Anterhalwngsblatl des Horwärts Nr. 183. Dienstage den 21. September. 1909 18] Ita k)aine. ISJaftbiud verboten.! Novelle von S. I u s ch k e w i t s ch. � Die Nachrichten aus der Vorstadt lauteten mit jedem Tage beunruhigender. Täglich erfuhr Ita durch eine der Nmmen von einem neuen Stcrbefall und strengte alle Kräfte vn, um nicht den Mut zu verlieren. Dann kam wieder eine Reihe gewöhnlicher Tage mit ihren einförmigen Sorgen und alltäglichen Interessen, und diese verdächtige Ruhe dauerte jso lange, bis aus der Vorstadt keine schlimmen Nachrichten kamen. Aber eines Tages wurde alles anders. Als ob eine Schleuse geöffnet wurde und nun alles Böse und schlimme, das schon lange dahinter geläutert hatte, in unaufhalt- samem Strom einherraste. Das eigentliche Uebel hatte schon imit dem Tod von Gitels Kind begonnen, das als erstes Opfer der Seuche fiel. Obwohl verschiedenes über die Todes- Ursache des Knaben geredet wurde, war es in Wirklichkeit an Krupp gestorben, und da er in dieser Saison der erste war, igab er dadurch seinen in der Vorstadt zerstreuten Leidens- igenossen sozusagen das Zeichen zum Aufbruch. In den «nächsten Tagen kam zwar die Krankheit nirgends mehr zum Vorschein, und die Bevölkerung begann sich zu beruhigen. Da trat plötzlich der Tod in den verschiedensten Enden der Stadt auf, raffte einige Kinder hinweg, verschwand wieder für einige Zeit, um sich dann, genährt von den Unreinlich- leiten des Elends, gereift in der warmen Sonne, erwärmt und geliebkost von der Lenzesluft, regelmäßig und unabwend- bar nach allen Seiten zu verbreiten. Er ging wie ein ver- »rrter Wanderer von Haus zu Haus, von Stube zu Stube, blieb überall nur kurze Zeit, ging wieder weiter, und eine lange Reihe von Kindcrleichen, die man kaum so schnell fort- guschaffen vermochte, zeichnete seinen Weg. In der Vorstadt hatte sich bereits jenes fieberhafte Leben und Treiben ent- wickelt, das in der Zeit einer Epidemie auftritt, wo jeder sein Teuerstes, sein Blutverwandtes vor der Krankheit zu behüten sucht. Auf die Pflegekinder achtete niemand, dutzendweise wurden sie tagsüber auf den Friedhof geschafft und nach ihrem Tod sofort vergessen, verschwanden sie unbemerkt aus dieser Welt, wo sie vom ersten Tage ihres Lebens an des Rechtes auf ihre Mutter, auf Liebe und Brot beraubt waren. Sie starben entkräftet und erschöpft, kämpften mit ihrer Krankheit in den schmutzigen Ecken elender Kammern, ohne jegliche Aufsicht und Pflege. Sie fielen den zahllosen Para- fiten und Fliegen zum Opfer, die ihnen in Nase, Ohren, Augen krochen, und ihre Verwesung trat bereits ein, noch ehe sie den letzten Atemzug getan hatten. In allen diesen Häusern des Elends und der unwillkürlichen Verbrechen ertönten Tag und Nacht die Klagen und das Röcheln der Kinder, mit der höchsten Anspannung arbeiteten die kindlichen Muskeln, um schließlich den Krämpfen und der Agonie zu erliegen. Nach den Anfällen lagen sie da, bedeckt von Schwärmen trium- «phierender Fliegen, allen übrigen Bewohnern im Wege, und die aufrichtigen Tränen ihrer Mütter, die an der Seite fremder, mit besseren Schicksalen gesegneter Kinder über die vanze Stadt verstreut waren, begleiteten sie nur selten zu Shrer ewigen Ruhestatt. Verdorben, elend, eingeschüchtert stahlen sie. die ihren Kindern die Milch gestohlen, ihnen auch das Letzte: sie konnten nicht mehr anders. Und der Tod, dem keine Mutter auf seinem Wege entgegentrat, triumphierte und breitete drohend seine schwarzen Flügel über das Reich der Kinder aus. » Eines Morgens spielte Ita mit dem Kinde, das sie eben vus dem Bettchen geholt hatte. Sie stürzte sich auf den Knaben, drückte ihr Gesicht an seinen dicken Hals, bellte laut und kitzelte es durch ihre Küsse. Das Kind lachte und krähte vor Wonne, riß sie an den Haaren. Ita vergaß alles um sich herum und war glücklich in seinem Glück. Plötzlich dffnete sich die Tür, sie hörte fremde, laute Schritte im Zimmer. Ita drehte sich rasch um und sah, von einer un- erklärlichen Unruhe ergriffen, eine ihr unbekannte Frau. „Guten Tag," sagte die Frau mit einer gleichgültigen Stimme und betrachtete das Zimmer,„ich bringe Ihnen eine schlechte Nachricht, Aber Sie brauchen keine Angst zu hahen." Ita machte einen Schritt auf sie zu, sah sie aufmerksam an und sagte mit bebender Stimme: „Was ich geschehen? Ich kenne Sie gar nicht." Sie stand leichenblaß da und fühlte, wie ihre Knie zitier, ten. Das Kind schrie jetzt, und sein Gesicht, das eben noch so freudig gelacht, drückte eine tiefe Unzuftiedenheit mit dem Leben aus. Ita nahm es mechanisch in die Arme und gab ihm die Brust, um es zu beruhigen. „Esther schickt zu Ihnen," sagte die Frau teilnahmlos. „Ihr Kind ist nachts erkrankt und nimmt heute keine Brust mehr. Aber haben Sie keine Angst, ich habe den Rat gegeben, den Hals mit Speck zu verbinden, damit er warm werde, Esther hat freilich nicht daraus gehört und jetzt geht's ihm natürlich schlimmer, aber man braucht noch nichts zu fürchten« Mein Kind war vor zwei Jahren noch viel gefährlicher krank, aber ich hatte keine Angst und jetzt ist es gesund. Vor Angst und von dem Ton dieser teilnahmlosen hölzernen Stimme wurde es Ita ganz wirr im Kopfe. Sie setzte sich schweißgebadet und ihr Gesicht wurde plötzlich runzelig. „Was nun?" fragte sie endlich, als sie zu verstehen begann und sich einem momentanen Glauben an die Worte dieser Frau hingab.„Was soll ich jetzt tun?" Das Gesicht der Unbekannten war jetzt ganz erstarrt und jeder Zug in ihm schien zu sagen: man braucht nichts zn fürchten. Die Gedanken Jtas arbeiteten fieberhaft, aber ihr Gefühl begriff noch nicht den Ernst des Augenblicks. Alle ihre Instinkte schliefen noch und sie empfand nur einen Aerger darüber, daß das Kind krank sei und ihr ruhiges Leben störe. Der Knabe war in ihren Armen eingeschlummert, sein Köpf- chen ging jetzt mit dem Atem Jtas auf und ab. „Kommen Sie mit zum Kind? Man braucht natürlich keine Angst zu haben, aber man kann ja nie wissen. Jetzt ist die Saison, und die Mnder fallen wie gemähtes Gras." Sie machte eine Bewegung, als wenn sie gehen wollte. Ita zuckte zusammen und stand auf, immer noch das Kind in den Armen wiegend. Ziellos ging sie durch das Zimmer, und je mehr sie an ihren Jungen dachte, desto mehr packte sie das Entsetzen. „Warten Sie," sagte sie endlich,„ich gehe gleich mit Ihnen." Die Frau setzte sich gehorsam wieder hin und begann zu erzählen, aber sie brachte es fertig, mindestens zwanzigmak einzuschalten, daß nichts zu fürchten sei, und für Ita wurde es schließlich so quälend, daß sie am liebsten fortgelaufen wäre. Nachdem sie das Kind recht und schlecht ins Bettchen getan und in Schlaf gewiegt hatte, ging sie, die Erzählerin unterbrechend, zur„Gnädigen", sie um einen Ausgang zu bitten. Als diese aber erfuhr, daß Jtas Kind krank sei, gab! es einen unangenehmen Auftritt. Lieber wollte sie noch hundert Skandale von Michel ertragen, aber sie begriff es nicht und wollte nicht darauf eingehen, daß Ita ihr krankes Kind besuchen wollte. „Nein, nein," entgegnete sie Ita hartnäckig,„ich kann Sie nicht hingehen lassen, Sie müssen es doch selber begreifen. Ich dachte. Sie wären eine ordentliche Frau, und jetzt sehe ich* Sie sind schlechter als Gott weiß wer. Ich habe Sie aus dem Schmutz gezogen und zu einem Menschen gemacht, und Sie wollen zum Dank dafür mein Kind zugrunde richten. Ihn Kind wird nicht davon gesund, ob Sie zu ihm kommen oder nicht. Michel soll es ins Krankenhaus bringen. Ich will! Ihnen dafür ein paar Rubel extra geben. Nur sollen Sie mit ihm nichts zu tun haben. Es hat gewiß eine schlimme Krankheit, und Sie werden mein Kind anstecken. Hab' ich denn mein Kind nicht lieb?" „Machen Sie mit mir was Sie wollen," erwiderte Ita, aus ihrem Verlangen bestehend,„ich kann aber nicht anders, ich sterbe vor Angst. Ich muß hin. Ich habe mein Kind ebenso lieb wie Sie das Ihre." Sie fing an zu weinen und' versuchte, das Herz der „Gnädigen" zu rühren. „Denken Sie sich an meine Stelle,� Ich muß mein Kind sehen. Ich werde sonst verrückt. Sie müssen mich gehen lassen, Sie selbst müßten mir befehlen, hinzugehen, Ich bin MU eittfe ötme Frau, aber ich bin auch Mutter, habe auch inem Blut für meinen Jungen vergossen/' „Blut vergossen," wiederholte die„Gnädige" ironisch,„das Kner vergießt auch sein Blut. Wahrhaftig, Ihr Blut! Und wieviel mal haben Sie mir geschworen, mein Kind sei Ihnen teurer als das eigene Leben? Sie haben es doch geschworen?" „Ich habe nicht gelogen," antwortete Jta leise,„ich habe Ihr Ktnd lieb, das ist wahr. Aber das meine ist mir auch teuer. Lassen Sie mich nur hingehen. Ich verspreche Ihnen, daß ich es nicht anrühren werde. Aber ich mutz hin. Glauben Sic mir, ich kann nicht anders. Ich nehme mich in acht, ich schwöre es. Vielleicht geht es ihm noch gar nicht so schlecht. Er nimmt nur die Brust nicht. Lassen Sie mich gehen." Lange noch bat und flehte sie. Die„Gnädige" ging aber so weit, zu erklären, sie würde Gewalt anwenden, würde die Polizei rufen lassen. Aber je mehr sie sich aufregte, desto unbeugsamer wurde Jta. Sie wiederholte es und schwor, sich in acht nehmen zu wollen und das Kind sofort durch Esther ins Krankenhaus bringen zu lassen. Die„Gnädige" mutzte ■schlietzlich nachgeben, drohte ihr aber mit Ungnade für die Zukunft. Jta dankte ihr freudig für die Erlaubnis, nahm die drei Rubel, die sie ihr gab und ging, ein Paket unter dem Arm, mit der wartenden Frau zu Esther. Vor allem wollte sie Michel finden, um nicht hilflos zu sein, aber sie fand ihn mcht dort, wo er meist um diese Zeit war, und so hatte sie nur Zeit verloren. Es blieb ihr nichts anderes übrig, als sich drein zu fügen, und sie beschloß, alles selbst zu tun. Als sie zu Esther kam, trat ihr deren ältester Junge entgegen und antwortete auf ihre Frage, es ginge dem Kind nicht gut. Zitternd trat Jta in die Stube. Die Furcht für das Leben ihres Kindes hatte ihre Liebe zu ihm verzehnfacht. Das Kind lag auf dem Bett, daneben faß Esther mit gesenktem Kopf. Jta warf aus der Entfernung einen Blick auf ihn, aber sie konnte nicht anders und lief auf ihn zu. Schwer und teil- nahmlos blickte es auf und zitternd, schwer atmend, wandte es sich wieder ab, mit einem Vorwurf im Ausdruck, wie es Jta schien. Jta schlug die Hände zusammen. Es stand vor ihren Augen plötzlich da, wie damals, als sie zum ersten Male zu Rose gekommen war: so gesund, rosig, glatt, und ihr ganzes Unglück, ihre ganze Schuld traten vor sie in ihrer ganzen er- schreckenden Wahrheit hin. Vor ihr lag ein ausgezehrter Knabe mit unmäßig langen Armen und Beinen, mit bläulicher 'Hautfarbe und spitzen Gesichtszügen, ein sonderbarer kleiner Greis, jenen kleinen Mißgeburten ähnlich, die in Spiritus aufbewahrt werden. Als Esther Jta sah, nickte sie nur und beugte sich zum Kind hinab. Das Kind streckte ihr seine langen Aermchen entgegen. Jta stand unbeweglich, erwartend da; zedes schwache, fast möchte man sagen bewußte Aufstöhnen des Kindes schnitt ihr ins Herz hinein. (Fortsetzung folgt.). I�eue Brzäblungslitcratur. L Max H o ch d o r f: Das Herz des Little Pu.(Axel Juncker, Bertin.) Es ist die Geschichte von einem Zwerge, dessen Herz so traurige Dinge durchmachen mußte, daß sie einen Kerl von sechs Klaftern Länge zerdrückt haben würden. Locb Pinkus hieß der hcrzensstarke Knirps, als er noch bei seinen Eltern am Hungerwche nagte. Little Pu wurde aus ihm, als er in der Manege in der Närrenjacke jmit halsbrecherischen Scherzen das Publikum belustigen mußte, diewcil sei» armes Herz sich nach dem schönen Aas, der Reiterin Fciniuger, verzehrte; im Raritätcnkabinett der Kirmesbude stand er als Häuptlingspriuz Torpedo am Pranger und seufzte unter den Roheiten seines Mcnagers und dessen Kreaturen, um endlich durch die Vcrmittclung einer nymphomanischen Prin- zessin in LuduviknS Pius als kasiratenstimmiger Kirchen- sänger und Katholik seine Auferstehung auS dem Inferno feines schönheitSreichcn Lebens zu feiern. Dieser Passionsweg mit seinen Stationen ist vom Dichter nicht etwa in der Art eines bunt- farbigen Artijtenromans gezeichnet. Es ist ein zartes, rührendes Sceleugemälde eines Unglücklichen, bei dem der Autor mit jener spürsamcn Kraft, die schon in seinem Novcllenbuch.Dunkelheiten" zum Berküuder mystisch verschlungener Psychologie der gequälten Menschenkinder wurde, auch hier wieder dem Erleben und Gefühlen seiner Gestalten nachgeht. Sensation und Sentimentalität, die beiden groben Effekte der Dutzendschreiber sind streng vermieden, dafür hat Max Hochdorf jenen von Wärme bestrahlten Stil gefunden, der sich in dichterischer Schönheit hüllt, in künstlerischer Zucht jede Plattheit flieht und Stoff und Form harmonisch fügt. » MaxBnrckhardt. GottfriedWnnderlich.(S. Fischer, Berlin.) Auch hier ist ein Lebenslauf geschildert, aber der Verfasser ging von außen statt von innen an seinen Heldtt» hekän. Gottfried Wunderlich hat von vornherein einen schweren Stand, denn er gehört zu den passiven„Lebenslebern", die nach der Tolstoischen Devise dem Uebel nicht widerstteben. Ihre Nöte ärgern uns mehr, als daß fie uns rühren, denn an Stelle eines frisch, fromm, ftöh- lichen Kampfes mit dem Schicksal refleltteren sie und lassen sich schieben. So läßt fich auch Gottfried Wunderlich von Prälaten und Kuraten durch die Klosterschule hinein in den geistlichen Stand schieben, obwohl sein Sinn auf weltlicher Romantik steht, und läßt sich ferner vom Weibe vom Glücke fortschieben, statt daß er beherzt zugriffe. Zwar wirst er zuletzt doch die Mönchskutte weit von sich, indeffen Ringen und Entschluß weiß der Verfasser nicht recht glaubhast zu machen. Er versucht uns das alles zu erklären, statt daß er es gestaltete. Man mertt an diesem Buche deutlich, Max Burckhardt, der unter die Vielschreiber gegangen, mußte sein Pensum liefern. So fabelte er daraus loS und durchlebte seine Geschichte. Erdichtete, statt dichtete. Da schlich fich seitenlang eine durch alle Wohlredenheit nicht überdeckte innere Leere hinein. Wie er selbst außerhalb seines Stoffes stand, als er fich an den Schreibtisch setzte, bjeibt auch der Leser außen stehen. Stellenweise erfreut ein treuherziger Humor, aber der Diminutivstil wirtt trotz» dem unecht. Artzibaschew: Revolutionsgeschichten Müller, München). Daß Bücher ihre Schicksale haben, bewahrheitet sich wieder einmal bei den Schriften des Russen Artzibaschew. Im Jahre 1903 hatte der Autor bereits seinen Roman Ssanin ge» schrieben und es krähte kein Hahn danach. Im Gegenteil, von Zeitungen und Verlegern wurde er zurückgewiesen. Bis endlich eine glückliche Welle nach fünf Jahren das Werk an die Oeffenttichkeit schwemmte und es von einer Reihe Menschen aufgefangen wurde, die in dem Buche fich selbst wiederfanden. Und die Begeisterung, die bekanntlich noch gefährlichere Streiche macht, wie die Ver» dammnis, rief Artzibaschew als den Mesfias aus und der Heiligenschein dieser Bedeutung wirft sein Licht nun auch auf alle seine anderen Arbeiten. Aus der Versenkung herauf steigen seine Novellen, alles was er geschrieben bis herab zu seinen Erstlingswerken. Aber daß ich'S gleich vorweg nehme, dieser Ruffe hat eigentlich nie Erstlingswerke im Sinne von Minderwertigkeit geschrieben. Im vorliegenden Bande steht Pascha Tumanow, seine allereste, vor acht Jahren geschriebene Geschichte eines gequälten Gymnafiasten, der seinen Rettor niederknallt in ekstatischem Zorn und sie ist so reif, so durchflammt von Miterleben und von so plastischer Anschaulichkeit, wie jede der anderen Er» Zählungen und wie das letzte und beste aus des Autors Feder. Artzibaschews Wert für die Literatur besteht für uns daher nicht in der seinem Roman Ssanin aufgepropsten Bedeutung oder in der Tendenz seiner Novellen, was Artzibaschew siegen ließ, wenigstens bei uns in Deutschland, ist die Glut seiner Empfindung, ist diese starke Innerlichkeit, ich möchte sagen die verzückte Besessenheit, mit der er in seinem Stoffe auf- und untergeht. Hätte er nicht dieses heilige Feuer, hätten ihn auch die Anstrengungen seines allzuberedten Vorredners und Uebersetzers Andre Villard den Weg nicht ebnen und das Schicksal seiner Bücher bestimmen können. Ja, dieser eifrige Schrittmacher läßt ein bißchen reichlich Dampf loS und eS bewerft wohl gerade, daß Artzibaschew ein„Selberiancr" ist, weil trotz der puffenden Einleitungen der Eingeleitete sich zu behaupten vermag. Die Revolutionsgeschichten schildern wieder Menschen mit der leiden- schaftlichen Willcnsüberspannung. die wie im Krampf hemmungslos unter einem fatalistischen Gesetz handeln. Das Geschlecht der geistigen Revolution waren zielbewußte Männer der Tat, Artzibaschew zeigt Gefühlsrevolutionäre, ein Geschlecht der Unbewußten, das hysterisch haßt und liebt, im Taumel rast und hypnotisch mordet. Sie können sich keine Rechenschaft geben, diese fiebernden trostlosen Menschen, warum sie ihre Attentate, ihre Selbstmorde begehen I Wie von einem schweren Druck sind sie alle niedergebeugt und frank geworden. Und hektisch, keuchend vollziehen sich die Entladungen ihres delirierenden Gemütes. In einem solchen fatalistischen Delirium schießt der Rächer„Schewyrow" in die Genußmenge, tötet „Pascha Tumanow" seinen Peiniger, läßt„der Arzt" den Polizei» Meister hilflos verröcheln, löscht die Kursistin Lisa ihr unverstandenes Leben aus, jagt ihre Freundin Dora Barschawskaja einem wild- fremden Zilinderherrn eine Kugel durcb den Kopf sMorgenschalten) und türmt der Stationsvorsteher Anissimo(Blutfleck) Barrikaden, damit der Zug mit Militär entgleise. Keiner denkt an das, was hinterher kommt und warum sie es tun, der Rausch des Augen- blicks läßt sie Blut vergießen und selbst verbluten. Ärtzi- baschews Revolutionäre sind nicht innerlich mit der Revolution ver- wachsen, und es ist den, Autor meisterlich geglückt, mit impressio- nistischcn Strichen und Strichclchcn diese seelische Bodenstandölosigkeit zu scbildern. Diese seelische Bodenstandslosigkeit, die in„Ssanin" zur Erotomanie führte, führt hier zu dem Spiel der Zerfahrenheit. Wie bei Schnitzler die Menschen um Anatol herum nichts lieben, sondern liebeln— so sind die Menschen in Artzibaschews Geschichten keine Revolutionäre, sondern sie revoluticrcln. Es ist etwas Spielerisches dabei, so ernste Gesichter sie auch dazu machen. « Karl BorromäuS Heinrich: Karl Asenhofers Flucht und Zuflucht.(Albert Langen, München.) Dieser Karl Ascnhofer ist genau so ein Typ. ivie die Gestalten Artzibaschews Typen ihrer Zeit sind. Und genau, wie man diese, trotz Artzibaschews Ansicht, nicht zur Regel machen kann und auS ihnen nun Schlüsse auf die gesamte Jugend von Rußland zöge, ist auch dieser Borromäus Keinrichsche starrköpfige Skeptiker nicht als Repräsentant des ganzen modernen jungen Deutschland hinzustellen. Und doch trägt er, gleich den russischen Fanatikern, Züge einer unheimlichen Lebenstreue. Der junge Mann, dem die Armut von Kindheit an die rosigen Brillen- (läser des Idealismus blind machte und ihm dafür um so härfere Augen und schärfere Sinne für die Wirklichkeit gab. Der Kampf zwischen Verstand und Gefühl führt zu jenen grüblerischen Deduktionen, die schon im ersten Buch, daö von Karl Asenhofers Kindheit und Jugend handelte, mit so auffallender Klugheit und Klarheit die Geschichte durchwebten. In dieser Fortsetzung ist Karl Lsenhofer in der Fremde als Lehrer der deutschen Sprache tätig und er schlägt sich mit dem Leben und seinem Herzen herum. Denn er vegetiert in einer absoluten Beziehungslosigkeit zur Umwelt dahin, er sucht nach einem Wegweiser in die Zukunft und gerät in Ermangelung der Erkenntnis positiver Werte in ein Anarchistenlum wider Willen. Er hat das typische Schicksal zu tragen eines jungen Menschen, der in einer harten, unerbittlichen Selbstkritik neben dem Leben lebt, weil kein Ziel ihm die Richtung weist. Das stete Pulsbefühlen seines Handelns, FühlenS und Denkens begräbt alles Jugendliche in ihm, ohne den Mann erstehen zu lassen, und die tiefe Feindschaft, die er zwischen sich, seine Familie und die ganze Welt gelegt hat, in der Zusammensetzung semes Charakters, in der Mischung auS Stolz und Armut, Herrschsucht und Askese, treibt ihn zum Lebensekel. Bis end- lich er in einem Ziel, in einer sein Ich erfüllenden Idee wieder uflucht nimmt zu den Wegen der Hoffnung und der Lebensfreude. s ist das Leidensbuch eines Suchenden und Sehnsüchtigen und Nachdenklichen, in dem sich ein Ueberschutz an Liebe und Verlangen gestaut hat und der nicht weiß, wohin mit dem Aufruhr seiner Brust. Und«S ist ein Hymnus auf die Arbeit, nicht auf jene tote Berufsarbeit oder den geschäftigen Müßiggang der Arbeitsamateure, fondern auf jene Arbelt, die Befriedigung, die Lebensaufgabe ist. Das Fehlen einer positiven Lebensaufgabe ist eS ja auch, was die russische Jugend bei Artzibaschew zu ihren Exaltationen treibt, die Deutschen sind nüchterner, sie werden, wenn sie ohne Lebensaufgabe hindämmern müssen und wenn sie keine Durchschnittsmenschen find, wie Karl Asenhofer Pessimisten und Skeptiker und wüten gegen sich selbst. Borromaus Heinrich ist inzwischen noch gewachsen in der präzisen Vernünftigkeit seine? Stils. Unter den scheinbar kühlen Sätzen fibriert ein heißbeteiligtes Herz und wo der an blumige ?Zoeterei gewöhnte Leser dem Verfasser Schwnnglosigkeit vorwerfen ollte, wird er durch seinen Ernst und seine Tiefe reichlich entschädigt. « Max Brod: Ein tschechisches Dien st mädchen. (Axel Juncker, Stuttgart.) Dieser kleine Roman handelt gleich- falls von einem BetrachtungSmenschen, dem scholastische Gedanken- ketten Bedürfnis find und der dabei als ein Schlafwandler durch das Leben geht. ES ist ein ganz junges Menschenkind und nicht mehr als ein Buchhalter, der auf seinem Kontorsessel seine»In- wendigkeiten" beschaut,(um mich einer Lieblingsbezeichnung des Nordländers Kohl zu bedienen) an logischen Verknüpfungen herum- kaut und im übrigen eindrucklos dahindusclt. WaS ist ihm Prag, die Stadt, wohin ihn sein Vater geschickt hat, mit ihren Heiligen- statucn und Kirchtürmen, mit ihrer Zweisprachigkeit, ihren reizvollen Moldauufcrn und ihrem Kampf der beiden Nationen? Er bleibt ein Gleichgültiger, bis eines TagcS ein Fichtennadelduft in seine Nase tritt, seine Sinne verwirrt und ihn vollends trunken macht. als der Duft in einem drallen, blondbekrönten Dienstmädchen Gestalt annimmt. Pcpi, die Tschechin, verscheucht mit einem Male seine Einsiedelgewohnheiten und seine Lebensfremdheit. Noch ehe er den ersten Kuß auf ihre Lippen gedrückt, rumort alles in ihm, und die- weil er ihren Spuren nachgeht, schaut ihm mit einem Male die Welt erleuchtet wie mit einer Blendlaterne, seine Sinne werden scharf auf der Suche nach der versteckten Geliebten. Ach, was für ein Aufruhr ist in ihm, mit was für spähenden Augen geht er jetzt durch die Gassen Prags. Millionen Eindrücke wird er gewahr auf der Straße, er sieht mit einemmal die Schönheit der Stadt, holde Wunder brechen ihm auf. Aber was ist das schließlich weiter als die hitzige Verliebtheit eines Neulings des Lebens, wie sie jedem Muttcrsohne einmal passiert. In Verlin ist's das Warcnhausmädchen, in München die Kellnerin, hier richtet ein Dienstmädchen das Unheil resp. Heil an. Doch nein, BrodS Roman ist mehr als die Alltags- geschichte eines Liebesabenteuers. Max Brod schildert das Wunder der Liebe an sich. Es ist vielleicht gerade der feinste Zug der Geschichte, daß er dieses Wunder, das selig und sehend, lebendig und verstehend macht, durch ein Dienstmädchen sich voll- ziehen läßt, das eine Null, einfältig, lügnerisch und ver- schlagen ist. Denn die Unbcgreiflichkeiten der Liebe sind damit um so stärker ausgedrückt. Der Buchhalter stillt an dem Mädchen seine Fleischeslust, und es ist doch mehr alS Sinnen- liebe. Kein Verhältnis, wo sich der Mann mit dem weiblichen Vergnügungskleinvich(Manpassant) amüsiert. Es ist jene Beglückt- heit und Entzückung, jenes große, unauflösbare Excmpel der Liebe, da? nicht mit den Qualitäten des geliebten Gegenstandes zu divi- Vieren ist und wobei die Sexualität mit der Verklärung verschmilzt. Schon in seinen früheren Büchern hat Brod den Rausch, am Weibe dichterisch mit brennenden Farben zu schildern versucht. Die Erotik von jenem Katholizismus des Gefühls inbrünstiger Mystiker geht purpurn besonders durch feine Lyrik. Hier aber kam noch etwas hinzu: das Aufleuchten der Silhouette Prags, der alten Hradschinstadt, die versöhnlichen, verbrüdernden Worte im Streit« der Katioffet? Ii» einem unerforschlichen Ratschlüsse ließ der Autor sein tschechisches Dienstmädchen sich zuletzt ins Wasser stürzen. Der Mohr hat seine Schuldigkeit getan, der Mohr kann gehen. Aber mit ihrem Tode wird es auch um Wilhelm Schurhast wieder dunkel, er sinkt wieder in Schlaf. Wir haben ihn ein Stück Leben begleitet, das schön war und erboben und voll der Bezauberung, in der wir alle einmal dahingingen._ J. V. Eine Erklärung Tolstois. Durch die russische Presse geht eine Erklärung Tolstois an» läßlich der Verbannung seines Privatsekretärs Gussew. Sie besagt unter anderem: Als ich von Gussew Abschied nahm, mußte ich weinen, jedoch nicht aus Mitleid mit der Schickung, die Gussew ereilt hat. Bemit- leiden konnte ich ihn deshalb nicht, weil ich wußte, daß er dieses geistige Leben lebt, in dem keine äußerlichen Einflüsse vermögen. einen Menschen seines wahren Glückes zu berauben. Ich weinte vor Rührung beim Anblick dieser Unerschütterlichkeit, die an Heiterkeit grenzte, mit der er das über sich ergehen ließ, was ihn, begegnete. Und diesen gütigen, mitleidigen, wahrhaften Menschen, einen Feind jeder Gewalt, der allen behilflich sein will und für sich nicht? verlangt— diesen Menschen ergreist man des Nachts, wirft man in ein typhöses Gefängnis und verbannt ihn in eine gewisse Gegend, die nur dadurch den dorthin verbannten Leuten bekannt ist, weil sie sie für das Unerträglichste halten. Viel entsetzlicher ist aber der Grund, weswegen Gussew ergriffen, ins Gefängnis geworfen wurde und verbannt wird. Als Grund wird angegeben, daß Gussew revolutionäre Bücher verbreitet. Aber Gussew hat während der ganzen Zeit(zwei Jahre), die er mit mir verlebte, nicht nur keine revolutionären Schriften verbreitet, sondern verhielt sich beständig verneinend zu allen solchen Schriften. Wenn er, meine Aufträge erfüllend, Bücher ausgab und durch die Post versendete, so waren es keine revolutionären, sondern meine Bücher. Meine Bücher mögen den Leuten schlecht und unangcnehn, vorkommen, aber sie können keines- falls als revolutionär bezeichnet werden, da in diesen in ent- schiedenster Weise jede revolutionäre Tätigkeit verneint wird, weS- halb auch diese Bücher von allen revolutionären Organen verurteilt und verhöhnt werden. So ist die Verfolgung Gusscws wegen der Verbreitung revolutionärer Bücher nicht nur haltlos, sondern entbehrt auch den Anschein irgend welcher Begründung... Die Ungereimtheit der Maßnahmen in bezug auf meine Person ist noch entsetzlicher. Die Sache besteht ja nur darin, daß unter die Zahl aller dieser gefährlichen Elemente, die man unter- drücken mutz, unter anderen auch Tolstoi gehört, mit seiner dumnien Predigt eines von ihm erfundenen Christentums und der unsinnigen UnWidersetzlichkeit. All' sein Geschwätz hat selbst- verständlich keine ernsthafte Bedeutung, aber er wiegelt die Leute aus durch seine Predigt, daß es heißt: Du sollst nicht töten, und manche sonstige Auslassungen, daß das Eigentum an Grund und Boden ungesetzlich ist usw. Und deshalb müßte man ihn um jeden Preis unschädlich machen. Das einfachste Mittel bestünde darin, Tolstoi gerichtlich zu verfolgen oder sonst noch einfacher ihn aus Grund dieser Sonderparagraphen, die wir jetzt anwenden, so für fünf Jahre ins Gefängnis zu sperren, dort würde er sicherlich sterben und somit aufhören, uns zu belästigen. Das wäre selbstverständlich am bequemsten, aber im Auslande, wo man nicht wie wir den völligen Unsinn seiner Lehre kennt, schreibt man ihm einige Wichtigkeit zu und ihn, wie Gussew, ins Gefängnis von Krapiwa einzusperren ist jedoch unbequem. Und deshalb das Einzige, was wir tun können und eifrigst und unermüdlich tun werden, ist, daß wir den ihm nahe- stehenden Leuten schaden werden und ihnen allen möglichen Tort antun. So wird er doch endlich schweigen müssen... Hier ist es, wo die Zweckmäßigkeit der in bezug ans meine Person angewandten Maßregeln besonders einleuchtet. Unzweckmäßig sind diese Maßregeln deshalb, weil ich erstlich meine Gedanken, welcher Ansicht auch die Leute darüber sein mögen, für wahr, notwendig halte, und hauptsächlich, weil ich den Zweck meines Lebens darin finde, sie mitzuteilen, und deshalb werde ich, wie ich es bereits erklärte, so lange ich lebe, die Mitteilung dieser fortsetzen, und die Entfernung Gussews kann diese meine Tätigkeit nicht ändern. So wie ich durch Vermittelung Gusscws(was ihm zur Last gelegt wird) bisher diese Bücher an alle diejenigen verteilte und versendete, die sie haben wollten, so werde ich auch jetzt vermittelst anderer Personen, deren viele mir ihre Dienste an- boten, solche Bücher auch fernerhin verteilen und verschicken, oder. wenn man auch alle diese Personen nach Tschredyn oder irgend- wohin verbannte, so werde ich selbst sie denen verteilen und verschicken, die den Wunsch äußern, sie zu haben. Meine Bücher nicht denen zu geben und zu schicken, die sie haben möchten, kann ich ebensowenig wie nicht aus die Anfragen der Leute zu ant- Worten, die danach fragen, was ich weiß. Ungereimt sind dieie Maßnahmen noch und hauptsächlich des» halb, weil man, um den Bomben und Bombenverfertigcrn zu entgehen, diesen die Bomben wegnehmen und die Bombenversertiger ins Ge» sängnis werfen kann oder sie hinrichten; aber mit den Gedanken kann man in ähnlicher Weise nicht vorgehen. Jede Vergewaltigung der Gedanken und deren Träger verringert nicht etwa ihre Wirkung, sondern trägt immer zu ihrer Stärkung bei. vnd deshalb, und hierin besteht der hauptsächliche Zweck meiner Erklärung, möchte ich wieder diese Leute bitten, denen die tlZerbreituug meiner Gedanken und meiner Tätigkeit unangenehm ist, »venn es ihnen keinesfalls möglich ist, sich ruhig zu Verhalten, wenn sie um jeden Preis Gewaltmittel gegen irgend jemand an» wenden wollen, diese unter keinen Umständen gegen meine Freunde zu richten, sondern gegen mich— den einzigen und hauptsächlichen Urheber wie des Erscheinens, so der Wer» breitung aller dieser unbeliebten Gedanken. Dies alles äußerte ich in bezug auf Gusiew und auf mich. klber der Umstand, der diese meine Erklärung hervorgerufen hat, hat noch eine andere, viel wichtigere Bedeutung, die nicht mich oder Gussew betrifft, sondern diesen Geisteszustand, in dem sich die Leute befinden, die solche Taten begehen, wie an Gussew eine verübt Worden ist. Wir sind alle davon unterrichtet, was in den letzten Jahren in kllußland vorgegangen ist und was jetzt daselbst vorgeht. Bon allen diesen Ungeheuerlichkeiten möchte ich nicht reden. Es ist schade um olle die, die ins Verderben gestürzt wurden und die noch jetzt in Werbannung und Gefängnis umkommenden verbitterten Menschen, die in Erbitterung und Haß auf den Schafotten sterben, aber wir müffen alle diese Unglücklichen nur bedauern, die solche Taten be- gehen und hauptsächlich sie vorschreiben. Denn wie sehr auch diese Leute in der Zuversicht sind, daß sie so zum Nutzen der Gesamtheit tun; wie sehr sie für diese Taten ebensolche Leute wie sie ermutigen und loben; wie sehr sie sich auch bemühen mögen, sich selbst zu betäuben durch mannigfache Besorgnisse und Zerstreuungen, es sind doch Menschen, und größten- teils sind es gute Menschen, und fühlen und wissen innerlich, daß sie schlecht handeln, daß sie dadurch, daß sie solche Taten begehen, das Kostbarste in der Welt— ihre Seelen— umbringen, allen wahren und wirklichen Freuden Türe und Tor schließen. Und allen diesen Leuten möchte ich aus Anlaß der für mich und Gussew unbedeutenden Ereignisse zurufen: Denkt an Euch, an Euer Leben, denkt daran, daß Ihr die göttlichen, geistigen Kräfte ver- schwendet. Schaut doch in Euere Seele, schont Eurer selbst." Verwunderlich ist in dieser Erklärung Tolstois der unverwüst- liche Optimismus, womit er an die Liebe und Güte der Verbrecher- bände appelliert, die in Rußland obenauf ist. Diese Mordspolitiker werden sich nicht wenig darüber freuen, daß Tolstoi ihnen gut zu- redet, anstatt zum politischen Kampf gegen die Unterdrücker aufzu- rufen. Kleines f euiUeton* Gesundheitspflege. — ± D i e Wasserreinigung mit Ozon. Die ersten Ver- ffuche. die desinfizierende Wirkung des Ozon zur Wasserreinigung gu verwenden, wurden von Fröhlich im Jahre 1389 unternommen. Dies Verfahren ist in Deutschland vielfach in Aufnahme gekommen jund mit gutem Erfolg angewandt worden. Daran schlössen sich im anderen Ländern verschiedene Verfahren, wie die von Tindal, Marmier und Vosmaer, die sich gleichfalls auf Grund bakteriolo- aischer Prüfung großes Vertrauen erworben haben. Die reinigende Straft des Ozon ist eine derartige, daß bei einem Gehalt von 2009 slbis 4000 Bakterien im Kubikzentimeter nach der Reinigung höch- Ftens noch 1— 2 Bakterien gefunden wurden. Allerdings ist die Art der Verunreinigung des Wassers in Betracht zu ziehen. Es erschiene vollkommen müßig, ein Wasser, das größere Mengen von loxhdierbaren chemischen Substanzen enthält, durch Ozon reinigen «zu wollen. In Paris, wo die Ozonisierung nach dem Verfahren von De Frise im Großen verwendet wird, unterzieht man das Wasser der Marne, aus dem ein Teil des Trinkwasserbedarfs ge- ldeckt wird, einer mechanischen Klärung, ehe die Ozonisierung statt- Findet. Ueber den. Kostenpunkt des Ozonisierungsverfahrens im Vergleich zur Sandfiltration und anderen Verfahren ist nicht so leicht Klarheit zu gewinnen. Nach Schätzungen von Erlwein be- itragen sie bei größeren Anlagen ca. 2 Pf. auf 45 Hektoliter Wasser, während nach einem anderen fachmännischen Urteil bei der Pariser Wasserreinigungsanlage in St. Maur der Preis für die gleiche Menge sich auf mehr als 2lH Pf. stellen würde. Die Verschieden- iartigkeit der Systeme erschwert es, verläßliche und vergleichbare Kiffern zu erhalten. Darin liegt natürlich eine große Schwierig- Seit für die Wahl des Systems, Medizinisches. Die Geographie der Krankheiten. Die geogra- phische Verbreitung läßt sich selbstverständlich von allen Gegen- ständen untersuchen, ohne daß diese Arbeit deshalb etwa noch in den Bereich der Geographie zu fallen braucht. Es ist sogar recht lehrreich und oft auch notwendig, ein klares Bild über das Vor- kommen gewisser Erscheinungen oder Tatsachen und ihre Ver- teilung auf der Erde zu erhalten. Was man die geographische Verbreitung der Krankheiten nennen könnte, ist noch längst nicht studiert worden, obgleich es wenigstens einige zusammenfassende Werke darüber gibt, namentlich das von Dr. Elemow. Erst durch -eine derartige, die Einzelkcuntnis sammelnde Darstellung erhält «nan einen Begriff von den vielseitigen Beziehungen, die sich aus dieser Betrachtung ergeben. Dr. Clemow hat in seinem Werk drer große Gruppen unterschieden, nämlich einmal die allgemeinen medizinischen und chirurgischen Krankheiten, zweitens ganz für sich allein— und das ist besonders hervorzuheben— die Hautkrankheiten, drittens die tierischen Schmarotzer und die mit ihnen in Beziehung stehenden Krankheiten. Mögen andere Gruppen wich» tiger sein, so ist die interessanteste jedenfalls die letzte, weil hier die geographische Verbreitung der Krankheiten in engster und nachweisbarer Verbindung mit der geographischen Verbreitung be- stimmter Tiere erscheinen. Es bleibt aber zu berücksichtigen, daß eine Krankheit nicht lediglich als ein Ergebnis einer bestimmten Ursache, z. B. der Ansteckung durch einen bestimmten Schmarotzer zu erklären ist, sondern durch das Zusammenwirken einer ganzen Reihe von Umständen, die sowohl in der Außenwelt als im mensch- lichen Körper selbst liegen. Es läßt sich übrigens denken, daß Krankheitskeime auch in Weltgegenden vorhanden sind, die gegen- wärtig keine menschlichen Bewohner haben und die nur auf das Eindringen des Menschen warten, um eine„neue Krankheit" zu erzeugen. Da die Krankheiten wandern, muß auch ihre geogra- phische Verbreitung mit der Zeit Veränderungen erleiden, obgleich diesen Schwankungen durch eine moderne EntWickelung der Ges sundheitspflege eine starke Schranke entgegengestellt worden ist. Astronomisches. Astronomische Neuigkeiten. Weitere Veränderun« gen im Südpolargebiet des Planeten Mars hat der französischs Astronom Desloges in den„Astronomischen Nachrichten" mitgeteilt. Ende August beobachtete dieser Forscher, daß das sogenannte Kim- merische Meer in dieser Gegend des Planeten durch ein Helles Band in schräger Richtung geteilt war, während in dem Zephyria ge- nannten Gebiet ein breiter Golf und außerdem in den nördlich angrenzenden Ebenen zahlreiche Veränderungen erkennbar waren. Die dunklen Gebiete des Planeten, die im Juni und Juli noch auffallend blaß gewesen waren, sind im folgenden Monat fast von Tag zu Tag dunkler geworden. Die am 13. August entdeckte graufarbene Region an der Ostseite der Polarkappe hat sich schnell verkleinert und scheint nach allen Richtungen einer Zersetzung ent- gegenzugehen.— Der sonst hauptsächlich gleichfalls mit dem MarS beschäftigte amerikanische Astronom Lowell hat jetzt im folgenden Heft der„Astronomischen Nachrichten" ein allgemeineres Thema be- handelt. Er macht darauf aufmerksam, daß eine merkwürdige Beziehung zwischen der Umdrehungsgeschwindigkeit der Monde der einzelnen Planeten und den Geschwindigkeiten dieser selbst in ihren eigenen Bahnen besteht. Lowell hat die betreffenden Ver- Hältnisse für die Planeten Jupiter, Saturn, Uranus und Neptun und ihre Trabanten untersucht und findet einen so regelmäßigen Zusammenhang, daß er nach seiner Meinung kaum auf einem Zufall beruhen kann. Außerdem ist Lowell Anhänger der Annahme von dem Vorhandensein kleiner Massenteilchen im Weltraum zwischen den Planeten und meint, daß der Umlauf der Monds durch sie in ihrer Geschwindigkeit verzögert werden müsse; dadurch würde außerdem eine allmähliche Annäherung der Monde an den Hauptplaneten bedingt sein.— Endlich sei noch erwähnt, daß die belgische Astronomische Gesellschaft wieder eine besondere Be- obachtung der August-Meteore veranstaltet hat und daß in Ant- werpen zwei Beobachter nicht weniger als 492 Meteore, darunter 129 von erster Größe oder von noch stärkerer Helligkeit festgestellt haben. Der Höhepunkt des Sternschnuppenfalls wurde für den 11. August ermittelt. Aus dem Tierreiche. Die Mausziege. Ein höchst merkwürdiges ausgestorbenes Tier ist bor kurzem entdeckt und jetzt wissenschaftlich untersucht worden. Der Fund ist einer Dame Dorothea Pate zu verdanken. die sich schon durch ihre früheren Forschungen in den Höhlen von Cypern und anderer Gegenden einen Namen geschaffen und sich in letzter Zeit den Höhlen der Insel Majorka in den spanischen Balearen zugewandt hatte. In einer der Höhlen dieser Insel hatte sie nichts weiter gefunden als einige Ziegenknochen und war mit diesem Ergebnis recht unzufrieden, übergab die Knochen aber doch einem Sachverständigen zur genaueren Prüfung. Dabei hatte sich nun herausgestellt, daß dieser zunächst verachtete Fund eine Ueberraschung ersten Ranges darstellt. Unter den Knochen befand sich glücklicherweise auch der Schädel des ausgestorbenen Höhlen- tieres, und aus seiner Bezahnung ließ sich der sichere Schluß ziehen, daß diese Ziege insofern all ihren bekannten Verwandten unähnlich gewesen sein muß. als sie die Lebensweise eines Nage- tieres geführt hat. Demzufolge ist das Tier im„Geological Magazine" als eine ganz neue Form unter dem Namen Mz�o- tragns(eigentlich Mausziegc) balearicus beschrieben worden. Der Schädel ist ungewöhnlich kurz und besitzt auf der Vorderseite des Unterkiefers nur ein einziges Paar von Schneidezähnen, während alle Wiederkäuer sonst vier Paare von Schneidezähnen einschließ- lich der Eckzähne haben. Die Schneidezähne jenes Schädels gleichen auch sonst in jeder Hinsicht denen der Nagetiere, namentlich darin, daß sie dauernd nachwachsen und daß der Schmelzüberzug auf die vordere und äußere Fläche beschränkt ist. An der Spitze weisen die Zähne eine starke Abnutzung auf. Die Mittelfußknochen an beiden Gliedmaßen deS Tieres sind gleichfalls auffallend durch ihre ungewöhnliche Kürze und Breite, wie sie sich bei dxn ge« wöhnlichen Ziegen nicht findet. Mrantwortl. Redakteur: Emil Unger, Berlin.— Druck«. Verlag: Vorwärts Buchdruckerei u.VerlagsanstaltPaul Sing-c L-To., Berlin 21«.