Anterhaltungsblatt des Vorwärts Nr. 156. Freitag, den 13. August. 190S (Nachdruck verdoteu.) 32) Die Inlelbauern. Roman don August Strindberg. Deutsch von Emil Schering. (Schluß.) Bald saß Gustad an dem großen Küchentisch, während der Pastor Branntwein, Preßsülze, Brot hervorholte und dem Ausgehungerten vorsetzte. Darauf beriet man, was man für die Gestrandeten tun könne. Jetzt in der Nacht Leute auszubieten und hinauszu» fahren, war verlorene Mühe; Feuer am Strand anzuzünden, war gefährlich, weil das Fahrzeuge irreführen konnte, wenn der Schein überhaupt durch den Schneesturm drang. Um Rundqvist und Norman auf der Kobbe stand es nicht so gefährlich, aber schlimmer war es um Carlsson bestellt. Gustav glaubte nämlich zu wissen, das Meer sei aufgebrochen und Carlsson verloren. „Es sieht gerade so aus, als müsse er für feine Taten büßen," meinte er. „Hör mal, Gustav," wandte Pastor Nordström ein, ich finde. Du bist ungerecht gegen Carlsson; und ich weiß nicht, was Du mit bösen Taten meinst. Wie sah der Hof aus, als er kam? Hat er ihn Dir nicht in die Höhe gebracht? Hat er Dir nicht Sommergäste verschafft und Dir eine neue Stuga gebaut? Und daß er sich mit der Witwe verheiratet hat? Sie wollte ihn ja haben. Daß er sie bat, das Testament zu machen, war noch kein Unrecht von ihm; daß sie es aber tar, war von ihr nicht wohl überlegt. Carlsson war ein flinker Kerl und hat alles getan, was Du tun wolltest, aber nicht konntest! Was? Willst Du vielleicht nicht, daß ich für Dich um die Witwe von Ovassa mit ihren achtzigtausend Reichs- talern freien soll? Nein, hör mal, Gustav, Du mußt nicht so streng sein! Man kann die Menschen von verschiedenen Ge» sichtspunkten betrachten!" „Mag sein; aber der Mutter hat er jedenfalls das Leben genommen; und das vergesse ich ihm nie." «Ach was. das hast Du vergessen, wenn Du zu Deiner Frau ins Bett kriechst! Und es ist noch gar nicht einmal sicher, ob Carlsson ihr wirklich das Leben genommen hat. Hätte die Alte sich zum Beispiel etwas angezogen, als sie an jenem Abend hinauslief, so hätte sie sich nicht erkältet. Daß er, der junge Kerl, mit dem Mädchen schäkerte, wäre allein ihr wohl nicht so nahe gegangen. So, damit wären wir jetzt im Reinen; nun wollen wir morgen früh sehen, was zu machen ist. Wir haben Sonntag und die Leute kommen in die Kirche, dann brauchen wir sie nicht erst aufzubieten! Geh jetzt schlafen und denk daran: des einen Tod ist des anderen Brot. Am folgenden Morgen, als die Leute vor der Kirche er- schienen, kam Pastor Nordström in Begleitung Flods. Statt in die Kirche hineinzugehen, blieb er in der Menge stehen. die bereits zu wissen schien, was geschehen war. Nachdem er mitgeteilt hatte, daß der Gottesdienst ausfalle, forderte er alle Mannsleute auf. sich mit ihren Booten, so schnell sie könnten, an der Pfarrbrücke zu versammeln, um die Schiff- brüchigen zu bergen. In der Menge mußte der Fremdling Carlsson Feinde haben, wohl infolge von Gemeindesachen, denn im Hinter- gründe murrte man und behauptete, das Gotteswort nicht entbehren zu können. „Ach was," wandte der Pastor ein;„so viel liegt Euch nicht daran, meine Schelte anzuhören, wenn ich Euch recht kenne. Was? Was sagst Du, Ovassaer. Du bist ja solch ein Schristgelehrter, daß Du gleich hörst, wenn ich mit meinen Predigten wieder von vorne anfange." Ein leises Lächeln ging durch den Haufen, und die Bedenken waren zur Hülste gehoben. „Wir haben übrigens in acht Tagen wieder Sonntag; dann kommt und bringt Eure Weiber mit; ich verspreche, dann Euch die Köpfe zu waschen, daß es für ein Vierteljahr vorhält. Seid Ihr nun einverstanden, daß wir den Esel aus dem Brunnen ziehen?" „Ja," murmelte die Menge, als habe sie Absolution für Entweihung des Sabbaths erhalten. Dann trennte man sich, um nach Haus zu gehen und sich umzuziehen. Das Schneegestöber hatte aufgehört, der Wind war nach Norden herumgegangen, und es herrschte kaltes, klares Wetter. Das Meer ging offen, wallte blauschwarz um die blendendweißen Kobben. Zehn Netzboote stießen von der Pfarrbrücke ab. Di« Männer hatten Pelzröcke an und Seehundsmützcn auf, brachten Beile und Dregganker mit. An Segeln war nicht zu denken; man hatte die Riemen bemannt. Der Pastor saß mit Gustav im ersten Boot, das von vier der steifsten Kerle gerudert wurde, und hatte den Bootsmann Rapp als Ausguck und vordersten Ruderer mitgenommen. Man war ernst gestimmt, aber nicht übermäßig traurig; ein Menschenleben mehr oder weniger zählte auf See nicht. Die See ging ziemlich hoch; das Wasser, das ins Boot kam, fror sofort, mußte aufgehauen und hinausgeworfen werden. Zuweilen kam eine Eisscholle angeschwommen, schrapte gegen den Bootsbord, tauchte unter und kam wieder in die Höbe; oft mit eingefrorenem Schilf, Laub, Holz, daS von den Ufern losgerissen war. Der Pastor spähte mit seinem Fernglas nach der Träl- schäre, auf der Rundqvist und Norman gefangen saßen. Bald warf er einen hoffnungsvollen Blick aufs Meer hinaus, in dem Carlsson wahrscheinlich ertrunken war; bald forschte er nach einer Spur auf den treibenden Eisschollen, nach einem Fuß, einem Kleidungsstück oder der Leiche selber. Aber vergebens. Nachdem man einige Stunden gerudert hatte, näherte man sich der Schäre. Rundqvist und Norman hatten schon von weitem die Entsatzflotte entdeckt und Freudenfeuer am Ufer angezündet. Als die Boote anlegten, zeigten sie mehr Neugier als Erregung, denn in eigentlicher Lebensgefahr waren sie nicht gewesen. „Nicht, solange man Land unter sich hat!" meinte Rundqvist. Da der Tag kurz war, begann man sofort das Boot zu heben und nach dem Sarg zu drcggen. Rundqvist konnte genau auf den Fleck zeigen, wo der Sarg lag, denn er hatte Meerleuchten im Wasser gesehen. Man zog Mal auf Mal, aber ohne etwas anderes in die Höhe zu bringen, als lange Tangranken mit Muscheln und anderem Getier; man dreggte den ganzen Vormittag, aber ohne Erfolg. Die Leute fingen an, müde und verdrießlich zu werden. Einige waren an Land gegangen, um einen Schnaps zu trinken, ein Butterbrot zu essen, Kaffee zu kochen. Schließlich erklärte Gustav, er glaube, es sei nichts weiter zu machen, da die Strömung den Sarg wahrscheinlich in die Tiefe gezogen habe. Da niemandem viel daran lag, die Leiche zu heben, und die Sache, streng genommen, keinen persönlich anging, emp- fand man eine gewisse Erleichterung, daß man sich nicht gc- fühllos gegen fremden Kummer zu zeigen brauchte. Um indessen dieses klägliche Ende einigermaßen abzu» runden, trat Pastor Nordström an Flod heran und fragte, ob er eine Andacht für die Alte halten solle. Das Buch habe er mit, und ein Kirchenlied könnten die Leute wohl auswendig. Gustav nahm den Vorschlag mit Dankbarkeit an und teilte ihn den anderen mit. Die Sonne war dabei, ihre kurze Bahn zu beenden, und die Kobben lagen in rosenroter Beleuchtung da, als sich die Leute am Strand versammelten, um der den Umständen an- gepaßten Beerdigung beizuwohnen. Der Pastor stieg, von Gustav begleitet, in ein Boot, ging in den Achtersteven, nahm sein Buch, steckte sein Taschentuch zwischen die Finger der linken Hand und entblößte seinen Kopf, während all« Männer am Strand die Mützen abnahmen. „Wollen wir„Ich bin ein Gast auf Erden" nehmen? Könnt Ihr das auswendig?" fragte der Pastor. „Ja!" wurde vom Strand geantwortet. Und dann stieg der Gesang empor, zuerst vor Kalb zitternd, dann vor Bewegung über das Ungewöhnliche in de» Feier und über die ergreifenden Töne in dem alten Lied, das so viele zur letzten Ruhe begleitet hatte. Die letzten Worte waren verklungen und hallten wieder über das Wasser, gegen die Schären, durch die klare Luft. Eine Pause entstand, während der man nur hörte, wie der Wind in den Nadeln der Maerkiefern säuselte, wie die Wogen an den Steinen plätscherten, die Möwen schrien, die Boote gegen den Boden stießen. Der Pastor wandte sein greises, gefurchtes Gesicht nach dem Meer hinaus: die Sonne beleuchtete seinen kahlen Kopf, dessen graue Haarlöckchen vom Wind wie die Hängeflechten einer alten Fichte zerzaust wurden. „Von Erde bist Du gekommen, zu Erde sollst Du wieder werden I Jesus Christus unser Erlöser wird Dich auferwecken am jüngsten Tag! Laßt uns beten!" begann er mit seiner tiefen Stimme, die gegen Wind und Wellen kämpfte, um gehört zu werden. In ein Vaterunser klang die Beerdigung aus. Nach dem Segen streckte der Pastor die Hand über das Wasser zu einem letzten Lebewohl. Man setzte die Mützen wieder auf. Gustav drückte dem Pastor die Hand und dankte ihm, schien aber noch etwas auf dem Herzen zu haben. „Herr Pastor, ich finde doch... Carlsson müßte auch einige Worte haben!" „Es war für beide, mein Junge! Es ist jedenfalls schön von Dir, an ihn zu denken," antwortete der Alte, der ge- rührter zu sein schien, als er wahrhaben wollte. Die Sonne ging unter: man mußte sich trennen, um nach Haus zu fahren, so schnell man konnte. Aber man wollte dem Flod noch eine letzte Aufmerksam- keit erweisen: nachdem man Abschied genommen hatte und alle in ihren Booten waren, folgte man ihm ein Stück Weges, formierte dann die Boote in einer Linie, wie beim Netzlegen, grüßte mit den Rudern und rief: „Lcbwohl!" � Es war eine Huldigung für die Trauer, aber auch für den jungen Mann, der jetzt in die Reihe der reifen Männer aufgenommen war. Und sein eigenes Boot steuernd, ließ sich der neue Herr des Hofes von seinen Knechten nach Haus rudern, um von nun an sein eigenes Fahrzeug über die windigen Flächen und grünen Sunde des launenhaften Lebens zu lenken. (Nachdruck verdolen.> 81 fetteben, Erzählung von Guy de Maupassant. Deutsch von K W. Beim Abendessen aber wurde der Bund geschwächt. Loiseau gebrauchte drei unglückliche Wendungen. Alles rackerte sich ab, um neue Beispiele zu entdecken, aber keiner fand etwas, bis die Gräfin, wohl ohne Vorbedacht, aus einem dunklen Bedürfnis, der Religion Ehrfurcht zu zollen, die älteste der Schwestern nach großen Taten aus dem Leben der Heiligen fragte. Die hatten diele Handlungen begangen, die in unseren Augen Verbrechen sein würden, aber die Kirche spricht solche Missetaten anstandslos frei, sofern sie zum Ruhm Gottes oder zum Wohle des Nächsten voll- bracht sind. Das war ein gewaltiger Beweis, und die Gräfin nützte ihn aus. War es eine jener stillschweigenden Verstäudi- gungen, jener verhüllten Willfährigkeiten, in denen sich auszeichnet, wer ein geistliches Gewand trägt; war es die Wirkung einer glück- lichen Einfalt, einer hilfreichen Dummheit— jedenfalls brachte die fromme Alte der Verschwörung eine ungeheuere Unterstützung- Sie schien schüchtern, zeigte sich aber beherzt, wortreich, leiden- schaftlich. Die war nicht verwirrt durch die Schlingen kasuistischer Vorsicht; ihre Lehre war wie ein Eisenstab; ihr Glaube zögerte niemals; ihr Gewissen kannte keine Einwände. Ganz sclbstver- ständlich das Opfer Abrahams! Sie hätte unverzüglich Vater und Mutter getötet, auf eine Weisung des Himmels; nichts konnte dem Herrn mißfallen, wenn die Absicht löblich war. Die Gräfin nutzte die heilige Autorität der unerwartet Mitverschworenen und führte sie gleichsam zu einer klärenden Umschreibung des Moral- satzcs:„Der Zweck heiligt das Mittel." Sie fragte sie: „Meinen Sie also, Schwester, daß Gott alle Auswege zuläßt Md die Tat verzeiht, wenn der Beweggrund rein ist." „Unzweifelhaft, gnädige Frau. Eine an sich tadelnswerte Handlung wird oft verdienstlich durch den Gedanken, der sie erfüllt." So wurde die Erörterung fortgesetzt, indem sie das Wollen Gottes entwirrten, seinen Ratschluß erkannten und ihn für Dinge sich interessieren ließen, die ihn wahrlich gar nichts angingen. Das alles war verschleiert, klug, diskret. Aber jedes Wort der heiligen Haube schlug Bresche in den empörten Widerstand der Dirne. Die Unterhaltung schweifte ein wenig ab, und die Frau vom Rosenkranz sprach von den Anstalten ihres Ordens, von ihrer Oberin, von sich selbst und ihrer niedlichen Nachbarin, der lieben Schwester Nikephora. Sie sollten nach Havre, um in den Hospitälern Hunderte von den Soldaten zu pflegen, die von den Blattern befallen waren. Sie schilderte diese Unglücklichen und die Einzelheiten ihrer Krankheit. Und während sie auf dem Wege durch die Launen dieses Preußen aufgehalten waren, konnte eine große Zahl Franzosen sterben, die sie vielleicht gerettet haben würden! Das war ihr Fach, Soldaten zu pflegen; sie war in der Krim, in Italien, Oesterreich gewesen, und wie sie von ihren Feld- zügen erzählte, entpuppte sie sich plötzlich als eine jener frommen Pauken- und Trompetenschwestern, die geboren scheinen, um den Fahnen zu folgen, Verwundete im Gewühl der Schlacht aufzuheben und besser als ein Kriegsführer mit einem Worte die starken un- geberdigen Söldner zu bändigen: eine echte Schwester Rataplan, deren zerlöchertes Gesicht ein Bild der Verheerungen des Krieges war. Niemand sprach danach ein Wort, so außerordentlich schien die Wirkung. Gleich nach dem Essen gingen sie wieder in ihre Zimmer, die sie erst ziemlich spät am Morgen wieder verließen. Das Mittagesscir war still. Die Aussaat von gestern sollte Zeit haben, zu reifen und Früchte zu tragen. Die Gräfin regte an, nachmittags einen Spaziergang zu machen; da nahm der Graf, wie verabredet, den Arm Fettchens und blieb hinter den anderen mit ihr zurück. Er redete mit ihr in jenem vertrauten, väterlichen, etwas herablassenden Ton, den die gesetzten Männer gegen die Dirnen anschlagen, nannte sie„mein liebes Kind", sprach mit ihr von der Höhe seiner gesellschaftlichen Stellung, seiner unbestreitbaren Ehrenhaftigkeit. Er drang sofort zum Kern der Sache vor: „Sie wollen uns also lieber hier sitzen lassen, sich selbst und uns allen Gewalttätigkeiten überliefern, die einer Niederlage der preußischen Truppen folgen würden,«he Sie sich zu einer Ge- fälligkeit verstehen, wie Sie sie doch so oft in Ihrem Leben gewährt haben?" Fettchen antwortete nichts. Er wirkte mit Milde, Vernunft, Gefühl. Er blieb immer„der Herr Graf", so galant er sich zeigte, wo es zweckmäßig war, so schmeichelnd liebenswürdig. Er feierte den Dienst, den sie ibnen erweisen würde, und auf einmal duzte er sie launig:„Außeroem, Kleine, könnte er stolz darauf sein, ein hübsches Mädel genossen zu haben, wie er in seinem Lande nicht leicht eine finden wird." Fettchen antwortete nicht und schloß sich den anderen an. Sobald sie daheim war, ging sie in ihr Zimmer und kam nicht mehr zum Vorschein. Die Aufregung war zum äußersten gespannt. Was würde sie tun? Wie fatal, wenn sie nicht wollte! Die Stunde des Abendessens kam; Fcttchjn wurde vergeblich erwartet. Herr Follenvie meldete, daß Fräulein Rousset sich nicht wohl fühle und daß man ohne sie essen solle. Alles spitzte die Ohren. Der Graf trat dicht an den Wirt heran und fragte ganz leise:«Ist's soweit?"„Ja."— Er hatte den Takt, den anderen nichts zu sagen, sondern gab ihnen nur einen leichten Wink. AuS jeder Brust drang ein tiefer Seufzer der Erleichterung, und die Gesichter heiterten sich auf. Loiseau rief:„Potzdonnerwetter, ich zahle einen Champagner, wenn's hier welchen gibt." Frau Loiseau befiel ein Schreck, als der Wirt'mit vier Flaschen im Arm kam. Alle waren auf einmal mitteilsam und laut geworden; prickelnde Heiterkeit erfüllte die Herzen. Der Graf bemerkte augenscheinlich, daß Frau Cärre-Lamadon reizend war, und der Fabrikant wurde gegen die Gräfin liebenswürdig. Die Unterhaltung wurde lebhaft, munter, witzig. Plötzlich hatte Loiseau ein ängstliches Gesicht, er hob die Arme und brüllte:„Still!" Alles schwieg, überrascht, beinahe erschreckt. Dann reckte er die Ohren und dämpfte mit beiden Händen:„Sstl", hob die Augen zur Decke, horchte wieder und sagte mit feinem natürlichen Tonfall:„Beruhigen Sie sich, alles geht gut." Man wollte nicht begreifen, aber alsbald huschte ein Lächeln über die Gesichter. Nach einer Viertelstunde trieb er dieselbe Posse und wieder- holte sie während des Abends noch des öfteren; er tat so, als ob er mit jemandem oben im ersten Stock redete, dem er im Geiste eines Wcinreisenden zweideutige Ratschläge erteilte. Mitunter setzte er eine traurige Miene auf und sagte:„Armes Kind", oder er mur- melte wütend zwischen den Zähnen:„Der Saupreuß!" Dann wieder, wenn gerade niemand mehr daran dachte, stieß er mit bebender Stimme heraus:„Genug, genug!" Und wie im Selbst- gespräch fügte er hinzu:„Wenn wir sie nur wiedersehen, wenn er sie bloß nicht totmacht, der Bube!" Diese Zoten waren zwar bettübsam geschmacklos, aber sie belustiFtcn doch und verletzten niemand; die sittliche Entrüstung hängt eben, wie alles andere, von den Umständen ab, und die Luft, die sich nach und nach gebildet hatte, war geschwängert mit schlüpf- rigen Vorstellungen. Beim Nachtisch wagten sogar die Frauen scherzhafte, verhüllte Anspielungen. Die Augen brannten; man hatte viel getrunken. Der Graf, der selbst in seinen lockeren Augenblicken die große, würdige Haltting bewahrte, fand einen sehr dankbaren Vergleich mit schiffbrüchigen Nordpolfahrern, die, im Eise eingefroren, nach langem Winter eine Fahrstraße gen Süden sich-öffnen sehen. Losgelassen, stand Loiseau auf, ein Glas Champagner in der Hand und rief:„Ich trinke auf unsere Erlösung." Sie waren alle aufgestanden und stimmten ein, selbst die Schwestern fügten sich der Einladung der Damen und netzten ihre Lippen mit dem moussierenden Wein, den sie bisher niemals ge- kostet hatten. Sie erklärten, das schmecke wie Brauselimonade, nur sei es feiner. Loiseau fand das Schlußwort für den Augenblick: „Schade, daß wir kein Klavier haben, sonst könnten wir eine Quadrille quetschen." Cornudet hatte kein Wort geredet, keine Bewegung gemacht; er schien in sehr ernste Gedanken versunken und zerrte zuweilen, mit einer wütenden Geberde, seinen großen Bart, als ob er ihn noch verlängern wollte. Als man schließlich gegen Mitternacht sich trennen wollte, klopfte ihm der schwankende Loiseau plötzlich aus den Bauch und sagte lallend zu ihm:„Sie sind heute abend nicht bei Humor; Sie sind stumm, Bürger!" Cornudet erhob jäh den Kopf und überflog die Gesellschaft mit einem erschreckend funkelnden Blick:„Ich sage Ihnen allen, daß Sie eine Gemeinheit verübt haben!" Er stand auf, ging zur Türe, wiederholte nochmals: „Eine Gemeinheit", und verschwand. (Schluß folgt.) (Nachdruck verboten.). Kannibalismus. Ans Deutsch-Ostafrika wurde vor einiger Zeit von einem Menschenfresserbunde berichtet, dessen Mitglieder wegen der verübten Morde von den Gerichten zum Tode verurteilt worden seien. Noch viel häufiger kommen solche Nachrichten aus einem anderen deutschen Kolonialgebiet: aus dem Bismarckarchipel. Wir lesen es dann schaudernd und beklagen solche Vorgänge, die wir als traurige Ver- irrungen des Menschen anzusehen uns gewöhnt haben. Aber auch unsere eigenen Vorfahren haben Kannibalismus geübt. Nicht etwa die alten Germanen oder andere erst spät ins Licht der Geschichte getretene europäische Völker. Jene Zeit liegt viel weiter zurück; es ist die„Urzeit", als der Mensch in Europa auf der allerniedrigsten Stufe der Entwickelung stand. Funde von Röhrenknochen mit Verletzungen, die nur das Herausziehen des Markes bezweckt haben können, beweisen prähistorische Anthropophagie (Menschenfresserei) auch in unserem Erdteil. Wenn wir uns vergegenwärtigen, daß die meisten fleischfressenden Tiere vor dem Fleische ihresgleichen nicht zurückschrecken und der Mensch auf niedriger Stufe den tierischen Gewohnheiten noch nicht allzu weit entrückt war, so werden uns diese Tatsachen nicht in Erstaunen setzen. Ueberhaupt ist der Kannibalismus wohl einmal sozusagen Gemein- gut aller Rassen gewesen. Tröstlich ist für uns Weiße dabei nur das Bewußtsein, daß er bei uns ohne Zweifel am frühesten verschwunden sein dürfte. Soweit sich die europäischen Strafgesetze zurückverfolgen lassen, fehlt die Erwähnung des Delikts des Mcnschenfraßcs vollständig; kein Gesetzgeber ist also aus die Vermutung verfallen, er könnte vorkommen. Auch bei primitiveren Völkern, als wir eS sind, ist die Anthro- pophagie im Abnehmen begriffen. Den Grund dafür vermögen wir nicht immer zu erkennen. Wie in den Kolonien die Regierung oder eine höhere Religion nachhaltig Einfluß oder Aufsicht ausüben, oder wo auch nur das Beispiel des Weißen wirksam ist, liegt die Ursache klar zutage. Als zum Beispiel die Fidschi-Jnsulaner, ehedem berüchtigte Kannibalen, durch die Berührung mit den Engländern soweit gebracht waren, daß sie eine Art von Verfassungsstaat bildeten, hörte auch ihr Kannibalismus auf. Aber wir wissen anderer- seit? von südamerikanischen Indianern, daß sie seit etwa hundert Jahren ihre kannibalischen Liebhabereien aufgegeben haben, ohne daß hier von außen her eine Einwirkung sich geltend gemacht haben kann. Von einem Aufhören der Unsitte ohne das Zutun der Weißen berichtet auch Mansfeld aus Kamerun: die Ekoi im Croßflußgebiet haben sie vor vierzig Jahren aufgegeben, d. h. 20 Jahre vor Ankunft der Europäer. ManSfeld nieinte, manche Eingeborene seien wohl von selbst auf das Unwürdige des Kanni- baliSmus aufnrerksam geworden, hätten von ihm abgelassen und schließlich den ganzen Stamm nach sich gezogen. Auch Parkinson verweist für den Bismarckarchipcl darauf, daß bei einer der Rasse nach einheitlichen und in den Anschauungen über Recht und Unrecht völlig gleichgearteten Bevölkerung die Ausfassung der einzelnen Stämme von» Kannibalismus ganz verschieden fei:„Es muß wohl eine Eigentümlichkeit der Menschheit fein, daß man auf Anthro- pophagen als auf eine tiefere, verkommene und verachtenswerte Stufe des Geschlechts herabblickt." Auf den Fidschiinseln hat es nach Basil Thomson auch zur Blütezeit des Kannibalismus immer ein- zelne Häuptlinge gegeben, die ihren Widerwillen gegen Menschenfleisch nicht überwinden konnten. Wenn nun auch aus verschiedenen Ursachen das Verbreitungs- gebiet des Kannibalismus sich überall mindert, so herrscht er doch noch in sehr großen Teilen der Erde. Hierbei ist allerdings zu bemerken, daß unsere Nachrichten darüber nicht immer einwandfrei sind. Dem Kannibalismus wird namentlich dort, wo ihm religiöse Vorstellungen zugrunde liegen, im geheimen gehuldigt, bcnach- barte Stämme werden nicht eingeweiht, und auch die eigenen Weiber dürfen meistens nicht teilnehmen. Da kommt es denn häufig— besonders in Südamerika und Afrika— vor, daß ein Stamm den andern ohne Grund der Anthropophagie verdächtigt, und je ferner ein verdächtigter Stamm wohnt, je weniger man also von ihm weiß, zu um so schlimmeren Kannibalen stempelt ihn die Fama. Nicht selten haben Stämme, zu denen ein ForschungSreisender kam, diesen am Vordringen land» einwärts durch die Erzählung zu verhindern gesucht, dort wohnten die denkbar wildesten Menschenfreffer. Gelang das, so wurden in der wissenschaftlichen Literatur ganz harmlose Leute zu Kannibalen. Man hatte dem Reisenden ein Märchen erzählt, um ihn ganz für sich selber zum Ausbctteln zu behalten. So weiß man wenig Sicheres über die heutige Verbreitung des Kannibalismus unter den südamerikanischen Indianern(Tupi, Karaiben; diese, spanisch Canibes, haben zu der Entstehung der Bezeichnung«Kanni- baten" die Veranlassung gegeben). In den Waldgebieten WestafrikaS von Liberia bis zum Ogowe, wo weder Christentum noch Islam viel Eingang gefunden haben, herrscht fast überall Kannibalismus, und im westlichen Aequatorialafrika bis zu den Seen und dem Nil hin ist er sogar weiter verbreitet, als man ursprünglich angenommen hat. Hier leben die sogenannten Pygmäen, die als die Reste der Ur- bevölkerung Afrikas angesehen werden. Ueber die interessante Frage, ob sie Anthropophagen sind, gehen die Nachrichten aus- einander. Einige Horden sollen es sein, andere nicht. Ein Wambutti- ziverg, den Dr. David darüber befragte, verneinte es mit allen Zeichen des Abscheues. In Ostafrika kommt Kannibalismus nur sehr vereinzelt vor. In Asien ist er heute eine noch viel seltenere Erscheinung, und sicher festgestellt ist er eigentlich nur bei den Bat als auf Sumatra. Anders wieder auf dem Aistralkontinent und auf den Inseln des Großen Ozeans. Wohl alle wilden Stämme des Erdteils Australien sind Anthropophagen, soweit nicht die Aufsicht der Weißen reicht. Die Papuas auf Neu- guinea sind es zum Teil ebenfalls; ferner die Melanesier in unserem Schutzgebiet, oblvohl es dort sogar innerhalb kleiner Archipele, wie der Admiralitätsgruppe,.einzelne Stämme gibt, die im Gegensatz zu ihren Nachbarn Menfchenfleisch nicht genießen. Die durch viele sympathische Eigenschaften ausgezeichneten Polynesicr — u. a. die Bewohner der Sandwichinseln— waren bis vor wenige» Jahrzehnten vielfach Kannibalen, und die gleichfalls polyncsischen Neuseeländer, die M a o r i, galten ja früher als Menschenfresser schlechthin und waren es auch. Selbst von den Eskimos sind Fälle von Kannibalismus bekannt geworden. RaSmussen ließ sich von den Ostgrönländcrn über eine Art krankhafter Mordmanie be- richten, die unter ihnen zu gewissen Zeiten eingerissen sei; dann sei das Herz des Ermordeten vom Mörder verzehrt worden. Warum ißt man nun das Fleisch seiner Nebenmenschen? Eine für alle Fälle zutreffende Erklärung läßt sich nicht finden, man hat es vielmehr mit verschiedenen Motiven zu tun. Hunger nebst Mangel an Fleischnahrung, Gewohnheit, Genußsucht, Rache, religiöse und abergläubische Vorstellungen spiele» eine Rolle. Auf den Tongan- inscln wurden Menschen in Zeiten von Hungersnöten verzehrt; so- bald aber diese Nöte behoben waren, hörte auch der Kannibalismus auf. Von den Maori Neuseelands glaubt Hochstetter, daß sie erst nach ihrer Einwanderung Kannibalen geworden seien, lveil eS auf jener Insel an genügende Fleischuahrung bietenden Tieren gefehlt hat. Bald nach 1840 habe die Unsitte aufgehört, nachdem sich dort europäisches Weh verbreitet hätte. Es find aber Fälle denkbar, daß nian zwar nur vom Hunger und Flcischmangel getrieben, sich am Menschen vergriffen, der neuen Kost aber so viel Geschmack abgewonnen hat, daß man bei ihr ver- blieben, der Kannibalismus also zur Gelvohnheit geworden ist. Damit steht dann das Motiv der Genußsucht in Verbindung. Daß Mcnschcnflcisch eine gesunde Nahrung ist und wilden Stämmen des Erdteils Australien gut schmeckt, wird von allen Anthropophagen behauptet. Der Gouverneur Hahl berichtet ans Ncumccklenburg, man sage, das Fleisch des Menschen komme dem Fleisch des jungen Schweines an Zartheit gleich. Auf Fidschi wurde das Fleisch junger Leute von lö bis 20 Jahren für das schmackhafteste gehalten. Eine Delikateste ist Menschenfleisch und namentlich Menscheufett für viele Australier. Aller- dings kommen sie nur selten zu diesem Genuß, weil ihr Erdteil äußerst dünn bevölkert ist. Nachsucht soll das Hauptmotiv für den Kannibalismus der Fidschi-Jnsulaner gewesen sein.«Ich Ivllrde dich fressen, wenn nicht die Regierung da wäre", ist dort noch heute die schwerste Drohung, die einer gegen den anderen ausstoßen kann. Zum Teil aus der Rachsucht erklären sich die furchtbaren Gransain« leiten, die hier mit den kannibalischen Festen verbunden waren. Am gründlichsten fühlte man seine Rache befriedigt, wenn man das sorgsam zubereitete Fleisch im Ofen verbrennen ließ, weil es für den Genuß zu schlecht wäre. Vom Menschenopfer zum Menschenfraß ist wohl nicht selten nur ein kurzer Weg, auch mag gelegentlich die umgekehrte Eni- Wickelung stattgefunden haben.„Nicht um des Fleischgenusses wegen, sondern um das Beste, was man hat, Gott zu opfern, ist Menschen- fleisch gegessen worden", wurde Mansfeld auf seine Frage nach dem Grunde der Unsitte erwidert. Aus Zentral-Celebes berichtet Paul Sarasin, daß man dort nur etwas Hirn und Blut des getöteten Feindes verzehre, was eine rituelle Bedeutung habe,«offenbar ur- sprunglich auf dein Gedanken beruhend, daß ein Teil der Seele des Getöteten dem sich einverleibe, welcher von dessen Fleisch ißt und von dessen Blut trinkt". Diese Leute find eigentlich also nicht Kanni- balen. Aehnlich die Wadoö in Dentfch-.l.)stafrika. Nach Stuhlmann wurde dort beim Tode eines Häuptlings ein fremder Neger mit tiefschwarzcr Haut getötet und in den Wald geschleppt, wo»in eigens dafür bestimmter Mann, dessen Amt erblich war, die Leiche mit Ausnahme der Hände ungesehen verzehren mußte. Aus der Hirnschale wurde ein Gefäß zmn Dlertrinlen für den neuen Häupt- ling gemacht. Auch hier scheint es sich um irgend eine religiöse Zeremonie zu handeln. Kannibalismus als ein Teil einer Talen- feier kommt nach Spencer und Gillcn bei einigen Siämmen Zentral« australiens bor. Dem Verstorbenen wurde der Kopf abgeschnitten und die Leber herausgenonimen. Der Körper wird dann zerlegt und die Stücke werden aus heißen Steinen gebraten, worauf man das gräuliche Mahl verzehrt. Die Frauen erhalten aber nichts. Schließlich werden die Knocken in ein Bündel geschnürt, das in der Gabel eines aufgerichteten Baumstumpfes feine Ruhestätte findet. Außerordentlich häufig begegnen wir nun der Anschauung, man mache durch den Genuß des Fleis ches eines getöteten Feindes sich dessen Kraft und Tapferkeit zu eigen? für fich allein kommt dieses Motiv aber verhältniSniäßig selten vor: eS verbindet fich meist mit einem der anderen genannten Motive. Gegessen werden nur selten Angehörige des eigenen Stammes. in der Regel vielmehr die gefallenen Feinde, die Gefangenen und die Sklaven. Die Gefallenen verzehrt man gleich nach dem Siege. wenn es sein kann. Die Gefangenen werden erst daheim bei passender Gelegenheit, nicht selten unter großen Quälereien, getötet und gefressen. Bei den Mangbatw im Nordoste!» der heutigen belgische» Rongokolonie, die Menschenfleisch jedem anderen Fleische vorzogcir, verfielen nach Schweinfnrth die erbeuteten Kinder der Küche des Königs, wtd man erzählte sich, daß für ihn fast täglich kleine Kinder geschlachtet würden. Auf Rubiana hebt man, wie Ribbe schreibt, die gefangenen Weiber>md Kinder für später auf. Die Mala in SLdkamerun machen nach Dominiks Aussage„planmäßig Menschen fett, um fie zu schlachten und verkaufen ihre Eltern, wenn diese alt und arbeitsunfähig geworden sind, an Stammgenossen wie über- ständige Rinder". Die Leiche»; eines natürlichen Todes Verstorbener werden»»ttr selten zl»m Fräße verwendet. Daß diese scheußliche Sitte in Zentralaustralien vorkommt, wurde sckon erwähnt. Auch von den Dieri und anderen Stämmen Südaustraliens erzählt es Gasen. Die Einzelheiten, die dieser Beobachter mitteilt, sind in hohem Grade lviderwärtig. Dabei wird auf eine bestimmte Ordnung gesehen. Die Mutter ißt von ihrem Kinde, daS Kind von der Mutter, nicht aber der Bater vom Kinde und um» gekehrt; der Mann ißt von seinem Schwager und seiner Schwägerin usw. UebrigenS wird hier Kindermord getrieben: man läßt, die Kinder einfach verhungern. Daß Leichen verzehrt werden, sagt ferner der Gouverneur Bell von den Bugischu in Uganda aus: daS Begraben eines Verstorbenen wird für eine NahrungSmittelverschwen- duilg gehalten. DaS Fleisch ihrer Rassegenossen scheinen alle Anthropophagen den anderer Rassen vorzuziehen. Von Interesse ist ihr Verhalten den Leichen erschlagener Weißer gegenüber. In dieser Beziehung ist näheres nur aus der Südsee bekannt, wo ja viele Europäer er- mordet worden find, viel mehr als in Afrika. Weiße schmecken nicht gut, so wird allgemein versichert. Die Fleischnahrung könnte das erklären: wir brauchen uns nur daran zu erinnern. daß wir selber im allgemeinen Widerwillen vor dem Genuß fleischfressender Tiere— Hunde, Katzenarten— haben. Die Salourousinsulaner sage»», ein schwarzer Mann sei„süß. ein weißer „bitter". Derselben Meinung sind die Oueensländer: das Fleisch der Weißen sei„salzig". Dagegen haben sie große Vorliebe für das Fleisch der Chinesen, die ja vorzugsweise Pflanzen- lReiS-) Esser sind. Salzig, d. h. widerwärtig, erschien auch den Fidschi-Jnsulaucrn daS Fleiich der Weißen. Durchmustern wir die heute dem Kannibalismus huldigenden Völler, so finden wir, daß das keineswegs die auf niedrigster Kultur« stufe stehendei» oder.wildesten" sind. Eher ist das Gegenteil der Fall. Die Polhnesier und die südamerikanischen Indianer sind zumeist recht liebenswürdige Menschen; jene haben auch eine ganz ansehnliche Kulturhöhe erreicht. Viele Melanesier überraschen durch die Höhe ihrer Kunsterzeugnisse, haben mit großem Scharfsinn gebaute Hochsee-Fahrzeuge. Harmlos ist die Rasse freilich nicht. Ist schließ- lich der materielle Zhilwrbesitz anderer Anthropophagen, wie der der Bewohner deS AustralkontinentS, auch gering, so ist ihr geistiger Kulturbesitz um so komplizierter, ja überraschend reich gegliedert, wie sich in neuerer Zeit herausgestellt hat. Entstehung und Eni- Wickelung deS KannibalisnmS find eben ganz unabhängig gewesen von dem Grade dessen, was wir Kultur oder Zivilisation nenncn. S. kleines Feuilleton. „Kleine Schwierigkeiten" im Verkehr mit dem MarS. Das phantastische Projett des amerikanischen Astronomen Pickering, der noch im Laufe diese« Jahres mit Hilfe gewaltiger Leuchtsignale der- suchen w.ll, mit den Marsbewohnern in Berkehr zu treten, wird jetzt im.English Mechanic" von dem Astronomen E. L. Larkin kritisch beleuchtet. Der Berkehr n»it dem Mars stößt auf allerlei „kleine Schlvierigkeiten". Zunächst ist der Zeitpunkt schlecht gewählt: wenn die Erde sich zwischen die Sonne und den MarS schiebt, können die Marsbewohner unseren Erdkörper nicht sehe»». Aber dieS ist nicht daS einzige Hindernis. Auf Grund genauer mathematischer Kalkulationen hat Larkin ausgerechnet, daß der Reflektor der dem MarS sichtbare Signale geben könnte, einen Durchmesser Von 83S Kilometer haben müßte. Nur wenn die Marsbewohner über ausgezeichnete Teleskope berfügett, würde bielleicht ein kleiner Reflektor von— 42 Kilometer Durchmesser genügen. Solch ein Reflektor würde 4 Mlliarden kosten. Zu seiner Konstruktioi» würde man alles Eisen, alles Glas, alle Kohle und alles Quecksilber der Erde benötigen. Und wenn dieser Apparat dann fertig wäre, so schließt Larkin seine Untersuchung mit unerbittlichem Ernste, dann ivürden die Dänmierungserscheinungen und die atmosphärischen Dämpfe die Signale unsichtbar machen. Aus dem Gebiete der Chemie. Benzin und Benzol. Oft werden diese beiden ähnlich klingenden Stoffe miteinander verwechselt; gar nicht selten kann man sogar der irrtümlichen Meinung begegnen, daß die Bezeich- nungen Benzin und Benzol nur verschiedene Namen für ein und dasselbe Material sind. Dem ist durchaus'nicht so. Sie sind nicht nur in ihrer chemischen Zusammensetzung grundverschiedene Stoffe. sondern werden auch aus völlig verschiedenen Rohprodukten ge- Wonnen. Das Benzin stammt aus dem rohen Erdöl, das auch RoM oder Robpetroleum genannt wird, und stellt das leichteste und flüchtigste Destillationsprodukt dieses Erdmaterials dar. DaS Rohpetroleum, das in vielen Ländern in riefigen Quantitäten zu- tage tritt, teils frei aus dem Erdboden quillt, teils mit Pumpen herausbefördert werden muß, wird bekanntlich einer sehr sorgfäl- tigen Reinigung unterzogen. Zu dem Zweck wird das Rohprodukt, das eine zähflüssige, schmutzigbraune Flüssigkeit darstellt, destilliert, d. h. es wird bis zum Sieden erhitzt und dadurch zum schnellen Vergasen gebracht. Die entweichenden Dämpfe werden darauf durch Abkühlung wieder verdichtet und verflüssigt. Da das Roh- Petroleum nun keine einheitliche Flüssigkeit darstellt, etwa wis Wasser oder Schwefelsäure, sondern ein Gemisch einer großen An» zahl chemischer Verbindungen, der verschiedenen Grerizkohlen- Wasserstoffe, verdampfen beim Erhitzen zuerst die flüchtigsten, d. h. am leichtesten siedenden Bestandteile. Sie werden in besonderen Vorrichtungen aufgefangen- Diese niedrig siedenden Teile deS Rohpetroleums bilden unser gewöhnliches Benzin. Die nicht so schnell siedenden Bestandteile bleiben in der Destillicrblase zurück; sie repräsentieren vor allem das Leuchtpetroleum und die noch schweren und zum Teil vollkommen dickflüssigen Schmieröle, die als letzte Produkte aus dem Erdöl bei dessen Destillation gewonnen werden. Das Benzin siedet schon bei 80 bis 100 Grad Celsius, also sehr niedrig, und vergast auch bei gewöhnlicher Zimmertemperatur recht beträchtlich. Diese Tatsache ist jedermann aus eigener Er» fahrui»g bekannt. Denn wir wissen alle, daß man eine Benzin- flasche nicht unverschlossen stehen lassen soll, da das ungemein flüchtige Benzin fortwährend in die umgebende atmosphärische Luft er»tflieht. In chemischer Hinsicht stellt es ein Gemenge mehrerer zur selben Gruppe gehöriger Kohlenwasserstoffe dar, von denen die wichtigsten, weil am reichlichsten im Benzin vertreteneu. das Hexan« Heptan, Oktan der Paraffinreihe sind. Ein ganz anderes Produkt isk das Benzol. Gewonnen fiiirS eS aus dem Steinkohlenteer, der als Nebenprodukt bei der Leucht» gasfabrikation in den Gasanstalten zurückbleibt. Dieser Stein- kohlenteer ist das Ausgangsmaterial sehr vieler in Technik und In» dustrie verwandter Stoffe; einer d-rwn ist daS Benzol. Einige andere der bekannteren sind die Karbolsäure, daS Lysol, Kreosot. Thymol. Die Trennung der Teerbestandteile erfolgt in ähnlicher Weise wie die der Erdölbestandteile. Der Teer wird also ebenfalls einer Destillation unterworfen, wiederum zu dem Zweck, die ver- schiedenen Bestandteile unter Benutzung ihrer Siedepunktdiffe- renzen zu trenne»». Als der flüchtigste und am niedrigsten siede»»!»« AMeil des Steinkohlenteers wird daS Benzol bei der Destillation gewonnen, und hat in seiner Gewinnungsweise also Achnlichkeit mit dem Petroleumbenzin. Es ist aber lange nicht so flüchtig und leicht vergasbar wie das Benzin, auch infolge eine? bedeutend ge- ringeren Wasierswffgehaltes bei weitem nicht so leicht entflamm- bar und explosiv. Während Benzin schon bei einer Temperatur von Minus 21 Grad Celsius zu entzü»»den ist. ist Benzol erst bei MinaS 8 Grad enflammbar. Immerhin gehören beide Stoffe aber doch zu den leichtest entflammbaren, die wir besitze»». Zum Vergleich sei bemerkt, daß der gewöhnliche Brennspiritus erst bei Plus 12 Grad, Leuchtpetroleum gar erst bei PluS 21 Grad oder noch höher Feuer fangen können. Die leichte EntzündungSfähigkeit des Benzins und Benzols beruht auf ihrer im Vergleich mit anderen Brennstoffen außerordentlich hochgradigen Vergasung, die ohne be- sondere Erhitzung schon bei Zimmertemperatur eine recht bedeu- tel»de ist- Chemisch gehört das Benzol zu den aromatischen Kohlen» Wasserstoffen und bildet das theoretische Ausgangsprodukt für die zahllosen aromatischen Verbindungen der organischen Chemie, während die Bestandteile deS Benzins zu den Fettkörpern, die gemeinhin auch als aliphatische Verbindungen gegenüber den aro» matischen bezeichnet werden, zählen. DaS Benzol enthält nur etwa halb so viel Wasserstoff wie Benzin, dafür entsprechend mehr Kohlenstoff als dieses. Das Petroleumprodukt Benzin und das Steinkohlentcerdestillat Benzol sind also in ihren chemischen und physikalischen Eigenschaften voneinander ebenso verschieden wie die Rohprodukte, aus denen fie hergestellt werden, völlig andere sind. Freilich lassen fie fich wegen gewisser allgemeiner Eigen- schaften zu ähnlichen Zwecken, etwa zum Betrieb von Automobil- motoren, verwenden, in ihren feineren Beziehungen stellen fie aber doch recht verschiedene Stoffe oar. Verantwortl, Redakteux; Hans Weber« Verlin. Druck u. Verlag: Vorwärts Buchdruckerei u.Verlag»anjtalt Paul Singer S»Eo..Berlin TW.