Anterhaltungsblatt des vorwärts Nr. 169. Mittwoch, den 1. September. 1909 Machdru« verboten.) Xta k)aine. 4] Novelle von S. I lisch kewitsch. Autorisierte Uebersetzung aus dem Russischen von A. L a m p e r t. Jta schwieg finster, Manja aber, die in der frischen Luft keine Anfälle hatte, sagte: „Ich würde ihn in den Schnee werfen und fortgehen." „Und meint Ihr, Zirel hätte es nicht gerne getan?" er- widerte jene.„Aber ich habe Angst. Ich fürchte den Gorodowy (Schutzmann) mehr wie den Tod, und so schleppe ich das Kind mit herum. Verfluche es, aber trag' es doch. Ich fürchte mich. es zu tun. Und denken Sie auch, daß mir niemand mehr als 8 Rubel geben wird. Ich bin klein, nicht mehr jung, und hören Sie meine Stimme, wie sie heiser ist. Was für ein gutes Haus wird mich nehmen? Wer mich nimmt, das sind schon arme Leute, die nicht mehr geben können. Und da war ich noch froh. Und jetzt rechnen Sie mal: fürs Kind muß ich doch 4 Rubel monatlich zahlen, oder auch 5? Unsere Zeiten sind teure Zeiten, und nichts ist billig. Mindcl aber macht schon alles. Sie wollte 2l1 Rubel, damit ich nichts mehr von ihm weiß, aber ich Hab' es für 15 abgemacht. Zirel ist gescheiter als sie." Jta und Manja lauschten ihren Reden, ohne sie zu unter- brechen und arbeiteten sich durch den Schnee. Die Nacht senkte sich herab und überall wurde Licht angesteckt. Die Kälte nahm zu. Auf dem festgefahrenen Wege flogen die Schlitten dahin, und ein lustiges Schellengeläute erklang. Bei den einen waren es fröhliche, bei den anderen traurige Ge- danken, die da aufkamen. Der Himmel war aber hoch und klar und wollte nichts wissen von dem, was unten vorging. Und immer tiefer sank von ihm die Nacht herab, damit für eine Zeitlang nichts zu schen und zu hören sei, damit man nicht unterscheiden könne, wem es gut und wem es schlecht gehe. Die Schlitten flogen dahin, lustiges Schellengeläute ertönte. * Eine ganze Woche ging resultatlos vorüber. Täglich begab sich Jta zur Rose, blieb dort bis zum Abend und kam ermüdet und abgeguält nach Hause, wo ihr Geliebter, Michel, gereizt wie ein wildes Tier, sie erwartete. Eigentlich wurden Jta nicht wenig Stellen angeboten, aber es kam immer nicht zum Klappen, und das hatte für sie die unangenehmsten Folgen. Jeder resultatlos verlaufene Tag brachte sie in immer größere Gefahr, von ihrem Michel übel zugerichtet oder gar zu Tode geschlagen zu«Verden, denn er hatte für ihre Zukunft ganz andere Pläne als sie selbst. Jetzt hatte Jta aber enge Freundschaft mit Manja geschlossen und war unzertrennlich von ihr, glücklich einen ihr aufrichtig wohl- wollenden Menschen gefunden zu haben. In ihrem winzigen Stübchen trat sie ihr eine freie Ecke ab und an den Abenden, wo Michel keine Skandalszenen machte, blieben die beiden Frauen oft bis Mitternacht in träumerische Gespräche über eine bessere Zukunft versunken. Das schlafende Kind lag friedlich unter dem elterlichen Kissen, das kleine Lämpchen spendete durch den trüben Zylinder ein fahlgelbes Licht, in den Tapeten raschelten die flinken Schwaben, und das Ge- spräch der Frauen floß in ruhigem Laufe dahin. Am frühen Morgen steckten sie ein Stück Brot zu sich und begaben sich eilig zu Rose, um möglichst früh zu kommen — als ob eine Pflicht sie dort erwarte— in der unklaren Hoffnung, daß dieser Tag ihnen Erlösung von diesem uner- träglichen Leben bringen werde. Auf der Straße war nichts imstande ihre Aufmerksamkeit zu fesseln, und wenn es manch- mal vorkam, daß sie die Schaufenster betrachteten, den im Schlitten vorbeifahrenden oder auch vorbeigehenden fein- gekleideten Damen und Herren nachsahen, so schien dies alles keine wirkliche Existenz zu haben, sondern eine Art not- wendigen Zubehörs zur Straße zu sein. Das einzig Wirkliche, das einzig Wichtige waren sie selbst, ihre eigenen Interessen, Rose, die konkurrierenden Ammen und Dienst- mädchen. Bei Rose saßen die Beiden nebeneinander und sahen ärgerlich zu, wie vor ihren Augen ein Wechsel der Frauen stattfand. Jeden Tag griff die gierige Tatze der Stadt eine Handvoll Lohnsklavinnen heraus, deren sie be- durfte, und spie kleine Häuflein derer aus, die ihr aus irgendeinem Grunde nicht gefallen hatten. Beobachtete man dieses fortwährende Auf und Ab, so konnte man die Stim- mung der Stadt verfolgen, die ebenso unbeständig war, wie der Druck der Atmosphäre auf das Quecksilber des Baro» Meters. Heute wurden die Unfähigen, Hageren, Bösen an den Strand geworfen und die Gesunden, Gescheiten, Willigen verschlungen, morgen aber taugten die Gesunden und Ge- scheiten scheinbar nicht mehr, es war, im Gegenteil, als ob die Launischen, Bösen, Kranken verlangt würden. Vor den Augen der Wartenden wechselten die Gesichter und Charak- tere der Ammen, die alten Weiber, Kinderfrauen, jungen Mädchen wurden wie von einer Welle hinweggespült, aber die Stube war immer überfüllt und ununterbrochen erscholl dort die Stimme des Lebens in all ihren Tonarten: Dürsten und Lechzen, Laster und Neid, Kummer und Klatschereien. Hierher wurden alle sensationellen Neuigkeiten der Stadt gebracht, die sich da zu schauerlichen Legenden auswuchsen, und je zynischer und unflätiger eine Geschichte war, eines um so größeren Erfolges konnte sie sicher sein. Morde und Einbruchsdiebstähle, Ehescheidungen und Schlägereien, Aus- schweifung in ihren raffiniertesten und perversesten Formen waren hier ebenso begehrt wie sentimentale, romantische Liebesgeschichten. Die Frauen vergifteten ihren Geist damit mit derselben Gier, wie man sich in anderen Kreisen mit Hazardspielen, Opium oder Morphium betäubt. Hier wurde aufs Allergenaueste über die Dienstherrschaften Bericht er- stattet— über ihre Gesellschaftslage, ihr Vermögen, ihre Gewohnheiten und Launen, über ihre Habsucht, Voshaftig- keit oder Güte, über alle Familiengeheimnisse und-lasier— kurz über alles, was den Dienstboten nicht verborgen bleiben kann. Die Ursache einer jeden Kündigung irgendeines Dienstmädchens war hier bekannt: die intimsten Angelegen- heiten jener, die bereits Stellung gefunden hatten, wurden hier enthüllt, alles was irgendwie über das Alltägliche hinaus- ragte, wurde laut und ungeniert besprochen, und so fand hier jede eine Schule der niedrigsten Lebensweisheit, die die leiseste gute Regung unrettbar in ihren Anfängen ersticken mußte. Dieses Haus, das Ida anfangs so lieb und behaglich er» schien, ward in ihren Augen bald zu einer Lasterhöhle, und sie wandte alle Beredsamkeit auf, um Rose zu bewegen, ihr möglichst bald Stellung zu verschaffen. Mit unwillkürlichem Neid sah sie, wie im Rachen der Stadt die drei alten Weiber, die halberwachsenen Mädchen und alle Ammen, die sie am ersten Tag hier getroffen hatte, verschwunden waren; selbst Zirel war von der Stadt verschlungen worden, Jta aber saß mit ihrer neuen Freundin Tag für Tag hier, als ob niemand sie brauchte. In den langen Stunden dieses qualvollen Wartens, mit einer trocknen, vom Erlös des letzten versetzten Möbel- oder Kleidungsstückes gekauften Brotschnitte in der Tasche, erschöpft und entkräftet durch das Kind, das sich an ihrer Brust gleichsam dafür rächte, daß sie von Tag zu Tag weniger Milch gab, erzählte Jta nach und nach, bruchstück- weise, zwischen der Hoffnung vor dem Kommen Roses und der Enttäuschung nach ihrem Gehen, der neugewonnenen Ver» trauten ihr ganzes Leben. „Sehen Sie," sagte sie ihr einmal,„es gibt Leute, die in allem Pech haben, bei denen die einfachsten Sachen ver- kehrt geraten, und wieviel sie sich auch Mühe geben, wie ge- scheit sie auch alles anfangen mögen, sie können nichts gegen ibr Schicksal ausrichten. Zu diesen Leuten gehöre ich auch. Ich habe einfach Pech. Nehmen Sie mein Kind. Es ist gesund und stark. Aber auch hier ist alles verkehrt. Ich hätte einen Krüppel aus die Welt bringen müssen, dann wäre alles gut. Ich habe eine gute Milch, und doch hat die Zirel eher eine Stellung gefunden. Sogar das Gute, das ich habe, kann ich nicht brauchen, es stört mich nur in meinem Leben." „Vielleicht ist es so," sagte Manja gedankenvoll,„aber ich meine, es geht Ihnen schlecht, weil Sie ein zu weiches Herz haben. Um überhaupt leben zu können, müssen wir aus Eisen geschmiedet sein. Eine andere Rettung gibt es nicht." „Ich Hab' eS schon versucht, Manja: aber es geht nicht, ich habe eben Pech, und ich war wohl dazu bestimmt, gerade mit meinem Charakter auf die Welt zu kommen. Wie ich geheiratet Hab' zum Beispiel... Meine Mutter hat für mich mit soviel Sorgfalt einen Mann ausgesucht, als ob es sich um sie selbst handelte, Ihr könnt's mir glauben. Für sich hat sie auch richtig einen guten Mann gefunden, aber als die Reihe an mich kam, da hat sie sich so geirrt, daß mir mein Leben auf ewig verpfuscht ist. Ich bin in einer guten, ehr- lichen und nicht ganz armen Fannlie aufgewachsen. Vater und Mutter liebten nüch sehr: ich lebte zu Hause und brauchte nicht zu arbeiten; der Vater hat bis zu seiner letzten Stunde gearbeitet, damit es uns an nichts fehlen sollte. Das war auch die einzige schöne Zeit meines Lebens, aber sie dauerte nicht lang; ich war noch keine vierzehn, als mein Vater starb. Der Bruder war gerade beim Militär, und so blieben Mutter und ich allein. Es ging uns damals so schlecht, aber die Mutter wollte um keinen Preis meine Mitgift anrühren. So haben wir uns abgequält, bis ich 18 Jahre alt wurde. Dann habe ich geheiratet. Jetzt denk ich oft, warum Hab ich das getan. Ich wollte ja nicht, und mein Herz, das hat mich davor gewarnt. Aber aus Mitleid niit der Mutter konnte ich nicht anders." „Ich habe gesagk: gut, und da war ich verloren, verloren von dem Tag an, wo ich ihn gesehen. Nach der Hochzeit kam es gleich heraus, daß mein Mann nicht ledig war; seine Frau lebte noch, aber war ihm davongelaufen und hatte vier Kinder dagelassen. Wie Hab' ich es nur ertragen können? Und ineine dreihundert Rubel hatte er schon i» der Tasche. Sehen Sie, wie glücklich ich bin," sagte sie mit traurigem Lächeln. -„Pech ist es, sag' ich Ihnen. Gott sei Dank bekam ich keine Kinder, aber so leicht bin ich ihn doch nicht losgeworden. Zwei Jahre lebte ich bei meiner Mutter und plagte mich ab, um die Ocheidung von ihm zu erlangen, und nur durchs Gericht ist es mir gelungen." �(Fortsetzung folgt.); lNachdruck verboten.) !] fahrende Leute. Bon Anna Reichert. Batcr Eisebein stand mit zwei Farbtöpfen und Pinseln vor der mit hölzernen Zierratcn überneich geschmückten Front seines wind« schiefen LiliputhäuschenS. Er trat zurück, soweit es die schmale Gasse gestattete, und sah prüfend zu dem SimS empor. Dann lächelte er, nickte, rührte noch einmal mit kleinen Holzstücken in den Farbtöpfen herum und schickte sich an, die weitzbellexte Anstreicher- leiter zu besteigen. Vorher aber sah er sich noch einmal um und spürte mit der kleinen Nase in der Luft. Ihm war so ein Duft entgegen gekommen, ein Duft— wonach wohl? Ah— freilich— vom Frühling, Der Wind, der mit Vater Eisebcins dünnen weihen Schläfenlöckchen spielte, brachte ihn die Bode entlang, die jenseits der Gasse hinter dem schmalen Eisengitter in ihrem tiefen Bett durchs Städtchen schost. Die Kastanie am Ufer schickte sich an, ihre Blütenkerzen aufzustecken, und von der kleinen Anhöhe drüben, von der die wuchtigen Massen des uralten Domes die engen Gätzchen und das Häusergewimmel beschirmten, glänzte„Villa Elisabeth", deS Lkolonialwarcnhändlers kleines HauS, im blütenweitzen Anstrich herüber, neu gerüstet zum Empfang der dicS- jährigen Sommergäste. Wie grau die anderen alten Häuschen dagegen aussahen I Die hatten nicht den Ehrgeiz und nicht Platz genug, um auch„Villen" und Sommerwohnungen für Hnrzreifende zu werden; die Fremden mußten sich weiter draußen in der Allee, die zu dem abgelegenen Bahnhof führte, ansiedeln. wo die hellen verzierten Häuser in jedem Frühling wie Pilze aus der Erde schössen. Voter Eisebein nickte befriedigt vor sich hin. Der Krämer und er— sie sorgten für Reputation in diesem alten Winkel. Das wär auch noch schöner, wenn man von ihm, dem Künstler, sagen dürfte, daß er sein HauS verwahrlosen ließe I Was in seinen Kräften stand, tat er, um der Kunst ans Erden ihren gebührenden Platz zu schaffen. Jawohl, schön und fein mußte alles aus der Welt sein, zierlich und blank; dafür hatte Gott die Künstler geschaffen. Und darum nmßte Zäzilchen gleich, ehe sie ihre heutige Arbeitsreise antraten, die Klingel und das Messingschild, das groß und deutlich den Ruhm des Hauses verkündete: Konzertdirektion Elsebein— hübsch blank putzen. Nun, das Äiind würde schon von selbst daran denken,— wenn's auch die anderen nicht taten. Geschäftig bestieg Vater Eisebein die Leiter. Prüfend tupfte sein Finger auf dem breiten HolzfrieS, der wie ein Spitzen- behäng unter den niederen Fenstern des oberen Stockwerks entlang lief. Ja. ganz trocken Ivar der braune Anstrich, auch oben. Wenn er sich beeilte, konnte er die blauen und gelben Ornamente in den Vertiefungen bis zur Abreise noch fertig bringen. Die roten und grünen wurden dann Moniagnachmittag, wenn sie wieder zu Hause waren, gemacht. Eine junonische Mädchengcstalt in blauer HauSschürze kam. sich in den Hüsten wiegend, über den Bodcsteg, der einige fünfzig Schritt abwärts zwei Ouergäßchen verband, und schritt die Gasie am Bode« ufer entlang auf das versteckt im Winkel liegende Haus Voter Eise- beins zu. Kopfschüttelnd sah sie zu dem auf der Leiter Stehenden auf:„Du hast ja den Pips, Vater," rief sie und trat wiegend über die ausgewaschenen Steinfließen ins Haus. Hinter der Haustür dehnte sich ein schmaler, mit zertrümmerten blauen Platten belegter Gang, in dessen Mitte neben dem Wasser- hahn ein paar seitliche Holzstufen zu einer Zimmertür hinansührten und an dessen Ende eine steile Wendeltreppe in daS obere Stockwerk leitete. Vor dieser Treppe stand ein großer plumper Tisch nebst drei hölzernen Stühlen, und wenn man um ihn und den Ansatz der Treppe heruniturnle, sah man drei Türen— Keller- und Küchentür, durch die selbst ein kleiner Mensch nur gebückt hindurch gehen konnte, und die stets offen stehende Hostür, die auf einen drei Quadrat- nwter großen Hof führte, den ein Handleiterwagen fast ganz aus- füllte. Hermine sah in die winzige Küche hinein, wo außer der kleinen Kugelgestalt der Frau Eisebein kaum noch Platz für den Herd war. „Der Bater ist wieder mal am streichen," verkündete sie.„Er macht blaue und gelbe Punkte ans Haus." Wie eine Furie schoß Frau Eisebein zur Tür heraus, den tröpfelnden Fettlöffcl wie eine Waffe erhoben. Aber sie besann sich und kehrte wieder um. „Wenn's Dir nicht gefällt, kümmere Du Dich doch drum," meinte sie mürrisch.„Mich geht's ja nur noch ein paar Wochen was an." Ein stolzes Lächeln breitete sich über Hermines ruhig heitere Züge. Sie lehnte sich an die Kellertür, spitzte die Lippen und pfiff etwas. „Was stehst Du denn da? Kannst Du mir nicht beim Kochen helfen? Dich geht's doch am meisten was an, ob die Leute mit unserem Esten zufrieden find. Mir kann's ja bald egal sein." „Was soll'S denn heute geben?" „WaS es geben soll? Beamtenstippe." Fran Eisebein schüttete einen Napf voll grob geschnittener Zwiebeln in die Pfanne siedenden Schweinefettes. „Mach voran, setz die Teller auf den Tisch. Wenn sie die Zwiebeln riechen, sind sie ja mit einmal alle da. Vorher kann man keinen Menschen herbekommen." „Wo ist denn Liese?" fragte Hcrmine, langsam die mehr oder weniger lädierten Steinguttcller, die die Mutter ihr reichte, einzeln auf den Tisch im Flur stellend. „Macht Deine Kostüme zurecht. Du denkst ja an nichts. Gott," seufzte sie tief,„was wirst Du für eine Direktorin werden l Das Geschäft ist auch die längste Zeit auf der Höhe gewesen. Das Testament— das war die letzte Verrücktheit von Deinem Vater. Wenn er's Geschäft lieb gehabt hätte, hätte er nicht s o'n Testament gemacht." „Ich würde an Deiner Stelle nicht so sprechen," sagte Hermine ruhig.„Die Leute sagen doch nur. daß Du neidisch bist, weil ich's Geschäft kriege, wenn ich mündig bin. Und zu ändern ist doch nichts mehr. Testament ist Testament." Frau Eisebein brummte und schwieg. „Der Briefträger hat mir einen Brief für Seiffert gegeben," sagte Hcrmine.„Absender: Verein Deutscher Redakteure steht drauf. Gedruckt. Er ist also wirklich sowas." „Du solltest mit dein mal Duette einüben." Hermine lachte, sagte aber nichts. „Ucbrigens, ich meinte man bloß so. Daß Du Dir man ja nichts einfallen läßt. So lange ich hier noch was zu sagen habe, sorg' ich für Anstand im Hause. Man muß sich ja sowieso schon schämen. Das Mädchen ist noch nicht einundzwanzig Jahre und hat schon zwei Kinder. Und keinen Vater dazu." „DaS Geschäft ernährt noch scchsc," ineinte Hernnne gleichmütig. „Du solltest aber nicht so tun. Meinst Du, ich wüßte nicht, wie Du die fünf goldenen Uhren verdient hast, mit denen Du so prahlst?" „Na. höre." sagte Frau Eisebein faffungslos, �„fünff goldene Uhren und zwei uneheliche Kinder— l Das ist doch ein Unterschied. Aber Du hältst eben kein bißchen auf Dich. Wenn ich Deine Figur gehabt hätte, na, einen Grafen hält ich mir mindestens eingefangen. Herr Seiffert, Fink, Emil, Ziele. Liese I" rief sie gellend durchs HauS und setzte die Niesenschale voll Pellkartoffeln aus den Tisch.„Vatter, ran ans Esten I" Zwei junge Männer und ein Mädchen stolperten die steile Treppe mit den beängstigend schmalen Stufen herab. Liese, das fünfzehn- jährige Lehrmädchen mit dem struppigen kurzen Haar und dem runden roten Gesicht, stürzte ausgeregt an den Jünglingen vorbei und sah fiebernd vor Hunger auf den Tisch. „Acht— zehn— zwölf— vierzehn-- acht— zehn— zwölf— vierzehn," zählte Frau Eisebein ab. Seiffert und Fink, die Komiker, Emil, der Klavierspieler, und Liese, der Lehrling, bekamen jeder vierzehn Kartoffeln vor ihren mit Zwicbelsauce bedeckten Teller gelegt. — 6 Liese fegte mit ihrem Unterarm ihre Kartoffeln in die Schürze. risj einen der Teller an sich und flüchtete mit ihrem Schatz auf die Schwelle der Hoftür. Fink, der ehemalige Friseurgehilfe mit dem roten Haar und den ewig entzündeten wasscrblauen Äcuglein in dem grünlichen Gesicht, setzte sich ans die glänzend braun lackierten Stufen, die zur Salontür führten. Vater Eisebein, seine Frau und seine Stieftochter Hermine ließen fich am Tisch nieder. Fink sah schadenfroh zu. wie Seiffert sich vergebens nach einem Stuhl umsah und sich mit seinem Teller und einem Teil der Kar- toffeln auf die untersten Stufen der Wendeltreppe setzen mußte. Was dem Seiffert einfiel, zu denken, daß ihm ein Stuhl zukäme I Er, Fink, hatte es mit eigenen Augen gesehen, daß er sich einmal beim Frühstück frech, als wenn es sich so gehört, auf einen Stuhl an den Tisck gesetzt hatte! Freilich war das im Anfang gewesen. Aber ganz schien der Seiffert seine Stellung doch nicht begriffen zu haben. Und dabei war er doch bloß der bunte Komiker und er, Fink, war der Salonhumorist. .Wo bleibt denn Emil?" fragte Frau Eisebein mürrisch und sah zu Fink herüber. Der stopfte so eifrig Kartoffel in seinen großen blaffen Mund, daß er nicht sprechen konnte. .Wäscht sich," berichtete Anton Seiffert mit dem trockenen Pflegma, das jeden seiner Aussprüche komisch machte und ihn zum Humoristen stempelte, auch wenn er nicht so vorstehende Kalbs- äugen und, trotz seiner Jugend, so ein breites, behäbiges Antlitz gehabt hätte. .Das soll er doch Freitagabend tun, wir alle waschen uns Fteitagabcnd", keifte Fron Eisebcin. „Geniert sich", erklärte Seiffert trocken. Nun war Frau Eisebein platt. lFortsetzung folgt.) Oer Oaubenkolonilt als Särtner unct I�leimierzucKter. Vom Kern- und Steinobst und seiner Ernte. Unaufhaltsam schreitet der Sommer weiter; schon wird es herbst- lich. All das schöne Veercnobst, das wir uns im vorigen Monat so eingehend betrachteten, ist jetzt von der Bildfläche verschwunden, andere Obstarten reifen, oder gehen ihrer Reife entgegen. Frau Prietzke hat vorgesorgt, si? hat unseren Ratschlägen entsprechend eingekocht und Saft gemacht. Beim Himbeersaft ist ihr freilich ein Malheur passiert; sie hat, um zu sparen, zu wenig Weinstein- säure genommen, der Saft kam in Gärung und von einigen schon fest verkorkten Flaschen sind die Korken mit lautem Knall an die Decke geflogen. Frau Prietzke, die sehr ängstlicher Natur ist, so daß sie schon eine Maus, die ihr zwischen die Beine läuft, in helle Aufregung versetzt, war baff und wäre vor Schreck fast in Ohn- macht gefallen, zumal die Ohnmacht eine sehr beliebte und be- quemc Form der Frauenkrankheiten darstellt. Inzwischen hat sie sich wieder beruhigt und der Saft auch, was sie durch nachträg- liches Abkochen in einfacher Weise erreichte. Sic trinkt ihn schon mit Behagen, mit Waffer verdünnt, findet ihn bekömmlich, schmack- Haft und süß und fteut sich auch an den wohlgefüllten, mit Perga- ment bezogenen Konservengläsern, die eine verlockende Zier des Küchenspindes bilden. Soweit die Herstellung von Säften und Marmeladen in Bc- tracht kommt, steht das Beerenobst an erster Stelle, wo man aber einen sogenannten Rumtopf ansetzt, in welchem man weiche Früchte, überstreut mit dem entsprechenden Quantum Einmachezucker und übergössen mit Rum, Arrac oder Kognak, wenn es nicht viel kosten soll, auch mit gutem Nordhäuscr, schichtweise immer je zur Reife- zeit ansetzt, da stehen jetzt Pfirsiche und Pflaumen zur Verfügung, die allerdings halhicrt, entkernt und geschält werden müssen, eine Arbeit, die Zeit erfordert, auch weiche, süße Sommerbirnen ebenso zubereitet, aber in Scheiben geschnitten, können verwendet werden. Ist der Topf gefüllt, so wird er zugebunden und vorläufig in den Keller gestellt. Während sie mehr für Marmelade ist, sckftoärmt Herr Prietzke sehr fiir Rumtöpfe, mit welchen er rasch aufzuräumen pflegt, trotzdem der Inhalt bei reichlichem Genuß stark in den Kopf steigt. Natürlich schwärmt Prietzke auch für eine gute Bowle und jetzt, nachdem es keine Erdbeeren mehr gibt, beginnt er zu behaup- ten, die Pfirsichbowle sei entschieden die beste; er hat nämlich nicht mehr den Erdbeergeschmack auf der Zunge, und später im Winter gibt er sich sogar mit einer Selleriebowle zufrieden, die nach seiner Meinung, genau wie Ananasbowle schmecken soll, nur noch besser! — Bei Prietzke wachsen die Sellerie so dick wie Kindsköpfe und der Apfelwein, der zur Herstellung einer guten Bowle vollständig ge- nügt, aber bei uns im Norden noch nicht gewürdigt wird, ersetzt schließlich den teuren Moselwein. Nach längerer Trockenpcriode hat es schließlich wieder einmal tüchtig geregnet, und dieser Regen hat gut getan, denn das ewj*- Pumpen bekommt auch der Kolonist bald satt, so daß einem, wie man zu sagen pflegt, bald der Pumpcnstiel aus dem Halse heraus- wachsen kann. Dabei hat alles Pumpen und Gießen keinen Zweck. wenn der Himmel nicht mithilft. Wenn es jetzt wieder warm und 75— sonnig wird, so reist noch manche schöne Frucht. Ans die stühesten runden Pflaumen, die meist rosenrot gefärbt find, folgen die runden gelben Mirabellen, und dann, die blauen Pflaumen und Zwetschen. Von den Mirabellen gibt es zwei Sorten, eine kleine, die sogenannte Mctzer Mirabelle, und eine große, die fast an eine Reineclaude erinnert; die feinste und schmackhafteste ist aber die kleine, die man hier im Norden kaum kennt, in Berlin fast nur als Dosenfrucht. In Süd- und Westdeutschland, namentlich in der Umgegend von Metz, wird sie im großen angebaut. Ich habe mich aber davon überzeugt, daß die Mirabelle auch bei uns vorzüglich gedeiht und empfehle sie zur Anpflanzung. In den Baumschulen ist sie als Halbstamm, der besten Baumform für diese Fruchtart, erhältlich. Nicht nur als eingekochte Frucht, sondern auch zum Rohgenuß ist die kleine Mirabelle sehr schmackhaft. Bon den Pflaumen gelben meist die grünschaligen Reineclauden für die saftigsten und schmackhaftesten, aber auch unter den runden und eiförmigen gelben und blauen Pflaumen gibt es sehr feine Sorten; die beste runde blaue Sorte ist die Kirkes-Pflaumc, die beste läng- liche Sorte unsere gewöhnliche Hauspflaume. Letztere ist weit- verbreitet, einmal weil fie überall sehr billig erhältlich, dann, weil sie sich leicht aus Wurzelschößlingen vermehren läßt, also nicht ver» edelt zu werden braucht, aber auch weil sie sehr anspruchslos an den Boden ist und eigentlich überall, auch noch in sehr nassen Lagen gut gedeiht. Letzteres ist für jene Kolonisten, die nasse, schwer trocken zu legende Grundflächen besitzen, von großer Wichtigkeit. Freilich gibt es auch keine andere Obstart, die. ein gutes Jahr vorausgesetzt. gleich niedrig im Preise stvht. Viel Geld läßt sich deshalb mit reichen Pflaumenernten nicht verdienen. Vor zwei Jahren war der Pflaumensegen so groß, daß die Züchter in der Provinz Sachsen den ganzen Zentner mit 1 Mark verkauften, wofür sich die Kauf- lustigen allerdings die Früchte selbst pflücken mußten. Leider haben die Pflaumen durch zahlreiche Schädlinge zu leiden, viele Früchte werden wurmstichig und dann wertlos. Ist die Ernte groß, so kann man aus den griten Früchten ein vorzügliches Mus herstellen, das auf das Brot geschmiert gar nicht übel schmeckt. Zum Roh- genuß schmecken die Pflaumen am besten, die recht lange am Baume gehangen haben und bereits deutlich hervortretende Runzeln an der Ansatzstelle zeigen. Letzterer Zustand tritt aber nur bei vorHerr- schender trockener Witterung ein; bei nassem Wetter bleiben die Früchte prall und platzen leicht, was sie entwertet, Iveshalb dann zeitige Ernte geboten ist., Während Pflaumen aller Art regelmäßig gut zu tragen pflegen, sind Pfirsiche und Aprikosen hierin recht unsicher, zumal die frühe Blüte dieser Baumarten häufig durch Spätfröste vernichtet wird. Aprikosen lohnen selten bei unS die Kultur, Pfirsiche pflanzt man nur in einem oder in zwei Exemplaren, um die nicht haltbaren Früchte rasch aufbrauchen zu können. Auch Sommerbirnen und Sommeräpfcl werden teigig und fade, indem sich der Zucker in Stärkemehl Verivandelt. Wichtiger als die Sommersortcn sind die Wintersorten, die, je nach der Witterung, erst von Beginn des nächsten Monats ab geerntet werden und auf dem Lager in kalten, dunklen Kellern und Kammern nach und nach die Edelreife er- langen. Was jetzt von diesem Obst fällt, ist meist krank, d. h. irr seiner Entwickclung zurückgeblieben, oder wurmstichig. Dieses Fall- obst muß man aufsammeln, bleibt es liegen, so entwickeln sich die darin befindlichen Larven zu ausgebildeten Insekten, deren Nach« kommen im nächsten Jahre erneut Schaden stiften. Abgesehen davon läßt sich Fallobst aber schließlich doch gut verwerten zur Be- reitung von Apfelmus und sonstigem Kompott und zur Herstellung von Gelee, zu letztcrem verwendet man überhaupt nur unreife Falläpfel. Sie werden gewaschen, in Stücke zerschnitten und, nach- dem die Bohrgänge der Maden, vollständig ausgeschnitten, in einem Kessel mit gleichem Gewichtsteile Wasser gut gelocht; auf 5 Kilo Apfelstücke kommen also 5 Liter Wasser. Die gekochte Masse läßt man erkalten und schüttet sie dann in ein Gazewch, das man über die vier Beine eines umgestülpten Stuhles lose spannt. Ohne die Masse umzurühren, läßt man den Saft in ein untergestelltes Ge» fäß tropfen. Der abgetropfte Saft wird, je nach persönlichem Ge. schmack, init mehr oder weniger Zucker vermischt und dann noch- mals aufgekocht, die warme Masse danach in Gläser gefüllt, in welchen sie erkaltet zu Gelee erstarrt. 10 Kilo Aepfel geben 1%' bis IM: Liter Gelee. Dieser ist sehr schmackhaft, bekömmlich und lange haltbar. Zur Erute des Winterobstes wähle man einen hellen, sonnigen Tag. Die Früchte werden einzeln mit der Hand in einen Henkel- korb gepflückt, sortiert, vierzehn Tage in einer luftigen, aber dunklen Kammer zum Ausdunsten gelagert und dann am besten zur Uebcrwinterung in einen Keller auf einer Holzstellage so neben» einander gelegt, daß eine Frucht die andere nicht berühr�. Alle Früchte, die irgendwie schadhaft sind oder zur Erde gefallen waren« muß man absondern und, weil unhaltbar, rasch verbrauche�'.. Hat man zu wenig Raum, um die guten Früchte auszulegen, sb wickelt man sie einzeln in Zeitungspapier und packt sie in eine Kiste in trockenen Torfmull. Dieser konservier vorzüglich und verhindert es, daß die Fäulnis von einer etwa schlecht werdenden Frucht auf die Nachbarfrüchte übergreift. Bei diesem Verfahren ist es freilich wichtig, die Reifezeit der einzelnen Birnen- und Apfelsorteu zu kenneu, um die spätreifendcn zu unterst in die Kiste zu packen; die frühreifenden, die zuerst gegessen werden, kommen also nach oben. Die spätesten Birnen halten sich bis zum April, die spätesten Apfelsorten bis zum Juli. Hü. Kleines f euilleton* Meteorologisches. - Nansen als Wetterprophet. Die Forschungen, die fett einigen Jahren mit größtem Eifer betrieben werden, um die Temperaturverhältnisse der nordeuropäischen Meere zu erforschen, stehen im Begriff, Ergebnisse von ganz ungewöhnlicher Tragweite hervorzubringen, ein vollgültiger Beweis dafür, was durch ein internationales Zusammenwirken auf dem Gebiete der Wissen- fchaft erzielt werden kann. WaS die Welt an Aufklärung von diesen Forschungen zu erwarten hat, lehrt in geradezu der- bluffender Weise ein Aufsatz, den Frithjof Nansen in Gemeinschaft mit seinem Landsmann Helland-Hansen zunächst in der Monats- schrist„Naturen" und jetzt auch in deutscher Sprache in der „Internationalen Revue der gesamten Hydrobiologie" veröffentlicht hat. Der Titel lautet:„Die jährlichen Schwankungen der Wasser- masse im norwegischen Nordmcer in ihrer Beziehung zu den Schwankungen der meteorologischen Verhältnisse, der Ernteerträge und der Fischereiergebnisse in Norwegen". Es sei gleich hervor- gehoben, daß der Inhalt seiner Bedeutung nach nicht etwa auf Norwegen beschränkt ist, zumal schon vor mehreren Jahren Pro- fcssor Meinardus eine Beziehung zwischen den Temperaturen über der Nordsee im Nachwinter und dem Ertrag der Ackerbaucrzeug- nisse in Deutschland nachgewiesen hat. Es handelt fich also, um die Hauptsache vorwegzunehmen, um nichts Geringeres als um die Voraussage von Ernteerträgen und Fischereicrgebnisscn auf eine Reihe von Monaten im voraus. Die bisherigen Schlüsse sind auf einen Forschungszeitraum von fünf Jahren begründet, der zur Lösung einer so bedeutsamen Frage nicht ganz ausreichend sein kann. Wenn demnach die Untersuchungen einer emsigen Fort- setzung und Vervollständigung bedürfen, so hält es Nansen selbst doch für unwahrscheinlich, daß die bisher bereits erhaltenen Ergeb- nisse nur einen zufälligen, für einige Jahre gültigen Wert haben sollten. Die Grundlage ist darin zu erblicken, daß die Wasser- tcmperatur der Nordsee einen großen und langdauernden Einfluß auf den Gang der Witterung in den umgebenden Ländern ausübt. Daraus erklärt sich auch die in diesem Jahre wieder so deutlich hervortretende Erscheinung, daß das Klima in unseren Gebieten häufig längere Zeit, durch Wocken und sogar Monate, dieselbe Eigenart behält. Es gilt zum Beispiel als eine Regel, daß auf einen kalten Februar auch ein kalter März und April folgt, und Pettersson, der diesen Zusammenhängen zuerst auf den Grund ge- kommen ist, hat sogar eine auffällige Abhängigkeit der Blütezeit verschiedener Frühlingsblumen in Norwegen von der größeren oder geringeren /Höhe der Temperatur nachgewiesen, die das Ober- flächenwasser der Nordsee in den letzten Wintermonaten gehabt hatte. An den Temperaturverhältnissen der Nordsee würde sich also gleichsam die Wetterprognose für die angrenzenden Länder einige Monate im voraus im allgemeinen ablesen lassen. Nun kommt die durch die neuen Forschungen erwiesene Tatsache hinzu, daß sich das warme atlantische Wasser allmählich, aber sehr lang- sam, in der Nordsee nach Norden bewegt. Es braucht wahrschein- kich ungefähr ein Jahr, um von der Linie vom Sogne-Fjord nach Island"bis in die Breite der Lofoten zu gelangen und dann wieder ein weiteres Jahr, um bis ins Barentsmeer vorzudringen. Danach würden sich durch ständige Untersuchungen des Meerwassers in der Gegend des Sogne-Fjords die klimatischen Verhältnisse in der Gegend der Lofoten etwa um ein Jahr, diejenigen im Barents- mccr um volle zwei Jahre voraussagen lassen. Für den am meisten nach Norden gelegenen Meercsteil würde dieser Umstand Haupt- sächlich nur die Bedeutung haben, daß man lange im voraus be- urteilen könnte, ob sich dort viel oder verhältnismäßig wenig Eis vorfinden wird, was für die Schiffahrt jeder Art von größter Wichtigkeit wäre. Für Norwegen aber ist die Tragweite eine viel größere, wenn man auf«in Jahr voraus weiß, ob der folgende Winter ungewöhnlich warm oder kalt ausfallen wird. Schon jetzt ist ein Einfluß dieser Zusammenhänge auf die Wachstumsverhält- nisse im höchsten Grad wahrscheinlich geworden. Die Bergkiefern wachsen mehr oder weniger, je nachdem im Jahre vorher die Tempe- ratur des Nordseewaflers höher oder niedriger gewesen ist, und ebenso lassen sich vermutlich mit ziemlich großer Genauigkeit die Erträgnisse an Getreide, Erbsen und Bohnen, Kartoffeln und Heu um mehrere Monate voraus sagen, desgleichen übrigens auch der Ertrag der großen Fischerei, die jedes Jahr im Jnselrcich der Lofoten vor sich geht. Diese Beziehungen gehen so weit ins einzelne, daß man nach der Tcmperatur des Meerwassers am Sogne-Fjord beurteilen kann, ob die Dorsche, die im nächsten Jahre in den Lofoten zu fangen sein werden, viel oder wenig Rogen und Leber haben Iperden. Man würde also sogar den größeren oder gerin- geren Ertrag an Lebertran im voraus berechnen können. Das sind in der"at Ergebnisse, die eine ganz neue Perspektive eröffnen, und eS scheu t, daß die Menschheit auf dem Umwege der Meeres- forschung zu neuen Gesetzen der Wittcrungskunde und der Wetter- voraussage gelangen wird, nach denen die Meteorologie lange hin» gestrebt hat, ohne sie bisher erreichen zu können. Technisches. Vom Panamakanal. Vor einiger Zeit ist die Frage, ob der Panamakanal als Niveau- oder als Schleusenkanal ausgeführt werden solle, zugunsten der letzteren Bauart entschieden worden. ES werden drei Schleusen gebaut, bei Gatun in der Nähe des Atlantischen Ozean«, bei Pedro Miguel und bei MirafloreS in der Nähe des Pazifischen Ozeans. Sie werden sämtlich als Doppel- schleusen mit 305 Meter langen und 33, ö Meter breiten Kammern ausgeführt, so daß sie selbst bei gewaltiger Zunahme der Schiffs- abmesfungen auf diverse Jahrzehnte genügen werden. Bis jetzt ist diese Größe noch lange nicht erreicht, denn die größten Dampfer der Handelsflotte, die„Mauretania" und die„Lusitania", find 23S'/� Meter lang und 2S.82 Meter breit. Die Schleusen werden in ihren Abmessungen schon deshalb genügen, weil die Wassertiefen, Dock- und Löscheinrichtungen der Häfen am Stillen Ozean nicht für die Riesendampfer ausreichen, die den gewaltigen Verkehr zwischen Europa und den Vereinigten Staaten besorgen, denn solche Riesen- Iransportmittel würden sich dort noch gar nicht rentieren. Für die Durchschlcusungen kommen nur mittelgroße Handelsschiffe in Betracht, und mit Rücksicht darauf und auf den Wasserverbrauch werden bei den Schleusen Vorrichtungen angebracht werden, die den Wasserverbrauch vermindern und die Leistungsfähigkeit erhöhen. Zu dem Zwecke erhalten die Schleusen Zwischentore, die die Schleusenkammern auf 122 und 183 Meter verkürzen. Die Schleusen werden auf felsigem Boden gegründet und in Beton mit Eiseneinlage ausgeführt. Als Einlagen dienen namentlich am Boden an denjenigen Stellen, wo Wasser im Gestein etwa einen aufwärts gerichteten Bodendruck ausüben sollte, die alten französi- schen Eisenbahnschienen. Die Schleusentore werden als Klappen- tore ausgeführt. Damit die Schiffe beim Einfahren nicht gegen die Tore laufen und diese beschädigen, werden vor ihnen starke Ketten ausgespannt, die bei geöffneter Schleuse auf den» Boden liegen. Diese Einrichtung hat sich auf großen englischen Trockendocks bewährt. Die Seitcnwände der Schleusen sind unten 15�« Meter dick; nach oben werden sie ab- gestuft, da sie eine Hintersüllnng erhalten. Die Trennungswaud zwischen zwei nebeneinanderliegenden Schleusenkammern wird in ihrem vollen Querschnitte 18,3 Meter dick. In den Seitenwändcn und der Trennungswand liegt je ein Längskanal von 5"ä Meter Durchmesser, der also einen Querschnitt von beinahe 24 Quadrat- meter hat. Diese Kanäle dienen zur Zu- und Ableitung des Wassers. Die Abmessungen entsprechen denen eines großen EisenbahntunnelS. Die Schleusenbccken selbst stehen mit diesen Kanälen durch kleinere in Verbindung, die bei der Einmündung in die Kaminern 1,1, in die Hanptkanäle aber 2 Meter Durchmesser haben. Der in der mittleren Trennungswand liegende Kanal wird nur bei besonders eiliger Durchschleusung mitbenutzt. Die Kanäle sind durch Schieber ab- schließbar. Für die Anlage des Kanals waren wesentlich militärische Gründe maßgebend. Srlion die Anlage der Schleusen zeigt dies, die zuungunsten eines früheren Entwurfes abgeändert wurde. Die Schleusen werden nach ihrer Vollendung sorgfältig bewacht werden. Es wird eine ständige Garnison auf dem Jsthmusstreifen des Kanals zurückbleiben, die vor allen Dingen die Aufgabe hat, die Schleusen zu hüten, weil der Ablauf des Wassers aus der Scheitel- Haltung, die 26 Meter über dem Meeresspiegel liegt und durch die zufließenden Wässer gespeist wird, welche in Talsperren angesammelt werden, den Kanal natürlich unpassierbar machen würden. Eine gewisse Gefahr für den Kanal bilden die natürlichen geologischen Verhältttisse, da die vulkanische Tätigkeit in der Gegend noch nicht erloschen zu sein scheint. Auch die Festigkeit des Erdbodens läßt namentlich bei den Gatunschleusen und bei Cucaracha zu wünschen übrig. Die Kanalzone ist in einer Breite von 16 Kilonieter durch Kauf von den Amerikanern erworben und von der Republik Panama ab- getreten worden. Der Kanal wählt die kürzeste, schonvon den Franzosen ausgesuchte Linienführung; er wird von Tiefwaffer zu Tieswasser eine Länge von rund 80 Kilometer haben. Die an den Meeres- buchten(Panama und Limonbucht) liegenden Mündungen lverden zu geschützten Vorhäfen ausgebaut. Namentlich die am atlantischen Ozean liegende Limonbucht ist durch Stürme großen Gefahren aus- gesetzt; sie wird einen Wellenbrecher erhalten, der zugleich eine bequeme Ablagerungsstätte für das Aushubmaterial des Baue? bilden wird. Der Wellenbrecher selbst wird aus großen Beton- blöcken hergestellt werden. Der Jnncnhafen wird eine 305 Meter breite Einfahrt erhalten; die Breite des Hafens selbst wird etwa l'/a Kilometer, seine Länge 2,7 Kilometer betragen. Die Kosten des ganzen Kanalwerkes schätzte man 1908 auf rund 200 Millionen Dollar(840 Millionen Mark). Davon sind bercttS ausgegeben worden: 40 Millionen Dollar als Zahlung an die zweite französische Kanalgesellschast für alle Rechte und Besitztum auf dem Isthmus von Panama, 10 Millionen Dollar an die Republik Panama für die Abtretung des zwischen den beiden Weltmeeren liegenden Landstreisenö von 16 Kilometer Breite und für die Vaubewilligung, S Millionen Dollar für Anleihen an die Panama- Eisenbahn, 80 Millionen Dollar für den Kanalbau und die Hilfseinrichtungen bis zum 31. Juli 1908; insgesamt also 13S Millionen Dollar. Man ersieht schon, daß der Anschlag von 200 Millionen Dollar noch über- schritten werden wird. Berantwortl. Redakteur: Emil vnger, Berlin.— Druck u. Verlag: Vorwärts Buchdruckerei u.Verl«g»anstatt Paul Singer chEo., Berlin LVV.