Mnterhallungsblatt des Vorwärts Nr. 167. Sonnabend, den 28. August. 1909 �Nachdruck becänUn.) Ita Fjaine» 2] Novelle von S. Juschkewitsch.*) Autorisierte Uebersetzung aus dem Russischen von A. L a m P e r t. Sie schälte das Kind geschickt aus den Lumpen, in die es gehüllt war, und Rose geriet außer sich vor Entzücken, als sie es sah. Fest an die Brust gedrückt, so daß nur sein rosiges Kinderköpfchen, ganz in Falten zu sehen war, drehte und wand es sich wie ein Gummipüppchen, während Rose entzückt sein Köpfchen betastete und seine dicken Beinchen und Aermchen in der Hand abwog. Es war ganz gleichmäßg rösig, ohne auch nur das kleinste Fleckchen, ganz in Grübchen und Fältchen, warm und glatt, wie ein kleines Kätzchen. Rose war be- geistert vom Anblick des Kindes, kniff und streichelte es mit ihrer runzeligen Hand und sagte immerzi; lachend: „Wo hast ihn nur her? Gewiß hast Du ihn irgendwo bei reichen Leuten gestohlen. Sag's nur gerade heraus." Ita lachte vor Freude, und ihr Gesicht wurde wieder gut- mütig. „Ich sage Ihnen doch, daß ich so eine Milch habe. Sie ist einmal so. da ist nichts zu machen. Und so viel Hab ich davon, ich glaub— ein Erwachsener könnte sich an ihr satt- trinken, wenn ich nur genug zu essen hätte." Sie wickelte das Kind wieder ein, aber so vorsichtig und aufmerksam, daß es sich nicht einmal regte. „Run gut," sagte Rose nach einigem Nachdenken„ich will Dich schon unterbringen. Du bleibst hier, und ich will gehen. Ich babe viel zu tun heute." In der Stube wurde laut geredet, aber der Lärm war nicht groß: man fürchtete sich etwas vor Rose und ließ sich in ihrer Gegenwart nicht so gehen. Der Stcllensuchenden wurden indes immer mehr. Frauen, Mädchen und ganz junge Back- fische saßen und standen in Gruppen. Einige frühstückten noch. Ein altes buckliges Weibchen, das schon seit langer Zeit Stellung als Kinderfrau suchte, fegte fleißig und mit er- staunlicher Geschicklichkeit den Fußboden, indem sie sich wie ein Kreise� in jedes kleinste freie Plätzchen hineinzwängte. Drei alte Frauen, sehr dick, mit schwitzenden, glänzenden Ge- sichtern, mit krummen und von Rheumatismus aufgeschwol- lenen Fingern, wichen nicht vom Ofen, und, obwohl sie vor Hitze sogar die Blusen aufgemacht hatten, saßen sie immer noch da und labten sich an der Wärme. Zwei ganz junge, etwa vierzehnjährige Mädchen in schmutzigen Röcken, die sie aus irgendeinem Grunde immerfort emporrafsten, so daß die mageren und ebenfalls schmutzigen Beine zu sehen waren, saßen auf dem Fensterbrett, zeigten einander mit den Augen die drei Alten und lachten laut mit einem so kreischenden, kurzen Lachen, als ob in ihrem Halse etwas ohne ihren Willen auf- platzte. Sie hatten freche, zynische Gesichter, und alles an ihnen zeugte davon, daß die harte Schule des Lebens nicht spurlos an ihnen vorübergegangen sei. In der entferntesten Ecke der Stube erzählte ein hageres altes Weib mit unver- bältnismäßig dickem und langem Hals und gottergebenem Gesicht ihrer Nachbarin laut von einer neuen Wunderarznei, die ihr allein gegen Atemnot helfe. „Marmer, Mutter, das ist meine Rettung. Ein bißchen Marmer, feingestoßen und mit Wasser ausgetrunken— und alles ist weg.— Mit dem Bildhauer, der die Marmergrab- steine macht, bin ich bekannt, und von ihm krieg' ich den Stein. Ohne den Marmer kann ich jetzt keine Auge zumachen." "-„Eine steinerne Kur," wackelte die Nachbarin vor Staunen.„Ach du Herr des Himmels, hat man je so was gehört? Marmer! Wahrhaftig, mit Marmerstein kuriert Ihr Euch?" Ita fand sich nach und nach in ihrer Umgebung zurecht. Eine Jüdin knüpfte mit ihr ein Gespräch an und lud sie zum Sitzen neben sich ein. Das Kind schlief ruhig und lag schwer in den Armen. Rose hatte sich zum Ausgang gerüstet und ging nun mit einigen Frauen, die sie sich ausgesucht hatte. Sofort wurde es lärmender in der Stube. Die Scheiben in Tür und Fenstern waren endlich aufgetaut und es schien, als ob sie absichtlich mit einer trüben Flüssigkeit bespritzt wären. so daß dahinter der Schnee schmutzig und dunkel erschien. Man sah die unregelmäßigen Gestalten der Leute, die im Hofe aus und ein gingen. Ita saß schon neben ihrer neuen Nachbarin, die sofort liebenswürdig ihr Kind von allen Seiten betrachtete. „Sie suchen auch Stellung?" fragte Ita, indem sie daS Kind in den anderen Arm nahm. Es stellte sich heraus, daß sie eine Stelle als Dienste Mädchen suchte. „Ja, ich suche schon lange," sagte sie und fügte schlicht hinzu:„Ich habe einen Fehler, und das stört mich dabei." Erst jetzt bemerkte Ita, daß das Mädchen von Zeit zu Zeit einen leichten Schrei ausstieß, als ob sie erschreckt wäre. und daß sie, um ihn zu ersticken, die Hand vor den Mund hielt. „Woher haben Sie das?" fragte Ita teilnahmsvoll, aber rückte unwillkürlich etwas ab von ihr. „Sie brauchen keine Angst zu haben," sagte jene, als sie Jtas Bewegung bemerkte,«ich habe nicht die„schwarze Krankheit"." „Ich fürchte mich auch nicht," erwiderte Ita lächelnd und rückte wieder näher. „Andern ist es unangenehm, aber was tun? Das habe ich doch nicht mit auf die Welt gebracht, das kommt vom Schrecken. Ich war in einem Gasthaus als Zimmermädchen, und es ging mir nicht schlecht. Aber da kam ein Reisender.... Als ich eines Morgens fein Zimmer machte, stürzte er sich auf mich, und ich bekam so einen Schreck, daß ich nicht um Hilfe rufen konnte... Und seitdem Hab' ich es bekommen. Jetzt scheint es ein bißchen besser. Die Aerzte sagen, es wird schon weg- gehen, und da Hab' ich ihnen so nach und nach all mein Geld hingetragen— aber ich hab's noch bis heute. Sie sagen ja immer— es wird vergehen." Zwei- oder dreimal piepste sie halblaut, aber konnte sich dann nicht mehr beherrschen und schrie laut auf. „Da, jetzt sehen Sie's," sagte sie, nachdem sie sich wieder beruhigt hatte,„kann man mich in einem ordentlichen Haus brauchen?" Ita blickte das Mädchen mitleidig an und fragte: „Nun, und was haben Sie getan?" „Was konnte ich denn tun? Dumm war ich: der Reisende ging fort, und ich— ich war schwanger." „Schwanger?" wiederholte Ita.„Ach Sie Aermstel"� „Na ja, schwanger. Und als das Kind da war— ob ein Bube oder ein Mädchen, ich weiß nicht— da Hab ich es irgend» wo vor einer Tür gelegt." � Sie erzählte alles ruhig, als ob es sich um ganz natür« liche Dinge handelte. Und setzte nach einer kleinen Weile hinzu: „Wahrscheinlich hat man das Kind noch lebend gefunden. es war ja Sommer. Aber besser wär's— es wäre gestorben." Mit immer steigendem Entsetzen lauschte Ita ihren Worten. Die Grausamkeit der Großstadt schien dicht an sie heranzurücken und zeigte ihr alle ihre drohenden Seiten, von denen sie, die in einem kleinen Städtchen aufgewachsen war, keine Ahnung hatte. „Wo wohnen Sie denn jetzt?" fragte sie leise, von leb- hafter Sympathie zu dem Mädchen ergriffen. „Wie's kommt. Ich bin ja aller Welt im Wege. Wenn ich, Gott geb's, wieder gesund bin, dann wird alles gut. Und wenn ich nicht gesund werde, dann weiß ich schon, was ich tue." Sie sagte es mit so einer finsteren Stimme, daß Ita förmlich erzitterte. „Was wollen Sie tun?" flüsterte sie. „Ich gehe auf die Straße," erwiderte einfach das Mädchen und sah Ita aufmerksam in die Augen. Aus allen Ecken des Zimmers kam jetzt das Weinen und Schreien der aufwachenden Kinder. Die Ammen unterbrachen unlustig ihre Gespräche und verließen ihre Plätze. Eine hagere Frau, mit bösen Augen und heiserer Stimme, schlug ihren Kleinen, der die Windel verunreinigt hatte. Sie schlug ihn mit Wonne, und die Schläge sausten dicht und stark auf das Kind nieder: aus jener Ecke aber kamen dünne und durch- dringende Schreie. Das Mädchen hörte alles gleichgültig an und flüsterte dann Ita plötzlich zu: .. ,,Tn meiner Stadl wartet mein Bräutigam duf mich. Und er weiß von nichts. Was sagen Sie? Ich bin ja jetzt wie von Eisen... Noch im vorigen Jahr hat er sich vom Militär befreit und wartet seitdem aus mich. Ich bin auch deshalb in die Stadt gekommen, um Geld zu sparen, um ihm zu helfen. Verstehn Sie? Ich gehe sicher auf die Straße. Es ist mir jetzt egal." Jta zitterte vor Entsetzen. So eine Tiefe des Gefallen- seins kannte sie nicht. Auch ihr war in ihrem Leben viel Schlimmes und Schreckliches widerfahren, aber vor solch einer Verzweiflung war sie bisher noch verschont geblieben. Sie kämpfte mit dem Aufwand aller ihrer Kräfte, sie suchte sich allem anzubequemen, ihre Bedürfnisse auf ein Minimum zu beschränken. Sie war unablässig darauf bedacht, sich vor dem letzten Sturz in jenen Abgrund zu bewahren, aus dem es kein Zurück mehr gibt. Aber die ungekünstelte Einfachheit des Mädchens, dank der sogar das Abstoßende von seinem Schmutz befreit zu sein schien, erregte ihre Bewunderung und Sympathie. Das Zutrauen, das jene ihr erwiesen, fand leb- haften Widerhall auch in ihrer Seele, die nach Freundschaft dürstete. Wie schwer doch das Leben ist! Auch mit ihr selbst, mit Jta, ist es jetzt soweit, daß sie als Amme dienen muß. Wozu ist sie hier? Hier wird doch kein Vieh verkauft, auch keine Menschen, fondern Mütter. Auch sie wird jetzt ver- kauft, ihrem Kind entrissen werden, sie wird es fremden Händen anvertrauen müssen. Wie schrecklich ist das Leben! Sie fürchtete sich, weiter daran zu denken, es war ihr, als müßte sie dann von hier fliehen; zu Hause war es doch noch viel schlimmer. Das Mädchen schwieg jetzt beharrlich und kämpfte mit ihrem Leiden. Die Ammen stillten schon ihre Kinder. Sie saßen alle duf der längsten Bank an der Wand und ihre Gesichter waren ernst, als ob diese Frauen Schülerinnen wären und nun das Kommen eines strengen Lehrers erwarteten. Alle Kinder lagen, wie auf Verabredung, an der linken Brust und schnauften vor lauter Lust. Mit geschlossenen Augen, ge- röteten Naschen, spielten sie mit der mütterlichen Brust; bald wandten sie sich ab von ihr und lächelten und dehnten sich behaglich, bald packten sie sie wieder und schmatzten laut vor Eifer. Die Mütter beachteten nicht ihr Treiben und die groben, von schwerer Arbeit entstellten Hände auf den Kindern verschlungen, führten sie eine gemessene Unter- Haltung. Mit einer gewohnten Bewegung legten sie dann olle, von ein und demselben Gefühl der Müdigkeit und des Ekels ergriffen, ihre Kinder an die rechte Brust herüber, ohne ihre Unterhaltung auch nur einen Augenblick zu unter- brechen. Jta sah gerührt diesem Vorgang zu. Ihr Frauen- gefühl zog sie zu den Müttern hin und, dem gehorchend, stand sie auf und begab sich zu den Stillenden. Die drei dicken Alten schliefen schon neben dem erkalteten Oefchen und schnarchten laut. Die Backfische schwatzten fort- während, warfen Stückchen des sich von der Wand los- lösenden Mörtels auf die Schlafenden, und diese wälzten sich ärgerlich hin und her, wehrten mit ihren krummen, ge- schwollenen Händen den unsichtbaren Quälgeist ab, ohne zu verstehen, was sie eigentlich am Schlafen hinderte. Jta ging behutsam um die Alten herum und setzte sich zu den Müttern. Sie war sehr niedergeschlagen und hatte keine Lust weder zum Sprechen, noch zum Zuhören. Das Kind regte sich, und sie reichte ihm die Brust. .(Fortsetzung folgt.js Zeppelin und Mrigdt. Berlin steht in diesen Tagen unter dem Zeichen der Lust- schiffahrt, da es zwei der bedeulendsten Vertreter der Aviatik, den Grafen Zeppelin und Orville Wright, die beide uns ihre Fahrzeuge vorführen wollen, seine Gäste nennt. Das Schicksal beider fordert unwillkürlich zum Vergleich heraus, da beide, oder besser alle drei, da Orville Wright nicht ohne seinen Bruder Wilbur genannt werden darf, das gleiche Erfinderlos, verlacht und verkannt zu werden, teilten; da sie aber im Gegensatz zu vielen anderen auch das Glück haben, sich und ihr Werk noch bei Lebzeiten durch- gesetzt und anerkannt zu sehen. Es sind erst Ivenige Jahre her, daß man die fliegenden Brüder mit einem billigen Wortwitz die lügenden «rüder nannte, und Zeppelin mußte auch seinen Weg bis zu dem ersten Erfolge ohne„Protektoren", von seinen Zunftgenossen oft be- feindet und verspottet, machen. Die drei Pioniere der Luftschiffahrt verdanken ihre Erfolge hauptsächlich sich selbst und dem zähen Festhalten an den von ihnen als richtig erkannten Ideen. Es ist selbstverständlich, daß sie nicht auS sich selbst alles schaffen konmen. Der Weg der Brüder Wright führt über Lilienthal und Chanute, die Versuche Zeppelins werden bewußt oder unbewußt durch die Ideen seiner Vorgänger angeregt. Eins haben sie aber allen ihren Vorläufern voraus: den Erfolg und zwar den vollen, unbeschränkten Erfolg. Auf den beiden Gebieten der Luftschiffahrt, dem der lenkbaren Motorballons und dem der Flugapparate stellen sie den augenblicklich erreichten Höchstpunkt dar. Es niag dahingestellt sein, ob vielleicht nicht der unstarre oder halb- starre Motorballon für bestimmte Zwecks vorteilhafter ist als daS starre Zeppelin-Lustschiff, oder ob der Eindecker, den Bleriot benutzt, in Zukunft erfolgreicher sein wird als der Wrightsche Doppel- flieger; heute steht nur das eine fest, daß die Dauerfahrten eines Zeppelin unerreicht find und daß sich kein Flugapparat sicherer und länger in den Lüften hält als die Wrightsche Maschine. Unwillkürlich wird sich den Berlinern in diesen Tagen die Frage nach den Grenzen und den Eutwickelungsmöglichkeiten der beiden Gebiete aufdrängen. Es ist kein Zweifel, daß für die weiteren Kreise in der n ä ch st e n Zeit nur daS Motorluftschiff als Verkehrsmittel in Frage kommen kann. So weit ist diese Technik heute bereits vorgeschritten, daß das Projekt der zu gründenden Luftschifflinien-Altiengesellschast absolut keine Utopie mehr ist. Schon der jetztj Berlin besuchende„Z. III" ist imstande, neben der Bedienungsmannschaft 20 Personen mitzunehmen und von dem zu erbauenden„Z. IV" ist jedenfalls in dieser Beziehung noch viel mehr zu erwarten. Eigentlichen VerkehrSzwecken werden jedoch diese Luftlinien nicht dienen können, dazu fehlt ihnen die nötige Geschwindigkeit und kotz aller Erfolge die erforderliche Sicherheit. Man erinnere sich nur, wie lange der„Parseval" darauf warten mußte, um von Bitterfeld nach Frankfurt zur„IIa" zu fliegen und wie er dann doch die Reise fein säuberlich verpackt— per Bahn machen mußte, und wie lange Zeppelin arbeiten mußte, um seinerzeit in München auf dem bestimmten Platz niedergehen zu können. Der zweite Punkt, der die Motorluftschiffe für praktische Berkehrszwecke bis auf weiteres unmöglich macht, ist ihre geringe Fahrgeschwindigkeit. Vom ,Z. III", der mit starken Motoren ausgerüstet ist, erwartet man eine Geschwindigkeit von zirka 40 bis 50 Kilometern in der Stunde. Er wird daher— immer günstige Winde borausgesetzt— die Strecke Bitterfeld— Berlin, die der D-Zug in nicht ganz zwei Stunden zurücklegt, über die Hälfte mehr brauchen. Die Fahrten in den Motorballons werden daher Vergnügungsfahrten bleiben, abgesehen von den wisienschaftlichen und militärischen Zwecken dienenden Fahrten, als solche aber großartige Eindrücke bieten und den Vorteil haben, daß zum Unternehmen einer solchen Fahrt nur ein gefüllter Geldbeutel, aber gar keine persönlichen Qualitäten gehören. Ganz anders liegt die Sache bei dem Flugapparat, der schwerer als Luft fliegen soll. Da ist der F l i e g er n o ch alles oder wenigstens die Hauptsache. Wenn auch Major v. Parseval, der bei der.Flugwoche" in Reims interviewt wurde. meint, daß eS nicht besonders schwer sei, die Flugtechnik zu erlerinn und daß drei Wochen unter guter Anleitung hierzu genügten, so verdanken die Brüder Wright ihre Erfolge neben technischen Einzel« heiten, wie dem oft beschriebenen„Verwinden" der Tragflächen, in der Hauptsache ihrer persönlichen durch jahrelanger Uebung erworbenen Gewandtheit. Und da der untätig mitfahrende Passagier beim Flug« apparat die Ausnahme bildet, so wird der Drachenflieger wegen der persönlichen Eigenschaften, die er vom Fahrer beansprucht, daS Sportfahrzeug schlechthin werden. Schon heute ist— allerdings nur in Frankreich— der Flugsport so weit, daß man in Reims eine „große Fli e g e r w o'ch e" mit verschiedenen Konkurrenzen ab- halten konnte, zu der sich zahlreiche Flugmaschinen einfanden und bei denen staunenswerte Resultate erzielt wurden. So wurde z. B. von einem Flieger Glenn Curtis eine Skecke von zehn Kilometern in 8 Minuten 4 Sekunden durchflogen, was einer Geschwindigkeit von 75 Kilometern entspricht, während unser„Z. HI" es, wie oben bereits erwähM, nur auf fast die Hälfte bringen kann. Die Geschwindigkeit ist auch im Wesen der beiden Apparate begründet. Ein Flug- apparat hält sich eben um so länger und sicherer in der Luft, je schneller er fliegt, während ein Motorballon mit steigender Eigengeschwindigkeit uin so größere Widerstände über- winden muß und daher um so stärkere und— schwerere Motoren haben muß. Ein weiterer Grund für eine größere Ver- breitungsniöglichkeit der Aeroplane liegt auch in der Preisfrage. Man kann schon heute einen kleinen Bleriotschen Eindecker um 8000 M., einen großen Wrightschen Drachenflieger um 20 000 M. kaufen, und auch diese Preise, die natürlich bei der schwachen Kon- kurrenz starke Gewinne für die Fabrikanten bedeuten, werden in den nächsten Jahren bedeutend sinken. Die Kosten eines noch so kleinen lenkbaren Luftschiffes gehen in die Zehntausende, und sind zum großen Teil in den Material- und bekächlichen Herstellungskosten begründet, so daß sie nur wenig fallen können. Die Flugapparate haben daher vorläufig gute Aussicht, das Luftauto der nächsten Zukunft wenigstens für Sportzwecke zu werden. Es ist aber nicht ausgeschlossen, daß sie auch allmählich dank ihrer Geschwindigkeit und Einfachheit praktischen VerkehrSzwecken dienstbar gemacht werden können. Wir sehen hier immer von den negativen.Kulturzwecken" des Militarismus ab, für den ganz andere Gesichtspunkte in Frage kommen. Wie dem auch sei und wem auch die Zukunft gehöre» »nag: LenILallon oder Flugapparat, vir wollen miZ freuen, daß wir zwei solche Kerls haben. Es werden daher auch einige technische Angaben für das Zeppelinschiff, das der Allgemeinheit am besten sichtbar sein wird, von Interesse sein, Angaben, die das Verständnis des„Z. m* etwas erleichtern können. Das Schiff, das eine Länge von 136 Metern und einen Durchmeffer von 13 Metern hat. weist dieselben äußeren Formen wie seine beiden Vorgänger, die aus den zahlreichen Abbildungen bekannt sind, auf. Der be- deutendste Vorzug gegenüber dem in Köln befindlichen„Z. II" liegt darin, daß die beiden Daimlermotoren zusammen 360 Pferde« st ä'r ke n leisten, während„Z. II" nur zwei Motoren mit zusammen L20 Pferdekräften,„Z. I" sogar nur 175 Pferdestärken besaß. Außer- dem ist noch durch die zweiflügeligen Schrauben an Stelle der bisher verwendeten dreiflügeligen Schraube und durch die neuartige Kraftübertragung durch Stahlbänder an Stelle der Zahnräder eine bedeutend günstigere Ausnutzung der Motoren ermöglicht. Durch diese Motorenleistung wird das Luftschiff instand gesetzt, eine größere Geschwindigkeit zu entwickeln, gegen ungünstige Winde leichter zu kämpfen und seine Höhenlage ohne Ballastabgabe rein dynamisch einzuhalten. Der Gasinhalt des Luftschiffes, das in bekannter Weise aus einzelnen Zellen besteht, beträgt IS(XX) Kubikmeter. In Bitter- feld ist eine Zwischenlandung geplant, um aus den dort befindlichen Gasanlagen neues Wafferstoffgas dem Ballon zuführen zu können. Die an den Außenseiten des Ballons befindlichen Lenk- und Stabilifierungsflächen sind dieselben wie bei den früheren Modellen Zeppelins: an den beiden Seiten die vier vierflächige, um eine wagerechte Achse drehbare Höhensteuer, ebenso die Stabilisicrungs- flächen am Kiel und das große elliptische Horizoiitalsteuer. Die Wirkung dieser Steuer wird am schönsten während der Schleifenfahrt, die Zeppelin über dem Häusenncer Berlins auszuführen gedenkt, zu sehen sein. Das besonders beim Landen interessante Arbeiten der Höhensteuer werden ja leider nur wenige AuSerwählte zu beobachten Gelegenheit haben, hingegen wird Zeppelin hoffentlich auch während der Fahrt uns die Sicherheit des Steigens und Fnllens, das durch Schrägstellen der Höhensteuer be- wirkt wird, sehen lassen. Die Berliner sind ferner in der an- genehmen Lage, aus eigener Anschauung jetzt die Luftschiffe des»n- starren(„Parseval",„Groß") und des starren Systems („Zeppelin") vergleichen zu können, da ihnen die ersteren durch die zahlreichen Fahrten über Berlin bekannt sind. Für Dauerfahrten hat sich bis jetzt das starre System am geeignetsten erwiesen. Bei günstiger Beleuchtung kann man beim Zeppelin ganz deutlich das starre Aluminiumgerüst sehen, in dem die einzelnen 17 Gaszellen, von einer gemeinsamen Hülle umgeben, untergebracht sind. Aufmerksamen Beobachtern wird ferner auffallen, daß die beiden Gondeln— eine Mittelkabine ist hier nicht vorhanden— viel höher liegen als z. B. bei dem„Parseval", wo« durch der Schwerpunkt des ganzen Systems in günstiger Weise ver- schoben wird. Hoffentlich fällt die Fahrt ohne schlimmeren Zwischenfall aus. Die Zwischenlandung bei Ostheim scheint ja ohne größere Bedeutung zu sein. Sollten widrige Winde oder ein unglücklicher Zufall es wollen, daß diesmal das gewollte Ziel nicht erreicht wird, so können wir sicher sein, daß der Besuch nur aufgeschoben, aber nicht auf« gehoben ist. Die Vorzüge des Systems werden durch einen gelegent« lichen Mißerfolg, auch Ivenn er gerade bei einem Besuch in Berlin eintreten sollte, natürlich nicht widerlegt werden. Ltb. Die feböne Mexikanerin. Wvnn der Sommer seinen Höhepunkt überschritten hat, wenn die wohligen Herbsttage nahe bevorstehen, dann entfaltet draußen in den Gärten ein Kind fremder Zonen, eine schöne Mexikanerin ihre Reize zum höchsten Genuß für all jene, die der Schönheit der Blumen nicht abhold sind. Wer diese reizende Schönheit ist? Wir kennen sie alle, sie trägt den alltäglichen Namen Georgine oder Dahlie. Schon mancher hat sich gefragt: woher dieser Doppelname für eine Pflanze. Man wußte sich aber zu helfen. Der eine sagte: „Georgine" ist die deutsche und„Dahlie" die botanische Bczeich- nung, der andere bezeichnete mit„Georginen" die gefüllten oder die doppelten Blumen, und nannte„Dahlien" die einfachen Blumen. Der dritte und vierte hatten eine noch weisere Auslegung für die Unterscheidungsmerkmale. Weil nun über diese Frage immer noch eine weitverbreitete Unkenntnis herrscht und sie jetzt gerade zu einer Tagesfrage geworden ist, so wollen wir einmal vernehmen, was der Fachmann von dieser Geschichte zu erzählen weiß. Der Jachmann klärt das verwickelte Rätsel des Doppclnamens bald auf. Beide Bezeichnungen sind wohl zutreffende botanische Namen als auch gangbar gewordene Verdeutschungen für ein und dieselbe Pflanze. Die Stammeltern all der formenreichen und farbenprächtigen Blumenschönheiten, die uns zurzeit im Garten entgegcnlachen, standen auf mexikanischem Badem Zwei Meter und darüber hohe Pflanzen mit knollig-verdicktcn, ausdauernden Wurzeln, mit gegenständigen, unregelmäßig ficdcrteiligcn Blättern. und auf schwanken, bis 36 Zentimeter langen Stielen sitzenden kleinen Blumen, bestehend aus einer gewölbten gelben Scheibe und darum einen Kranz aus violettem roten oder orangefarbenen Strahlenblümchen, das waren die Stammeltern all der heute be» kannten Dahlicn-Schönheiten. In diesen drei verschiedenen Sorten gelangte die Pflanze erstmalig im Jahre 1784 durch Vincent Cer« vantes nach Europa, und zwar nach dem Botanischen Garten zu Madrid. Einem schwedischen Botaniker, Andreas Dahl zu Ehren, erhielt die Pflanze den Namen Dahlia. Von Spanien aus fand die schöne Mexikanerin ihre Ver- breitung nach Frankreich, England und auch nach Süddeutschlanv- Im Jahre 1864 brachten Alexander von Humboldt und Bonpland Samen von einer orangefarbenen und einer roten Spielart der- selben Pflanze aus Mexiko nach Berlin. Im dortigen Botanischen Garten wurde die Pflanze von Willdenow, zu Ehren seines Freundes Georgi, Georgina genannt. Warum Willdenow be- wußterweise einer schon benannten Pflanze einen zweiten Namen beilegte, wollen wir hier nicht weiter erörtern. Wir wissen ja jetzt wenigstens, woher die doppelte Bezeichnung für ein und dieselbe Pflanze stammt. Ziehen wir nun noch in Betracht, daß diese Pflanze, der nach dem Rechte der Priorität einzig der Name Dahlia zusteht, von Berlin aus über Norddeutschland verbreitet wurde, so verstehen wir es auch, daß sich hier die Berliner Bezeichnung Georgina oder zu deutsch„Georgine" einbürgerte. Wir wollen aber Recht auch Recht sein lassen und fürderhin die Pflanze Dahlie nennen. Da der Dahlie eine große Lust zur Variation(Abänderung) innewohnt, darf es weiter nicht wunder nehmen, wenn mit ihrer weiteren Verbreitung eine stetig wachsende Anzahl von neuen Spielarten entstand. Als es im Jahre 1863 dem Karlsruher Garteninspektor Hartweg gelungen war. die erste gefüllte Form zu erzielen, begann die Glanzepoche der Dahlie. Ein Köstritzer Dahlicnzüchter bot 1824 bereits 26 gefüllte Sorten an und war imstande, auf der ersten größeren deutschen Dahlienausstellung, gelegentlich der in Jena 1836 tagenden Gesellschaft der Natur- forscher und Aerzte, mehr als 266 Sorten, meist eigener Züchtung, auszustellen. Die Dahlie war Mode geworden; kein Wunder, denn die Pracht und Mannigfaltigkeit der Blume in Form und Farbe. die ungemein fesselnde Wirkung, die die Pflanze im Garten aus- übt. und dann auch die Leichtigkeit der Kultur, mußten die Pflanzen rasch populär machen. Eine wahre Dahlienwut über- kam die Blumenliebhaber. Ungeheure Summen wurden nicht selten aufgewendet, dieser Liebhaberei zu frönen. Es wurden 166 und 156 Taler für eine einzige, allerdings neue Pflanze geboten. Ein Liebhaber tauschte eine neue Sorte mit einem kostbaren Diamanten ein. Die Stammeltern und die ersten in Europa entstandenen Spielarten waren allerdings bald vergessen; nicht die einfachen, sondern die gefüllten Blumen wurden tonangebend. Die Größten und die Kleinsten waren in der Form die Begehrtesten. Blumenmoden sind aber ebensowenig wie die Mode überhaupt von großer Dauer. Die kompakte, gefüllte Blume erhielt eine arge Nebenbuhlerin in der Dahlia Juarezi, welche 1872 aus Mexiko ihren Einzug in Frankreich hielt und von hier bald weitere Ver- breitung fand. Die zugespitzten Blütchcn dieser Form sind strahlen- förmig ausgebreitet und an den Rändern nach außen umgerollt. Die Farbe ist ein prächtiges Scharlachrot. Weil diese JSlume in Form und Farbe gar sehr einer gewissen Kaktusblume ähnelt, hat man dieser Sorte die Spezialbezeichnung„Kaktus-Dahlie" bei. gelegt. Durch Kreuzungen dieser Form hllk man, ganz besonders in den letzten Jahren, eine riesige Zahl neuer Spielarten gezüchtet, die alle als Kaktus-Dahlie eine weite Verbreitung fanden und unter denen gar viele von solch strahlender und packender Schön- heit sind, daß man es verständlich findet, wenn die alten gefüllten Sorten'diesen Kaktusformen mehr und mehr weichen müssen. „Kaktus-Dahlie" lautet heute die Parole unter den Dahlienlieb« habern. Die lieblichen Reize dieser Schönen zu schildern, genügen Worte nicht, es bedarf dazu der Farbe. In den Kreisen der Blumenliebhaber wendet man sich ganz allgemein mehr und mehr von den gefüllten Blumen ab, man sehnt sich wieder nach den einfachen Formen. So war es denn auch möglich, daß in den letzten Jahren neben den Kaktus-Dahlien auch die einfachen Arten dieser Pflanze wieder zu Ehren kamen. Die Kunst der Gärtner hat es verstanden, auch von dieser Gruppe eine große Zahl farbenblendender Varietäten zu züchten. Mancher möchte gewiß gern wissen, ob dieser herrliche Pflanze im Zimmer gezogen werden kann, da ihm ein Garten nicht zur Verfügung steht. Ich antworte auf diese Frage mit Ja. Allerdings mutz man mit der Ausführung des Planes bis zum nächsten Jahr warten; für dieses Jahr ist es zu spät. Im März oder April ver- schafft man sich von einem Gärtner oder von einer Freundin, die in einem Garten Dahlien zieht, die Knolle und pflanzt sie in möglichst kleine Töpfe, stellt diese recht hell im Zimmer auf und hält sie mätzig feucht. Haben die Wurzeln die Erde durchzogen, so wir» die Pflanze, der dann auch schon etliche Triebe entsproßt sind, in einen recht großen Topf oder noch besser Holzkübel umgesetzt. Zu- nächst muß man aber recht vorsichtig mit dem Gießen sein. Haben die Wurzeln auch diesen Topf durchzogen, so muß reichlich begossen werden, auch kann dann öfterer Düngerguß verabfolgt werden(in Wasser aufgelöster Kuhdünger). Die Hauptsache ist dann noch, daß die Pflanze recht hell und luftig zu stehen kommt, wenn möglich auf dem Balkon. Auf diese Weise kann man noch spät im. Herbst, wenn draußen die ersten Fröste der ganzen Dahlicnschönheit bereits ein Ende bereitet haben, freudig seiner Dahlie zuschauen. Für den BKnter nimmt man die Knollen aus der Erde, nachdem die Zweige abgeschnitten sind, schüttelt alle Erde sorgfältig ab und hebt die Knolle an einem hellen, trockenen, frostfreien Orte bis zum Früh- jähr auf. Dann kann man aus einer 5tnolle drei, vier oder gar noch mehr machen, man kann also seine Bekannten damit beglücken, denn um viele Dahlien im Zimmer zu züchten dazu reicht ja der Platz nicht aus.. Herm. K rafft. kleines feuMeton. Sprachwissenschaftliches. Vom Hunde. Mit Vorliebe vergleicht' die Sprache den Meiischen mit seinem trcuesten Begleiter unter den Tieren, dem Hunde. Wer in einem Hundeloche wohnt und bei einer Hundekälte, wenn er Hunden» übe nach Hause kommt, noch hundemäszig frieren muß und obendrein einen Hunde- f r a h vorgesetzt bekommt, dem kann wohl hundemäßig schlecht zumute sein, denn er führt eben ein richtiges Hunde- leben; und schilt man ihn dann noch gar Krummer Hund oder, was nicht ganz so schlimm klingt, Himmelhund, dann muß er sich wirklich beinahe vorkommen wie eine richtige Hundeseele. Mancher ist kurz angebunden wie ein Kettenhund, den man um so kürzer anzubinden pflegt, je böser er von Natur ist; wir alle aber müssen uns im_ Leben dann und wann wie die Hunde nrit anderen herum beißen, und einzelne verbeißen sich in gewisse Dinge, die sie doch nicht zu bcmeistern vermöge», so daß sie schließlich ganz verbissen werden. Der eine schnappt oft dem anderen die besten Bissen weg, und mancher st eckt seine Nase in alles hinein, was ihn nichts angeht,— er ist überall m i t der Nase voran oder naseweis, d. h. eigentlich mit der Nase erfahren wie ein Jagdhund, dessen Aufgabe es ist. überall herumzuschnüffeln. Der eine ist knurrig wie ein böser Hund— fängt doch sogar unser Magen bis- weilen an zu knurren oder zu bellen— ein anderer dagegen s ch w ä n z e l t um Höherstehende herum wie ein schweifwedelndes Stubenhündchcn. Wieder andere sind neidische, hämische Kläffer, die einen hochstrebendcn Mann, den sie nicht leiden mögen, mit ihrem hündischen Gebell verfolgen. Ja es gibt leider unter den Menschen auch ganz gemeine Hunde, die selbst das Edelste verhunzen, das heißt so schlecht wie einen Hund behandeln. Diesen sollten wir bei geeigneter Gelegenheit nach Art treuer Haushunde gehörig die Zähne zeigen. Auch sonst spielen Mensche» wohl»och die Hunderolle, so, wenn eiue größere Gesellschaft sich erst gehörig berochen haben muß, ehe sie recht mit- einander vertraut ivird, oder wenn ein einzelner bekannt ist wie ein bunter oder scheckiger Hund, oder auch, wenn einer demütig da? P f ö t ch e n gibt. Vgl. Goethes Egmont I, I: Mußte doch die welsche Majestät gleich das Pfötchen reichen. Astronomisches. Kosmische Nebel. Die Welt der kosmischen Nebel, dieser gärten und rätselhaften Erscheinungen am Firmament, war schon dem antiken Astronomen Hipparch und dem Mohammedaner Al-Sufi bekannt; aber erst nach der Erfindung des Fernrohres konnte man sich der Erforschung dieser seltsamen Phänomene zuwenden. Zahl. reiche Gebilde, die dem bloßen Auge verschwommen und wölken- artig erschienen waren, wurden durch das Teleskop in Sternhaufen aufgelöst, so daß Wilhelm Hcrschel nach langjährigen sorgfältigen Beobachtungen annahm, alle nebligen Objekte des Himmels würden schließlich als Sternhaufen erkannt werden. Erst die Spektral- analhse licjcrtc den Beweis, daß sich wirtliche reine Gasnebel am Firmament befänden und daß diese echten Nebel aus mindestens drei Gasen lcstehen, nämlich aus Wasserstoff. Helium und einem unbekannten Gase. Uebcr die neuesten Forschungen, die sich mit den leuchtenden, noch immer nicht exakt erklärten kosmischen Nebeln beschäftigen, berichtet Felix Erber in„lieber Land und Meer". Das eigenartige Leuchten dieser Gasnebcl, das trotz der enormen Kälte von 273 Grad unter Null, die im Welträume herrscht, von ihnen ausgestrahlt wird, hat mannigfache Erklärungen hervorgerufen. Nach der Ansicht des bedeutenden Astrophysikers Scheiner ist es kein Glühen, fondern eine Art Phosphoreszieren, das wahrscheinlich durch Zufammenstöße der einzelnen Moleküle hervorgerufen wird, deren Bewegung in den ungeheuer großen und dichten Nebel- schwaden in geradliniger Richtung erfolgt. Andere Forscher sind der Meinung, daß bei diesem Phosphoreszieren elektrische Kräfte mitwirken. Ganz ungeahnte Erfolge hat die moderne Nebel- Forschung mit Hilfe der lichtempfindlichen Platte errungen, und zwar war es der Direktor des Astrophysikalischcn Instituts auf dem Königsstuhl bei Heidelberg, Prof. Max Wolf, der eine shstema- tische Durchmusterung des ganzen Himmels nach Nebelflecken ver- suchte. Er nahm ein Gebiet von etwa 33 Ouadratgraden, also den !1430. Teil des ganzen Sternenhimmels� mit dem Bruoctcleskop auf und fand an dieser Stelle, wo man bisher nur 83 Nebel gekannt chatte, 1728 deutliche Nebelflecken. Nach Wolfs Ergebnissen wird die Zahl der uns bekannten Nebel 133 333 sehr bald erreicht haben. Eine Art„Milchstraße" der Nebel läuft von der„Jungfrau" in einer Kette über den„Großen Bären" bis zum„Centauren". Als Hauptformen der Nebel unterscheidet man planetarische, Spiral- und diffuse Nebel. Die planetarischen erscheinen in der Regel als grünlich oder bläulich schimmernde Scheibchen mit einem Kern in der Mitte; Svante Arrhenius hält sie für Spiralnebel, deren Windungen so eng nebeneinander liegen, daß sie zu verschmelzen scheinen. Eine Abart der planetarischen Nebel sind die Ringnebel, die in kleineren Teleskopen als feiner eliptischer Ring sich zeigen, während man mit größeren Instrumenten innerhalb des Ringes einen Zentralstcrn und eine bandartig gelagerte Nebclmaterie er» kennt. Am häufigsten sind die Spiralnebel, auf die manche Forscher sogar alle Nebelformen am Firmament zurückführen wollen. Zu den bekanntesten Spiralnebeln gehört der„Andromedanebel". den bereits Al-Sufi kannte und der von Simon Marius am Ib. De- zcmber 1612 noch einmal in Ansbach entdeckt wurde. Sehr große und formcnreiche Erscheinungen sind die diffusen(zerstreuten) Nebel, die wahrscheinlich eine wichtige Rolle bei der Bildung der Weltkörpcr spielen. In ihnen haben wir jedenfalls Stellen am Himmel vor uns, an denen gewaltige Katastrophen erfolgt sind, so daß die lichtschwachen Sterne vernichtet oder zu Sternenhaufen zu- sammengezogen wurden und nur einige wenige größere Sterne übrig blieben, die allmählich dem Untergange anheimfallen. Zu ihnen gehört wohl der größte und schönste Nebel des Firmaments, der„Orionnebel"; sie finden sich hauptsächlich sonst noch in den Sternbildern„Schiff Arago", dem„Schützen" und„Schwan". Zu den diffusen Nebeln gehört auch der„Nordamerikanebel", den Prof. Wolf bei elfstündiger Belichtung im„Schwan" während der Nächte vom 11., 12. und 13. September 1831 auf photographischem Wege fand. Mit dem Fernrohr hätte er niemals erkannt werden können, weil er ultraviolettes Licht ausstrahlt. Der Entdecker gab ihm seinen Namen, weil sein Aeutzercs dem Festlande von Nordamerika sehr ähnlich sieht. Wie ein weitverzweigtes Gebilde aus riesigen Cirruswolkcn erscheint dieser Nebel dem Beobachter am nächtlichen Himmel. Die Entfernung der Gasnebel von uns wird auf etwa 733 Lichtjahre bestimmt, d. h. 733 Jahre in Sekunden zerlegt und die sich ergebende Summe mit 333 333 Kilometer multipliziert, eine Entfernung, die ungefähr der der Sterne zehnter Größe entspricht. Paläontologisches. Junge Jchthyosauren. Wie ein Denkmal aus längst vergangener Zeit erscheinen uns die Knochengerüste von ausge- storbenen Tieren, und mit scheuer Ehrfurcht betrachten wir diese Dokumente der Entwickclung der Tiergcschlechter. Der Natur- forscher aber begnügt sich nicht damit, solche Tiere der Urzeit ein- fach zu beschreiben, er versucht auch aus dem Bau des Tierlcibcs und aus allem, was irgendeinen wissenschaftlichen Schluß zuläßt, so viel wie möglich die Lebensführung solcher Tiere zu erkennen. Zu den bekanntesten fossilen Tieren gehören die Jchthyosauren, von denen auch eine größere Zahl von Exemplaren aufgefunden wurde. Nicht selten fand man bei solchen Exemplaren junge Tiere der gleichen Tierart zwischen den Rippen, und die Lage dieser Jungen schließt die Möglichkeit aus. daß sie erst nach dem Tode der alten Tiere durch irgendeinen Zufall dorthin gelangt sein können; sie müssen vielmehr schon bei Lebzeiten in den Alten gelegen haben, und dann handelt es sich entweder um noch ungeborene Junge, oder die jungen Tiere können von den alten gefressen sein. Ist die erste Annahme richtig, so ist damit bewiesen, daß die Jchthyosauren lebendige Junge zur Welt brachten, also in diesem wichtigen Punkte schon die Entwickelungsstufe der heutigen Säugetiere erreicht hatten; so ist damit auch der Beweis für eine Seite der Lebenshaltung erbracht, es ist nämlich bewiesen, daß die Jchthyosauren Tiere der eigenen Gattung fraßen. Im ganzen hat man bis jetzt 14 solcher Skelette mit 46 eingeschlossenen Jungen gefunden. Die Zahl der in einem einzelnen Tier liegenden Jungen schtvankt zwischen eins und elf. Bei neun von sämtlichen Jungen ist der Kopf nach rück» wärts gerichtet, sie haben also die Lage, die auch heute noch das Junge vor der Geburt normalerweise im Mutterkörper einnimmt. Da diese neun auch fast sämtlich als Einzelexemplare im alten Tier liegen, darf man annehmen, daß eS sich hier wirklich um ungeborene Junge handelt, vor deren Geburt die Mutter starb. Bei den übrigen Jungen aber ist der Kopf nach vorn gerichtet, eS ist also wahrscheinlich, daß hier junge Tiere von älteren erreicht und auf- gefressen wurden. Da die mit dem Kopf rückwärts liegenden Tiere fast überall isoliert gefunden wurden, erscheint der Schluß berech- tigt, daß die Jchthyofauren immer nur ein Junges zur Welt brachten. Elf Junge find in einem Tiere enthalten, das der Ber- liner Sammlung fossiler Tiere angehört; vermutlich hat man es hier zum Teil mit ungeborencn Embryonen zu tun, zum Teil mit gefressenen denn für die elf Tiere würde wohl weder der Darm allein, noch die Geburtsorgane allein Platz geboten haben. Von einem in diesem Tier ganz vorn liegenden Jungen kann man mit ziemlicher Sicherheit behaupten, daß es auf der Flucht erfaßt und gefressen wurde. Jedenfalls weist die große Zahl gefressener Jungen darauf hin, daß die Jchthyofauren ungemein gefräßig ge- Wesen sein müssen, wofür auch schon das furchtbare Gebiß spricht. Aber es ist andererseits interessant, auf diese Weise festgestellt zu sehen, daß schon in jenen uralten Zeiten nicht nur Eier legende Tiere lebten, sondern auch solche, die ein einzelnes lebendes Junge zur Welt brachten, aber diese Jungen skrupellos wieder ver- schluckten.—>> Verantwortl. Redakteur: Emil llnger, Berlin.— Druck u. Verlag: Vorwärts Buchdruckerei u.Verl«g»anitalt Paul Singer ScTo..Berlin LlV.