Unterhaltungsblatt des Nr. 184. Mittwoch, den 22. September. 1909 19] Ita fiauic. (Nachdruck verdaten.) Novelle von S. I u s ch k e w i t s ch. �-„Jch denke," sagte Esther mit ihrer unangenehmen tiefen Stimme,„daß es sich gibt. In der Nacht ging es ihm viel schlimmer. Nur das Fieber beunruhigt mich. Sehen Sie mal nach." Ita befühlte seine Stim und drückte sofort einen Kuß idarauf. „Er ist ganz heiß," antwortete Ita,„und blau. Mein Gott, wenn nur Michel da wäre. Wissen Sie was, liebe Esther, am besten ist es. wir bringen ihn ins Krankenhaus. Wie denken Sie? Dort hat er auch eine andere Pflege, nicht wahr? Natürlich, wenn Sie keine eigenen Kinder hätten..." „Ja. es ist besser so, und ich freue mich, daß Sie Einsicht haben. Ich habe Angst.. Man muß gleich mit ihm hingehen. Gaben Sie Geld?" „Ja, Esther. Aber man kann ihn doch nicht allein dort lassen. Wenn Sie, liebe Esther, so gut sein wollten s,." Escher setzte sich und sah sie argwöhnisch an. „Ja, ja, so gut," erwiderte Ita.„Nur Ihre Güte brauche ich jetzt. Das Kind ist ja an Sie gewöhnt. Sie sind jetzt Leine Mutter, nicht ich. Glauben Sie mir, ich würde ja mit Freude, mit Glück, mit Herzensdank bei ihm im Krankenhaus bleiben, aber es kennt mich ja nicht. Ich verstehe ja alles, Esther: Sie haben Mann und Kinder und den Haushalt, aber ich werde Ihnen dafür bezahlen, ich will ja keinen Schritt von Ihnen umsonst. Sie müssen mit ihm im Krankenhaus bleiben." „Nein, Ita, das kann ich nicht. Auch für noch soviel Geld iricht. Mein Mann muß schwer arbeiten, Ita. Ich habe Kinder. Ich kann es nicht, Ita.".4 *„Aber ich bitte Sie. Esther, ich flehe Sie an. Ich flehe nur. Esther, weiter nichts. Habe ich denn das Recht, es zu verlangen? Esther, Sie haben ja keine Ursache, mit mir im- zufrieden zu sein. Was Hab' ich nicht alles für Sie getan. Ich habe für Sie mehr und besser gesorgt als für mich selbst. Sie wissen ja selber, wie ich immer zu Ihnen war. Ich bitte Sie. haben Sie Mitleid, wenn nicht mit mir, so mit dem Kind." Ita fuhr fort, sie zu bitten, weinte und schmeichelte ihr, aber sie weigerte sich immer wieder. Allmählich begann Esther sich zu ärgern und ging endlich zum offenen Schimpfen über. „Wenn Sie unglücklich sind," schrie sie,„wozu haben Sie Ihren Jungen einer so glücklichen Frau gegeben, wie ich es war. Sie haben ihn absichtlich mir gegeben, um mich Unglück- lich zu machen. Ich habe es sofort begriffen, als ich Sie zum ersten Male sah. Ich hab's mir gleich gesagt: diese Frau bringt mir Unglück." Ita sagte nicht nein und bat sie nur um so inständiger. Aber Esther ließ nicht nach und warf ihr schon ein anderes Laster vor. „Mit niemanden Hab' ich so eine Not wie mit Ihnen," stichelte sie.„Das Kind ist krank, keiner macht solche Ge- schichten. Sie sind nicht die erste Person in der Stadt, meine Liebe, vergessen Sie das nicht. Sie sind nur Amme, weiter nichts. Gehen Sie und lernen Sie zuerst, wie man leben soll, lernen Sie, wie solche Frauen wie Sie sich bei Krankheit und Tod ihrer Kinder zu benehmen haben. Keinen Ton sollte man hören, keinen Seufzer. Hier sterben Dutzende und es gibt keinen solchen Lärm, wie Sie wegen dem einen machen. Sie sterben ohne viel Aufhebens, so werden sie auch begraben, und jeder geht seinen Geschäften nach. So muß es auch sein. Sind denn Eure Kinder auch Kinder? Nur zum Spaß kann man sie so nennen. Denken Sie nur, wozu sollen sie groß werden? Wer braucht sie? Sie haben Ihr Kind lieb. Alle haben ihre Kinder lieb, aber niemand wird deswegen verrückt. Gehen Sie mit ihm ins Krankenhaus und lassen Sie mich in Ruh." Aber sie sprach nicht mehr in dem früheren unerbittlichen Ton, und als eine Nachbarin hinzukam und sich auf Jtas Seite stellte, wurden die Frauen schließlich einifj. Einige Schmeichelworte Jtas taten das übrige. Esther ging endlich darauf ein, mit dem Kind im Krankenhaus zu bleiben und packte ihre Sachen. Als sie aus dem Haus traten, war es schon Mittag. Nach ein paar Schritten erklärte Esther, sie sei müde, und verlangte in der Droschke zu'fahren. Ita entgegnete nichts und nach wenigen Minuten rollten sie durch die Vorstadt, ganze Staubwolken aufwirbelnd... Bei der Einfahrt in die Stadt sah sie plötzlich Michel, der sich mit einer Frau vor der Haustür eines Bordells niederer Sorte unterhielt. Ihr Herz zog sich zusammen.aber sie bezwang sich und rief ihn beim Namen. Er kam heran und wollte schon gehen, als er erfuhr, um was es sich handelte; aber Ita bat ihn so flehent- lich mitzukommen, daß er schließlich einwilligte und der Frau zuwinkend sich in die Droschke setzte. Im Krankenhaus wurden sie sofort vorgelassen. Als der Arzt das Kind untersucht hatte, schüttelte er den Kopf und ordnete seinen Transport in die Jnfektionsbaracke an. Ita überlief es kalt, denn sie merkte es an dem Gesichtsausdruck des Arztes, daß es schlimm um das Kind stand. Aber dies genügte ihr nicht, und mit schüchterner Stimme befragte sie den Arzt. Der fuhr mit der Hand durch die Lust und sagte nur das eine Wort:„Krupp". Michel ging, die Hände hinter dem Rücken, auf den Zehenspitzen auf und ab und verfolgte neugierig alles, was hier vorging. Die Krankheit des Kindes rührte ihn nicht, aber da er die angenehme Aussicht hatte, von Ita Geld zu bekommen, so tat er, als ob er alles verstünde und darüber traurig sei. „Hörst Du, Michel," flüsterte sie ihm zu, denn sie fürchtete sich hier laut zu reden,„der Junge hat Krupp. Unser Kind ist verloren." In ihren Augen standen Tränen der Verzweiflung, und jetzt blickte sie Michel an, suchte an ihm Stütze und Trost, um nicht allein die Last ihres S merzes zu tragen. Michel sah sie an, und einen Augenblick gerührt, murmelte er: „Was kann man tun, Ita, was kann man tun?" Beini Ton dieser weichen Stimme erbebte Ita, und nur der Respekt und die Furcht vor dem Ort, wo sie sich befanden, hielten sie vor lautem Aufschluchzen zurück. Sie stand noch eine Weile neben ihm und wartete, ob er nicht noch etwas sagen werde, da er aber schwieg, so ging sie vom Kinde Abschied zu nehmen und gab Esther zwei Rubel„für ihre Güte". Lange stand sie in dem langen steinernen Korridor des Krankenhauses, dessen Düsterheit so ganz zu ihrer Stimmung paßte und sah Esther nach, bis sie verschwand. Sie stammelte Worte den Dankes und des Segens, ohne zu bemerken, daß Tränen in Strömen über ihr Geficht flossen.- Michel hatte sich schon längst beruhigt und mahnte zum Auf» bruch. Als sie bereits auf der Straße waren, seufzte er heuch, lerisch und bat um einen Rubel. Ita richtete einen langen, vorwurfsvollen Blick auf ihn, aber sagte nichts, und gab ihm die letzten achtzig Kopeken, die sie noch von den drei Rubeln übrig haste. Abermals seufzend dankte er ihr und wollte sie schon an der nächsten Ecke verlassen. Ita, die seine Absicht verstand, protestierte nicht weiter, und in wenigen Augenblicken war sie wieder allein mit ihrer Verzweiflung, ihrer Reue und ihrem qualvollen Mitleid mit dem Kind.' Zu Hause hatte sie eine furchtbare Szene von der „Gnädigen" zu überstehen, als diese erfuhr, daß man Jtas Kind in die Jnfektionsbaracke getan hatte, aber Ita stand vor ihr mit einem starren Gesicht, gegen alles in der Welt total gleichgültig. „Sie sind ein schlechtes Weib," schrie die„Gnädige" außer sich.„Sie hatten kein Recht, in dem Zimmer zu bleiben, wo das Kind lag. Es hat sicher Diphtheritis. � Ich hätte Sie gleich davongejagt, wenn jetzt nicht unglücklicherweise die warme Zeit käme. Gehen Sie, nehmen Sie ein Bad. Und ihre Kleider werde ich sofort dem Trödler ver« kaufen. Ä ä Mit derselben Gleichgültigkeit befolgte �ta alle An« ordnungen und war den ganzen Tag unaufmerksam gegen ihren Pflegling. * Ita hatte eine schlimme Nacht. Ihre Aufregung war nicht obne Folgen für das Kind geblieben. Bis in den MoWn hinein fcaT�e es siK im Fieber hin und her und ließ -ihr keine Minute Ruhe, um über ihren Kummer nachzudenken. Mit gewohntem Gehorsam unterwarf sie sich seinen Launen, schritt mit ihm im Zimer auf und ab, küßte, stillte, liebkoste es, sang ihm vor, bald zärtlich und leise, bald mit lauter Stimme, um es zum Schweigen zu bringen, rief und flehte: aber all' ihre Mühe war vergebens. Einen Augenblick lang schlief es, wachte dann aber mit einem wilden Schrei auf, und wieder begann das Auf- und Abgehen, das Singen und Einlullen. Der Gedanke, sie habe es anstecken können, ließ ihr keine Ruh und immer und immer wieder lauschte sie seinem Atem und verwandte kein Auge von ihm, in namenloser Angst, eine Schmerzensgrimasse zu sehen. Vor Erschöpfung und Aufregung war sie ganz wirr geworden und wußte selber nicht mehr, wer ihr eigentlich leid tue, für wen sie so in Furcht war. Sie faßte seine brennenden Händchen an. küßte sie zärt- lich und demütig und dachte daran, wie unglücklich ihr eigenes Kind sei, um das sich niemand auf der Welt kümmere. Aber gegen Morgen, als das Kind endlich einschlief und sie sich niederlegen konnte, um etwas auszuruhen, kam eine solche Flut von Gedanken über sie, daß sie nicht einschlafen konnte. �Fortsetzung folgt.ZZ JVeuc GrzählungsUtcratur. ii. Waldemar B onsels und Hans Hahn: Aimee, Die Abenteuer einer Tänzerin. Ein phantastischer Roman in einer Weltreise.(E. F. Strauß, München.) Schreiben zwei Federn an ein und demselben Roman, so ist das eigentlich ein Homunkulus- experiment. Wenn Edmond und Jules de Goncourt in ihren gemeinsam verfaßten Büchern eine innere Einheit zu- stände brachten, so bestätigt diese Ausnahme noch nicht die Regel. Handelt es sich nur um einen Abenteuer- Roman wie in diesem vorliegenden, ist die Sache weniger von Be- lang. Da steuert eben, wenn der Scharssinn der einen Autorhälste erschöpft ist, die andere Hälfte ihre geistigen Pfunde hinzu und mit Ausdauer und Geschick kommt am Ende eine lesbare, auch unter- haltsame, gelegentlich sogar routinierte Geschichte heraus. Die beiden Münchener Autoren haben sich von dem von ihnen früher beliebten Schwabingerstil in der Hauptsache abgcwandt. Wer kennte sie nicht, die vom«neuen freien Weibe", dem entfleischten Uebcr- oder Gebein- Mädchen mit Reformsack und Haarschnecken befruchtete Schwabinger Literatur? Waldemar Bonsels und Hans Hahn kultivieren in ihrer Berbrüderungsarbeit jetzt das neueste Genre: den phantastischen Roman. Es muß gesagt werden, daß ihre Phantasie vorwiegend um das Erotische kreist. Das Bild der schönen Tänzerin Aimee steigt stetig im Dampf einer Kaffeehausjünglings-Vrunst herauf. Ein Millionenbaron, der sie liebt, und ein Schurke, der aus ihren Reizen Kapital schlagen will, laufen ihr um die Erde herum nach und der Leser fitzt nun vor dem flickernden Mncmatographen, der die Sensationsnummern der beiden Autoren zeigt. Unwillkürlich wurde ich an einen Bühnenreißer aus meiner frühesten Kindheit erinnert: die Reise um die Welt in 88 Tagen. Der unheimliche Detektiv darin, der damals die Galerie erstarren machte, ist hier wiedergeboren. Etwas mit der Kultur letzter Zeit angeschminkt zwar, nicht wenig auch an Conan Dohle abgefärbt, aber der vom Satan geschulte Wendhus, der lästige Droher ebenso sicher und elegant über Bord wirst, wie er lästige Kleider an schönen Frauenleibern mit Bravour und Gelassenheit öffnet, der im kritischen Moment stets mit Ueberlegenheit entschlüpft, dieser Mann, der alles weiß und alles kann und vor dem die Weiber wie die Lämmer zittern, ist Theater echtester Sorte, wenn wir dos Wort Hintertreppe vermeiden wollen. Ganz Kolportage ist aber Aimee, das Zauberwesen. Mit einer sexuell beflügelten Beredsamkeit werden uns die fabelhaften Reize dieser tanzenden Wundermaid vorerzählt, die alle männlichen Kreaturen zu Raserei und Selbstmord treibt, die «Ile Krösusse der Welt an ihren Triumphwagen spannt und nur Amerika HU betteten braucht, um ganz New Aork in ein Narrenhaus zu ver- wandeln. Der Verfasser wollte in seiner Anbetung des Dirnentums die Macht der Schönheit, die steudenspendende Herrlichkeit des Kinnenweibes zeigen und die verderbliche Macht seiner Dämonin »«gleich, aber es wurde nur eine wortreiche schlechte Kopie des Wedekindschen.Lulu" daraus. Doch auS den Schachzügen der inkarnierten Eigenschaften: dem intelligenten Hallunkentunr, der Idiotie, der Perversität und der Erotik, deren einzige Basis das»Bett" ist(Aimen), ergibt sich ein romantisch-phantasttsches Spiel, daß sicher dem Unterhaltungsbedürfnis des großen Publikums, das nebenbei den Kitzel und kriminalistische Spannung sucht, entgegenkommt. Beij Bonsels und Hahn werfen die Lebewesen mit Redeperlen um sich und in den verzweifeltsten Situationen, selbst im Sterben lassen sie noch Sttlkünste von vielen Zeilen los. So drängt sich die Unnatur immer durch die Kapitel. doch soll nicht verschwiegen werden, daß trotzdem im Sprachlichen, wenn nicht geredet, sondern geschildert wird, manche schöne Bilder mit unterlaufen, und stellenweise ein ironischer Humor zum Borschein kommt. Kleine Bibliotheken. Ich möchte jetzt eine kleine Revue der letzten Erscheinungen aus den erschienenen Hansbüchereien vor- führen. Die Zeiten, wo der Leser mit wenig Geld, zur Stillung seiner�„literarischen" Sehnsucht nur auf das Leihbibliotheksfutter an- gewiesen war, weichen erfreulicherweise immer mehr. Wie die guten und billigen Kunstdrucke mit Erfolg der Heimsuchung der unteren und mittleren Stände durch Bilderkitsch talkräftig entgegenarbeiten, so vermitteln jetzt immer mehr billige Büchersammlungen dem Volke gute Literatur und man kann sich für er» schwingliches Geld ssteilich anders als im Scherlfchen Sinn) emporlesen. Zu den durch Jahre geprüften Sammlungen, wie die Volksbücher ei Max Hess es die mit anerkanntein Ruf auf guten: Papier und mit gutem Druck für 20 Pf. die Nummer gediegene Volkskost vermittelt, gesellen sich stetig neue Unter- nehmungen, die in gleicher Weise aus dem Schatz der alten und neuen Literatur eine Auswahl des Besten zu niederem Preis zu- sammenstellen und herausgeben. Aus Max Hesses Volksbücherei liegen neu vor die vortreffliche Lebensgeschichte des alten kernigen Jeremias Gotthelf und seine berühmteste, echt volkstümliche Erzählung Uli der Knecht; der Armenarzt von Frida Schanz, deren tteu-bllrgerliche Art im Feuilletonzeitalter wohltuend anmutet; Novellen von Anton v. Perfall, der diesmal sein Jäger- und Waidmannsherz daheimgelassen hat und Lotte G u b a l! e, einer Dichterin aus dem Werratal, die in ihren Ge- schichten einen löblichen Eifer zeigt, aus der Enge persönlicher Frömmelei und Kurzfichttgkeit hinauszukommen. Reclams Universal-Bibliothek bringt einen Roman vom Grafen Gobineau: Das Siebenge st irn, in dem der Theoretiker, Philosoph und Rassenforscher in poetischer Form den Nietzscheschen Gedanken einer Auslese-Menschheit variiert. Der vor- nehme Aristokratismus des französischen Denkers gerät hier ein wenig in die Breite, indessen wer das Lebenswerk Gobineaus kennt, seinen Lieblingsgedanken von der Veredelung der Rasse, wird diese Geschichte eines in Abgeschlossenheit und Idealem verbundenen Menschenkreises zur Ergänzung der geistigen Physiognomie des Grafen unerläßlich finden. Von Levin Schücking, dem Liebling unserer Voreltern, ist neuerdings erschienen: Eine dunkle Tat und E. W. Hackländer, dessen Schutzfrist abgelaufen ist und der gleichfalls unseren Vorfahren so hübsch anspruchslose Unter- Haltungslektüre lieferte, wird unZ in seinem Kaufmannsroman aus der guten alten Zeit: Handel und Wandel wieder nahe ge- bracht. Karl Bleibtreu, der fanatische Miniatur-Grabbe ist bei Lebzeiten in die Reclam-Bibliothek gekommen.. Seine Schlachten- dichtung: Friedrich der Große bei Kollin unterscheidet sich von seinen früheren durch ruhigeren Ton und weniger Verwahr- losung der Form. Dies ttas jedoch sSedan) würde ich diesem noch vorziehen. Fischers Bibliothek zeitgenössischer Romane (jeder Band geheftet 80 Pf., gebunden 1 M) trägt weiteren An- sprüchen Rechnung. Sie hält sich an die lebenden Autoren, weiß aber mit ästhetischem Feingefühl Weizen von Spreu zu sondern. Freilich ist der eine oder andere der aufgenommenen Erzähler mittlerweile schon dahingegangen, wie zum Beiipiel Gustav af Geijerstam, dessen letzte Gabe: T h o r a in Band ö vorliegt. Der Hauch der Wehmut, der die Bücher des stillen, nun ganz still gewordenen Dichters durchzog, dringt stärker auf uns ein in dieser letzten traurigen Geschichte. Der Mut, das Leben schön und stark zu leben, fehlte allen Gestalten Gejerstams, man könnte sagen, es war etwas Subalternes in den gedrückten und leidenden Seelen seiner Menschen. Auch Thora, diese letzte Frau seiner Dichterphantasie, die an der Ehe zerbrach, ist ein Typhus des sich BcscheidenS, der Resignation. Ehe, welch ein Wort war dies stets für den Autor! Kein lauter Kampf, «Wonne voller Tücke, tcuggeweihtes Glücke", ein Malsttom, der die Herzen hinunter wirbelt, wo über Sonne und Frieden das große zermalmende Dunkel liegt. Auch Hans Lands Roman: Stürme(Band 7) beschäfligt sich mit der Ehe. Es ist der nicht mehr ganz ungewöhnliche Konflikt eines verheirateten Mannes, dem ein junges Mädchen die Gattin verdrängt, mit Untergang der beiden.unerlaubt" Liebenden. Hans Land ist nicht der feine Psycholog, wie Geijerstam, er arbeitet mit Durchschnitts- mittel» und ohne den artistischen Reiz, der zum Beispiel von Thomas Mann ausgeht, das die kleine«Röman"-Bibliothek mit„Novellen" bereichert. Der kleine Herr Friedemann, die Ge- schichte von dem buckligen Liebesmärtyrer, der sich ertränkt, weil ihn die angebetete schöne Frau verschmäht, würde in ihrer Dagewesen- heit in jeder anderen Form banal wirken. Aber Manns distinguierte Art mit der Beherrschung der künstlerischen Form und der Delikatesse des Stils lassen den Stoff neu erscheinen. Auch jede der übrigen Novellen ist ein kleines Kabinettstückchcn. Von der von Rudolf Presber herausgegebenen Sammlung: Die Bücher des Deutschen Hauses möchte man wünschen, daß sie sich bald in jedem deutschen Hause einbürgerten. Die ge- bundenen Bände(SO Pf.) präsentteren sich nicht nur in einer er» fteulichen typographischen Ausstattung, sie verraten auch eine kundige Hand in der Auswahl. Jedenfalls ist Presber ein verläßlicher und guter Führer. Das jedem Bande beigegebene Vorwort mit bio» graphischen und literarästhettschen Nottzen(warum anonym?) ist ein schätzbarer Vorzug, wenn auch nicht jedes auS berufener Feder ge- flössen scheint. Die Novellen von Ernst v. Wolzogen(Bd. 52) vermitteln des Ueberbrettlbarons beste Seite; von PaulHermann Hartwig, einem liebenswürdigen Poeten, find in Kinder- land Bilder aus dem KinderleLen bereinigt, die zwar nicht über- mäßig tief, dafür aber gemütvoll schlicht find. An über- mäßiger Tiefe kranken freilich auch die Novellen von Gabriele d'Annunzio nicht. Zieht man von ihnen das Prunk- gewand der Sprache ab, so bleiben recht hohle Nichtigkeiten. Immerhin gehört es zum Bild des in Schönheit thronenden italienischen Halbgottes, weitere Züge der Profanität an ihm in diesen klingenden Novellen kennen zu lernen. Ueber die Güte und Borzüglichkeit der Deutschen Dichter- Gedächtnis-Stiftung, Verlag H am bürg- Großborstel, ist kein Wort weiter zu verlieren. Die aufgenormnenen Werke find mit so sicherem Ges chmack ausgewählt. SpielhagensHansundGreteund Schmitthenners: Die Frühglocke wurden der Gedächtnis- Stiftung eingefügt. Eine Labung ist Band 6 der Hausbücherei sgebd. 1 M.): Deutsche H u m o r i st e n. Ein Blütenstrauß des Humors in allen seinen Arten von E. Th. A. Hoffinanns ergötzlichem Märchen: Klein Zaches, über Bayerdorfers launige Humoreske: Die militärpflichtige Tante und H. Th. Fischers köstlichem Abschnitt: Die Tücke des Objekts aus dem Roman Auch Einer hinweg bis zu Ludwig Thomas satirischem Witz in: Besserung. Da wir gerade beim Humor find, sei die Aufmerksamkeit hier auf ein kleines neues Büchlein von K a r l ch e n(Karl Ettlinger, Redakteur der.Jugend') gelenkt, das mit Anstand und Vernunft die Menschen lachen macht. Es betitelt sich: Fräulein Tugend schön, die edle Gouvernante(Verlag von G. Müller, München), ist eine Parodie auf einen Backfischroman und imitiert in einer so humorvollen Art den Herzblättchens-Zeitvertreib- Stil, daß man fich schütteln muß, notabene wenn man so viel Geschmack hat, die Parodie der süßen Scheußlichkeit der lehrhast tugendsam- schwülstigen Erzeugnifie für die reiferen höheren Töchter zu verstehen. Alles in allem: ein Büchlein, bei dem man herzlich lacht und sich des Lachens nicht zu schämen braucht. J, V. Von der Zk.Verlammwng dcutfcber JVaturforfcber und Herzte. Die 81. Versammlung Deutscher Naturforscher und Aerzte wurde am Montag in der„Aula academica" der Universität Salz- bürg eröffnet. Die große Aula, welche etwa 1000 Plätze faßt, war von Herren und Damen dicht besetzt, so dicht, daß eine nicht geringe Zahl von Herren in den Seitengängen stehen mußte. Die offiziellen Begrüßungsreden erhoben sich nicht über das übliche Niveau. Dann erhielt das Wort zu dem ersten Haupivortrage der Versammlung Die Entwickelung der Spektroskopie Professor K a h s e r- Bonn. Einleitend bemerkte er, daß das Jahr 1359 in der Geschichte der Naturwissenschaften und der mensch- lichen Kultur unvergessen bleiben wird, so lange es überhaupt eine menschliche Kultur geben wird. In diesem Jahre sind Tatsachen von solcher Bedeutung und Fruchtbarkeit erkannt und ausgesprochen worden, daß auch heute, nach 50 Jahren noch, nicht annähernd alle ihre Früchte gcerntct find; diese Tatsachen sind verbunden mit Darwin und seinem Werk über die Entstehung der Arten, und mit Gustav K i r ch h o f f und der Entdeckung der Spektralanalyse, die mindestens von derselben, wenn nicht noch von weittragenderer Bedeutung ist als das Lebenswerk Darwins. Wie England sich durch die Ehrung Darwins im Jahre 1909 selbst geehrt hat, so ziemt sich im gleichen Jahre auch eine Ehrung Gustav Kirchhoffs auf deutschem Boden, wenn auch nur in der Form einer bescheidenen Rede auf der Naturforscherversammlung. Der Vortragende entwickelte dann, wie Kirchhoff, seine Vor- gänger weit überragend, im Verein mit Dunsen durch die Unter- fuchung des Sonnenspektrums zu Ergebnissen kam, an die man früher auch nicht hatte denken können. Zunächst bewies er in streng mathematischer Weise, daß jeder Körper, auf welchen Licht fällt, stets diejenigen Strahlen dieses Lichtes absorbiert(verschluckt), welche er bei derselben Temperatur auch emittiert(aussendet). Die dunklen Linien im Sonnenspektrum ergaben sich hiernach als Ab- sorptionslinien, die uns beweisen, daß der eigentliche leuchtende Sonnenkörper von weniger stark leuchtenden glühenden Dämpfen umgeben ist, und es gelang, diese Dämpfe zu einem großen Teil als solche zu erkennen, die auch auf der Erde vorhanden sirch. Auch auf der Erde führte der enge Zusammenhang zwischen der Aus- strahlung und der Absorption des Lichtes, zwischen den dunklen Absorptionslinien in einem ausgebreiteten Farbenband oder Spek- trum eines leuchtenden festen Körpers und den einzelnen hellen Linien, aus welchen das Spektrum eines leuchtenden Gases besteht, sowie die Tatsache, daß die geringsten Spuren eines leuchtenden Gases sich durch das Spektrum sofort verraten, gleich in der ersten Zeit nach der Erfindung der Spektralanalyse zur Entdeckung einer ganzen Reihe bisher unbekannter Körper. Aber nicht in dieser {Richtung allein liegen die Früchte der Spektralanalyse, sondern diese Methode gestattet eine Erforschung des Baues und der inneren Kräfte der Awme, aus welchen ja alle Körper aufgebaut sind. Wie ein Klanggemisch abhängig ist von den Dimensionen, dem Bau und den inneren Kräften des tönenden Körpers, und wie aus den Wellenlängen der zu einem Klange vereinigten Töne und Schallwellen gewisse Schlüsse auf die Natur des tönenden Körpers gezogen werden können, so muß auch das Spektrum dem aufmerk- samen Frager Antwort über die Natur der Schwingungen geben können, welche die den strahlenden Körper aufbauenden Atome inv Lichtäther vollführen; denn durch solche Schwingungen werden ja die Störungen im Lichtäther verursacht, die sich wellenförmig aus- breiten und je nach der verschiedenen Länge dieser Wellen uns als> verschiedenfarbiges Licht zur Empfindung kommen. In dieser Rich- tung liegt ein sehr großer Teil der Arbeit, die heute anschließend an Kirchhoffs Entdeckung auf spektroskopischem Gebiete geleistet wird, und es ist sogar gelungen, den Bausteinen der Atome, den mit elektrischer Ladung versehenen Elektronen auf diesem Wege näher zu kommen. Aber auch die Anwendung der Spektralanalyse auf den Welten« räum ist keineswegs zum Stillstand gekommen. Daß die so- genannten Fixsterne nicht fest stehen, nicht Ltellee kixae(am Himmel angehestete Sterne) sind, sondern eine Eigenbewegung habem hatten die Astronomen seit langem erkannt, und Verschiebungen dieser Sterne senkrecht zur Gesichtslinie waren auch längst fest- gestellt worden. Aber Verschiebungen direkt auf uns zu oder von uns fort könnten wegen der großen Entfernung niemals bemerkbar sein; hier setzte die �Spektralanalyse ein und gewisse Verschiebungen in den Linien der Spektren solcher Fixsterne lehrten uns nicht nur deutlich, daß solche Bewegungen vorhanden sind, sondern sogar die Geschwindigkeit der Bewegung messend verfolgen. Wenn ein tönender Körper sich auf uns zu oder von uns fort bewegt, so ge- langen mehr resp. weniger Schallwellen von ihm in unser Ohr, als wenn er in Ruhe ist, und dadurch wird sein Ton höher oder tiefer; bei einem Körper, der Lichiwellen aussendet, tritt an die Stelle des! Tones die Farbe, und die Aenderung der Farbe verrät uns, ob und mit welcher Geschwindigkeit der leuchtende Körper sich uns näherk oder sich von uns entfernt. Wenn leuchtende Körper als Doppcl- sterne sich um einander bewegen, so folgt diese Entfernung und Annäherung für uns in rhythmischem Wechsel, der sich in einer hin und her gehenden Bewegung der Spektrallinien zeigt; diese hiir und her gehende Bewegung hat uns nicht nur Aufschluß über die Größe solcher leuchtenden Doppelsterne gegeben, sondern uns auch dem Auge ewig unsichtbare große dunkle Körper enthüllt, die einen: hellen Stern umkreisen oder sich vielmehr mit dem hellen Sterrr um den gemeinsamen Schwerpunkt bewegen.— Aus dem Samenkorn, das Kirchhoff gelegt hat, hat sich ein gewaltiger Baum mit prächtigen Früchten entwickelt, und kein würdigeres Denkmal kann Kirchhoff gesetzt werden, als wenn die Bahnen, die er gezeigt hat und die von ihm und seinen Nachfolgern beschritten wurden, auch in der Zukunft von den Forschern gewandelt werden. Hierauf folgte ein Vortrag von Professor Georg Stickerz Bonn über: Die Bedeutung der Geschichte der Epidemien für die heutige I Epidemiologie. Mit dem Jahre 1348, dem Jahre der letzten Pestepidemie, die heute noch unter dem Namen des„schwarzen Todes" im Munde der Völker lebt, beginnt die bewußte staatliche Pestbekämpfung. Zuerst wurden in Italien Gesetze erlassen, welche auf der Erfahrung ge- gründet waren, daß der Mensch der alleinige oder doch wichtigste Träger und Verbreiter des Pestkeimes sei und daß daher die Aus- sonderung und Desinfektion der verseuchten Menschen und ihrer Abgänge und Gebrauchsgegenstände, die Ueberwachung des Menschen- Verkehrs, das Hauptmittel einer wirksamen Pestabwehr und Pest« ausrottung sei. Die Verfügungen der italienischen Staatsmänner des 14. und 15. Jahrhunderts wurden im Laufe der Zeit in den anderen europäischen Staaten und Städten gründlich ausgeprobt. abgeändert, erweitert und vor kaum einem Menschenalter wieder verlassen, weil sie sich zuletzt in keiner Form mehr bewährt haben. An die Stelle der Seuchenformel beim schwarzen Tode:„Die Pest- anstcckung geht von Mensch zu Mensch durch die Berührung des Kranken und seiner Geräte und seiner Umgebung' traten im Laufe der Zeit andere Formeln, in denen der Wechsel der Pestträger und Pestüberträger nach Zeit und Ort zum Ausdruck kam und in denen zugleich mehr und mehr die Einsicht hervortrat, daß das große Sterben an der Pest nicht vom trägen bewegungslosen Pestsamen allein abhängt, sondern zugleich vom Vorhandensein beweglicher und sich rasch vervielfältigender Pestübertrüger. Die Seuchen- forme! für die heutige Pestperiode, welche mit dem Ausbruch der indischen Pest im Jahre 1396 für Europa Bedeutung gewonnen hat, lautet folgendermaßen:„Der Pestbazillus wird, wie das schon in vielen früheren Epidemien des 17., 18. und 19. Jahrhunderts geschehen ist, zunächst unterirdisch vervielfältigt, ehe er auf den Menschen gelangt und zwar sind es besonders Ratten, die ihn tragen und verbreiten; von diesen geht er durch die Flöhe auf die Menschen über; nebenbei gibt es eine Reihe kleinerer Ueber- tragungsweisen, unter denen die Uebertragung von Mensch zu Mensch die seltenste und also für die epidemische Vervielfältigung des Uebels fast bedeutungslos ist. Diese im Jahre 1897 von dem Redner aufgestellte Formel hat sich seitdem überall bestätigt. Die Vielfältigkeit und Wandelbarkeit der Seuchenformel gilt ebenso wie für die Pest für die meisten epidemischen Krankheiten, die wir ohne Kenntnis ihrer Geschichte nur zu gern in eine einfache abgeschlossene Uebertragungsformel zwingeU. Aber nicht einmal für Seuchen, deren Erreger einem be» stimmten Generationswechsel unterworfen sind, wie der Malaria- keim, oder deren Erreger auf zwei Böden angepatzt scheinen, wie der Keim des gelben Fiebers, sind Nebenwege abseits von der ge- tdNhnlichen UebsrtragungSwcise oder von der Vervielfältigung aus- geschlossen; noch weniger fehlen solche Nebenwege bei den anspruchs- Zoseren Erregern der Cholera und des Typhus. Sogar bei den Seuchen, die mit der engen Formel:„Uebertragung von Mensch zu lvtensch" gewöhnlich gedeckt werden, wie Syphilis und Gonorrhoe, gibt es hier und da einmal Wege zur epidemischen Vervielfältigung, die mit Seuchen-Bekämpfungsgesetzcn nicht verschlossen werden lönnen. Das 19. Jahrhundert, das Jahrhundert der Naturwissenschaft- lichen Gesundheitspflege, hat uns gelehrt, das; die schlichten stetigen Anstrengungen, die sich darum bemühen, die äusseren üebensver- Hältnisse des Menschen unter voller Schonung seiner Person zu verbessern, genügen, um auf allen Gebieten der übertragbaren Kranlheitcn einen bedeutenden Rückgang der ErkrankungS- und Sterbeziffern zu bewirken. Dadurch ist erreicht, daß der Mensch mit europäischer Lebensart in verpesteten Ländern wie Indien mitten in wütender Seuche so gut wie ungefährdet lebt. Das 20. Jahrhundert hat das kostbare Vermächtnis übernommen, in der Seuchenbekämpfung an Stelle jahrhundertelanger polizeilicher Maßregeln mit bedingter oder fraglicher Wirkungskraft immer mehr die friedliche seuchentilgende Reinlichkeit, die leibliche und häusliche und öffentliche Reinlichkeit im besten Sinne des Wortes zu sehen, die zeitweilige notgedrungen«: Antisepsis und Desinfektion durch eine gewohnheitsmäßige stetige Asepsis zu verdrängen kleines f eulllcton. Darwins Vorfahren. Vor kurzem hat die gebildete Welt die Hundertjahrfeier der Geburt von Charles Darwin be- gangen, dessen Name in Verbindung mit der Abstammungslehre wie der weniger Theoretiker in die breitesten Schichten der Kultur- weit gedrungen ist. Der große Forscher zählt hervorragende Ge- lehrte zu seinen Vorfahren, seinen Vater Robert Maring Darwin und seinen Großvater Erasmus Darwin, die beide dem ärztlichen Stand angehörten. Die„Chronique medicale" stellt in einem Auf- sah eine Reihe bemerkenswerter Daten aus dem Leben von Darwins Ahnen zusammen. Erasmus Darwin, der im Jahre 1731 geboren wurde, entstammte einer alten bürgerlichen Familie. Seine Bio- graphien schildern ihn als beleibten robusten Mann, der keine sonderlichen äußeren Vorzüge besaß, zumal er blatternarbig war und stotterte. Mit Hinblick auf eine mögliche Gichterkrankung, vor der er sich sehr fürchtete, beobachtete er eine äußerst mäßige Lebensweise. Vielleicht machte ihn die gleiche Erwägung zum Apostel der Anti-Alkoholbcwcgung, wenn er auch selbst ein aller- dings sehr bescheidener Weintrinkcr war. Gegen 1750 begann er das Studium der Medizin, neben dem er mancherlei andere Jntcr- essen hegte. So hatte er von Jugend an eine Vorliebe für poetische Literatur und Mechanik an den Tag gelegt. Er wird als recht- tlicher ordnungsliebender und schlichter Mann geschildert. Seine Biographie überliefert, daß er einige Jahre nach dem Verlassen der Universität, nachdem er bereits praktizierte, einen Kollegen in einem anonymen Brief heftig angriff, weil dieser einem unbe- mitteltcn Patienten Honorar abgefordert hatte. In der gericht- lichen Untersuchung stellte er die Urheberschaft des Briefes in Abrede, gab aber dem Schreiber des Briefes recht, was er dadurch stützte, daß der angegriffene Kollege tatsächlich das Honorar zurück- erstattet hatte. Man könnte nun allerdings geneigt sein, im Gegen- satz zu Erasmus' Biographen anzunehmen, daß er einfach die Wahrheit aussagte und den anonymen Brief wirklich nicht ge- schrieben hatte, da das Schreiben anonymer Briefe kaum zu den gewöhnlichen Gepflogenheiten hochstehender Menschen zu rechnen »st. Seine Eigenart hinderte ihn nicht, einem licbebedürftigen Herzen lvciten Spielraum zu gewähren. Zwei legitime Frauen iund zwölf legitime sowie einige nichtlegitime Kinder geben davon «Zeugnis. Erasmus, der bei seinen Zeitgenossen sowohl als Arzt wie als Dichter in hohem Ansehen stand, war ein Original, dessen vielseitige Anlagen in gewissem Sinne an die Goethes und Leonardos erinnern. Er beschäftigte sich z. B. mit der Konstruktion einer Lampe, die das Prinziv der Sparlampe vorwegnahm. Auch Ent- würfe eines Pump- und Schleusenwerks hat er ausgearbeitet, die später mit Erfolg verwertet wurden. Ein mechanischer fliegender Bogel, ein»redender Kopf" und ein Wagenmodell rühren von ihm iher. Das letzte brachte ihm allerdings Unglück, denn bei der Probe des neuen Wagens, der das Pferd möglichst entlasten sollte, brach er ein Bein, so dass er fortan hinkte. Seine Verse enthalten eine Prophezeiung der Dampfmaschine. Vor allem aber finden sich bei ihm schon Keime jener Gedanken, die seinem großen Enkel unsterblichen Ruhm brachten. Robert Maring Darwin war ein hervorragender praktischer Arzt, der die übrigens auf seinen Sohn Charles vererbte Eigenart besaß, daß er kein Blut sehen tonnte. Seinem erfolgreichen Erwerbssinn ist eS zu danken, daß Charles Darwin nicht nötig hatte, als Arzt praktisch tätig zu sein, sondern sich der Theorie zuwenden konnte. Er hätte wohl auch nicht zum ausübenden Arzt getaugt, da er die Aufregung bei den Krankenhausbcsuchen nie überwinden konnte. Die damals noch ohne Narkose ausgeführten Operationen gingen über seine Kraft, und er konnte das Leiden der Kranken nicht mit ansehen. Sein Bater gestattete ihm in richtiger Erkenntnis seiner wahren Be- gabung den Uebergang zu naturwissenschaftlichen Studien. Ethnographisches. Wie die Wilden Feuer hervorbringen. Int Hin- blick auf die Verteuerung der Zündhölzchen kommt der deutsche Steuerzahler beinahe in die Versuchung, zur Gewinnung von Feuer die Methode wilder Völker in Anwendung zu bringen, nämlich zwei Holzstückchen so lange aneinander zu reiben, bis sie Glut und Flamme geben. Solche Art der Feuergewinnung scheint sehr einfach zu sein, während sie in Wahrheit großer Arbeit und Gewandtheit bedarf. Einige Winke über die bei verschiedenen wilden Völkern übliche Methode werden sicherlich willkommen sein. Die Herrsöhaften in Tahiti gewinnen Feuer, indem sie mit einem zugespitzten Ma« hagonistabe schnell über eine harte Holzplatte hin und her fahren. Das Holz in dieser Weise zum Qualmen zu bringen, ist nicht schwer, wohl aber eine Flamme zu erzeugen. Darwin, der davon berichtet, erzielte die Flamme erst nach vieler Mühe.»Wenn die Eingeborenen," sogt er,„den Stab gebrauchten, so brannte das Feuer innerhalb weniger Sekunden, aber ich, der ich mit dieser Kunst nicht vertraut war, mußte zur Entzündung die größte Anstrengung machen. Als mir endlich die schwierige Aufgabe ge» lang, empfand ich den größten Stolz." Aehnlich wie die Einge- borenen in Tahiti verfahren die in Australien und Tasmanien, je- doch mit dem Unterschiede, daß sie den spitzen Stab zwischen den Handflächen«kuirlen. Klüger operiert, wie Thndall berichtet, der Gaucho in den Pampas: er stemmt das stumpfe Ende eines elastischen, etwa fünfzig Zentimeter langen Stockes gegen seine Brust, steckt das andere, zugespitzte Ende in ein durchlochtes Brett. gibt dem Stock durch den Druck seines Körpers eine Biegung und dreht den gebogenen Teil so rasch, daß bald an der Stelle, wo das spitze Ende im Loch des Brettes steckt, die Flamme aufflackert. Nicht minder gerieben sind die Eskimos: Ein Mann preßt das Ende eines Stabes gegen das Holz, während ein zweiter den Stech mit Hilfe eines Riemens in schnelle Rotation versetzt und die Ent- zündung herbeiführt. Thndall versuchte das Experiment nachzu- ahmen, indem er den Stab mit Hilfe der Drehbank in Rotation versetzte, aber es gelang ihm nur, ihn zum Qualmen, nicht zum Flammen zu bringen. Er benutzte dann für den Stab verschiedene andere weiche Hölzer, ohne jedoch ein« Flamme zu erzielen. Als er an den in Drehung befindlichen Stab eine geringe Menge von Blitzpulver heranbrachte und dieses sich mit dem Kohlenstaub vermischen ließ, trat die Entzündung ein. Man ersieht daraus, mit welcher Geschicklichkeit die Eskimos den Stab zu drehen wissen. Uebung macht den Meister.... Mit Zähigkeit und Geduld wird der vielgdplagte Staatsbürger diese Meisterschaft schon erlangen. Wer jedoch Bequemlichkeit liebt, wird sich am besten des Zunders und Feuerstahls bedienen. Das Mittelchen ist sehr alt und hat bereits unseren Vorfahren die besten Dienste geleistet. Etwas primitiver verfahren die Bewohner des Feuerlandes: sie schlagen Feuer mit zwei Steinen, einem harten Kiesel und einem Eisen- stein. Wenn dabei die erhitzten Teilchen des Eisensteines ab- springen, so verbinden sie sich mit dem Sauerstoff der Luft und treten als Funkcnregen in die Erscheinung. Uebrigens gibt es auch eine Menge pneumatischer Feuerzeuge, so dass sich die Zündhölzchen recht gut missen lassen, ohne daß man gerade auf jene Zünd- Methoden zurückgreifen muß. Man spielt ja nicht gern den Wilden. Aus dem Tierleben. Das Gedächtnis der Fische. Man schreibt der„Frank- furtcr Zeitung": Wenn durch Versuche bewiesen wurde, daß sogar so niedrig stehende Lebewesen wie Seeanemonen und Korallen sich in ihrem Verhalten über die Schädlichkeit gewisser Dinge belehren lassen und sie dann sorgfältig meiden, daß ihnen also ein gewisses Gedächtnisvermögen zukommt, so brauchen wir uns auch nicht darüber zu verwundern, daß solche Forschungen auch bei den Fischen ein derartiges Erinnerungsvermögen festgestellt haben. Im Laboratorium zu TortugaS an der Ostküste Amerikas sind in der letzten Zeit Beobachtungen und Experimente gemacht worden, die auf die geistigen Fähigkeiten und Gewohnheiten der Fische ein neues Licht werfen. Als Versuchstier wurde ein Mecrcsfisch ge- wählt, der graue Barsch, ein Raubfisch, der sich hauptsächlich von einer kleinen, silberfarbenen Sardine nährt. Wurden einige von diesen Sardinen hellrot gefärbt und mit den anderen zusammen ins Meer geworfen, so stürzten sich die Fische zunächst gierig auf die silberfarbenen; aber bald probierten sie auch die rotgefärbten, fanden, daß sie ebensogut schmeckten, und verschlangen sie nun ebenso eifrig wie die silberfarbenen. Daraufhin wurden einige Sardinen hellblau gefärbt und mit den roten und silberfarbenen zusammen ins Meer geworfen. Zuerst vermieden die Barsche sorgfältig die blauen Sardinen, bald aber machten sie sich auch an diese heran, kamen auf den Geschmack und fraßen von da an die blauen Sardinen ebenso eifrig wie die anderen. Jetzt wurden aber kleine Stücke von Seenesseln an den blauen Sardinen be- festigt; die Barsche schössen gierig auf die Nahrung zu und wurden dabei von der Seenesse! gestochen. Infolgedessen fuhren die Tiere erschrocken zurück und nach wenigen Minuten hatten sie die bei den blauen Sardinen erregten unangenehmen Eindrücke so gut im Ge- dächtnisse behalten, daß sie diese Fische sorgfältig vermieden und nur die roten und silbernen Sardinen fraßen. Am nächsten Tage jedoch hatten die Fische ihre bösen Erfahrungen wieder vollständig vergessen. Berantwortl. Redakteur: Emil Unger» Berlin. — Druck u. Verlag: Vorwärts Buchdruckerei u.Verl«g»anstaItPaul Singer LcTo..Berlin S W.