Hlnterhaltungsblatt des Horwürts Nr. 164. Mittwoch, den 25. August. 190g (Nachdruck verdaten.) 81 Der Vorzugsrcbiilen Von Marie v. Ebner-Eschenbach. „Georg, Georg, um Gottes willen!" wiederholte die Mutter. Sie sah ihren Mann fahl werden vor Wut, sah seine Fäuste sich ballen: x „Musik? gut, gut! Ich kauf Dir eine« Leierkasten, kannst in den Häusern orgeln.und auf die Kreuzer warten, die sie Dir aus den Fenstern werfen." Georg preßte das Kinn auf die Brust und starrte zu Boden. Pfanner sprang auf und führte einen schweren Schlag auf den Nacken des Kindes:„Kein Wort mehr! Und— das merke, komm mir nicht noch einmal mit einer schlechten Note nach Hause. Untersteh Dich nicht!" „Nein, nein," murmelte Georg. Erlvar jetzt ganz furcht- los. Um so besser, wenn er nicht mehr nach Hause zu kommen braucht. Der Vater wird sich nicht mehr über ihn ärgern, und die Mutter nicht mehr quälen um seinetwillen. Wäre er doch nicht auf die Welt gekommen% i— oder wäre er schon draußen— wäre er tot! Am nächsten Morgen war der Vater von einer furchtbar dräuenden Schweigsamkeit. Die dunkeln Ringe unter seinen geröteten Augen, bei ihm das sicherste Zeichen einer schlaflos durchwachten Nacht, gaben ihm das Aussehen eines Kranken. Er frühstückte hastig, nahm seine Schriften unter den Arm, setzte den Hut auf und verließ das Zimmer, ohne den Gruß seiner Frau und seines Sohnes zu erwidern. Man hörte ihn die Küchentür zuschlagen, daß sie dröhnte. Georg ordnete die Hefte und Bücher in seiner Schultasche, war fertig, nahm Stück für Stück wieder heraus, ordnete alles von neuem, langsam und bedächtig. Die Mutter mahnte zur Eile. Er ließ plötzlich alles liegen und stehen und warf sich ihr in die Arme und sie drückte ihn an ihr Herz. Sie sprachen nicht, es kam keine Anklage über ihre Lippen, aber glühend brannte sie in ihren Herzen. Wie glücklich könnten sie sein, sie zwei, wie glückselig, wenn der Ehrgeiz des Vaters nicht wäre, der blinde, törichte, der vom Apfelbäumchen, das ihm Gott in seinen Garten gepflanzt, die Triebkraft der Eiche verlangte. Dreimal schon hatte Georg Lebewohl gesagt und brachte sich noch immer nicht fort. ,„Du kommst zu spät, Schorschi," sagte Frau Agnes. „Lauf jetzt, lauf! Und sei nicht so traurig," fügte sie hinzu und strich ihm über die Wangen. „Du bist selbst traurig," antwortete er. „Ach— das vergeht, bei der Arbeit vergeht's." „Also adieu." sagte er und schritt resolut der Tür zu, und über die Treppe hinab bis zum ersten Stockwerk. Dort blieb er stehen, besann sich, kehrte plötzlich um und stürmte in raschen Sätzen wieder zurück, und wie er oben ankam, sah er die Mutter vor der Wohnungstür stehen, auf derselben Stelle, bis zu der sie ihn begleitet hatte. „Was gibt's?" fragte sie wie aus dem Schlaf auffahrend, warf den Kopf zurück und bemiihte sich, eine strenge Miene anzunehmen.„Hast was vergessen?" „Ich Hab Dir ja nicht ordentlich Adieu gesagt," und er fiel ihr um dm Hals und küßte sie mit stürmischer Zärtlich- keit. In der Schule kam er zu spät. Der erste Vortrag hatte schon vor einer Viertelstunde begonnen, als er eintrat und sich auf seinen Platz setzte. „Wo steckst denn?" raunte der Nachbar ihm zu.„Du bist aufgerufen worden und warst nicht da." „Unglück, Unglück," murmelte Georg und gab sich alle er- denkliche Mühe, aufmerksam zuzuhören. In seinem Kopfe ging es sonderbar zu. Es summte und hämmerte darin, und der Stimme, die vom Katheder zu ihm herübcrtönte � sonst eine laute, kraftvolle Stimme—, fehlte der Klang. Die Worte, die sie sprach, waren nicht artikuliert, flössen inein- ander wie Wellen... Noch etwas Sonderbares! der breite Saal schien sich zu verlängern ins Unglaubliche. Es war kein Saal mehr, es war ein langer Gang, von merkwürdig kaltem, weißem Licht erfüllt, und ganz weit am Ende stand ein schwarzer Strich auf einem Piedestal. Georg mußte mit Gewalt alle seine Denkkraft zusammen nehmen, um sich klar zu machen: das ist der Herr Professor, der einen Vortrag hält« Er schloß die Augen, lehnte sich zurück und dachte: Ich werde heute nicht lernen können. Nach einer Weile aber wurde es besser, er vermochte sich aus dem unheimlich traumhaften Zustand, in den er geraten war, heraus zu reißen. Der zweits Vortrag hatte begonnen. Der jetzt sprach, war ein sehr be> liebter, von der ganzen Schule verehrter Lehrer, der Professor der Geschichte. Er hatte einen sonst kaum mittelmäßigen Schüler aufgerufen, und der bestand mit Ehren. Georg folgte« Ach! wenn er auch so viel Glück hätte, wie sein Vorgänger, Es schien beinahe. Der Professor prüfte aus dem unlängst von Georg Wiederholten und sagte: „Gut, bis auf zwei Jahreszahlen. Sie� bekommen „Lobenswert". Ich möchte ihnen aber gern„Vorzüglich� geben können und stelle deshalb noch einige Fragen. Nennen Sie mir alle deutschen Kaiser bis zu Rudolf dem Ersten." Das war keine fxhr schwere Frage. Voll Zuversicht be- gann er sie zu beantworten und gelangte glorreich bis zu Otto III. Da verriet ihn sein Gedächtnis— er ließ den ge- lehrten und frommen Kaiser ein hohes Alter erreichen un� Heinrich II. den ersten Salier fein. Der Professor zuckte bedauernd die Achseln und unter» brach ihn:„Das geht nicht gut.— Etwas anderes! Erzählen Sie mir die Geschichte von Konradin." O— die wußte er! die hatte er seiner Mutter erzählt: so rührend, daß sie dabei weinen mußte. Konradin war ja � nun ja— war ja König Enzio.-. Oder nein, richtig— Enzio war Konradin... Ein kaum unterdrücktes boshaftes Kichern erhob sich, der Pepi lachte ihn aus. Die Augen des Professors hefteten sich fest auf ihn. Er verstand, daß diese guten, wohlwollenden Augen ganz besorgt fragten:„Sind Sie bei Trost?" Er hätte schreien mögen:„Nein! ganz verwirrt und konfus bin ich!" „Sie tun mir leid." sprach der Professor,„aber— sagen Sie selbst— welche Klasse haben Sie verdient?" � Georg flüsterte etwas völlig> Unverständliches.' Dem Lehrer schien, es sei ein Dank gewesen. Der Junge wußte heute nichts, erriet aber viel, erriet das innige Mitleid, das er seinem Lehrer einflößte. Ehe der dritte Vortrag begann, verließ er die Schule und ging langsam die Straße hinab. Es war ein Frühlingstag mit sommerlichem Sonnenschein, der Himmel wolkenlos, die Luft noch frei von Staub und Dunst. Georg schritt mit weit aufgerissenen, verglasten Augen zwischen den Menschen dahm. die sich in der Hauptverkehrsstraße der Vorstadt drängten. Einem oder dem anderen fiel auf, wie sonderbar„verloren" er aussah. Keiner hatte Lust und Zeit, ihn zu fragen, was ihm sei. Ein Tischlerjunge nur, der einen Handwagen schleppte, und an den er angestoßen war, rief ihm zu: „Hüo! wo hast Dein Schädqj? Anbaut mit samt der Mitzen?" Unwillkürlich griff Georg nach seinem Kopfe. Er wav barhaupt, hatte seine Mütze in der Schule gelassen, und auch seine Lernsachen. Daran lag aber nichts. Ihn würde nie« mand nach ihnen fragen. Er konnte ja nicht mehr heim. „Komm mir nicht nach Hause mit einer schlechten Note!" Diese Worte dröhnten unablässig an sein Ohr. Jetzt mußte er sie bekommen, die schlechte Note, die erste wirklich schlechte. Was würde der Vater jetzt mit ihm tun? Und wie würde die Mutter sich kränken... Nein, nein, Vater und Mutter, er wagt es nicht, er kommt nicht mehr zurück, er geht, wohin schon mancher unglückliche Schüler gegangen ist: in die Donau. Und dieser eine Gedanke, je länger er ihn vor sich sah, als das Unabwendbare, Einzige, je mehr befreundete er sich mit ihm. Dieser Gedanke mit dem dunklen Kerne hatte eine blendende Atmosphäre und fing an, eine große Helligkeit zu verbreiten. Er gestaltete sich jetzt so:„Ich muß in die Donau, ich will aber auch, und gern. Wie gut ist es, tot zu sein, nicht imchr hören müssen: Lern! Wie gut auch, wenn es keinen Zwiespalt mehr zwischen den Eltern gibt. Aber du begehst einen Selbstniord," fuhr es ihm durch den Sinn, „und ein Selbstmord ist eine Todsünde." Ihn schauderte« „Lieker Gott! Mgütiger!" stöhnte er und blickte flehend zum Himmel empor.„Rechne mir meinen Tod nicht als Sünde anl Ich will keine Sünde begehen, ich will sterben für den Frieden meiner Eltern. Mein Tod ist ein Opfertod." Ein Opfertod! An dieses Wort klammerte er sich: es brachte ihm Trost. Er verwandelte die Tat der Verzweifelung in eine Heldentat und schwerste Schuld in ein Märtyrertum. Es ging auf vor dem armen, irrenden, suchenden Kinde wie ein Stern in der Nacht. Keine Erwägung, keine Ueberlegung, kein Zweifel mehr, nicht die geringste Fähigkeit, sich etwas anderes vor- zustellen, nur die rasende, unbezwingliche Sehnsucht, Erlösung zu erfahren und Erlösung zu bringen. ''Schluß solgt.)� Die Taroler Volkserbedung im Jahre 1809. L Der Tiroler Volkskrieg, auS dem jedermannn zum mindesten den Namen Andreas H o f e r S kennt, ist bloß zu begreifen, wenn man die damaligen wirtschaftlichen, politischen und geistigen Kultur- zustände dieses Landes und die Hauptzüge der allgemeinen Geschichte jenes Zeitalters studiert. Tirols Erhebung im Jahre 1809 war ein Kapitel aus der Ge- schichte des RcvolutionSzeitalters und des ersten Napoleon. Wie ge- hört der Tiroler Volkskrieg in diesen Zusammenhang? Tirol war seit 1363— seit den Tagen jener Gräfin Margarete Maultasch von Tirol— eine ö st erreicht s che Provinz. Als Ende des 18. Jahrhunderts die französische Revolution ausbrach, stellte sich der österreichische Kaiser Franz II. an die Spitze einer reaktionären europäischen Fürstensolidarität, die es sich zur Aufgabe machte, die demokratischen Prinzipien der französischen Revolulion mit der Logik der Waffen zu bekämpfen. In die Kriege, die Oester- reich mii seinen Bundesgenossen gegen das revolutionäre Frankreich führte— die sogenannten Koalitions-, das heißt Bundeslriege—, war naturgemäß auch Tirol verwickelt, das einen strategisch sehr wichfigen Vorposten der habsburgischen Macht darstellte. Aus Gründen, die wir kennen lernen werden, war das Tiroler Klein- bauernvolk ein heftiger Gegner der französischen Revolution, ein eiftiger Anhänger der sogenannten Legitimität, das heißt des Prinzips der Unantastbarkeit der„angestammten" Fürstenhäuser. Oesterreich führte jedoch seine Kriege gegen das republikanische Frankreich mit wenig Glück. Die Republik hatte den geübten Heeren des Kaisers Franz die stürmende Leidenschaft ihrer demokratischen Milizen, den klugen Generalen Oesterreichs die Genialität des jungen Bonaparte gegenüberzustellen. In drei Kriegen wurde Oesterreich von den Franzosen überwunden. Die härtesten Schläge trafen Oesterreich im dritten Koalitionskriege, im Kriege deS Jahres 1805, der nur von dem furchtbaren Feldzuge des Jahres 1809 über- boten wurde. Napoleon Bonaparte hatte sich 1804 zum Kaiser der Franzosen aufgeworfen. Das kontinentale Europa konnte dem Militärdiftator nicht widerstehen. Die einzige europäische Macht, die dem Kaiser der Franzosen sich mit dauernder HarMäckigkcit entgegen- setzte, war die englische Handelsbourgeoisie. Sucht man den tiefsten Grund des ftanzösisch-österreichischen Konfliktes von 1803, so stößt man auf den altüberlieferten wirtschaftlichen Jntereffengegenfatz zwischen England und Frankreich. Die ökonomische Konkurrenz zwischen England und Frankreich hatte schon im Zeitalter des sieben- jährigen Krieges kriegerische Formen angenommen. Als Frankreich von der Revolution im Innern erschüttert war, glaubte der englische Kapitalismtis die Zeit gekommen, sich auf Kosten Frankreichs zu be- reichern— die französischen Kolonien anzugreisen und die englische Secherrschaft zu begründen. Nichts natürlicher, als daß die englische Bourgeoisie von ihrem Golde nach dem Kontinent schickte, die reaktionären Mächte gegen Frankreich mobilisierte und sich erbot, die Kosten der Legitimitätskriege zu bestreiten. Dies ist der innerste Zusammenhang der damaligen europäischen Politik. Im Frieden von Preßburg, der den französisch- österreichischen Krieg von 1805 beschloß, verlor Oesterreich unter anderem Tirol_ an_ den Kaiser der Franzosen. Der Inhalt dieses Friedens ist. wie wir sehen, im letzten Grunde eine Konsequenz des französisch-englischen Interessengegensatzes, der seinerseits in den Interessen des englischen Kavitalismus wurzelte. Der französisch- österreichische Krieg von 1805 war— wie übrigens schon der Krieg von 1799 und der erste Koalitiouökrieg, der 1792 begonnen hatte— nichts als ein indirekter Ausdruck, eine Umschreibung für jenen ökonomischen Gegensatz zwischen Englands Bourgeoisie und der Frankreichs. ,Das Schicksal Tirols war ein fernstes Echo dieses wahren Hauptkampfes vom Ansang deS 19. und vom Ausgang des 13. Jahrhunderts. Was geschah des weiteren mit Tirol? Vertragsgemäß gab Napoleon Tirol dem bayerischen Landesherrn, den er crwa gleich- zeitig zum König von Bayern erhob. Und wie konnte Bayern« König als Anwärter auf Tirol auftreten? Die Antwort auf diese Frage wird einen zwar abermals allgemeingeschichtlichen, dennoch engeren Zusammenhang aus der Aera Napoleons aufdecken. Gezwungen durch die intrigante Politik des englischen MinistenumS Pitt eröffnete Napoleon den österreichischen Krieg von 1805. Als sich der Kaiser der Franzosen nach BundeSgenoffen umsah, da fiel sein Blick auf die Fürsten des deutschen Südens und Westens, zumal auf den bayerischen Kurfürsten, Maximilian IV. Josef, der bei seiner Thronbesteigung im Jahre 1799 eine mehr� als hundertjährige wittelsbachische Feindschaft gegen das Haus Habsöurg ererbte. In raschem Zuge zwang Napoleon die süddeutschen Fürsten. ihm in den Krieg gegen Oesterreich zu folgen. Max Josef sträubte sich offiziell, weil er glaubte, so den Anschein politischer Moralität zu wahren. Aber es blieb ihm nichts übrig als mitzugehen. Die Königskrone und das Land Tirol waren der Lohn für die mili- tärische Beihilfe, die Max Josef dem Kaiser der Franzosen gewährte. Was war Tirol, als eS von Bayern übernommen wurde? Werfen wir einen kurzen Blick auf die innere Geschichte dieses Landes. Anders als dem Zeitalter der Sommerreisen und der alpen- ländischen Fremdeninustrie erschien Tirol den ftüheren Epochen. Sie sahen in Tirol das unwirtliche Bergland, dem die Bauern in harter Arbeit bescheidene Existenzmittel abrangen. Mühselig gewannen sie auf schlechtem Boden wenig und geringes Getreide: um die Wende des 18. Jahrhunderts bezog Tirol ein Drittel seines GotrcidebedarfS aus dem Auslande, namentlich aus Bayern. Und mühselig gewann der Bauer an den Berghängen das Gras für die Wintcrfüttcrung. Der einzige Reichtum der Dorfbewohner bestand in der Almen- Wirtschaft. ES läßt sich denken, daß dieses Land sehr wenig Ge- legenheit zur Enlwickelung eines feudalen Großgrundbesitzes gewährte. Deutschtirol blieb im Laufe der Jahrhunderte ein lleinbäuerliches Land. Feudale Agrarbetriebe entwickelten sich allerdings in welsch- tirolischen Gebieten, die an die ftuchtbaren Gefilde der Lombardei angrenzen. Es gelang zumal dem südtirolischen Bistum Trient, zahlreiche Bauern zu legen, Landbezirke zu mächtigen Gütern zusammenzufügen und die kleinbäuerlichen Voreigentümer_ in die traurige Lage eines land- und rechtlosen Tagelöhnerproletariats hinabzuprcsien. Wenn wir einerseits feststellen dürfen, daß der weit- aus größte— der deutsche— Teil Tirols die Leibeigenschaft des Bauern nie gekannt hat, so müffen wir uns doch auch daran erinnern, daß Welschtirol die Leibeigenschaft und die totale Proletarifierung des Landbewohner? allerdings erlebte. Als der große Bauernkrieg von 1525 Deutschland durckrobte, da blieb das von der Leibeigenschast freie Deutschtirol vollkommen ruhig. während sich die Welschtiroler gegen die Grundherren erhoben. Ein analoger Vorgang wiederholte sich in der Zeit der französischen Re- Volution. Die proletarisierten Welschriroler, die sich in einer un- glaublich elenden Lage befanden, öffneten die Ohren gierig allerlei Propheten, die von der französischen Revolution gehört hatten und nun ihren Landsleuten die Abschaffung aller Stenern verhießen. Die Deutschtiroler, die auf dem Niveau einer einfachen, jedoch nicht armseligen und unbehaglichen kleinbäuerlichen und kleinbürgerlichen Demokratie standen, empfanden im allgemeinen nur Widerwillen gegen die französische Revolution, deren Wesen die große Mehrheit freilich nicht von ferne begriff. Tirol fand seine Nahrungsquellen aber nicht allein ini Ackerbau und der Viehzucht. Die Armut der Erdoberfläche zwang die Tiroler früh, sich auch nach uichtlandwirtschaftlichen Erlverbszweigen umzu- schauen. So erlebte Tirol im früben Mittelalter schon eine intensive städtische Kultur. Sie war unter den Faktoren, die eine antiseudale Gesellschaftsverfassung begünstigten, nicht, der unwichtigste. In den schönen Tiroler Städten blühten alle Gewerbe; um die Wende des 18. Jahrhunderts war allerdings die alte gewerbliche Kultur Tirols nicht mehr auf der Höhe— wie ja das 18. Jahrhundert in Deutsch- land überhaupt ein Jahrhundert ökonomischer Stockung gewesen ist. Immerhin waren in den Tiroler Städten noch runde Kleinbürger- vermögen und Großbürgervermögen. Die größten Einkommen stossen aus Jahrhunderte alten Melallbergwerken und Mineral- bergwerlen, die Salz. Silber. Kupfer. Eisenerze, Zink noch immer in beträchtlicher Menge hergaben, und aus dem lombardisch-oberdeutschen Durchgangshandel. Bozen namentlich war noch ein Handelsemporium von europäischer Be- deutung; dort saß eine reiche, privilegierte Kaufmannschaft. Die verhältnismäßig gesunden wirtfchastlichen Zustände und Sozialzustände Tirols drückten sich aucli in verhältnismäßig ge- sunden politischen Einrichtungen aus— Einrichtungen, denen man eine stark demokratische Physiognomie nicht absprechen kann. Das Wesen der Demokratie ist die Selbstverwaltung des Volkes, die Aus- schaltung der Fachbineaukratie und deS Absolutismus. So hatte Tirol zunächst in seiner Wehrverfassung ein unzweifelhaftes Element der Selbstverwaltung. Tirol hatte kein stehendes Heer, hatte nichts, was nur im entferntesten an Militarismus gemahnen konnte. Da gab es keine Kasernen, keine Einziehung zum Dienst im Frieden, keine landesfremdcn Garnisonen; und kein Tiroler konnte gezwungen werden, sein„Landl" wegen eines Krieges zu verlassen, da außer- halb der Tiroler Grenzen— wenn auch vom obersten Landes- Herrn, dem Kaiser— geführt wurde. Bedrohte der Feind die Tiroler Grenzen, dann rückte— auf Geheiß des Tiroler Land- tag«— der Tiroler Bauer als Schütze oder Stürmer an die äußersten Pässe, um dem Gegner den Eintritt zu wehren. Eine Militärhierarchie, wie sie das Offizierskorps jedes stehenden Heeres notwendig darstellt, fehlte dort vollkommen. — 655— Die gesamte Gesetzgebung für Tirol war Attribut der Tiroler Selbstverwaltung, das heißt ihres Funktionärs, des gewählten Landtags. Dieser Tiroler Landtag war etwas nahezu Einzig- artiges. Auf diesem Landtag waren nicht bloß Adelige, Prälaten und Stadtmagistrate, sondern auch die Bauerngemeinden der- treten— und zwar durch standesgenössische, eigene, von den Ge- meinden delegierte Vertreter. So nahm die Hauptmasse des Volkes an der Gesetzgebung Anteil. Der Landtag besaß insbesondere das Grundrecht, das überhaupt erst einem Parlament Wesensbedeutung gibt: das Budgetrecht. Seit dem Mittelalter hatte der Tiroler Landtag die Befugnis, die für Tirol nötigen Steuern zu der- willigen; der Landesherr in Wien und sein Vertreter in Innsbruck hüteten sikb, gegen den Willen der Volksvertretung Steuern auszu- schreiben. Aber mehr: der Landtag besaß in gewissem Umfang sogar das Recht der Steuererhebung und-Verwaltung: die Tiroler Steuer- beamten waren zum großen Teil nicht landesherrlich, sondern ,land- schaftlich"— das heißt: Landtags beamte. Auch die geistige Kultur des Landes, die eine katholisch-kirchliche, eine Klerikerkultur gewesen ist, hatte ihre demokratiscken Züge. Gewiß— unmöglich denken wir hier an die hohe Geistlichkeit. Wohl aber war die niedere Geistlichkeit, der Seelsorger des gemeinen Mannes, mit dem Volke von Tirol aufs engste verwachsen. Der Dorspriester kam ja selber aus dem Volke; und wenn er einige Jahre in Innsbruck„auf geistlich" studiert hatte, dann kehrte er in sein Heimatdorf zurück, um dort die Volks- genossen in allen übersinnlichen Dingen zu belehren und mit dem letzten Mann im Dorf Sorgen des Alltags freundlich zu teilen. Rosegger hat uns solche Verhältnisse wahrscheinlich gemacht— und es ist eine Tatsache: es gibt sie. Wie man übrigens über den demokratischen Gehalt jener Kirchs denken mag: dies steht fest, daß das Volk sich mit den niederen Priestern verbunden fühlte und den populären Orden anhing und daß es ge« fährlich war, in dies Sympathieverhällnis hineinzugreifen, dem Tiroler Bauernvolk, mit Hugo Schulz zu reden, die„Medizin- männer" anzufechten. Die bayerische Regierung focht sie an— und fie tat noch anderes, den Aufstand der Tiroler herbeizuführen. (Nachdruck verboten.? Die Vicve und der Luftballon, Von Dr. Th. Zell. Einen äußerst wertvollen Einblick in die Tierseele erhalten wir augenscheinlich bei solchen Umständen, wo die Tiere plötzlich ganz neuen Erscheinungen gegenüberstehen. In den letzten hundert Jahren hat es an solchen wirklich nicht gefehlt, man denke z. B. an die Eisenbahnen, namentlich an die feuerschnaubcnden Lokomotiven, fenicr an ungewöhnlich große Wagen, wie Omnibusse, Pferdebahnen usw., sodann an die pferdelosen Gefährte, wie elektrische Wagen und Automobile. Luch die Radfahrer dürfen nicht vergessen werden. Die Natur der Sache bringt es mit sich, daß mit Ausnahme der Eisenbahnen gewöhnlich nur Haustiere in direkte Berührung mit den neuen Erscheinungen geraren. Von den Haustieren wiederum sind es in erster Linie Hund und Pferd, die unsere Siraßen beleben und deshalb am leichtesten mit einem neuen Gefährt zusammen- treffen. Beide benehmen sich grundverschieden, wie es nicht anders zu erlvarten ist. Der Hund ist von Hause aus ein Raubtier und hat bei lins zu Lande eigentlich keinen Feind, den er zu fürchten hätte. Denn den Wolf haben wir ausgerottet, eben- so den Luchs, der ihm gefährlich werden könnte. Deshalb benimmt er sich überall mit einer edlen Dreistigkeit, die ihn auch gegenüber neuen Erscheinungen nicht verläßt. Weil es unserem Hund zur zweiten Natur geworden ist, überall mit einem großen Mundwerk aufzutreten, deshalb kann man ihn in den Tropen nicht halten. Auch dort bellt er jede neue Gestalt an, und sei es auch ein großes Raubtier. Daß daS Pferd sich in völlig entgegengesetzter Weise benimmt. liegt daran, daß es von Hause aus ein fliehender Pflanzenfresser ist. Kleine Raubtiere, wie Wölfe und Hyänenhunde, werden allerdings von den Führern der Einhuferherde, den mutigen Hengsten, belämpft, aber den großen Katzen gegenüber, die mit Vorliebe das Fleisch von Zebras und anderen Einhufern verzehren, find sie machtlos. Hier schützt sie nur ihre Schnellfüßigkeit. Deshalb stürmen sie, die fast immer Kinder der Ebene sind, bei ungewohnten Erscheinungen iin rasenden Laufe dahin, denn in der iveiten Ebene gibt es keine Bäume und Häuser, gegen die man laufen könnte, und so besteht eine Gefahr, fich den Schädel einzurennen, unter ihren natürlichen Verhältnsffen nicht. Diese alte Weise der Rettung, das sinnlose Davonstürmen. was wir als „Durchgehen" bezeichnen, hat das Pferd auch heute noch nicht aufgegeben, und namentlich bei neuen Erscheinungen von großer Gestalt besteht stets die Gefahr, daß es zur Praxis der Vorfahren zurückkehrt. Ein Hauptmittel, dieses für den Menschen so gefährliche Durchgehen zu verhindern, besteht in der Gewöhnung, indem man dem Tiere die Ueberzeugung beibringt, daß das neue Ungetüm ihm nichts zu leide tut. So hat fich auch das Wild an die Eisenbahnzüge gewöhnt, ja die Eisenbahndämme werden von wilden Kaninchen und anderem Getier bewohnt, wie ja auch in Berlin die Sperlinge in den Stadtbahnbögen brüten. Eine ganz abweichende neue Erscheinung ist der Luftballon, da er sich nicht wie die erwähnten Gesährte auf der Erde fortbewegt Wie verhalten sich die Tiere ihm gegenüber? Ein Weidmann, der zugleich Luftschiffer ist, hat kürzlich seine Beobachtungen in einer Jäger-Zeitung veröffentlicht. Ich möchte sie hier wiedergeben, indem ich zugleich die Gründe beifügen will, weshalb sich die einzelnen Tiere verschieden benehmen. Beginnen wir mit dem Hirsch. Gelegentlich einer niedrigen Fahrt über die wildreiche Schorfheide sahen der Beobachter und seine Begleiter an 130 Stück Rotwild in starken Rudeln stehen, die aber dem Lustballon keine Beachtung schenkten und sich erst in den Wald begaben, als die Luftschiffer sie mehrfach angerufen hatten. Da der Ballon sich nur in einer Höhe von etwa 180 Meter befand, so konnten die Luftschiffer deutlich erkennen, daß sich ver- schiedene Kapitalhirsche unter den Rudeln befanden. Ganz anders benahmen sich Reh und Hase. Die Rehe, mit denen der Beobachter in den Waldungen nördlich von Celle zu- sammentraf, ließen ihr bekanntes Schrecken ertönen, und dieser Angstruf pflanzte sich wie ein weitergegebenes Losungswort in einer Postenlinie fort. Noch furchtsamer jedoch zeigte sich der Hase. Gelegentlich einer Nachtfahrt im August, die bei Mondschein über die hasenreichen Felder der Provinz Sachsen dahinging, klang eS zu den Luftschiffern, die nur in geringer Höhe fuhren, wie ein unablässiges Rauschen herauf, so stoben die Herren Lampe in Angst und Schrecken durch Rüben und Kohl durcheinander. Es liegt nun die Frage nahe, warum sich das Wild so ver- schieden beim Anblick eines Luftballons benimmt und eine Antwort hierauf kann natürlich nur dann richtig erteilt werden, wenn wir uns die Feinde vergegenwärtigen, die den einzelnen Wildarten„von oben" drohen. Der Hirsch ist gegen Erscheinungen in der Luft gleichgültig. weil ihm von hier aus so gut wie keine Gefahren drohen. Die großen Raubvögel, die Adler und Seeadler, können einem aus- gewachsenen Hirsch nichts anhaben. Der Luchs ist bei uns so gut wie ausgerottet, und wo er noch vorkommt, bevorzugt er entschieden das Reh, schon weil er es leichter überwältigen kann. Die Wild- katze konimt als Feind des Hirsches nicht in Betracht. Luchs und Wildkatze lauern auf Bäumen auf das vorübergehende Wild und springen ihm an die Kehle, sind also Gefahren, die„von oben" drohen. Ganz anders sind die Gefahren, die Reh und Hasen bedrohen. Rehkitze greift bereits der Bussard und Habicht an, und Adler und Seeadler würden sich unter Umständen gewiß an ein erwachsenes Reh wagen. Der Luchs ist. wie wir schon erwähnten, der grimmigste Feind des Rehs, und da kürzlich sogar, wie ein glaubwürdiger Weid- mann in einer Jäger-Zeitung berichtete, ein großer Wiesel einer Ricke an den Hals sprang, so dürfte die Wildkatze nicht nur Reh« kälbern, deren Feind auch der Marder ist. sondern auch ausgewachsene» Rehen gefährlich werden. Am schlimmsten liegt die Sache für den Hasen. Denn dem aus- gewachsenen Lampe stellen Wildkatze und Marder, ferner die großen Raubvögel und Raben, den noch nicht ausgewachsenen außerdem Krähen, Elstern und anderes Gesindel auS der Vogelwelt nach. Mit Recht sagen daher die Gebrüder Müller, daß das Leben des Hasen eine fast ununterbrochene Kette der Drangsal, der Not und des Leidens sei. Weil der Hase weiß, daß er jederzeit von einem Heer von Feinden umlagert ist, deshalb erklärt sich seine sprichwörtlich gewordene Furcht. Wir lächeln darüber, ohne dem annen Kerl an- geben zu können, wie er denn beispielsweise sich gegen einen Fuchs verteidigen soll. Weil seine Furcht berechtigt ist, so erschrickt er auch vor jedem neuen Gegenstand, da er sich mit gutem Grunde sagt: Etwas Gutes wird das Neue schwerlich für mich sein. So erzählt der bekannte Naturforscher Lenz, daß es lächerlich aussieht, wenn man in den Stall eines Hasen mit einem weißen Bogen Papier oder sonst einem ähnlichen Dinge eintritt. Der Hase gerät ganz aus der Fassung und springt wie verrückt meterhoch an den Wänden in die Höhe. Der Hirsch hat also unter heutigen Verhältnissen weder für sich noch sür seine Nachkommenschaft einen Feind, der„von oben" kommen könnte, deshalb bleibt er dem Luftballon gegenüber gleichgültig. Das bedeutend ängstlichere Reh hat dagegen wenigstens für seine Kleinen verschiedene Feinde, die von oben kommen köimten, deshalb traut es dem Frieden nicht, sondern stoßt Angstrufe auS. Lampe hat mit Recht die größte Angst, denn einmal drohen ihm auch heute noch Feinde, die von oben kommen, sodann hat er guten Grund, allen neuen Erscheinungen gegenüber mißtrauisch zu sein. Wie nun benimmt sich der Erzfeind des Hasen, unser R e i n e k e, gegen den Luftballon? Unser Beobachter teilt darüber folgendes mit: Ein Füchslein war auf einer Waldblöße wohl in tiefe Be- trachtungen über das Wann und Wie des nächsten Hasenbratens versunken und so erschrocken, als ihn der Luftschiffer anrief, daß er nach allen Seiten hin- und herschnürte, ohne den Weg in den rettenden Hochwald zu finden. Der Beobachter meint, daß man hieraus er- sehen könne, wie selbst solche Schlaumeier einmal bei unvorher- gesehenen Fällen den Kopf verlieren können. Ueber die Schlauheit des Fuchses sind bekanntlich die Ansichten sehr geteilt. Eine Reihe von Handlungen, die ihm als Dummheit ausgelegt werden, so die Furcht vor bloßen Lappen, beruhe» wahr- scheinlich auf seinem schwachen Gesicht. Jedenfalls hat Reineke de- gründeten Anlaß, stets auf seiner Hut zu sein, denn er genießt nicht, wie das übrige Wild, Schonzeit, sondern wird unablässig, besonders bon den Jägern, verfolgt. Außerdem hat er noch die Hunde zu fürchten, die dem übrigen Wild doch nur, wenn sie wildern, und dann auch nur ausnahmsweise gefährlich werden. Was die Gefahr„von oben' anbetrifft, so sind Adler, Seeadler und Uhu allerdings ziemlich ausgerottet. Der Habicht nimmt nur junge Füchse fort. Daß die großen Raubvögel unserm Ncinele gefährlich werden können, ist wiederholent- lich beobachtet worden. Allerdings läuft die Sache für den kühnen Herrscher der Lüfte manchmal unglücklich ab. Hierzu be- richtet der Naturforscher Tschudi folgenden Fall: Ein Fuchs lief über den Gletscher und wurde blitzschnell von einem Steinadler gepackt und hoch in die Lüfte geführt. Der Räuber fing bald an sonderbar mit den Flügeln zu schlagen und verlor sich hinter einem Grat. Der Beobachter stieg zu diesem heran, da lief zu seinem Erstaunen der Fuchs pfeilschnell an ihm vorbei:— auf der anderen Seite fand er den sterbenden Adler mit aufgebissener Brust. Dem Fuchse war es gelungen, den Hals zu strecken, seinen Räuber bei der Kehle zu packen und diese zu durchbeißen. Wohlgemut hinkte er nun von dannen, mochte aber wohl fein Leben lang die sausende Luftfahrt nicht vergessen. Daß Reineke unter solchen Umständen dem Frieden„von oben" nicht recht traut, kann man ihm eigentlich nicht verdenken. Im allgemeinen wird es für ihn allerdings am besten sein, sich bei Ge- fahr nach dem Walde zu flüchten, denn dort können ihm Raubvögel ebensowenig etwas anhaben, wie seine Hauptfeinde, Wölfe und Hunde. Wenn er zögerte, so geschah es wohl deshalb, weil er sich über die Schallquelle nicht klar war. Den Menschen, der rief, sah er nicht. In der Luft schweben nach seinen Erfahrungen keine Menschen. Mußte er nicht annehmen, daß er möglicherweise im Walde steckte? Für so ganz dumm kann ich demnach das Ver- halten des Fuchses nicht erklären. Wir kommen jetzt zu den Vögeln. In der Liineburger Heide begleiteten den Beobachter längere Zeit zwei Störche, die elegante Kreise neben und über dem Ballon zogen, wahrscheinlich um dem Luftschiffer und seinen Begleitern vor Augen zu führen,� was sie doch eigentlich gegenüber ihrer vollendeten Aviatik für Stümperei treiben.' Die einzigen Feinde, die der Storch in der Luft besitzt, nämlich Adler und Uhu, kommen wohl in Hannover absolut nicht mehr vor, deshalb fühlen sich die Gebrüder Longbein sehr sicher, zumal sie von der Bevölkerung als heilige Geschöpfe betrachtet werden. Der Uhu als nächtlicher Vogel läßt sich bei Tage über- Haupt selten erblicken, da er sonst von den meisten Raubvögeln, ferner von den Krähen angegriffen wird. Uebrigens dürfte es be- kannt sein, daß die Jäger einen tiefen Groll gegen den Storch hegen, da er Junghasen frißt und die Gelege der Erdbrüter plündert. H a u S h ü h n e r laufen nach unserem Beobachter wie toll auf den Höfen herum und suchen jeden möglichen Unterschlupf. Feld- Hühner fliegen selten auf. sondern verbergen sich, da sie sich von einem großen Raubvogel bedroht fühlen. Die Tauben flattern meist aufgeregt um den Schlag herum. Wildenten bleiben meist ruhig auf den Gewässern liegen, zahme Enten und Gänse besprechen in be- kannter lauter Manier den unheimlichen Störenfried. Daß Haushühner, Feldhühner und Tauben sehr berechtigten Grund zur Furcht haben, ist einleuchtend, denn trotz aller Verfolgung hausen selbst heute noch in den Großstädten ihre schlimmsten Feinde, namentlich Habicht und Wanderfalk. Altum hat eingehend geschildert, wie in Berlin ein Weibchen des Wanderfalken morgens früh ruhig und zusammengekauert aus einem Ziegelvorsprunge des Daches der Garnisonkirche ans die Taubenschwärme lauerte und sie überfiel. Brehms Vater erzählt von einem Wanderfalken, der den Tauben nachflog und bis in den Schlag eindrang, wo er gefangen wurde. Der Habicht ist in seiner Raubgier noch dreister. Es ist häufig vorgekommen, daß starke HauShühner, die vom Habicht er- griffen wurden, mit Aufbietung der letzten Kräfte, den Räuber auf dem Rücken, in das Innere des Hauses rannten, als wollten sie Schutz beim Menschen suchen. Wie sehr die Rebhühner den Wanderfalk zu fürchten haben, da- für ein Fall aus meinen eigenen Beobachtungen. Auf der Buckower Sildmark bei Berlin wurde an einem herrlichen Frühlingstage eine ebrauchshundprüsung abgehalten. Wir waren gerade dabei, die Hunde auf Spürsicherheit zu prüfen, als etwa hundert Schritt vor uns ein Wanderfalk auf ein fliegendes Rebhuhn stieß, das verwundet zu Boden stürzte. Alle staunten über diese edle Dreistigkeit, im An- gesicht so vieler Jäger ein Huhn zu schlagen. Sofort stürzte ein Grünrock mit geladenem Gewehr zu der Stelle, wo sich der Falk mit dem ergriffenen Huhn befand. Wir Zuschauer schrieen in- zwischen auf, worauf der Räuber seine Beute fallen ließ und sich aus dem Staube machte, bevor der Schütze zu Schusse kam. Man begreift hiernach, daß man mit einem Dracheu, der nur eine ungefähre Aehnlichkeit mit einem Raubvogel hat, imstande ist, ein Volk Rebhühner zum„Halten", das heißt Nichtfortfliegen, zu veranlassen. In seiner finnlosen Angst sieht das Huhn trotz seiner scharfen Augen gar nicht genau hin, ebenso wie manche Menschen in ihrer Furcht vor Schlangen einen am Wege liegenden Knüttel für ein Reptil halten. Die Furcht vor dem schnellen Raubvogel ist viel größer als vor der Flinte des Jägers und vor dem Hunde, deshalb kaufen die Hühner nur, erheben sich aber nicht in die Lust, was sie ohne Anwendung des Drachens sicherlich machen würden. Daß die Wildenten weniger Furcht zeigen, beruht ein- fach darauf, daß sie wiffen, daß sie sich durch Tauchen ihren Feinden entzieheil können. Schffertitz beobachtete einst innerhalb weniger Stunden die verschiedenen Verteidigungsarten der Enten gegen Raubvögel. Als diese einen langsam herbeifliegenden See« adler gewahrten, erhoben sie sich in die Lust und blieben oberhalb des Wassers, weil sie wohl wußten, daß er nicht imstande sei, sie im Fluge zu fangen. Da zeigte sich ein Wanderfalk. Jetzt flogen sie nicht auf, sondern tauchten unablässig, bis auch dieser Feind das Vergebliche seiner Bemühungen einsah, Später erschien nun ein Habicht, der sowohl fliegende wie sitzende Geschöpfe zu fangen weiß, während der Wanderfalk nur Vögel während des Fluges schlagen kann. Die Enten zogen sich sofort zusammen, warfen mit den Flügeln beständig Wasser in die Höhe und bildeten so einen undurchsichtigen Staubregen. Der Habicht durchflog diesen Regen, wurde aber.doch so verwirrt, daß er eben- falls von seiner Jagd ablaffen mußte. So lasten sich also die Beobachtungen unseres LuftschifferS in der ungezwungensten Weise daraus erklären, daß die Tiere um so größere Furcht vor dem Luftballon haben, je häufiger ihnen auch heute noch Gefahren von oben drohen, und sich um so gleichgültiger benehmen, wenn derartige Feinde für sie sonst nicht vorhanden sind. kleines fcullkton« Physikalisches. W i e weit ist der Horizont? Diese Frage ist in der Theorie unschwer zu beantworten. Wenn die Atmosphäre dem Blick keine Hinderniffe bietet, wenn sie frei ist von Rauch, Staub oder Dämpfen, dann ist der Horizont von dem Schauenden, der sich am Strande einen Meter über dem Meeresspiegel befindet, 3570 Meter entfernt. Auf diese Entfernung kann er noch ein auf der Meeres- oberfläche treibendes Floß sehen. Der Schwimmende hat natürlich ein kleineres Gesichtsfeld. Wenn der Kopf etwa 25 Zentimeter über daS Wasier emporreicht, kann er nicht zwei Kilometer weit sehen. Je höher man steigt, je ferner rückt der Horizont. In einer Höhe von fünf Metern über dem Meeresspiegel liegt er acht Kilometer entfernt, bei zehn Metern mehr als elf Kilometer, bei fünfzig Metern 25 Kilometer und bei hundert Metern gar 35 Kilometer. In einer Höhe von tausend Meter hat sich der Horizont bereits auf 112 Kilometer geweitert; bei 2033 Metern rückt er auf 159, bei 3333 auf 195, bei 4333 auf 225, bei 5333 auf 252 Kilometer. Um hundert Kilometer weit sehen zu können, muß man bis zu einer Höhe von 785 Metern emporsteigen, für 233 Kilometer 3143. und für 333 Kilometer über 7333 Meter. ES gibt eine allgemeine Formel, mit der leicht die Entfernung deS Horizontes be- rechnet werden kann: man multipliziert die Quadrat« Wurzel der Höhenzahl mit 3838, das Produkt gibt dann die Distanz der Sicherheit in Metern. Aber bei den obigen Zahlen ist nur das Meer oder ein absolut ebenes Land berücksichtigt, es handelt sich um die Sichtbarkeit von Gegenständen, die auf der Höhe: 3 liegen. In der Wirklichkeit handelt eS sich jedoch meist um Gegenstände, die wiederum eine Eigenhöhe haben. Damit verschiebt sich naturgemäß die Berechnung: je höher der Gegenstand ist, je höher ragt er in den Horizont hinein und je weiter wird die Distanz der Sichtbarkeit. Freilich handelt es sich hierbei nicht um den ganzen Körper, sondern nur um seine oberen Teile, bei Schiffen z. B. die Masten, bei Bergen die Gipfel. Hier ist der Horizont auf festem Lande größer als der auf dem Meere, weil auf dem Meere schwimmende Gegenstände nur geringe Höhendimensionen entwickeln können. Bei der Berechnung der Horizontweite wird nian leicht zu einer irreführenden Schlußfolgerung verleitet. Von einem 2333 Meter hohen Berggipfel kann man 159 Kilometer weit sehen; die Versuchung liegt nahe, nun anzunehmen. daß man von diesem Gipfel einen anderen ebenso hohen auf die doppelte Entfernung noch erkennen kann. Aber die Horizontweite wächst keineswegs im gleichen Verhältnis mit der Höhe des Stand« Punktes des Schauenden. Zudem wirkt hier ein Vorgang mit, dessen optische Tragweite erst künstige Forschungen genauer berechenbar machen können: die Strahlenbrechung. In eiuem Aufsatz des„Temps" wird eine Reihe von Beobachtungen zusammengestellt, die ein Bild von der Bedeutung der Strahlenbrechung geben. Die Strahlen« brechung Inegt in der Atmosphäre die Lichtstrahlen zu einer Kurve, die in der Wirklichkeit daS sichtbar werden läßt. was in der Theorie unsichtbar sein müßte. So ist eS auch möglich, daß Fälle verzeichnet werden konnten, in denen man vom Meer aus den Chimborasso in einer Entfernung von 333 Kilometern lind den Aconcagua bei 325 Kilometern sehen konnte. Wenn nur Höhe und Distanz für die Sichtbarkeit entscheidend wären, müßten beide Berge bei solcher Entfernung nicht wahrgenommen werden können. Aber die Strahlenbrechung macht sie doch sichtbar, ebenso wie man all- jährlich von Nizza oder San Nemo aus die 233 Kilometer entfernten Berggipfel von Korsika erkennen kann. Es ist dasselbe Phänomen, das unserem Auge die Sonne und den Mond bereits sichtbar machen, wenn sie eigentlich nock gar nicht aufgegangen sind, ebenso wie Sonne und Mond in Wirklichkeit bereits untergegangen sind, wenn das Auge sie noch sieht. So verlängert die Strahlenbrechung den Tag uni einige Minuten. verantwortl. Redakteur: Hans Weber, Berlin.— Druck u. Verlag: Vorwärts Buchdruckerei u.Verlaglanstalt Paul Singer ScCo..Berlin SV/.