Anterhaltungsblatt des vorwärts Nr. 176. Freitag, den Id September. 1909 Ita r>ainc. (Nachdrul! verboten.) 11] Novelle von S. I u s ch k e w i t s ch. Autorisierte Uebersetzung aus dem Russischen von A. Lamper t. „Das stimmt schon," sagte Eitel verblüfft ob dieser Logik und nicht imstande eine andere Antwort zu finden. „Das sage ich immer. Was hängen sich die Weiber an mich wie die Kletten, wenn das 5tind stirbt? Ich habe ja selbst nachher die Plackereien mit einem neuen, das sich erst an mich gewöhnen muß. Vor drei Monaten ist bei mir ein Mädchen gestorben.. „Wieso gestorben?" fragte Ita befremdet.„Eben haben Sie doch gesagt, daß nur das Eine bei Ihnen gestorben ist." „Hab ich das gesagt? Unmöglich. Ich habe mich also geirrt. Vor drei Monaten ist bei mir ein Mädchen gestorben. Ihre Mutter, die zwölf Rubel Lohn bekam, stellte mir die- selbe Frage und sogar mit denselben Worten. Ich hätte sie beinahe geohrfeigt. Nicht einmal mit Tränen oder im Zorn fragte sie mich— nein, nur um mich zu kränken. Das Kind hat ihr nicht mehr leid getan, wie diesen Bengeln da. Um- gekehrt, sie freute sich, weil sie jetzt mehr Geld für ihren Schatz hat." „Wieviel nehmen Sie den Monat?" fragte Eitel.„Zeigen Sie mir das andere Kind." „Das ist ganz was anderes. Ordentlich muß man reden und keine dummen Fragen tun. Gleich zeige ichs Ihnen." Sie stand auf und ging ans andere Ende des Zimmers, zur Rückwand. Dort schlug sie einen von der Decke bis zum Boden herabhängenden Vorhang, der ein Bett verhüllte, zu- rück, und aus dem Dunkel erscholl deutlich ein Schmatzen. Als Ita und Eitel herantraten und ihre Augen anstrengten, sahen sie auf dem Bett ein unbewegliches Etwas, das in der Hand einen Lumpen hielt, an dem es, wie es schien, kaute. „Das ist das Kind?" fragte Ita.„Aber warum halten Sie es im Finstern? Es kann ja blind werden. Was hat es denn?" „Ich brauche es mir nicht sagen zu lassen, wo ich das Kind halten soll. Wo ich es halte, dort ists gut. Sonst würde es nicht still sein. Und zu essen gebe ich ihm Komniisbrot. Alle meine Kinder habe ich so aufgezogen. Ich nehme das Weiche vom Brot, streue feinen Zucker darauf, binde es in Läppchen ein und übergieße das Ganze mit warmem Wasser. Das Kind hat den ganzen Tag was zu pappen und ist ruhig, wie ein Täubchen. Glauben Sie nur, wenn das Brot Sol- daten gut bekommt, so ist es für Kinder noch viel besser." „?tun, und Milch?" unterbrach sie Eitel. „Auch ein bißchen Milch kriegt es," wiederholte Mirel, „aber ich kann Ihnen nur sagen, es geht gegen mein Gc- wissen, es ist nur ein dummes Vorurteil. Was ist denn Milch, sagen Sie es mir doch? I ch will es Ihnen sagen. Milch ist einfach weißes Wasser. Die Leute sind dumm und ich auch. Wollt Ihr weißes Wasser— bitte schön, da habt Ihr weißes Wasser. Aber ich weiß doch, Kommisbrot ist das Beste für Kinder. Seht nur, wie sie daran lutscht: sie hat so eine Kraft in ihren Lippen. Sie kann aus ihrer Haut das Blut aus- saugen: Sie können es nicht. Wollt Ihr sie sehen?" Sie nahm das Kind aus dem Bett, zupfte und glättete es zurecht, und nun erschien vor den beiden Frauen ein richtiger kleiner Krüppel, ein förmlich ausgehungertes Geschöpfchcn, kaum sieben bis acht Pfund im Gewicht. Das Mädchen sah im Gesicht einem traurigen, mißmutigen alten Weibchen ähn- lich, und ihr Körperchen war wie eine Karikaturzeichnung. Die Aermchen— zwei lange dünne Linien, die Beinchen— ebenso, eine etwas dickere Linie in der Mitte— der Körper. Ihre Lider, die ganz von trockenem Eiter verklebt waren, konnte die Kleine nicht aufmachen, und man sah nur, wie sich unter ihnen die vom Tageslicht gereizten Augen hin und her bewegten. „Gefällt sie Ihnen?" fragte Mirel.„Nicht wahr, sie ist hübsch, wenn auch ein bißchen Mager. Nur ihre Augen machen mir Sorge. Ich muß mal mit ihr zu einer Frau, die sich auf Augenkrankheiten versteht. Das Kind braucht seine Mutter wahrhaftig nicht. Sie ist nur sechs Monate alt und so artig, wie eine Große. Ich habe sie sehr lieb. Warten Sie, ich will ihr die Augen aufmachen, da werden Sie sehen, wie hübsch sie ist." Sie wischte rasch mit einem Läppchen dem Kind die Augen ab, leckte ein paarmal seine Lider und öffnete sie ge» schickt mit der Zunge. „Hübsch, was?" sagte sie zu Eitel.„Und jetzt tanz mal ein bißchen, die Gäste sollen sehen, wie Du munter bist." Sie warf sie ein paarmal in die Höhe, aber das arme Wesen stöhnte nur kläglich und fiel kraftlos in sich zusammen. „Sie hat Schlaf, das arme Ding," erklärte Mirel.„Gelt Du hast mich lieb. Nein, nein, jetzt quäle ich Dich nicht mehr, schlaf nur." Sie legte das Kind auf seinen alten Platz, gab ihm den Lappen mit Brot und kehrte zu den Beiden zurück. „Und man fragt mich noch, warum ein Kind stirbt, ja, man wagt es zu tun, obwohl ich für all meine Liebe und Sorge nur sechs Rubel monatlich bekomme. Bin ich nicht ein Engel?" Eitel war schon bereit ihr beizupflichten, als jene beiden Ammen, die sie morgens getroffen hatten, eintraten. Sie drückten ihre Verwunderung über die unerwartete Begegnung aus, und die Unterhaltung wechselte vorübergehend ihr Thema. Mirel aber, änderte angesichts der steigenden Nachfrage Plötz- lich die Front und erklärte bald aufs allerbestimmteste, kein Kind unter acht Rubel zu nehmen. „Im Winter," philosophierte sie, einen Einspruch Gitels beantwortend,„im Winter ist es anders. Sechs Rubel nehme ich nur im Sommer. Im Winter nehme ich nicht weniger als acht: auch wenns sich um meine eigene Tochter handelte. Wollt Ihr denn, daß mein Mann, der so hart arbeiten muß, seine paar Groschen mit Euren Kindern teilen soll? Man muß ja ein Unmensch sein, um so was zu verlangen." Das Feilschen wurde immer hartnäckiger. Alle andere Unterhaltung wurde beiseite geschoben, und man ging zum offenen Krieg über: man kämpfte um jede Kopeke, rechnete alles nach, was ein Kind im Monat brauche, aber Mirel wankte und wich nicht. Der Streit entbrannte immer hitziger: die Be- werberinnen stritten heftig miteinander, fast wäre es statt allem zu Schimpfreden gekommen. Endlich nach einem halb- stündigen Kampf mit den Andern und mit Mirel, trug Eitel den Sieg davon, indem sie das höchste Angebot von sieben Rubel machte. Ita beteiligte sich nicht an dem Handel und schwieg entsetzt und erschrocken durch das, lvas sie hier sah und was sie für die Zukunft ahnte, und trotzdem hoffte sie noch insgeheim etwas zu finden, was ihren Ansprüchen ge« nügen würde. Als sie endlich Mirel verließen, sagte Eitel strahlend zu Ita: „Sie wissen nicht, wie glücklich ich bin. Das ist eine Perle von Frau. Wenn die Hälfte dieser Frauen so wäre wie Mirel, könnten wir ihnen ruhig unsere Kinder anver- trauen." „Ich weiß nicht, was Sie da Gutes gesunden haben," er« widerte Ita kalt,„nach drei bis vier Monaten stirbt ja Ihr Junge bei ihr." „Und vielleicht erst nach sechs? Woher wissen Sies so genau. Wenigstens sechs Monate werde ich Mutter sein, das ist schon einen Dank wert. Ich habe ja noch ein Herz. Oder meinen Sie, ich verwünschte es, Mutter zu sein? Oder bin ich nicht glücklich genug, wenn ich für mein Kind zu sorgen habe? Sie irren sich gewaltig, Ita. Ich pflege und nährs ja ein fremdes Kind zum Teil auch nur, um für das meinigs zu verdienen. Ich blühe auf, wenn ich ihm Geschenke bringe — Zucker, Kleidchen, alles was ich hei meiner Herrschaft bekommen und nehmen kann. Denken Sie, daß ich keine Freude daran habe? Ich weiß natürlich, daß Mirel ihm nicht alles gibt, aber etwas bekommt es doch, und das Kleidchen seh ich sicher an ihm. Und so habe ich ein paar Monate etwas, wo- für ich leben kann. Mehr will ich selber nicht, ich kann es nicht — was soll ich mit Kindern anfangen? Bei einer andern Frau würde es aber keine zwei bU drei Monate am Leben bleiben. Ich bin jetzt sehr glücklich, Ita." „Es ist ganz unmöglich," sp'ach Ita ernst,„daß ich so werde wie Sie." „Ich zürne Ihnen nicht, Ita. Sie meinen es ja auch nicht bös. Aber ich bin auch nicht schuld daran, das können Sie glauben. Dieses Hundeleben macht ja den Menschen ganz zu Nichte. Wenn man nur einmal fällt. Können Tie einem Menschen, der nicht arbeiten kann, iveil ihm ein Arm fehlt, Vorwürfe machen? Mir fehlen aber beide Arme und noch die Beine dazu, um nein Kind zu erziehen. Sie verstehen es noch nicht, denn Sie fangen erst an. Aber Sie werden auch noch so. Wenn ein Schreiner aus Holz einen Tisch machen muß, so wirds auch ein Tisch, und kein Schrank. Sie werden noch an meine Worte denken. Einen andern Weg gibts nicht." Wieder traten sie in einen Hof— diesmal wegen Jta dann in einen zweiten. In mehreren Häusern fanden sie die Eingangstiiren verschlossen, und aus diesen verlassenen Woh- nungen erscholl ein durchdringendes Klagegeschrei der Kinder, die von den anderweitig in Anspruch genommenen Frauen ihrem Schicksal überlassen waren. Diese Klagen verhallten gleichsam in der Wüste, ohne die Aufmerksamkeit einer füh- lenden Menschenseele zu erregen. Fanden sie aber die Tür offen, so sahen sie in den Stuben Kinder unter der Obhut von Hunden und Katzen, die ihre Grinden und Wunden leckten, und die Kinder selbst, müde vom Schreien und Weinen, krochen in ihrem eigenen Unrat umher und lutschten an ihren besudelten, übelriechenden Händchen. Wenn sie auch manchmal einen Menschen in der Stube fanden, so war doch das Bild das gleiche, ja die Gegenwart von Aufseherinnen machte es noch grauenerregender. .(Fortsetzung folgt.)! lNachdrui! verbolcn.) 8, fabrenäe Leute» Von Anna Reichert. Hermine verschwand nach ihrem nächsten Auftreten nnd Einsammeln aus dem Zelt. Auch des Provisors Platz war leer. Die runde retteten seinen Stuhl vor dem Ansturm der Masten, indem ihn von Fink in die Garderobe setzen ließen. Es wurde beängstigend voll im Zelt. Iii den Gängen staute sich die Menge, die vergebens nach leeren Plätzen auf den Bänken suchte. Frau Eisebein zeterte. Es war den einsammelnden Sängerinnen nicht möglich, sich durch die Kopf an Kopf stehende Menschenmauer hindurchzuzwängen. Frau Eisebein kletterte kurz entschlossen auf einen der Tische nnd suchte, unter dem Protest der Sitzenden von Tisch zu Tisch schreitend, zu ihrem Gelde zu kommen. Daß man sie in die Beine kniff, um ihre Füße aus dem Bereich der Gläser, Tassen und Teller herunterzubringen, genierte sie nicht. Erst als man ihr mit brennenden Zigarren Löcher in ihren griincn Samtrock brannte, lief sie auskreischend, Teller zertretend und Gläser umwerfend, über die Tische nach der Bühne zurück. „Wir singen nicht mehr," schrie sie den, Wirt, der hinter dem Büfett stand, zu.„Wir können unS ja nicht bezahlt machen. Sie müssen Entree nehmen." „Tu ich nicht," schrie er zurück.„Sie haben sich verpflichtet, bei freiem Eintritt zu singen." „Aber man kann ja nicht kassieren gehen. An die Anständigen, die sitzen, kommt man nicht ran, und die anderen"— Ein Tumult erhob sich. Die Stehenden wollten sich wegen des Umstandes, daß sie keinen Platz bekommen konnten, nicht als Un- anständige bezeichnen lasten. Zwei leere Biergläscr schnellten auf die Bühne. Das eine traf Lieses Schienbein. Sie schrie empört und schimpfte ausgiebig in den Lärm hinunter. Anton Seiffcrt trat auf— der Schatten der meterlangen Feder auf seinem Hütel, der an der Zeltdecke spielte, hatte sein Auftreten bereits angekündigt. „Jetzt kommt etwas extra'sl" verkündete er donnernd.„Ein Benefiz für mich. Wer einen Groschen gibt, darf Du zu mir sagen." Er sang unter grotesken Bewegungen und erreichte, daß sich die Menge etwas beruhigte und ihm zuhörte. Bis in die hinterste Ecke des felteS reichte seine Stiinme. Aber als er geendet, erhob sich wieder ärm. Einige in der Mitte Stehende, die sich vor dem Bezahlen drücken oder aus anderen Gründen das Zelt verlassen wollten, schoben ungestüm zum Ausgang; die dort standen, wollten sich aber nicht hinausdrängen lasten. Ein Schieben und Drücken und Schimpfen entstand in der ineinandergckeilten Menge. Frauen schrien auf. Unter den Sitzenden kursierte das Gerücht, daß einer gestochen sei. Zivei Polizisten erschienen an, Eingang und befahlen allen Stehenden, hinauszugehen. Langsam leerte sich das Zelt. Gute Luft und Ruhe traten ein. Das Gerücht von der Stecherei erwies sich als erfunden. Als wieder geordnete Verhältnisse herrschten, erschien Hermme, sehr vergnügt aussehend, und setzte sich auf ihren Platz auf der Bühne. „Wie kannst Du nur ohne Mantel hinausgehen", sagte Cäcilie chaudernd.„Ich friere schon hier so gräßlich.' Hinter mir weht es o kalt herein. Wie spät ist es schon?" .Zwölf vorbei." »Gott sei Dank." „Ach, das kann heute bis drei dauern, wenn nichts passiert. ES ist keine Polizeistunde gegeben." Cäcilie seufzte schwer. „Sei still. Kleine. Dafür schläfst Du heute mit Auguste im Orgelkastcn. Aber hör', Du sagst es der Mutter erst im letzten Augenblick, sonst soll ich mit in den Gasthof." „Ja und wo bleibst Du?" „Das ist meine Sache," sagte Hermine kurz. Cäcile fing an zu zittern.„Ach— Hermine— nein— ich will doch lieber—" „Sei doch nicht dumm; das ist meine Sache. Und hörst Du, daß Du nichts sagst. Die Mutter und die andern sollen glauben, daß ich auch in den Gepäckwagen geh." Cäcilie lehnte sich mit zusammengepreßten Lippen tief in ihren Stuhl zurück und schwieg. „Ist da?'ne Art, ist das'ne Art," zeterte Frau Eisebein, sich zu Hermine wendend.„Nun ist endlich wieder Ordnung hier und nun befiehlt die Polizei, daß wir eine halbe Stunde Pause machen. So'ne Gemeinheit, so'ne—* Hermine stand auf und reckte sich gähnend.„Na, dann kann man sich ja mal ausruhn." „Ja, so bist Du, aufs Verdienen kommt's Dir nicht an, immer nur aufs Faulenzen. Ach, was das für eine Bande ist!" Sie rauschte mit wogenden Rockborten in die Herrengarderobe.„Seiffert, Sie haben wohl auch keine Bildung I Sprechen Sie die lateinischen Wörter so aus wie wir sie aussprechen und wie sie geschrieben werden. Die Leute lachen ja über uns, wenn Sie Nöglischch sagen und ich und Fink sagen Nogligo. Sie glauben wohl, Sie können hier Neuerungen einführen? Nee— hier bestimme ich, waS gesungen werden soll. Hier haben Sie sich nach mir zu richten, merken Sie sich das." Seiffert tat ihr den Gefallen nicht, sich mit ihr in einen Disput einzulassen. Er lehnte rauchend an einer Zeltstange und sah schweigend voll gelassenei, Interesses auf die aufgeregte Person. Wutschnaubend gmg Frau Eisebein auf die Bühne zurück, ent» schlössen, dem frechen Menschen bei nächster Gelegenheit zu kündigen. Ein Junge erschien vor der Bühne.„Die Frau aus der Schießbude läßt fragen, ob nicht einer von Euch in die Schießbude kommen könnte. Es ist da so'ne Mäste. Alle, die hier rausgejagt sind, sind dahin gegangen." „Nein," sagte Frau Eisebein böse.„Sie sollen alle hier sitzen bleiben." «Unsinn," unterbrach Hermine kurz.„Ich geh' hin." Frau Eisebein schimpfte, während Hermine ihren Mantel um» nahm und mit dem Jungen das Zelt verließ. Hermine bediente gern in der Schießbude. Sie konnte die Gewehre so schnell lade» wie kaum zwei andere zusammen und wußte auf alle Witze, mit denen man sie attackierte, Bescheid zu geben. Eine Zeitlang waren Auguste, Hermine und ihre Tante fiebcr- Haft tätig, alle Schießlustigen zu befriedigen. Dann passierte in einem anderen Teile des FeftplatzcS irgend etwas, was als Gerücht zu der Schietzbude drang, und vor der Bude wurde es leerer. „Wart, ich bringe Euch frischen Kaffee," sagte die Taute hinweg- eilend, während sich Hermine auf eines der Gewehre lehnte und zusah, wie Auguste die letzten Kunden bediente. „Du, Du machst aber Schmuh," sagte sie, als auch der letzte hinaus in die Dunkelheit an den Ort des unbekannten Er- eignistes lief. „Was fällt Dir ein l Ich stecke nur mein Trinkgeld ein. Hast Du nicht gehört, wie mir der Dicke eben einen Groschen extra ge- geben hat?" „Du hast eine ganze Handvoll Groschen in die Tasche ge- steckt." „Als wenn Du das nicht auch tätest, hier und bei Euch drüben." „Kann ich ja gar nicht. Meinst Du, wir hätten Taschen in den Kostümen? Und am Abend macht uns Mutter eigenhändig die Frisur auf, damit wir nichts in die Haare stecken. Nein, strietzcn ist unmöglich." „Ich striche auch nicht. Eisebein weiß, daß ich mir nehme, was mir zukommt, wenn ich mir besondere Mühe gemacht habe. Dafür berechne ich ihm auch nicht alles." „Ach— steht Ihr so miteinander?" Auguste zuckte die Achseln.„Was will man machen. Er ist doch der Chef." „Warum hilfst Du eigentlich nicht lieber Deinem Mann?" „Gott in der Druckvude") wird der doch allein fertig mit dem Jungen. Da ist's egal, ob Männer oder Weiber verkaufen. Aber in der Schießbude müssen doch Weiber sein. Mein Arbeiten hier bringt uns mehr ein." „Ist er heute auch hier?" „Nein. Er geht nur a» größere Plätze. DaS lohnt nicht, von Hannover hierher mit all dem Krimskrams. Einige Schießlustigs verlangten von Hermine Gewehre. Alfred Eisebein trat vom Platz her an Auguste heran. „Du, wir sind diese Nacht zusammen, hörst Du." Sie zuckte die Achseln.„Nein, heute nicht." ") Spielzeugbude. „Warum nicht?" fuhr er auf. »Es geht nicht." „Warum nicht?"— Sie zuckte wieder die Achseln. „Mit einmal," sagte er verächtlich.„Wegen Deinem Mann?" „Nein, überhaupt." „Mach' keine Faxen, es geht." „Sei doch nicht dumm." Und sie machte einen schlimmen Witz. Ferdinand Lippschütz tauchte an der Ecke der Bude auf. Alfred Eisebein trat zu ihm, während Augusts von Kunden in Anspruch ge- nommen wurde, kaute an seinem Schnurrbart und sah in finsterem Sinnen auf die junge Frau. Ferdinand Lippschütz lachte..Sei doch kein Narr I Um die ist's nicht so schade wie um die andere. Was der einen recht ist, ist der anderen billig." Alfred Eisebein stieß einen stirchibaren Fluch aus. Er schlug seine Finger mit eisernem Griff in Lippschütz' Ann..Komm, Du Satan, wir wollen eins trinken."— (Schluß folgt.) Vlas bleibt am �loräpol nocb zu tun? Von H. Singer. Die Ansichten darüber, ob Cook in der Tat den Nordpol be- zwungen hat oder nicht, dürften noch einige Zeit auseinandergehen. Dagegen wird der ein Jahr später errungene Erfolg Pearys Zweifeln nicht begegnen. Jedenfalls dürfen wir sicher sein, daß das mit heißem Bemühen umworbene Ziel erreicht ist und für sich allein niemand mehr reizen wird. Die Frage liegt nun nahe, welche Entdcckungs- und Forschungsarbeit dort„oben" noch der Erledi- gung harrt. Nordpolarforschung Und Bezwingung des Nordpols sind nicht dasselbe. Das geht schon aus dem Umstände hervor, daß der Nora- pol durchaus nicht das Ziel aller Nordpolarreisenden gewesen ist. Ja, es hat lange Zeiträume gegeben, in denen er auf unter- nchmungslustige Forscher kaum irgendwelche Anziehungskraft aus- geübt hat; wir brauchen da nur an die etwa dreißigjährige Periode zu erinnern, die in der ersten Hälfte des vorigen Jahrhunderts die moderne Nordpolarforschung eingeleitet und nahezu ausschließ- lich der Nordwestdurchfahrt gegolten hat. Und in jüngster Zeit sind es eigentlich nur die Amerikaner— Peary, Baldwin, Fiala, Wellman, Cook— gewesen, die dem Nordpol nachjagten, während Schweden, Norweger, Dänen, Engländer und auch Nüssen ganz andere Probleme bei ihren Forschungsfahrten im Auge hatten. Man hat sich sogar vielfach zu der Anschauung bekannt, daß die Eroberung des Nordpols allein, ohne Nebenergebnis, ein für die Wissenschaft recht zweckloser und unnützer Erfolg wäre, der in keinem richtigen Verhältnis zu den dafür aufgewandten Mitteln an Kraft und Geld stände. In der Tat hat diese Auffassung zum mindesten für solche Neisen polwärts einige Berechtigung, die in Schlittenfahrten über das Packeis des Polarmeercs bestehen. Für derartige Fahrten ist größtmögliche Eile geboten. Im Winter, während der ununtcr- brochenen Polarnacht, kann man sie nicht durchführen; im Sommer auch nicht, weil dann das Eis in Bewegung ist. Es bleiben nur die wenigen Wochen übrig, die zwischen dem ersten Erscheinen der Sonne, etwa im März, und dem Beginn der Eisbetvegung, etwa im Mai, wenn nicht schon im April, liegen. So müssen denn Zeit, Kunst und Nahrung in vollem Umfange für das Vorwärtskommen genutzt werden. Nebenher können noch einige meteorologische Be- obachtungengemacht, die magnetischen Abweichungen abgelesen werden; auch über die Beschaffenheit und die Treibrichtung des Eises kann man Aufzeichnungen machen. Seine Dicke wird man aber schon seltener zu ermitteln vermögen, und Tiesenlotungen mit Wasser- Und Bodenproben, die für die Geographie von höchstem Wert sind, lassen sich gar nicht ausführen. Weder Cook noch Peary haben solche Arbeiten vorgenommen. So gleicht denn der Weg des kühnen Pioniers zum Pol der Straße, die ein Schiff durch das offene Meer zieht; jener wird vom treibenden Eise wie diese durch die Wellen verwischt. Von Wichtigkeit im geographischen Sinne ist, daß wir über die Verteilung von Land und Wasser in dem Polargebiet Kunde er- halten. Cook hat Land gesehen— es ist wohl ein Teil desselben Landes, das Peary 190(3 etwas weiter südlich gesichtet und Crocker- land benannt hat. Beider Entdeckung ist sehr interessant, aber beide haben es für nebensächlich gehalten, ihr nachzugehen; neben- sächlich mußte ihnen ja alles sein, was nicht mit der Erledigung ihrer Hauptaufgabe zusammenhing. Das ist bedauerlich, wenn auch erklärlich. Es scheint aber nun festzustehen, daß es im un- bekannten Teil des Polarbcckens große Inseln gibt, die sich min- bestens bis zum 85. Breitengrad nordwärts vorschieben, lieber ihre Ausdehnung und Natur Aufschluß zu bringen, wäre eine recht dankbare Aufgabe, die schon durch eine Schlittenreise von der Nord- westecke des Ellesmerelandes aus ohne außergewöhnliche Schwierig- leiten zu bewältigen sein würde. Daß Amundsen auf seiner ge- 1 planten Drift durch das Polarbecken in diese Gegenden kommt, ist nicht mit Sicherheit anzunehmen; er dürste sie zu seiner Rechten lassen. Ueberhaupt steht man hier, im Nordwesten des arktischen Amerika, an der Schwelle des Umfangreichsten„weißen Flecks" unserer Nordpolarkarten. Er un faßt die Gegenden nordwestlich und westlich vom Parryarchipel und dem Reiscgebict Sverdrups, nördlich von Alaska und der Beringstraße bis zu den Routen der .Jeanette"-Sxpedition von 1880/81 und der Nansenschen„Fram"- Expedition von 1893/90. Mikkelsen ist 1907 von Alaska her über den Rand jener terra incognita nicht wesentlich hinausgekommen; eine größere Bresche in sie ist nur zwischen dem 50. und 100. westlichen Längengrade gelegt worden: 1900 und 1909 von Peary, 1909 von Cook nach dessen Behauptung. Aber noch ungefähr die achtfache Fläche des Deutschen Reiches bedeckt jener weiße Fleck. Eine nicht unbegründet erscheinende Annahme geht dahin, daß hier eine Insel- brücke aus der Nähe der Ncustbirischen Gruppe bis gegen den Parryarchipel reicht; sie stützt sich auf Erscheinungen in der Bewegung des Packeises an den Rändern des Beaufortmeeres und auf Ueber- lieferungen der Polarvölker. Jedenfalls hat durch die Reise Cooks die Theorie Nansens von einem Polarmeer ohne Land von nennens- werter Ausdehnung eine Befestigung nicht erfahren. Hier ist also noch gewaltiger Raum für sehr weite Entdeckungszüge vorhanden, und zwei Polarfahrer, A. H. Harrison und R. Amundsen, wollen ja auch solche unternehmen. Harrisons Plan ist freilich mehr als kühn und erscheint namcnt- lich seinen englischen Landsleuten als höchst abenteuerlich. Er will mit zahlreichen Eskimos, Schlitten und Hunden von der Mackenzic- mündung über das Polarmeer bis nach Spitzbergen vorzudringen versuchen und dabei sogar die Winternacht zum Reisen benutzen, rechnet aber mit einem sehr langsamen Vorrücken, besonders für den Anfang, und bemißt die Expeditionsdauer aus 2� Jahre. Während es sich indessen hier um ein noch ungesickiertcs Projekt handelt, steht Amundsens Ausreise für das Jahr 19!l) bereits fest. Der norwegische Forscher hat eine Driftreise mit dem Schisse nach dem Muster der großen Nansenschen Fahrt vor. Seinen Ausgang wird er aber von einem östlicheren Punkte nehmen als Nansen, un- gefähr bei Point Narrow an der Nordküste von Alaska, weil er meint, so eher geradenwegs durch das Herz des unbekannten Polarbeckens nach Spitzbergen oder Franz-Josefland geführt zu werden. Amundsens Plan zeigt überaus deutlich die wichtigsten wissen- schaftlichcn Aufgaben der künstigen Nordpolarforschung. Es ge- hört dazu zunächst die Feststellung der Ausdehnung, der Tiefe und des Charakters des Hauptpolarbcckens, der Beschaffenheit der unter-- meerischen Sockel, aus denen sich die angrenzenden Kontinente er» heben, und die Uebergänge des Beckens zu den Nachbarmeeren. Zur Erledigung solcher Forschungsaufgaben vermag nur eins Driftexpedition zu Schiff beizutragen, weil dieses allein Zeit und sichere Vorbedingungen für die unerläßlichen hydrographischen Ar- beiten gewährt. Man kennt heute Apparate, sagt Amundsen, die Proben nicht nur des obersten Meeresbodens selbst, sondern auch Schichten ans einigen Metern Tiefe heraufschaffen können, und aus diesen Proben erkenne man die Natur der übereinander liegenden Ablagerungen, die dann erzählten„von der Geschichte langer Zeiten in ähnlicher Weise, wie die geologische Formation mit Versteinerungen auf dem Landgcbiet." Ferner biete sich aus-- giebige Gelegenheit, die gewaltige Waffermasse des Polarbeckens selbst zu untersuchen in bezug auf Temperatur und Salzgehalt; Mächtigkeit und Ursprung der verschiedenen Wafferschichten" werde sich daraus ermitteln lassen. Damr würden Strommessungen in den tieferen Meeresschichten vorzunehmen sein, aus denen man Schlüsse auf die Ursachen der Strömungen abzuleiten erhoffen dürfe. Noch andere Gegenstände der Untersuchung wären die Flutwellenerfcheinungen, die Bedeutung des Windes für die Meeresströmungen, die biologischen, meteorologischen und erd- magnetischen Zustände und Vorkommnisse. Gerade für solche Forschungen biete das Polarmeer eine viel günstigere Gelegenheit, als jeder andere Ozean.„Es sind die eigentümlichen Verhältnisse dort oben, welche dies mit sich bringen— ein 4000 Meter tiefes, ja vielleicht noch tieferes Meer, auf dessen Oberfläche man sich fast wie auf festem Lande bewegen kann. Man kann aus dem Eise leben und bauen; man kann von dort alle seine Instrumente ins Meer hinuntersenken und die größten Tiefen erreichen ohne alle Schwierigkeiten, mit denen man im Unwetter und bei hoher See auf dem offenen Meere zu kämpfen hat. Einen idealeren Platz für Meeresforschungen gibt es nicht." Freilich, wer ein so riesiges und mannigfach geartetes Arbeitsfeld bestellen will, muß sich in Geduld wappnen, seinen Ehrgeiz nicht in schnellen Erfolgen sehen; auf ein vier- oder fünfjähriges Treiben im Eise muß" er sich gefaßt machen. Kleinere, aber doch nicht unwichtige Teile deS Polarmeercs harren der Erforschung nördlich von Westsibirien bis zur Route Nansens mit dem„Fram". Auch das Innere des vergletscherten Grönland ist zum weitaus größten Teil noch unbekannt. Die Nansensche Durchkreuzung von 1888 fand im äußersten Süden dieses Polarkontinents, unter dem 04. Breitengrad, statt, die Pcarhsche von 1892 hoch im Norden, unter dem 31. Grad. Aus der dazwischen liegenden Hauptmasse Grönlands von 1900 Kilo- meier in der Breitenausdehmmg sind nur kurze Vorstöße von Westen her(so durch Nordenskiöld 1883 und durch Peary 1380) zu Verzeichnen. Der noch gänzlich unerforschte Teil Grönlaichs hat mindestens den zweifachen Flächengehalt de? Deutschen Reiches. Biels andere Probleme oerblciben dann noch der Einzelforschung, ist doch sogar das Innere Spitzbergens trotz der zahlreichen schwc- dischen Expeditionen noch keilceswegs vollständig bekannt, am wenigsten daS anscheinend g'