Nnterhaltungsblatt des Jorwärls Nr. 163. Donnerstage den 26. August. «09 vi (Nachdruck verböte».) Oer Torzugsrcbiiler. Von Marie v. Ebner-Eschenbach. lSchlutz.) Er war am Ende der Straße angelangt, bog in die Seitengasse ein, die auf den Kai mündete. Bleierne Müdig- keit lag ihm in den Gliedern, sein Kopf brannte und schmerzte bis zur Bewußtlosigkeit. Die Donau, die ist ein kühles, weiches Bett, da findet man Ruhe und Labung. Nur sie erreichen, nur bis zu ihr hinkommen! Eine dumpfe Angst:„sie mißgönnen mir die Erlösung, sind hinter mir, verfolgen mich," jagte ihn vorwärts. Er begann zu laufen, und dabei schien ihm, daß er immer auf demselben Fleck bliebe. Das war fürchterlich, noch einmal einen so argen Kampf mit dem Unüberwindlichen kämpfen zu müssen. „Wohin? Was sind Sie so eilig?" sprach eine wohl- bekannte Stimme ihn an. Der Hausierer stand vor ihm. „Du?" sagte er,„Du Solomon?" Ein wenig Zeit nahm er sich zum Abschied von dem Armen. Auch der war elend, dem es Seligkeit gewesen wäre, in der Schule zu sitzen, aus der Georg entflohen war, und der aus und ab wandeln mußte vom frühen Morgen bis in die späte Nacht in Staub und Sonnenbrand, und sah so krank aus, und seine schmächtige Gestalt war schon ganz schief vom Tragen des schweren Warenkastens. Ja, ja, wem zu Schweres auferlegt wird, der verkrüppelt. Armer Solomon, den der Wachmann aufscheucht und einzuführen droht, wenn er ganz erschöpft einige Augenblicke auf einer Bank ausruhen möchte. Fort, fort auf müden Füßen in den ausgetretenen, geplatzten Stiefeln... Georgs Blick glitt über sie hinweg, und plötzlich beugte er sich, zog rasch seine neuen Halbschuhe aus und legte sie auf den Warenkasten. „Nimm sie, ich brauche sie nicht mehr," sprach er und— lachte. Ja, wahrhaftig, Solomon schwor später darauf, daß er gelacht habe, und wie unaussprechlich schmerzvoll dieses Lachen geklungen, kam ihm erst später zum Bewußtsein, nach- dem alles vorüber war. Zuerst in seiner freudigen Verblüf- fung hatte er nur Augen für die schönen, guten Schuhe, die ihm wie aus dem Füllhorn des Glückes zugefallen waren. Als er sich besann, daß Georg seine Schuhe gar nicht verschenken dürfe, und wohl nur einen Spaß mit ihm gemacht habe und er sich umsah und rief:„Junger Herr! junger Herr!"— drang schon lautes vielstimmiges Geschrei an sein Ohr:„Im Wasser!"—„Hineingesprungen I"—„Hilfe! Hilfe!" Von allen Seiten stürzten sie herbei, rannten, krochen die steile Böschung hinab, standen mit vorgestreckten Hälsen, Entsetzen oder stumpfsinnige oder abscheuliche Neugier in den Gesichtern, imd deuteten:„Dal dort! Siehst ihn?" Anstalten zur Rettung wurden getroffen— vergebliche. Eine Stromschnelle hatte den schwimmenden Körper erfaßt und Häuptlings an einen Brückenpfeiler geschleudert. Mit gellenden Wehrufen drängte sich Solomon durch die Menge zum Ufer hin. Die Schuhe hatte er von sich geworfen. streute seine Waren im Laufe achtlos aus... Gott! Gott! Ins Wasser gesprungen— in den Tod gegangen, der, den er bewundert hatte und beneidet, und der immer so gut gegen ihn gewesen war. Pfanner hatte einen schweren Entschluß gefaßt und aus- geführt. Er war zum Direktor des Gymnasiums gegangen, um Georg seiner Nachsicht zu empfehlen. Vor wenigen Tagen noch würde er einen solchen Schritt für unmöglich gehalten Und geglaubt haben, sich und Georg durch ihn zu erniedrigen. Mit so viel Wärme und Verbindlichkeit, als ihm irgend zu Gebote standen, sprach er die Bitte aus, seinen Sohn nach- sichtig zu klassifizieren, wenn der Bursche auch in letzter Zeit etwas nachgelassen habe im Fleiße. Sein Vater bürgte dafür, daß es von nun an besser werden sollte. „Nachgelassen im Fleiße?" Das war dem Direktor neu. So viel er wußte, hatte noch keiner der Professoren sich über Georgs Mangel an Fleiß beklagt.„Ich wäre froh", sagte er, „wenn ich allen Eltern so Gutes über ihre Söhne sagen könnte, wie Ihnen über Georg. Er ist bei sämtlichen Lehrern vor- trefflich angeschrieben, sehr brav und auch durchaus nicht un- begabt"... „O, das glaub ich!" warf Pfanner hochfahrend ein. „Durchaus nicht unbegabt," wiederholte der Direktor kühl,„aber auch nicht ungewöhnlich begabt. Ich fürchte, daß Sie zu viel von ihm verlangen, ihm eine größere Leistungs- fähigkeit zutrauen, als er besitzt. Wenn Sie ihn zwingen, seine Kräfte zu überspannen, ruinieren Sie ihn." Der Offizial kam tief niedergeschlagen ins Bureau. So verlangte er also zu viel von seinem Buben, so ruinierte er ihn, so sollte Georg nur mittelmäßig begabt sein? Er glaubte es nicht. Diese Schulleute irren so oft. Wie viele, von denen ihre Lehrer nichts gehalten, sind große Männer geworden. Er ging an seine Arbeit, vergrub sich in sie, suchte Rettung in ihr vor dem schweren Drucke, der ihm auf dem Herzen lastete. Gegen Mittag meldete ihm der Bureaudiener, es sei jemand da, der ihn sprechen wolle. Auf dem Gange erwartete ihn Frau Walcher in einem Zustand furchtbarer Zerstörtheit. Etwas Entsetzliches sei geschehen, stotterte sie, das Aergste, das man sich denken könne. Er solle nur gleich mit ihr kommen. „Was ist das Aergste?" fuhr er sie an.„Was ist's mit meinem Buben?" Ihre Antwort war eine Gebärde der Verzweiflung. *. Dem Liebling des Gymnasiums wurde ein feierliches Leichenbegängnis bereitet. Alle Professoren, alle Schulkame- raden beteiligten sich daran. Meister Obernberger folgte dem Zuge, weinend wie ein Kind, und sein Pepi hatte heute allen Hochmut abgetan. Der Vater schritt in guter Haltung hinter dem Sarge. Jedes Wort, da? am Grabe zum Preise seines Sohnes ge- sprochen wurde, schien ihm ivohl zu tun, während die Mutter immer tiefer in sich zusammensank. „Am besten für sie wär's," sagte schwerbckümmert Frau Walcher zu ihrem Manne,„wenn man sie gleich mitbegraben könnt." Die zwei Ehepaare traten die Rückfahrt im selben Wagen an. Pfanner und seine Frau wechselten nicht eine Silbe. Einer wich scheu dem Blick des andern aus. Daheim angelangt, gab Agnes den dringenden Bitten der Freundin, zuerst bei ihr einzutreten, nach. „Da hat sie doch ein paar Stunden Frieden," dachte die Getreue. Als der Abend kam und die gewohnte Pflicht sie rief, ging Agnes mechanisch daran, das Abendbrot zu bereiten. Sie betrat das Zimmer, um die Lampe anzuzünden. Aber Pfanncr hatte das schon selbst getan. Die Lampe brannte auf dem Tische, und dort lagen die Bücher und die Mütze, die der Schuldiener zurückgebracht hatte. Vor sich aufgeschlagen hatte Pfanner ein diinnes Büchlein— das Vermögen des Kindes, das guldcnweise zusammengesparte. Und in der gebrochenen Gestalt, die da saß und die Gegenstände alle betrachtete, drückte eine herzzerreißende Trostlosigkeit sich aus. Was ging jetzt vor in dieser Seele! Agnes kam leise heran. Die Frau, die er zermalmt und zertreten und zu einer dienenden Maschine herabgewürdigt hatte, fühlte sich in diesem Augenblick als die Größere und Stärkere und, im Vergleiche zu ihm die Glückliche. Sie durfte ihres Kindes ohne Selbst- Vorwurf gedenken, von ihr hatte es mit zärtlicher Liebe Ab- schied genommen. „Pfanner," sprach sie. Er fuhr auf und starrte sie an mit Entsetzen. Wollte sie Rechenschaft von ihm fordern? Seine Lippen zuckten und zitterten, er brachte keinen Laut hervor. Etwas Greisenhaftes lag in seinen entstellten Zügen. Da wich der Haß, da schwieg jeder Vorwurf. Sie näherte sich langsam und sagte: „Du hast ja nur sein Bestes gewollt." Ueberrascht in demütiger Dankbarkeit nahm er ihre beiden Hände, legte sein Gesicht hinein und schluchzte. Das Gliich in Rofcn. Ein Brief von I. P e r e tz. . Du siehst also, mein Liebster, Rosen, nichts als Rosen! Du lauschest dem Geflüster der Gräser und-dem Gesänge der Nachtigall. Du seist betäubt, sagst Du, vom Dufte der Blumen, und Deine Seele sei nicht-Z als ein leichte? LLölkchen von Rosendüsten... Und deutlich sehe ich Dich die Stragc Hinaufgehn; ein Blinder, Lahmer oder irgendein anderer Krüppel steht an eine Mauer ge- lehnt, streckt Dir"seine Hand entgegen und bettelt ein paar Groschen, um sein Leben zu erhalten... Dein Beutel ist voll, aber Du schenkst ihm nichts. Denn Du siehst den Kummer nicht. Du siehst bloß duftende Rosen, Du hörst kaum das Flehen der Armen, der Gesang der Nachtigall fesselt Dein Ohr... Die Sonne geht unter, müde, bleiche Schatten irren auf der Straf, e umher... Nackte Kinder der Not betteln um die Pfennige für ein Nacht- lager. Kränkelnde Töchter des lflends suchen in der tiefen Finsternis der Gasse den Blick ihrer müden Augen an der zuckenden Flamme ihrer blutenden Seele zu erleuchten. Und der ekelerregende Gestank der Fäulnis steigt, mit dem Schmutz der Gasse vermengt, gen Himmel empor— in Deinem Hirn aber spielen grüne Schatten, in Deiner Brust rieselt ein Silberquell, und Deine Seele... sie zerfließt im wonnigen Dufte der Rosen... Und wenn Du hineingehst inS Schlachthaus des Lebens, so hörest Du nicht das Röcheln des Lammes, sein letzter Atemzug streift kaum Dein Ohr, von dem Blute, das eben vergossen, spürst Du kaum den Geruch... Was sind Dir Gewalt, Gerechtigkeit und Mord, Du bciist an Deine Rosen, ihr Duft hält Dich gefangen, das Lied der Nachtigall, so schwärmerisch, so süß... Und wenn Du ein Krankenhaus betrittst, um einen Kranken zu besuchen, so siehst Du nicht den Schmerz. Du hörst nicht das Gestöhn, Dein Auge wird nicht feucht— Dein Herz erbebt nicht— Du siehst nichts als Rosen; das Blumen» geflüstcr. das Gemurmel der Gräser, das Vogelgezwitscher, das macht Dich frohlocken... Und wenn du ein Gefängnis... Ach, dorthin kommst Du nie. Die Rosen, die begehen keine Ver- brechen... Der Liebesgesang der Nachtigall ist kein Vergehen. Du schaust den Tag im Sonnenglanze. Die Finsternis, die tennst Du nicht... Leise rauschten die Bäume um Deine Wiege. Du warst der erste Mensch im Garten des Paradieses... Ein kleines Häuschen mit offener Pforte für jede himmlische Musik... Schönheit und Liebe wohnten im Häuschen, Schönheit und innige Liebe... Ohne Leiden, ohne Schmerz, ohne Seele, ohne Streben, die ge- waltige Unendlichkeit zu enträtseln, die das Häuschen eingelullt, warst Du... Von den wilden Stürmen des Lebens hat das Häuschen nichts vernommen... Die Blumen ringsum, sie welken nicht, es ist die Liebe, die sie schont, alles blüht in Ewigkeit, kennt kein Verdorren, keine Zeit... Und Du lebst glücklich, das Dasein preisend, von Schmerz und Leid fast nicht berührt... Du hast wohl das Meer geschaut, nicht aber den Sturm... Nie einen zerschellten Kahn auf Hochbeweger See... Du bist glücklich, mein Freund, aber ich— ich beneide Dich nicht... Die Tarokr Volkserkebung im Jadre 1809. 11. Als eine Tiroler Deputation den König Max Josef von Bayern in München besuchte, gab der mit der bekannten Bonhomie das Ver- sprechen, an der alttiroler Verfassung solle kein Jota geändert werden. Ucbrigcns war Max Josef durch den Vertrag von Preß- bürg zu dieser Verheißung einigermaßen verpflichtet, denn der Ver- trag gab dem neuen Besitzer dieselben Rechte, die der österreichische Landesherr in Tirol besessen hatte— und keine anderen. Aber konnte Max Josef dies Versprechen geben und halten? Zunächst ist zu bedenken, daß Tirol als bayrische Provinz etwaS ganz anderes war wie als österreichische. Oesterreich-Ungarn war Großstaat und als Teil dieses Großstaates war Tirol ein Verhältnis- mäßig kleiner Posten. Die Hofburg konnte es riskieren, dem Land Tirol ein politisches Sonderleben zu lassen; das Gewicht des Ge- famtstaates war noch immer groß genug, die tirolische Selb- ständigkcit zu balancieren. Anders Tirol in Bayern. Bayern Ivar Mittelstaat und Tirol nicht weniger als — bevölkcrungsstatistisch gesprochen— ein Fünftel des Königreiches. Es schien den Münchcncr Regicrungsmännern— und nicht ohne Grund— nicht ganz ungefährlich, diesen verhältnismäßig großen Bruchteil Bayerns ein staatliches Eigenleben zu belasten, wie es in der alttiroler Verfassung enthalten war. Das Königreich Bayern war jung, war auS den verschiedenartigsten Provinzen zusammen» gestückt, die vom Main bis zum Eifack reichten. Kurzum, die bayerische Regierung war bestrebt, den Zug der Einheitlichkeit in das Provinzenbündcl hineinzubrinaeu, daS Königreich Bayern hieß. Be- fand man sich doch überdies m einem Zeitalter, das sich bewußt gegen die jammervolle Kleinstaaterei der Vorzeit erhob. Und war doch in Bayern ein Minister, der das Prinzip des rationell zentrali- sierten Staatsbetriebes mit persönlicher Leidenschaft vertrat: der Minister Montgelas. Aber die eigenen Bedürfniste Bayerns waren dabei nicht einmal maßgebend. Bayern stand ja im BnndeSverhältnis zum franzöfischen Kaiserstaat. DaS Bundesverhältnis, das 1805 zum ersten Male er- probt ward, wurde von Napoleon im Sommer 1806 in ein dauerndes Allianzverhältnis verwandelt: in der Art nämlich, daß Napoleon die süd- und westdeutschen Fürsten ihrem Oberhaupt, dem— damals in Wien residierenden, habsbnrgischen— deutschen Kaiser entriß, sie zu einem engen völkerrechtlichen Verein, dem sogenannten Rhein- b u n d, zusammenschweißte und sich selbst zum Protektor dieses Bundes machte. Für den Schutz, den Napoleon dem Rheinbund ge- währte, erwartete und erhielt er jede, namentlich die militärische Hilfe der Bundesfürsten; in seinen zahlreichen Kriegen hatte er stets deutsche Korps in Menge zur Verfügimg. Sollten die Rheinbund- staaten zun» Vorteil Napoleon« funktionieren, so mußte Napoleon danach trachten, daß auch die Zivilverwaltnng der Rhein- buudstaaten— zu denen natürlich Bayern, und zwar als größter Vasallenstaat gehörte— dem Einfluß des französischen Imperialismus erreichbar sei. Napoleons eigener Staat, der französische, hatte eine straff zentralisierte, im Willen des Monarchen zusammengefaßte, nach unten bureaukratisch weit- verzweigte Verwaltung. Die französische Staatsverwaltung wurde zum Vorbild für die rhcinbündleriicheii Verwaltungen. Schon von dieser Seite her wäre Bayern genötigt gewesen, zentralisierend, bureaukratisch, absolutistisch in Tirol zu wirtschaften, die tirolische Selbstverwaltung anzugreifen. Soldaten aus Tirol herauszuholen, das Land steuerpolitisch auszupressen, die Tiroler öffentlichen An- gelegenhciten mit dem mechanischen Apparat einer vom Monarchen und seinem Premier her orientierten Bureaukratie zu erledigen— während der Monarch selber seine letzten Direktiven vom Souverän des europäischen Kontinents empfing: das war die Politik, die Bayern wohl oder übel gegen Tirol ins Werk setzen mußte— das war die Politik, die in den Verhältnistcn der Zeit selber ruhte. Und wenn wir noch einmal bis ins letzte dringen, so erkennen wir wiederholend, daß Napoleon selbst durch die Vorstöße des englischen Kapitalismus gezwungen war, seine Machtmittel im Sinne der Militärdiktatur, des kontinentalen Imperialismus zu zentralisieren und zu disziplinieren. Was tat nun Bayern? Von vier Seiten drang es in die alttiroler Selbstverwaltung ein. Es griff tief in das Wirtschafts- leben des Landes hinein, tief in das tirolische Steuer- und Ver- fassungswesen, tief in die tirolische Wehr- und in die tirolische Kirchenverfassung. Unter den wirtschaftlichen Maßregeln der bayerischen Regierung hatte keine so tief einschneidende Bedeutung wie die Währungs- reform, die alsbald nach der Annexion ms Leben trat. In Tirol war von österreichischer Zeit her eine Unmasse österreichischen Papier- gelbes im Umlauf. Papiergeld hat bekanntlich den Wert einer An» Weisung auf gutes Metallgeld und wird— unter gesunden Ver- Hältnissen— zur Erleichterung des Verkehrs mit großen Summen und— unter ungesunden Verhältnissen— als Ersatz für mangelndes Metallgeld ausgegeben. Das österreichische Papiergeld überstieg— wenigstens in der Zeit der Koalitionskriege— den Edelmetallvorrat, auf den solides Papier- geld doch stets gegründet sein soll, ganz erheblich. Die Kriege hatten viel gekostet und natürlich nicht das Papier, jsondern das Edelmetall aus dem Lande herausgezogen. Um die Zeit des Prcßbnrger Friedens, also in dem für Oesterreich so schweren Jahre 1805, stand daS österreichische Papiergeld auf einem Drittel seines Nennwertes: Oesterreichs Edelmetallvorräte waren zusammengeschmolzen und der Kredit deS bielfach besiegten Landes war sehr klein. Es begreift sich, daß Bayern innerhalb seiner Grenzen das nahezu wertlose österreichische Papiergeld nicht leiden wollte. Daher erging bald nach der AnncxiouTirols eine Verordnung, wonach das österreichische Papier» geld vom 1. Juli 1806 ab in Bayern— mithin auch in Tirol— jede Geltung verliere. Bis dahin aber sollten die bayerischen Kassen die österreichischen Bankozettel zu einem leidlichen Kurs einlösen. Eilig trugen nun die Tiroler ihre Zettel zu den öffentlichen Kassen— aber eS stellte sich die fatale Tatsache heraus, daß die bayerischen Kasten selber nicht genug Barvorrat besaßen, um die zahllosen Scheine einzulösen. Die Folge war eine Finanz- panik und ein neuer Kurssturz, der dadurch noch unvermeidlicher wurde, daß lumpiges Gesindel von Agioteuren gefälschte Noten auf den Markt brachte und damit auch daS Ansehen der echten gefährdete — ganz abgesehen davon, daß diese neue— unreelle— Vermehrung der Zettel wertmindernd wirkte. Dieselben Agiotenrs erboten sich. die Zettel zu einem lächerliche» Kurs einzulösen: ein Zettelgulden galt endlich achtzehn Kreuzer. In dieser Valutarcform ging ein volle« Drittel des Tiroler Nationalvermögens einfach unter. Man kann sich denken, daß daniit ganze Familien ruiniert waren und daß Tirol viel zu erbittert war, um der bayerischen Regierung ihre gute Absicht zu quittieren, viel zu erbittert aiich, dessen eingedenk zu sein, daß die bayerische Regierung die ihr von Napoleon angewiesene KriegSkoniribution von 1805 im Betrage von S 000 OVO Gulden den Tiroler» erlassen hatte. Zweifellos spielte bei dieser Erbitterung noch ein v e r> fassungsrechtliches Argument eine grosse Rolle, von dem wir insbesondere zu reden haben. Die wirtschaftspolitische und steuerpolitische Gesetzgebung erfolgte in Tirols bauerischer Zeit nicht etwa, wie gewohnt, unter Mitwirkung des Landtages, sondern gegen alle lleberlieferung, gegen den Prcßburger Traktat, gegen das aus- drückliche Wort eines Königs— naive Leute halten ja ein Königs- wort für unverbrüchlich— im Verordnungsweg. Im Ver- ordnungSwcg erfolgte das Gesetz über die Kopsstener, deren Roh- ertrag auf 330 000 Gulden angeschlagen wurde. Im Berordnuugs- weg erfolgten alle anderen neuen Tiroler Stcuergescye: das Stempelsteuergesetz— von dem Tirol wegen eines bezahlten Privilegs übrigens ganz besonders hätte verschont bleiben müssen—, die Erhöhung der Weiuakzise, der Fleischausschlag, die Erhöhung der Grundsteuer— und wie die neuen Steuern oder Erhöhungen alle hietzen. Im Verordnungsweg ward dem Tiroler Landtag Ein- Hebung wie Verwaltung jeglicher Steuer und— im Zusammenhang damit— die Ausschreibung der Steuerziele sowie die Anstellung der Steuerbeamten verboten. Im Verordnungsweg wurde Tirol in bayerische Verwaltungsbezirke eingeteilt, in denen alsbald eine landcsfreinde Bnreankratie amiliche Funktionen ausübte— im Verordnungsweg ging Montgelas über alle Sonderrechte des Landes und deren Garantien hinweg. War die Steuergesetzgebung schon um ihres Inhaltes willen verhaßt, so natürlich auch, und nicht weniger, um des verfassungswidrigen Charakters der Einführung willen. Dazu kam nun noch eine äußerst verhaßte Eintrcibungsart. Die Stcuerbeamten erhielten wie die Jnstizbeamten Provisionen aus den öffentlichen Einnahmen: so sollte die Bureaukratie zu einem schneidigen Vorgehen gegen die neue Provinz erzogen werden. Wie Bayern Napoleon hauptsächlich militärische Vasallendicnste zu leisten hatte, so trachtete Bayern danach, aus Tirol Rekruten herauszuholen. Es sah das Mittel hierzu in der Militärkonskription, das heißt der zwangsweisen Aus- Hebung jedes hundertzwanzigsten TirolerS zu sechsjährigem Dienst in Friedenszeiten. Die Tiroler wehrten sich wütend gegen diese — natürlich gleichfalls uuter Mißachtung des Landtag? und seiner Rechte geschaffene— Einrichtung; sie wehrten sich mit dem Erfolg, daß die Konskription größtenteils mißlang und die Anshebungs- kommandoS mit blutigen Köpfen weitergingen. Noch größer war aber das Fiasko, das Bayern auf den, Gebiet der Kirchen- Politik erlebte. Montgelas, der den geistreichen Zögling der französischen Revolution zu spielen liebte, wiewohl er im Herzen ein krasser Absolutist in der Art Friedrichs II. und Josefs II. ge- Wesen ist, hatte von der Revolution jedenfalls etwas gelernt: den Kulturkampf. Montgelas gedachte den Klerus Bayerns in eine Kutten- und Soutancnpolizei zu verwandeln, die, in Unabhängigkeit vom Papste und unbedingt der weltlichen Landesregierung Untertan, das Volk moralisch im Zaum halte. Deshalb— keineswegs etwa von bloßem idealen Aufklärungsbedürfnis— kamen jene bayrischen Verordnungen, die auch Tirol betrafen und die bestimmten: künstig werde der König an Stelle des Bischofs den Pfarrer, und an Stelle des Papstes den Bischof emennen,— künftig werde jeder Priester eine Staatsprüfung ablegen,— künftig werde die Regierung direkt den Seelsorgern Befehle erteilen, ohne den Instanzenweg über die bischöflichen Ordinariate einzuhalten,— künftig werde überhaupt jeder Tonsurierte jeder Regierungsmaßnahme bedingungslos parieren. In albernem Uebereifer ging die bayrische Re- gierung selbst soweit, sogar kultische Einrichwngen wie die poesievolle Christmette dsr heiligen Mitternacht abzuschaffen und was dergleichen Brutalitäten mehr waren. In: Heimattale Hofers standen Soldaten Gewehr bei Fuß neben dem Altar und unter der Kanzel, um einen der kirchcnpolitischen Opposition verdächtigen Priester während des Gottesdienstes zu überwachen. Die Bischöse von Chur und Trient, die sich gegen die bayerische Kirchcnpolitik zur Wehr setzten, wurden deportiert. Zahlreiche Klöster, in denen sich der Widerstand gegen die Bureaukratisierung des Klerus und gegen die .Rationalisierung" des Kultus zu san,mcln schien, wurden unter den brutalsten Formen militärisch aufgehoben. Das Volk war wütend. So waren die Voraussetzungen des Aufstände? wahrlich gegeben. Unter der Parole„Für Kaiser Franz und die katholische Kirche" zog man in jenen Krieg, in dem die demokratische Miliz der Tiroler fo glänzende Proben kriegerischer Bravour und Intelligenz gegeben hat. Wir wollen diesen Krieg hier nicht beschreiben. Wichtiger ist eS, hervorzuheben, daß jene Parole eine Selbsttäuschung der Tiroler enthielt, die wir als Beobachter aus einer späteren Zeit wahrhastig nicht zu unterstützen brauche». Nicht wegen des Kaisers— der, wie wir sahen, in Tirol wenig zu sagen hatte—, nicht wegen der gc- maßregelten Bischöfe und der Beeinträchtigung manches heillosen Aberglaubens zog der Tiroler Bauer in den Krieg. Das geheime Motiv, das, so unbewußt eS gewesen sein niag, doch den Ausschlag gab, war dies: es handelte sich um die Verteidigung de in akratischer Einrichtungen, un> die Rettung deS Rechtes auf politische Selb st be st immung, um den demokratischen Prote st eines an die Freiheit gewöhnten Bauernvolkes gegen BureaukratismuS und Absolutismus und Polizeiliberalismus. Di« königlich- kaiserliche Habsburger- Begeisterung war nur die Einkleidung für diese wahrhaft treibende Kraft: den demokratischen Instinkt dieses Kleinbauern» volles, den es anderes nicht zu formulieren wußte. Habs- bürg— das war für die Tiroler der geschichtlich bewährte Begriff der Freiheit. Bayern— baS hieß Unfreiheit. So stellt sich das objektive Verhältnis Tirols zur französischen Revolution auch ganz anders dar. Die französische Revolution war in der Hauptsache die Vernichtung des Feudalismus. Gab es in Tirol einen Feudalismus? Die Frage wurde beantwortet. Tirol konnte sich also gar nicht vorstellen, was die Revolution ihm bringen könne. Es sah höchstens den Kulturkampf der Revolution— und sah die Bedrohung der habsburgischen Monarchie, die den Tirolern als eine Garantie der Tiroler Freiheit galt. Stand also Tirol auch äußerlich auf der Gegenseite der Revolution— der Krieg von 1809, den die Tiroler führten, war in seinem Geiste der Revolution verwandt, denn er war trotz aller naiven, irreführenden Etiketten ein Kampf für die Idee der Demokratie— ein Kampf um die politische Selbstbestimmung des Volkes. Volkskraft mobilisierte sich dort und damals gegen Absolutismns und Bureaukratie. Wir können uns einen derartigen Kampf als etwas Bewußteres, Freieres denken— aber wir müssen die Demo» kraiie auch da erkennen und achten, wo sie als Unbewußtes, als ge» trübtcr und irregeleiteter Instinkt erscheint. Wer ist nicht überwältigt von der Kraft, mit der sich Tirol 1809 selber organisierte? Glauben wir doch nicbt an die Hoferleaende. Hofer war ein Biedermann, eine Figur, ein Symbol, ein anerkannter Landsmann— die„BundcSlade" der Tiroler, wie Hormayr gesagt hat. Militärisch und als Zivil- administrator hat er faktisch so gut wie nichts bedeutet. Das Große an jenem Kriege ist gerade die Führerlosigkeit— der zielsichere Mafieninstinkt. Er hat die Schlachten gewonnen. Dort war jeder ein Führer— und keiner. Hofer ist ein wackerer Mann gewesen und wir wollen ihm nicht um seiner Beschränktheit willen den Ruhm eines heldenhaften Todes rauben. Aber diesen Tod sind viele außer ihm gestorben, von denen die Geschichte mit demselben Rechte spräche, Wilhelm H a u s e n st e i n. Das I>foKen cies fjallcyrchcn Kometen» Die Astronomen freuen sich auf die Wiederkehr des Halleyscheb Kometen wie auf den Besuch eines alten Bekannten und daö ist er auch wirklich. Kein Komet, nicht einmal weit strahlendere Er- scheinungcn unter dieser Art von Gestirnen, kann mit diesem an Berühmtheit wetteifern. Knüpft sich doch an diesen Komeien die erste Bahnbestimmung und damit überhaupt der Beginn der Auf- klärung über diese merkwürdigen Himmelskörper. Edmund Halley, nach dem er de» Namen trägt, hatte im Jahre 1705 die Bahn der auffallenden Kometen berechnet, die in den Jahren 1089, 1607 und 1531 beobachtet worden waren. Er erkannte alsbald die Aehnlich. keit der Bahnen dieser drei Kometen und zog daraus den«chluß, daß es sich überhaupt nicht um drei verschiedene Gestirne, sondern um die dreimalige Wiederkehr desselben Körpers handelte. Es war dann eine fast selbstverständliche weitere Folgerung, daß der Komet im Jahre 1759 wiederkehren würde. Halley hätte das Alter von 100 Jahren überschreiten müssen, um diesen Zeitpunkt selbst zu erleben, und da er somit darauf nicht rechnen konnte, so forderte er von der Nachwelt, sie solle wenigstens nicht vergessen, daß diese Tat von einem Engländer vollbracht worden sei. Die Prophc- zeiung Halleys ging pünktlich in Erfüllung, und der Komet wurde fortan nach ihm genannt, damit seiner stolzen Forderung Genüge geschehe. Es ist nun die Frage, was wir von der Wiederkehr des Halleyschen Kometen zu erwarten haben. Man kann wohl sagen. daß die Menschheit, soweit sie nicht entweder ganz gleichgültig oder in Aberglauben befangen ist, nach der Erscheinung eines großen Kometen hungert, denn es leben heute nur verhältnismäßig wenige, die einen solchen gesehen haben. Die letzten Jahrzehnte sind auf- fällig arm daran gewesen, und was an sichtbaren Kometen be- zeichnet und tatsächlich beobachtet worden ist, war so geringfügig, daß man es ebenso wohl für ein kleines leuchtendes Dunstwolkchen hätte halten können. Was wir uns wünschen, ist ein solcher Komet. wie er noch vom Jahre 1000 in der Chronik und Sage fortlebt, der als„Schutzrute" Gottes einen großen Teil des Himmels bedeckte und mit seinem rötlichen Licht die Nacht erhellte. Dr. L>ind stellte schon vor mehr als einem halben Jahrhundert die früheren Er- scheinungen des Halleyschen Kometen bis zum Jahre 12 v. Chr. Geburt fest, und spätere Nachforschungen haben seine Ergebnisse im allgemeinen nur bestätigen können, aber eine noch frühere Erschei» nung im Jahre 210 v. Chr. hinzugefügt. Die Ilmlaufszeit ist in diesen zwei Jahrtausenden nicht immer die gleiche gewesen, son- dern hat infolge der von den Planeten ausgeübten Störungen zwischen etwa 75 und fast 79� Jahren geschwankt. Auch die An- sehnlichkeit des Kometen ist sehr verschieden gewesen. Wenn wir die Nachrichten seit den Zeiten Halleys rückwärts verfolgen, so wurde nn Jahr 1682 der Komet am Abend des 15. August zuerst in Grecnwich entdeckt, und zwar sofort als ein deutlich sichtbarem Himmelskörper mit einem langen Schweif, der sich aber von Nacht zu Nacht veränderte. Im Jahre 1607 soll er einem flammenden Schwerte von 7 Grad Länge geglichen haben. Im Jahre 1466 maß der Schweif nach der Ueberlieserung volle 66 Himmelsgrade, be- deckte also ein volles Drittel der Himmelshalbkugel. Weiter zurück besagen die Au�dchnungen folgendes: Im Jahre 1301 ein grosier Komet mit hellem und ausgedehntem Schweif; 1145 ein sehr groher Komet mit einem Schweif von mehr als 10 Graden; 1066 ein sehr fdjöner Komet mit einem Schweif von wundervoller Länge; 760 ein großer glänzender Baum, der 30 Tage lang beobachtet wurde; 530 ein großer Komet am westlichen Himmel; 218 ein„fürchterlicher Stern" mit einem von West nach Ost reichenden Schweif; nn Jahre '11 v. Chr. ein großer Komet, der gleich einem flammenden Schwert mehrere Wochen lang über Rom hing und den Tod des Agrippa ankündigte.— Das klingt ja nun alles recht großartig, es ist aber in dieser Liste zweierlei nicht zu übersehen, was die Erwartungen schon etwas herabzustimwen geeignet ist. Zunächst sind Lücken zwischen den genannten Zahlen, die man sich wohl doch nur dadurch erklären kann, daß manche Wiederkehr des Kometen nicht besonders erwähnenswert ausgefallen ist. Außerdem klingen auch die Nach- «richten nicht immer gleich bedeutsam und lassen aus erhebliche Unterschiede in dem Glanz der Erscheinung schließen. Der hervor- ragende Astronom Professor Denning hat sich jetzt in einem für die Wochenschrift„English Mechanic" verfaßten Aufsatz mit jener Frage beschäftigt, was für diesmal vom Hallehschen Kometen zu erwarten sein möchte. Er nähert sich jetzt der Erde täglich um etwa vier Millionen Kilometer, und damit nimmt die Wahrscheinlichkeit seiner Wiederentdeckung schnell zu, da sich seine Helligkeit in der Verringerung seines Abstandes von der Sonne steigern muß. Außer- dem sind die Hilfsmittel des Astronomen seit dem letzten Besuch des Kometen derart vervollkommnet worden, daß seine Auffindung auch dadurch weit leichter sein wird als damals. Nun haben aber die Kometen Launen wie kein anderer Himmelskörper und sind unzu- verlässig wie alle Vagabunden, zu denen sie von Rechtswegen ge- «rechnet werden. Eine genaue Voraussage ihrer Wiederkehr ist da- her auch nicht möglich, und Halley hatte trotz seiner genialen Leistung außerdem noch ziemliches Glück, daß ihm sein Komet den Gefallen tat, seine Prophezeiung so pünktlich zu rechtfertigen. Man sollte allerdings annehmen, daß er schon im September möglicher- weise oder im Oktober sehr wahrscheinlich wieder aufgefunden wird, denn seine Entfernung wird Anfang September nur noch 550 und Ende Oktober gar nur noch 230 Millionen Kilometer betragen. Die Astronomen zweifeln auch kaum daran, daß er kommen und daß er für das Jahr 1910 der Hauptanziehungspunkt der Himmelskunde wird. Zwar wird er wohl auch einige Nebenbuhler haben, aber es gibt eben nur einen Hallehschen Kometen, und schon um seiner Be- rühmtheit und Ehrwürdigkeit halber wird es sich kein Astronom nehmen lassen, ihm einen größeren oder geringeren Grad von Auf- merksamkeit zuzuwenden. Außerdem könnte es ja wohl auch ge- schehen, daß ihnen ein„krasser Outsider" zuvor käme wie im Jahre 1758, als am Weihnachtsabend ein Liebhaber, Georg Palitsch in Dresden, einen Kometen aufgriff, nach dem die zünftigen Astro- nomen schon längere Zeit gefahndet hatten. Professor Denning, dieser kundige Gelehrte, hält es für ganz gut möglich, daß gleich- zeitig mit dem Hallehschen Kometen auch ein Palitsch im 20. Jahr- hundert seine Wiedergeburt feiern könnte. Also auf, ihr Alma- «teure!— Immerhin ist es wahrscheinlich, daß der Komet noch früher auf einer photographischen Platte als auf direktem Wege vor das menschliche Auge gelangen wird. Mit Fernrohren, die weniger als 30 Centimetcr Oeffnung haben, nach dem Kometen fucheii zu wollen, würde jedenfalls nutzlos sein. Ob der Komet ein wirklich glänzendes Schauspiel darbieten wird oder nicht, darüber erlaubt sich Professor Denning kein Urteil, sondern er sagt einfach: Abwarten!— In der Zeit seiner größten Helligkeit wird seine Stellung gerade für die nördliche Halbkugel leider recht ungünstig fein. Wenn er dann etwas aus dem Banne der Sonne heraus- gelangt ist, muß seine Helligkeit wieder rasch abnehmen. Für einige Nächte aher wird er vielleicht doch eine„Attraktion" werden, und einige Leute werden wohl auch noch am Leben sein, die ihn im Jahre 1835 als Kinder schon bewundert hatten und nun ein Wieder- fehen mit ihm feiern können. Es liegen auch Anzeichen dafür bor, Daß der Komet im Sterben begriffen ist, das heißt, sich mehr und mehr in einen Ring von Meteoren auflöst. Da aber die Meteore, die dieser Zersetzung zugeschrieben werden, in den letzten Jahren keine Zunahme gezeigt haben, scheint der Komet einen langsamen Tod zu erleiden. kleines femlktOK. Literarisches. „Heim zur S ch olle", Roman von Maximilian Böttcher (Grethein u Co.. Leipzig). Im Verein„Neue"freie Volksbühne" gelangte anfangs März dieses Jahres ein soziale? Vergmannsdrama „Scklagcnde Wetter" zur Aufführung— und zwar mit starkem, nach- haltigem Erfolg. Jetzt zeigt sich uns desselben Autors Talent von einer neuen Seite. Böttcher tvandclt mit diesem Roman auf Wilhelm von Polenz' Spuren. Das ist aber nicht so zu verstehen, als ob er ein Nachahmer wäre. Was Polenz' Stärke ausmacht: seine borzllg» liche Kenntnis vom Lausitzer Land und Volk, seine schwärmerische Liebe zur Scholle, das scheint auch Maximilian Böttcher für sich zu haben. Die Mark, nördlich von Berlin ist ihm sehr wohl vertraut. Dort spielt die Handlung dieses Romans, zwischen fruchträchtigen Aeckern und Wäldern. Angelpunkt des Ganzen bildet eine adlige Gutsfamilie, und in ihr wieder Vater und Sohn. Der Konflikt ist seit Turgenjeff in der Literatur nicht neu; er ist es aher in diesem speziellen Falle. Dietrich von Eckardt junior wird nicht, wie sein Vater, nebst vielen anderen Großagrariern, ein Genüßling, der vom Sattel des Kavallerie» offiziers durch aufgedrungene Heirat widerwillig an die Scholle ge- bannt wurde und daher zu ihr weder Liebe noch Anpassungsfähig- keit verrät. In ihm läutern sich alle Charaktereigenschaften des Vaters, die diesen in den Abgrund führen, zu einem neuen Mensch- tum empor, das Kraft aus der Ackerkrume enrpfängt. Böttcher der- tritt den Gedanken, das Volk wieder auf dem Lande seßhaft zu machen. Er erblickt das Allheilmittel in der fteiwilligen Aufteilung des Großgrundbesitzes. Wenn jeder Agrarier seine Arbeitersckaft nicht bloß am Reingewinn beteilige, sondern ihr auch ein Häuschen nebst einem Stück Landes als Eigenbesitz abtrete, dann würde der Flucht des ländlichen Arbeiterproletariats nach den großstädtischen Industriezentren am wirksamsten vorgebeugt werden. Solch' einen Musterbetrieb läßt er seinen Haupthelden, den jungen Dietrich von Eckardt, mit vollem Gelingen einführen. Der Schluß des Romans klingt ans in einen Hymnus auf das neue Heil, da» der Nation von der Ackerscholle kommen werde.«Die Städte, die jahrhundertelang das Blut und die Kraft des ganzen Volkes aufgesogen hatten, verödeten mehr und mehr, und im ge- waltigen, nimmer zu hemmenden Wogengang strömten ihre Be» wohner zurück zur Allmuttev Erde, wieder Kraft zu trinken aus ihrer nährenden Brüste unerschöpflichem Quell. Nicht mehr schwangen körper- liw verkommende Automaten den Hebel der Maschinen, nicht mehr drückten geistig verkommende Auiomalcn die Pflugschar in den Boden. Nicht mehr kroch beschämende Dienerdemut vor beschämendem Hcrrensiolz, denn alle lebten in der Freiheit, im Wohlstand und in der Gleichheit. Alle waren starke, zweckbewußte, glückliche Menschen, bereit, in freudiger Gemeinsamkeit eine nie geahnte Kulturhöhe zu erschwingen. Und kein einziger war da, der da klagen konnte, daß die ftiedliche Umwandlung ihm unheilbare Wunden geschlagen hätte"... In Preußen sehen wir daS gerade Gegenteil von dem. was Böttcher anstrebt. Unsere Junker gehen ja seit je auf Zertrümme- rung deS kleinbäuerlichen Besitztums aus. Und die preußische Re- gierung leistet diesen Hamsterbestrebungen noch dadurch Vorschub. daß sie z. B. die Fideikommisse zu vermehren trachtet. Wo ist ein Großagrarier, der im Böttcherschen Sinne„ein Helfer durch auf- opfernde, das Eigcnwohl verleugnende Tat" zu werden verspräche? Von dieser Kehrseite betrachtet, erscheint der Roman als eine Utopie. Böttcher ist ein starker Gestalter. Gute Komposition, liebevolle Charakterzeichnnng der Personen, die aktiv oder passiv an der Handlung beteiligt find, stimmungsvolle Milieufchilderuiig und ge- schlostene Darstellung deS Ganzen in warmblütiger, oft gedanken- schöner Sprache sichern dem Roman jedenfalls seine Stellung. E. K. Technisches. DaS Uever-Barometer. Die Wisienschaft macht die denkbar größten Ansprüche an die Genauigkeit jeder Messung. Der Privatmann, der ein Barometer in seinem Zimmer hängen hat, be- gnügt sick damit, besten Schwanlungen festzustellen, und wenn der absolute Barometerstand abgelesen werden soll, so hält man es schon für sehr gewisienhast, ihn auf ein Millimeter abzulesen. Anders der Physiker und Meteorologe. Die WilterungSkunde will den Stand des Luftdrucks wenigstens auf Zehntel Millimeter kennen, und der Physiker geht für seine Zwecke noch weiter. Eine bisher unerhörte Vervollkommnung in der Ermittelung von Luftdruck- schwankungen stellt freilich ein von Dr. Goldschmidt in Brüssel erfundenes, der dortigen Akademie vorgelegtes Verfahren dar. das mit elektrischen Mitteln arbeitet nnd den zehntausendsten Teil eines Millimeters am Barometer abzulesen gestattet. Um einen solchen Erfolg zu erzielen, ist es selbstverständlich auch notwendig, das Barometer an einem Platz aufzustellen, der vor Erschütterungen geschützt ist, falls nicht gerade deren Einwirkung gemessen werden soll. Die elektrische Vor- richtung gewährt außerdem die Möglichkeit, die Ablesung in be« liebiger Entfernung vom Ausstellungsort des Barometers vorzunehmen. und zwar durch die Beobachtung eines Galvanometer?, indem sich die Schwankungen der Ouccksilbersäule auf den Stromkreis über- tragen. Die Aenderuugen des elektrischen Widerstandes im Stromkreis erfolgen also gleichmäßig mit den Schwankungen des Luftdrucks und geben diesen gewissermaßen in vergrößertem Maßstab wieder. Es wird nicht weiter wundernehmen, daß ein so empfindlicher Apparat zum Beispiel die Luftdriickschwankungen, die beim Gewitter infolge der clekirischen Entladungen eintreten, sestziisiellen gestattet, da sie sich in plötzlichen und erheblichen Schwankungen der Nadel des Galvanometer? knnd geben. ES ist sehr die Frage, ob der Apparat nicht zu empfindlich ist und dem Forscher.manche Rätlcl auf« geben wird, indem er auch ohne erkennbare Ursachen Bewegungen ausführt. Verantwortl. Redakteur: Emil Nnger, Berlin.— Druck u. Verlag: Vorwärts Buchdruckerei u.VerI«g»anstalt Paul Singer LcTo.,BerlinLV.