Unterhaltungsblatt des Worwärts Nr. 178. Dienstag, den 14. September. 1905 lNaAdruck verboten.) Ita k)ame. 13] Novelle von S. I u s ch k e w i t s ch. Autorisierte Ucbersetzung aus dem Russischen von A. Lampert. Nachts beraubte Jta sich einige Minuten des Schlafes und tmchte nur an ihn. und es war ihr, als ob alles Glück, von dem sie träumte, von selbst käme, wenn sie sich an seiner Brust aus- weinen würde. Am Tage dachte sie stündlich an ihn, gab sich i>er süßen Hoffnung hin, daß er gleich kommen würde, daß, wenn nicht sie selbst, so doch ihr Geld wie ein Magnet ihn heranziehen würde, wenn er auch noch so entfernt wäre. All- mählich hatte sie sich in eine derartige Stimmung versetzt, daß sie, als er endlich(zwei Tage, ehe man ihr ihr Kind bringen sollte) erschien, wie eine Verrückte die Treppe hin- unter zu ihm stürmte. Der Hof war' stark verschneit und sogar im Torweg, in dem Michel sie erwartete, lagen große Schnee- Haufen. Jta erkannte ihn schon aus der Ferne an seiner Gewohnheit, die Hände in den Taschen zu vergraben. Nasch lief sie auf ihn zu. gegen den scharfen Zugwind an. der hier wehte. Es dunkelte bereits und auf der Straße waren säst keine Passanten zu sehen. Jta trat an ihn heran, das Herz so voll, daß sie vor Erregung keine Worte für ihre Gefühle finden konnte, er aber blieb unbeweglich stehen niit gespreizten Beinen und die Hände in den Taschen. „Komm, setzen wir uns," flüsterte sie. sich auf der für den Dwornik(Hausmeister) bestimmten Bank niederlassend. Er setzte sich neben sie, und daran, w i e er es tat, wußte sie sofort, daß er furchtbar böse gegen sie war. Aber in ihrem Ueberschwang an guten Gefühlen war sie dadurch gar nicht beunruhigt. „Warum bist Du nicht zu mir gekommen?" fragte er hart.„Wenn Du dort gut und viel zu fressen hast, bin ich doch nicht satt davon. Lange wird's so nicht dauern— merk's Dir." Jta besann sich daraus, daß sie wirklich gut zu essen be- käme, und trotz seines heftigen Tones, der ernüchternd auf sie gewirkt hatte, empfand sie aufrichtiges Mitleid mit ihm. „Glaub' mir, Michel," entgegnete sie,„daß ich jeden Bissen mit Tränen begieße. Aber nicht nur," setzte sie eilig hinzu,„weil Du nicht so gut ißt wie ich, sondern weil ich aus unser ganzes Leben zurückblicke und sehe, wie schrecklich und häßlich es war." „Das ist mir viel zu lang und interessiert mit soviel wie der vorjährige Schnee. Kannst in Dich hineinstopfen soviel Du willst, meinetwegen bis zum Ersticken, aber ich will ja einen Nutzen davon haben. Wenn Du gus leben willst, mußt Du mit mir teilen." Jta wurde immer gleichgültiger gegen ihn und begriff nicht, wie. sie seinen Charakter so griindlich vergessen konnte, wie es möglich war. daß sie sich nach ihm gesehnt, ihn bcmit- leidet hatte. Die ganze Freude, die vor wenigen Sekunden noch in ihr getobt hatte, war erloschen, es blieb nur der angenehme Gedanke, daß sie nicht mit ihm gehen müsse, son- dern ein wenn auch unfreier, so doch von ihm unabhängiger Mensch sei. „Warst Du beim Kind?" fragte sie,� um das Gespräch auf ein anderes Thema zu lenke». „Was soll ich dort? Aber wenn ich einmal hingehe, so ist's nicht zum Guten, daß Du's weißt. Ich vergesse nicht, daß er mir acht Rubel aus dem Munde stiehlt." „Hab' ich denn das Kind nicht von Dir?" rief Jta bitter und gereizt.„Hast Du es denn nicht gewollt? Was kann das Kind dafür? Denke nur, wie unglücklich es ist. Hat man denn dort Mitleid mit ihm? Hat denn jene Frau einen Tropfen Blut für ihn vergossen? Weißt Du nicht mehr, wie gut es uns schon kannte, wie es an uns hing? Kannst Du denn im Ernst daran denken, sein Geld zu verschwenden?" „Gut, gut, aber Du hättest doch eine Frau auch für fünf Rubel finden können. Aber Du bist so dumm, daß man Dir nichts überlassen kann. Wie konntest Du nur auf zwölf Rubel Lohn eingehen? Wie konntest Du es wagen, acht Rubel für's Kind zu zahlen? Hast Du denn dabei an mich gedacht?" „Aber Michel, ich habe Dir ja alles gegeben, was in der Stube war: Du hast ja gar kein Gewissen, Michel." „Hättest nur versuchen sollen, es mir nicht zu geben— ich hätte Dir schon längst ein Mefsw in die Seite gestochenl" erwiderte er zornig.„Und noch eins sag' ich Dir: ärgere mich nicht. Gib mir Geld!" „Aber um Gotteswillen, Michel, Du bist nicht bei Sinnen. Woher soll ich Geld haben? Ich stehle nicht und mache keine falschen Münzen. Ich habe Dir alles gegeben, was ich hatte." „Viel hast Du gegeben. Solltest lieber still sein. Zwei Rubel! Auch ein Geld." „Aber natürlich Geld und noch dazu teures Geld. Du vergißt, was es mir kostet. Dies Geld ertrinkt nicht im Wasser*), und Du wirfst es für Kartenspiel fort." „Das geht mich nichts an: wo Du es her hast, ist Deine Sache, ich aber brauche Geld. Ich erlaube Dir nicht, für zwölf Rubel zu dienen. Kannst lieber bei mir sterben, als so'n dreckigen Lohn verdienen. Wenn Du nicht höheren Lohn verlangst, kannst Du Deinem süßen Leben„Adieu" sagen, Und für morgen will ich drei Rubel." „Wo soll ich sie hernehmen?" sagte Jta leise und die Angst rieselte ihr kalt über den Rücken,„ich habe schon füp einen Monat Vorschuß genommen und überall bezahlt." � Plötzlich flog sie von der Bank: Michel hatte ihr einen Stoß versetzt und ihr Tuch rutschte ihr von den Schultern herab, als sie wieder aufstehen wollte. „Hör' auf!" rief sie flüsternd und packte ihn an der Hand, „Du bist doch nicht zu Hause! Es könnte jemand sehen. Was guälst Du mich? Will ich denn Deine Bitte abschlagen? Ich würde ja gern meine Seele verkaufen, um nur Dich los- zuwerden. Du Unhold." „Schweig, sonst kriegst Du noch mehr. Morgen komme ich und hole das Geld." Jta stand schon da, bereit, bei der ersten Bewegung Michels zu entfliehen. „Ich komme," wiederholte er.„Wenn Du keins bekommst, kannst Du's stehlen, das ist das beste. Und wenn ich keins bekomme, kriegst Du Prügel, daß Du's einen Monat lang spürst. Wo ist jetzt der Junge?" „Das, Michel, sage ich Dir nicht um die Welt. Alles will ich ertragen, aber das Kind gebe ich Dir nicht." Sie stockte einen Augenblick.„Ich denke, wenn Du in zwei bis drei Tagen kommst, habe ich für Dich Geld. Ich nehme Vor- schuß oder borge bei Gitel." „Nein, morgen." „Das ist ja nur Trotz. Michel. Du bist ein so sonder- barer Mensch. Wahrscheinlich weiß ich doch, daß ich niorgen kein Geld haben kann: ist es mir denn nicht gleich, wenn ich es Dir doch einmal gebe? Komm in drei Tagen, Michel." „Nun gut," gab er nach,„das sind ganz andere Reden. Immer mußt Du mich ärgern. Ich bin ja so aufbrausend und schieße gleich los wie Pulver. Tut's Dir noch weh? Hast Du vielleicht 20 Kopeken, ich habe seit heute morgen nichts gegessen." Jta wußte, daß er log, und seine angeblichen Sorgen um sie waren ihr doppelt zuwider. „Ich habe 10 Kopeken," sagte sie, sich bezwingend,„ich kann sie Dir geben. Da, nimm." Und plötzlich weicher werdend, setzte sie hinzu:„Wenn Du nur ein ordentlicher Mensch werden wolltest, so hätten wir noch ein Leben. Wenn Du arbeiten würdest..." „Red' keinen Quatsch!" unterbrach er sie roh.„ich kann Deine ewige„Arbeit" nicht leiden. Nur die Dummen arbeiten, den Gescheiten geht es auch ohne Arbeit gut. Adieu — in drei Tagen komme ich wieder. Wenn Du das Kind siehst, küsse es von mir." Beim Worte„Kind" konnte sie sich nicht länger be- herrschen und schluchzte auf. So nahe schien das Glück und trotzdem so unmöglich. Mit demselben Michel könnte noch alles gut werden, wenn er nur einen anderen Charakter hätte. Ein Mensch war neben ihr und doch war es keiner. Sie weinte, von Michel abgewendet, damit er ihre Tränen nicht verhöhnen könne, aber ihr Herz wurde immer mehr zu Nach dem Volksglauben sind heilige Dinge vor dem Er- trinken sicher. Gtein. Tie Befreiunq von der Last des Schmerzes, von der sie in Erwartung ihres Mannes geträumt hatte, war nicht gekommen. Wortlos schieden sie voneinander nach diesem ersten traurigen Wiedersehen. Als Jta zu Hause angelängt war, vergaß sie alles, was sie bisher bewegt hatte, ging lange in ihrem Zimmer auf und ab und überlegte sich, wo sie Geld borgen könne. „Ich will's einmal bei Etel versuchen." sagte sie sich, als sie sich zu Bett legte. �Wenn'S bei ihr nicht geht, so vielleicht bei Gitel oder bei der Krämersfrau. Eine wahre Strafe für Mich, dieser Michel, du lieber Gottl" ilFortsetzung folgt.). rkidekraut. von C. S ch e'n k l i n g Wennschon das Pflanzenleben mit Riesenschritten seinem Ab- schlug für längere Zeit entgegengeht, so gibt es doch auch jetzt noch sich neu erschließende Blumen in berhältnismäßig großer Fülle. Freilich sind es zumeist jene kleinen Blümchen, die fast das ganze Jahr hindurch blühen und die man daher„zeitlose Blumen" genannt hat. Nur hier und da streift das suchende Auge inmitten der un° bedeutenden Schar Nachkömmlinge des Sommers. Auf den Triften sind es blaue Enzianen� auf Wiesen Herbstzeitlosen und am Grabenrande wilde Stiefmütterchen, Schafgarben, Flockenblumen und einige andere, aber drinnen der Waldgrund ist rosafarben überhaucht: das liebliche Heidekraut hat seine Blütengloctchen ge- öffnet. Es gibt wenige Pflanzen, die so ausschließlich den Boden einer Lokalität für sich in Anspruch nehmen, so vollständig die Allein- Herrschaft über ihn behaupten, wie unser kleines Heidekraut, Calluno vulgiris. Der nordeuropäische Landstreifen, der sich von der Spitze Jütlands bis zur Scheldemündung hinzieht, hat durch das kleine kriechende Strauchgewächs sein höchst charakteristisches Aus- sehen erhalten. Auch hier flutete einst der Ozean, aus dem insel- artig das mittlere Deutschland, die grünbewaldeten Berge Eng- lands und die starren Felsklippen Norwegens hervorragten. Eine einzige Pflanze war es, die sich nach Abfluß der Wasser des zurück- gelassenen Meeresbodens bemächtigte; sie breitete sich aber in einer Weise aus, daß sie nun zu Millionen und Abermillionen Stöcken das weite Tiefland bedeckt: es war das Heidekraut. Nur bei näherer Beobachtung findet man neben ihrem kriechenden Rhizom einige Seggenarten und ein kleines Rispengras sprossen; bielleicht auch ist der lockere Sand mit Cladonien, deren braune und rote Apothecien gar zierlich auf kleinen Säulchen ruhen, bedeckt. In geringer Tiefe lagert die starre Schicht des Ortsteines, auf der die im Herbst absterbenden Pflanzen bald ein Lager bildeten, das von Jahr zu Jahr mächtiger und schließlich so dicht lvurde, daß es für Niederschläge undurchdringlich war. Eine grüne Moosdecke breitete sich darüber hinweg und die auf der Mooslage sich erhebende Flora bestand im wesentlichen aus Heidekraut. Bald starb das von Wasser durchsetzte Wurzelwerk ab und neue Sträricher wucherten auf den verwesenden Pslanzenstengeln— so wächst das Moor nach oben, hauptsächlich aus den Resten des Heidekrautes bestehend. Aber auch in den Niederungen am Nordfnße der Alpen, wo der Landmann noch nicht seine Furchen zog, gibt es nur Moor und Heide, Heide und Moor. Und immer dieselben Moorbtldner: einige Heidekrautarten, Rauschbeere, Moosbeere, Sumpfporst, fast durch- weg immergrüne Pflanzen. Einige darunter, so die bei uns allge- mein verbreitete Besenheide, lassen sich in ununterbrochenem Zuge aus der Ebene bis hinauf zu 2500 Meter hohen Alpen- kämmen verfolgen. Und sonderbar, drunten im wärmeren Ties- land blühen die Stöcke nur wenige Tage früher als hoch oben in der alpinen Region, und für Calluna ist sogar nachgewiesen, daß sie in einer Höhe von 2000 Meter etwas zeitiger ihre Blüten öffnet als im nördlichen Teile des baltischen Tieslandes. Zwei Heidekrautartcn sind es, welche vornehmlich den Cha- rakter der Heidelandschaft bestimmen, ans trockenen Lagen Collima vulgaris(die gemeine Heide) und auf feuchten Urica tetralix, die sumpsliebende Glockenheide. Im Volksmunde heißt aber auch die gemeine Heide„Erika"— irrtümlicherweise, denn der Botaniker macht zwischen beiden Arten einen Unterschied, den sich auch der Laie merken kann, wenn er sich nur einmal Mühe gibt, beide Formen zu vergleichen. Während die gemeine Heide, d. i. die aller- wärts vorkommende, ihre Blütchen in cinscitswcndigen Trauben trägt, stehen die der Erika in endständigen Köpfchen. Allenfalls könnte jene Art mit Urica carnca verwechselt werden, doch hat diese nur einen beschränkten Berbrcitnngsbezirk. Außer auf Bayerns Alpen und Hochebenen wird sie nur im Vogtlande und in Böhmen bei Karlsbad, Franzensdad, Martenbad und Eger ange- trofsen, sonst nirgends in Deutschland. Trotz des besenartigen Habitus wird die Heide von jedermann gern gesehen. In vier Reihen find ihre linealcn Blättchcn dach- Hiegelartig übereinander gelegt und«us dem graubräunlichen Ge- zweig schauen die zierlichen rosafarbenen Blütengkockett ährenlveise hervor. Was das flüchtig betrachtende Auge erschaut, ist aber gar nicht die Bkütenkrone, sondern der vierteilige, blumenkronartig gefärbte Kelch, der länger ist als jene. Ein interessantes Kapitel bildet die Befruchtung unseres Blümchens. Es dürfte hinlänglich bekannt sein, daß bei der Be- fruchtung der Blumen der Wind und die Insekten den Postillon d'amour spielen. Jene Blüten nennt man windblütig(anemophil), diese insektenblütig(entomophil). Nur selten, wie z. B. bei der wunderbaren Vallisnerie, sind die Wasserwellen der Vermittler; die Art ist kymathophil. Neben diesen streng geschiedenen Gruppen gibt es aber auch Arten, die anfangs tierblütig, später windblütig sind, indem kurz nach dem Eintreten der Floreszenz allerlei In- selten gelegentlich ihres Blütenbcsuches den an ihrem Körper und in dessen Haarkleid haftenden Blütenpollen auf andere Blüten übertragen, aber gegen Ende des Blühens der Pollen dem Winde anvertraut wird. Am besten läßt sich das beobachten an mehreren Rhinanthaceen, wie an der Bartschia und der Schuppenwurz, dann aber auch an dem bereits erwähnten Frühlingsheiderich Erica carnea, welcher in dieser Hinsicht als Vorbild für ein paar Hundert Ericaceen dienen kann. Obwohl die Heide viel und gern von Bienen besucht wird, wodurch eine Befruchtung der Blüten zu» stände kommt oder doch kommen kann, geschieht die Bestäubung doch häufiger durch Luftströmungen. Und Ibas geht folgendermaßen zu. Die in Reihen geordneten Blüten hängen schräg abwärts und sind sämtlich nach ein und derselben Seite hingekehrt. Die Eni- Wickelung beginnt an der Spitze des Blütenzweiges und schreitet langsam nach unten fort. Gleichzeitig mit dem Oeffnen der Blüte kommt die Narbe in Sicht, die von dem sich verlängernden Griffel über den Blütensaum hinausgeschoben wird. Die um den Griffel gruppierten Antheren sind noch in der Blumcnkrone verborgen, Die honigsuchenden Bienen müssen unvermeidlich die heraus- gestreckte Narbe streifen und haben sie in ihren Höschen den Pollen einer zuvor besuchten Blüte mitgebracht, so bleibt dieser an der klebrigen Narbe haften und die Bestäubung hat stattgefunden. Die Antheren haben an ihrer rechten und linken Seite kleine Oeff- nungen. Da sich aber die Löcher der benachbarten und ring- förmig aneinandergereihten Staubbeutel genau decken, bleibt der Pollen in diesen aufgespeichert und fällt erst bei einer etwaigen Verschiebung der Ringglieder aus. Eine solche sindet statt, wenn die besuchende Biene anfliegt. Der Blütenstaub fällt ihr auf Rüssel, Brust und Kopf, mit ihm beladen fliegt sie zu einer weiteren Blüte und beftuchtet diese. Tritt eine Bestäubung auch nicht ein, so welkt die Narbe doch bald ab und ist nicht mehr fähig, Blütenstaub aufzunehmen. Dagegen verlängern sich nunmehr in derselben Blüte die Staubfäden und schieben die pollenbergenden Staubbeutel aus der Blüte heraus. Dadurch verlieren diese ihren Zusammenhalt und der Blütenstaub fällt aus den Oeffnungen heraus, was bei der leisesten Erschütterung des blühenden Zweiges eintritt. Der freigeworden« Pollen wird vom Winde weg- und gegebenenfalls der Narbe einer anderen Blüte zugeführt, wodurch die Befruchtung erfolgt. Wie Tulpe, Nelke. Hyazinthe und Rose ist. auch das Heidekraut ehemals eine Modeblume gewesen. Zu Rousseaus Zeiten, dessen liebste Beschäftigung es war, Heidekraut zu pflücken, bedienten sich die französischen Damen der Heidestengel als Hut- und Haarschmuck. Diese Bevorzugung des einfachen Blümchens vor seinen schöneren Schwestern war aber nicht von langer Dauer. Erst im Anfange des 10. Jahrhunderts sollte eS wieder zu Ehren kommen. Wie einst durch Pflanzenpioniere die Pelargonien in ihrer Reichtumsfülle vom Kap der guten Hoffnung nach Europa gebracht wurden, so entfaltete sich von daher auch der wunderbare Flor nie gesehener und gekannter Heideblumen über unseren Kontinent. Jenes„Para- dies der Blumen" zählt nämlich unter den rund LOOO Pflanzenarten, die der Botaniker als„Kapflora" bezeichnet, nicht weniger als 500 verschiedene Heidekräuter! Und fast alle haben sich als kulturwürdig erwiesen. Gleich den heimischen Heidesträuchern haben sie steife, dauernde, linienförmig-schmale Blätter. Aber die Mannigfaltigkeit im Blütenstande wie in der Gestalt der Blumen- kröne macht sie zu reizenden Zierpflanzen: Bald ist die Blumen« kröne langröhrig, tellerförmig, krugförmig, kugelig; bald stehen die Blütchen in Aehren, bald in Rispen oder in Köpfchen; ebenso wechselnd ist ihre Färbung: weiß, rosenrot, scharlach. iarmin, dunkel- rot, seltener gelb oder grünlich. Obwohl die Erikaceen heute noch von Liebhabern in Strauchform oder als Bäumchen gepflegt werden, ist ihre Kultur doch im Schwinden begriffen. Der Grund liegt wohl darin, daß die Behandlung der fremdländischen Arten nicht einfach ist und schon der kleinste Fehler an dem Pflanzen- individuum fich unangenehm bemerkbar machen. Die Bedeutung der Heide für das Hochmoor und die Moorker ist bekannt. Schon zu Plinius Zeiten diente der Moorboden den Friesen als Brennmaterial. Er schreibt darüber aus seiner sonni- gen Heimat:„Den mit ihren Händen geformten Erdschlamm trocknen sie mehr bei dem Winde als an der Sonne aus, um ihre Speise dabei zu kochen und die vom Nordwinde erstarrenden Glieder zu erwärmen." Durch den ostfriefischen Pastor Bolemius, der um die Mitte de? 18. Jahrhunderts in verschiedenen Kirchspielen des niedersächsischen Moorgebietes amtierte, wurde daS Moor« brennen eingeführt und so der Moorboden teilweise dem Ackerbau nutzbar gemacht. Freilich ist es mit der Güte des so gewonnenen Ackerbodens nicht sonderlich bestellt, Md Heidekraut dient heute noch den Rindern und Heidschnucken als Nahrung, wird an Stelle von Stroh als Stallstreu und zum Dachdecken benutzt und bildet auch das Heizmaterial des Moorkers. Die honigreichen Blüten ermöglichen in den Heidegegenden eine rationelle Bienenzucht, wie dem„Heidehonig" bekanntlich ein guter Ruf borausgeht. Und naht der unwirtliche Winter, dann schützt das Heidekraut mit seinen winzigen Samenkörnlein so manch Vöglein vor dem Hungertode und je strenger der Winter, desto reicher setzt die Pflanze Samen an, meint der Volksmund. Ist der Frühling eingezogen, dann bringt die„Schneeheide" den armen Vogtländern auch ein paar Nickel ein. Urica carnea ist nämlich die einzige Art. die im ersten Frühling blüht und wird zu dieser Zeit von den Bewohnern der Elsterberge, namentlich von den Brambachern, fleißig gesammelt und durch ganz Deutschland versandt. Die Glieder der Familie Erika halten fest zusammen. In- mitten der braunen Heide hebt sich auf mehr steinigem Gelände in niedrigem, lebhaft grünem Buschwerk die Krähenbeere ab, die auch a!S„Brockenmyrte" bekannt ist und an nassen Stellen zu äußerst zierlichen, fadcndünnen Zwciglein auswächst. Auf dem dürren Grunde des Föhrenwaldes, der die Heide siegreich verdrängt, am Saume der Wege und Schneisen, deckt die Preißel- oder Kronsbeere mit ihren niedrigen, wenig verästelten Stengeln, ihrem lederartigen. dunkelgrauen Laube und den traubig wachsenden ziegelroten Früchtchen den Boden, meist neben reifenden und grünen Beeren noch im Hochsommer Blüten tragend, die eine Nachernte zu bringen pflegen, oft nicht minder ergiebig als die Haupternte. Hier und da wird sie durch die ähnliche Bärentraube vertreten, deren lederartige Blätter unterseits geädert und nicht wie bei der Preißelbeere punktiert sind und deren größeren aber fad schmeckenden Früchte in beerenarmen Jahren wohl betrügerischer Weise unter den Preißelbeeren zu Markte gebracht werden. Viel häufiger als die Bärentraube findet sich die Bick- oder Heidelbeere in Gesellschaft des Heidekrautes. Seine kugeligen Blütchen sehen blaßgrün aus und haben einen leichten roten Anflug, werden aber trotz ihrer Un- scheinbarkeit und trotz ihres Duftmangels fleißig von langrüsseligen Insekten besucht, ein Beweis, daß nicht Farbenpracht und Blumen- duft allein die kleinen Näscher anlocken, sondern weit mehr das Aroma des Honigs, von dem wir aber trotz unserer guten Nase nichts verspüren. Auf sumpfigen Boden kommt die Rauschbecre vor, in manchen Gegenden Trünke!- oder Dunbeere genannt, ob- wohl ihr Genuß keineswegs berauschend wirkt oder„dun macht." Ihre Früchte haben Aehnlichkeit mit der Heidelbeere. Dagegen schön rot und von angenehm-säuerlichem Geschmack sind die Früchtchen der Moosbeere, auch Muttergotteskirschen genannt. Mit faden- dünnem Stengel kriecht diese zierlichste Vaccinienart durch die Moose de? Torfmoores hin, purpurrote Blütchen treibend, die sich einer außerordentlichen Langlebigkeit erfreuen. Als letzten Ver- treter der Familie sei des Sumpfporstcs gedacht, der wegen der Aehnlichkeit seiner Blätter auch wilder Rosmarin genannt wird und wegen seines narkotischen Geruches den Hausfrauen alL „Mottenkraut" bekannt sein dürfte. (lufer neuestes und mächtigstes fiaustier. Reiseerinnerungen aus Siam Von Dr. C. C. H o s s e u s. Nicht nur ältere Haustierforscher wie E. Hahn und Hehn, auch die modernen zählten den Elefanten bisher nicht zu den Haustieren, da ihm das Merkmal desselben, das Zeugen der Jungen, in freier Gefangenschast, abgehen sollte. Auf meinen anderthalbjährigen siamesischen Reisen im„Reich der weißen Elefanten" ist es mir jedoch gelungen, dies selbst zu beobachten; das erscheint um so wichtiger, als auch noch Wehrli-Zürich in seiner Wirtschaftß- und Ansiedclungsgeographie des benachbarten Siams den Satz aufstellt; „Der Elefant, der zwar nicht als Haustier betrachtet werden kann — bekanntlich ist die Geburt von Elefanten in der Gefangenschaft eine Ausnahme—, leistet als Gebrauchstier bedeutende Dienste." Nachdem mir nun aber eine ganze Reihe von Geburten in der Gefangenschaft bekannt geworden ist, müssen wir uns wohl doch entschließen, den Tierricsen endlich unseren Haustieren zuzu- rechnen. Da ist es vielleicht nicht ohne Interesse, etwas von seinem Leben und Treiben zu hören, und so möchte ich einiges aus meinen Reminiszenzen„hoch zu Elefant" von meinen Reisen durch Siam erzählen. Er diente mir vier Wochen als Reittier in der Zeit der Regenperiode und trug mich bis zu der großen Schleife des Mäkong im Norden Siams und zurück nach Djicng Mai. Gewöhnlich ist auf dem Rücken dieses stattlichen Reistiercs ein zweisitziger Sattel angebracht, so daß man einander gegenüber sitzen kann. Ist man allein, so nimmt man den Sitz in der Mitte, hinter und zugleich über dem Treiber ein. Dieser waltet seines Amtes hinten auf dem Kopfe sitzend, indem er hin und wieder mit einem Stachel den Widerspenstigen hinter den Ohren kitzelt, an seiner empfindlichsten Stelle, die zugleich auch die beste Schuhstelle ist. So wird er leicht zu rascherem Traben angespornt und das Glöckchen, das er trägt, klingt noch einmal so heftig. Von einer Art Seekrank- heit, von der man sonst wohl berichtet hat und die durch die schaukelnde Bewegung im Sattel Herborgerufen wird, habe ich selbst nie etwas verspürt. Dafür habe ich mich auch von Anfang an völlig heimisch auf dem Sattel eingerichtet, das heißt ich benutzte ihn einfach als Bett, in dem ich so ziemlich den ganzen Tag schrieb und arbeitete. In interessanten Gegenden und wenn es nicht zu sehr regnete, wurde der hohe Sitz verlassen und es ging ans Botanisieren, Machten sich die Stechfliegen unangenehm bemerkbar, so wurde da? Moskitonetz in den Sattel eingespannt. Auf langer Reise hatte ich genügend Gelegenheit, den gewal« tigen Genossen aus dem Tierreich, unseren sympathischen Träger kennen und bewundern zu lernen. Von Zeit zu Zeit bricht er eine mächtige Bambusstaude mit seinem Rüssel ab und zieht die Staude durch sein Maul, in dem die einzelnen Blätter zurück» bleiben. Damit die Staude nicht zurückschnellt, hält er sie mit dem Fuß fest. Wenn er seine Lieblingsnahrung nicht finden kann, dann nimmt er auch mit Gras vorlieb. In der Ebene reißt er einzelne Büschel aus und führt mit ihnen graziös kreisende Bewegungen des Rüssels aus. Dann steckt er den Büschel zum Verzehren ins Maul, um mit einem neuen dasselbe Spiel zu beginnen. WaS die Prozedur bedeuten sollte, fand ich erst nach öfterem Beobachten heraus, als der Koloß ein stark mit Erde und Kieseln bedecktes Rasenpolster aus dem feuchten Boden zog und mächtig zuerst zwei- mal auf die Erde schlug, so daß der größte Schmutz abfiel. Nun erst begann er die Büschel durch die Luft zu schwenken.„Also eine Neinigungsmethode!" sagte ich mir. In der Wahl seines Mahles gleicht der Elefant dabei einem Lucullus— er ist sehr wählerisch. Im allgemeinen bevorzugt er, wie schon bemerkt, Bambusen und scheut sich auch nicht, um sie zu erhalten— zum Aerger des Treibers — einige Schritte neben den Weg zu machen. Außerdem nimmt er gern Akazien, Palmen und das sogenannte Elefantengras zu sich. Reis und Bananen sind ihm dagegen Ambrosia! Beim Trinken scheint er das klare, saubere Wasser zu bevorzugen. Am Mä Lao hatten wir unter Stechmücken zu leiden; auch gegen diese Peiniger weiß sich der Riese zu helfen. Er bricht den nächstbesten stark belaubten Ast ab und vertreibt damit seine kleinen Widersacher auf der vorderen Rumpfseite, während sein langer Schwanz eifrig die Rückseite bewedelt. Hat ihn aber wirklich eine Fliege empfindlich gestochen, so nimmt er das erste beste Stück Holz, um sich damit zu kratzen. Daß er seinem Rücken— auch bepackt— ein Bad gönnen kann, dafür sorgt sein Rüssel. Er nimmt damit eine volle Ladung Wasser, die sich dann über den Körper ergießt. So erfreulich und erfrischend dies wohl auf den Genossen Elephas wirkt, so wenig sympathisch ist es für den Reiter. Zur Beruhigung derer, die mit dem mächtigsten aller Haustiere Bekanntschaft schließen müssen, kann ich indessen versichern, daß diese Belustigung nur selten bei ausgewachsenen Exemplaren vorkommt. Elefantenkinder gönnen sich den Scherz dagegen öfter. Geht es bergab ins Wasser. dann schreitet er mit seinen mächtigen Vorderflossen zuerst regulär ins Wasser, während er sich auf seine zwei hinteren Extremitäten setzt. Diese zieht er dann langsam mit unnachahmlicher Grazie nach, wenn er vorn sicher steht. So kann er nie das Gleichgewicht verlieren. Bei diesem Anblick mußte ich unwillkürlich an den Aus» spruch des berühmten Bergsteigers Purtscheller denken, den er bei einem ähnlichen Verfahren eines Alpinisten tat:„Man kann ja alles benützen, um herunterzukommen, aber schön ausschauen tut's net!— bei einem Menschen!" Der an Intelligenz grenzende Spürsinn des Elefanten hat rS dem Menschen sehr erleichtert, ihn sich als Haustier nutzbar zu machen. In dieser Rolle ist seine Kunst erstaunlich. WaS der Elefant— Beschreibliches und Unbeschreibliches— auf Kommando ausführt, möchte man nicht glauben, wenn man es nicht selbst ge- sehen hat. Nie werde ich den Augenblick vergessen, wie ich morgens zu meinem geduldigen Träger hintncke und er bei meinem:„Sie gestatten", langsam und gravitätisch auf seine vier Beine sinkt. Als Belohnung erhält er dann eine Banane— wenn der Herr selber welche hat—, sonst aber Reis. Die Treiber wunderten sich» daß ich nicht wie die meisten„ferangs"(Fremde) und Ginge- bereuen Angst vor den Tieren habe. Es verlieh mir das, wie mir Ai Keo, mein Boy, versicherte, in ihren Augen großes Ansehen. Aber Herr Elefant ist nicht nur Träger, er hat auch ander« schätzbare Anlagen. Man sollte ihn zum Oberkontrolleur aller siamesischen Brücken und Bauten ernennen! Mit wunderbarem — sagen wir— Instinkt ist er nämlich darauf bedacht, auszu- spähen, ob eine Brücke für sein schweres Gewicht passierbar ist. Ist dies nicht der Fall, so stutzt er zuerst, beachtet dies der Treiber nicht oder hat er mehr Zutrauen zu dem Werke des Baumeisters als zu dem Spürsinn des Genossen, so geht dieser zwar ein paar Schritte vor, bleibt dann aber unkeweglich stehen, bis ihn der Laote nolens dolens wieder zurückführt, um jetzt den vorge- schlagenen Umweg zu machen.„ Besonders nützlich und unentbehrlich ist der Elefant im Teak- Holzhandel. Das Teakholz— von Tectona grandia, einem Hart- holz, stammend— spielt im Handel Siams eine bedeutende Rolle. Da sein Vorkommen auf Indien, Hinterindien und dem malayischen Archipel beschränkt ist, finden wir es in der siame» fischen Exvortliste an zweiter Stell» Wir benutzen es vor allem in der Marine und Handelsflotte, zu Waggonbautcn und zur Möbelfabrikation. In Berlin sind zum Beispiel auch die Treppen der Untergrundbahnen aus diesem Material gebaut. Zuerst be» fördert der Elefant die frisch gefällten Stämme an das Wasser» von wo auS es verfrachtet werden soll. Hochaufgeschichtet ver» sperrt dann daS Holz in den Bächen die Wasserstraße. Dazwischen stehen die Elefanten. Einer davon, ein uralter Geselle mit mäch- tigen Stoßzähnen, hebt jetzt einen dicken Stamm mit der ganzen Macht seines Rüssels. Dann scheint er plötzlich nicht mehr zn wollen, denn dröhnend fallen die Schläge des Treibes mit einer stacheligen Keule auf seinen Rücken. Wutentbrannt bläst er zuerst Wasser aus seinem Rüssel, trompetet und schlägt die Ohren noch heftiger als gewöhnlich an seinen mächtigen Kopf, dann besinnt er sich, macht einige Schritte und greift von neuem den Stumm an, dieses Mal, um ihn mit dem Kopf vorwärts zu schieben. In dieser doppelten Art werden die Elefanten, die alle ihre Namen und Kosenamen von den Eingeborenen erhalten, zur Arbeit heran- gezogen. Vor allem wichtig sind sie aber in den engen Schluchten und Stromschnellen! hier leisten sie dieselben Dienste, wie unsere Holzarbeiter beim Triften mit ihren langen Stangen. Alles liegen- gebliebene Holz wird von ihnen in gutes Fahrwasser gebracht. Ist die Tagesarbeit in Wald öder Fluß zu Ende, dann trägt er die müden Holzfäller und Holzmarkierer nach Hause. Auf Ceylon wird er außerdem auch zum Reisbau benutzt; man spannt ihn dort direkt an den Pflug. Während meiner Reise bot sich mir die Gelegenheit zu mancher hübschen Beobachtung über die Gewohnheiten dieser Riesentiere. So ist es immer ein amüsanter Anblick, eine Elefantenlady oder ihr Junges spielen zu sehen; eines Tages spielte ein Verhältnis- mäßig kleines Tier mit mir wie ein Kind, freilich ein Mutter- söhnchen>— ständig suchte es unter den mächtigen Mutter- schenkeln Schutz, bis es die Alte wieder heraustrieb und zu neuem Spiel verführte. Die Jagd auf wilde Elefanten ist in Siam verboten, wird aber doch hin und wieder in der Weise betrieben, daß die zur Tränke kommenden Tiere mit einem Büffelhautstachel durch das hintere Fußgelenk gestoßen werden. An den Entzündungen gehen die Elefanten dann ein und das Elfenbein ist erbeutet. Neben dem Nutzen als Haustier ist der Elefant auch wegen seiner löst- lichen Zähne und seiner Haut äußerst wertvoll und so kann es uns nicht wundern, wenn er im fernen Osten eine große Rolle, sogar als heiliges Tier spielt l Die sogenannten weißen Elefanten sind, wie bei dieser Gelegenheit bemerkt sein möge, Albinos. kleines feuiUeton. Theater. Kleines Theater:»Der Mitmensch", Tragödie in vier Akten von Richard Dehme!. Thora Nathan, die Tochter eines jüdischen Bankiers, ist mit dem Börsianer, Sports- und Lebe- man» Ralf Eickrott verlobt. Ihr Herz und einiges andere gehört aber dem genialen Architekten Peter Wächter, von dem sie bereits ein Kind erwartet. Dieser Peter hat einen Bruder Ernst, der, wie er sich ausdrückt,„von Beruf sozusagen bloß Mitmensch" ist, d. h. er kann nichts und tut nichts, sondern beobachtet nur und genießt„die Welt, sich selber, die Menschen". Ein Lebensziel aber verfolgt er doch, nämlich das, seinem genialen Bruder die Bahn zur Unsterblichkeit frei zu halten. Und auf dieser Bahn er- scheint ihm die verwöhnte und genußsüchtige Thora als Verhängnis- volles Hindernis. Da es ihm nicht gelingt, Peter, der als korrekter Biederjüngling sich zur standesamtlichen Eheschließung für der- pflichtet hält, zur Lösung des Verhältnisses zu überreden, so begibt er sich zu Thora selber und erklärt ihr, wenn sie nicht sofort „schriftlich" auf den Geliebten verzichten wolle, so werde er. der Mitmensch, vor aller Welt ihr..Frauenrecht auf seinen Bruder entblößen". Thora verzichtet nicht, sondern bemüht sich vielmehr, von ihrem verhaßten Bräutigam Ralf Eickrott loszukommen. Aber der geile Wüstling gibt sie tücljt frei, und als sie ihm schließ- lich gesteht, daß sie schwanger ist, antwortet er mit der Auf- forderung:„Laß mir eine Nacht Dein Zimmer— da Du's doch gewohnt bist!" Das geängstigte Mädchen sucht Hilfe bei ihrem Vater, aber der alte Nathan kann nichts machen, denn der zu- künftige Schwiegersohn hat ihn geschäftlich in der Tasche und ist jederzeit imstande, seinen Bankerott herbeizuführen. Thora er- schießt sich und Ralf erfährt, wer der Geliebte seiner Braut gc- Wesen ist. Er brüskiert in flegelhafter Weise den Architekten, und dieser schlägt ihm ein Auge aus. Nun ist der Weg zur Unsterblich- keit wiederum gesperrt; denn dem genialen Peter droht das Ge- sängnis. Der Bruder Ernst erbietet sich daher, die Tat auf sich zu nehmen. Peter lehnt ab, aber während er fort ist, um einen Arzt zu holen, erschießt der Mitmensch„in Gottes Namen" den ohnmächtig daliegenden Börsianer.— Was ich eben erzählt habe, ist nicht der Inhalt eines Hintertreppenromans, sondern die Fabel einer dramatischen Jugendarbeit von Richard Dehmel. In Richard Dehme! aber verehren wir einen der wenigen großen Poeten, den das Deutschland unserer Tage hervorgebracht hat. Eine selbst- sichere Persönlichkeit von stolzer Eigenart, ein loderndes Tem- perament- von hinreißender elementarer Wucht, ein in den Tiefen schürfender Geist und ein Meister in seiner Kunst. Seine Kunst aber ist ausschließlich die Lyrik— eine Dichtungsart, für die man im Vaterlande Goethes, Eichendorffs und Liliencrons nicht viel übrig hat. Daher kennt man auch den Dichter Dehmel bei uns noch immer nicht, dessen Sämtliche Werke bereits vor zwölf Jahren Verantwortl. Redakteur: Emii Nnger, Berlin.— Druck u. Verlag: zu erscheinen begannen und von dem das Volk der Dichter und Denker von jetzt ab nur wissen wird, daß er der Verfasser eines miserablen Theaterstücks ist, das auf der Bühne des Herrn Barnowsky einen wohlverdienten Durchfall erlitten hat. Aus diesem Grunde darf man wohl sagen: oer Premicrenabcnd im Kleinen Theater war ein Skandal, für den es keine Entschuldigung gibt. Daß ein großer Dichter seinem verunglückten Jugendwerk gegenüber das Augenmaß verliert, mag noch hingehen. Unverant- wortlich aber ist es, daß eine Theaterdirektion die kindliche Stümperei des großen Dichters auf die Bretter zerrt, von der sie, wenn sie überhaupt eine Spur von Urteilsfähigkeit besitzt, schon nach flüchtiger Lektüre wissen mußte, daß ihre Darbietung im Bühnenlicht nur eine peinliche Blamage für den Dichter werden konnte. Denn es handelt sich hier nicht etwa um das mißglückte Experiment eines nach neuen künstlerischen Ausdrucksmitteln Ringenden, nicht um den ehrenvollen Zusammenbruch auf der rühncn Bahn zu höchsten Zielen. Was in diesem fürchterlichen Gemisch von altmodischem, krafthuberisch sich spreizendem Natu- ralismus und unverdauter Nietzschephilosophie uns ohne Unterlaß peinigt und abstößt, ist vielmehr die bare allseitige Unzulänglichkeit, der platte Dilettantismus, der sich in naiver Ahnungslosigkeit einey. komplizierten Kunstform bemächtigt, zu deren Handhabung ihm die simpelsten Anfangsgründe mangeln und der deshalb auf Schritt und Tritt hilflos strauchelt und entgleist und die angestrebten, oft recht banalen Wirkungen, die jeder mittelmäßige Kulissenroutinier aus dem Aermel schütteln würde, allenthalben auf eine lächerliche --.nd schmachvolle Weise verfehlt. Richard Dehmel ist kein Dra- matiker und er hört, sobald er ein Drama schreibt, auch auf, ein Dichter zu sein.— Den Schauspielern bietet das Stück nichts, und die Aufführung hätte auch bei sorgfältigerer und geschickterer Inszenierung und bedeutenderen darstellerischen Einzclleistungen keinen wesentlich anderen Eindruck erzielt. /. L. Geschichtliches. Eindrücke von der ersten Dampferfahrt. In unserer Zeit, in der sich bereits das Brausen der Luftschiffe und das Geschwirr von Flugmaschinen hoch über unseren Häuptern zu regen beginnt und einen neuen gewaltigen Fortschritt des Vcr- kehrs in Aussicht stellt, wendet sich der Blick gern zurück in jene Epoche vor hundert Jahren, da mit dem Auftreten des Dampf- schiffeS ebenfalls eine neue Aera besserer Verkehrsmöglichkeiten eröffnet wurde.. In den nächsten Wochen wird die Feier, die zur Erinnerung an Fultons erstes erfolgreiches Auftreten in New Dork veranstaltet werden soll, diese Kindheitstage des Dampfzeit- alters mit dem verklärenden Schimmer einer rührenden Vergangenheit umgolden, wenn wir von unseren ungeheuren Ge- bänden gleichenden Riesendampfern auf die ersten Tampfboote Fultons zurückblicken. Im„Century Magazine" gibt eine Ur- enkelin des genialen Erfinders, Alice Crary Sutcliffe, eine auf unveröffentlichten Dokumenten beruhende Schilderung der Ent- deckung und der Frühzeit des Dampfbootes, die wie soviele Groß- taten der Menschheit zunächst durch Hindernisse aller Art getrübt wurde. Die erste erfolgreiche Fahrt unternahm Fulton nicht in Amerika, sondern im August 1803 in Paris, wo ihm auf Veran- lassung des damaligen ersten Konsul Napoleon Behörden und Ge- lehrte freundlich entgegenkamen. Eine ausführliche Schilderung dieser Fahrt gab ein Augenzeuge in dem„Polytechnischen Bericht der Brücken und Chausseen":„Am S. August wurde ein Versuch mit einer neuen Erfindung gemacht, deren vollkommener und glänzender Erfolg wichtige Wirkungen für die Handels- und Binnenschiffahrt Frankreichs haben wird. Schon seit zwei oder drei Monaten war am Ende des Quai Chaillot ein Boot von merk- würdigem Aeußeren zu sehen, mit zivei großen Rädern ausge- stattet, die wie bei mnem Wagen an einer Achse angebracht waren, während hinter diesen Rädern eine Art großen Ofens mit einem Rohr hervorragte, wie, wenn eS so etwas wie eine kleine Feuer- spritze wäre, um die Räder des Bootes in Bewegung zu setzen. Einige Wochen später hatten böse Menschen diese Konstruktion beschädigt; nun aber empfing der Erbauer, nachdem er den Schaden wieder repariert hatte, eine sehr schmeichelhafte Be- lohnung für seine Arbeit und sein Talent. Um 0 Uhr abends setzte er. nur von drei Personen unterstützt, sein Boot in Be- wegung, wobei noch zwei andere Boote an dem seinen befestigt waren, und er bot nun einundeinehalbe Stunde lang das seit- same Schauspiel dar, wie ein Schiff gleich einem Wagen durch Räder bewegt wird, wobei diese Räder mit flachen Platten oder Rudern versehen waren und von einer Feuerspritze bewegt wurden. Während wir dem Schiff den Quai entlang folgten, erschien uns die Schnelligkeit, mit der es sich gegen die Strömung der Seine fortbewegte, etwa so groß wie die eines sehr raschen Fußgängers, das heißt etwa fünf Kilometer in der Stunde. Als es dann mit dem Strom abwärts ging, war die Schnelligkeit viel größer. Das Boot fuhr biermal herauf und herunter; es manöverierte mit Leichtigkeit, drehte sich nach rechts und nach links, ging vor Anker und begann ohne Mühe von neuem seine Fahrt. Auf einem der beiden anderen Boote befand sich eine Anzahl von Gelehrten, die zweifellos einen so günstigen Bericht erstatten werden, wie ihn dieser außerordentliche Mechanismus verdient. Der Erfinder dieser glänzenden neuen Einrichtung ist Herr Fulton, ein Ameri- kaner und berühmter Mechaniker." '..LerlinSW.