an. Der unsinnige Pferderennsport mit seinen tierquälerischen Ausartungen ist durch den feudalen Autosport abgelöst worden, jedenfalls steht der letztere im Vordergrund des Interesses, während jener zu einem reinen Glücksspiel mit all seinen hästlichen Leiden- schaften geworden ist. Dafür ist der Autosport um einige Grade waghalsiger und gefährlicher wie der Pferderennsport, wodurch der Nervenkitzel entsprechend erhöht wird. Unseren feudalen Auto» fexen gilt das eigene Leben nicht viel mehr als den römischen Gla- diatoren und den spanischen Stierkämpfern, demgcmäh schätzen sie auch das Leben nützlicher Menschen ein. Zudem spielt sich dieser feudale Sport seiner Natur nach auf öffentlichen Strassen ab, was seine Gefährlichkeit für das Volk bis zur Gemcingefährlichkeit steigert. Dazu kommt der Benzingestank und die Staubentwicklung dieser„gewöhnlichen Stratzenschweine", die nicht nur für den Menschen, sondern auch für die Vegetation vernichtend wirken. Eine andere Kultursumpfblüte sind die blödsinnigen Rad- rennen der Berufsfahrer- Es gibt jetzt kaum noch eine gröstere oder mittelgroße Stadt, die nicht ihre Zementbahn hat. Zu Taufen- den strömt ein geschmackverirrtes Publikum allsonntäglich auf diese Bahnen und opfert für menschliche Scheußlichkeiten seine sauer ver- dienten Groschen. Staats- und kommunale Behörden-unterstützen diese Unternehmungen noch aus Gründen des schnöden Geldgewinns und geben die besten Plätze an zahlungsfähige Unternehmer her. Ein treffendes Beispiel bietet dafür die durch das entsetzliche Un- glück berühmt gewordene neue Rennbahn im alten botanischen Garten in Berlin. Es ist ein herrliches Fleckchen Erde im Herzen der Großstadt, das einen idealen Volkspark abgegeben hätte, welches hier vom preußischen Fiskus um schnödes Geld seinen natürlichen Bestimmungen entzogen worden ist. Die Stadt Schöneberg, in deren Gebiet das Areal liegt, war seinerzeit bereit, den Garten zu Volksparkzwecken zu erwerben, aber der dicke Pod, der damals noch Landwirtschaftsminister in Preusten war, forderte so horrende Preise, daß die Stadt den Kauf aufgeben mußte. Nun sind auf dem blühenden Flecken, der von Natur bestimmt war, ein Jung- brunnen der Volksgesundheit zu sein, ein Viertelhundert blühen- der Menschenleben vernichtet worden zur höheren Ehre des preußi- schen Staates und zur Schande der neupreustischen Pflege der Leibesübungen. Wer da glauben wollte, jenes schreckliche Unglück würde dem berufsmäßigen Strampelsport Abbruch tun und das Publikum wenigstens von der Unglücksbahn fernhalten, der ist in einem schlimmen Irrtum befangen. DaS Gegenteil wird eintreten, für den glücklichen Pächter hätte es eine bessere Reklame gar nicht geben können, dieser Bluff wird ihm Tausende eintragen. Solche Unfälle gehören mit zu diesen Sports, je mehr je lieber, das erhöht nur den Nervenkitzel.> Ist es nicht eine blutige Phrase, wenn man ob solcher Zustände von germanischer Körperkultur spricht? Wie soll eine gesunde Be- wegung auf sportlichem Gebiete aufkommen können, wenn die Sensation zum Staats- und Gesellschaftsinteresse wird? Ach, auch die gesund sein wollende Sportbewegung fällt der Sensations- lüsternhcit zum Opfer, langsam und widerstrebend erst, dann immer schneller geht es dem Abgrund zu, und wenn einst der Chronist daS Fazit schreibt, dann wird er zugleich die Verfallsgeschichte der kapi» talistischen Kultur schreiben.> Soweit die Turner sich zu Gladiatoren der Zäsaren degra- dieren und sich in vaterländischen Phrasendunst einhüllen, werden auch sie diesem Schicksal nicht entgehen, die Schlammflut des Kapi- talismus wird auch sie mit Hinabziehen. Auf der Höhe bleiben werden nur jene, die ihre Kraft in den Dienst des Volkes stellen, die unbeirrt durch die Interessen des Zäsarenstaates aufrecht und gerade im Dienste für den kulturellen Aufstieg der breiten Volks- Massen ausharren. Dynastien und Klassenherrschaft wechseln und gehen unter im ehernen Gange der Weltgeschichte, ewig und unan- tastbar bleibt die Majestät der Menschheit. �Arbeiter-Turn-Zeitung". Kleines f cirilleton. Völkerkunde. Künstliche Kopfmißbildungen. Eine der bar- barischsten Veränderungen, die die Menschen mit ihrem Körper vor- genommen haben, ist die durch mechanische Hilfsmittel erzeugte Umformung des Kopfes, die uns schon von den alte» Schriftstellern Hippokrates und Plinius berichtet wird, nock> augenfälliger aber durch Schädelfunde belegt worden ist. An den Ufern des Amazonen- stromes, an der Ost- und Westkäste Sudamerikas, in Per», Mexiko und Nordamerika war und ist diese Sitte noch heute bei einigen Völkecstänimen beheimatet. Aber nicht nur jenseits des Ozeans, auch in Europa hat sie ihre Anhänger gehabt, wie Scbädclfunde am Südabhange des Kaukasus beweisen. Besonders beliebt waren Schädelumformungen im südlichen Frankreich, wo noch heute der- artige Fälle nachgewiesen worden sind. Zur Kopfilmsormnng wurden dem neugeborenen Kinde Brettchen, Kompressen, Binden, Häubchen und Tücher in eigentümlicher Weise angelegt, da auch die rohesten Völker ans Erfahrung wussten, daß der menschliche Kopf in frühester Kindheit sehr elastisch ist und die noch nicht miteinander festverwachsenen weichen Knocken mechanischen Einwirkungen nachgeben. Zwei und mehrere Jahre hindurch wurden die Kinder solchen Bandagierungen unterworfen, ohne dah ihre Schnierzäutzcrungcn imstande waren, sie von dieser Qual zu be- freien. Vier verschiedene Arten von Umfornmngen wurden besonders bevorzugt. Erstens der zylinderförmige Kopf, der schief nach hinten und so in die Länge gezogen wurde, dah der Durchmesser deS Kopfes von der Stirn zum Hinterhaupt ungewöhnlich verlängert und da- durch der Schädelraum des Gehirns etwas verkleinert wurde. Die zweite Art ist der zuckerhutförmige oder der„Turmkopf", dessen Höhendurckmesser durch rund hernmgelegte Bänder stark vergrößert wurde, während die Ausdehnung der Knochen in die Breite dadurch beschränkt war. Bei der dritten Art suchte man eine starke Wplattung der Stirn »md des Scheitels hervorzurufen und zwar dadurch, dah man den Kindern ein größeres Brett vor Stirn und Scheitel legte und so die Ausdehnung des Schädels in die Breite unterstützte. In diesen Schädeln, die demnach buchstäblich ein Brett vor dem Kopf hatten, wurde da? Gehirn vollständig plattgedrückt. Dasselbe Brett hatten auch die Flachkopfindianer vor dem Kopf, die einen eigentümlichen Schädel mit breiter Rinne aufdemScheitel und am Hinterhaupt, mit kantigen Vor- sprüngen vor und hinter der Kranznaht bei den Sprößlingen ihrer Häuptlinge als Rangauszeichnung hervorriefen. Die Kopfmißbildung wurde nämlich nur an den Kindern der Kornehmen' vorgenommen, die solche Gehirnverkümmerungen als Zeichen ihrer besseren Geburt mit auf den Lebensweg bekamen. Das ist nicht nur bei den Indianern, sondern auch bei den Peruanern und in Mexiko die hauptsächlichste Ursache der Verkümmerungen gewesen. Abweichende Schönheitsbegriffe waren erst in zweiter Linie die Veranlassung dazu. In der Normandie und in Toulouse gibt man den Köpfen der Mädchen durch eine Binde, die entweder unter dem Hinterkopf oder unter dem Kinn verknüpft wird, eine sattelförmige Einschnürung. Die nachteiligen Folgen dieser Umbildung auf die EntWickelung des Ge- Hirns haben viele bedeutende französische Irrenärzte dahin zusammen- gefaßt, daß durch die Beeinträchtigung der Gchirnsentfaltung die intellektuellen Fähigkeiten des Individuums abgeschwächt werden. Die Ernährung des Gehirns wird erschwert und die Ver- anlagung zu Geisteskraukheilen erzeugt. So waren nach den An- gaben des französischen Arztes Dr. Lunier von 38 Frauen mit solcher Mißbildung krank: 13 an Idiotismus, 5 an Geistesschwäche, 7 an Fallsucht, 2 an Lähmung, 1 an Melancholie, 1 an Hysterie und 3 an Nymphomanie. Diese Zahlen zeigen aufs deutlichste, welche Folgen die Unibildung der natürlichen Kopfform hat. Geographisches. Die Erforschung des Atlantischen OzeanS. Man sollte es kaum glauben, daß die Geographen und andere Natur« forscher, die es am besten wissen können, die Behauptung aufftellen, der nördliche Atlantische Ozean, der täglich von so vielen Schiffen durchquert wird, sei einer der am wenigsten bekannten Meeres- räume. Man weiß zwar ziemlich genau mit seinen Tiefenverhält- nissen Bescheid und demzufolge auch mit der Gestaltung seines Bodens, wenigstens so weit die Verlegung von Kabeln diese Kennwis notwendig gemacht hat. Die natürlichen Eigenschaften dieses Meeres« gebiets aber sind noch fast völlig unaufgeklärt geblieben. Sogar die Berhältnisfe deS Golfstroms, dem das nordwestliche Europa und namentlich Norwegen niit Rücksicht auf das Klima unendlich viel verdanken, sind noch längst nicht genügend erforscht. Seit der berühmten Reise deS„Challenger" und einer späteren amerikanischen Expedition ist kein einziges mit modernen Forschungsmitteln ausgerüstetes Schiff im nordatlantischen Ozean tätig gewesen, sondern alle Expeditionen haben sich in dem südlich von den europäischen Breiten gelegenen Teil dieses Weltmeeres vollzogen. Diese Vernach- lässigung hat auf dem letzten internationalen Geographen-Kongreß endlich zu einer lebhasten Erörterung geführt, die wahrscheinlich nütz- liche Folgen tragen wird. ES ist allgemein zugegeben worden, daß »na» über die Gesetze und die Verteilung der Temperatur und über die Geschwindigkeit der Meeresströmungen km Nord-Atlantie, sogar einschließlich des Golfstroms, noch fast garnichts weiß und auch die meteorologischen Bedingungen, die den Verlauf der Witterung in Westeuropa bedingen, sind noch viel zu wenig bekannt. Ebenso warten viele biologische Fragen der Löiung, und namentlich könnte eine planmäßige und wissenschaftliche Befischung dieses Meeres über- raschende und wertvolle Ergebnisse bringen. Ueberhanpt kann die Erkundung der Gewässer Nordeuropas nicht zu Ende geführt werden, wenn nicht die Verhältnisse des angrenzenden Weltmeeres hinreichend bekannt sind. Es wird gefordert, daß wenigstens viermal in jedem Jahre Forschungsreisen nach verschiedenen Teilen des Atlantischen Ozeans ausgeführt werden sollten, am besten auf grund einer inter» nationalen Vereinbarung. Meteorologisches. Die Geschwindigkeit der Winde. Nach der inter« nationalen Beanfortschen Wmdskala für die See gilt den Schiffern ein Wind als. frisch", wenn er sich mit einer Geschwindigkeit von IS Metern pro Sekunde bewegt. Bei starkem Winde von 2ö Metern pro Sekunde fängt man an zu reffen; steigert er sich zum Sturm und vom Sturm zum Orkan mit einer Geschwindigkeit von 40 Metern pro Sekunde, dann wird vor Top und Takel ge« lausen, d. h. Segel können unter solchen Umständen über« Haupt nicht mehr gestihrt werden. Auf dem Lande genügt für einen Sturm eine Geschwindigkeit von 29 Metern, um Aeste und mäßige Stämme abzubrechen und kleine Bäume zu entwurzeln. Auch in unseren Breiten sollen Sturmgeschwindigkeiten bis zu 144 Kilometern in der Stunde, also 49 Meter pro Sekunde vor« kommen, wie wir dem Buche Ohlshausens über Geschwindigkeiten in der organischen und anorganischen Welt entnehmen. Nach den Beobachtungen der deutschen Seewarte in Hamburg schwantte die Geschwindigkeit der stärksten Stürme an der Nordsee seit 187S zwischen 23 und 32 Meter pro Sekunde. Bei den tropischen Orkanen wächst sie zuweilen bis zu 69 und mehr Meter an. Von der Gewalt einer so rasenden„Windsbraut" kann man sich bei uns nur schwer einen Begriff machen, und noch weniger von der ungeheuren Zerstörungskraft tropischer Wirbelstürme, deren Geschwindigkeit in spiralförmiger Bahn bis zu 159 Meter pro Sekunde be- rechnet worden ist. Der größte bisher beobachtete Winddruck ist wohl der von einem Tornado in St. Louis entfaltete, nämlich 609 Kilogramm pro Quadratmeter; es soll dabei eine Lokomotive umgeweht worden sein. Der Eiffelturm in Paris ist für einen Winddruck von 400 Kilogramm pro Quadratmeter konstruiert. WaS den sogenannten Obcrwind anbetrifft, so ist nach Be- obachtungen, die Wettin über Berlin machte, in der Gegend deS unteren Gewölks, etwa S09 Meter hoch, seine Geschwindigkeit etwa doppelt so groß, wie die der Lustströmung nahe an der Erdoberfläche. Für die Berechnung der Windgeschwindigkeiten in ziemlich großer Höhe sind die täglichen Beobachtungen auf dem Eiffelturm in Paris von nicht geringer Bedeutung. In einer Höhe von 303 Meter über der Erde herrscht dort je nach der Tagesstunde eine 2— ömal größere Windgeschwindigkeit als auf dem 21,5 Meter hohen Turm des meteorologischen Zentralbureaus in Paris, während die Durchschnittszahlen dieser beide» Stellen sich für das ganze Jahr wie 1: 4 verhalten. Man hat vom Eiffelturm kleine Ballons auffteigen lassen, mit dem Datum der Abfahrtszeit ver- sehen und mit der Bitte, die Ankunftszeit zu melden. Einige davon haben die Strecke bis zum Harz(700 Kilometer) in zehn Swnden zurückgelegt, sind also mit einer mittleren Geschwindigkeit von 70 Kilometer pro Stunde geflogen. Für die oberen Luftschichten darf man diese Geschwindigkeit auch Wohl als gewöhnliche bezeichnen. Soviel scheint festzustehen, daß in einer Höhe von 300 Meter über der Erdoberfläche die Lust eine erheblich mächtigere und beständigere Kraftquelle ist, als in der Höhe unserer jetzigen Windmühlen. Vielleicht gelingt es noch einmal, meint Ohlshausen, Windmotore mit Kastendrachen aufzufieren und die gewonnene Kraft durch Dynamos, die von den Drachen getragen werden, zur Erde zu leiten, um auf diese Weise den Wind jener Höhen in jeder beliebigen Stelle der Erde direkt in Elektrizität um« zuwandeln. Techuisches. Ueber denEinfluß der ultravioletten Strahlen auf die Butter geben Studien der Herren D o n i k und Daira, die in der letzten Sitzung der Pariser Akademie der Wissenschaften vorgelegt worden sind, interessante Auffchlüsse. Die beiden Forscher haben festgestellt, daß die Mikroben, die das Ranzig» werden der Butter verursachen, nicht, wie man bisher annahm, m der Butter selbst vorkommen, sondern sich ursprünglich in dem zum Waschen und zu anderen Manipulationen verwendeten Wasser vor- finden. Sterilisiert man dieses Wasser vorher mit ultravioletten Strahlen, so wird die Butter nicht ranzig und erlangt Dauerhastig» keit.— In derselben Sitzung berichtete Herr Dastre über eine Arbeit von Herrn Barillier, die die Verschlechterung der Milch durch die Pasteurisation behandelt. Barillier zeigt, daß diese Verschlechterung, die namentlich bei der Ernährung von Säuglingen mit pasteurisierter Milch empfindlich wird, von der AuS- scheidnng der nährenden Kohlenphosphate herrührt. Man kann sie vermeiden, wenn man die Sterilisierung statt mittels Pasteurisatton mit ultravioletten Strahlen vornimmt. verantwortl, Medakteur: Hans Weber. Kerfln.— Druck u. Verlag: Vorwärts Buchdruckerei».Verlag, anstalt Paul Srnger chEo..Berlm L W.