Nnterhattungsblatt des Nr. 171. Freitag, den 3. September. 1909 ei Ita r>aine. lSachdruS»«rieten.) Novelle von S. Juschkewitsch. iluiorisierte Uebersetzung aus dem Russischen von A. L a m p e r t. Ita war außer sich vor Freude. Sie blieb zwar der Form wegen noch einige Zeit da, aber konnte an nichts mehr denken. Sie hörte ringsum einzelne Phrasen und Sätze und wieder- holte gedankenlos Dutzende von Malen fremde Worte, aber ihr Kopf und Herz waren weit ab von diesem Ort. Endlich konnte sie es nicht länger aushalten und erhob sich. „Sie kommen doch mit?" wandte sie sich an Manja.„Es scheint, als ob es heute nichts mehr für Sie gibt. Ich will auf dem Heimweg etwas kaufen, und wir wollen zusammen Abendbrot essen. Ich glaube, meine Lage bessert sich." Manja wollte zuerst die Einladung ablehnen, aber sie besann sich und sagte zu. Dann kleideten sich beide rasch an und gingen in lebhafter Unterhaltung fort. Rose aber braute sich Tee, und behaglich auf dem Bett sitzend und das heiße Getränk schlürfend, ließ sie sich mit Vergnügen noch einmal die Geschichte erzählen, wie zwei Frauen sich wegen einem nichtsnutzigen Mannsbild gerauft hatten. Ita und Manja setzten indes ihren Weg fort. Ein schweres Gefühl hatte Jtas freudige Erregung abgelöst, und jetzt schritt sie dahin, versunken in finstere Gedanken, die sich nicht verscheuchen ließen. Manja merkte es, daß Ita ihre gute Stimmung verloren hatte, und folgte ihr schweigend. Aber sie konnte nicht lange ihren eigenen Kummer verbergen: «Da haben Sie nun bald eine Stelle, Ita. Sie glauben nicht, wie ich Sie in den paar Tagen lieb gewonnen habe. Es war wie eine liebe Erinnerung, diese kurze Bekanntschaft. Jetzt möchte ich gern, daß alles so bliebe, daß wir auch weiter zu Rose gingen, zusammen säßen, zusammen redeten und träumten. Ja— zusammen, denn ich fange an, mich vor der Einsamkeit zu fürchten; mir tut alles weh, wenn ich allein bleibe." „Ich Hab Sie auch liebgewonnen, Manja," flüsterte Ita, ;,aber wir dürfen es nicht tun. Wir müssen es verlernen, Manja. Wenn man jemanden lieb hat, gibts nur um so mehr Kummer nachher. Jetzt habe ich Mutter und Bruder vergessen — aber wie lieb Hab ich sie gehabt. Jetzt kann ich ruhig von ihnen sprechen, aber wie Hab ich zuerst gekämpft, gelitten, ge- weint, bis das Leben meine Seele umgewandelt und sie ge- lehrt hat, an anderes zu denken. Jetzt habe ich mein Kind, und mein Herz tut von neuem weh. Sie können sich ja gar nicht denken, wie lieb ich es habe. Und nun freue ich mich, daß ich'in Stellung komme. Das ist aber so eine Freude, als ob man mir beide Hände hätte abschneiden müssen und nur die eine abgeschnitten hat. Einem fremden Kind gebe ich alle meine Mühen und Sorgen und meine Gesundheit, mein eigenes Kind wird bestohlen und sozusagen zu den Hunden geworfen. Ich begreife selber nicht, wie ich es tun kann." „Alle machen es doch so," entgegnete Manja. i.,Was tun, wenn es nicht anders geht?" „Das weiß ich auch, es geht nicht anders, aber es macht das Herz nur noch schwerer. Wenn ich wüßte, daß es anders geht, ich ginge nicht als Amme...." Sie gingen rascher, denn es dunkelte, und die Kälte nahm zu. Die Menschen, diese unnützen Wesen, die nur eine Staffage für die Straßen waren, rannten an ihnen vorbei, der scharfe Wind ließ sie laut prusten. Abgerissene Sätze klangen herüber und hinüber. Die Hufe der Pferde stampften auf den Schnee, Rosse schnoben, Kutscherrufe ertönten in der Abendluft. An manchen Stellen brannten bereits die Laternen, und ihr trüber Schein spielte und glitzerte in dem zarten Schnee, der auf dem Fußsteig lag. Schweigend legten Ita und Manja den Rest des Weges zurück. Sie froren dermaßen, daß sie kaum imstande waren, die Kiefern zu bewegen und daß ihre Lippen ihnen nicht ge- horchten. „Was für ein entsetzlicher Winter," stammelte Mania mit großer Anstrengung, während sie mit Ita den Hof be- trat,„und wir sind doch erst im November." Ita antwortete nicht. Jenes Gefühl deS Abscheus und jene unklare Unruhe, die sie stets bei ihrer Rückkehr nach Hause empfand, übermannten sie wieder, und nach dem eigen, tümlichen Herzklopfen und der leichten Kälte, die ihren Rücken überlief, wußte sie schon mit Sicherheit, daß die Angst, die Furcht im Kommen war. Sie verlangsamte ihren Gang und faßte Manja an der Hand, um ihren Mut aufrechtzuerhalten. „Sagen Sie mir doch etwas Fröhliches," bat sie,„ich brauche jetzt so sehr ein Wort der Hoffnung." Manja blickte sie verständnislos an: „Ich weiß selbst nichts Fröhliches. Vielleicht Reichtum? Aber ich habe nie daran gedacht. Ein guter Mann, der mich recht lieb hat? Daran denkt man am besten gar nicht. Was denn noch? Wirklich, ich weiß nichts Fröhliches. Es bleibt mir doch nichts anderes übrig, als daß ich mich irgendwie bis zum Grab hinschleppe." Ita durchquerte nun rasch den Hof, den Blick starr auf ihre Wohnung gerichtet. Die Kammer war erleuchtet. Je- mand machte sich dort zu jchaffen und suchte scheinbar nach etwas, denn das Licht sprang bald hierhin, bald dorthin und warf gelbe Flecken auf den Schnee des Hofes. Jtas Herz krampfte sich vor Angst zusammen. „Wenn er mich wenigstens heut in Ruhe ließe," dachte sie. Sie öffnete die Tür und trat als Erste ein— als ob sie dem Unglück zuvorkommen wollte. Das unruhig springende Licht duckte sich plötzlich lauernd nieder. Ein Ita bis zum Grauen wohlbekannter Atem drang schwer und heiser an ihr Ohr. Instinktiv schob sie den Ellenbogen vor, um das Kind zu schützen. Neben ihr stand Michel, ohne Rock, in Hemdärmeln, mit einem dicken roten Tuch um den Hals. Sein Gesicht zuckte im Zorn, die Muskeln spielten wild, und ihre Anspannung drohte beinahe die sie bedeckende Haut zu sprengen. Eine dunkle Röte lag auf Stirn, Ohren und Hals, die Adern waren dick geschwollen und pochten deutlich. Er wollte etwas sagen, etwas rufen, aber erstickte beinahe am Zorncskrampf. Ita stand da mit ihrem im Winkel vorgeschobenen Arm, und ihr Gesicht war von einer entsetzlichen steinernen Ruhe. Manja schrie erregt ein paarmal auf. Der betäubende Knall einer niedersausenden Fliegenklappe ertönte. Dann wurde es wieder still. Von der Kraft des Schlages ward Ita plötzlich ganz klein, als ob man ihr die Füße abgerissen hätte. Sie saß auf dem Boden, ohne einen Laut von sich zu geben, legte das Kind neben sich, das Manja rasch aufhob, und wollte das Bett erreichen. Doch Michel kam ihr zuvor und packte sie am Schal und riß sie in die Höhe. Jetzt war Ita ganz zu- sammengekrümmt und ähnelte einer Toten in dieser starren Haltung. Aber sie war Michel zu schwer, fluchend warf er sie auf den Boden und schlug auf sie los, ohne zu sehen, wohin die Schläge fielen. Ita schützte geschickt ihr Gesicht vor ihnen� denn morgen sollte sie sich ja vorstellen. Sie war darauf be- dacht, nur den Rücken zu bieten, den sie wie eine Katze kriimmte und die Schläge halten laut, als ob sjx auf ein leeres Faß niedcrsausten. Doch bald hatte Michel an bloßen Faust- schlügen nicht mehr genug und versetzte ihr einige Fußtritts in die Seite. Ita stöhnte auf und kroch wieder auf allen Vieren dem Bett zu. Manja war vor Entsetzen wie gelähmt. „So hast Du mir Geld dagelassen?" schrie er endlich, sie immer noch mit Fußtritten verfolgend.„Willst Du mich, wie einen dummen Jungen, an der Nase herumführen? Deine Seele zieh ich aus Dir heraus für solche Faxen I Sag, warum hast Du für mich kein Geld dagelassen? Wart nur! In Dienst will sie gehen!" Ihre letzten Kräfte zusammenraffend, erhob sich Ita und setzte sich aufs Bett. Was sollte sie ihm sagen? Daß sie kein Geld bekommen hatte, obwohl sie gestern den ganzen Tag umhergelaufen war? Würde er es ihr glauben? Sie be- gann sich schweigend auszukleiden und weinte lautlos: „Wenn doch der Tod bald käme!" Das Kind fing an zu weinen. Manja ging zu Ita, um ihr beim Auskleiden zu Helsen und ihr das Kind zu geben. konnte sich aber nicht mehr beherrschen und sagte im Vorüber- gehen zu Michel: „Wäre ich an ihrer Stelle, ich hätte Sie getötet. Nachts hätte ich Ihnen sicher den Hals abgeschnitten. Sie sind doch — 682— ein wahrer Schuft I Sehen Sie, was Sie mit ihr gemacht haben." „Der Teufel holt sie deshalb noch nicht!" antwortete er finster,„sie kann noch mehr aushalten. Sie weiß, daß ich Geld brauche. Warum hat sie keins für mich? Spielen will sie mit mir? Das wollen wir doch mal sehen! Lebend laß ich sie nicht los." „Ein nettes Mädchen!" ertönte plötzlich eine Stimme vom Fenster.„So eine brauche ich gerade. Also den Hals hätten Sie ihm abgeschnitten? Wiederholen Sies noch mal." Manja drehte sich erschreckt um. In der Dämmerung hatte sie nicht bemerkt, daß im Zimmer noch jemand da war. Der Sprecher war„der schöne Joschka", einer von den Freunden Michels, die ihn manchmal, besuchten. Joschka war wirklich schön, aber in ganz besonderer Art. Es war die Schönheit eines Straßendonjuans. anziehend und reizend durch Zartheit und Regelmäßigkeit der einzelnen Gesichts- züge, durch weibische Schönheit der Haltung, durch träge ge- dehnte Sprechweise und gewisse äußere Eleganz. Diese Menschen sind meist von kleinem Wuchs, tragen an den Fingern breite Ringe, an den Handgelenken— Armbänder und haben einen eisernen Willen, der die Grundlage.ihrer Macht ist. (Fortsetzung folgt.)! (Nachdruck verdaten.� 3] fahrende Leute« Von Anna Reichert. Em!l erhob sich und ging in das obere Stockwerk, von wo eine Hithnerstiege unters Dach führte, zu der Schlafgelegenheit Emils und der Komiker. In dem oberen Stockwerk lagen der Scblafraum der Familie Eisebein, das Musikzimmer nebst dem Kostümmngazin und die Kammer der Lehrmädchen und Sängerinnen. Augenblicklich hatten Eisebeins keine„fertige" Sängerin, die, im Gegensatz zu den Lehrmädchen, die bloß zehn Mark monatlich bekamen, weil sie Gesang und Bewegungen der Variötvsterne hier erst lernen sollten, dreißig Mark monatlich verlangten nebst freier Station und keinerlei Hansarbeit zu tun brauchten— wie schwarz auf weiß in den gedruckten VertragSformularcn zugestanden wurde. Die Truppe vervollständigte sich durch Fridchen Lippschütz, die sich Sonnabends und Sonntags den Eisebeins anschloß und an den übrigen Tagen in ihrer Wohnung in Leipzig Klavierunterricht gab. Das alte Dämchen hatte vor einigen Jahren einen zwanzig Jahre jüngeren stellenlosen Photographen geheiratet und der zwang sie zwecks ausgiebigeren Gelderwerbs, unter Schminke und Perücke. in kurzem Flilterröckchen und Stöckelschuhchen als Soubrette auf- zutreten. Frau Eisebein sah mürrisch zu, wie Fridchen aß..Das reißt alles ins Geld," sagte sie aus ihren Gedanken heraus.„Was so ein Geschäft zu unterhalten kostet, das glaubt kein Mensch. Und wie das werden wird, wenn erst Hermine das ganze hat—!" Sie ließ sich sorgenschwer in einen Stuhl fallen. „Ich hoffe nicht indiskret zu sein," sagte Fridchen höflich,„aber was gedenken Frau Direktorin denn anzufangen, wenn Fräulein Hermine das Geschäft übernimmt?" «Na, man hat ja auch auf das Seine gcsehn in all den Jahren. Und Hermine mutz mir das Haus lassen oder 2S0 Mark Miete zahlen, das ist im Testament ausgemacht. Gott, wenn man allein wäre— I Aber da ist der Mann. Wie der das Geld rauswirft und wie der zu allem unbrauchbar ist, das ist nicht zu sagen. Und dann die Ziele I Die Stiinnie will und will nicht lauter werden. Hannes schickt sie zum Kantor, aber daS ist ja der allervcrkehrteste Weg. Kirchenlieder und waS weiß ich, übt sie da ein. Und ganz ohne Bc- weguugen l Ich sage ja— immer bloß rauswerfen, aber nichts rein- bringen kann er."Gott ja, wenn ich nicht wäre! Das Geschäft Eise- bei» war' wohl die längste Zeit gewesen." „Aber Herr Eisebein tut doch auch dasSeine", verteidigte Fridchen schüchtern. „WaZ denn? Er läßt sich Eiscbein nennen, weil er der Nach- folger von meinem Mann ist. Und loeil er den Profit von unserm alten schönen Geschäft hat. Der Vater und der Großvater von meinen, Mann— meinem ersten Mann— Hatten?cS schon. Ja, ja, so ein Glück hat er sich auch in der Wiege nicht träumen lassen, daß er noch mal, ohne einen Finger zu rühren, zu so einem Ge- schüft kommen würde." Fridchen schwieg. „Na, Sie wissen's ja auch— unsereins plagt sich und die Mannsbilder haben den Profit. Hat Ihrer denn jetzt eine Stelle oder sonst was in Aussicht?" „Ach, niein Mann ist noch immer im Harz und macht Auf- nahmen für Ansichtskarten. Seine Muster von gestickten Haussegen hat er auch mit,� daß er sie vorlegen kann, wenn er mal in ein Dorf kommt, wo sie so erwaS sonst nicht kriegen. Vielleicht seh' ich ihn heute. Er will's mal mit einem Stand als Momentphotograph auf dem Schützenplatz versuchen." „So so.' sagt- Frau Eisebein reserviert. Wenn er da nur nicht wieder bei Ihnen schmarotzen kam!.. „UebrigenS, vielleicht interessiert Sie daS, Frau Direktor t- mit blinden Sängerinnen läßt sich sehr viel Geld verdienen." «Mit blinden—? Wieso denn?" «Ja, ich lernte vorige Woche eine Oberlehrerwitwe in Leipzig kennen. Ihr Töchterchen nimmt bei mir Unterricht. Ein Sohn studiert Theologie und ein anderer Philologie— sehr feine Leute. Die Dance hat eine erblindete Sängerin zu sich genommen und geht bei den Herrschaften herum und verkauft KonzertbillettS für_ ein, zwei und drei Mark. Buch hin und wieder in anderen Städten:' das betrachtet sie dann als Vergnügungsreise. Unkosten hat sie fast gar nicht, nur die Klavierbegleitung am Konzertabend— wenn ich statt 1,50 Mark nur eine Mark pro Stunde für das Töchterchen nehme, soll ich die Begleitung bekommen. Und dann der Saal. Aber oft ist der auch umsonst, des guten Zweckes wegen; das Publikum muß dann an Tischen sitzen und Bier trinken. Sie ist außerordentlich zuftieden mit den Einnahmen. Sie ist aber auch, wie gesagt, wirklich Dame und kann sehr gut ihr Wort machen. Und da es für einen guten Zweck ist, genieren sich die Herrschaften» sie abzuweisen, wenn sie die Billetts anbietet." „Das ist eine Idee I" sagte Frau Eisebein ftappiert.„Mein Wort kann ich auch machen, das Gegenteil soll mir keiner nachsagen. Und wenn Hermine das Geschäft hat.... Ich wollte sowieso gern in eine große Stadt ziehen: eine intelligente Frau wie ich und hat noch nicht mal Berlin gesehnt es glaubt's einem ja keiner. Ohne Ge- schüft wär es nur zu teuer; soviel Hab' ich nicht. Ist so eine Blinde schwer zu bekommen?" „Das weiß ich nicht. Aber ich glaube nicht. Sie find ja so hilflos. Und besonders, wenn Sie ihr noch Prozente von der Ein- nähme abgeben würden—" „Aber ich bitte Sie," sagte Frau Eisebein beleidigt.„Ich werde doch keine sckilechteren Geschäfte abschließen als so eine LehrerS- frau I Wo ich im Geschäft groß geworden bin I Da müßte ich mich ja vor mir selber schämen." Draußen vor der Haustür erklang eine helle Stimme. Gleich darauf traten Vater Eisebein und sein sechsjähriges Töchterchen ins Haus. Cäcilie Winkler reichte Fridchen Lippschlltz freundlich die Hand, stellte ihre Musikmappe auf die Erde und aß schnell ihr Mittagbrot, während Vater Eisebein Fridchen unterhielt— fein und galant wie ein Kavalier. Die alte Dame errötete in einem fort, aber nicht vor Verlegenheit, sondern vor Freude. Ja, Herr Eisebein war ein feiner Mann, ein Kavalier und ein Künstler, und Cäcilchen ein liebes Kind. Um dieser beiden willen konnte sie sich schon damit abfinden, Sängerin in der Truppe Eisebein zu sein. Wo so feine, liebe Menschen mittaten! Vater Eisebein schaffte Leiter und Farbtöpfe auf den Hof und ging dann mit Cäcilchen die Treppe hinauf ins Musikzimmer. „So, jetzt haben wir noch ein Stündchen für uns," sagte er. sich vergnügt die Hände reibend.„Nun, was meinte der Kantor?" «Er war wieder mal ganz entzückt," verkündete Cäcilchen glück- lich und ihr blasses, mageres Gesicht erglänzte vor Freude.„Ich hätte eine so liebe Stimme, meinte er. Und goldrein. Aber Varcr, ich dürfte und dürfte nicht auftreten. Im Zelt, wo vor einem das Karussell und hinler einem die Pauken Lärm machen, da käm ich ganz von selbst ins Schreien, und das ruinierte die Stimme für Lebenszeit." „Ach, Kind, Kind," sagte Vater Eisebein, unglücklich die Hände windend,„ich will's ja auch nicht. Ich kann's gar nicht hören, wenn Du singst,— weil ich weiß, daß es der Stimme nicht gut ist; sonst würde ich mich ja über Dein Auftreten freuen. Aber sie will's doch." Cäcilie seufzte.„Soll ich Dir die Kantate vorsingen?' fragte sie, um den Vater auf andere Gedanken zu bringen. „Ja. ja." „Soll ich selbst begleiten? Oder soll Emil—' „Ach, Herzchen, wenn Du's selbst könntest—" Cäcilie setzte sich vor den alten Flügel, in dem sämtliche Saiten durcheinandcrklirrten, und sang mit einer feinen, beseelten Stimme „Mein gläubiges Herze." Mit gcfaltcnen Händen stand Vater Eiscbein andächtig dabei. „Dn Goldkind," sagte er, als sie geendet und streichelte ihren dünnen blonden Scheitel.„Du Künstlerin. Ja, wir zwei— k Sieh mal," lächelte er verschmitzt,„die da unten verstehen das nicht. Ich soll daS HauS weiß anstreichen, wie Kaufmann Junker scins. Ich machte unser Hans lächerlich, sagen sie. Und dabei Hab' ich'S doch in den Kunstvorträgcn gehört, daß Häuser wie nnser's, mit solchem Stil, so, ganz so, wie ich'S jetzt mache, bemalt werden müssen. Und es war auch früher so: ich Hab' damals die Farben deutlich noch in den Vertiefungen gesehen." Cäcilie lächelte.„Freilich, Vater, hast Du Fridchen schon ge- zeigt, was Du diese Woche alles gemalt hast?" „Von dem Haus und den Treppen Hab' ich ihr erzählt. Aber von den Bildern nicht; die Mutter war dabei.— Sieh' mal, Cielchen, jetzt ist's trocken." Vater Eisebein holte eine mit grell- roten Rosen und giftgrünem Krautzeug benialte Leinwand hervor und betrachtete sie zärtlich. „Fein, Vater!" „Ja, nicht? Ach, Kind, eS ist zu schade, daß Du fürs Malen kein Tnlcnt hast. Na. aber dafür hast Du die Musik. Darin kann ich wieder nicht mit.- „Vatier— Ciele— wir müssen gleich gehen. Macht voran I* «Ja I- rief Vater Eisebein hinunter.„Du, Ciele." meinte er zögernd,„ich freu miS ja, wenn Du so schön aussiehst auf der Bühne— aber hör— könntest Du das rote Kostüm mit den rosa Rosen nicht für Liese lassen? Es ist so— so— arg weit oben offen." „Ich wcrd'S Mutter sagen.— Ach Gott, wenn doch erst wieder Montag war!" „Warum denn?" meinte Vater Eisebein kopfschüttelnd.„Ist e-Z nicht fein, wenn wir singen und spielen und tanzen? Hermine und Mutter sagen manchmal freilich was abscheuliches. Aber das gehört mit zum Geschäft; nur Deine und Fridchens Lieder, das wollen die Leute nicht; Couplets müssen auch sein. Und wenn sie hübsch ge- sungen werden— graziös weißt Du, so wie voriges Jahr die Else— und so fein dabei geranzt— dann ist's doch sehr nett. Liese ist freilich noch ein Stockfisch." sFortsetzung folgt.) (Nachdruck verboten.) Galläpfel. Von Eduard Oppek. Wer kennt sie nicht, die rotbäckigen kugeligen Auswüchse, die manchmal zu halben Dutzenden an der Unterseile der Eichenblätter hängen? Welches Kind wüßte nicht, daß auS Verwandten dieser Gebilde, die auS der Levante zu uns kommen, eine prächtige Tinte bereitet wird? Man bezeichnet diese und hunderterlei andere Miß- bildungen an Pflanzen ganz allgemein als„Gallen", doch wollen wir uns hier auf jene beschränken, die ihre Entstehung tierischem Einflüsse verdanken. Insekten sind eS, die die Gallen hervorbringen, so Fliegen, namentlich aus der geschmeidigen Sippe der Gallmücken, ferner einige Käfer, sodann Blattläuse und Blatt- und Gallwespen. Kein Pflanzenteil, von der Wurzel bis zur Krone, vom Blatte bis zur Blüte und Frucht, bleibt von Gallen verschont, und so brauchen wir uns denn auch über die große Maunigfaltigleit der Mißbildungen nicht zu wundern, die bald als Kugel, bald als Kegel, hier als Hut, dort als Horn sich darstellt, die einmal als„Hcmdk'nopf" und wieder als „Häubchen", bald als Kringel, bald als Wulst unsere Aufmerksamkeit fesselt. Bei manchen Rosenarten will es gar scheinen, als habe eine mutwillige Hand einen zusammengeballten Moosbausch über die Blätter oder zwischen die roten Hagebutten geworfen. So erheben sich bei der MooSrose zierlich verzweigte, mit roten Köpfchen gekrönte Borsten- haare und hüllen die Blütenknospen wunderlich ein. In krausem Gewirr bekleiden mooSartige gelbgrüne oder rote Faserbüsthel auch die kugeligen dicken Gallen, die der Stich einer kleinen Gallwespe lUdoditos Kosae) an den Blättern und Zweigen der Wein- und Heckenrose hervorruft. Das junge Blatt wird sofort in der rcgel- mäßigen Entwickelung gehindert und der Aufbau der Zellen in be- stimmler Weise beeinflußt, so daß zahlreiche lange Haare und Fransen gebildet werden, die sich rasch vermehren, sobald aus dem in das Blattgewebe eingestochenen Jnsekteneichen die Larve aus- gekrochen und tiefer in die Kammern des mittlerweile entstandenen „GallenmarkeS" eingedrungen ist. Das Mittelalter sah in diesen seltsamen Auswüchsen, die DodonaeuS anno 1582 mit den Stachelfrüchten der Edelkastanie, Caesalpinus 1ö83 mit kleinen Seeigeln vergleicht, den Sitz geheimer Zauberkräfte. Wer Rosen- schwämme unter das Kopfkissen legte, verfiel in einen tiefen Schlaf. So sind die krausigen Gebilde im Volksmund heute noch als Schlaf- äpfel bekannt. Die mittelalterliche Medizin schrieb ihnen eine wirk- same Heilkraft gegen Schlangenbiß und Skorpionstich zu. wie sie denn überhaupt gegen allerlei Krankheit, Elend und Ungemach mit gutem Erfolg zu brauchen seien. Schon im Altertum war der Rosen- schwamm bekannt: PliniuS beschreibt die Gebilde als exonZiolas cyoTThodovi. Während die Kammern des Rosenschwammcs häufig von zahl- reichen Maden bewohnt sind, findet man in der Gallkugel des Eichen- blattes imnier nur eine einzige Made; genau im Mittelpunkt der Kugel liegt sie, rundum von dichtem Nähr- und Schutzgewebe um- geben. Hat die Gallwespenmutter da? Blatt angestochen und, für Nach- kommenschaft sorgend, ihr Ei abgelegt, so beginnt mit auffallender Schnelligkeit die Bildung des GallenmarkeS, das den jungen Larven zur Speise dient. Die Tierchen entwickeln dann auch einen erstaun- lichen Appetit und hätten wohl in wenigen Tagen den ganzen Vor- rat aufgefressen, wenn die abgeweideten Markzellcu nicht alsbald und mit verblüffender Schnelligkeit wieder nachwüchsen, �wie ab- ! geweidetes Gras auf der Wiese nachwächst. Da die Galläpfel mit tärkemeblhaltigen und au sonstigen Nährstoffen reichen Zellen aus- gerüstet sind, so sind sie begreiflicherweise ein vielbegehrter Angriffs- punkt fiir andere Klcintiere. Aber harte Schalen, herbe Stoffe der Außenschicht, pelzige Ueberzüge, struppige Fortsätze �und andere Schutzmittel, wie man sie ähnlich an reifenden Früchten wahr- nimmt, halten ungebetene Andringlinge fern. Diese äußere Aehnlichkeit zwischen„Markgallen" und Früchten rechtfertigt die Bezeichnung der beerenartigen, pflaumen-, apselmus-, kapselartigen Gallen nsw. So ähneln in der Tat die von der Buchengallmücke sHormouZia fagi) auf dem Laube der Rotbuche verursachten Gallen kleinen Pflaumen, während die an dem Blüten- stand der österreichischen Eiche erzeugten Gallen in Form und Farbe genau wie rore Johannisbeeren aussehen und auf den ersten Blick auch oft genug dafür gehalten werden. Gar verschiedenartig wird die Oeffnung der Gallen vor- bereitet, durch die schließlich das fertige Insekt den Weg zur Freiheit in die Außenwelt sindel. In manchen Fällen bleibt die Stelle, wo das Insekt das Blatt angestochen hat, offen, in anderen aber wird sie durch sich bildendes Korkgewebe fest verschlossen. Hier muß dann das puppenentschlüpfte Insekt mit seinen Kiefern einen Kanal aus- beißen. Auf diese Art verlassen die Gallwespen ihre sichere Be- hausung. Ander? ist es bei vielen Gallen, deren Erzeuger zu ge- wissen Fliegenarten gehören. Da wird z. B. bei den von Diplosis tremulae an Blattstielen und Blattflächen der Espe und den von Hormomyia Capreae auf den Blättern der Salweiden veranlaßten Gallbildungen schon- während der Entwickelung des Marke? ein Kanal angelegt, durch den das fertige Insekt in die Außenwelt gelangt. Wieder andere Markgallen gleichen einer mit einem Deckel versehenen Kapsel. Eine solche wird von der Gallmücke(Escidom�ia cerris) an den Blättern einer Eichenart erzeugt. Die Galle ragt wie ein spitzer Kegel über die Oberseite des Blattes und schließt auf der Unterseite mit einer kreisrunden Scheibe, die büscheldicht mit Haaren besetzt ist, ab. Im Herbst, wenn die Larve herangewachsen ist, löst sich die Scheibe wie ein Deckelstück los, fällt zur Erde und mit ihr die Larve, die sich im Boden einspinnt, im Frühjahr zur Puppe und dann zur Gall- mücke wird. Noch seltsamer entwickelt sich die durch den Schmetterling Eocidosss Eremita an dem grünen Rindengewcbe der jungen Zweige eines südamerikanischen„Birnbaumes" angelegte Galle. Kugelrund ist sie und sehr hart. Der Ansatzstelle gegenüber bildet sich, wenn das Räupchen zur Puppe werden möchte, ein regelrechter Propfen aus. der in der Galle sitzt wie der Kork in der Weinflasche. Löst sich der Pfropfen, so entsteht ein kreisrundes Loch, durch das die Made ihre Wohnung verläßt. Wer diese Galle nicht mit eigenen Augen gesehen hat, schreibt Keruer, könnte versucht sein, die Schilderung derselben für eine Fabel zu halten. Und doch gibt es noch merkwürdigere Formen in dieser Abteilung der Gallbildungen. So bauen sich Gallen der großblätterigen Linde bis zum Sommer besondere Jnnengallen, in denen die Maden sitzen, wie der Dotter im Ei. indessen das Ganze in die Außengalle eingesenkt ist, wie ein Ei in dem Eibecher. Zur rechten Zeit wird die Jnnengalle ausgestoßen. und mit ihr gelangt das Räupchen zur Erde, wo es sich im nächsten Frühjahr verpuppt, nachdem es den Deckel seines Behälters ab- gestoßen und die Freiheit erlangt hat. Neben den Markgallen beobachtet man Filzgallen, Roll-. Mantel-, Stusti- und Fallengallen. Die Filzgallcn werden meist durch Unscheinbar- Milben erzeugt, die sich die Unterseite der Blätter von Linden, Erlen. Hainbuchen und Roßkastanien, von Brombeersträucher». Wcinstock und Nelkenwurz aussuchen. Mannigfaltig ist die Färbung der Filzgallen. An den Blättern der Buchen, Linden, Ahlkirschen, Brombeeren, Fingerkräuter und Bccherblumen ist sie weiß, am Fcldahorn grünlich, ani warzigen Spindelbaum gelblich, an der orientalischen Erle und an der Schwärz- pappel schwefelgelb, an der Alpenerle undIan den flaumhaarigen Birken karminrot und violett, an der Nelkenwurz, der Roßkastanie und der Espe brarm.(Kerncr.) Lange Zeit hat man diese filzigen Ueberzüge für pilzliche Schmarotzer gehalten und sie sogar unter einem besonderem Naincn(Erineum, LbxUorium) als besondere Gattungen beschrieben. Gewissen Blattläusen und Blattflöhen, Milben und Fliegen verdanken die Rollgallcn ihr Dasein. Die Faltengallen zeigen sich in der Blattmasse als tiefe faltenförmige, bisweilen ge- schlängelte Rinnen, die wie Schwielen an der Blattuuterseite schwülstig hervorragen. Fiir die große Verschiedenheit der Gallen- gestaltung sprechen lerncr die Bezeichnungen Runzelgaven, Hörnchen- gallen, Köpfchen-, Taschen-, Beutel-, Sack- und Nagclgallen. Eine absonderliche Art bilden die sogenannten Umwallungsgallen, die dadurch entstehen, daß das angestochene oder besiedelte Gewebe in- folge des empfangenen Reizes zu wuchern beginnt,„sich in Form fleischiger Schwielen und Wälle erhebt und solange sortwächst. bis die Ansiedelungsstelle der Tiere dachförmig oder kuppelförnng über- Wallt und überwölbt ist". Dahin gehören u. a. die„Terpentin- galläpfel", die von BlartlauSkolonien bewohnt werden. Die Reich- haltigkcit der Gallfornicn wird noch dadurch erhöht, daß mehrere an- einaudsrgrcnzende Glieder einer Pflanze zusamnrengesetzte, sogen. Kuckucks-, Klunker- oderKnoppcrgallen abgeben. Da ähnelt eine solche Galle der Zapfenfrucht einer Zypresse, eine andere wieder einer Kartoffel- knolle, eine dritte kleinen Ouittenäpfcln. Eine Pflanze verdankt den Knoppergallen gar ihren Namen. Auf der Insel Kreta wächst eine Salbeiart, die Linns die„äpfeltragende"(Salvia pornifcra) getaust hat, so häufig trifft man die kleinen apfelartigen Gallen an ihr. In Oesterreich kennt man gewisse Gallgebilde als„Kuckucksknöpfe", da man den Kuckuck im Verdacht hat, daß er sie hervorgebracht habe, wie man ja auch den Kuckuck für die speichelartigen schaumigen, von der Schaumzikade an der„Kuckucksnelke" abgeschiedenen Massen verantwortlich gemacht hat. Diese Gallen sind den Umwallungsgallen wef.'nsverwandt. An Fichten und cm Gternlrautern sz. C. Labkraut und Waldmeister) find Kuckucksgallen nicht selten. Mit dem Namen Klunkern bezeichnet man tn Norddeutschland Mißbildungen an den Blutenständen der Esche,»vo die Häufung von Blattgebilden zu Knäueln und Knöpfen besonders auffällt. Mücken und Milben, Blattläuse und Blattflöhe find die Haupterreger der Klunkergallen. Hierher gehört beispielsweise daS seltsame Gebilde an den Zweigspitzen der Salweiden, das der Volksmund»Weiden» rose' getauft hat; dazu zählt ferner die»Rosctlengalle' am Weiß- dorn..Rose' und.Rosette' fallen um so eher auf, als sie lange nach dem herbstliche» Laubfall noch in den Gesträuchen fest« haften. Je nach den, Stande der Blätter erscheinen die Klunker» gallen auch als Ballen oder Bündel, Onastcn oder Zöpfe, Büschel oder.Hexcnbesen'. Wie Troddel sehen die Gallen aus. die ein Blattfloh an den Halmen mancher Simsen erzeugt; an Zöpfe und Hexenbesen erinnern die Milbengallen der Felder- und Silberweide und des Flieders. Gar wunderlich werden selbst die Blüten durch gallenerzeugende Tiere verändert. Die bizarren Formen, die »vir bisweilen bei blüheiiden Schafgarben, Nelkengewächsen, Gentianen. Ehrenpreisen, bei Sllpenrosen und Baldriangewächsen beobachten. sind meist auch vo» Milben verursacht. Es ist einwand- frei nachgewiesen, daß durch den Einfluß von Gallcnerregern ein- fache und halbgefüllte Blüten zu gefüllten wurden, indem eine auffällige Verntehrnng der Kronblätterzahl eintrat. Daher läßt sich der Schluß nicht von der Hand weisen, daß infolge von Vererbung der durch Gallenstiche in den Zellen angeregten Eigenschaften des Protoplasmas gefülltblühende Zierpflanzenarten entstanden sein können. Die meisten und mannigfaltigsten Gallenerreger weist bei nnZ wohl die Eiche auf. Nach Brehm kommen an ihr vor: Zwanzig Blatt«, vier Blattstielgallen, acht Gallen an den männlichen Blüten, »nehr denn zehn an den Knospen, sieben an Zweigen und jungen Trieben, drei am Stamm, eine gleiche Anzahl an der Wurzel und dem oberirdischen Wurzelstocke. Brehm erzählt auch, daß sich bereits die Alten eine Gallwespe(C�nsps Pseues) zunutze machten, um mit ihrer Hilfe saftigere und schmackhaftere Feigen zu erlangen. Und noch beutigentags verwendet man in Griechenland große Sorgfalt darauf, die.Kaprifikation' der Feigen an den veredelten Bäumen durch dieses Tier zu bewirken. Man pflückt die wilden Feigen, in denen das Insekt haust, Ende Juni ab, verbindet je zwei nut einem Binsenhaln, und hängt sie zwischen die Früchte der edlen Feigen- bäume. Sobald die wilden Früchte einschrumpfen, kommen die In» fetten hervor, bilden eine zweite abnorme Generation und stechen die Edelfeigen an. Das hatten die Züchter beabsichtigt. Ehe nun die Larven auskommen, werden die angestochenen, in dem Bestreben, Gallen zu bilden, sastreich und fleischig gewordenen Früchte gecrntet. Und das ist wohl eine der seltsamsten Arten, wie sich der spekulative Mensch Insekten zur Erzielung befferer Früchte, zur Hebung des Obstbaues nutzbar macht. Die Rosengallen findet man an wilden Rosen den ganzen Winter über, und im Frühjahr wird man sich wundern, in den .SÄIafäpfeln" nicht nur Nachkommen der Roscngallwespe zu finden, sondern allerlei Getier, das in den geschützten Kammern die kalte Jahreszeil westlich überstanden hat. Auch den Eichengalläpfeln stellen einige Schmarotzer nach, die noch kein Obdach für den Winter gefunden haben. Schon jetzt kann man in den schlaff und ver- schrumpft am Lanbe hängenden Galläpfeln den einen oder anderen Schmarotzer, der fich's behaglich gemacht hat, ausstöbern. deines Feuilleton. Robert Schweichel und der Tiroler Lolksaufstand. Es gehört sich Wohl, wenn wir des Tiroler Freiheitskampfes gedenken, daß wir unseres verstorbenen Genosien Robert Schweichel nicht ver- gessen. Bekanntlich hat die deutsche Dichtung einen großen Anteil an jener Bewegung genommen. In zahlreichen Liedern— es sei nur an Julius Mosens Andreas Hofer-Ballade erinnert— selbst m Drainen und Romanen ist sie gefeiert worden. Noch in diesen Tagen hat Peter Rosegger einen Roman veröffentlicht. Zuerst hatte sich des Stoffs Hermann Schmied bemächtigt. Unter allen Prosaexen ist aber wohl Robert Schweichels dreibändiger Roman:»Die Falkner von S a u k t B i r g i l' als die bedeutendste dichterische Leistung anzilsprechen. Schweichel führt uns da in ein gesimdes, gewaltiges Volksleben ein; er schildert unS die Bauern von Tirol. wie sie einst die Stutzen auf die Schulter nahmen, nicht um auf Gemsen, sondern auf Franzosen mid Bayern zu jagen, welche zur napoleonischen Zeit auf dem steifen Nacken der Aelpler herumweten zu können glaubten. Der Roman erschien Mitte der achtziger Jahre, gerade als die jüngstdentsche Literatnrbewegung hohe Wellen schlug und alles, was irgendwie.historisch' anmutete, von den Stürmern und Drängcrn mit Dreschflegeln niedergeworfen wurde. Trotzdem drang die Schweichelsche Schöpfung durch; nicht zuletzt dadurch, daß ni ihr ja selber der Sturn, der Befreiung weht; und dann, weil es sich hier nicht um die Geschichtsklitterei eines Epigonen, sondern um das Werk eines wahrhaft bedeutenden Dichters und Künstlers handelte. Damit, daß wir den Kern dieses Romans als Schilderung des Tiroler Freiheitskampfes bezeichnen, ist auch der spezifisch demokratische, volkstümliche Zug desselben ent» schleiert. Geschichte und Roman sind hier harmonisch verschmolzen. Der Krieg der Liebe verläuft hier eng verflochten mit dem Kriege der Schwerter; oder, wie Franz Mehring damals geurteilt hat: »die Dorfgeschichte wächst zu den Höhen der Menschheit heran; ge« schichtliche Gestalten, Hofer, Speckbacher, Haspinger schreiten durch sie; die unsterblichen Donner der Schlacht am Jselberge, welche Schweichel in einem prachtvollen Gemälde schildert, hallen in ihr wider. Aber sie greift nie und nirgends über ihre künstlerischen Schranken hinaus; indem sie Volksgeschichte wird, ist sie Dorf- geschichte geblieben.' Ueberall zeigt sich der echte Poet: er hat Stiinmungsgewalt. Zwischen dielen bald erquickenden und er» bebenden, bald ergreisenden und erschütternden Seelengemälden schildert uns Schweichel auch die Alpemiawr als Staffage so färben- satt, so lebensvoll und begeistert, so plastisch mit solcher Herrschaft über die Sprache, daß wir in den Tiroler Bergen, in den beforsteten Matten, inmitten der ragenden Gipfel, schroffen Zacken, purpurn er» glühenden Dolomiten, in diesem lieblichen Hochzeitsreigen blühender Täler, reißender Bäche, duftender Wälder, wie Finger gen Himmel zeigender Felsen, wie zu Hanse zu sein glauben. Schweichels Natur- schildcrungen find nicht aufdringlich, sie sind nur hineingestreut in die buntverwebte Handlung; aber die Landschaft stimmt so wunderbar zu den Gemlltsvorgängen, zu dem rauhen, knorrigen treuherzigen Wesen des tiroler Volksstammes, daß wir diese Berge, Schluchten und Täler liebgewinnen, als wären sie mit eine bändelnde Person. Und sie werden das auch, sobald eS— ungefähr in der Mitte des umfangreichen Romans— an die Schilderung der Volkserhebung gegen Bayern und Franzosen geht. Schweichel zeigt sich da als Meister in der Detailbeschreidung organisierter Revolution. Man muß das schon selber lesen, um es am eigenen Herzen zu spüren, wie es einen packt und mit fortreißt in den Strom der gewaltigen Handlung. Etwas von der sittlichen Läuterung, welcher der Dichter seine Charaktere unterwirft, vollzieht sich auch in dem Leser, und das ist doch schließlich Zweck und Prüf- stein jedes echten Kunstwerks. Nicht bloß wegen des tiroler Aus- standcs an sich sollten wir»Die Falkner' lesen, sondern um der symbolischen Kraft willen, die von dieser vom Freiheitshauch durch» pulsten Dichtung erfrischend durch die Stickluft unserer Tage führt! E. iL Statistisches. Die Welthandelsflotte. Ein neue? Schiffsregister für 1900/10 ist von dem englischen Klassifikationsbureau von Lloyds berauSgegeben worden. Aus diesem Register geht hervor, daß der Bestand der Welthandelsflotte von rund SO.S Millionen Brutto» Registertonnen auf 41,4 Millionen Tonnen gestiegen ist. Diese Steigerung ist gegenüber derjenigen in den drei vorhergehenden Jahren nm 1,9, 1,6 und 1,2 Millionen Tonnen sehr gering. Die deutsche Handelsflotte hat sich von 4 232 OOO auf 4 267 OOO Tonnen vermehrt, die englische von 18 710 000 auf 18 826 000, die ameri« konische von 4 853 000 auf 4 954000, die bereits an vierter Stelle stehende norwegische Flotte von 1 983 000 auf 1 994 000 Tonnen; ferner die französische Flotte von 1884 000 auf 1894000 und die japanische Flotte von 1 142 000 auf 1 153 000 Tonnen. Ver- hältnismäßig größer ist die Steigerung bei der belgischen. holländischen, italienischen mid schwedischen Flotte gewesen, nämlich von 209 000 auf 272 000, von 877 000 auf 942 000, von 1 285 000 ans 1320000 und von 904 000 ans 923 000 Tonnen. Die Segel- schiffsflotte hat von 5,2 Millionen auf 4,9 Millionen Tonnen ab» genommen. Bergbau. Australischer Bergwerk sreichtum. Die Bergwerks» behörden des mistrakischen Staates Neu- Süd- Wales hat jetzt ihren Bericht über die Erttägniffe des Jahres 1903 herausgegeben, der den außerordentlichen Reichtum dieses Gebietes an nutzbaren Mine» ralien ins hellste Licht stellt. Während Darwin, als er sich auf seiner Weltreise einige Zeit in diesem Lande aufhielt, dessen Zukunft hauptsächlich von der Enlwickelung der Viehzucht erwartete, hat es sich im Lanie der Jahrzehnte als ein Bergbangcbiet ersten Ranges gezeigt. Allerdings ist der Ertrag des Jahres 1908 im ganzen etwas unter dem de? Vorjahres zurückgeblieben, übertrifft aber noch daS Ergebnis aller früheren Jahre. Einen ganz neuen Rekord hat die Koblengewinnung aufgestellt, die 9 147 023 Tonnen betrug und einen Mehrgewinn von rund 8 600 000 M. erbracht hat. Der Kohlenerttag hat sich im Laufe des letzten Jahrzehnts mehr als verdoppelt. An Koks sind 800 000 M., an Zink ungefähr 1'/« Millionen, an Zement*/4 Million mehr erzielt worden. Eine sehr erhebliche Abnahme bat dagegen die SilberauZbente erfahren, die um nicht weniger als 35 Millionen hinter dem Ertrag deS Vorjahres zurückblicb. Auch der Kupfercrtrag ist nm 4'/, Millionen geringer gewesen. Ebenso ist der Goldertrag gefallen, der seit 1902 nicht mehr so niedrig gewesen ist wie im vorigen Jahr; der Verlust beziffert sich auf fast 2 Millionen Mark. Ferner ist ein Ausfall zu verzeichnen an Blei. Zinn, Eisen, Anttmon, Edelopak und anderen Mineralien. Der Gesamtwert der Erzeugnisse des Bergbaues bclief sich für das Jahr 1908 auf die stattliche Summe von 172 102 140 M. und der Wert der nutzbaren Mineralien, die bis zum Ende des Jahres aus dem Boden von NeufüdwalcS herausgeholt worden sind, erreicht die ungeheuere Summe von 8835 Millionen Mark. Berantwortl. Redakteur: Emil Unger, Berlin.— Druck u. Verlag: Vorwärts Buchdruckerei u.Berl«g»anstaltPanlSmgerLcTs..BerlmLVk.