Anterhattungsblatt des Horwürts Nr. 170. Donnerstag, den 2 September. 1909 lNaSdru« vcrioten.> Ita kiaine. 61 Novelle von S. Juschkewitsch. Autorisierte Uebersetzung aus dem Russischen von A. Lampert. Das Kind fing an zu weinen. Jta erhob sich, um es zu heruhigen, und wie sie so dastand, tief gebückt, das Kind auf den Armen wiegend, hatte sie selbst ein Gesicht so sanft wie ein Kind. „Wie lieb sind Sie," rief Manja.„Es ist gar nicht schön, was Sie da erzählen, und man hätte alles ganz anders an- packen müssen, aber wenn ich Ihnen zuhöre und Sie ansehe, ist es mir, als ob Sie vielleicht recht haben." „Man kann nicht wissen, wer recht hat," erwiderte Jta, auf ihren Platz zurückkehrend,„man macht es so gut man s kann, und nicht, wie man's gern möchte. Gut geht's nur dem, der Glück hat." „Wie haben Sie denn mit Ihrem Michel Bekanntschaft gemacht?" Aber Jta kam nicht dazu, ihr zu antworten, denn eben kam Rose, um einen neuen Trupp mitzunehmen. Die Ammen umgaben sie, wie ein Bienenschwarm, so daß sie gar nicht zu sehen war. Rose suchte sich die passenden Frauen aus, indem sie sie mit den Blicken musterte. Die Mindel kam auch und rief ihr„Da bin ich!" mit ihrer schrecklichen Stimme. „Rose nimmt mich wieder nicht," sagte Jta seufzend. „Mich auch nicht," antwortete Manja mit halbunter- drücktem Aufschrei. Beide kehrten auf ihre Plätze zurück. Eine Amme setzte sich neben sie. Sie war sehr dick und klein, und beim Gehen sah man fast nicht, wie sie die Beine bewegte; es sah aus, als ob sie wie eine Kugel rollte. Man nannte sie„Ljubotschka" (Liebchen), wegen ihrer anhänglichen Liebe zu ihrem Schatz. „Sie sind noch nicht in Stellung?" wandte sie sich der- wundert an Jta. Ihre Stimme war von einer geradezu widerlichen Süßigkeit.„Ach, was für ein schönes Kind Sie haben! Ein wahres Püppchen!" Dabei kniff sie es vorsichtig ins Bäckchen. „Danke," erwiderte Jta,„aber Ihr Kind ist auch sehr nett. Nicht wahr, Manja?" „Was sagen Sie!" rief Ljubotschka mit gekünsteltem Ent- sehen.„Sie lachen mich ja aus! Mein Kind soll nett sein? Es sieht ja aus, wie eine tote Katze. Ich bin doch dick, nicht wahr? Und der Kleine ist ein richtiges Aeffchen. Seht nur nicht auf mein Fett, es ist nur für die Augen schön." Jta merkte, daß die Amme etwas von ihr wollte, aber da ihr die hiesigen Sitten fremd waren, suchte sie vergebens da- hinterzukommen, was es wäre. „Was für eine Brust, zeigen Sie?" fragte plötzlich Lju- botschka.„Wollen Sie meinen Rat? Zeigen Sie immer die linke, sie ist bei allen größer als die rechte. Niemand weiß es, nur ich. Ich bin eine erfahrene Frau, ich bin schon dreimal Amme gewesen und kenne alle Kunststücke. Aber wissen Sie, warum ich nie rasch eine Stellung bekommen kann? Wegen der Brust. Alles ist gut, bis ich sie nicht zeige. Hat man sie aber einmal gesehen, dann ist alles aus. Wenn wenigstens das Kind dick wäre, aber auch das nicht mal. Na, wenn ich aber schon gemietet werde, so sitz ich so fest auf meiner Stelle, daß mich keine zehn Pferde mehr fortbringen können. Ich gefalle den Damen immer gut, und sie weinen wenn ich gehe, so geschickt bin ich." Rose hatte sich schon ihre Frauen ausgesucht und schickte sich zum Gehen an. Mindel kam an die drei heran und bot ihre Dienste an. „Wissen Sie, um was ich Sie bitten möchte," rückte Lju- botschka endlich mit der Sprache heraus,„geben Sie mir ihr Kind für einige Stunden. Tun Sie ein gutes Werk. Ich nehme es nur, um es zu zeigen. Dann sieht auch niemand mehr nach der Brust. Abends bringe ich das Kind zurück. Gott wirds Euch lohnen, ich habe zu Hause drei Kinder, und sie leben nur von dem. was ich bringe, mein Mann verdient ja nichts." Jta verstand wohl, was diese letzten Worte zu bedeuten hatten, aber eine große Verlegenheit hielt sie zurück. Sie hätte gern der armen Frau geholfen, die ihr, trotz der süßen Mienen und honigtriefender Stimme zu gefallen begann. Sie warf Manja einen um Rat fragenden Blick zu, als plötzlich von ganz unerwarteter Seite Hilfe kam. Mindel, die Lju- botschkas Bitte gehört hatte, kam rasch heran und schrie: „Diese Frau gibt ihr Kind nicht her. Komm mit Du dickes Schaf, Du weißt nicht, wen Du zu bitten hast. Komm, wir wollen miteinander reden." Ljubotschka ließ es sich nicht zweimal sagen und ging mit der Alten. Dann wiederholte Manja ihre Frage: „Nun, und wie haben Sie dann mit Michel Bekanntschaft gemacht?" „Das ist eine lange Geschichte, ich will sie Ihnen aber doch ein wenig erzählen. Als ich endlich meine Scheidung bekommen hatte, konnte ich nicht mehr in unserem Städtchen bleiben und kam hierher. Hier hatte ich eine entfernte Ver- wandte,— gar nicht arm war sie,— und ich ging zu ihr in Dienst. Nach zwei Jahren hatte ich schon 120 Rubel gespart und fühlte mich wieder auf eigenen Füßen. Einmal sah ich bei meiner einzigen Freundin— sie ist neulich im Wochen- bett gestorben— einen jungen Mann— es war der Michel. Er gefiel mir und ich gewann ihn bald lieb. Er war so gut gegen mich, daß ich gar nicht anders konnte. Der Geliebte meiner Freundin versicherte mir, daß Michel in einer Fabrik arbeitete und monatlich dreißig Rubel verdiene, und ich habe daran geglaubt— was weiß ich warum? Und so glaubte ich, mein Glück gefunden zu haben, als Michel mir das Heiraten vorschlug. Die Hochzeit wurde aber auf ein halbes Jahr ver- schoben, denn da sollte ihm sein Lohn erhöht werden. Ich sagte natürlich„ja" und gab mich ihm ganz hin. Nach zwei Monaten kam der erste Schlag. Die Fabrik machte bankerott, und Michel blieb ohne Arbeit. Ob an der ganzen Geschichte ein Körnchen Wahrheit ist, weiß ich bis jetzt noch nicht. Aber nun wollte er selbst ein Geschäft anfangen und überredete mich, ich sollte ihm gleich hundert Rubel geben. Danach wurde er noch netter zu mir, und ich verlor ganz den Kopf. Nach einem Monat war ich schon in der Hoffnung und hatte nichts mehr von meinem Geld. Als er das erfuhr, da hörte ei-�ftpf, sich mit mir zu genieren, fing an zu schimpfen und mich zu schlagen, wenn ihm etwas nicht gefiel. Ich wagte nicht mehr, ihn an die Hochzeit zu erinnern: ich hatte ihn noch so lieb, daß ich alles verzieh und bei dem Gedanken zitterte, daß er mich davon jagen könnte. Den Dienst mußte ich natürlich auf- geben, und so kam ich nieder, halb tot gequält von ihm, ohne eine Kopeke Geld. Ich bitte ihn schon längst, er soll mich ver- lassen, aber er will nicht und nimmt mir alles ab, was er kriegen kann. Schon seit einem halben Jahr weiß ich, daß er ein Falschspieler ist, daß er davon lebt. Mädchen zu verführen und für sich arbeiten zu lassen. Sie haben ihn noch nicht ordentlich böse gesehen, denn er hat noch irgend eine Geld- quelle. Aber ich habe schrecklich Angst vor ihm. Wenn er wütend wird, kann er mich ja totschlagen. Hätten Sie meinen Körper gesehen, Sie würden erschrecken, er ist ganz blau und grün." „Ich hätte ihm nachts den Hals abgeschnitten!" platzte endlich Manja erregt heraus,„so ein Schurke! Ich verstehe nicht, wie können Sie alles von so einem Menschen ertragen." „Das kann man nicht erklären, man muß es selber durch- machen. Es gibt nichts Schlimmeres als diese Leute. Sie werden ja sehen, was es heute gibt, wenn er hört, daß ich noch keine Stellung habe. Er hat es schon lange auf mich abgesehen. Ich zittere, weil ich nach Hause gehen mutz. Ein Glück, daß Sie da sind, Sie werden wenigstens das Kind nehmen. Vor zwei Wochen hätte er es beinahe umgebracht." „Der Schuft!" rief Manja empört. „Es ist auch schon Schlimmeres vorgekommen. Ja, ein schweres Leben.... Da will ich zum Beispiel in Stellung gehn, aber ob ers mir erlaubt? Vom Geld sprech ich gar nicht— er nimmts mir doch weg, aber soll er mich doch dienen lassen. Wenigstens wäre ich meines Lebens sicher, und das Kind hätt ich auch gut untergebracht." Ein Lärm unterbrach die Unterhaltung. Zwei Ammen rauften sich, und es gab einen großen Radau. Die Kinder in den Armen haltend, in der stetigen Gefahr sie zu verletzen, Wugen sie wutenb aufeinander los, bildeten beide ein lebendiges Knäuel und schrien aus Leibeskräften. Manja fragte, was los sei. „Wegen einem Mannsbild," antwortet« man ihr.„Beide haben einen Schatz, und nun liegen sie sich deswegen in den Haaren." Mit großer Anstrengung gelang es endlich, die beiden zu trennen. Sie waren schrecklich anzusehen mit ihren zerzausten Haaren und blutenden Gesichtern, die Wut und wilden Haß atmeten. Sie schimpften noch immer und warfen mit den schmutzigsten und gemeinsten Worten ebenso frei um sich, wie die schlechtesten Männer. Dienstbeflissene Frauen führten sie mit verborgener Schadenfreude nacheinander zur Wasser- leitung und wuschen ihnen das Blut ab, obwohl sie sich los- zureißen suchten und wie besessen um sich schlugen. Dieser Zwischenfall hob die Stimmung der Anwesenden und lieferte den denkbar besten Unterhaltungsstosf für den Rest des Tages. Als Rose kam, war alles wieder in Ordnung und keine Spur der Schlägerei mehr zu sehen. Einige Frauen erzählten ihr vergnügt den ganzen Vorgang, indem sie ihn ausschmückten und einander fortwährend unterbrachen. Rose wollte ihnen etwas antworten, aber da bemerkte sie zufällig Jta und rief ihr zu: „Ich habe etwas für Dich in Aussicht. Geh jetzt nach Hause, aber komm morgen ganz bestimmt. Diesmal wirds schon was werden." .(Fortsetzung folgt.)? (Nachdruck derdstcu.Z 2] fahrende Leute. Von Anna Reichert. »Hast Du etwas Sauce warm gestellt, Mama, für Cäcilchen?. fragte Vater Eisebein mit seinem höflichen, gezierten Stimmchen. „Es ist noch etwas in der Pfanne. Wo steckt sie denn eigent- lich? Ach so, beim Kantor in der Singstunde. Ach Gott ja", seufzte sie tief,„wenn Du nur das Geld rauswerfen kannst! Als wenn davon ihre Stimme lauter würde.— Liese, hast Du mit Emil das neue Couplet noch mal durchgeübt Von der Hoftürschwelle kamen undefinierbare Laute, ein Gurgeln und dann ein Husten. „Sie hat," beruhigte Seiffert an Lieses statt. „Habt ihr Friedchen bestellt?" fragte Hennine kauend. „Natürlich. Hoffentlich ist sie so anständig und kommt heute mal erst nach dem Esten. Wo doch voriges Mal auch ihr Mann hier mit atz, der uns doch rein gar nichts angeht. Und dabei tut der noch wie ein Herr und als wenn unsereiner gar nichts war. Solche Hungerleider." Seiffert nahm seine letzten Kartoffeln vom Tisch, schälte sie und reichte sie nebst dem Saucenrest auf seinem Teller durch das Ge- länder der Treppe Liese, die mit unartikuliertem Danklaut hastig zugriff. Frau Eisebein konnte das nicht sehen, sonst hätte sie wohl rebelliert; Hermine war nicht kleinlich und Bater Eisebein war gut- rnütig: die beiden sahen es und sagten nichts. „Um wieviel Uhr fahren wir?" fragte Fink, stellte seinen leeren Teller auf den Tisch zurück und setzte sich noch einmal, die Hände über den Magen faltend, auf die Treppe. „Halb drei," antwortete Vater Eisebein. „Regnen wird's wohl nicht, da kann ich ja meine Haare gleich hier färben." Fink gähnte und streckte sich geräuschvoll, stand schwer- fällig auf und kletterte nicht eben vorsichtig über Seiffert hinweg die Stiege hinauf. „Passen Sie auf. Seiffert, datz er sich auch die Augenbrauen schwarz macht," mahnte Frau Eisebein,„aber nicht zu dick. Und Sie, legen Sie ja Liese Ihre rote Perücke parat, datz sie die mit einpackt.„Ach, Artur, die Haartour"— hat noch immer am aller- besten gefallen." Seiffert versparte sich die Antwort, nahm seinen Hut, den er hinter sich auf die Treppenstufen gelegt hatte und schritt gemächlich zur Haustür. „Herr Seiffert, ich habe einen Brief für Sie." Hermine zog daS Schreiben aus ihrer Tasche. „Ja, die Herren Komiker, die haben's gut." seufzte Frau Eisebein und schielte prüfend zu Seiffert auf, der den Brief öffnete.„Die können ausgehn und sich die Zeit vertreiben bis zum letzten Augen- blick, und unsereins mutz kochen und die Sachen packen und für alles sorgen— ach ja. Aber dafür ist das Geschäft Eisebein bekamtt, datz es seine Leute wie Kinder vom Hause hält. Da kann einer lange suchen, eh' er so ein Geschäft wieder findet."— Frau Eisebein wartete vergeblich auf eine anerkennende Entgegnung SeiffertS und ging ärgerlich in die Küche. Wenigstens hätte er doch sagen können, ob in dem Schreiben was von einem neuen Engagement stand, einem Komikerengagenient oder einem anderen, das, was er auch noch gelernt hatte— Ne— dakteur I Seiffert schlenderte langsam, wie es seine Art war, die Bode entlang zum Städtchen hinaus und überlegte, ob er die vier- wöchentliche Redaktionsvertretung, die ihm in dem Schreiben ange- boten wurde, übernehmen sollte. 125 Mark Gehalt brachte sie wie üblich; das wichtigste aber war, datz er dadurch wieder in sein altes, eigentliches Fahrwager käme. Vielleicht bekam er durch diese kurze Vertretung Empfehlmigen und Verbindungen. Freilich, wenn ihm diese Empfehlungen und Verbindungen nicht sofort zu einer anderen Stelle verhalfen, nützten sie ihm werig s er hatte nicht soviel, um auch nur einen Monat ohne Stellung sein zu können. Jedoch, wenn er erst wieder in Berlin war, konnte er vielleicht für die Wartezeit eine Kabarettanstellnng finden— seine schönen politischen Satiren antiquierten sämtlich ungenutzt. Seifferts behäbiges rotes Antlitz sah sehr sorgenvoll aus. Das war das schwierigste im Leben: Die Notwendigkeit, sich zu etwas entschlietzen zu müssen. Nahm man das eine— verlor man das andere. Einerseits war es für einen jungen und nicht mehr ganz jungen Menschen, wie er war, angezeigt, alle Chancen zu ergreifen, um sich unter Kampf und Anstrengungen und Unsicherheit eine würdige Position zu sichern, andererseits kannte er zur Genüge dieses Hangen und Bangen auf der Suche nach einer bestimmten Stellung. Wie froh war er gewesen, als er nebst dem Redaktions- träum auch die erst so verschämten Kabaretthoffnungen resolut an den Nagel gehängt hatte und aus Hunger und Schulden und Pein und Sorgen entschloffen herausgetreten und Humorist geworden war. Diese Stellen brachten viel ein und waren nicht überlaufen. Freilich, wenn man wie er noch nicht eingeführt war, mutzte man die Mittel haben, um auch mal vierzehn Tage ohne Engagement sein zu können, die kleinen Komikerengagements galten immer nur auf vierzehn Tage. Die Mittel hatte er nicht gehabt, weil er anständiger- oder dummerweise mit den ersten grötzeren Gagen alte Schulden bezahlt hatte. Da war er venu für 50 M. Monatsgage und freie Kost und Logis inS Geschäft Eisebein getreten, die unterste Kategorie aller Variöts- und Sängertruppen, und zog nun auf Jahrmärtten und Schützenfesten herum. sogar als bunter Komiker, mit roten Jacken und grotesken Perrücken und falschen Nasen. Hier wurde nicht ohne Not gewechselt; hier konnte er Monate und Jahre bleiben, wenn man mit ihm zu- frieden war. Anton SeiffertS gemütliches Oesterreicherhirn suchte dahinter zu kommen, ob er wohl wirklich so arg ttef gesunken war, wie seine ehe- maligen Bekannten meinen würden, wenn sie von seinem jetzigen Leben erführen, oder ob dies nur eine gar nicht so absonderliche Durchgangsstufe war. von der man sehr gut abspringen konnte, sobald die Verhältnisse es gestatteten. Hier der Brief mit dem Stellennachweis— war es vielleicht eine Mahnung, nicht die Zeit zu verpaffen? Nicht mus angebornem Phlegma in irgend einer Riede- rung festzuwachsen? Anton Seiffert halle eine heimliche Angst vor diesem seinen Phlegma— der Genügsamkeit, dem tiefen seelischen Gleichmut, der innern Heiterkeit, die es ihm in jeder Lage Wohlsein ließen. Da stand er bor dem einzigen Eafä des Städtchens und ging die Stufen hinauf. Jedenfalls, tröstete er sich, konnte man nicht von ihm behaupten, datz er faul war. Jeden Mittag ging er in dies Cafe, um Zeitungen zu lesen und über das, was sie brachten, satirische Verse zu dichten, welche Beschäftigung sowohl auf eine spätere Redaktionstättgkeit wie eine Stellung am Kabarett vorteilhaft vorbereitete— freilich auch, um wenigstens eine Stunde des Tages Mensch zu sein, sich mit einem Hauch von Komfort zu umgeben und einmal am Tage guten Kaffee zu trinken. Während Anton Seiffert es sich am Marmortischchen des Cafes so wohl sein ließ wie immer, und nur der Brief in seiner Westen- tasche und die Zweifel, wie der am besten beantwortet würde, seinen Seelenfrieden ein wenig störten, trat eine kleine alte Dame in schwarzem Spitzenunihang. einen Regenschirm und einen großen Karton in den Händen, ins Eisebeinsche Haus. „Guten Tag," sagte sie höflich und schüchtern zu Emil, der. am Flurtisch fitzend, sein Mittagsmahl verzehrte. Emil, der vierzigjährige Klavierspieler,„mit dem es nicht ganz richtig war", würdigte die Neuangekommene keiner Antwort; er atz. Das alte Dämchen errötete. Fridchen Lippschütz errötete immer. wenn ihr oder anderen etloas passierte, was nicht ganz nach den Regeln des Anstands war. Sie guckte in die Küche und dann in den Hof; niemand war zu sehen. An die Salontür zu pochen, hatte keinen Zweck; Liese, der Lehrling, hatte ihr verraten, datz während der ganzen Zeit ihrer Anwesenheit im Eiseoeinschen Hause nicht ein einziges Mal die Salontür aufgeschlossen worden war. Es ging die Sage, datz ein Plüschsofa und ein großer, großer Eckspiegel in dem geheimnisvollen Raum hinter der Tür protzten und prangten— unter den Lehrmädchen pflanzte sich die Sage von den Sparkassenbüchern der Eise- beins und dem Plüschsofa im Salon seit zwanzig Jahren fort. Fridchen Lippschütz stellte ihren Karton in eine Ecke, löste die Bänder ihres KapotthütchenL und setzte sich aufseufzend zu Emil an den Tisch.„Es ist so schwül draußen!" lispelte sie. ES war so peinlich, wen» einander bekannte Menschen zusammensatzen, ohne sich zu unterhalten. Emil zog seine letzten Kartoffeln ab.„Kann sie beim jetzt daS Lied von neulich?" fragte er und seine matten Augen sahen über die Brille hinweg sehr ernst auf Fridchen Lippschütz. Er halte em ausdrucksloses, fahles Gesicht, in dem ein wunderbar feingeschnittener sinnlicher Mund allein etwas von seiner Seele erzählte. Es hieß, datz Emil aus ganz, ganz vornehmer Familie sei— in seinen Papieren stand vor seinem Namen ein„von'—; hier hieß er nur Emil und er wurde nur mit der Rücksicht behandelt, die seine Brauchbarkeit als Klavierspieler ihm verschaffte. „Aber Herr— Herr— Emil', sagte Fridchen eifrig und errötete vor Aufregung,„das Lied inusjte so langsam gesungen werden, so mit einem Zögern am Schluß. Frau Eisebem hatte sehr, sehr unrecht, darüber böse zu sein. Und, und— Herr Emil— ich muß eS Ihnen einmal lagen— Sie spielen oft sehr ohne— ja ohne Verständnis. Sie rasen dann mit einmal auf dem Klavier herum— wie ein Sturmwind.' „Liederchen muffen schnell gesungen werden, schnell,' sagte Emil mit Rachdruck. „Aber ich singe keine Liederchen, sondern Lieder. Sie muffen doch Unterschiede machen, Herr— Herr Emil. Ich vertrete das ernste— ernstere— Genre.' Frau Eisebein kam die Treppe herunter. Fridchen Lippschütz erhob sich höflich. Frau Eisebein sah sehr ärgerlich drein. Mußte auch der Emil so spät essen I Und die Fridchen so früh kommen I Nun ging es nicht gut anders, nun mußte man ihr auch noch Kartoffeln geben. Sonst war sie am Ende beleidigt und kam nicht mehr. ..Tag,' sagte Frau Eisebein unfreundlich,„Sie haben wohl schon gegessen?' „Nein, gewiß nicht. Ich bin erst eben gekommen. Und von Leipzig hierher im Personenzuge, daS ist eine weite Reise; ich muß immer schon früh morgens abfahren. Ach, es war heute so voll im CoupS, ich mußte fast die ganze Zeit stehen.' sgortsetzung folgt.) I?unst-�iteratur. Naumanns Kunstschriften. Im Buchverlag der„Hilfe' hat der liberal« Politiker und Theologe Friedrich Naumann einige Schriften veröffentlicht, die sich mit künstlerischen und kimstgewerb- lichen Dingen beschäftigen. Es find in der Hauptsache Sammlungen von Zeitungsartikeln, Kritiken und populären Borträgen, in denen der Verfasser sich über diese seinem eigentlichen Beruf fernliegenden Fragen ausläßt. Die drei Bücher, die mir vorliegen, find von sehr verschiedenem Wert und Charakter. Das kleine Heft mit dem preziösen Titel„Der Geist im HauSgestühl' ist nichts als «ine inhaltlich konfuse und in der Form ziemlich geschmacklose Sal- baderei über die modernen Prinzipien der WohnungSemrichtung. Unter der Maske eines kunstverständigen Onkels bemüht sich der Autor, seiner Nichte, dem„blonden Schwälbchen', und deren etwas trottelhaftem Bräutigam die Gesichtspunkte auseinanderzusetzen, nach denen sie fich ihre zukünftige Wohnung mit Möbeln. Gerätschaften und Zierraten ausstaffieren sollen. Er kommt nach langwierigen theroretischen Erörterungen zu dem praktischen Ergebnis, man müsse sich einige gute, alte Stücke für billiges Geld beim Trödler laufen und den Rest nach Zeichnungen von Rismerschmid anfertigen laffen.— Wesentlich wertvoller ist die Srtikelsammlung„Form und Farbe'< Preis S M.). Sie enthält kunsttheoretische Betrachtungen und Kritiken, die Naumann während des letzten Jahrzehnts für die„Hilfe" und die„Zeit' geschrieben hat, und zerfällt tu die acht Abschnitte: Aeltere Nleister (Rembrandt. Rubens usw.). Fromme Maler(Peter Cornelius, Eduard v. Gebhardt, Haus Thoma, Wilhelm Sleinbausen, Ludwig Richter, tritz v. Uhde), Menschengestalter(Englische Porträts, Menzel, Leu- ach, Liebermann, Baluschek, die Kunst der„Fliegenden Blätter' usw.), Landschaftskünstler, Malereiprobleme. Bildhauerei(Klingers Beethoven, das Hamburger Bismarckdenkmal), Balikunst, Kunstbildung. Der Inhalt ist, wie man ficht, ein recht vielseitiger und die flüssige feuilletonistische Schreibweise Naumanns macht die Lektüre leicht und angenehm. DaS Buch ist nicht für Künstler und kunstwiffenschaft- liche Spezialisten bestimmt, sondern„für die Menge derer, die vor ihren Kunstwerken von sich aus nicht recht wissen, waS da eigentlich zu sehen ist.' ES will weniger fertige Urteile über einzelne Werke und Persönlichkeiten geben, als Anweistingen zur Kunst- betrachwng und Anregungen zum Kunstgenießen. Der Stand- Punkt Naumanns ist im allgemeinen der des gebildeten kunstfreundlichen Laien, der vom Geiste der modernen Kunstbestrebungen einen Hauch verspürt hat und fich redlich bemüht, den einzelnen Erscheinungen gegenüber zur Klarheit zu gelangen. Freilich kann man fich dem Emdruck nicht verschließen, daß des Autors Verständnis und seine Sympathien vorwiegend zu den künstlerischen Mittelgrößen hinneigen, den Kompromißlern, die die Errungenschaften der modernen Kunst dem großen Publikum schmackhaft machen. Bor den starken, führenden Persönlichkeiten und rücksichtslosen Wcgbahnern. deren Schaffen in die Zukunft weist, steht Naumann trotz allem guten Willen meist ratlos da. Kallmorgen und Baluschek liegen ihm näher und besser als Münch und Ludwig v. Hofmann.— Ebenso wie„Form und Farbe' enthält auch die dritte Publikation„AuSstellungSbriese'(Preis 3 M.) neben Vielem Lehrreichen und Anregenden manches Oberflächliche, Schiefe und Irreführende. Was Naumann hier über die letzte Pariser Welt- ausstcllung, über Versailles, den Montmartre, den Eiffelturm und das Franzosentum zum besten gibt, ist nichts als ein geist- reichclndes, weichliches Feuilletongeplauder, das in schönen Phrasenarabesken um die Dinge herumredet, ohne den Kern der Sache zu treffen. Es war wahrhaftig nicht nötig, diese belanglosen Zeiwngsreferate auS ihrem Versteck herauszuholen und in anspruchs- voller Buchform nochmals zu publizieren. Dagegen sind die Ab- schnitte über„Kunst und Industrie' und„Die Kunst im Zeitalter der Maschine' durchaus lesenswert. Neue Ideen werden zwar auch hier nicht zutage gefördert, aber der Leser erhält m unter- haltender Form mancherlei brauchbare Hinweise ans die zahlreichen Detailfragen, aus denen diese komplizierten Probleme sich zusamulen« setzen. Fritz von Uhde. Eine Kunstgabe für das deutsche Volk. Mit eüiem Geleitwort von Alexander Troll.(Mainz 1909. Verlag von Joh. Scholz.) Wilhelm Leibi. AuS seinem Lebenswerke. Eine Kunst- gäbe. Mit einem Geleitworte von Otto Gebhardt.(Mainz 1909. Verlag von Joh. Scholz.) Die„Freie Lehrervereinigung für Kunstpflcge', der wir schon die Veröffentlichung mancher Sammlung von wertvollen und wohlfeilen Kunstproduktionen verdanken, hat sich mit derHerausgabe des Uhde- und Leibl-HefteS ein neues Verdienst erworben. Die Abbildungen(19 Ge- mälde von Uhde, 14 von Leibi) sind im Hinblick auf den Ent- wickelungsgang und die Höhenpunkte im Schaffen der beiden Künstler fast durchweg mit Verständnis und Geschmack ausgewählt. Rur im Leibl-Buch fehlt leider das Hauptwerk des Meisters, die„Frauen in der Kirche'. In technischer Hinsicht sind die autotypischen Ton» reproduktiouen ohne Ausnahme vortrefflich. Daß in der Schivarz« Weiß-Nachbildung die Schöpfungen Leibls im allgemeinen zu besserer Wirkung kommen als die Uhdes, liegt an der Eigenart der Maler» von denen der erstere Form und Zeichnung stärker betont als der letztere, der namentlich in seinen späteren Zeiten fast lediglich durch die farbige Impression zu wirken sucht. Die einleitenden Texte informieren über den Lebcnsgang der Künstler und geben iu knappster Form gute Charakrcristiken ihre» Wesens und ihrer SchaffenSart. Die auS starkem Kunstdruckpapier hergestellten Hefte kosten, ebenso ivie die früheren Publikationen der Lehrervereinigung (über HanS Thoma, Wilhelm Steinhausen, Alfred Rethel, Giovanni Segantini u. a.) je 1 M. Sie sind namentlich auch als Geschenke für die reifere Jugend sehr geeignet. Max Sauerlandt, Deutsche Plastik de? Mittelalters (Verlag von Karl Robert Langewiesche in Düffeldors und Leipzig.) Preis 1.80 M. Dieser neueste Band der Sammlung„Die Welt des Schönen', auf deren frühere Hefte(„Griechische Bildwerke',„Der stille Garten', „Bilder aus Italien') ich bereits empfehlend hingewiesen habe, führt in eine dem großen Publikum fast völlig unbekannte Well«in. Man weiß bei uns über die griechische Plastik wohl einigermaßen Bescheid, aber von der alten deutschen Bildhauerkunst hat man keine Ahnung. Und wenn der Laie ihre Werke in den Originalen oder in Re- Produktionen vor fich sieht, so wird ihm zunächst manches fremd, bizarr und vielleicht barbarisch erscheinen. Die an den plastischen Schöpfungen der Antike und der Renaissance gebildeten Augen müssen erst einmal umlernen, sie müffen sich daran gewöhnen, die herbe und ftastvoll-schlichte Sprache der mittelalterlichen Kunstwerke zu ver» nehmen, in denen der Stoff und Inhalt des Dargestellten fast gar- nichts, die reine künstlerische Form alles bedeutet. Die mehr als hundert schönen Abbildungen und die llaren und feinfinnigeu ein- leitenden Bemerkungen Sauerlands find ein sickercr und bequemer Wegweiser in dieses bisher unbeachtete Land der Schönheit, daS, ob» wohl es uns so fremdartig erscheint, doch gar viele verwandte Züge mit dem künstlerischen Schaffen der Gegenwart aufweist. Wer Wesen und Ziele der mittelalterlichen Plastik begriffen hat, dem werden auch manche Erscheinungen im modernsten Kunstleben, die ihm bisher ein Buch mit sieben Siegeln waren, klar und verständlich werden. m Die Veredelung der gewerblichen Arbeit im Zusammenwirken von Kunst. Industrie und Hand» werk.(Verhandlung des Deutschen Werkbundes zu München am 11. und 12. Juli 1903. R. Voigtläuders Verlag in Leipzig.) Preis 1,20 M. Der Deutsche Werkbund, der in, Oktober 1907 begründet wurde und seinen Sitz in München hat, bezweckt die„Veredelung der ge- werblichen Arbeit im Zusammenwirken von Kunst, Industrie und Handwerk durch Erziehung, Propaganda und geschlossene Stellung» nähme zu einschlägigen Fragen'. Mitglieder des Bundes können sein: Künstler, Gewerbetreibende mcd sachverständige Kunstfreunde. aber die Mitgliedschaft kann nur auf Einladung und durch Beschlutz der Vorstandschaft erworben werden. Gelegentlich der vorjährigen Münchener Ausstellung hielt der Werlvund seine erste JahreSvenamm- lung ab, die zwei Tage dauerte und in der über wichrige Themata verhandelt wurde. Das jetzt erschienene Buch gibt die Referate und die Ausführungen der Diskussionsredner in aller Ausführlichkeit wieder. Bon hohem Jntereffe sind namentlich die theoretischen Erörterungen des ersten Vorsitzenden, Professor Theodor Fischer-München, über den Einfluß, den die modernen ProduktionS» formen ans die künstlerische Gestaltung ausüben. Diese mehr akademischen Erörterungen werden ergänzt durch daS, waS der Fabrikdirektor Gustav Gericke-Dclmeuhorst als Mann der Praxis über dasselbe Thema ausführt. Der bekannte Architekt und AlMstschriftsteller Hennann MnthcsiuS-Berlin gibt einen Hebet- blick über d i e historische Entwickelung des modernen Kunstgewerbes und erörtert die leitenden Ge- sichtspunkte, v« denen die neusten reformatorischen Bestrebungen auf diesem Gebiete ausgehen. Zu der Frage der Erziehung deS gewerblicken Nachwuchses hatte der geschäfrsführende Ausschuß des Wcribundes eine Anzahl Leitsätze aufgearbeitet, die Herr Dr. Wolf Dohrn-Dresden in einem ausführlicken Referat er- läutert. Peter Bruckmann-Heilbronn, der zweite Vorsitzende des Bundes, beleuchtet das Tbema aus den Erfahrungen der Groß- industrie heraus, während Professor Rudolf Bosselt-Diisfeldorf vom Standpunkt der Kunstgewerbeschule, des Lehrers und deS Künstlers, seine Vorschläge und sein Programm in dieser Frage entwickelt. Es ist hier natürlich nicht möglich, auf den reichen Inhalt des Buches näher einzugehen und unsere in manchen Punkten abweichenden Meinungen über die einzelnen kunstgewerblichen Fragen eingehend zu begründen. Ich begnüge mich deshalb mit der soeben gegebenen Uebersicht über das im Buche enthaltene Material und füge hinzu, daß das Studium der Werkbuuds-Verhandlungen für jeden, der sich mit dem Problem einer Reform des deutschen Kunstgewerbes ausführlicher beschäftigen will, eine Notwendigkeit ist. Bert hold Haendcke, Deutsche Kunst im täglichen Leben. Mit 63 Abbildungen im Text.(Druck und Verlag von B. G. Teubner in Leipzig 1968.) Preis geheftet 1 M.. gebunden 1,25 M. Ludwig Diehl, Der Altertümer-Sammler. Mit 324 Jllu- strationen.(Verlag von W. Spemann in Berlin und Stuttgart.) Preis 4.80 M.) Ich überschätze den Wert knnstgeschichtlichcr und besonders kunst- historischer Kennluisse keineswegs. Man kann in der Entwickelungs- geschichte der architektonischen und kunstgewerblichen Stilformen genau Bescheid wissen, über die unterscheidenden Merkmale der ein- zelnen Maler- und Bildhauerschulen aufs beste informiert sein, und braucht deshalb doch noch keinen Schlüssel zum wahren Kunst- verstehen und Kunstgenießen zu besitzen. Es ist bekannt, wie hilflos zuweilen gerade die gelehrten Kuustprofessoren dem lebendigen Kunstschaffen ihrer Zeit gegenüberstehen und mit welchem absoluten Unverständnis diese sogenannten Sachverständigen oft den größten und folgenschwersten Neuerscheinungen auf künstlerischem Gebiete begegnen. Immerhin aber ist, wenn auch keineswegs Gelehrsamkeit, so doch ein gewisses Matz von Kultur und kunstgeschichtlicher Bildung notwendig, wenn man zum vollen Verstehen der durch die Jahr- tausende uns überlieferten Kunstschätze gelangen und die Be- strebungen und Leistungen der Gegenwart richtig auffassen und werten lvill. An Hilfsmitteln dazu fehlt eS nicht. Je mehr in den letzten Jahren das Interesse an künstlerischen und besonders au kunstgewerblichen Fragen zugenommen hat, desto größer ist auch die populäre Literatur geworden, die den Laien in dieses Gebiet einführen und ihn darin ans eine nwglichst mühe- lose und umerhaltende Weise orientieren will. Freilich wüßte ich unter allen diesen Publikationen auch nicht eine zu nennen, die allen berechtigten Anforderungen entspräche. Die meisten begnügen sich mit einer mehr oder weniger geschickten Auswahl und Übersicht- lichen Gruppierung des wissenswerten Tatfachenmarerials, ohne auch nur den leisen Versuch einer vertiefenden Er- läuterung der historischen Zusammenhänge zu machen. Die fitten« öder gar wirtschaftsgcschichtlichen Grundlagen der einzelnen lunsthistorischen Epochen werden kaum angedeutet. In dieser Hinsicht machen auch die Bücher von Haendcke und Diehl leider keine Ausnahme. Beide leiten in gemeinverständlicher Darstellung zum Verständnis der äußeren kunstgeschichtlicheu Erscheinungen an. Aber beide zeigen nur, was im Lause der Jahrrausende geschaffen wurde, — nicht, aus welchen Gründen da? Kunstschaffen der verschiedenen Epochen gerade diese und keine anderen Bahnen eingeschlagen hat und einschlagen mußte. Haendcke ist etwas gründlicher, Diehl klarer und prägnanter. Der erste behandelt nur die deutsche Architektur und das Kunstgewerbe, der zweite auch die Malerei und die Plastik. In Ermangelung besserer Werke können die anspruchslosen Bücher als erste Einführung und Anregung zu weiterer Beschäftigung mit diesen Wissensgebieten immerhin empfohlen werden. J. 3. Kleines f eiiilleton* Astronomisches. Der unsichtbare Planet. Wer Kenntnis und Lust dazu hätte, könnte eine Wissenschaft des Unsichtbaren schreiben. Er könnte den Stoff dazu aus einer ganzen Reihe von Nalurwiffenschaflen nehmen und einen schönen Band zusammenbringen, ohne daß er sich der Weitschweifigkeit schuldig machen dürfte. An der Erforschung des Unsichtbaren nimmt in hervorragendem Grade auch die Astronomie teil, seitdem sie gelernt hat, da? Vorhandensein von Himmelskörpern zu berechnen, ehe sie ein menschliches Auge oder auch die noch empfindlichere photographische Platte wahrgenommen hat. Neuerdings ist eine sehr lebhafte Erörterung über das Sein oder Nichtsein eines Planeten jenseits des Neptun geführt worden. Während viele Himmelsforscher die Möglichkeit des Vorhandenseins eines solchen Körpers leugnen, tritt Professor Pickering im neuesten Heft de?.Observatory" wieder für diesen unficht- baren Planeten ein, der von ihm die vorläufige Bezeichnung 0 erhalten hat. Er schließt auf seine Existenz aus gewissen Störungen in der Bahn des Uranus, in der er sechs verschiedene Abweichungen von den besten Berechnungen findet. Von diesen Störungen sind nach seiner Meinung wenigstens drei auf keine andere Weise zu erklären, als durch das Vorhandensein eines solchen Planeten. Nach den Beobachtungen an der altberühmten Sternwarte in Greenwich hat die Unregelmäßigkeit in der Bahn des Saturn seit den letzten 70 Jahren dauernd zugenommen. Professor Pickering erinnert daran, daß auch der Planet Neptun zuvor berechnet und dann erst entdeckt worden ist, gibt aber zu, daß die Ausgabe hier etwas anders liegt. Es wäre vielleicht jetzt schon Zeit, auch sämtliche Beobachtungen deS Neptun in sorgfältigste Be« arbcituug zu ziehen, um etwaige Störungen zu ermitteln, die sicher vorhanden sein müssen, wenn noch ein weiterer Planet jenseits im Weltraum kreist. Archäologisches. Die neuen Ausgrabungen auf Delos. Die Aus- grabungen auf der Insel Delos, die von der französischen archäo- logischen Schule in Athen durchgeführt werden, sind jetzt in ein Stadium getreten, das die hohe Bedeutung dieses großartigen Unternehmens für die Archäologie und die Geschichte der griechischen Kultur deutlich erkennen läßt. Der ganze weite heilige Tempel- bezirk um die Kulturstätte des Apollo und das große Quartier um das Theater herum sind nun freigelegt und laffcn ein unüber- sehbarcs Trümmerfeld erkennen, in dem hie und da noch ganze Mauern aufragen, überall herrliche Säulenschäfte aus Steingeröll hcrausleuchten und kostbare Ueberreste altklassischer Kunstübung sich darbieten. Um dieses Ziel zu erreichen, mußten durch sechs Jahre hin nicht weniger als 45 000 Kubikmeter Erde jährlich fort- geschafft werden. Delos, dessen Blüte von sehr früher Zeit, etwa dem achten Jahrhundert v. Chr., bis in das dritte und zweite Jahrhundert v. Chr. herabreicht, war nicht nur der Miiielpunkl der antiken Apolloverehrung, fondern auch eine reiche Handels- stadt. Neben den Tempeln finden sich also hier gewaltige Bauten, die als Speicher und Haupthallen dienten. Durch die Ausgra- bungen, bei denen die einzelnen Straßen und Gebäude möglichst sorgfältig freigelegt und die Anlage des Ganzen erhalten wurde, find vorzüglich erhaltene Beispiele altgricchischer Zimmer- dekorationen ans Licht getreten, die die Delischen Funde mit denen von Pompeji in eine Parallele zu setzen erlauben, wobei freilich Delos das höhere Alter und damit den Glanz der großen klafsischen Kunst vor der italienischen Ruinenstadt voraus hat. Die Mosaik- friese und die großen Wandgemälde, die die größeren Wohnhäuser der Insel zierten, leuchten zum Teil noch in glänzenden Farben und lassen die Schönheit klassisch antiken Hausschmuckcs erkennen. Die breiten Quais, die Werften und Lagerhäuser, deren Trümmer in dem Hafcnquartier entdeckt wurden, zeigen die Bedeutung von Delos als Handelsstadt, haben aber geringeren künstlerischen Werk. Die meisten Wohnhäuser fand man in dem Quartier um das Theater und hier sind denn auch besonders reiche Stuckdekorationen und Wandgemälde aufgedeckt worden, die sich in ihrer ganzen Frische der Auffassung und Reinheit der Farben erhalten haben. In dem Tempelbezirk>var einer der bemerkenswertesten Funde ein Grab aus der mhkenischen Epoche, das in die Zeit zwischen dem zwölften und fünfzehnten Jahrhundert v. Chr. gesetzt wird. Das hohe Alter der delischen Kulturstätte wird dadurch an einem vorzüglichen Beispiele erwicfen; zahlreiche Trinkgefätze aus der- selben Epoche von hohem Wert vervollständigten diese Entdeckung. Auf einer großen Terrasse nahe dem Heiligtum wurden außer- dem fünf kolossale Löwenstatuen gefunden, die in gleichmäßiger Entfernung von einander auf der Terrasse aufgestellt waren. Es sind Werke, die in ihrem archaischen Charakter, der imponierenden Wucht der Ausführung und der Größe der ganzen Darstellung einen gewaltigen Eindruck machen. Solomon Reinach hat die Hypothese aufgestellt, daß sie dem Heiligtum von dem durch seinen Reichtum berühmten Krösus. König von Lydien, zum Geschenk ge- macht worden seien. Er schließt dies aus der Tatsache, daß nach der Erzählung deS Herodot Krösus dem Tempel von Delphi einen Löwen aus purem Golde geschenkt haben soll. Da der Löwe das Ahnentier seines Geschlechts war, so könnte auch die Gruppe auf Delos von ihm stammen. Sie gehört jedenfalls ins siebente oder sechste Jahrhundert v. Chr. Die Wohnhäuser von Delos bestehen in ihrer Mehrzahl aus Säulenhallen, die um einen viereckigen Hof in der Mitte angelegt waren und die verschiedene Wohnräume enthielten. Viele Säulen und Hausmauern sind noch sehr gut er- halten. Das interessanteste unter den in letzter Zeit ausgegrabenen Häusern ist die sogenannte„Villa der Kleopatra". Ein stattlicher Säulenhos mit hohen dorischen Säulen bildet ihr Zentrum; darin standen die Statuen des Besitzers der Villa, Dioscourides und feiner Frau Kleopatra, die natürlich mit der ägyptischen Königin nichts zu tun hat. Die weibliche Statue ist bis auf den fehlenden Kopf vorzüglich erhalten und zeigt in der edlen Drapierung des Gewandes, der anmutigen Stellung und der feinen Ausführung einen Nachklang der großen griechischen Kunstepoche. Die Statue stammt aus dem zweiten Jahrhundert v. Chr., wie wir aus ihrer Inschrift feststellen können die den Namen deS Ardhon Timarchos trägt. Perantwortl. Redakteur: Emil Nnger, Berlin.— Druck u. Verlag: Vorwärt» Buchdruckerei u.Berlagianstalt Paul Singer ScCo..Berlin S W.