Nnterhaltungsblalt des Horwärts Nr. 153. Dienstag, den 10. August. 1909 lNachdruck verboten.) 29Z Die Inlelbauern. Roman von August Strindöerg. Deutsch von Emil Schering. Carlsson fing an fett zu werden: ging den Tag über in einem leichten Rausch umher, ohne sich jedoch zu überladen. Wie ein einziges langes Fest verging der Sommer für ihn, da er seine Zeit zwischen Gcmeindesachen, Grubenbau und Naturverschönerungen verteilte. Jetzt im Herbst war er acht Tage auf Feuerschau fort- gewesen. Als er eines frühen Morgens nach Haus kam, wurde er von der Alten empfangen, es müsse etwas draußen auf dem Roggenholm geschehen sein. Es sei dort nämlich vier Tage lang still gewesen: nicht ein Schuß sei gelöst worden und keine Dampferpfeife habe man gehört. Die Leute feien mit Dreschen beschäftigt gewesen: deshalb habe niemand Zeit ge- habt, die Grube zu besuchen. Der Verwalter habe sich auch nicht sehen lassen: und die Arbeiter hätten aufgehört, abends den Hof zu umkreisen. Es miisse also etwas geschehen sein. Um sich Bescheid zu holen, ließ Carlsson anspannen: so nannte er es, wem» er sich nach der Grube rudern ließ. Das Boot hatte er weiß streichen und mit einem blauen Rand ver- sehen lassen: und damit es mehr herrenmäßig aussah, wenn er am Steuerruder saß, hatte er sich aus einer alten Gardinen- schnür eine Talje gemacht; nun konnte er beim Steuern gerade sitzen. Auch hatten sich Rundqvist und Normann in marinemäßigem Rudern üben müssen, damit es stattlich aus- sah, wenn er angefahren kam. Die Fahrt legten sie rasch zurück, da Neugier und Angst sie spornten. Als sie auf die Höhe des Noggenholms kamen, erstaunten sie über die Oede, die dort herrschte. Es war still wie im Grab und kein Mensch war zu sehen. Sie stiegen ans Land und kletterten die Steintreppe zur Grube hinauf. Das Haus des Verwalters war fort; alle Werkzeuge und Geräte verschwunden; nur die Kaserne, wie der Schuppen genannt wurde, stand auf ihrem Platz, aber ausgeräumt und geplündert; alles, was nicht niet- und nagel- fest war, hatte man mitgenommen: Türen, Fenster, Bänke, Betten. „Ich glaube beinahe, sie haben eingepackt I" meinte Rundqvist. „Es sieht so ausl" erwiderte Carlsson und ließ wieder anspannen: aber dieses Mal gings nach dem Badeort Dalarö; dort mußte ein Brief für ihn auf der Post liegen. Ganz richtig, dort lag ein großer Brief vom Direktor, der verkündete, die Gesellschaft habe ihre Tätigkeit eingestellt, weil sich das Rohmaterial als untauglich erwiesen habe. Da Carlssons Forderung von viertausend Kronen sich gerade gegen die vierzig Aktien aufhebe, die er bisher noch nicht ein- gezahlt, so seien alle Geschäfte zwischen der Gesellschaft und Carlsson erledigt. „Also um viertausend geprellt," dachte Carlsson. Nun, man muß sich zufrieden geben. Er besaß die Natur eines Seevogels, wenn er auch vom Lande war; er schüttelte sich und war ebenso trocken wie vor- her. Noch trockener fühlte er sich, als er in einer Nachschrift las. alles, was man zurückgelassen, falle den Jnselbauern zu, wenn sie Lust hätten, es fortzuschaffen. Etwas kleinlaut kam Carlsson wieder zu Haus an, einer Menge Geldes und eines ehrenvollen Titels beraubt. Gustav wollte Salz in die Wunde streuen, aber Carlsson machte mit einer Gebärde einen großen Strich durch alles. „Ach, das ist nicht der Rede wert! Darüber braucht man kein Wort zu verlieren." Aber am nächsten Tage war er mit seinen drei Mann in voller Tätigkeit, um mit der großen Fähre Bretter und' Ziegel vom Roggenholm zu holen. Ehe man sichs versah, hatte er sich ein Sommerhäuscheu von einem Zimmer nebst Küche errichtet; und zwar unten am Sund an einem Platz, an den niemand gedacht, von dem man aber eine Aussicht sowohl aufs Dorf wie aufs offene Meer hatte. Der Sommer mit seinen luftigen Traumen war vorbei. Der Winter nahte: die Luft wurde schwerer, die Träume düsterer, und die Wirklichkeit nahm ein neues Aussehen an« Heller für die einen, drohender für die anderen. Siebentes Kapitel. (Carlsson wahrträumt; der Sekretär wird bewacht, aber der Tod kommt und macht einen Strich durch alles.) Carlssons Ehe war, obwohl sie erst kurze Zeit bestand, nicht gewesen, was man glücklich nennt. Die Alte war bei Jahren, wenn auch nicht steinalt, und Carlsson stand im Begriff, in sein gefährliches Alter einzutreten. Bis zu seinen jetzt begonnenen vierzig Jahren hatte er sich abgearbeitet, um sein Brot zu verdienen und vorwärts zu kommen; und das Mädchen, das er hatte haben wollen, hatte er nicht be- kommen. Jetzt, da er am Ziel war und ein ruhiges Alter vor sich sah, fing das Fleisch an zu pochen, vielleicht stärker als sonst, weil er im letzten Jahr nicht so streng gearbeitet hatte; vielleicht auch, weil er das Fleisch stärker gefüttert hatte, als es vertrug. Seine Gedanken begannen daher zu spielen, wenn er in der warmen Küche saß, und seine Augen gewöhnten sich daran, dem jungen Körper Klaras zu folgen, wie sie aus und ein ging. Die Blicke blieben allmählich haften, ließen sich nieder und ruhten, machten kleine Aus- fliige hierhin und dorthin, flogen fort, kamen wieder. Schließlich saß das Mädchen ihm im Auge: wohin er auch ging, iminer sah er sie. Aber eine andere, die sah auch; aber nicht Klara, sondern die Augen, die ihr folgten; und je mehr sie sah, desto mehr glaubte sie zu sehen; wie ein Gerstenkorn schlug es sich auf ihr Auge, das schmerzte und floß. Es war einige Tage vor Weihnachten. Es war dunkel geworden, aber der Mond war aufgegangen und schien klar über schneebedeckte Fichten, auf die blanke Bucht und de» weißen Boden. Ein karger Nordwind fegte trockenen Schnee vor sich her. In der Küche stand Klara und heizte den Backofen. während Lotte am Backtrog arbeitete. Carlsson saß in der Schrankecke, rauchte seine Pfeife und spann wie eine Katze in' der Wärme. Seine Augen waren draußen auf Spiel und sie erwärmten sich und ergötzten sich, als sie auf Klaras weißen Armen haften blieben, die aus dem Hemd heraus- ragten. „Willst Du nicht erst melken, che wir auffegen?" fragte Lotte. „Ja, das muß ich," antwortete Klara und zog eine Jacke aus Schafpelz an, nachdem sie Kratze und Wedel fortgelegt hatte. Dann steckte sie die Stallaterne an und ging hinaus. ? Als sie gegangen war, stand Carlsson auf und ging nach. � Nach einer Weile kam die Alte aus der Stube und fragte nach Carlsson. „Er ist Klara in den Stall nachgegangen," antwortete Lotte. Ohne auf näheren Bescheid zu warten, nahm die Alte eine Laterne und ging auch hinaus. Draußen blies ein scharfer Wind; aber sie wollte nicht umkehren, um sich etwas anzuziehen, da sie nur einen Stein- Wurf weit zu gehen hatte. Auf den Steinen rutschte sie aus und der Schnee wirbelte wie Mehlstaub, aber sie kam doch ziemlich schnell nach dem Stall und ging sofort zum Vieh hinein, wo es warm war. Dort stellte sie sich hin, um zu lauschen, und hörte, daß in der Schafhürde jemand flüsterte. In dem schwachen Mondschein, der durch die Spinngelvebe und Heuhalme der Scheune fiel, sah sie, wie die Kühe ihre Köpfe nach hinten drehten und sie mit großen, im Dunkel grün leuchtenden Augen anguckten. Der Schemel stand da und der Eimer auch. Aber nicht das wollte sie sehen; etwas anderes, etwas, das sie um alles in der Welt nicht hätte sehen mögen: etwas, das sie lockte wie eine Enthauptung: etwas. das das Leben aus ihr scheuchte. Ueber die Streuhaufen ging sie durch den Kuhstall und kam zu den Schafen. Da war es dunkel und still; die Laterne stand da, sie war gelöscht, aber das Talglicht rauchte noch. Die Schafe standen aus und raschelten mit trockenen Laubzweigen. Nein, das wollte sie nicht sehen. Sie ging weiter und kam zu den Hühnern; die waren auf ihre Pflöcke gepflogen und glucksten etwas, als seien sie eben geweckt worden. Die Tür stand offen, und sie kam wieder in den Mond- schein hinaus. Zwei Paar Schuhe, ein kleineres und ein größeres, hatten Spuren im Schnee hinterlassen; diese Spuren waren blau in den Schatten, und sie führten nach der Hagtür, die abgehoben war. Sie ging nach, als werde sie von jemandem geschleppt; wie eine Kette lagen die Spuren am Boden; an dieser Kette war sie angemacht und wurde nun von einer unsichtbaren Stelle im Hag gezogen. Und die Kette zog und zog, zog sie in denselben Hag, an demselben Zauntritt vorbei, unter dieselben Haselbüsche, wo sie ein anderes Mal, ein schreckliches Mal, eine Abendstunde erlebt hatte, an die sie sich nicht erinnern wollte. Jetzt standen die Haselbüsche nackt und trugen nur ihre neuen Knospen, die kleinen Kohlraupen glichen; an den Eichen raschelte das braune harte Laub im Wind; aber so dünn war das Laub, daß man die Sterne und den grünschwarzen Himmel sehen konnte. Und immer weiter erstreckte sich die Kette; schlängelte sich durch die Fichten, die ihr Schnee auf ihr graues, dünnes Haar warfen, wenn sie gegen die Zweige kam; auf Hals und Ztücken stäubte der Schnee, fiel über ihre gestreifte Bluse, kühlte und feuchtete. Immer weiter und weiter gings in den Wald hinein; das Auerhuhn flog von seinem Nachtzweig auf und erschreckte sie; über Moore gings, deren Schollen schwankten; über Feld- zäune, die krachten, wenn sie darüber setzte. Zu Zweien liefen die Spuren, die eine klein, die andere groß, Seite an Seite, bald ineinander tretend, bald»mein- ander, als ob sie getanzt hätten; über Stoppelfelder, von denen der Schnee abgeweht war; über Steinhaufen und Gräben, über Buschzäune und Windbruch. Sie wußte nicht, wie lange sie ging; aber ihr fror der Kopf und ihre Hände waren klamm; sie steckte die mageren, roten Hände bald unter den Rock, bald blies sie darauf. Sie wollte umkehren, aber es war zu spät; auch war der Rückweg jetzt wohl ebenso weit, als wenn sie geradeaus ging. Also vorwärts durch ein Espenwäldchen, dessen letztes Laub zitterte und raschelte, als friere es im Nordwind. Tann kani sie zu einem Zauntritt. Der Mondschein war klar und scharf; sie konnte deutlich sehen, dort hatten sie gesesien. Sie sah den Eindruck von Claras Rock, von der Jacke mit der Schafpelzverbrämung. Hier war es also gewesen! Hier! Sie zitterte in den Kniekehlen, fror, als sei ihr Blut Eis geworden; brannte, als habe sie kochendes Wasser in den Adern. Erschöpft setzte sie sich auf den Zauntritt nieder, weinte, schrie; plötzlich ward sie ruhig, stand auf und ging hinüber. (Fortsetzung folgt.) �Nachdruck verLoten.) 51 fcttchcn. Erzählung von Guy de M a u p a s s a n t. Deutsch von E."W. Herr und Frau Follendie aßen ganz am Ende des Tisches. Der Mann, der wie eine zersprungene Lokomotive ächzte, hatte viel zu viel Arbeit mit seiner Brust, um beim Essen reden zu können. Aber seine Frau schwieg nicht einen Augenblick. Sie er- zählte von allen ihren Eindrücken bei der Ankunft der Preußen: was sie taten, was sie sagten; verfluchte sie erstens, weil sie Geld kosteten, dann weil sie zwei Söhne bei der Armee hatte. Sie wandte sich vornehmlich an die Gräfin; es schmeichelte ihr, mit einer Dame von Stand plaudern zu können. Sie dämpfte ihre Stimme, um heikle Tinge zu erzählen; ihr Gatte unterbrach sie von Zeit zu Zeit:«Du tätest besser, zu schweigen, Madame Follenvie."— Aber sie kehrte sich nicht daran und fuhr fort: „Ja, gnädige Frau, das Volk frißt nur Kartoffeln und Schweinefleisch, und Schweinefleisch und Kartoffeln. Und glauben Sie ja nicht, daß sie sauber sind.— Wahrhaftig nicht! — Sie misten überall hin, mit Respekt zu sagen. Na, und Sic müßten sie stunden- und tagelang exerzieren sehen; sie sind immer auf einem Haufen:>— das geht vorwärts, das geht rück- wärts, das dreht sich links und dreht sich rechts.— Wenn sie noch wenigstens den Acker bebauten, oder an ihren Straßen arbeiten würden, bei ihnen daheim. Aber nein, gnädige Frau, dies Militär ist zu nichts nutz! Da muß das arme Volk sie füttern, dasür, daß sie nur morden lernen!— Ich bin nur eine alte ungebildete Frau, gewiß, aber wenn ich sie sehe, wie sie sich die Seele im Leibe schinden, um von früh bis spät herumzutrampeln, frage ich mich: Wo es Menschen gibt, die so viel erfinden, um zu nützen, müssen sich da andere so anstrengen, um Schaden zu stiften! Wahrhaftig, ist's nicht eine Schande, Menschen zu töten, egal ob sie Preußen sind, oder Engländer, oder Polen oder Franzosen?— Wenn sich wer rächt, weil ihm einer unrecht getan hat, so ist das schlecht, denn man verurteilt ihn ja; wenn man aber unsere Jungen er- schießt wie Wild, dann ist das recht, denn wer am meisten ausge- rottet hat, kriegt ja Orden!— Nein, sehen Sie, das werde ich nie verstehen!" Cornudet sagte mit erhobener Stimme: „Krieg ist Barbarei, wenn man einen friedlichen Nachbar angreift; er ist heilige Pflicht, wenn man das Vaterland vcr- teidigt." Die alte Frau senkte den Kopf: „Ja, wenn man sich verteidigt, ist's etwas anderes; aber sollte man nicht lieber alle Könige töten, die das zu ihrem Vergnügen machen?" Cornudets Auge erglühte:■ „Bravo, Bürgerin l" sagte er. Herr Carre-Lamodon versank in tiefes Nachsinnen. Er war zwar begeistert für die berühmten Feldherren, aber der gesunde Menschenverstand dieser Landfrau ließ ihn an den Reichtum denken, den so viel beschäftigunglose und folglich zerstörende Arme» so viel teuer brachliegende Kräfte in einem Lande schaffen könnten, wenn man sie bei den großen industriellen Werken verwenden würde, die Jahrhunderte zu ihrer Vollendung brauchen. Loiseau verließ seinen Platz und verhandelte ganz leise mit dem Wirt. Ter dicke Mann lachte, hustete, spuckte; sein ungeheurer Bauch hüpfte vor Freude über die Witze seines Gastes, und er kaufte ihm sechs Fäßchen Bordeaux für das Frühjahr ab. sobald die Preußen abgezogen wären. Gleich nach dem Essen ging man zu Bett, so erschöpft war man vor Müdigkeit. Loiseau aber, der die Vorgänge beobachtet hatte, hieß seine Frau zu Bett gehen und suchte. Auge und Ohr abwechselnd am Schlüflelloch. das, was er„Flurgeheimniffe" nannte, zu entdecken. Nach einer Stunde ungefähr hörte er ein Schlurfen, schaute rasch hin und bemerkte Fettchen, die in einem mit weißen Spitzen besetzten Morgenrock von blauem Kaschmir noch doller erschien. Sie hielt einen Leuchter in der Hand und ging auf die große Nummer hinten im Flur zu. Aber eine Tür öffnete sich nebenan. und als sie nach einigen Minuten zurück kam, folgte ihr, in Hosen- trägern, Cornudet. Fettchen schien ihre Tür energisch zu verieidi- gen. Leider verstand Loiseau kein Wort, aber als sie schließlich lauter wurden, konnte er einiges aufgreifen. Cornudet drängte lebhaft. Er sagte: „Ach, Sie find komisch, was ist dabei?" Sie schien entrüstet und antwortete: „Nein, mein Lieber, es gibt Augenblicke, wo man so etwas nicht macht, und hier wär's gemein." Er verstand offenbar nicht und fragte, warum. Sie wurde wütend und sprach noch lauter: „Warum? Sie verstehen nicht, warum? Wo Preußen im Hause sind, vielleicht im Zimmer nehenan?" Er schwieg. Dies patriotische Schamgefühl einer Hure, die sich nicht in der Nähe des Feindes berühren ließ, weckte äugen- scheinlich in seiner Brust die sinkende Würde wieder, denn er küßte sie nur und schlich sich in sein Zimmer zurück. Loiseau verließ ziemlich befeuert das Schlüsselloch, setzte mit einem Bocksprung ins Zimmer, zog sein Nachthemd an. hob das Bettuch, unter dem das feste Gestell seiner Gefährtin mgerte, weckte sie mit einem Kuß und flüsterte:»Hast Du mich lieb, Schatz?" Dann ward das ganze Haus stiS. Aber bald erhob sich irgend- wo, in einer unbestimmten Richtung— es konnte im Keller oder im Giebel sein— ein mächtiges, eintöniges Schnarchen, ein dumpfes, langgezogenes Geräusch, zitternd wie ein Dampfkesseln Herr Follenvie schlief. Da beschlossen war, daß man um 8 Uhr morgens abfahre» würde, fand sich alles in der Küche zusammen; aber der Wagen» dessen Decke ein Schneedach trug, stand einsam mitten im Hof, ohne Pferde und ohne Kutscher. Man suchte ihn vergeblich in Ställen, Scheunen und Schuppen. Die Männer machten sich sämtlich aus die Suche und gingen fort. Sie trafen sich wieder auf dem Platz, wo im Hintergrunde die Kirche und zu beiden Seiten niedrige Häuser standen, vor denen man preußische Sol- baten bemerkte. Der erste, den sie sahen, schälte Kartoffeln. Der zweite wusch weiter oben die Barbicrstube. Ein dritter mit einem dichten Vollbart küßte einen heulenden Knirps, den er auf den Knien wiegte und zu beruhigen suchte, und die dicken Bäuerinnen, deren Männer bei den„Kriegssoldaten" waren, verständigten sich mit ihren folgsamen Siegern über die Arbeit, die zu machen war: Holzzerkleinern, die Suppe anrichten, Kaffeemahlen; einer von ihnen wusch sogar die Wäsche seiner Wirtin, einer ganz ge- brechlichen Greisin. Verwundert erkundigte sich der Graf bei dem Mehner, der aus dem Pfarrhause kam. Die alte Kirchenratte antwortete:„O, die da sind nicht schlimm; das sind keine Preußen nicht, wie's heißt. Sie sind von weiterher; woher weiß ich nicht, und sie haben alle Weib und Kind zu Haus zurückgelassen: das macht ihnen keinen Spaß, die Kriegerei, wissen Sie! Ich bin sicher, daß man auch dort sehr nach den Männern weint, und das wird ein schreckliches Elend bei ihnen geben, wie bei uns. Hier ist man ja im Augenblick nicht sehr unglücklich, weil sie nichts Böses machen und arbeiten, als wären sie zu Haus. Sehen Sie, Herr, unter armen Leuten muß man sich wohl helfen.«. Die großen Herren machen den Krieg." Cornudet war entrüstet über das Bündnis zwischen Siegern und Besiegten, ging weg und blieb lieber in der Herberge. Loiseau fand ein Scherzwort:.Sie bevölkern wieder." Herr Carrc- Lamadon eine ernste Bemerkung:„Sie sühnen." Aber den Kutscher fand man nicht. Schließlich wurde er im Kaffeehaus ent- deckt, wo er brüderlich mit dem Sffiziersburschen zufammensaß. Der Graf rief ihn an: „Ist Ihnen nicht befohlen worden, um acht llhr anzuspannen?" „Ja. schon, aber man hat mir inzwischen anders befohlen." „Was?" „Ueberhaupt nicht anzuspannen.", „Wer hat Ihnen den Befehl gegeben?" „Wer? Ter preußische Kommandant." „Warum?" „Ich weiß nicht. Fragen Sie ihn selbst. Man verbietet mir, anzuspannen, ich spanne nicht an. Fertig!" „Hat er Ihnen das selbst gesagt?" „Nein, der Wirt hat mir seinen Befehl gegeben." „Wann?" „Gestern abend, als ich zu Bett gehen wolltet Die drei Männer gingen sehr unruhig zurück. Sie fragten nach Herrn Follendie, aber die Magd erwiderte, daß der gnädige Herr wegen seines Asthmas niemals vor zehn Uhr aufstehe. Er hatte ausdrücklich verboten, ihn früher zu wecken, ausgenommen bei Feuersgefahr. Sie wollten den Offizier sprechen, aber das war völlig un- möglich, obwohl er im Gasthof wohnte; Herr Follenvie allein war berechtigt, mit ihm über Zivilangelegenheiten zu reden. Man wartete also ab. Die Frauen gingen in ihre Zimmer zurück, und sie vertrieben sich mit nichts die Zeit. Cornudet ließ sich an dem hohen Küchenherd nieder, wo ein großes Feuer brannte. Torthin ließ er sich einen der kleinen Tische aus dem Cafe bringen, ein Glas Bier und zog seine Pfeife heraus, die unter den Demokraten beinahe so angesehen war wie er selbst, als ob sie dein Vaterland gedient hätte im Dienste für Cornudet. Es war eine prächtige, wunderbar angerauchte Meer- fchaumpfcife, so schwarz wie die Zähne ihres Herrn; duftend und glänzend schmiegte sie sich vertraut in seine Hand und vollendete feinen Charakterkopf. Er saß unbeweglich, die Augen bald auf das Herdfeuer gerichtet, bald auf den Schaum, der seinen Schoppen krönte. Und bei jedem Schluck ließ er mit zufriedener Miene seine langen, mageren Finger durch die langen, fettigen Haare gleiten. während er an seinem schaumgeränderten Schnurrbart sog. �Fortsetzung folgt.x Die JNIoraircbule. Sine Erinnerung an Detlev v. Lilien cron. Im Winter 1893 hielt sich Liliencron einen Monat in Leipzig auf. Ich lernte ihn damals im Kreise der„Ballonmützen" kennen, einer Gesellschaft von jugendlichen Literaturzigeunern. die jeden Donnerstagabend in einer Wemkneipe am Ranstädter Stein- weg ihre geräuschvollen Zusammenkünfte hatten. Den Mittelpunkt der trinkfesten imd streitfrohen Tafelrunde bildeten HansMerian (genannt„Pater Marianus") und Wilhelm Friedrich— der e'rstere der Redakteur, der zweite der Verleger des jüngstdeutschen Sturm» und Drangorgans„Die Gesellschaft". Der Dichter Liliencron war zu jener Zeit dem deutschen Publikum noch fast völlig unbekannt. Seine Gedichte und Novellenbücher lagerten in jung- fraulicher Unberührtheit in den Magazinen des Friedrichfchen Berlages. Der größte deutsche Lyriker der Gegenwart galt dem Volke der Dichter und Denker, soweit eS von ihm Notiz genommen hatte, teils als verrückt, teils als allzu unanständig. Dem königStreuen Baron leuchtete noch nicht die allerhöchste Gnadensonne(deren Gunst ihm übrigens auch später nur für kurze Zeit zu teil wurde) und seine Kriegsgeschichten hatten noch nicht Aufnahme in die preußischen Schullesebücher gefunden. Uni so größer war die Verehrung, die Liliencron aus den Kreisen dcS sogenannten jüngsten Deutschlands entgegengebracht wurde. Die Dichter und Kritiker, die damals die literarische und künstlerische Revolution propagierten, huldigten ihm mit Recht als der weitaus stärksten Künftlerpersönlichkeit und dem feinsten Formtalent unter den deutschen Poeten. Die Leipziger Ballonmützen waren ohne Ausnahme begeisterte Verehrer des DichterS und Menschen Liliencron: Von Angesicht freilich kannte a, ßer Wilhelm Friedrich ihn keiner von uns, und allerhand sagen- hafte Gerüchte über seine abenteuerreiche Vergangenheit und seine genialische Lebensauffassung und Lebensführung umgaben die Per- svnlichkeit des Heidcprinzcn mit einem phantastischen Nimbus. Die Freude und die Spannung waren daher groß, als der Pate, Marianus eines Tages die Nachricht örachte:„Detlev kommt nach Leipzig!" Der Grund, weshalb der in Altona wohnende Liliencron damals längere Zeit am Pleißestrand verweilte, war ein eigenartiger und hing mit der eben erwähnten genialischen Lebensführung zusammen. Es handelte sich nämlich um den Versuch einer finanziellen „Sanierung" des BaronS, der mit seinen jämmerlich geringen imd überdies durch alte Schulden geschmälerten Einkünften nicht haus- halten konnte und seinen ebenfalls nicht auf Rosen gebetteten Ver- leger durch überraschende und dringende Extraforderungen oft in Verlegenheit brachte. Es kamen nicht nur stürmische Briefe, sondern es liefen auch Telegramme ein, und zwar aus den seltsamsten Orten und zuweilen zur Nachtzeit, die die unverzügliche Auslösung des in der Klemme befindlichen Absenders heischten und notwendig machten. Friedrich hatte nmr beschlossen, diesen unbequemen Plötzlichkeiten ein Ende zu niachen und eine umfassende systematische Schuldentilgung zu arrangieren. Zur Erledigung dieser heiklen Angelegenheit wurde Liliencron nach Leipzig eingeladen. Das Geschäft hatte ungeahnte Schwierigkeiten. Denn da der Dichter es versäumt hatte, über die wechselreichen Ereignisse in seiner Haushaltung Buch zu führen, so konnte er einen Üeberblick über seine finanzielle Situation nur aus dem Gedächtnisse geben. Er erhielt von Friedrich einen weißen Foliobogen und sollte darauf die Namen der Gläubiger nebst den einzelnen Schuldensummen eintragen. Aber abgesehen davon, daß diese Arbeit bei der großen Ausdehnung und Mannigfaltigkeit der Verbindlichkeiten schon an sich eine ziemlich komplizierte und langlmerige war, mangelte es Lilien- cron auch an jeder Spur von geschäftlicher Sachlichkeit. Bei der Er- mnerung an jeden einzelnen Posten fiel ihm zugleich die Ver- anlassung zu dem betreffenden Pump und damit irgend eine Ge- schichte em, die er dann erst einmal, in der Erinnerung schwelgend, mit alle« Details zum besten gab. Z. V.:„Restaurateur Schulze: 75 Mark.--- Das war Himmelfahrt-- nein, Gründonnerstag. Berta I Berta! Aschblond und dunkelbraune Augen! Ich sage Ihnen, Friedrich: jeder Zoll ein Rasseweib I Aschblond und dunkelbraune Augen I Ich entdeckte sie ganz zufällig--- usw." Auf diese Weise nahmen� die Verhandlungen kein Ende. Täglich fielen dem Dichter neue Schuldenposten und neue Rasseweiber ein, mid der Leipziger Aufenthalt, der anfänglich nur aus wenige Tage berechnet war, dehnte sich über einen vollen Monat ans. Wilhelm Friedrich wollte diese Zeit auch in anderer Hinsicht nicht unbenutzt lassen. Er, der durch seinen Beruf alS Verleger gewöhnt war, mibefangen in die schwärzesten Abgründe deutscher Dichterseelen zu blicken, betrachtete auch den Bohemien Liliencron mit ver- zeihender Milde und glaubte in dem Herzen des freiherrlichen Zigeuners noch einige Lichtpunkte entdeckt zu haben, die einer er- zieherischen Pflege wert waren. Er faßte daher den originellen Entschluß, Liliencron in eine„Moralschule" zu nehmen. Der geniale Bummler sollte solide werden und vor allem einmal arbeiten lernen. Es wurde ihm ein möbliertes Zimmer gemietet; zn den Mahlzeiten erschien er im Friedrichfchen Hause und an barem Geld erhielt er wöchentlich fünf Mark ausgezahlt für„persönliche Be- dürfnisse". Die Vormittagsstunden nmßte er in der Redaktion der „Gesellschaft" zubringen, wo der Segen der Arbeit an einigen ver- lockenden Beispielen studiert werden konnte. DaS in den Kellerräumen des Friedrichschcn Hauses in der Sakomonfiraße gelegene Redaktionslokal war kein durchaus an- genehmer Aufenthaltsort, aber trotzdem hielt Liliencron dort tapfer aus und zeigte sich auch sonst in jeder Hinsicht als Musterknabe. Das wöchentliche Taschengeld von fünf Mark diente freilich regelmäßig dem heiteren Lebensgenuß in Gesellschaft eines Leipziger Rasseweibcs. Zu den sonstigen erlaubten Aus- schweifungen' des Moralbeflissenen gehörte an jedem Donnerstag- abend der Besuch der erwähnten Ballonmützcn-Korona. Gleich am Tage seiner Ankunft war er hier erschienen, durch Merian eingeführt. Sein erste» Anftreren enttäuschte ein wenig. Die kleine untersetzte Gestalt mit den steifen, etwas altfränkisch gezierten Bewegungen und der schnarrende Leutnantston paßten nicht recht zu dem Bilde, das wir uns von dem Gegenstande unserer Verehrung gemacht hatten. Aber bald taute der Freiherr auf und schien sich in dem Kreise wohl zu fühlen. Er erzählte Schwanke aus seinem Leben, las oft und offenbar gern aus seinen Gedichten vor und beteiligte sich mit großer Lebhaftigkeit an den meist sehr scharfen Debatten, mit denen die Ballonmützen sich ihren Rotspon zu würzen pflegten. Nur wenn das Gespräch aus politische Themata kam, verstummte er sofort, wandte sich demonstrativ ab und ergriff irgendeine ans dem Tisch liegende Zeitschrift, in deren Lektüre er sich vertiefte.„Mit eurem Sozialismus bleibt mir, bitte, vom Leibe. Ich bin „Kreuz-ZcitungS"-Mann, durch und durch I" Ganz so schlimm war es freilich nicht. denn die Devise seines angeblichen Leiborgans„Mit Gott für König und Vaterland", hinderte ihn nicht, sich gelegentlich als radikalen Atheisten,„durch und durch". zu bekennen im!» in allen Tonarten auf Kirche und Pfaffen zu schimpfen. Geradezu märcheichast war seine Fähigkeit, auS jeder nnschein« baren Blume, die er am Wege fand, den süßesten Honig zu saugen. Seine Phantasie verklärte alles, was ihn umgab. Er war ein feiner Weinkenner und trotzdem genoß er in guter Gesellschaft sogar das satanische Gesöff, das bei den Ballomnützen kredenzt wurde, mit sichtlichem Wohlbehagen. Eine Scchserzigarre konnte ihm, wenn er in Stimmunfl war— und et war immer in Stimnuing—. als die feinste Henry Clah gelten, und anf der Grimmaischen Straße wimmelte es zu jeder Zeit van„pompösen Rasseweibern". Ein un- verwüstlichcr Optimismus ließ ihn die ganze Welt in ewigem Maien- licht erscheinen und eine heiße Lust am Leben glühte und funkelte aus all seinem Gebaren. Nur die seltsamen hellblauen Augen waren stets von inelancholischcn Schleiern beschattet und be- hielten selbst im lebhaftesten Gespräch einen trüben und müden Ausdruck. Dem Lebensalter nach hätte Liliencron der Vater von uns allen sein können, seinem Tun und Reden nach war er weilans der Jüngste. Er war trotz seiner Jahre und seiner Hauptmannscharge ein kindlich fröhlicher Fahnen- junkcr geblieben und scheute vor keinem Fähnrichsstreich zurück. Aber in der Leipziger Moralschule führte er sich schlechthin musterhaft, und als der Monat sich dem Ende zuneigte, riet Merian, den Zögling mit dem Zeugnis der Reife zu entlassen. Der skeptischere Wilhelm Friedrich, der ebenfalls mit dem Resultat seines abenteuer- lichen Erziehungsversuchs vollauf zufrieden war, hatte nur noch in betreff der Einhändigung einer größeren Geldsumme seine Bedenken. Indes gelang es dem guten Pater Marianus diese zu zerstreuen, der Tag der Abreise wurde festgesetzt, der Musterknabe erhielt unter Segenswünschen mehrere blaue Lappen in die Hand gedrückt und empfahl sich in gerührter Stiinmung. Abends sollte er reisen und am späten Nachmittag begegnete ich ihm noch auf dem Augnstus« platz. Er war in strahlender Götterlaune und führte au jedem Arm ein unzweifelhaftes Rasieweib. Einige Tage vergingen und wir warteten vergeblich auf ein Lebens- zeichen aus Altona. Da, eines frühen Morgens— der Pater Marianus lag noch in tiefem Schlummer— fliegt McrianS Schlafzimmertür auf und hinein stürmt, mit staubigen Stiefel», den Hur auf dem Kopf: Detlev selber. In den Händen hält er ein leeres, mit der offenen Seite nach unten gekehrtes Portemonnaie, das er wie eine Ziehharmonika anfzieht und zusammendrückt. So führt er vor McrianS Bett einen Jndianertanz auf. Der überraschte Pater hatte sich kaum die Brille aufgesetzt und die Situation in ihrer ganzen Furchtbarkeit begriffen, als Liliencrons bacchantische Laune auch schon zu Ende war. Der Katzenjammer ergriff ihn.„Erbannen Sie sich. Bester, Teuerster I Stehen Sie anf und gehen Sie zu Friedrich I Bereiten Sie ihn mit aller möglichen Schonung vor. Sie wissen, er hat eS mit dem Herzen-- es könnte leicht einen Schlaganfall geben."„Was ist denn nm Gotteswillcn passiert?" „Merian! Ich sage Ihnen I Zwei Weiber I Unsagbar entzückend I Fulminant! Rasse! Schwestern! Zwillingsschwestern I---* „Was ist denn los, in des Dreideiwelsnamen?" Aber der Pater Marianus muhte sich gedulden. Es erfolgte zunächst eine packende Schilderung der körperlichen und seelischen Vorzüge der beiden Rasse- Weiber und eine begeisterte Darstellung der sröhlichen Erlebnisse der letzten zwei Tage und Nächte. Das niederschmetternde End- ergebnis war natürlich:„Das Geld ist hin."„Alles?"„Alles, bis auf den letzten Pfennig. Sehen Sie--" Und wieder zog er das Portemonnaie hervor und handhabte es mit trauriger Miene als Ziehharmonika.„Ich bitte Sie in aller Heiligen Namen, stehen Sie auf und gehen Sie zu Friedrich! Ich Wage es nicht, dem brutalen Kerl vor die Augen zu treten." Seufzend erhob sich Merian und begab sich in die Solomon- strahe, wo es seinen diplomatischen Talenten binnen kurzem gelang, die heikle Angelegenheit zum befriedigenden Ende zu führen. Wilhelm friedlich rückte noch einmal mit dem Reisegeld heraus.„Aber das itte ich mir ans, Merian: Sie begleiten ihn aus die Bahn und warten vor dem Coupee, bis der Zug abfährt I" Und so ge- schah's. Der Mann, der diese Fähnrichsstreiche ausführte, zählte damals bereits 49 Lenze. Oder vielmehr, er zählte sie nicht und dünkte sich mit Fug und Recht erheblich jünger. Als ich ihm kurze Zeit darauf zum 50. Geburtstag gratulierte, erhielt ich folgende Karte: „Herzlichen Dank, hochverehrter Herr Doktor. Fünfzig Jahre alt. Scheußlich. Aber wat geit mi dar an? Hatte von gestern zu heute HochzeitSnacht: Kraftmesser. Zwanzig Jahre alt l Hurrah I Ihr Liliencron." John SchikowSki. kleines f cinllcton* Medizinisches. Betäubung und Wiederbelebung durch Elektri- zttät. Vor einiger Zeit hat der französische Gelehrte Professor Ledue in Nantes eine eigentümliche Wirkung gewisser Ströme als „elektrische Narkose" beschrieben. Diese Betäubung rief er durch Elektrisierung der Ncrvenzentren mittels- eines Stroms hervor, der durch einen besonders konstruierten Unterbrecher hundertmal in der Sekunde unterbrochen wurde. Dieser sogenannte Ledue» Strom ruft bei Tieren Zustände hervor, die vollkommen der Aether- oder Chloroformnarkose sBetäubung) gleichen. An Menschen hatte ihn Ledue noch nicht versucht. Nunmehr berichtet„Lancet" über neue Experimente mit dieser Elektrisierungsmetbode, die von Dr. Louise Robinovitsch in New Aork angestellt sind. Nach ihren Beobachtungen läßt die elektrische Betäubung selbst bei der außer» ordentlichen Dauer von acht Stunden und daüber Blutdruck, Atmung und Temperatur so gut wie unverändert. Die Methode ist nicht nur zu vollständiger Betäubung, sondern auch örtlich anwendbar. Das Versuchstier ist in keinem einzigen Fall zugrunde gegangen. Die Leduc-Ströme brauchen zum Zweck der Betäubung nur eine Spannung von 5—10 Volt zu besitzen, die niemals lebensgefährliche Folgen mit sich bringen kann. Dr. Robinovitsch vermochte schwere chirurgische Eingriffe an Tieren wie Bloßlegung des Gehirn» der Halsschlagader. des Vagus-Nerven und der Unterleibsorgane mit gutem Erfolge aus- zuführen. Das merkwürdigste Ergebnis ihrer Versuche ist jedoch die anscheinend widerspruchsvolle Tatsache, daß der Leduc-Strom im- stände ist, Tiere nach der Elektrokution, die an und für sich in den Tod übergehen würde, wieder zum Leben zu erwecken. Das Tier wurde bei diesem Versuche an drei Körperstellen, am Kopf, in der oberen Rückengegend und am unteren Teil der Wirbel- säule rasiert. An diesen Stellen wurden Elektroden in der Weise angelegt, daß die Stelle unten am Rückenmark die Anode und die beiden anderen die Kathode bildeten. Dann wurde ein Strom von tödlichwirkender Stärke hindurchgeschickt, bis alle Zeichen des Lebens erloschen waren. Die Stromrichlung wurde nun umgekehrt und in Abständen von zwei bis drei Sekunden je eine Sekunde lang Leduc-Strom verabfolgt. Nach etwa dreißig- maliger Stromgebung trat plötzlich die Atmung wieder auf und nach längerer Zeit gelang es, das Versuchstier in seine gewöhnliche Verfassnng zu bringen. ES war überdies bereits bekannt. daß Starkstrom, der an sich verderblich wäre, in Fällen von Verletzung durch tödlichen Strom als gewagtes, aber bisweilen wirksame» RettungSmittel dienen kann. Ferner gelang es Dr. Robinovitsch, Tiere bei Herz- und Atmungsstillstand infolge von Betäubung mittels Aethers oder Chloroform durch den Leduc-Strom wieder herzustellen. Die Tragweite dieser Entdeckung erscheint außerordentlich groß, da angenommen werden kann, daß die elektrische Betäubung vielfache Verwendung gestatten wird, wo der Gesundheitszustand eines Patienten Chloroform und Aether verbietet. Technisches. DieLuftschiffhallederLuftschiffbau-Zeppelin» Gesellschaft. Die Luftschiffahrt hat bereits auch auf andere Gebiete der Technik befruchtend gewirkt und sie vor neue Aufgaben gestellt, deren Lösung vorzüglich gelungen zu sein scheint. Dazu gehört z. B. der Bau von ortsfesten und transportablen Luftschiff- hallen, von denen an erster Stelle die von der Brückenbau-Fleuder- Akttengesellschast entworfene Luftschiffhalle der Zeppelin-Geiellschaft in Friedrichshafen gehört. Die Halle, für deren Entwurf ein Preis- ausschreiben veranstaltet war, auö dem die obenerwähnte Gesellschaft als Trägerin des ersten Preise? hervorging, soll nicht nur als Hafen- halle, sondern auch für den Bau von Luftschiffen dienen. Bei einer Höhe von 20 Meter, einer Breite von 43 Meter im unteren Teil und 21 Meter im oberen Teil bietet die Halle genügenden Raum, um zwei Luftschiffe von den größten Dimensionen nebeneinander gleichzeitig aufzubauen. Die Dacheindeckung und die Wände be- stehen nach Mitteilungen in der„Zeilschr. d. Vereins deutsch. Jng." aus Stoffen von sehr geringer Wärmeleitfähigkeit, um im Innern der Halle eine möglichst gleichmäßige Temperatur zu schaffen. Bei größeren TcniperaturschwaNkungen würden die gefüllten Luft- schiffe sonst ihr Volumen zu schnell verändern und zu große Gasverluste erleiden. Die Decke besteht aus diesem Grunde und um die Eisenkonstruttion nicht zu sehr zu belasten, aus einer acht Zentimeter starken Eisenbelonschicht mit Ruberoidabdeckung. Bei den aus Eisenfachwerk bestehenden Wänden ist die Wärmeisolierung dadurch erzielt, daß zwischen dem äußeren und dem inneren Mauerwerk eine isolierende Luftschicht von zirka 6 Zentimeter Stärke gelassen ist. Bei den Giebelwänden, die als Tore ausgebildet sind und die daher».sonders leicht sein müssen, ließ sich die Mauerung nicht anwenden. Diese Wände bestehen außen und innen aus Wellblech mit einer dazwischen liegenden Kork- und Luftschicht. Damit die Halle mit Rücksicht auf die bei der Füllung entweichenden Gase rasch und gut entlüftet werden kann. ist eine in der ganzen Länge der Halle durchlaufende Laterne vorgesehen, die an beiden Seiten mit dreh- baren Klappen versehen ist. Außerdem erhalten die! Fenster große Lüftflügel. Besonders schwierig war die Frage der Be- leuchtung zu lösen, da die Halle einerseits sehr gut beleuchtet werden muß, und da andererseits die Fensterverglasung sehr viel Sonnen- licht durchläßt. Man half sich dadurch, daß man die im Dach und in den Wänden angeordneten Fenster mit einer doppelten Ver- glasung mit einer Luftzwischenschicht versah. Damit die Luftschiffe in der Halle in allen Teilen sehr bequem zugänglich sind, sind bewegliche und feste Arbeitsgalerien vorgeiehen. Außerdem sind an der Dachkonstruklion eiserne Leitern aufgehängt, die über die ganze Länge der Halle verfahren werden können. Die Tore bestehen aus vier einzelnen Scheiben von 20 Meter Höhe, die durch Elektromotoren zum Teil seitwärts ge- schoben, zum Teil gedreht werden, so daß die Halle in höchstens zehn Minuten geöffnet und geschloffen werden kann. Das ganze Gebäude, das augenblicklich sich noch im Bau befindet, wird vor- auSsichtlich im Herbst soweit fertig sein, daß mit dem Bau der Luft- schiffe darin begonnen werden kann. Lob. Kerantwortl. Redakteur: Hans Weber, Berlin.— Druck u. Verlag: Vorwärts Buchdruckerei u.Verlagsanstalt Paul Singer LrCo.. Berlin LW.