Anterhallungsblatt des Horwärts Nr. 173. Donnerstag, den 9. September. 1909 Ita ftaine. (Nachdruck becBoten.), 10] Novelle von S. I u s ch k e w i t s ch. Autorisierte Uebersetzung aus dem Russischen von A. Lampert. �_ Finstern Antlitzes, begleitet von Gitel, die sich in diesem an ihre eigene Kindheit so lebhaft erinnernden Hof ganz außer- ordentlich tvohl fühlte, trat Jta in die Stube und blieb wie angewurzelt stehen, erschüttert durch das Bild, das sich ihren Augen bot. Auf dem von Schmutz bedeckten Boden, in Lumpen gehüllt, die kaum den kleinen Körper notdürftig verhüllten, krabbelte ein kleines barfüßiges Kind umher, krümmte sich wie ein Wurm und schrie kläglich. Keine Menschenseele war sonst zu sehen. Sich selbst überlassen und hungrig winselte es ununterbrochen und war so blau vor Kälte, daß die Grinde ztnd Wunden seines Gesichtchens kaum zu unterscheiden waren. Als Jta von Mitleid bewegt an das Kind herantrat und es in den Arn: nahm, quiekte es zuerst erschrocken auf. Als es dann aber die Wärme ihres Körpers fühlte, schrie es mit einem schluchzenden und zugleich freudigen Stimmchen aus und drückte sich krampfhaft an Jta, sie aus seinen qualerfüllten Augen unverwandt ansehend. Es zitterte und quäkte vor Kälte; Jta fühlte keinen Tropfen Wärme in seinem Körper- chen. Es ivar sechs Monate alt, aber nach Gewicht und Größe mochte man ihm nicht mehr als zwei geben.... Acrmchen und Beinchcn waren mit Grind bedeckt. An manchen Stellen hatte sich die Kruste halb abgelöst, und das Kind schien wie von Nadeln besteckt. Auch das Köpfchen war mit Wunden bedeckt, die von Läusen wimmelten. Jta weinte beim Anblick dieses kleinen Märtyrers mit dem greisenhaften Gesichtchsn, der nicht aufhörte, sich an ihr zu reiben, zu schluchzen und zu jammern. Mit einer Selbstverständlichkeit, die keine Frage aufkommen ließ, gab sie ihr Kind der daneben- stehenden Gitel, die sich über sie lustig zu machen begann, setzte sich auf einen Stuhl und entblößte ihre Brust, die von Milch und Lebenssaft strozte. Das Kind, an solche Kost nicht gewöhnt, wehrte sich zuerst, strampelte und warf sich in Jtas Armen hin und her, da es merkte, daß sie es nicht sei, die es als seine Mutter anzusehen gewohnt war. Erst als Jta ge- waltsam einen Strahl der warmen und süßen Milch in seinen Mund spritzte und sein halberfrorenes Gesichtchen an ihrer Brust wärmte, packte er gierig an und leerte schnalzend und fast erstickend vor Milchüberfluß ihre Brust in weniger als fünf Minuten aus. „Trink doch, trink. Du Armes," ermunterte ihn Jta, sich seines Glückes freuend,„wart ich geb Dir noch mehr. Wie hungrig Du bistl" Sie schien das eigentliche Ziel ihres Kommens ganz ver- gessen zu haben, setzte sich bequem auf dem Stuhl zurecht und reichte dem Kind die andere Brust. Es kam immer noch nie- wand. Gitel, die des Wartens überdrüssig geworden war und der das Halten zweier Kinder zu schwer wurde, entschloß sich, Jta zur Eile zu drängen. „Ich lasse mein Kind nicht hier," sagte Jta entschlossen, '„lieber will ich es gleich töten. Suchen wir eine andere Frau. Es kann doch nicht überall so sein. Die Scheina hat ja auch schon ein Kind, was soll sie mit noch einem?" „Sie glauben wohl, Sie sind eine feine Dame," lachte Gitel.„Alle nehmen zwei, drei Kinder in Pflege, und ihnen gehts nirgends so gut wie hier. Ich weiß es ganz genau, ich geb ja nicht zum erstenmal mein 5tind fort. Anfangs dachte ich so wie Sie jetzt. Aber als ich nachher die Wahrheit er- fahren und mich an sie gewöhnt hatte, schwieg ich und be- kümmerte mich nicht mehr darum. Da ist nichts zu machen. Was Sie hier sehen, ist nicht das Schlimmste, ich Hab genug zu sehen bekommen. Es gibt wohl noch andere Frauen, aber viel besser und sauberer ist es bei ihnen auch nicht." „?kie werde ich mich daran gewöhnen!" entgegnete Jta verstört, und legte das Kind, das nunmehr eingeschlafen war. auf ein Kissen,„und wenn die Menschen das kennen lernen würden, was ich hier gesehen, hätte alles Böse auf der Welt ein Ende." „Meinetwegen können Sie daran glauben und sich selbst betrügen, ich weiß aber Bescheid mit Menschen und sage Ihnen, daß ich schlimmere und gemeinere Hunde nirgend gesehen habe— obwohl ich selbst kein Engel bin. Bei ihnen habe ich es auch gelernt, so zu leben, als ob man mir das Herz her« ausgeschnitten hätte." Jta zog sich an, sie gingen und verschlossen die Tür. DaS am Tor stehende Mädchen stand noch in derselben Stellung und sah immer noch in die Ferne, die breite, endlos lange Straße hinab. Sie regte sich auch nicht, als die beiden Frauen an ihr vorübergingen, und blieb unbeweglich, wie ein Bild des Versunkenseins, ein Symbol der Sehnsucht, der Ver- zweiflung, des Dranges zu jener weiten, unendlichen Freiheit, in deren blaue Ferne Himmel, Erde und Luft sich zu einem den kettenbeladenen Menschen lockenden Geheimnisvollen und Unbekannten verweben. Die Zeit verrann, und Gitel mahnte Jta immer wieder zur Eile. Jetzt betraten sie einen Hof, der so eng wie ein Tunnel und ebenso dunkel war. Ihnen entgegen— so daß Jta und Gitel ausweichen mußten— kam ein Alter mit einem kleinen Sarg unter dem Arm. Ihm folgte eine Frau, die von zwei alten Weibern geführt wurde. Geschlossen wurde der Zug von einigen Frauen, die sich über etwas leise unter- hielten. Hinter ihnen drängten sich in angemessener Entfer» nung die Kinder des Hofes schmutzig und in Lumpen. Der Alte, der den Sarg wie ein Buch unter dem Arm hielt, ging rasch, fast ohne die Knie zu beugen, und sein Gesicht war ruhig und gleichgültig. Dieselbe Ruhe und Gleichgültigkeit lag auf den Gesichtern der Ucbrigen; kein Seufzen, kein Weinen war zu hören. Es war klar, daß es sich nur um eine leere, aber notwendige Formsache handelte— notwendig, um das Kind los zu werden— und daß sie allen unangenehm war, weil sie die für wichtigere Angelegenheiten notwendige Zeit und Aufmerksamkeit raubte. Als der Alte mit den Frauen vorüber war, fragte Gitel eine der Dabeistehenden, wer be- graben werde. „Ein Junge ist hier gestorben," antwortete die Ange- sprochene gleichgültig.„Der Winter ist rauh und die Pflege- kinder Haltens nicht ätls. Fünf Monate sei es alt geworden. Dafür kann man Gott aber danken. Die meisten sterben ja viel früher." „Wem gehört das Kind?" fragte Jta. „Haben Sie denn die Mutter nicht gesehen? Die zwei alten Weiber haben sie geführt. Sie ist Amme in einem armen Haus und tut nur so, als ob sie sich grämt: man muß doch zeigen, daß man sein Kind liebt. In Wirklichkeit ist sie aber s o zufrieden..." Die Sprecherin fuhr sich rasch mit der Hand unterm Kinn vorbei, s o war nach ihrer Meinung die Amme mit dem Tod des Kindes zufrieden, und setzte hinzu: „Wahrscheinlich tut es ihr jetzt im Geheimen leid, daß es nicht früher geschehen ist. Dann hätte sie sich das viele Geld für die Pflege sparen können. „Verstehe schon," zwinkerte Gitel,„alte Geschichten. Jetzt ist ja auch die Sterbesaison. Wieviel bezahlte sie fiirs Kind?" „Ach was, Saison!" mischte sich eine Zweite ins Gespräch. „Die Saison ist im Frühjahr. Kommen Sie mal im Früh- jähr her, dann stehen Euch die Haare zu Berge. Sogar die Luft wird manchmal schlecht vor lauter toten Kindern, so viel gibts. Besonders die Pflegekinder sterben nur so hin. Unsere eigenen Kinder können wir nur mit Mühe und Not durch- bringen, diese aber fallen hin wie Fliegen. Wahrhaftig hier ist es leicht, zum Henker zu werden." „Hören Sie doch auf!" flehte Jta entsetzt.-„Das Blut steht mir still. Gitel, kommen Sie." Sie schickte sich zum Gehen an, Gitel aber fragte: „Wo wohnt hier Mirel?" „Mirel? Gerade bei ihr ist ja das Kind gestorben. Wollen Sie ihr das Kleine da geben? Sie ist eine gute Frau. Gehen Sie nur weiter— die fünfte Tür rechts." Mit der Hand den Weg weisend, begleitete sie die Beiden bis zu Mirels Wohnung und kehrte dann um. Gitel und Jta traten in eine niedrige Stube, wo man kaum aufrecht stehen konnte. Der Boden war nichts wie bloße Erde mit einer Bast» matte bedeckt und roch schlecht nach Lehm und Mist. Am Tisch saß eine Frau und trank Tee. Zwei Kinder spielten auf dem Boden, direkt an der Tür. Als Mirel— denn sie war es— die beiden unbekannten Frauen mit Kindern aus den Armen Femerfte, tief sie ihnen, ohne die Tcerasis auZ der Zand zu lassen, statt jeden Grußes zu: „Haben Sie je so ein Unglück gesehen? Zum erstenmal kommt es bei mir vor, daß ein Kind stirbt. Zum erstenmal, so wie ich jetzt Tee trinke. Jetzt sitz ich und denke: waruni ist es gestorben? Eigene Kinder Hab ich nicht, die beiden da sind meiner Schwester Kinder. Mein Mann ist Tagelöhner. Ich bin nicht so wie andere, die Kinder haben und selbst in Arbeit gehen. Ich lebe bescheiden, ruhig, wie eine Hausfrau sein soll, habe immer zwei Kinder in Pflege und hüte sie wie meinen Augapfel." „Warum ist denn das Kind dann doch gestorben?" fragte Gitel lächelnd, denn sie kannte diese Selbstbelobigungen zur Genüge. „Warum es gestorben ist? Setzen Sie sich, das Stehen fällt Ihnen schwer. Und warum ist das andere nicht tot? Sie stellen komische Fragen. Was Hab ich von seinem Tod? Meinetwegen könnte es ruhig leben. Ich nehme ja doch an seiner Stelle ein anderes, was ist da fürn Unterschied?" .(Fortsetzung folgt.)i (Nachdruck vcrvolen.) � fahrende Leute. Von Anna Reichert. „Aeh�— Alfred Eisebcin stanipfte ärgerlich mit dem Fuße auf. „Du bist ja ein Scitanskerl. Da braucht also bloß was zu posfieren— und weil ich Dir Sonntag in der Betrunkenheit gesagt habe, daß ich die Hermine aus einem besonderen Grunde gern mal wieder in meinem Wagen schlafen lassen möchte, drehst Du mir dann einen Strick. Kannst Dir ja denken, was ich will. Hennüie ist ein hübsches Mädel." „Na, na, laß gut sein. Dafür braucht's den Gepäckwagen nicht. Wo läßt Du denn die Auguste?" „Ach was weiß ich— laß sich der Teufel mit Dir ein." Alfred Eisebein wandte sich ab. „Sei vernünftig. Entweder Du tust nichts— gut. Dein Schade. Oder Du tust was— und dann weiß ich geimg, um Dir den Profit zu versalzen. Du hast vorigen Sonntag eine ganze Menge aus- geplaudert; das kann ich alles beeiden. Also sagen wir: wenn das Geschäft Eisebcin statt an die Hermine an Dich fällt— kriege ich fünfhundert Mark." „WaS Du rcd'st. Wcnn's Hermine nicht kriegt, behält's eben die Alte." „Mach doch ein Ende mit Deinen Mfanzereien. Ich weiß so gut wie Du, daß sie's schon längst gern verpachtet hätte, wenn's ihr nur das Testament gestattet hätte. Sie hat ihr Schäfchen im Trocknen und will sich jetzt zur Ruhe setzen und die feine Dame spielen. Sie hat mir's heut erst wieder erzählt, will nach Berlin und sich eine blinde Sängerin halten." „Was geht's mich an," murmelte Eisebein. Lippschntz zuckte ärgerlich die Achseln.„Na, dann spiel also weiter den Dummen. Und binde Dir die Hände." „Wer sagt mir denn, daß Du mich nicht immer weiter schröpfst, wenn—" „Ich kann Dir's ja schriftlich geben, daß ich Mitschuld habe. Dann bring' ich ebenso mich an den Galgen wie Dich, wenn ich plaudere." Alfred Eisebcin dachte nach. „Herrje, bist Du schwerfällig," schrie Lippschütz nervös.„Her mit Papier. So, ich schreibe: Wenn das Konzertgeschäft Eisebein an mich fällt, so zahl ich an Herrn Ferdinand Lippschütz achthundert Mark bar.— Das ist der eine Zettel, den Du unlerfchreibst und den ich kriege. Dafür—" „Warum denn? Was soll denn das? fragte Fridchen Lippschütz. die unhörbar über den Rasen herzugekommen war. „Teufel Sakrament," schrie Lippschütz zurückfahrend, zorn- funkelnden Auges. Alfred Eisebein stieß einen schrecklichen Fluch aus. „Ich bitte um Entschuldigung, ich wollte die Herren nicht er- schrecken." sagte Fridchen demütig.„Ich sollte nur Fräulein Hermine holen; wir fangen an. llnd da hörte ich die Wette. Die acht- hundert Mark wirst Du aber wohl nie kriegen, Ferdinand. Fräulein Hcrmine ist Gott sei Dank so gesund. Und fteiwillig gibt fie das Geschäft nicht her." „Halt den Schnabel!" brüllte Lippschütz und holte mit der Faust zum Schlage aus. Fridchen wich entsetzt aus und flüchtete in den Wagen. „Keine Angst", sagte Lippschütz zu dem finster dastehenden Eise- bein.„Die tut uns nichts. Die tut und läßt, was ich will. Ist ja ihr eigener Nutzen.— Na. gehen wir ins Helle und machen die Geschichte perfekt?" Das Zell war noch fast leer als Friedchen fund Hermine ein- traten. Cäcilie und Liese saßen in ihrem Flitterstaat bereits als Lockmittel auf der Bühne. Unter Frau Eisebeins Stuhl stand die große eiserne Kasiette, die die gesammelten Gelber aufnehmen sollte, und auf ihrem wie auf HermineS und Fridchens Stuhl lagen die kleinen Taschentücher, die die Sängerinnen beim Sitzen über den Schoß breiteten, um da? Kostüm durch die anfiik.n. m Hände nicht zu beschmutzen. Seitwärts, einen halben Meter tiefer als die winzige Bühne logen die Garderoben, zwei Winkel, in deren jedem ein Stuhl zur Aufnahme von Spiegel. Schmin'kästen, Mänteln und etwaigen Requisiten stand. Außen von diesen Garderoben drängte sich Jung und Alt, um durch die Löcher der Zeltleinwand zu sehen, wie Hermine sich noch ein- mal das Gesicht überpuderte und mit dem Kohlestift über die blonden Augenbrauen strich, wie Fridchen die vorwitzige graue Haarsträhne unter die schwarze Lockenperücke zurückschob und wie Anton Seiffert sich die Nase rot schminkte und den falschen Schiner- bandb unier die gelbe Weste schob. Frau Eisebein kämpfte aufgeregt mit der Wirtstochter um daS Abendbrot. Sie erklärte es für notwendig und ihr gutes Recht, daß sie sich stärkten, ehe sie aufttaten. Die Wirtstochter behauptete, daß die Vorräte aus dem Gasthaus noch nicht eingetroffen seien. Vater Eisebein suchte zu vermitteln.„Singt doch schon einen Chor als Anfang. Das spricht sich dann rum und die Leute kommen. Es ist doch auch unser Prosit, wenn das Zelt bald voll ist; wir haben doch heute nur Kassiergeschäft." Frau Eisebein ließ sich endlich erweichen.„Damenckiorl" kam- mandierte sie. Frau Eisebein, Fridchen, Hermine, Liese und Cäcilie stellten sich in eine Reihe ganz vorn au der Bühne. Emil öffnete das Klavier. „Nummer 22.' Emil haute in die Tasten und die Damen schmetterten lo-Z. Vater Eisenbein hatte gut geraten. Beim dritten Vers strömte es in Scharen in das Zelt. Die meisten setzten sich auch schon und bestellten Bier. Einige Sparsame fteilich blieben im Gange stehen, um, sobald Hermine und Liese mit den Tellern von der Bühne herab- sprangen, fluchtartig zum Ausgang zu streben. „Daß Du nicht vergißt, mir von Zeit zu Zeit ein Glas Vier bringen zu lassen", mahnte Frau Eisebein leite ihren Mann.„Aber. daß der Kellner nicht sagt, daß es von Dir ist. Du weißt, es ist nicht wegen Trinken, es ist von wegen der Reputation. Hermine soll sich nicht zuviel auf ihre Traktemente einbilden." Die Vorräte trafen ein. Jedes Mitglied der Truppe Eisebcin konnte sich am Büfett eine fünf Zentimeter dicke Schnitte Brot und eine ganze Blutwurst holen. Vater Eisebein und die Komiker zogen sich mit ihrem Part in eine der Garderoben zurück; die weiblilhen Mitglieder mußten auf Frau Eisebeins Befehl ihr Essen auf der Bühne verzehren— das Brot in der einen, die Wurst in der andern Hand,— damit sich das Publikum beim Anblick jder leeren Bühne nicht wieder verlief. Hermine entdeckte den blonden Provisor am Zelteingang. Sie lächelte ihm zu und winkte ihn eifrig heran.„Da," sagte sie, Liese großmütig ihren Brot- und Wurstrest in die Hand drückend und stand auf.„Schönster Oskar, ich will was Warme? zu efien haben." Er nickte, reichte ihr die Hand beim Abspringen von der Bühne und setzte sich mit ihr an einen der roh zusaninicn- gezimmerten Tische. „Das ist ein feiner Mann," sagte Frau Eisebein, neidisch hinübersehend.„Der hat voriges Jahr der Hermine zwanzig Mark geschenkt." Cäcilies Gesicht zog sich schmerzhaft zusammen.„Da," sagte sie und gab nun auch ihre Reste an Liese. „Bilde Dir man nicht ein, daß Du auch Essen spendiert kriegst," meinte Frau Eisebein.„Da muß man ein and'res Gesicht machen als Du immer machst."— Cäcilie starrte mit weiten, traurigen Augen ins Leere. „Du bist selbst schuld. Warum gibst Du Dir nicht wenigstens Mühe, so den reckten Schick und Pli zu kriegen? Liese kann'S ja schon bester wie Du. Aber wenn Du nicht rumgehen willst, ein- sammeln und Dich ans Publikum ranmachcn, und ein bißchen zu scharwenzeln und nett zu tun und beliebt zu machen—" Cäcilie stand hastig auf. Sie hatte ihren Vater entdeckt und winkte ihn näher.„Vater, nicht wahr, ich brauche nicht einsammeln gehn?'_ „Nein, nein." sagte er erschrocken,„das will ich nicht. Bleib immer auf der Bühne, hörst Du?" Beruhigt setzte sie sich wieder. Liese sang mit saftiger, ausgiebiger Stimme ein neckisches Couplet. Ihr von dem kurzen, wüst gekräuselten Haar umwalltes Posaunenengelgesicht sah toternst dabei aus und ihre Arme weiteten sich bei jeder zweiten Zeile in einer langsamen, Pastoralen Bewegung wie segnend auseinander. Die Vorträge der Sängerinnen und Komiker jagten sich. All« mählich wurde die Stimmung im Zelt animiert. Die Tische füllten sick. Hermines schlimm gewürzte Couplets und drastische Bewegungen emfesselten johlende Beifallsstürme. Der Platz zu ihren Füßen wurde nie leer von Biergläsern und Kaffeetabletts. „WaS willst Du haben?" fragte der Provisor, der mit anderen jungen Herren den Honoratiorentisch dicht vor der Bühne bildete. „Bier hast Du nun genug, Hermine." „Du kannst mir Schokolade kaufen und einen Likör. Und hör' — der kleinen Schwarzen, die jetzt einkassieren geht, spendierst Du einen Kaffee. Mit Kuchen." »Wie Du wünschest. Verdient hat sie ihn zwar nicht; sie zirpt ftle eine Grasmücke. Dn, fing gleich noch»nal das Lied vom Harlekin mit der Strippe." „WaS krieg ich dafür." „Den Likör." „Pfui, wie gnietschig." „'Ne Mark extra." „Du bist ein süßer Junge. Weißt Du auch noch alleZ vom Vorigen Jahre?" „Na ob." Sein Gesicht rötete fich. Er stand auf und trat ganz an die Bühne heran.„Du Hermine", fragte er leise, daß die Freunde es nicht hörten,„kannst Du gleich nicht mal unauffällig heraus- kommen?" Sie nickte. Fridchcn Lippschütz erschrak, als ihr der Kellner den vom Provisor gespendeten Kaffee reichte.„Ach nein," sagte sie und sah Hermine an.„Sie haben ihn für mich geschnurrt, Fräulein Hermine." „Nein, das tu' ich nicht mehr, weil Sie ihn dann nicht trinken, Sie komisches Krukchen. Der Herr da fragte mich, was er spen- dieren sollte." Fridchen stand errötend auf und machte jnit dem Tablett in der Hand dem Provisor einen zierlichen Knix. .Hermine," flüsterte Cäcilie der Schwester zu,„bitte, bitte, laß mich in Onkel Alfreds Wagen schlafen. Ich Hab' vorigen Sonntag mit Fridchen und ihrem Mann in einem Bett geschlafen. Ich kann und kann es nicht wieder tun." „Warum soll ich es denn können?" „Wir können ja beide in den Gepäckwagen gehen. Ich will gern die ganze Nacht in der Ecke sitzen, wenn kein Platz für drei ist." „Sei ruhig, Kleine. Ich will mal sehn, was sich machen läßt. Aber hör, sag noch nichts davon." „Nein, ich bin ja extra still gewesen. Sonst will's Mutter grade." sFortsetzuiig folgt.) �Nachdruck verboten.) Straßenbäunu In der Großftadt Vier Reihen Bäume ziehen sich vor meinem Fenster die Straße entlang, meist Kastanien und Platanen, dazwischen vcrcrnzette Rüstern. Es sind schöne Stämme, vielfach fußdick und zum Teil bis in die Höhe des dritten Stockwerkes ragend. Und doch find sie viel dürftiger als ihre gleichaltrigen Kameraden, die im freien Felde, auf weiten Dorfplätzcit oder entlang den Landstraßen aufwachsen. Selbst bei den Platanen, die noch am frischesten grünen, fällt die Kleinheit der Blätter auf. Und gar bei den Kastanien I Da sind die Blätter besonders kümmerlich euNvickclt; gering an Zahl, vermögen sie nur spärliche Schattenkringel über den Boden zu verstreuen; sie sind ver- schrtimpelt, verrunzelt, wie zerknüllt, steif wie vom Alter, am Rande dürr und rostrot. Der Baum prangt nicht in lustigem Grün, sondern trägt mehr ein schmutzig- vergrämtes Braun. Und da« trotz aller sorgsam verhätschelnden Pflege! denn wöchentlich mehrmals erhält jeder Baum ein reichliches Quantum Wasser. Straßcnbäume sind die Schmerzenskinder der Park- Verwaltung in jeder größeren Stadt. In jedem Jahre geht ein unverhältnismäßig hoher Prozentsatz ganz ein, und wie oft verlieren fie in heißen Sommern bereits im Juli ihr Laub, um in, Spät- herbst hier und da noch ein zweites Mal Knospen und Blüten zu treiben. ES find verschiedene Ursachen, die diese Erscheinungen hervor- rufen, aber fast alle wurzeln im großstädtischen Straßenpflaster; besonders Asphalt- und Granitpflaster, dessen Fugen mit Teer aus- gegossen sind, sind Todfeinde der Straßcnbäume. Sie schließen den Boden fast hermetisch gegen die Außenlust ab, so daß von einer ausreichenden Bewässerung oder Durchlüftung nicht die Rede sein kann. Was in einer Stadt an atmosphärischen Niederschlägen fällt, muß möglichst schnell entfernt werden: es fließt, ohne daß ein Tropfen davon dem Erdboden zugute kommt, von der gewölbten Straßendecke nach den Rinnsteinen und von da durch die Kanalisations- röhren nach außerhalb ab. Bei der bekannten ständigen„Buddelei" in den Straßen Berlins kann man stets die Beobachtung machen, daß der Boden unterhalb des Straßenpflasters fast staubtrocken ist. In- folgedessen wird in heißen Sommern schon sehr früh die Wasser- Zirkulation innerhalb der Bäume eingeschränkt oder mehr oder weniger eingestellt, die Blätter welken und fallen schließlich ab, um womöglich bei Wiedereintritt größerer Niederschläge durch neue ersetzt zu werden. Dies kann aber nicht ohne starke Schädigung des Gesamtorganismus der Pflanze vor sich gehen; denn der vorzeitige Laubabfall nötigt den Baum, die Reservestoffe anzugreifen, die in Wurzeln, Stamm und Besten für den Aufbau der nächstjährigen Triebe aufgespeichert werden sollten, und sie schon jetzt zur Erzeugung neuer Blätter, oft auch noch von Blütenknospen heranzuziehen. Die Herbsttriebe aber können in der kurzen Zeit, die ihnen blS zum Eintritt des Winters übrig bleibt, sich nicht so entwickeln, daß sie den Verlust an Reservenährftoffen wieder ein- zutragen vermögen. So wird der Baum häufig von den Frösten überrascht, ehe er die nötigsten Vorbereitungen zu seinem Schutze und zu seiner Ueberwinterung ge- troffen hat. Die Säfte sind noch nicht aus den Zellen der jungen Triebe nach den geschützten Stellen des Stammes zurückgeleitet worden, der hereinbrechende Frost verwandelt sie in Eis und zer« stört dadurch die Zellen, so daß im nächsten Frühjahr die schwächeren Zweige abgestorben sind und nicht mehr begrünt werden. Das be- deute, aber wieder für den Baum eine Verminderung feiner ar» beitenden Organe, eine Lähmung der Assimilationskrafl und damit auch eine geringere Widerstandsfähigkeit gegenüber anderen schädlichen Einflüssen. Wenn auch nur notdürftig, so vermag man doch durch rsgel- mäßige künstliche Bewässerung die behinderte Wafferzirkulation in etwas zu ersetze», obwohl das Begießen im näheren Umkreis des Stammes den der Peripherie der Krone entsprechend im Boden ruhenden äußeren Wurzeln, die in erster Linie dem Baum als Saugpumpen dienen, kaum zu- gute kommt. Daneben aber leiden die Straßenbäume außerordentlich unter der mangelnden Ventilation des BodenS. Meist bleibt nur ein Stückchen Land von etwa einem Meter Durchmesser um den Baum herum vom Pflaster frei, bisweilen noch viel weniger. Nun atmen aber bei den Pflanzen nicht allein die Blätter, sondern auch die unterirdischen Organe, die Wurzeln; im Gegensatz zu jenen, die Kohlensäure einatmen, verbrctzichcn sie Sauerstoff zur Herstellung von Verbindungen, die die Mineralien des Bodens aufzulösen und ihnen die Nährstoffe zu entziehen vermögen, und zu deren Transport nach den oberirdischen Teilen. Infolge des Luftabschlusses durch das dichte Steinpflaster kann aber der Ersatz des verbrauchten Sauer- stoffes nicht schnell genug von statten gehen: die Zirkulation der Gass und damit die Ernährung des Baumes wird nur eine mangelhafte fein. Die Wurzeln streichen nun instinktiv niehr horizontal an der Oberfläche, um der Luft näher zu sein, entfernen sich aber dadurch noch mehr von den tieferen, iva'.serführcnden Schichten. Eine feine Witterung entwickeln dabei die Wurzeln für solche Stellen, wo Waffer regelmäßig vorhanden ist: für die Wasser- leitungs- und Kanalisationsröhren. Diese werden von durstigen Wurzeln förmlich belagert. Jede schwache, poröse Stelle finden die mit ungemein entwickeltem Tastsinn ausgestatteten Wiirzelchen her- aus, um daraus da» kostbare Naß zu ziehen, und das geringste Löchelchen benutzen sie, um in dichter Menge einzudringen, sich drinnen breit zu machen, zu verzweigen und zu verfilzen, so daß sie bisweilen die Rohre durch sogenannte„Drainzöpfe" vollkommen ver- stopfen. Die eigentümlichen durch die Farbe und Beschaffenheit des Pflasters und der Häuser erzeugten Licht- und Wärmewirkungen tun dam, noch daS ihre, um die Straßenbäume»och mehr zu schädigen und in ihrer Entwickelung zu hemmen. In den Straßen der Groß- stadt herrscht in den Hundstagen oft eine geradezu unerträgliche Hitze, indem die kahlen Häusermanern, der platte Boden Licht und Wärme von der Seite und von unten her zurückstrahlen. Nun stellen die Blätter der Bäume eine vorzügliche Anpassung siegen ein« fettige Licht- und Wärmewirknng dar. Die meist glänzende Seite, die vielfach noch besondere Schutzmittel trägt, wenden sie dem Lichts zu, die unteren Flächen, die»nt zahlreichen Spaltöffnungen versehen sind, kehren sie nach dem kühleren Boden hin. Diese An- Passung an natürliche Verhältnisse in Feld und Wald versagt aber in den Straßen der Großstadt, wo die reflektierten Sonnenstrahlen Licht und trockene, wasserverzehrende Wärme auch von unten gegen die Blätter senden und fie so zu anormaler Verdunstung zwingen. Dazu kommt, daß vielfach die Straßenbäume direkt unter V e r g i f t n n g s erscheinungen erkranken. Der Boden unterhalb deS Pflasters enthält eine ganze Reihe von Stoffen, die bei dem Straßenbau Verwendung fanden und nun in Zersetzung übergehen. Vor allem aber find die GasleitungSröhrcn nie so dicht, daß nicht doch verhältnismäßig ganz erhebliche Gasmengen den Weg in die Erde finden. An und für sich könnten ja alle' diese Stoffe mehr oder weniger von den Wurzeln der Bäume verarbeitet und in Nährlösungen verwandelt iverden; treten sie aber in so großen Mengen auf und dazu in Schichten ohne ausreichende Luftzirkulation und ohne die lösende oder bindende Kraft des Waffers, so wirken sie wie scharfe Giste auf die Wurzelzellen des Baumes, ebenso wie die in der Großstadtluft enthaltenen giftigen Gase und die Lust allenthalben erfiillcnden schädlichen Staubteilchen die Entfaltung und Tätigkeit der Blätter hemmen. Besonders die mit dem Rauch der Fabriken entweichende schweflige Säure greift die Blätter außer- ordentlich an. Am ersten merk, man die allznstarle Durchsetzung der Luft mit giftigen Stoffen an dem Verschwinden der Flechten, die sich sonst an der Wetterseite anzusiedeln pflegen und die von besonderer Empfindlichkeit gegen chemische Reize zu sein scheinen. Auch Nadel- bäume gehen an solchen Stellen in relativ kurzer Zeit ein, während die Laubbäume sich durch Ablverfen der von Ruß usw. verstopften Blätter in jungen Jahren wenigstens einigennaßen zu schützen wissen. llebrigcnS ist das Verhalten der einzelnen Baumarten, die als Straßenbäume Verwendung finden, ganz verschieden. Am wenigsten kann sich unsere einheimische Linde halten, die ungarischen und amerikanischen Silberlinden vermögen schon eher auSzudaucrn. Besser eignet sich schon zum Straßenbaum die 5kastanie, von der besonders eine Bastardart angelegt wir! die keine Früchte trägt. Pappeln und Weiden werden meist vermieden, da fie allzusehr dem Windbruch ausgesetzt sind und die herabfallenden Aeste den Passanten Schaden bringen könnten. Bin meisten werden gegen- wärtig die widerstandsfähigeren Ahorn- und Eichenarten, wie Spitz- ahorn, Stiel- und Traubeneiche, die Rüster und die Platane zur BePflanzung der Straßen vorgezogen. eg. Die Seldenlnduftrie in Japan. Zu den wichtigsten Zweigen der japanischen Industrie gestört kelanntlich die Seidenraupenzucht und die Gewinnung und Ver- arbeitung der Seide selbst. Wie der„Glojms", einem in diesem Jahre vom Londoner Aut-wärtigen Amt veröffentlichten Konsular- bericht über die japanisch: Rohseidenindustrie folgend, aussnstrt, begann der Export von Rohseide au» Japan mit dem Jahre 1859, d. h. bald nach dem erzwungenen Aufgeben der Abschliestungspolitik. In jener Zeit verwüsteten Krankheiten die europäischen Zuchtausialten, so daß Japan, das von ihnen verschont geblieben war, eine grosse Masse von Kartons mit Seidenraupeneiern nach� dem Aus- lande, namentlich nach Frankreich und Italien, verkaufen konnte: 80(XX) Kartons im Jahre 1883, 2 500 000 Stück im Jahre 1865. Nachdem man in Europa der Krankheiten Herr geworden war, hörte dieser Export auf, und eS blieb nur die Rohseide übrig, die aber infolge von Mängeln in der Spinnereitechnik eine geringe Qualität besah. Der japanischen Regierung gelang es indessen, auch durch Einführniig der europäischen Methoden, diesem Uebelstande allmählich gbzuhelfeit. Als Scidcnproduzent steht Japan heute an zweiter Stelle(hinter China). Während 1878 seine Produktion erst 1 359 780 Kilogramm betrug, wovon 870 720 Kilogramm ausgeführt wurden, bclief sie sich 1908 auf 8 213 700 Kilogramm, und davon gingen 6 230 180 Kilogramm ins Ausland. Allein die Seide stellt dem Werte nach den vierten Teil der gesamten japanischen Warenausfuhr dar. Die Ver- besserung der Spinnereien hat den Marktwert der Seide gehoben, und ebenso hat sich die Produktion der KokonS vermehrt infolge der Ausbreitung der Seidenkultur iiber neue Teile des Landes und einer dreimaligen Ernte im Jahre: im Frühling, Soinmer und Herbst. Heute hat sich die Seidenraupenzucht so ziemlich iiber ganz Japan ausgedehnt. Im Norden reicht sie bis nach Jeffo. Aller- dingS ist stier daS Klima nicht so günstig, weil eö das Wachstum des Maulbeerbaumes verzögert und die Friihjahrsernte immer zweifelhaft macht. Die große Insel Nippon ist der Hauptsitz der Zucht. Im Süden ist es wieder anders. Das Land eignet sich dort hervorragend für die Reisknltnr, und wo diese größere Vorteile verspricht als die Seidenraupenzucht, beschäftigt man sich mit der letzteren nicht. Die Aus- dehnung der Zucht geht übrigens nur langsom vor sich, weil die Bäume viel Zeit brauchen, bis sie die genügende Menge von Blättern liefern, und weil auch die nötige Erfahrung in der Behandlung der Raupen sich nicht so ohne weiteres einstellt. Den Marilbcerbaum pflanzt man in der Ebene, an den Fluh- vfenr und auf den Hügeln. Seine Anpflanzungen bedeckten 1396 eine Fläche von 288 950 Hektar, 1908 eine solche von 36t 740 Hektar. Die bedeutendsten befinden sich in den Präfekturen Nagano(die ein Sechstel der gesamten Ernte ergibt), Fukuschina, Gumba, Saitama, Uamagata und Damanaschi. Am besten paht sich der weihe Maulbeer- baum'lMorus alba) denr Klima an, er wird deshalb auch am meisten angepflanzt: der schwarze Maulbeerbaum fMorus nigra) hat viel geringere Verbreitung. Man zählt 500 bis 800 Arten des weihen Maulbeerbaumes in den verschiedenen Gegenden. Eine andere aus China eingeführte Varietät ist sehr gesucht, weil ihre Blätter lange ihre Feuchtigkeit behalten, was nicht ihren unmittelbaren Verbrauch nach dem Pflücken erforderlich macht. Die TageSlöhne für die Land- arbeiter schivankten von 1894 bis 1906 zwischen 32 und 80 Pf. für die Männer und zwischen 20 und 52 Pf. für die Frauen. Die Früh- jahrSemte an Kokons ist stets die ergebnisreichste; sie betrug 1906 63 Proz. der JahrcSernte. 14 Proz. entfielen auf die Sommer- und 23 Proz. auf die Herdsternte. Die Spinnereien verteilen sich vornehmlich auf die Präfekturen Nagano(die den vierten Teil der japanischen Rohseide erzeugt), Gumba, Aichi, Saitama, Damanaschi und Fukuschima— also auf die Gebiete, die auch die größten Manlbeerbaumpflanzuugcn be- fitzen. Die mechanischen Spinnereien gewannen 1906 5 240 250 Kilo- gramm Rohseide, die in Nagano allein ein Drittel davon. Die Löhne der Fabrikarbeiter schwankten von 1894 bis 1908 zwischen 23 unh 52 Pf. pro Tag bei zehn- bis elfftündiger Arbeitszeit. Die Rohseide wird von japanischen Kommissionären, die sich zu der Dokohama Sanshi Boyekisho korporicrt haben, aufgekauft und an die Exporteure in Dokohama weiter verkauft. Dokohama ist der einzige Seideitexporthafen. 1906/07 wurden 63 962 Ballen aus- geführt, davon 48 489 nach den Vereinigten Staaten von Amerika und 20 493 nach Europa. Es wurden 1906, wie erwähnt, 6 230 160 Kilogramm ausgeführt, davon allein 4 407 060 Kilogramm nach den Vereinigten Staaten. Im weiten Abstand' folgten Frankreich mit 1 260 730 und Italien mit 614 860 Kilogramm: in noch größerem Abstand Kanada mit 44 280 und England mit 1920 Kilogramm. Ruhland importierte 900 Kilo- gramm/ Deutschland kam für die Einfuhr japanischer Rohseide so gut wie gar nicht in Betracht. Nach einem Bericht des österreichisch- ungarischen Konsulats in Dokohama importierte Deutschland 1906 keine japanische Rohseide, 1907 solche im Werte von 56 183 Den, 1908 wieder nur für 5779 Den. Dagegen gingen vom Gesamtexporl von 1908 im Werte von über 108 Millionen Den nach derselben Quelle für 81,5 Millionen Den allein nach den Vereinigten Staaten. kleines feuilleton. Astronomisches. Die Zahl der Sterne. Obgleich durch das alte Volks- lied„Weiht du, wieviel Stcrnlein stehen an dem blauen Himmels- zelt?" doch wohl die Unmöglichkeit angedeutet wird, diese Frage jemals zu beantworten, haben es sich die Menschen nicht verdrießen lassen, auch am Firmament immer wieder Zählungen zu veran- stalten. Allerdings behält das Volkslied insofern recht, als man nicht daran denken kann, jeden einzelnen Stern zu zählen, wie es in einem gutverwalteten Staat mit den Millionen von Einwohnern bei einer Volkszählung geschieht. Vielmehr kann die Ausgabe nur annähernd derart gelöst werden, daß man gewisse Felder am Himmelsgewölbe auszählt und dann mit Multiplikationen arbeitet. Solche Versuche sind aber mehrfach unternommen worden. Man darf sich aber nicht darüber wundern, daß die Ergebnisse recht ver- schieden ausgefallen sind. Die beiden neuesten Zählungen sind ein- mal von der Sternwarte in Groningen von Professor Kaptcvn und andererseits von der Harvard-Sternwarte durch Professor Pickering veranstaltet worden. Die erste kam bis zur Sterngröße HMs aus 38 Millionen und bis zur Sterngröße IW2 auf 08 Millionen Sterne. Die zweite gibt sehr abweichende Ziffern, hat allerdings auch nicht so viel Sterne in Betracht gezogen. Nach der Harvard- Zählung würden nämlich bis zur Größe von 10V4 nicht ganz 7 Millionen und bis zur Größe von 13% etwas mehr als 14% Mil- lioncn Sterne vorhanden sein. Der große Unterschied zwischen den Zählungsergebnifsen beulet auf die erhebliche Unsicherheit hin, je- doch, hat es den Anschein, als ob die Harvard-Sternwarte besser gezählt hat, denn nach der Feststellung von Burns im Observator? stimmen die Untersuchungen in Grecnwich damit besser übcrein, als mit den Schätzungen des holländischen Astronomen. Medizinisches. Ein Volksmittcl gegen Nasenbluten. In ver- schiedenen Gegenden dienen kalte Umschläge auf den Nacken als Volksmittel gegen Nasenbluten, ohne daß bisher seitens der medizi- nischcn Wissenschaft ein häufiger Gebrauch von diesem Verfahren, die Blutung zu stillen, gemacht worden wäre. Professor Iura? aus Lemberg lenkt nun in der Münchener Medizinischen Wochenschrift die Aufmerksamkeit auf dies einfache Hausmittel und beschreibt einen Fall hartnäckigen Nasenblutens, in dem es eigentlich ganz allein wirksame Hilfe zu bringen vermochte. Die Patient war ein sechzigjähriger Mann mit Merkmalen einer Neigung zum Schlag- fluß, der plötzlich, ohne vorher an Blutungen oder Wallungen nach dem Kopfe gelitten zu haben, von unstillbarem Nasenbluten be- fallen wurde, so daß er sich veranlaßt sah, ärztliche Hilfe in An- spruch zu nehmen. Es gelang anfänglich durch Einlegen von Eisen- chloridwatte Hilfe zu schaffen, die jedoch nicht anhielt. Wahl aber erwies sich das von einem einfachen Bediensteten empfohlene Auf- legen eines in Eiswasser getränkten Handtuchs auf den Nacken als wirksam. Der herbeigerufene Arzt nahm anfänglich davon keine Notiz und versuchte eine Reihe stillender Mittel, die jedoch nur vorübergehenden Erfolg hatten, während die Kälteeinwirkung auf den Nacken sich bei den durch acht Tage stets wiederkehrenden An- fällen als das weitaus sicherste Mittel erwies. Es unterliegt keinem Zweifel, daß die Kälteanwendung im Genick die Nasen- schlcimhaut zu beeinflussen vermag, indem sie eine Zusammen- ziehung der Blutgefäße hervorruft. In Galizicn ist diese Be- Handlungsart im Volk in einer ganz besonderen Form gebräuchlich. Man legt dort dem von Nasenbluten Befallenen einen Bund kalter Schlüssel auf den Nacken, was stets den gewünschten Erfolg haben soll. Aus dem Tierleben. Wandernde Fledermäuse. Die Wanderungen der Tiere benihen auf verschiedenen Ursachen. Viele Fische, wie der Lachs, die Meerforelle, der Maifisch, die Moränen, der Stint wandern aus dem Salzwasser in das Süßwasser, um dort zu laichen, während der Aal zu demselben Zwecke die See aufsucht. Manche Groß- säugetiere, wie der Wapiti, mehrere afrikanische Antilopen und früher auch der Bison, wandern regelmäßig, weil sie beim Verweilen in derselben Gegend an Futtermangel zugrunde gehen würden. Plötzlicher Nahrungsmangel oder sehr früher Schneefall veranlaßt in unregelmäßigen Zwischenräumen nordische Vögel, wie den Seiden- schwänz und Tannenhäher, südliche Gegenden aufzusuchen. Ganz regelmäßig wandern, weil sie im Winter nicht genug Nahrung zu Hause finden, zahlreiche Vogelarten und kehren im Frühling wieder zurück. Weniger bekannt ist eS, daß auch einige Fledermäuse regelmäßig wandern; so hat man mehrfach am hellen Tage im Frühherbste eine unserer größten Fledermäuse, die frühfliegende Fledermaus, ein verbreitetes deutsches Waldtier, in größeren Flügen südwärts ziehen sehen, und eine ZwergflcdermauS, die sogenannte nordische. Dieses Tierchen, das in Skandinavien, Nordruhland und Sibirien lebt, rückt erst im August in die nördlichsten Teile seines Verbreitungsgebietes ein. wahrscheinlich, weil ihm die hellen Juni- und Julinüchte in den höheren Breiten nicht zusagen. Im Herbste kehrt eS wieder zurück und durchmißt dabei eine Strecke von zehn Breitengraden. Außer dem Nenntier ist kein landbewohnendes Säugetier bekannt, das so weite Wanderungen unternimmt. Zverantwortl. Redakteur: Emil Unger, Berlin.— Druck u. Verlag: BorwärtSBuchdruckerei u.Vcrl«g»aujialtPaul Singer StEl,..BerlinLW.