Anterhaltimgsblatt des Vorwärts Ni7. 166. Freitag den 27. August. INachdru« verboten.) ItÄ Tninc. tf Novelle von S. Juschkewits ch.*) Autorrfierte Uebersetzuug ans deor Russischerr von Sf. L ampent. Rose Biltrot, oder einfach Rose, war Stellenvermittlerin, und in ihrer großen und leeren, schennenähnlichen Stube, die gleichzeitig als eine Art Bureau diente, gingen von früh bis spät viel Weibervolk aus und ein. Aber Frau Bilttot war nur feiten zu Hause zu treffen. Sie hatte viel Gefchästsver- bindungen an allen Enden den Stadt, und der Tag war ihr fast zu kurz, um überall rechtzeitig hinzukommen— um so mehr, als sie immer zu Fuß ging, dabei aber nicht mehr ganz jung war, um rasch vorwärts zu kommen. Sie war Witwe. Ihren Mann hatte sie schon vor fast dreißig Jahren begraben, aber wie die meisten jüdischen Frauen, wollte sie nicht wieder heiraten, obwohl es an Bewerbern nicht gefehlt hatte. Ihre ganzen Mühen und Sargen galten allein ihrer einzigen. Tochter, die mtt einem schwmdsüchttgen Tischler der- heiratet war, und alles was Rase verdiente, wurde fiir die Erhaltung seiner Gesundheit, für Aerzte und Apotheker aus- gegeben. Erst vor zehn Jahren hatte sie zur Stellen» dermitteknng gegriffen, sie sozusagen von ihrer älteren Schwester geerbt, die eines unerwarteten Todes starb, obwohl ihr Aeußeres ein mindestens hundertjähriges Leben zu ver- sprechen schien. Frau Biltrot, die nach dem Tode ihres Mannes eine lange Reche schwerer, hungriger Jahre durchgemacht hatte, war diesmal rasch getröstet und ging mtt Feuereifer ans Geschäft. Zuerst wollte es nicht recht klappen, aber sie verlor den Mut nicht und harrte aus, bis es endlich doch gmg. Nach und nach erwetterte sie den Kreis ihrer Bekanntschaften und eroberte sich im Lauf der Jahre eure so feste Position, daß sie in den besten Häusern der Stadt geradezu unenchehrlich geworden war und daß man sich eher an sie, als an irgendem großes Bureau wandte. Selbst ch der tollsten Zeit, wenn die Nachfrage nach Ammen enorm war, geriet Rose nie in Ver- legenhett, und als rn allen Wöchnerinnenheimen und Bureaus die Annucnliefernng stockte, konnte man durch Rose genau so leicht Ammen beziehen, wie sonst. Im Frühjahr be- sonders war sie unübertrefflich, �wenn es galt, weibliche Dienstboten zu vermitteln— denn im Frühjahr fuhren viele Mädchen und Frauen, die sich während des Winters einiges gespart hatten, wieder nach Hause aufs Land. Kurz, Rose galt als Talent, als Berümtheit in vielen Kreisen der Stadt und wurde auch von denen, die in Dienst gehen wollten, sehr geachtet. Wie gesagt, wurde ihr ganzer Verdienst gleichsam von einem Faß ohne Boden verschlungen, und da sie selbst nicht habsüchtig und gegen äußere Bequemlichketten durchaus gleich- gültig war, so lebte sie ein sonderbares, verwildertes Leben. *) Der Name des Autors der vorliegenden Novelle hat in Nutz- land einen guten Klang. S-Juschkewitsch gehört zu den Ver- treteru jener Richtung der russischen modernen Literatur, die vorallem die soziale Seite des Lebens zu erfassen und in künstlerische Form zu gießen sucht. Die Werke Iuschkewitschs, von denen autzer ,.Jta Haine" noch besonders„Die Juden" und„In der Stadt" zu nennen tvären. atmen ein heitzes Mitgefühl mit den Unterdrückten und Eni- erbten der heutigen Gesellschaft, deren Krebsschäden- ihm nicht ver- borgen geblieben sind, und diese Seite seines Schaffens ist es, die ihm von der russischen Kritik den ehrenvollen Namen„Sänger des menschlichen Leids" eingebracht hat. Das Milieu, dem Juschkewitsch seine Aufmerksamkeit vorwiegend zuwendet, sind die unteren und untersten Schichten der jüdischen Bevölkerung, die in den Städten des südlichen und nordwestlichen Nutzlands in unsäglichem Elend dahinlebt. Ihre Leiden haben in ihm einen beredten Schilderer gefunden. In brennenden Farben entwirft er Bild um Bild aus dwsen. den deutschen Leser so fremdartig anmutenden Milieu, ver- stebt aber zugleich die angeschnittenen Fragen aus- dem engen Rahmen eines kleinen Lebensausschnittes zu heben und ihnen höhere, allgemeinere Bedeutung zu verleihen. Ein ganz besonderes Gepräge aber erhalten die Werke Juschkewitschs durch seine Sprache, die der Eigenart des geschilderten Milieus entspringt, und die zu Wabren der Uebersetzer nach Kräften bemüht war. Der Uebersetzer. 1905 Sie bewohnte ein riesengroßes Zimmer, das beinahe als Tanz» boden hätte benutzt werden können und dessen ganze Ausstattung aus einem großen, nie geheizten Ofen, einer breiten, hölzernen, notdürftig mit einer kurzen, schmutzigen Decke be» decften Bettlade, einem Tisch und einigen langen Bänken bs» stand, die hauptsächlich für die wartenden Frauen bestimrtt waren. Da es aber immer sehr viele Frauen gab, so stand immer ein Teil von ihnen an den Wänden umher, andere, mit Säuglingen nn Arm, saßen einfach auf dein Fußboden', doch fühlte sich Rose durch diese Unordnung und dies Gedränge gar nicht belästigt, im Gegenteil, sie waren ihr sogar angenehm. Selbst der Höllenlärm, dank dem man sich kaum verständigen konnte, war ihr lieb, und sie fühlte sich ganz besonders gut aufgelegt, wenn sie, um überhaupt gehört zu werden, aus Leibeskräften schreien mußte. Schon am frühen Morgen ver- ließ sie ihre Wohnung, aber kehrte regelmäßig alle zwei Stunden für ein paar Minuten zurück, um einen neuen Trupp Frauen mitzunehmen, mit denen sie wieder davon trabte. Unterwegs suchte sie ihnen in allen ihr zu Gebote stehenden Sprachen— bald russisch, bald kleinrulsisch, bald jüdisch und sogar polnisch— zu erklären, wie sie sich den mietslustigen Herrfchaften gegenüber zu Verhalten hätten. Die Reihen der Uebriggebliebenen schlössen sich enger, und der Lärm der lauten Unterhaltung und des KindergefchreicS wechselte nur seinen Platz. Statt der fortgegangenen Frauen kamen neue, und der Lärm verstummte auch nicht für einen Augenblick. Man redete hier laut, suchte einander zu über- schreien, verstand sich doch, zankte und verttug sich inmitten des Geschreies der Säuglinge, stillte seinen Hunger mtt trockenen Kringeln oder Brot, löschte den Durst aus der Wasserleitung, die sich im Zimmer befand, schimpfte mitein- ander, rannte hin und her, wusch die Kinderwindeln, kehrte den Fußboden, und jede Frau gebärdete sich, als ob sie die alleinige Inhaberin der Wohnung wäre, die übrigen aber nur angenehme oder auch unangenehme Gäste. In diesem Hin und Her verging der Tag rasch und unmerklich, alles was den Tag iiber getan werden mußte, wurde getan, und der folgende brachte nichts Neues mehr. Die Wellen der Stadt wogten gleichmäßig auf und ab, verschlangen eine be- stimmte Zahl Lohnsklavinnen oder warfen sie wieder aus, und die gestern in der Weststadt gearbeitet hatten, kamen heute nach der Nordstadt. So drehta sich dieses Rad tagaus, tagein, die Speichen bald oben, bald unten und brachte allen eine verhältnismäßig gleiche Summe von Freud und Leid. An einem Wintermorgen, der so kalt war, daß die Tauben und Spatzen tot umfielen und auf den Straßen der Stadt offene Feuer brauten, damit die Vorübergehenden sich wärmen konnten, trat Jta Haine in die Wohnung der Vermittlerin. Es waren noch wenig Leute da.- Neben dem kleinen Oefchen, worin ein lusttges Feuerchen flackerte, saßen einige Frauen bei einer wichtigen UMchäftigung. In der heißen Asche des Ofens hatten sie ein paar Kartoffeln geröstet; jetzt aßen sie sie vorsichtig, indem sie jede einzelne in zwei Hälften teilten und auf die verbrannten Finger bliesen. In der Stube war eine driickend-trockene Luft, noch verschlechtert durch den Geruch des glühenden Eisens. Rechts an der Wand lagen auf dem Fußboden die Kinder und schliefen sanft. Frau Biltrot saß in eigener Person auf ihrem schier eisenbahnwagengroßen Bett und trank Tee. Als Haine eintrat, drehten sich alle um, um sie durch irgendeinen Zuruf zu begrüßen, aber da niemand sie kannte, so hörten alle aus zu essen und zu schwatzen und starrten sie neugierig an. Rose sorgte sofort für die nötige Ordnung: „Steh doch nicht auf der Schwelle und mach die Tür zu. Wir sind, Gott sei Dank, nicht im Sommer." „Sind Sie die Vermittlerin?" fragte Haine, nachdem sie dem ergangenen Befehl gehorsam nachgekommen war. „Ich bin s, und was willst Du?" Jta bekam plötzlich Luft zu weinen, so beneidete sie all? um die Wärme und um die Kartoffeln, die manche der An. wesenden aßen. Längst war es bei ihr zu Hause nicht mehr so behaglich gewesen. „Was willst Du von mir?" wiederholte Rose, denn fit vermutete in Jta eine der Bettlerinnen, die den Weg zu ihr gut kannten. Was sie will? Wenn man mit einem kleinen Kind bei so einem Wetter zur Vermittlerin kommt, so natürlich nicht, um„Guten Tag" zu sagen. Weiß Gott— keine große Kunst: zu erraten, was sie will. Das in Lumpen und ein dickes Tuch gehüllte Kind sing an zu schreien und unterbrach ihre Antwort. Es schrie, nach seiner Gewohnheit, aus vollem Hals, ohne zu ahnen, wo es sei, suchte mit geschlossenen Augen die mütterliche Brust und strampelte ungeduldig mit Bcinchen und Aermchen. Da aber Jta bei ihrer Ankunft ihm die Brust fortgenommen hatte, so fand es sie nicht so rasch, wie es wollte, und fing noch durch- dringender zu schreien an, so daß der Mutter vor Scham die Tränen in die Augen traten. Rose rückte bereits unzwei- deutig auf ihrem Platz hin und her. „Er ist bei mir ein bißchen verwöhnt," suchte Jta mit schuldbewußtem Lächeln ihren Buben zu rechtfertigen. „Früher," hier stockte sie einen Augenblick,„hat mein Mann in einer Zündholzfabrik gearbeitet, und ich habe den Haushalt besorgt. Aber der Fabrikant hat bankrott gemacht, und mein Mann blieb ohne Arbeit. Ich aber war nach der Niederkunft zwei Monate krank und lag zu Bett, da haben wir, d. h. ich, das Kind verwöhnt. Sein erstes Kind liebt man ja wie sein eigenes Leben," entschuldigte sie sich wieder.„Ich werde es gleich beruhigen." Geschickt machte sie das Kleid auf und legte das Kind an die Brust. Wie durch einen Zauberwink verstummte sofort der Bube. Jta aber sagte einfach: „Da sehen Sie's. So macht er's immer. Er hätte wohl am liebsten in der Milch drin geschlafen, so gern hat er sie." Sie lächelte gutmütig, strich über das Händchen des Kleinen, das auf ihrer Brust lag, knüpfte ihren Schal auf und suchte mit den Augen einen freien Platz, um sich zu setzen. Das un- gemein sympathische Gesicht und die ruhige Geschäftigkeit der noch ganz jungen Frau gefielen Rose auf den ersten Blick. Sie räumte ihr einen Platz neben sich ein und besah flüchtig das Kind. „Ist es Dein erstes?" fragte sie.-„Wie heißt Du?" „Jta." „Jta? Gut, das klingt nicht besonders jüdisch. Jetzt sind jüdische Namen nicht mehr mode, und das könnte Dir schaden. Sogar ich selbst nenne mich Rose, obwohl ich alt bin und es nicht brauchte— eigentlich heiße ich Rcisi. Unseren Damen gefallen die jüdischen Namen nicht mehr. Na, lassen wir's. Willst Du hier in der Stadt dienen, oder auch aus- wärts, wenn sich was bietet?" „Ich möchte lieber hier... Ich habe... einen Mann." „Habt Ihr Hochzeit gehabt?" Jta errötete und anwortete nichts. „Hm... hm...," sagte Rose langsam,„also so wie's Gott nicht geheißen hat?" Jta senkte den Kopf und starrte beharrlich nach der Ecke, als ob es dort etwas Interessantes zu sehen gäbe. „Du sagst, es ist das Erste? Besser, es wäre das zweite Kind. Wie steht's mit der Milch?" „Die Milch ist gut! Seht nur den Jungen an. So eine gute Milch Hab' ich, weiß selbst nicht woher. Ich esse ja fast gar nichts, und das Kind...— da seht." �Fortsetzung folgt.)! Oer Internationale 2aknär2tttcl)e foMigrell Im Reichstagsgebäude findet diese Woche hindurch ein inter- nationaler zahnärztlicher Kongreß statt, zu dem über 2000 Zahnärzte versammelt sind. Zum ersten Male findet dieser Kongreß, der nur alle fünf Jahre einmal abgehalten wird, auf deutschen, Boden statt. Es war für die deutsche Zahnärzteschaft kein geringes Wagnis, das Ausland zu einer derartigen Veranstaltung großen Stils nach Berlin einzuladen. Denn die Zahnheilkunde gehört in Teutschland, speziell in Preußen, zu den Stiefkindern der Unter- richtsbehördcn. die nur wenig auf Förderung und Unterstützung der maßgebenden Stellen rechnen dürfen. Die Kulturzwecke leiden ja nach dem bekannten Wort nicht, nur Geld darf es nicht kosten! So kam es, daß die deutsche Zahnärzteschaft in ihrer praktisch- wissenschaftlichen Ausbildung biutcr den Zahnärzten anderer Länder, speziell Amerikas, zurückbleiben mußte. Vergleicht man die prächtigen, mit allen Hilfsmitteln ausgestatteten Institute der besseren amerikanischen Universitäten mit dem alten baufälligen Sause in der Dorotheenstr che, in dem noch jetzt das Zahnärztliche Institut der Königl. Universität der ReichShauptsladt Berlin sich befindet, so wird man verstehen, welcher Anstrengungen der dcut- schen Zahnärzte es bedurfte, wenn sie nicht in ihren Leistungen immer wieder zurückbleiben wollten. Eine große Zahl der besten deutschen Zahnärzte ging nach Amerika, eignete sich dort alles nötige Können an und machte dann nach ihrer Rückkehr die neuen Methoden weiteren Schüler- und Freundeskreisen bekannt; die ältere Generation der zahnärztlichen Universitätslehrer, die viel- fach die modernen Errungenschaften der mächtig aufstrebenden zahnärztlichen Wissenschaft und Praxis nicht mehr- sich aneignen konnte, machte jüngeren geschulten Kräften Platz. Allmählich be- quemten sich auch die Regierungen, angeregt durch die umfassenden Statistiken über Zahnverderbnis, die geradezu erschreckende Ergcb- nisse hatten, dazu, etwas mehr für die Zahnheilkunde zu tun; neue Institute entstanden, in Schule und Armee wurde vielfach zahnärzt, liche Fürsorge eingeführt, und wenn das alles bisher auch noch in engen Grenzen geschieht, so ist doch der Wille, bessernd einzugreifen, nicht zu verkennen. Nun wollte die deutsche Zahnärztcschaft einmal den Beweis führen, daß sie auf der Höhe steht und den Vergleich mit anderen Ländern nicht mehr zu scheuen braucht. Darum lud sie auf dem internationalen Kongreß in St. Louis 1904 die gesamte Zahnärzte« schaft für den nächsten internationalen Kongreß nach Berlin ein. Und schon jetzt steht es fest, daß der Kongreß einen vollen Erfolg für die deutschen Zahnärzte bedeutet. Zunächst in äußer» licher Hinsicht, denn die Beteiligung des Auslandes ist über Er» warten groß; selbst aus den entlegensten Ländern(Euba, Japan» Queensland usw.) sind offizielle Delegierte gekommen; außer» ordentlich groß ist auch die Zahl der angemeldeten Vorträge, die zirka 360 beträgt und sich auf 12 Sektionen verteilt. Das dem Laien so klein erscheinende Gebiet der Zahnheilkunde ist in Wirk« lichkeit so umfangreich, daß der einzelne nicht mehr imstande ist» alle Gebiete der Zahnheilkunde in gleicher Weise zu beherrschen; die Spezialisierung hat auch hier Platz gegriffen. Schon die Titel der 12 Sektionen werden auch dem Laien einen Begriff hier» von geben. Die erste Gruppe umfaßt die Anatomie und Physio» logie(d. h. den normalen Bau und das Leben) der Zähne. Kiefer usw., die zweite die Pathologie und Bakteriologie, d. h. die Lehre von den Erkrankungen und den Krankheitserregern; die dritte die Chirurgie des Mundes und der Kiefer; die vierte die Kiefer- und Zahnregulierung, d. h. die Methoden und Apparate, die die un» regelmäßige Stellung der Zähne rcsp. Kiefer in eine normale ver» wandeln. Tie fünfte Abteilung umfaßt das große Gebiet der kon- servierenden Behandlung der Zähne, das Füllen oder Plombieren» wie es nach schlechtem alten Brauch noch genannt wird; die sechste den künstlichen Zahnersatz durch Platten und durch Kronen und Brücken. Die siebente Gruppe führt die Ucberschrift: Photographie in der Zahnhcilkunde als Forschungs- und Lehrmittel(Mikro- skopische, Makroskopische Photographie, Stereoskopie, Röntgenphoto» graphie und Farbenphotographic). Die achte Gruppe umfaßt das gesamte zahnärztliche Untcrrichtswesen; die Hygiene des Mundes und der Zähne ist in der neunten Gruppe vertreten. Tie zehnte und elfte Gruppe sind Geschichte der Zahnhcilkunde und gerichtliche Zahnheilkunde; die zwölfte Abteilung endlich ist Literatur der Zahnheilkukide und Zeitschriftenwesen. Was aber dem Kongreß eine besondere Bedeutung gibt, ist die mit ihm verbundene Ausstellung, die in der Wandelhalle und den angrenzenden Sälen Aufstellung gefunden hat. Während die Vorträge zum größten Teil nur für den Fachmann Bedeutung haben, ist hier zum ersten Male das ganze Gebiet der Zahnheil- künde in übersichtlicher Weise durch eine ebenso reiche wie sorg- fällige Auswahl von Präparaten, Modellen, Instrumenten und Ab- bildungen dargestellt, so daß auch der Laie sich leicht einen Ueber- blick verschaffen kann. Die Ausstellung ist gleichfalls nach den oben aufgezählten Gruppen geordnet und ein 137 Seiten starker Führer erleichtert dem Besucher das Zurechtfinden. In der Wandelhalle und dem Mittelsaal haben die Behörden, Institute und Zahnärzte ausgestellt, in den Nebensälen ist der industrielle Teil der Aus- stcllung untergebracht, in dem über 190 Firmen ihre Erzeugnisse ausgestellt haben. Das Hauptinteresse konzentriert sich natürlich auf den wissenschaftlichen Teil der Ausstellung, in dem fast alles vertreten ist. von uralten, zirka 3000jährigcn Gebissen und altertümlichen Instrumenten zur Behandlung der Zähne bis zu dem elegantesten modernen Zahnersatz und Instrumentarium, von den riesigen Zahngebildcn des Mammutclcfantcn und der Ungetüme der Tertiärzeit, wie von den Zahn- und Kiefcrrcstcn des ältesten bisher aufgefundenen Menschen an bis zu dem durch Vererbung, mangelhafte Pflege, allgemeine Krankheit und andere Ursachen oft gänzlich zerfallenen Gebiß des heutigen Menschen, das dann durch zahnärztliche Kunst wieder aufs schönste hergestellt ist. Sehr inter- essieren werden den Laien auch die sogenannten Moulagen, das sind Nachbildungen in bemaltem Wachs, die von den aller- verschiedensten Krankheiten der Haut, des Schädels, der Mundhöhle usw. ausgestellt sind; unter diesen nehmen einen großen Raum auch die vielfachen Erscheinungen der Syphilis ein. Freilich ge. hören oft starke Nerven zur Betrachtung der scheußlichen Ver» hcerungen. die von Syphilis, Krebs, Lupus und änderen Krank» heiten im Gesicht und Körper des Menschen angerichtet werden, und mancher Laie wird sich voll Ekels da abwenden, wo der Arzt und Zahnarzt durch ständige Behandlung derartiger Erkrankungen abgehärtet ist. Viele Errungenschaften der modernen Zaljnljeilkunde sind freilich nur für solche Zeitgenossen da, die, wie kürzlich ein Reichstags- abgeordneter so schön sagte, unter der Last des Reichtums zu leiden liabe»; insbesondere der moderne Zahnersatz durch Brücken und Kronen wird, wohl noch lange sür die wohlhabenderen Klassen re- serviert bleiben, während der Arbeiter mit dem vorlieb nehmen muh, was ihm von den Krankenkassen gewährt werden kann. Aber auch das ist nicht wenig und wird in Zukunft noch mehr werden, wenn mit dem st eigen den Verständnis für die gesund- h ertliche und ästhetische Bedeutung guter Zähne in der Arbeiterschaft noch mehr Wert auf die Erhaltung der Zähne gelegt werden wird. Wenn der Arbeiter sich erst ein- mal daran gewöhnt haben wird, nicht erst auf Zahnschmerzen zu warten, sich dann die Zähne ausziehen und evcnt. durch Kautschuk- zahnersatz ergänzen zu lassen, sondern die eigenen Zähne vor Ein- tritt von Schmerzen durch Füllung erhalten zu lassen, so wird schon viel erreicht und zur Hebung der Volksgesundhcit ein wesentlicher Schritt vorwärts getan sein. Tonn auch der Laie weih, welche Bedeutung gesunden Zähnen für die Erhaltung des Körpers zukommt. Die Aufklärung über die Wichtigkeit dieser Dinge dringt in immer weitere Kreise und weckt Interesse und Ber- ständnis dafür. So darf denn auch die Ausstellung ein über die Kreise der Fachmänner hinausgehendes Interesse beanspruchen. In dieser Erkenntnis hat man sich dazu entschlossen, sie von Sonntag bis Mittwoch nächster Woche von 9— 6 Uhr auch weiteren Kreisen zu- gänglich zu machen. Lebhaft zu bedauern ist nur das hohe Ein- trittsgeld von einer Mark, das viele, die sonst gewih gern den Be- such der Ausstellung mit dem des Reichstagsgcbäudes verbunden hätten, zurückhalten wird. Welche bleibende Bedeutung dem Kongreß in wissenschaftlicher, praktischer und sozialer Beziehung zukommt, das wird sich erst feststellen lassen, wenn die gesamten Verhandlungen im Druck vor- liegen. Sicherlich wird aber der Löwenanteil an dem Erfolge der deutschen Zahnärzteschast zufallen, die qualitativ wie quantitativ fast in allen Fächern voransteht. Zum Teil hängt das ja damrt zusammen, dah der Kongreh eben in Berlin stattfindet, und erst der nächste im Ausland stattfindende Kongreh wird es lehren, ob es diesmal mehr als ein Scheinerfolg der deutschen Zahnärzte ge- weseo ist;— S. Öle freie Volksbühne.*) Ihr« Geschichte, ihr Wirken, ihre Ziele. In weniger als Jahresfrist wird unsere Volksbühne ihr LOsähriges Jubiläum feiern dürfen. Aus kleinen Anfängen er- wachsen, hat dieses Unternehmen der Berliner Arbeiterschaft, in dem das BildungSstreben, der Drang nach seelischer Bereicherung und Kultur, getragen von dem mächtigen Strom der allgemeinen prole- tarischen Bewegung, einen so markanten und verheißungsvollen Ausdruck gefunden, sich krastvoll entwickelt. Die Hoffnungen, die die Gründer auf die regsame Empfänglichkeit in unseren Reiben setzten, haben recht behalten, ja die rasche, von keinerlei Rückschlägen unter- brochene Ausbreitung des Vereins hat die Erwartungen wohl auch der kühnsten Optimisten von damals übertroffen. Aber freilich, jene Blüte einer neuen Dichtung, die sich Ende der achtziger Jahre anzukündigen schien,— einer Dichtung, die den Gehalt der neuen Zeit, ihres Denkens und FühlenS, weit ab von allen ausgefahrenen Gleisen in lebens- vollen Bildern widerspiegeln würde und der vor allein unsere von jeder Fessel der Zensur befreite Bühne zur Stätte dienen sollte, hielt nicht, was sie versprach. Ibsen hatte, als unser Verein ent- stand, sein Größtes bereits gegeben und Hauptmanns junge Kraft erklomm den Gipfel ihres Könnens in der ersten Hälfte der neunziger Jahre, dann senkte sich seine Bahn. Und doch war er der unvergleichlich Reichste aus dem Kreise der Jungen, die damals, aller toten Konvention den Krieg erklärend—„modern, modern sei der Poet, modern vom Scheitel bis zur Sohle", sang Arno Holz in seinem„Buch der Zeit"— zur Bühne drängten. Manch interessanter Wurf gelang, indessen das soziale Drama großen Stils, das sich an innerer Bewegtheit, komprimierter Spannung, an Reichtum der Gedanken und Gestalten neben Ibsens bürgerliche Familiendramen oder Zolas Germinalroman hätte stellen können, blieb aus. Auch Hauptmanns packendes Weberstllck malte nur das Elend, nicht die von Zuknnftskeimen geschwellte Kraft des aufwärtsstrebenden Proletariats. Wenn in der Technik und einem großen Teil der Wissenschaften das Bedürfnis nach Lösung bestiminter Aufgaben, für die die Zeit gekommen, auch zugleich die Männer und Talente zu schaffen scheint, die das Notwendige vollbringen, so kann von einer solchen Sicher- heit des Fortgangs aus den Gebieten künstlerischen Schaffens nicht die Rede sein. Dort sind die Linien und Methoden vorgezeichnet, es ist ein gegenseitiges Sich-in-die-Hände-Arbeiten, ein Kesseltreiben, Die Freie Volksbühne eröffnet am Sonntag ihr neues Spiel- jähr gleichzeitig im Leffing-Theater und Neuen Schauspielhause. Aus diesem Anlaß mag der von Konrad Schmidt verfaßte Rückblick, der in dem neuen Jahrgang der„Freien Volksbühne" veröffentlicht wird, auch hier eine Stätte finden. das seine Ringe eng und enger zieht, bis die umlagerte Erkenntnis fich dem vereinigten Bemühen ergeben muß. In der Kunst, wo mittelmäßige Talente, die in dem Rahmen wissenschaftlicher Kooperation wohl ein nützliches Scherflein zu dem endlichen Er- folge beisteuern, es zu keinerlei fruchtbarer Leistung bringen können, hängt, so viele Anregungen aus dem Milieu und dem Geiste de» Zeil nach einer Richtung drängen, die Erfüllung doch schließlich immer von dem unberechenbaren Auftreten wirklich genialischer oder doch original selbständiger Begabungen ab. Die reichste dichterische Ernte— das Beispiel unserer deutschen klassischen Literatur im achtzehnten Jahrhundert zeigt das zur Genüge— kann auf einem politisch und sozial noch dürren unftuchtbaren Boden wachsen, wie umgekehrt gewalsige, ein ganzes Volk in seinen Lebensttefen auftüttelnde Umwälzungen, gleich der fran- zösischen Revolution, manchmal vorüber rauschen, ohne einen Aus» druck ihres Wesens in machtvoll-poetischen Werken zu hinterlassen. Nach jenem Aufschwung, in dem das Drama einen engeren Abschluß an bedeutsame Ideen und Strömungen der Gegenwart zu suchen schien, ist jetzt Erschlaffung und ein unsicher tastendes Experimentieren in allen möglichen Slilarten eingetreten— eine Mode, die von vielen ihrer Mitläufer und ästhetifiercnden Zeichendeuter als Ucber- Windung des Naturalismus ausgerufen wird, aber in Wahrheit nichts anderes beweist, als daß es augenblicklich an Poeten fehlt, die soviel inneren Gehalt und Konzentrationsvermögen besitzen, um in dem Rahme» naturalistisch-dramatischer Form Bedeutsames gestalten zu können. In der Zwischenzeit, bis die Erhofften kommen, wird unsere Bühne fortfahren, wie bisher das Erbe an Tüchtigem und Gutem zu pflegen und es durch eine Auswahl charakteristisch inter- essanter Proben aus der bunten Mannigfaltigkeit des dramatischen Schaffens überhaupt zu ergänzen. Es ist nur noch eine verhältnismäßig kleine Zahl der Mitglieder, welche die ganze Geschichte unseres Vereins miterlebt haben. Die meisten kennen ihn nur als etwas längst Fertiges, Selbstverständ- liches, als ein Unternehmen, dessen Darbietungen sie mit Genuß und Teilnahme, je nachdem auch mit kritischen Einwendungen und Be- denken, wenn eines der gewählten Stücke nicht ihren Beifall fand, verfolgen. Alles was sich durchringt und Bestand gewinnt, wird ein Gewöhnliches, dem man nicht weiter nachsinnt. Anders damals, als der Gedanke zuerst an die Massen herantrat! Es war in den letzten Jahren des Sozialistengesetzes, unter dessen brutalen Vergewaltigungen sich die Partei nur immer geschlossener und mächtiger entwickelt hatte, in einer Zeit freudigen TriumphgcsühlS und angemessenen Hoffens, die für jene, welche damals jung in der Bewegung standen, noch heut in der Erinnerung von einem eigenartigen Schimmer Poesie umflossen ist. Mit beflügelter Schwung- kraft schien alles vorwärts, großen Entscheidungen entgegen zu treiben. Die Marx-EngelSsche Gedankenwelt mir ihren grandiosen Eutwickelungs-Perspektivcn, ihrer überraschenden Ver- einigung realistischer und idealistischer Gedankengänge— früher die geistige Nahrung kleinerer Zirkel— drang nun, dre hergebrachten Anschauungen von Grund aus revolutionierend, in immer breitere Schichten der Partei. Insonderheit die von Schippe! geleitete„Volks- tribüne" war in Berlin in diesem Sinne tätig. Eifrig als bedeutsames Zeichen der Zeit wurde daneben die Gärung in der Literatur, die in erster Reihe an die beiden großen Namen Ibsen und Zola anknüpfte, beobachtet. Des Norwegers Wahrheitsforderung, sein Aufruf zur Emanzipation der Persönlichkeit von dem Gespenstervolk ererbter gehorsam übernommener Meinungen, des Franzosen finster- monumentale, überall auf ökonomische Hintergründe und die Klassenstruktur zurückgreifende Gesellschastsschildernng fand bei der Stimmung in den vorgeschrittenen Kreisen der Be- wegung regste Sympathie. So' bedurfte es nur noäj des Anstoßes durch die von Brahm und Schlenther im Herbst 1869 gegründete„Freie Bühne", die, durch ihre VereinSform vor der Zensur geschützt, Hauptmanns soeben erschienenes bahnbrechendes Erstlingswerk, mit den, recht aus der Zeit gegriffenen Titel„Vor Sonnenaufgang", zur Aufführung brachte, um die Form zu finden, in der das neue von so starken Ünterströmungen getragene Literatur- interesse der Arbeiter die verschlossenen Bühnenpforten sprengen konnte. Im März 1899 erschien im„Berliner Volksblatt", dem späteren„Vorwärts". Bruno Willcs Aufruf zur Gründung einer „Freien Volksbühne". Er hebt den Gegensatz hervor zwischen der Wirklichkeit der kapitalistisch organisierten auf äußerliche Kassenerfolge erpichten obendrein noch von der Zensur ab- häugigen Theater und einer Schaubühne, wie sie dem Bildungsdrangc der Arbeiter entsprechen würde, und schlägt die Gründung eines Arbeitervereins nach den, Vorbilde der bürger- lichen„Freien Bühne" vor mit ganz kleinen Monatöbeiträgen, der durch seine Leiter Aufführungen künstlerisch wertvoller und freiheit» sicher Dramen für die Mitglieder veranstalten soll. Die Idee fand, wie nicht anders zu erwarten, weithin lebhaste Zussimniung; ein Komitee trat zusammen und Ende Juli wurde in einer von 2009 Personen besuchten Volksversammlung im Böhmischen Brauhaus nach einen, Vortrag, in dem Wille das Nähere über das künstlerische Programm und den Organisationsplan auseinander- setzte, unter allgemeiner Begeisterung die Konstituierung deS Vereins beschlossen. Eine Woche später konnte bereits die erste Mitgliederversammlung stattfinden, die Bruno Wille, Karl Wildberger, Julius Türk, Kurt Baake. Richard BaginSki, Wilhelm Bölsche, Konrad Schmidt, von Richtparieigenossen Otto Brahm, den späteren Direktor des Deutschen, jetzt des Lessing- Thest«Ä und den bekannten Kritik« Julias Gart irr den taäJjlte. Wr die Mitgliedsbeilräge beschtoy matr einen Einheitspreis und demenrsprelhend die Berlasung der Plätze vor jeden Bor- steünng, da es der Wirde einer freien Vollsbiihne nickt entspreche, datz über die Rmigardnung der Witgiieden zir den Borftellungen das Geld eutsckeide. Air die AUfsiihrnncjen wurden, ein®elmirife, der sich ebenfalls sehr gut bewährte, die freien SonntagnaltnnitNlge, an denen die Berliner Theater damals iwch keine öffentlichen Bor- stellungen zu geben pflegten, in Aussicht genvnunen'. durch die. Generalversannnlung gewühlte Ordner und Obleute sollten für die Ordnung bei den Verlosungen im Theater und bei den Festen hasten. Von dem ursprünglichen Plane, die gewählten Dramen vorher durch Vorträge in den Mitgliederbersanimlungen erläutern zw lassen, imhm man später Abstand und wies, loas einfacher mtd praktischer ivnr, di» Ausgabe gedrurkten Bühnenheften zu. Ein Ibsen war es, mit dem der Verein dann im Oktober seine Vorstellungen im schmucklosen Ostend-Theater eröffnete:„Die Stützen der Gesellschaft". Es folgteir Hauptmanns„Vor Sonnen- misgang", Schillers revolutionäre Jugenddramcn„ttobnle und Liebe" und„Räuber" uud Suderrnanns, des damals literarisch rbenso überschützten wie später ruiterschätzten„Ehre". Das nöchsie Jahr brachte Streitigkeiten, die zu einer Spaltung, führten. Wille glaubte sich majousiert. und verlrat den doktrinären Standpiintt, die künstlerische Leitung des Vereins solle der demokratischen Kantrolle durch die Generalversaimnlung entzogen loerden. Er schied aus und gründete die„Reue freie Volksbühne", die bei andauernd schwachem Witgliederstande sich länger als ein Jahrzehnt nur mühsam durchschlug, um dann in neuerer Zeit, sreilüch unter Lockerung ihrer früheren Geschlossenheit, einen überraschenden Ans- schwnng zu nehmen. An Stelle Willes wurde Franz Mehring zum Vorsitzenden des alten Vereins, der die Krise sehr schnell und glücklich überwand, gelonhlü Immer neue Wteilnngen konnten eröffnet werde ir. Für das Repertvir gab es eine Fülle aus- gchünsten Stvffes, aus dem man irach Beliebeir schöpfen konnte; Schrislfleller, Schauspieler und Theaterleitungen, mit denen die Vereinbarungen seicher immer schtvieriger geworden, bewiesen freund- tvilliges Entgegenkommen. Da intervenierte plötzlich die Polizei »md verlangte, miter dem Vorgeben, der Verein stelle nur eine lose Vereinigung dar, seine Vorstellungen seien als öffentliche zn betrachten. die Einreichung der crnffurnhreuden Stucke der der Zensur. Als das Gericht, au welches sich der Vorstand mit seiner Klage gegen den Knebelung �versuch wandte, die Beschwerde abwies, beschloß die Generalversammlung, da mau sich dieser Bevormundung in keinem Falle beugen wollte, im Fahre 1805 die Auflösung des Vereins, dessen Mttgliederzahl eben das neunte Tausend erreicht hatte. Doch in weniger als zwei Jahren formierten sich die Kadres der„Freien Volksbühne" von ireuenr. Das Bedürfnis nach drama- tischer Kunst und das Bedürfnis nach einer genossenschaftlich-derno- kratischen Form des Äunstgecmfles, bei welcher der von den Genossen gewählte Ausschuß die Bürgschaft einer gediegenen, die künstlerischen »vie die geistig freiheitlichen lind sozialkritischen Gesichtspunkte gleich- mäßig berücksichtigenden Auswahl der Stücke bot, hatte, einmal in der Arbeiterschaft erweckt, unzerstörbare Wurzeln geschlagen. Ein »tenes Statut, das gegenüber den erhobenen Einwendungen den geschlossenen Vereinscharakter aufS schärfste betonte, ward ausgearbeitet und sicherte die Anerkennung der Zensnrfteiheit. Eckwn in der zweiten Saison nach der Wiedereröffnung im Jahre 1897 war unser Mitgliederstand cms(3000 angewachsen, »md stieg; soweit die Vereinsleituug durch erweiterte Pacht» vertrüge mit den Theatern Platz zu schaffen vermochte, dann immer höher und höher. So konnte im Vertrauen auf das gute Werk und die Werbekraft, die es zu Ruhm und Ehren der Berliner Arbeiter in zwei Jahrzehnten entfaltet hat, in diesem Fahre zu einer neuen und bedeutsamen Enveiterung geschritten werden. Fiinszehneinhalb Tausend zählte der Verein im Borjahre, es ist Raum gewonnen worden für weitere 2000 Mitglieder, die wir in unseren Reihen herzlich willkommen heißen mit dem Wunsche, die Idee der„Freien Volksbühne" möge auch ihnen zu einer Herzenssache loerden, wie sie es dem alten Stamme war. Kleines feuilleton. Naturwissenschaftliches. Kurt Lampert, Bilder aus dem Käferleben. Stuttgart, Strecker u. Schröder.(2. Bd. des Naturwissenschaftlichen Wegweisers) geb. 1,40 M. ' Weder trockene Ausführungen zur Shstcmatik der Käfer noch schulmeisterhaft-pedantische Regeln für die richtige Anlage und Ein- richtung von Käfersammlungen, wie man das von früher her nicht anders von einem Käferbuch erwartet, enthält dies Büchlei», sondern wirklich Bilder aus dem Käferlebrn. d. h. lebenswarmr Schilde- rungen von der maunigfaltigen Lebensweise und Eittwickelung der Käfer, ihrer eigenartigen Anpasstmgsfornieu an die Umgebung, ihrer vielfältigen Wechselbeziehungen zu anderen Organismen und endlich auch ihrer Stellung im Haushalte der Natur. Alle größeren Berantwortl. Redakteur: Emil Unger, Berlin.— Druck u. Verlag: mtd wichtigeren Wteilungen der Käferweft sind dabei berücksichtigt. Eine Anzahl gutgelnngener Abbildungen- illustrieren- die terrticheif Ausführungen. Das Büchlein ist eine treffliche Alfleitnirg zu eigenen Beobachtungen und kann allen alten und jungen Freunden unserer Käferweft aufs beste empfohlen werden. C. Hennings, die Säug-etiere Deutschlands. Verlag von Quelle u. Meyer in Leipzig.(08, Band der Sammlung „Wissemchast und Bildung") Gebunden 1,25 M. In anziehender, klarer und toirklich allgemeinverständlicher Weise wird der Bau und Lebenslveise solvie die wirtschaftliche Bedeutung unserer deutschen Säugetiere eingehend behandeft Das Buch will aber nicht nur eine genaue Kenntnis unserer heimiscken Säugetierwelt die uns ihrer körper- licheti>md geistrgen Organisation nach doch so nahe sieht, vermiftelu, sondern vor allem auch will es das Interesse an ihr, die in so enge Beziehungen zum Menschen und seiner Kultur ge- treten ist, zu wecken und zu fördern sllchen. Zahlreiche höchst iusttnftive Abbildungen erläutern die Ausführungen des Verfassers. Das Büchlein sei besonders auch den Bibliotheken unserer Jugend» organisattonen zur Anschaffung empfohlen. R. Goldschmidt, Die Fortpflanzung der Tiere. B. G. Teubncr, Leipzig.(253. Bändchen der Sammlung aus Natur und Geisteswelt.) Geb. 1,25 M. Gleich zu Beginn der modernen biologffchen Forschung ist der Gruppe der FortpstanzungSerscheüinngen, die in ihrer ungeheuren Mamngfaltigteir aus der Fälle der Taffachen derBiologie als die Wechsel- vollsten und überraschendsten hervortreten, sowohl von den Forschem als auch der naturwissenschaftlich interessierten Laienwelt das lebhafteste Jntereffe entgegengebracht worden. Darwin selbst, der als der Begründer der inodernen Biologie angesehen- werden mutz, hat sich aufs eingeheickste mit allen Gruppen von Enchcimingen, die mit der Fortpflanzung der Organismen zusammenhängen-, be- schästjgt, mtd leitdem ist die wissenschaftliche Literatur über die Fortpflanzung geradezu ins Ungemessene gewachsen.. Auch eure populärwissenschaftliche Literatur über die verschiedenen Formen dieser fundamentctten Lebenssmrktion ist bald nach DarwinS erstem Austreten entstanden, aber neben nur wenigen wirklich guten Schriften finden wir da viel Minderwertiges. Als eine Arbeit, die ruhig den erstklassigen Werken über das Liebesleben der Tiere zur Seite gestellt werden kann, ist nun das vorliegende, reich illustrierte Büchlein zu. bezeichnen, das in musterhaft klarer Weise, unter Vermeidung alles unnützen Beiwerks, auf Grund der neuesten Ergebnisse biologischer Forschung eine anschauliche Schilderung aller Arten der tierffchen Fortpflanzung gibt und dabei auch eingehend die hochinteressanten und außerordentlich mannig- falffgen Formen der tierischen Brutpflege und Jugendfürsorge behandelt. Die Schrift ist wohl geeignet, wie der Verfasser wünscht,„durch Verbreitung exakter Kenntnisse über ein mit der menschlichen Siftlichkeik in so engem Zusammenhang stehendes Tat» sachengebieff die natürliche und reine Betrachtungsweise in den Be» Ziehungen der Geschlechter zn fördern". M. H. Baege. Meteorologisches. Was ist Aerologie? In einer wörtlichen Ilebersetzimg bedeutet das neu geschaffene Wort Aerologie einfach„Luftwissen» schaft". In dieser Auffassung mußte man dazu also in erster Linie die gesamt� Meteorologie rechnen, und es wäre sogar fraglich, ob die beiden Begriffe nicht- als vollständig gleichbedeutend anzunehmen wären. Man hat sich nun aber daran gewöhnt, alles, was mit dem Aero... anfängt, in Beziehung zur Luftschiffahrt zu setzen, und dieser Znscunmenhang besteht in der Tat auch für die Aerologie in so hohem Grade, daß es Dr. Elias in den„Illustrierten Aero» nautffchen Mitteilungen" für nötig hält, eine besondere Aus« einandcrsctzung zwffchen Aerologie und Luftschiffahrt herbei- zuführen. Während der Laie vielleicht vermieten wird, daß die Aerologie erst durch die Entioickelung der Luftschiffahrt groß ge- worden fft, bezeichnet Dr. Elias umgekehrt, wenigstens für die Verhällnisse in Deutschland, die moderne Aerologie als die Mutter der praktischen Lnftschiffahrt: In Deutschland ist die Förderung der Lustschisfahrt lange Zeit eine theoretische und akademische ge- Wesen, tmd erst vergleichsweise spät hat die Forderung nach einer eingehenden Erforschung des Luftmeeres zu wissenschaftlichen Ballonfahrten Anlaß gegeben, und diese haben die sportlichen Fahrten eigentlich erst erzeugt. Ans dem Zusammenwirken von Luftschiffahrt und Aerologie sind weiterhin die schönsten Erfolge hervorgegangen, aber es scheint, daß die praktische Luftschiffahrt diese Zusammengehörigkeit der Interessen jetzt in bedenklicher Weise vergessen hat. Ebenso wie unzählige Schiffskapitäne bei ihren großen und kleinen Fahrten aus dem Ozean Beobachtungen über Witterung und Meerwasser anssühren und ihre Aufzeichnungen an die Deutsche Seewarte einliefern, so sollte auch bei Luftfahrten eine Betätigung, die zur Bereicherung der wissenschaftlichen Kennt» nisse führen könnte, als eine Art von Ehrenpflicht betrachtet werden. Tann würde man vielleicht in gar nicht langer Zeit zur Bcgriindnnz einer„Luftwarte" gelangen, die für die Erforschung des Luft- meeres ebenso großes leisten könnte, wie es die Seewarte zur Er» forschung der Meere getan hat. vorwärts Buchdruckerei u.Verlegsanstalt Paul Singer Sc(£o,, Berlin LW.