Anlerhaltungsblatt des Horwärts Nr. 161. Freitag, den 20. August. 1909 1........—e— � 1 1............. a——» .(Nachdruck VerVoten.) e] Der Vorzugsrchüler» Von Marie v. Ebner-Eschenbach. Primus— der Sohn des Schlossers. Pfanner hatte Plötz- lich einen gallbitteren Geschmack im Munde, und das Essen Widerstand ihm. Sein Georg war nur in der ersten Klasse Primus gewesen, in der zweiten zweiter Vorzugsschüler, und nun in der dritten konnte ers allem Anschein nach gar nur zum Vierten, dem letzten Vorzugsschüler, bringen. Er hatte ein „Genügend" gehabt in Griechisch und ein„Befriedigend" in Geometrie. Wohin kam er, wenn er es von nun an nicht zu lauter Vorzugsklassen brächte? Wohin überhaupt, wenn er in seinen Leistungen von Jahr zu Jahr zurückblieb? Pfanner sah alles schon verloren, alle Mühe umsonst angewendet, alle Opfer umsonst gebracht. Der Sohn würde am Ende auch nichts anderes werden als der Vater, ein armseliger, kleiner Beamter. Dieser Sohn, dem alle Hilfsmittel geboten waren, der nur die Hand nach ihnen auszustrecken brauchte. Aber es ging ihm zu gut, der Hafer stach ihn, und er überließ sich seinem Leichtsinn und seiner Faulheit. Von Erbitterung er- füllt, mit dem Vorsatz, die Zügel schärfer anzuziehen, war Pfanner nach Hause gekommen. Da fand er seine Frau müßig im Zimmer sitzend und dem Vogelgesang lauschen, den sein großer Bub, im Alkoven versteckt, nachahmte. „Schämst Dich nicht?" fuhr er ihn an, als Georg auf seinen Befehl hervortrat.„Hast Ehr im Leib oder keine? Was trägst da in der Hand? Aufmachen die Hand!" Der Knabe gehorchte. Der Gedanke, eine Entschuldigung vorzubringen, kam ihm gar nicht. Pfanner erfuhr alles, und sein Unwillen, seine Entrüstung kannten keine Grenzen. Dieser Bub! Wirklich ein ungeratener Sohn. Spielt da, der bald Vierzehnjährige, mit einer Lockpfeife, oder was das ist. Spielt bei Tag und Nacht, ja, ja—■ er besann sich jetzt— hat noch die Eltern zum Narren gehalten. Wenn er abends lernen soll, fallen ihm die Augen zu, spielen kann er bis in die Nacht. „Aber wart nur... Her mit dem Quark!" Ein fruchtloser Widerstand des Schwächeren, ein rascher Sieg des Stärkeren, ein Armschwung... Das Fenster stand offen— die Nachtigall flog hinaus. Frau Agnes zuckte zusammen. Georg stand mit weit auf- gerissenen Augen: „Vater, meine einzige Freud!" schrie er auf, und galt es es nun, was es mochte, die härtesten Worte, die grausamsten Schläge, er mußte weinen um seine„einzige Freud", weinen, schluchzen, sich auf den Boden werfen und sich winden in Trost- losigkeit und Verzweiflung. Daß der Vater tobte und schrie, hörte er nicht, daß der Vater einen Knoten ins Taschentuch flocht, sah er nicht, daß Hieb auf Hieb auf ihn niedersauste, fühlte er nicht. Er wußte und fühlte nur, daß er ein armes Kind war, dem immer das weggenommen wurde, woran sein Herz ihm hing. „Aufstehen! Still! Augenblicklich still!" wetterte Pfanner und hatte nicht das geringste Mitleid mit dem Kinde, das sich endlich vom Boden erhob und heftige Anstrengungen machte, sein Schluchzen zu unterdrücken. Vielmehr forderte sein Zorn noch ein Haupt, sich darüber zu ergießen. Wer trug Schuld an dem frevelhaften Leichtsinn des Buben, wer unter- stützte ihn noch darin? Die Mutter, die verbrecherisch schwache. törichte Mutter! Wenn aus dem Buben nichts wird, wenn er heranwächst zu einer Last und sogar Schande der Eltern— Müßiggang ist aller Laster Anfang— wenn er elend untergeht, fällt die Verantwortung dafür auf ihr Gewissen, und sie wird einst zur Rechenschaft gezogen werden. Pfanncr verstand es, seine Umgebung stumm zu machen. Es kam kein Laut über die Lippen seiner Frau. Bis zu einem gewissen Grade hatte sie sich im Laufe ihrer Ehe an sein maß- ioses Uebertreiben gewöhnt, und jetzt freute sie sich gar, daß seine Vorwürfe s i e trafen. So diente sie ihrem Jungen eine Zeitlang wenigstens als Schild. Der Mann schrie und tobte, und dabei zog er den Rock und die Weste aus und legte sie sorgfältig auf einen Sessel. Sogar in der Wut gegen seine nächsten Menschen verfuhr er schonend mit seinen Sachen. Nun entstand eine Pause, aber nur als Vorbereitung zu einem neuen Schrecknis, zu der Frage: „Sind die Aufgaben gemacht?" „Ich werd sie morgen machen," erwiderte Georg bang und zögernd.„Morgen ist Sonntag..." „Ja so. Bring die Aufgaben!" Pfanner sah sie durch. „Eine Fabel aus Deutsch in Latein übersetzen. Griechische Grammatik zu lernen: Unregelmäßigkeit der Deklination. Geometrie: Drei Aufgaben. Geschichte: Wiederholung, von den Kreuzzügcn bis zu Rudolf von Habsburg. Und von alle- dem nichts gemacht? Nichts? Das alles soll morgen bewäl- tigt werden?" Er dekretierte:„Geschichte heute noch wieder- holen, aufmerksam durchlesen. Wenn man am Abend etwas aufmerksam durchliest, weiß man es am nächsten Morgen wörtlich." „Es sind sechsundzwanzig Seiten," wagte Georg einzu- wenden. „Zweiundzwanzig, vier Seiten nehmen die Illustrationen ein." Er legte das Buch vor ihn hin:„Setz Dich, lern!" Der Knabe tat, wie ihm geheißen worden. Gut also, gut, so setzt er sich denn hin und lernt. Daß er müd und schläfrig ist, was liegt daran, ihm ist alles recht, er lernt. Wenn er sich nur zu Tode lernen könnte, das wäre ihm das allerliebste. Wenn er tot wäre, hätte er Ruhe, und seine Mutter hätte Ruhe, brauchte sich seinetwegen nicht beschimpfen lassen. So begann er denn zu lesen:„Schon in den ersten Jahrhunderten trieben Andacht und Glaubensinnigkeit die Christen zu den heiligen Stätten..." * An schönen Sonntagnachmittagen unternahm Pfanner regelmäßig einen Spaziergang, und Georg durfte ihn be- gleiten. Ein Vergnügen, auf das die Mutter längst frei- willig verzichtet hatte, und von dem das Kind trauriger heimkehrte, als es ausgewandert war. Mit dem Vater spa- zieren gehen bedeutete, an jeder Unterhaltung, jedem Genuß vorüber gehen. Dort drüben, im lustigen Prater, wurde nach der Scheibe geschossen, im Luftschiff, im mechanischen Ringelspiel gefahren, da gab's Theateraufführungen, Wachsfigurenkabinetts, eine Damenkapelle, Zigeunermusik. Und ein Aquarium und ein Panorama und so vieles schöne noch, von dem Georgs Mitschüler zu erzählen wußten. Wenn er eine Anspielung wagte, eine Fragte stellte:„Warst Du schon einmal im Wurstelprater? Hast Du schon einmal die Zigeuner spielen gehört?", antwortete der Vater voll Ver- achtung: Was man im Wurstelprater zu sehen und zu hören bekäme, sei nur elendes Zeug, an dem nur ungebildete und rohe Menschen sich zu ergötzen vermöchten. Im Bogen wich er allem aus. was seine eigene Neugier hätte reizen können oder gar ihn selbst in Versuchung bringen, sich einen guten Tag zu machen. Einmal in einem Jahr, nein— einmal in vielen Jahren. Er wollte nicht! Wollte nicht ein paar Gulden unnötig ausgeben, die ins Sparkassenbuch des Kindes gelegt werden könnten. Als sie nach Hause kamen, erwartete sie ein gutes, kräf- tiges Abendessen. „Weil heute Sonntag ist," entschuldigte sich Agnes, da Pfanner ihr neuerdings Verschwendung vorwarf. Es war ein Verdacht in ihm rege geworden, den er nicht aussprach, der ihn aber quälte, und der entweder getilgt oder gerechtfertigt werden mußte. Kürzlich hatte er sich um Lebensmittelpreise erkundigt, hatte gerechnet und heraus- gebracht, daß die Ausgaben, die sich seine Frau fortgesetzt erlaubte, unmöglich mit dem ihr zur Verfügung gestellten Küchengelde bestritten werden konnten. Erarbeitet wollte sie den Ueberschuß haben? Lächerlich! Er, der Sohn einer armen Näherin, wußte, was seine Mutter verdient hatte mit täglich zwölfstündiger emsiger Arbeit. Ihm ins Gesicht sollte seine Frau, die ihren Haushalt ohne jegliche Unter- stützung bestellte, nicht behaupten, daß sie imstande sei, sich eine regelmäßige Einnahme zu verschaffen. Womit also bestritt sie die Mehrauslagen? Pfanner begnügte sich nicht lange mit den ausweichenden Antworten, die sie ihm gab. Eines Tages stellte er ein scharfes Verhör an, und sie, in die Enge getrieben, angeekelt von der erniedrigenden Pein, immer neue Ausflüchte ersinnen zu sollen— gestand. - 642— Ja denn, ja, sie verkaufte, sie versehte, sie gab ihr Letztes ?er, damit das Kind, das in fortwährender geistiger An- spannung lebte, ordentlich ernährt werde, in den Jahren der Entwicklung und des stärksten Wachsens. Pfanner zürnte, höhnte' Was hatte denn er gehabt in diesen selben Jahren? Wer hatte denn gefragt, wie er sich nährte? Georg wuchs auf wie ein Hofratssohn im Vergleich zu ihm. Er, zu vierzehn Jahren, hatte sich fein Brot.selbst verdienen müssen, sein Brot im Sinne des Wortes I Und nicht etwa ein frisch gebackenes. Die Entbehrungen hatten ihm sehr gut angeschlagen, er war immer gesund geblieben. Warum sollte sein Bub anders geartet sein als er, und wie ein Weichling behandelt werden, den man aufpäppeln muß? Agnes beharrte zum ersten Male während ihrer langen Ehe im Widerstand gegen den Mann. Der Augenblick, den sie so sehr gefürchtet hatte, war gekommen und fand sie stärker, als sie geglaubt hatte, sein zu können. Ruhig ließ sie die Anklagen Pfanners über sich ergehen, und indes er ihr vorwarf, ihn hintergangen zu haben, grübelte sie nach über eine Möglichkeit, ihn noch weiter zu hintergehen. Es mußte sein um des Kindes willen. So widerstandsfähig wie sein Vater gewesen, war eben der blasse, hochaufgeschossene Junge nicht, der jetzt mit einem: «Guten Abend, Vater und Mutter!" eintrat und schlver- atmend an der Tür stehen blieb, als ob die gewitterschwüle Atmosphäre, die im Zimmer herrschte, ihm auf die Brust «fallen wäre. (Fortsetzung folgt.)! (Nachdruck»ertöten.} Die Ziege, Von Carl Busse. (Schluß.) Aber gleich wird er stumpf. Es ist ja Unsinn, was er da phantasiert. Das Gymnasium brennt nicht— er wird nicht lachen, sondern lachen werden die Schüler, werden sich aufstellen, wenn der Gendarm ihn holt. Wohin? Ins Gefängnis? In die Klipp- schule? Nein, nein— den Spaß verdirbt er ihnen! Lieber sterben! Sterben wie Wladek Sikorski voriges Jahr starb! Da schwankte der Sarg hoch über allen Häuptern— fast so hoch wie Väterchen damals auf den Schultern der Menge— und das Silber blitzte dran— fast wie die silbernen Taler im rötlichen Fackelschein—, und ein Riesenzug wogte hinter dem Sarge her— alle Gymnasiasten, von der Prima bis zur Sexta— alle Lehrer— eine schwarze ungeheure Masse, fast so groß wie die, welche damals ums Haus toste. Und der kleine Sikorski, um den sich sonst niemand gekümmert hatte, war mit einem Male eine Hauptperson, um die sich alles drehte. Nur weil er tot war! Ein triumphierendes Lächeln glitt über das Gesicht des Schneiderjungen. Höhnisch zuckten seine Lippen. „Rache! Rache! Rache!" dachte er. Es berauschte ihn. Und seltsam mischte sich in das Bild immer das andre, wie sie den Vater geehrt und nach Haus gebracht hatten. Da war die Königsscheibe noch— die Königsscheibe— Und im Winkel lag Zuckerschnur. Aber die eiserne Kramme war zu hoch; er langte nicht hinan. Vielleicht, wenn er sich irgendwo'raufstelltc.... Doch es war nichts hier. Nichts? In der Ecke stand ja noch der alte Feuereimer. Wenn man ihn umdrehte, sich'raufstellte — dann ging es vielleicht. ... Und alle, alle hinter ihm drein... hinter ihm, den sie verhöhnt, verachtet, gemieden hatten... alle ihm zu Ehren schwarz! Er lächelte... lachte. Mit seinen langen Knochen machte er eine Bewegung, als nehme er wie ein König den ganzen Zug ab. Aber plötzlich schrak er auf. In furchtbarer Angst verzerrte sich sein Gesicht. Was war das? Wer sprach da? Sein eigener Atem keuchte so, daß er nicht hören konnte! Doch jetzt vernahm er es deutlich. Das war der lange Modlin— das war seine Stimme— er kam ins HauS— zeigte ihn an— jetzt würden sie ihn suchen — ihn abführen— Ohne Atem zu ho�en, ohne sich zu besinnen, raste er in die Ecke, knüpfte die Schlinge, schleppte den Feuereimer heran, stellte sich herauf... Es reichte! Er war groß genug! Er kam gerade an die Sframme, an der die mächtige Scheibe hing. Und mit Händen, die in fiebernder Hast nicht schnell genug waren, warf er die Schnur darüber, steckte das käsige, spitznasige Gesicht, das jetzt die Erregung leicht gerötet hatte, durch die Schlinge und horchte. Nichts... nichts! Nur das eigne Herz... und das Blut... Aber da.». das war Modlin, der lange Modlin. Er sprach ... man hörte cS ganz deutlich. Alle seine Sinne spannten sich. „Suchen... suchen"— daS eine Wort kam wieder hoch— er der- stand es.» Und wie Lachen und Hohn blitzte eS in seinen Augen auf— glücklich fast— und mit einer wilden, triumphierenden Bewegung. als stoße er damit die ganze verächtliche Welt von sich, schleuderte er mit einem Fußtritt den Feucrcimer, der ihm Stand und Halt gab, zur Seite... Polternd kollerte er über die rohen Dielen.— Sie hatten es drunten gehört. «Ach so," sagte die Schneiderfrau und blickte die Treppe hinan —„er steckt wieder auf dem Boden." Und mit ihrer harten Stimme:„Philipp Philipp!" Auch der lange Modlin starrte mit einem ratlosen, halb ve» ängstigten Gesichte empor. Er hatte gerade wieder gehen wollen— weiter suchen.— so lange suchen, bis er die Ziege gefunden hatte. Denn immer schwerer hatte sich eine dumpfe Last und Scham auf ihn gesenkt, hatte ihm die Kehle geschnürt, daß er an seinem Mittagessen würgte, hatte ihn endlich hierher getrieben in das ärmliche Haus. Er war ganz fassungslos gewesen, als auch hier niemand von dem Verbleib lles Jungen wußte. Bis im letzten Moment neue Hoffnung wach ward. „Könnt' ich vielleicht mal nachsehn?" fragte er fast bettelnd und wies nach dem Boden. Die Schneiderfrau wunderte sich: es kam doch sonst kein Schul- kamerad zu ihrem Jungen. Aber sie hatte mehr auf dem Köpft sie nickte nur. Und hastig, immer drei Stufen auf einmal nehmend, flog der langx Modlin die Treppen eigpor. Er sah es sofort trotzdem es hier oben dämmriger Kar und nur eine Dachluke schwaches Licht spendete. Als könnten ihn die Knie nicht mehr tragen, knickte er zusammen. Doch dann, mit ersticktem Laut, flog er auf die hängende, noch von dem Schwünge hin und her pendelnde Gestalt zu, hob sie, als gälte es, sein Lieb- stes zu retten, machte die Schlinge los, schwang und wiegte wie sinnlos den hageren Körper einen Moment in seinen Armen und legte ihn dann nieder. Er hatte mal gesehen, wie an einem Er- trunkenen Wiederbelebungsversu.che gemacht wurden. Und wie ein Verzweifelter griff er nach den knochigen Armen der Ziege und führte sie rastlos auf und nieder. Der Schweiß trat ihm auf die Stirn. Er sah nicht, hörkS nicht— immer nur die mechanischen Bewegungen«,. auf, ab.,» auf. ab. Doch plötzlich war eS ihm, als ob er Widerstand fände, als ob sich der Junge bewegte, als ob durch einen halben Liderspalt dig Augen sichtbar würden. Eine übermächtige Freude, die ihn fast betäubte, überkam ihn. Er hob den Körper, preßte ihn, schüttelte ihn wild wie einen jungen Hund. „Majcwski!,.. Majewski!" Und beim dritten Ruf öffneten sich die Augen ganz und starrten verständnislos, als kämen sie auS fremden Landen und könnten sich noch nicht zurechtfinden, in das übergeneigte Gesicht. Dann erst erkannten sie. Und mit einer Grimasse der Ver- zweiflung bäumte sich der Schneiderjunge auf, als wollt' er sich noch einmal gegen den langen Modlin werfen, ihn noch einmal zur Seite stoßen, ihm noch einmal entfliehen— aber betäubt, kraftlos sank er zurück. Er konnte nicht... eS war alles vorbei. Und fast, als wollte er nichts mehr sehen, als wollte er sie nie wieder auf- machen, drückte er die Augen zu... Der lange Miodlin machte lange keine Bewegung. Dann strich er mechanisch mit dem Handrücken den kalten Schweiß von der Stirn. „Majewski!" Es klang heiser.„Majewski— mach' doch keinen Unsinn!" Er fand immer nur wieder dasselbe Wort wie auf dem Schul- Hof:„Mach' doch keinen Unsinn!" Und hinterher, rasch, sprudelnd, wie in der plötzlichen Angst, es könnte sonst zu spät sein:„Es war doch alles nur'n Scherz — warum bist Du denn gleich ausgerissen? Du bist immer gleich so... so wütend. Ich hab's doch keinem gesagt... Du. Majewski, mein Ehrenwort drauf: keinem einzigen! Es war doch überhaupt nichts! Und wenn Du morgen in die Schule kommst, kannst Du ja sagen: Dir ist plötzlich so schlecht geworden, daß Du gleich nach Hause gegangen bist! Und wenn Dich einer schief ansieht— wahrhaft'gen Gott,'runterhauen tu' ich ihn...'runter- haun!" i.'>-> Er ballte die harten Fäuste, und als ob sich in dieser Wut gegen die Feinde und Verhöhner der Ziege all die dumpfe Er- rcgung der letzten Stunden auslöse, wiederholte er immer von neuem, daß er jeden niederschlagen wolle, der sich eine Bemerkung erlaube. Jäh kam die Erschöpfung über ihn— eine Abspannung, in der er zitterte. Er kniete noch immer— jetzt fühlte er, wie seine Knie schmerzten. Da holte er sich den Feuereimer heran und setzte sich darauf. Philipp Majewski lag ganz still. Halb im Traume hörte er den andern sprechen. Das Blut brauste noch immer so seltsam, und er war so merkwürdig erschöpft. .. Langsam erst begann er zu verstehen. '®€r lange Modlin hatte ihn nicht angezeigt— niemand wußte es— sein Ehrenwort hatte er drauf gegeben— alle andern wollt' er'runterhauen, die was sagen würden.... Er mußte sich erst dran gewöhnen. Es ging ihm schwer ein. Aber in all der Mattigkeit stieg eine leise Wärme in ihm auf. Ein Schauer durchfuhr ihn, und über das Gesicht, das schon wieder blaß und käsig ward, flog ein scheues Erröten. Die Augen schlug er auch jetzt nicht auf. Nicht um die Welt hätte er das getan. Aber er fühlte, wie etwas auf ihn zu- kam, was er nie gehabt hatte: eine aus Angst und Scham geborene Liebe, und er lauschte mit bebendem Herzen auf die ungeschickten Worte des langen Modlin, als spräche aus ihnen ein neues Evan- gelium, das ihn hob, stützte und kräftig machte, es noch einmal mit den andern zu versuchen.,, Die Lochfpitzcl äes Direktoriums. Das ehrsame Gewerbe der Lockspitzelei, desien augenblicklich be- rüchtigste Vertreter, die Russen Azew und Harting, dem Zarismus und seinen guten Freunden wieder mal zu einem europäischen Skandal verholfen haben, gehört seit langem zu den Hilfsmitteln skrupelloser Regierungen. Die deutsche Geschichte des neunzehnten Jahrhunderts enthält mehr als ein dunkles Blatt, das von dem verbrecherischen Treiben der agent provocateurs und ihrer Hintermänner erzählt. Im neuen Deutschen Reich haben solche Stützen der Gesellschaft bekanntlich schon des öfteren eine Rolle ge- spielt und berüchtigt sind die preußischen Lockspitzeleien der sogenannten Reaktionszeit, als die regierende.Kreuz-Zeitungs"« Clique mit Gott fllr König und Vaterland die politische Polizei arbeiten ließ, um kommunistische und demokratische Verschwörungen anzuzetteln, womit den Philistern Angst gemacht werden sollte. Im Kölner Kommunistenprozeß kamen die wüsten Pariser Lockspitzeleien der preußischen Regierung ans Tageslicht. Im Ladendorfschen Prozeß von 18V3 entpuppte sich der Angeber, ein ehemaliger LeuMant, namens Hentze, als Anstifter der demokratischen Ver- schwörung. Später hat man den berüchtigten Polizeirat Stieber für diese Polizeiverbrechen allein verantwortlich machen wollen. Aber der Berliner Polizeipräsident v. Hinckeldeh hatte überall seine Hand mit im Spiel und handelte dabei ganz nach den Intentionen der Regierung. König Friedrich Wilhelm IV. in höchsteigener Person war damit einverstanden, daß man sich der Tätigkeit von aZont provooatours bedienen möge. Liegt doch ein Brief von ihm gedruckt vor. worin er den Ministerpräsidenten v. Manteuffel auf den Krimi- nalpolizisten Stieber aufmerksam macht, der vielleicht eine kostbare Persönlichkeit sei, um dem Publikum das Schauspiel eines aufge- deckten und bestraften Komplotts zu verschaffen. Der Gedanke sei kein lauterer. Diese Erkenntnis hindert den König aber nicht, weiter zu schreiben:„Eilen Sie also mit Stiebers Anstellung und lassen Sie ihn sein Probestück machen"— was Stieber denn auch redlich oder vielmehr unredlich besorgt hat. Die französische Geschichte bietet schon zu Ende deS achtzehnten Jahrhunderts Gegenstücke zu diesen preußischen Lockspitzeleien und also auch zu den russischen der Gegenwart. DaS war in den Zeiten deS Niederganges der französischen Revolution und der ersten Republik, als diese den Charakter einer Bourgeoisrepublik vom reinsten Wasser angenonimen hatte und von dem Direktorium regiert wurde, jenem korrupten Fünfmännerkollegium, daS in erster Linie den Interessen deS Börsengaunertums und des Armeelieferanten- klüngelS dienstbar war. Unter den niedrigen Regierungskünsten dieser gewissenlosen Gesellschaft nun spielte die Lockspitzelei eine große Rolle. Insbesondere war der Polizeiminister C o ch o n(oder zu deutsch: Schwein) von diabolischer Raffiniertheit in der Ver- Wendung von aAsnt provocateurs. Seinen größten Coup machte er, im Verein mit den gleichgesinnten Freunden im Direktorium, indem er etliche von seinen geheimen Werk- zeugen unter die Genossen des berühmten Kommunisten Gracchus Babeuf einschwärzte; sie sollten die Patrioten durch Vorspiegelung sicherer Aussichten aus militärischen Beistand und überhaupt durch Provokationen aller Art dahin bringen, daß sie zu direkt revolutionären Schritten, zur Konspiratton und zur Vor- bereitung eines Putsches übergingen, um im gegebenen Lugenblick der Regierung in die Finger geliefert zu werden, die sich dann mit einem Schlage der entschiedenen Revolutionäre entledigen könnte. Einen ähnlichen Streich hat Cochon hernach auch gegen die Royalisten geführt und überhaupt durch das ganze Treiben der politischen Polizei das öffentliche Leben Frankreichs dermaßen vergiftet, daß Ernst Moritz Arndt 17gg über seine Pariser Erfahrungen schreibt, es sei dahin gekommen, daß man vor einem lauten und freien Wort erbebe:.Die Menschen der Hauptstadt haben verstummen und gehorchen gelernt, wie unter dem alten Regiment. Ich kannte die offenen und kühnen Franzosen hier gar nicht wieder, wie ich sie zum Teil in den entfernten Departements getroffen hatte. ES ist ein Haufe zitternder Sklaven, der allenthalben von Peitschenvögten und Spionen um- geben, sich immer erst umsieht, ehe er ein leises und schwaches Wörtchen zu äußern wagt. Die Kaffeehäuser dieser lebendigen Pariser sind stummer als die in Wien...." Dies will gewiß viel sagen; konstatiert doch Scume ein paar Jahre später auf seinem Spaziergange nach Syrakus, daß eS in den Wiener Cafös aus Furcht vor den Polizeispionen so still sei, wie in der Kirche beim Hochamt. Arndt braucht aber nicht erheblich übertrieben zu haben, denn gleich den Wiener wimmelten auch die Pariser Eafös von Spitzeln, weil diese Lokale früher Hauptmittelpunkte des politischen Lebens gewesen waren. Noch im Jahre 1786 finder wir die Caf�S von den Revolutio« nären zu politischen Zwecken benutzt. Die Kommunisten diese» Zeit, die in Babeuf ihren publizisttschen Hauptwortführer hatten, hielten, nachdem ihnen ihre bisherige öffentliche Organisatton, der Pantheonklub, durch die Regierung geschlossen worden war, ihre Zusammenkünfte in Cafes ab, besonders in dem CafS zu den chinesischen Bädern, wo die demokratische Sängerin Sophie L a p i e r r e polittsche Couplets vor- trug. Im weiteren Verlauf deS Jahres 1796 werden die Führer der Bewegung ftir die Gleichheit oder kurzweg der G l e i ch e n aber zweifelhaft darüber, ob die von Spionen überlaufenen Cafös wirklich noch zu Mittelpunkten revolutionärer Agitation geeignet seien. Wie wenig sie das tatsächlich waren, zeigt das neuerdings urkundlich fest- gestellte Faktum, daß sogar das Cafe zu den chinesischen Bädern einen Polizeispitzel zum Besitzer hatte: der Cafötier hat der Re- gierung regelmäßig Berichte geliefert über alle revolutionären Zu- sammenkünfte und Besprechungen in seinem Lokal. Wenn die nun« mehrigen Führer der Gleichen, das geheime Direktorium, das an der Spitze der Bewegung stand, davon auch nichts wußte, so empfahl es den Gesinnungsgenossen doch, ihre Zusammenkünfte hinfort lieber in Privatwohnungen abzuhalten. Sie hatten inzwischen in Er- fahrung gebracht, daß sich an die Teilnehmer der Bewegung, die nun mehr und mehr den Charakter einer Verschwörung anzunehmen begann, Elemente herandrängten, die weiter nichts suchten, als Ge- legenheit zum Spionieren. Soweit sich solche bloß unter die Masse der Kommunisten eingeschlichen hatten und aufs Horchen beschränkten, hatte dies nicht sonderlich viel zu bedeuten; denn daß von dieser Seite etwas in der Mache war, konnte der Regierung schon wegen der eigenen Publikationen der Gleichen nicht verborgen bleiben. War doch in einem von Sylvain Marschal verfaßten und„zum Gebrauch der Vorstädte" bestimmten Gesang, der gedruckt verbreitet wurde, in einer Strophe direkt gesagt, daß jeder ganz leise für das gemeinsame Glück als guter Bruder konspirieren solle. Viel mehr als die nackte Tatsache, daß etwas im Gange sei, konnten die gewöhnlichen Spitzel auch nicht herausbringen, da die Maffe der Patrioten nur mit „Agenten" in Berührung kamen, die für die Bewegung agitierten und die Losung weitergaben, die sie von dem geheimen Direktorium empfingen. Weit bedenklicher war schon, wenn es Lockspitzeln ge- lang, durch Vermittelung eines der Agenten auf die Entschließungen des geheimen Direktoriums Einfluß zu gewinnen. Und das ist wenigstens in einem Falle gelungen. Der General Gassicr führte sich bei einem Agenten als eiftiger Patriot ein, war aber in Wirk- lichkett ein Lockspitzel. Er trieb aufs heftigste zu revolutionären Handstreichen an und lieferte militärische Pläne dazu. Noch gefährlicher war es, wenn es einem Spion gelang, Agent zu werden. Auch das brauchte aber noch nicht verhängnisvoll zu werden, wenn man sich genau an die Richtschnur hielt, die das geheime Direktorium selbst gegeben hatte: daß nämlich die Agenten auch nicht direkt, sondern nur durch eine Mittelsperson mit dem ge« Heimen Direktorium in Beziehung treten und dessen Mitglieder nicht einmal dem Namen nach kennen sollten. Daß man aus Ver« trauenSseligkeit von diesem Grundsatz abwich, gab dem JudaS ge- wonnenes Spiel, dem es gelang, sich unter die Agenten des Direk« toriumö Aufnahme zu verschaffen. Es gab Zivil- und Militär- agenten, letztere, um unter der bewaffneten Macht von Paris und der Umgegend für die revolutionäre Bewegung Stimmung zu machen. Es fehlte nun noch ein Militäragent für das Militärlager auf der Ebene von Grenelle bei Paris, bis sich im Monat Germinal eine Persönlichkeit fand, die für diesen Posten außerordentlich geeignet schien. Es war der Hauptmann Georges Grisel, der capitams a la suite im dritten Bataillon der auf der Ebene von Grenelle stattonierten gg. Halbbrigade der Linie, vor allem aber Polizeispitzel und als solcher, wie Babeuf später vor Gericht es ausdrückte,„beauftragt war, die Schritte der eiftigsten Republikaner zu erspähen, alle An- strengungen zu machen, um ihr völliges Vertrauen zu erwerben, sie zu den alleräußersten Bewegungen anzutreiben, sie dann zu denunzieren und den Machthabern an Händen und Füßen gebunden auszuliefern". Grisel verkehrte im Cafo zu den chinesischen Bädern und war hier mit zuverlässigen Patrioten bekannt geworden, die seinen revolutionären Eifer für echt hielten und ihn aufs wärmste an Babeufs Freund Darthö empfahlen. Grisel muß es vortrefflich verstanden haben, sich einzuschmeicheln; denn er gewann das Ver- trauen Darthös und dadurch des geheimen Direktoriums in kurzer Zeit dermaßen, daß man ihn zum Militäragenten für das Lager von Grenelle ernannte. Ein paar Tage vorher wurde schon ein von Grisel geliefertes Flugblatt veröffentlicht, das unter den Soldaten agitieren sollte. Buonarotti hat dieses Machwerk im An- hang zu seiner Geschichte der Babeusschen Verschwörung abgedruckt. Es läuft dem Inhalte nach auf eine Aufmunterung an die Soldaten zum Meutern hinaus, der Form nach auf eine ungeschickte Nach- ahmung der Höbertschen Schreibweise und läßt von kommunistischer Gesinnung nicht« verspüren. Direkt verdachterweckend hätten, so sollte man meinen, auf die Revoluttonäre ein paar Briefe wirken müssen, die Grisel nachher an das geheime Direttorium schrieb, und die Buonarotti gleichfalls mitteilt. Darin finden sich nämlich Stellen. die beweisen, daß dem Schreiber kommunistische Gesinnungen völlig fremd waren. Um die Truppen für die revolutionäre Sache in Be- Wegimg zu setzen, schlägt er vor. sie mit Wein zu traklieren und ihnen eine allgenreine Plünderung in Aussicht zu stellen. Man brauche sich ja nachher nicht an das Versprechen zu binden. Aus diesen Briefen spricht recht deutlich die provokatorische Absicht, die Gleichen aufs Glatteis zu locken. Babeufs hat denn auch später an de» Hand dieser Dokumente bargetan, das eS vor Grisel der Minister Cochon und der Direktor Carnot gewesen seien, die diese Mittel erdacht hätten, um die eifrigsten Republikaner in schändliche Fallen zu locken. Dasi sie nicht Lunte rochen, erklärt Babeuf aus ihrer feurigen Begeisterung für die Herstellung deS sozialen Glücks: der heftige Wunsch, zur Herstellung dieses Glücks beizutragen, habe sie geneigt gemacht, jede Mitwirkung dazu zu alzeptieren. Trotzdem musz man sich wundern, das; die Revolutionäre nicht stutzig wurden, wenn Grisel in einem Briefe ganz gemütlich Geld für de».großen Hebel" erklärte, um die Soldaten zu ge- Winnen: er will 45 000 Frank beschaffen, um solche unter das Militär verteilen zu laffen. (Schluß folgt.) kleines feuiUeton. Kunstgewerbe. Das technische Ornament in den Anfängen menschlicher Kunst. Höchst überraschend, und auch für die moderne Keramik, überhaupt für den Hausratstil, sehr anregend ist eine Feststellung, die Professor Schuchhardt soeben im ersten Heft der neugegründcten.Prähistorischen Zeitschrift" macht. Er kommt zu dem Ergebnis, daß die Töpferei in unvordenklichen Zeiten nach Form und Verzierung von zwei verschiedenen Vor- Fildern ausging; in Nordwestdeutschland von einem bereits vorher gefällig, und zweckmäßig entwickelten Korbflechtstil, im Südosten aber, bis nach Aegypten herunter, von den Naturformen des Kürbis und der Gurke! Wenn wir im Museum die„alten Töppe" be- trachten, die aus der sogenannten Steinzeit Deutschlands stammen, so sehen wir auf ihnen eingeritzte Strichornamente, die sich in scheinbar beliebiger Weise zu wagerechtcn, senkrechten, schrägen und Zickzacklinien, zu parallelen Kreisen und Ueberkreuzungen usw. zusammensetzen. Die Grundform des Ganzen ist immer die der tiefen Schale, etwa unserer, besonders auf dem Lande so beliebten, Milchsattc, einmal mehr bauchig und mit Bodenansatz, dann auch wieder in die Höhe gezogen mit Halsaufsatz. Auch die Henkel zum Anfassen oder Knöpfe und Knubben zum Durchziehen von Trage- strippen sind mit Strichornamcnten bedeckt. Professor Schuchhardt dringt nun mit vielen überzeugenden Details den Nachweis, daß hier Form wie Zierrat nur der Ersatz in Lehm für die bessere, aber auch kostspieligere Ausführung in Korbflechterei gewesen ist. Die Japaner flechten noch heute die wunderbarsten Gefäße von deren Schönheit und enormer Preislage man sich in hiesigen Warenhäusern in Kenntnis setzen kann. Die Dichtung des Ge- flechts macht keine Schwierigkeiten. Ist das Material nicht fein genug, um für sich allein genügend zu dichten, so läßt sich die Innenfläche in verschiedener Weise ausschmieren oder auch mit Leder belegen. Am einfachsten war gewiß schon in der Vorzeii hierfür der Lehm oder Ton. So wird es gekommen sein, daß der nordeuropäische Mensch bemerkte, man könne die Sache auch aus Ton allein, ohne das Gesixcht, machen. Da ist nun mit dieser Eni- ideckung auch sofort die Surrogatmanier aufgetreten, die wir noch heute jedesmal beobachten, wenn ein neuer Stoff aufkommt, dessen eigentümlicher Materialstil sich erst langsam aus der Erfahrung bilden muß. Unsere ersten Papiertapeten täuschten Seide- oder Ledcrbezug vor, die heutige Jnkrusta Holzverkleidung. Als das Gaslicht aufkam, taten die Beleuchtungskörper noch sehr lange, als ob sie Kerzen trügen, und das elektrische Licht wiederum mußte sich eine gute Weile in den starren Formen der Gasrohre und Gas- krönen geben. So ging's auch damals. Der vorzeitliche Töpfer Ün unseren Gegenden ahmte fast sklavisch getreu das edlere Korb- geflccht nach und konnte sich wegen der den Stilarten anhaftenden Trägheit nicht von dieser Methode trennen. Wahrscheinlich wollte man aber auch gar nichts anderes haben. Das Dunkel unserer Borgeschichte erhellt sich aber durch diese Konstatierungen um ein bedeutendes Stück, insofern hiermit die Existenz einer um vieles älteren Korbflechtkunst nachgewiesen ist, von der sich natürlich keine Reste erhalten haben. Ganz anders nun verhält es sich mit der südlichen Töpferkunst in Aegypten, Kreta, Troja, Griechenland. Hier ist das Ornament nicht gewissermaßen zwangsmäßig, sondern nach freiem Spiel von Phantasie und Geschmack auf eine Form gesetzt worden, die sich mit großer Leichtigkeit auf in der Natur wachsende, flaschen- und gefäßförmige Gebilde zurückführen läßt, wie Gurke, weißblühender Kürbis und Straußenei, die alle noch heut in derselben Weise in Afrika Verwendung finden. Anatomisches. Das Gewicht des menschlichen Gehirns beträgt im Durchschnitt bei Männern etwa l37ö Gramm, bei Frauen 1250 Gramm, also 2'/» bis 23/i Pfund. Wenn man auch im allgemeinen der Meinung ist, daß die Schwere des Gehirns in direktem Ver- hältnis zu den geistigen Fähigkeiten des Menschen steht, daß also ein außerordentlich großes und schweres Gehirn von vornherein zu bedeutenderen psychischen Leistungen disponiere, so gibt es doch eine ganze Reihe von Beispielen, die diese Annahme nicht bestätigen. So haben z. B. so hervorragende Männer wie der Chemiker Justus von Liebig, der Physiologe Dö Iking er. der Chemiker und Physiker B unsen, der vor wenigen Jahren verstorbene Ltunstmaler Menzel Gehirne gehabt. welche nicht einmal das Durchschnittsgewicht von 1876 Gramm erreicht haben. Andererseits haben durchaus un« bedeutende Menschen enorm schwere Gehirne besessen, allerdings nur in wenigen Fällen. Jedenfalls scheint es nicht so sehr auf die Größe des Gehirnes anzukommen, wenn die Statistik auch lehrt, daß sie von einem gewissen Einfluß ist, als vielmehr auf die feinere Struktur, auf den Windungsreichtum, auf die feinste chemische Zu- sammensetzung deS Gehirns. Es ist ja auch nicht notwendig, daß eine Turmuhr trotz ihrer erheblichen Größe besser zu gehen braucht als eine Taschenuhr, lehrt ein alter Ver- gleich. Das innere Gefüge, die Feinheit der Zusammen- setzung ist das Maßgebende. Immerhin hat es sich an einer großen Reihe von Untersuchungen bestätigen lassen, daß ein auffallend unter dem Mittelgewicht stehendes, zugleich windungs- armeS Gehirn während des Lebens seinen Inhaber kaum zu be- deutenden geistigen Leistungen befähigt hat; allerSdings braucht ein schwere? und windungsreicheS Gehirn ebenfalls nicht notwendig während des Lebens hervorragende geistige Leistungen zu zeitigen. da seine Anlagen unentwickelt bleiben können. Im Gegensatz zu den eingangs genannten haben andere bedeutende Männer ein auffallend sckiweres Gehirn besessen; enorm schwer war das Gehirn des berühmten Pariser Naturforschers und AnatomS George C u v i e r, das 1861 Gramm wog, und das des englischen Dichter? Lord Byron mit 1807 Gramm. Diese beiden Gehirne sind fast ein Pfund schwerer, als es der Norm entspricht. Auch der Mathematiker G a u ß, auch Schiller und Kant, deren Gehirne man aus ihren Schädelumfängen auf annähernd 1600 Gramm be- rechnet hat, haben ein über den Durchschnitt schweres Gehirn be- sessen. Ein Gesetz läßt sich hieraus jedoch nicht ableiten; denn wir haben gesehen, daß auch das Gegenteil vorkommt, daß geistig sehr hervorragende Männer wie Bunsen und Liebig, denen die Natur- Wissenschaft Grundlegendes verdankt, mit Gehirnen versehen waren, die hinsichtlich ihrer Gewichte hinter dem Durchschnitt zurück- blieben. Wir können uns eben nicht verhehlen, daß zurzeit unsere Kenntnisse über den feineren Bau des Gehirnes noch zu lückenhafte sind, als daß wir über diese Fragen heute schon Auf- schluß zu geben vermöchten. Hinsichtlich der Gehirnmaterie lassen uns auch die feinsten unserer gegenwärtigen mikroskopischen FärbungS- und Untersuchungsmethoden im Stich. Es gibt sogar eine ganze Reihe von Gehirukrankheitcn, bei denen eS noch nicht gelungen ist. die anatomischen Veränderungen in der Gehirnsubstanz festzustellen. Unendlich viel komplizierter aber wird eS fein, die geistigen Differenzen der einzelnen Individuen auf eine jeweils andersartige Struktur der feineren Hirnsubstanz zurückzuführen. Hier liegt noch alle Erkenntnis im Schöße der Zukunft. Technisches. Das größte Schienenwalzwerk der Erde. Im Jahre 1896 ist in Amerika zuin erstenmal elektrische Antriebskraft zum Betriebe der Walzenstraße eines Hüttenwerkes verwandt worden. Es war die Jllinois-Stahlgefellfchaft, die damals versuchte, mit dem Elektromotor zu arbeiten. Den amerikanischen Hüttenwerken lag aber nicht viel an Sparsamkeit im Kohlenverbrauch, und daher war jenes Beispiel nur in vereinzelten Fällen nachgeahmt worden. So kam es, daß in Deutschland unvergleichlich mehr Pferdestärken aus elektrischer Quelle in Hüttenwerken im Betrieb waren als in Amerika. In jüngster Zeit ist nun dort eine Anlage zum Hütten- betrieb geschaffen worden, deren Großartigkeit alles bisher Gekannte weit in Schatten stellt und das heute in seiner Art einzig da- steht. Das Werk ist mit Rücksicht auf billige Verfrachtung von Erz und Kohle an der Südküste des Michigansces angelegt worden, an dessen Nordwestküste reiche Eisenerzlager aus- gebeutet werden. DaS Haupterzeugnis find Eisenbahnschienen für den„Fernen Westen". Wie der„Elektrische Anzeiger" mit- teilt, werden durch Verwertung der Hochofengase 14 Gasmotoren von je etwa 4060 Pferdekräften betrieben, die 22 000 Pferdestärken Gleichstrom und 27 000 Pferdestärken Drehstrom erzeugen. Diese Elektrizitätsmenge soll bei vollständiger Durchführung der ge- planten Anlage verdoppelt werden. Sie wird größtenteils im Schienenwalzwerk verbraucht, das in vierundzwanzig Sttinden 4000 Tonnen Schienen erzeugt, die aneinandergereiht etwa 100 Kilo- meter lang sind. Das Walzwerk arbeitet mit' hochgespanntem Dreh- ström, der mit 6600 Volt zirkuliert und ohne Umformung zur Verwendung gelangt. Die Walzenstraßen verfügen zu ihrem Antrieb über 24 000 Pferdestärken, die bis auf 86000 erhöht werden können. Die Eigenart des Betriebes erfordert eine besonders starke Konstruktion der Motoren. DaS Gewicht jeder dieser Maschinen beträgt 390 000 Kilogramm. Besondere Rücksicht war auf die bei jedem Walzbetrieb nötigen Schwungmassen zu nehmen, die bei diesen Motoren durch Anschrauben von Gußstricken verändert werden können. Perantworll. Redakteur: Haus Weber. Berlin,— Druck u. Verlag: Vorwärts Buchtruckerei u.PerI»gsanstalt Paul Singer LiTo., Berlin 2 W.