Anterhaltungsblatt des Dorwärts Nr. 186. Freitag� den 24 September. 1909 (Nachdruck verboten.) 21] Ita r>aine. Novelle von S. Juschkewitsch. «Glauben Sie mir Esther, nie vergesse ich Ihnen das Gute, was Sie getan, nie!" Sie trat wieder ans Fenster und stand dort eine Weile und sah weinend, wie das Kind die Arme bewegte und sich hin und her wälzte. Dann wandte sie sich zu Esther und gab ihr noch SO Kopeken. „Schicken Sie es nach Hause," sagte sie,„Ihr Mann kann dafür was für die Kinder kaufen." „Gehen Sie nur." wiederholte Esther,„ich niuß wieder zum Kind." Sie wies ihr mit der Hand den Weg und ging. Ita verirrte sich wieder im Hof und suchte verständnislos den Weg zum Ausgangstor. Aber neben einem der Gebäude sah sie eine Frau, die ihr bekannt vorkam. Sie trat näher, sah sie aufmerksam an und erkannte zu ihrer Verwunderung Zirel. „Wie. Sie sind's?" fragte jene mit ihrer heiseren Stimme.„Wie kommen Sie hierher, ist Ihr Mann krank?" Ita war beinahe erfreut, sie zu sehen. Sie rief in ihr die Erinnerung an die Zeit wach, als das Kind noch ihr ge- hörte und die Bewunderung aller erregte. „Nein, der Mann nicht, aber das Kind," antwortete sie. „Es hat den Krupp und liegt hier im Saal." „Brauchen sich nicht zu grämen! Sehen Sie, wie es Zirel ohne Kind gut geht. Und mein Paralysierter kann sich gar nicht genug freuen, der Teufel soll ihn holen." Sie lachte belustigt, aber Ita. die sich ihrer Geschichte erinnerte, fühlte sich angeekelt. Zirel war über das Zu- sammentreffen offchrbar erfreut, sie erzählte, dasi sie sich bereits einiges gespart habe, daß ihr Mann jetzt täglich rauche — ersticken solle er daran— daß sie aber noch ziemlich lange in Stellung bliebe, denn es sei einstweilen noch von Vorteil für sie, für sieben Rubel Monatslohn zugleich Amme und Dienstmädchen zu sein. Wenn sie sich 70 Rubel zusammen- gespart habe, wolle sie sich einen Marktstand einrichten und Fischhandel betreiben. „Nun und Ihr Kind?" fragte Ita. „Mein Ungeheuer, wollen Sie wohl sagen? Ich Hab gar nicht mehr daran gedacht, so lange ist es her. Mindel weiß, wo es ist. Gewiß auf jener Welt. Was wollte ich Ihnen noch sagen? Ja, wegen der Mindel. Wissen Sie, man hat sie eingesperrt." „Wieso eingesperrt?" fragte Ita verwundert.„Sie meinen wahrscheinlich eine andere. Wer hat Ihnen das erzählt?" „Man hat's mir erzählt und damit fertig. Für solche schönen Sachen wird man nicht gehätschelt und getätschelt. Mit ihrer Hilfe sind schon viele Menschen zugrunde gerichtet, das weiß ich schon. Aber solange man's nicht gewußt hat, hat.man's eben nicht gewußt.... Jetzt ist es an den Tag ge- kommen. Das ist eine schlimme Sache." „Was für eine Sache? Wie sonderbar, ich weiß von nichts." „So eine Sache nämlich: wissen Sie noch, die Manja? Ja. die war ja öfter bei Ihnen. Wir sind auch einmal alle zusammen von Rose fort. Wissen Sie's noch?" „Mein Gott, was ist mit der Manja passiert?" flüsterte Ita. „Manja liegt im Sterben. Hier im Krankenhaus. Haben Sie's nicht gewußt? Ja, ja. Die alte Mindel hat sie kaputt gemacht. Manjas Schatz, Jaschka, wollte es aber nicht dabei bewenden lassen und ineldete die Geschichte der Polizei. Natürlich hat man Mindel gleich eingesperrt. Man sagt, in ihrem Zimmer hätte man drei tote Kinder gefunden." Ita hörte der Erzählung zu und begriff nicht recht, was sie hörte, so hatte die Neuigkeit sie erschüttert. „Was für eine entsetzliche Geschichte," flüsterte sie. „Wissen Sie genau, daß es wahr ist? Manja stirbt? Und Sie haben sie selbst im Krankenhause gesehen? Armes, un- glückliches Mädchen! Es ist noch gar nicht lange her, daß ich sie sah und ihr versprach, zu ihr zu kommen. Wie habe ich sie doch gebeten, es nicht zu tun." „Das ist das Leben," sagte Zirel philosophierend,„seinem Schicksal entgeht man nicht. Mollen Sie sie sehen? Ich kann Ihnen zeigen, wo sie liegt. Sie werden sie wohl noch am Leben finden." Ita ging freudig darauf ein und beide schritten auf ein am Ende des Hofes stehendes Gebäude zu. „Was nicht alles in der kurzen Zeit passiert ist," sagte Zirel.„Etel hat man begraben. So eine nette Frau war das. So fein und gescheit und hat sich doch umbringen lassen. Wäre es denn nicht besser gewesen, niederzukommen und der alten Mindel das Kind zu geben? Ja, Ita, man muß das Leben nicht nur verstehen, nian inuß schlauer sein als das Leben. Was hat Etel damit erreicht? Ihr Mann hat sich schon eine andere genommen, obwohl er ganz der- zweifelt getan hat— und sie fault da unten im Grabe." Ita hörte ihr zu und nickte. Etels Mann hat wieder ge- heiratete. Wer hätte das denken können. So ein gemeiner Mensel)! Sie traten in den Korridor, und Zirel brach ihre Er- zählung ab. Sie zeigte Ita den Saal und das Bett, wo Manja lag, bat die Pflegerin. Ita einzulassen und verab- schiedete sich dann. Schüchtern schritt Ita durch den Saal, an dessen beiden langen Seiten zwei Reihen von Betten standen, auf denen eine Anzahl Frauen saßen oder lagen. Andere wieder wandelten einzeln oder in Gruppen durch den Saal, in dem es zur großen Verwunderung Jtas sehr lebendig zuging. Zitternd trat sie an das Bett Manjas. Manja er- kannte sie sofort und gab ihrer Freude durch ein schwaches Lächeln Ausdruck, denn es war ihr verboten, sich zu bewegen. Ita war in einen Streifen hellen Lichts geraten und schloß unwillkürlich die Augen. Das Mittelfcnster war ganz von Sonnenlicht überflutet und blendete das Auge. Vom Fenster aus reckte sich aber ein breiter Heller Streifen bis an die gegenüberliegende Wand, wo er ein goldenes Quadrat bildete. und winzige graue Stäubchen wirbelten und flössen durch- einander in dem hellen Schein. Scharf traten aus dem all- gemeinen Lärm zwei kreischende Weiberstimmen hervor, die über den ganzen Saal herüber miteinander zankten. Von Zeit zu Zeit kam die Krankenschwester, rot und schwitzend, zankte ärgerlich und empört die Kranken aus und schaffte Ordnung. Ita setzte sich neben Manja und faßte sie bei der Hand. „Müfsen wir uns hier treffen!" sprach sie traurig,„das Hab' ich nicht gedacht. Wie Hab' ich Sie doch gewarnt!" Manja legte den Eisbeutel auf ihrem aufgetriebenen Leib zurecht und wandte sich ab. Ita sah sie von der Seite an und wurde erst jetzt gewahr, wie sie sich verändert hatte. Nase, Kinn und Lippen waren eingesunken und von einer dunkel- gelben Farbe, wie man sie bei Toten trifft. Die Augen lagen tief in ihren Höhlen, hatten aber einen merkwürdigen Glanz, und diese glänzenden Augen und die roten Wangen, die aussahen, als ob sie geschminkt wären, verliehen dem ganzen Gesicht einen so beseelten Ausdruck, daß man auf den ersten Blick etwas Starkes, Lebendes, Aufblühendes vor sich zu haben glaubte. „Wissen Sie noch," begann endlich Manja,„Sie haben mir einmal gesagt, Sie hätten Pech. Aber Sie mußten da» mals nicht, Ita, daß Sie im Vergleich zu mir eine Aus- erwählte sind. Früher habe ich auch geglaubt, ich hätte Charakter: aber nicht Sie, sondern ich bin zur Dirne ge- worden. Ich sage es nicht aus Neid, sondern ich antworte nur auf Ihre Worte. Sie sind weich, Ita. Aber wenn man Sie bedrängt, so ziehen Sie sich Schritt für Schritt zurück: ich aber, die Starke, die Feste, bin wie eine Glaspuppe in Splitter gegangen, sowie man mich ordentlich angepackt hat. Haben Sie's jetzt verstanden? Was haben Ihre Ratschläge, Ihre Bitten für mich bedeuten können? Wissen Sie, daß Etel tot ist?" „Ja, ich war bei ihrem Begräbnis. Ihr Mann hat jetzt wieder geheiratet." „So?" sagte Manja gleichgültig.„Man hat mir erzählt. daß sie es eigentlich gar nicht nötig gehabt hätte, sich an Mindel zu wenden. Warum hat sie es aber doch getan? Ich kenne mich nicht ans. Jta. Je länger ich lebe, desto weniger kenne ich mich aus." Jta beeilte sich, ihr ihre letzte Unterredung mit Etel zu erzählen. Zuerst lauschte Manja aufmerksam zu. aber dann fuhr sie mit der Hand durch die Luft, als ob die Erzählung sie quäle. „Sie haben mich nicht verstanden, Jta, wir sind ja doch alle verkrüppelt, selten wird eine von uns schwanger, aber das Glück fehlt doch. Daß Etel sich zum Krüppel machen wollte, ist natürlich schon ein Mittel, aber nicht gegen die richtige Krankheit," schloß sie niit einem geheimen Ge- danken. „Sind Sie schon lange hier?" „Fünf Tage, aber mir ist's, als ob es fünf Jahre wären, so leide ich. Auch jetzt noch muß ich mich mit Gewalt be- herrschen, um nicht zu schreien, obwohl ich den Schmerz schon gewöhnt bin. Man gewöhnt sich an alles, Jta, so gemein ist die Menschcnseele eingerichtet." „Und mein Kind liegt hier in der Kinderabteilung. Es hat den Krupp," teilte ihr Jta mit, als ob sie ihr zu der- stehen geben wollte, daß man sich nicht an alles gewöhnen könne. Manja verstand sie und fragte nicht weiter. „Der Mensch," sagte sie, immer daran denkend, was sie vom ersten Tage ihrer Krankheit an ununterbrochen be- schäftigte,„der Mensch ist ein bissiger Hund, der an eine kurze Kette gebunden ist. Gut. daß sie noch kurz ist. Aber Joschka werde ich es nie verzeihen, sogar im Sterben nicht. Glauben Sie, mein Leben tut mir leid? Wenn ich noch einen Glauben hätte, würde ich sagen: Gott sei Dank, aber ich glaube an nichts mehr und sehe in mir nichts als eine Schmutzgrube. Gibt es denn noch einen Schmutz, mit dem man nach nur nicht geworfen hätte? Sie können sich ja selbst in Ihren besten Stunden gar nicht vorstellen, wie ich war, als ich hergekommen bin. Die heiligen Bücher sind mehr beschmutzt von mensch- lichen Händen als ich es war. Und nach zwei Jahren bin ich jetzt so besudelt wie eine Mistgrube. Eine Hoffnung hatte ich noch, um mich aus deni Schmutz herauszuarbeiten, und des- halb war mir mein Kind, das kommen sollte, so teuer. Ein Leitstern, ein Retter war es für mich. Aber es ist zugrunde gegangen wie meine jungen Träume, wie mein Verlobter, wie meine Reinheit und Unschuld, und seit ich beschlossen habe, das in mir keimende Leben zu töten, fühle ich so einen Haß gegen mich selbst, daß ich den Tod mit Freuden begrüßen werde." Sie lag da und sah streng vor sich hin, und in ihren Augen spiegelte sich deutlich der Haß eines Menschen, der gegen sich selbst ein unabänderliches Vernichtungsurteil ge- sprochen hat. Jta verstand dies aber nicht und war bemüht, in ihr das gewohnte Gefühl der Ergebenheit wachzurufen. .lFortsetzung folgt.l SimpUciamlcbe Schriften» Der Roman ist bekanntlich da? Epos der Neuzeit. Der Roman hat sich ans der erzählenden Nersdichtung des Mittelalters heraus gebildet, was rein äußerlich sogar im wörtlichsten Sinne zutrifft, da die ältesten Prosaromane bielfach weiter nichts als Prosaauflösungen von Epen sind. Das Bedürfnis nach prosaischer Unterhaltungs- lektüre tritt in jener Zeit auf, die wir als den Uebergang vom Mittelalter in die Neuzeit zu bezeichnen pflegen, während gleichzeitig der Geschmack an Versdichtungen stark abnahm. Die allgemeinen kulturellen Ursachen dieser Geschmacksveränderung sind etwa folgende. Die Erfindung der Buchdruckerklinst und die von Italien aus eingeleitete Wiedererweckung des klassischen Altertums bewirkte eine ungeahnte Demokratisierung des Lesebedürfniffes und der Lcsekunst, während im Mittelalter nicht einmal die Ritter lesen und schreiben konnten, so daß ihnen die Literatur nur durch Vortrag zugänglich war. Woher sollte aber das große Publikum das Leiematerial nehmen? Das Mittelb ochdeuffche auS der Zeit um 120v war die Sprache der höchsten literarischen Entwickelung gewesen, und diese Sprache war von der des Jahres 1500 so verschieden, wie etwa die letztere von der heutigen. Mt anderen Worten: das Publikum verstand diese Sprache nicht mehr, in der viele mittlerweile verschwundene oder veraltete Wörter vorkamen und in der manche Laute eine ganz andere Bedeutung gehabt hatten, mit deren Wechsel auch Tonfall und Reim zerstört wurden. Ganz zu schweigen von der veränderten Weltanschauung des zur Reformation an Haupt und Gliedern drängenden Zeitalters. Auch vermißt man in der mittelhoch- deutschen Literatur die Vorstellungswelt des klassischen Altertums, aa die man durch die Renaissance gewöhnt worden war. Anderer- seitS wirkte die— natürlich auch prosaische Uebersetzungstätizkeit, wobei außerdem besonders die italienischen Novellen ein zur Nach- ahmung reizendes Vorbild boten. Schon um 1300 war der französische Lancelot-Roman übersetzt worden, der aber später in. Vergessenheit geriet und nie ge- druckt worden zu sein scheint. Erst nach 1450 nimmt die Roman- Übersetzung einen Aufschwung. Ritterliche und phantastische Abenteuer und Liebesgeschichten bilden den Inhalt dieser Literatur, aus der besonders der„Fierabras" und die»Haimons linder" her- vorragen. Um die Mitte des 16. Jahrhunderts versucht als erster Georg W i ck r a m von Kolmar, selbst deutsche Romane zu erfinden. Er sckireibt breit, gut bürgerlich und ungemein naiv, indem er seinen Rittern und Fürsten seine eigene Weltanschauung aufnötigt. Seine Behandlung der Geschlechtsliebe unterscheidet ihn prinzipiell von den französischen Vorbildern: Wirksam ist im Gegensatz zu den fröhlich sündhaften Welschen von pedantischer Moral und vermeidet sogar die bloße Schilderung deffen, was nicht seinen strengen Ansprüchen genügen könnte. Die Welschen schickten in jener Zeit eine ganze Familie von Romanen durch Europa, die alsbald auch in Deutschland alles anders in den Schatten drängte: den„Amadis" und seine Nachkommen. Der Spanier Garcia Ordonez de Montalvo brachte die Sache in Schwung, indem er ein verschollenes Original bearbeitete. Andere Autoren pflanzten den Helden fort, d. h. sie machten seine Nach- kommen viele Generationen hindurch immer wieder zu Mittelpunkten neuer Romane. Die Franzosen brachten die Geschichte auf 25 Bücher. Seit 1569 erschienen auch deutsche Ucbersetzungen. Die im Ausgang des 16. Jahrhunderts auftauchenden deuffchen Originalwerke lFaust, Schildbürger, Eulenspiegel) sind ebenso wie F i s ch a r t s Bearbeitung des Gargantua weit entfernt von dem Wesen eines Romans. Seit dem ersten Drittel des 17. Jahrhunderts entwickelte sich unter dem Einfluß der Opitzschen Gelchrtendichtkunst der heroisch-galante Roman, dessen Vertreter neben Loheustein s.Arminius") und Ziegler(„Banise") besonders auch Philipp von Zesen war. Seine.Asienat" gab den Anlaß zu einer literarischen Fehde mit dem Manne, der mit den meisten seiner Werke in scharfem Gegensatz zu der ganzen heroisch- galanten Richtung stand: Hans Jacob Christoffel von Grimmels- hausen, Verfafler des„SimpliciuS SimplicissimuS". GrimnielsHausen wurde 1625 in oder bei Gelnhausen in Hessen geboren, kam mit zehn Jahren als„ein rotziger MuSquedirer", wie ein übelwollender Kritiker ihm vorwarf, zu den Soldaten und blieb wohl bis zum Friedensschluffe von 1648 beim Heere. Der erwähnte Kritiker wünschte ihm, er wäre immer dabei geblieben, worauf Grimmelshausen, vermutlich unter dem Schutze deS§ 193, stolz entgegnete:„Was mcynestu Bestia wohl, weil ich also ohngelchrter etwas unterstehe, was ich erst gcthan haben würde, wenn ich dazu auffgezogen und von Jugend uff angeführt worden were?"— Sind schon die Jahre bis 1643 in Dunkel gehüllt, so noch mehr das folgende Jahrzehnt, von dem wir nur mutmaßen können, daß Grimmelshausen sich in Dänemark, den Niederlanden und Polen aufgehalten habe. Daß er große Reisen gemacht hat, beweisen seine Kenntnisse. Erst vom Jahre 1653 an wiffen wir ihn wenigstens mit Sicherheit als Schriftsteller tätig. 1667 endlich ist die erste sichere Jahreszahl, die den merkwürdigen Mann in fester Stellung zeigt: als Schultheiß zu Renchen in bischöflich Straßburgischen Diensten. In dieser an sich wohl wenig arbeitsreichen Stellung war er ungemein produktiv. Neben seinen prosaischen Schriften und sati- rischen Gedichten zeugte er noch in zweiter Ehe eine Tochter zu den aus erster Ehe vorhandenen Söhnen. Am 17. August 1676 starb cr. Wer ein von Anfang an so bewegtes Leben führt, ist natürlich Autodidakt. Grimmelshausen läßt seinen Simplicissimus selber von den Studien erzählen, die er gemacht hat, um die Lücken seiner theoretischen Bildung auszufüllen. Merkwürdig ist, daß sich dieser Mann so lange hinter Pseudonymen verbarg, die er durch sneun verschiedene) Vuchstabenumstellungen aus seinem Namen bildete, daß nach seinem Tode durch die Nachlässigkeit und Unaufmerksamkeit des gelehrten und nichtgelehrten Publikums der wahre Verfasser in Vergeffenheit geriet, der erst in der Mitte des 19. Jahrhunderts wieder entdeckt wurde. Dieses völlige Verschollensein ist um so merk- würdiger, als feine Zeitgenossen den viclnamigen Autor genau kannten, wie aus einem Lobgedicht hervorgeht, das anfängt: „Der GrimmelShauler mag sich, wie auch Hey den Alten der alt ProtheuS thät, in mancherley Gestalten verändern, wie er will, so wird Er doch erkandt— an seiner Feder hier, an seiner treuen Hand. Er schreibe, waS Er will..." So geht es weiter, bis es zum Schluß heißt: „... so blickt doch klar herfür, daß Er nur Fleiß ankehr, wie Er mit Lust und Nutz den Weg zur Tugend lehr." Da? Hauptwerk Grimmelshausens ist„Der abcntheuerliche SimpliciuS Simplicissimus", der jetzt in einer neuen, an dieser Stelle schon kurz gekennzeichneten Ausgabe vorliegt.*) Es *)„DeS Hans Jakob Christoph von Grimmelshausen Wen- teuerlicher SimpliciuS Simplicissimus." Neu an Tag geben und in unser Schrittdeutsch gesetzt von Engelbert Hegaur. Albert Langen, München 1909. handelt sich um eins Ausgabe vom belletristischen Standpunkt auS, bestimnit und geeignet, den ästhetischen Genuh, abseits von streng philologischer Wissenschaftlichkeit, zu ermöglichen. Dem dient vor allem auch die geschickte Modernisierung der Sprache, die niemals so weit geht, das Eigentümliche des Verfassers zu unter- drücken. Wo sich schwer verständliche Ausdrücke finden, bietet ein Verzeichnis am Schluß willkommene Erläuterungen. Dazu kommt die gute Ausstattung, die zugleich den Hauptunterschied gegen alle früheren Ausgaben ausmacht, die im besten Falle nüchtern anmuten. Es fehlt nicht an solchen Ausgaben sowohl wissenschaftlicher als populärer Prägung. Zum erstenmal erschien der„Simplicissimus" 1668. Diese Ausgabe ist aber nicht erhalten. 1669 kam die zweite heraus, um ein sechstes Buch vermehrt. Es folgeu dann noch eine Reihe weiterer Ausgaben in den Jahren 1669—1671, die teils nur Nachdrücke, teils aber Bearbeitungen des Verfassers darstellen. Im einzelnen finden zahlreiche Abweichungen statt. In den Jahren 1683, 1681, 1683 und 1713 erschienen dann vier Gesamtausgaben. Wichtiger find hier die neuen Ausgaben, von denen die erste 1736 erschien. Es folgt ein Auszug 1779 und eine Neubearbeitung 1733. Seitdem tauchen in ununterbrochener Folge fast in jedem Jahrzehnt neue Ausgaben auf. 1790, 1810, 1822, 1836, 1848 handelt es fich mehr um„Erneuerungen" und dergleichen. Erst 1832 folgt eine genauere, aber nicht vollendete Ausgabe, während 1834 Adelbert v. Keller in der Bibliothek des Literarischen Vereins zu Stuttgart und 1863 Heinrich Kurz in der Deutschen Bibliothek gründlichere Ausgaben schufen. Ein paar weitere Ausgaben, von Lenz