NnterhaltungsSlatt des Horwärts Nr. 187. Sonnabend, den 25. September. 1909 22] Ita fjalne. Machdruck b£f6»ten.l Novelle von S. I u s ch k e w i t s ch. . �„Reden Sie mir nicht davon. Jta," entgegnete ManZa, »,rch bin kein kleines Mädchen und mit einem Stück Kuchen läßt sich bei mir nichts machen. Wenn man so viel Schmutz geschluckt hat. daß er in der Kehle stecken bleibt, was kann da noch ein Tropfen reinen Wassers nützen? Auch er wird schmutzig, deshalb lassen Sie mich lieber so wie ich bin. Soll man rufen— aber wen? Wer hört uns? Wer hilft uns? Schreien Sie mal die Geschichte mit Ihrem Kind in die Welt hinaus. Ja, wenn ich es früher gewußt hätte, läge ich viel- leicht nicht hier, aber jetzt ist's zu spät, sich darüber zu grämen. Wissen Sie," sagte sie plötzlich unvermittelt.„Joschka hat sich eine neue genommen." „Es kann nicht sein!" fiel Jta empört ein.„Der Schurke! Der niederträchtige Mensch!" i„Warum niederträchtig? Sagen Sie einfach: Mensch und das genügt. Glauben Sie, ich bin eifersüchtig? Da Zrren Sie sich. Ich bin ja nicht gleich zu Mindel gegangen. Als ich Sie damals gesprochen hatte, sagte ich mir: du solltest nicht hingehen. Und ich bin auch nicht gegangen. Ich habe mit geschämt nach unserem Gespräch. Ich machte solche Pläne, gab mich solchen Träumen hin. Was ich nicht alles angestellt habe, um meinen Zustand zu verbergen, Sie würden sich wundern." „Warum sind Sie nicht Ihrem Jaschka fortgelaufen?" „Und warum sind Sie Jhreni Michel nicht fortgelaufen? Ja, es machte sich einfach nicht. Solche Gedanken kamen mir wohl, aber ein Vogel in seinem Käfig hat sie auch. Man denkt hin und denkt her, aber wenn der Abend kommt, zieht man sich schnell an, daß man seine Fäuste nicht spürt. Aber als man schon zu deutlich sah, daß ich schwanger war und man es auf keine Weise mehr verbergen konnte, bereitete er mir zwei Tage lang eine solches Leben, daß ich es nicht länger ertrug und zu Mindel ging. Ich hätte mich vielleicht er- hängt," sagte sie in Gedanken,„ja erhängt, aber ich hatte doch eine Hoffnung. Ich dachte immer, vielleicht kommt noch eine Schwangerschaft und ich rette das Kind. Ich wollte doch so gern Mutter werden, so gern!" Jta erinnerte sich ihrer Gefühle während der Schwangerschaft und nickte zustimmend. .„Man ist wie berauscht von diesen Gefühlen," sagte sie, „ich kenne es. Man denkt nur an das Kind, sonst nichts." Manja schloß die Augen vor Schmerz und stöhnte leise. Jta saß niedergeschlagen und schweigend daneben und blickte ihr leidend in die Augen. Im Saal war es schon ruhiger ge- worden, alle Frauen lagen auf ihren Betten und er hatte wieder sein gewöhnliches, langweiliges, offizielles Aussehen. Neben zwei Betten standen Krankenpflegerinnen und gössen Wasser in die an der Wand hängenden Kannen. Instinktiv fühlte Jta. daß sie nun gehen müsse und begann sich fertig zu machen. Manja stöhnte jetzt ganz laut, ihre Lippen waren uoch röter, die Augen schienen noch tiefer zu liegen. „Ich besuche Sie nochmal, Liebe," flüsterte Jta ratlos, erschreckt durch dies Stöhnen. Statt aller Antwort schrie Manja laut auf. Jta sprang entsetzt auf. Die Krankenpflegerin kam hinzugelaufen, und Jta schritt gesenkten Kopfes rasch dem Ausgang zu, um Un° annehmlichkeitcn zu entgehen. Sie ging mit schwerem Herzen, verirrte sich wieder im Hof und glaubte jetzt beim Anblick her düstern, unfreundlichen Häuser, daß man aus ihnen lebend inicht mehr herauskommen könne. Wie große Schlangen idehnten sich die Bauten nach allen Seiten hin. ihre vom seit- wärts einfallenden Licht bläulichen Fensterscheiben blickten sie Wie zahllose Augen drohend an, als sie an ihnen vorbeiging. Manja ist verloren, zuckte es in ihr auf, und bei dem Ge- Lanken, daß auch ihr Kind hinter diesen Mauern sei, seufzte sie schwer. Zufällig fand sie das Tor und schritt auf den Ausgang zu. Als sie auf die Straße trat, sah sie mit einem Male Michel, der sie scheinbar erwartet hatte. Als er sie seinerseits gewahr wurde, ging er rasch auf sie zu und begann ohne weiteres zu schimpfen: eine ganze Stunde warte er schon auf sie. und er wurde noch wütender, als sie sagte, sie hätte es doch nicht gewußt. „Immer mußt Du daran denken, daß ich auf Dich warte« wenn Du mir so wenig gibst. Du schmutziges Luder, Du!" Jta dachte nicht einmal daran, ihm Vorwürfe zu machen. weil er nicht nach dem Kind fragte. Und nur um seinen Zorn, der ihr den Gang der Gedanken störte, abzulenken. sagte sie mit gekünstelter Ruhe: „Weißt Du noch, Michel, die Manja? Sie liegt hier irrt Sterben. Eben war ich bei ihr." Michel wurde still und pfiff. „Ja, ja, ich habe schon so was gehört," murmelte er« „aber Jaschka weiß gar nicht, daß es so gefährlich ist." „Deshalb hat er sich wahrscheinlich auch so beeilt, eins andere zu finden. Der Schuft. Saubere Freunde Haft Du, Michel, das muß man sagen." „Na. na, das geht Dich nichts an. Was braucht er eine Kranke, zum Teufel?" Mit tiefem Haß sah Jta das sorglose Gesicht Michels an, und den aufsteigenden Zorn noch einmal zurückdrängend, holte sie die letzten fünfzig Koveken hervor, gab sie ihm und seufzte erleichtert auf, als er sie verließ und sie sich nun eilig nach Hause begeben konnte. Jtas Kind starb am Abend des nächsten Tages und wurde zusamnien mit anderen am gleichen Tage Gestorbenen bis zum nächsten Morgen in die Totenkammer geschafft. Dort lag schon Manja, die einige Stunden früher den letzten Zug getan hatte. Sie starb, ohne sich mit dem Leben ausgesöhnt zu haben, und ihr Gesicht trug den Ausdruck jenes Abscheus, von dem sie in ihren letzten Stunden erfüllt war. Am Toten- bett dieses unglücklichen Weibes war niemand, der ihr nahe- gestanden hätte, und ihre besten Gedanken, die sie so gern hätte aussprechen mögen, nahm sie nun mit ins Grab. An der Stelle des lebendigen, von Leidenschaften bewegten Menschen gähnte jetzt eine Leere, die darauf wartete, von einem neuen Opfer ausgefüllt zu werden. An demselben Abend ging Esther, nach einem kurzen Sprung in ihre Wohnung, zu Jta, um sie vom Tode ihres Kindes zu benachrichtigen. Esther war in einer nicht unan- genehmen Aufregung angesichts der vielen Sorge?: und des bevorstehenden Wechsels, denn all das war wohl lästig, aber stellte auch eilren schönen Extraverdienst in Aussicht. Was sie noch von Jta zu bekommen hatte, darüber war sie sich nicht ganz klar, aber sie wußte, daß sie von ihr bereits viel er- halten hatte, und so versprach sie sich neben den Aussichten auf neue Einnahmen und Geschenke, die ein neues Kind stets mit sich brachte, etwas recht Angenehmes und Erwünschtes. Sie nahm fröhlich einen kleinen Imbiß ein und schwatzte noch eine Weile mit den Nachbarinnen, vor denen sie absichtlich ein trauriges Gesicht aufsetzte. Das erhöhte ihr eigenes Wohl- behagen. Dann befahl sie dem ältesten Jungen,� den Vater nicht eher zu Bett gehen zu lassen, als bis sie zurück sei, und ging endlich zu Jta. Auf der Straße war ihr, als ob sie schwimme und nicht gehe, so leicht war es ihr zumute: und als sie zu Jta kam. war sie bis an die Zähne gewappnet, um möglichst viel herauszuschlagen. Sie trat nicht direkt in die Küche ein, sondern klopfte zuerst ans Fenster. Das Ziel dieses Manövers war ihr selber nicht klar, sie handelte wie unter einer Eingebung. Als sie von der Köchin in die Küche hereingelassen wurde, setzte sie sich nicht auf den Stuhl, son-� dern fiel auf ihn nieder, als ob sie unter der Last eines schreck» lichen Schmerzes zusammenbreche und blieb mit gesenktem Kopf, ganz vornüber gebeugt, mit schlaff herabhängenden, fast bis zum Boden reichenden Armen sitzen. Bein? A?rblick dieser sonderbaren Haltung begriff die Köchin sofort, um was es sich handelte und schloß aus Mitleid mit Jta die Tiir, da» mit die Stimmen nicht an ihr Ohr dringen tollten. Dann trat sie an Esther heran, legte die Hand auf ihre Schulte� und fragte leise: „Tot? Machen Sie's kurz." Und sich mit den Augen förmlich an Esther festsaugend. schob sie ihr Kopftuch, das ihre Ohren verdeckte, etwas zurüs, um sich ja nichts von ihrer Antwort entgehen zu lassen« „Eben gestorben." flüsterte Esther, lhre Stellung Sechselnb...Aber mir fehlt der Mut. es der armen Jta mitzuteilen. Nehmen Sie es auf sich. Bereiten Sie sie darauf vor. Ich kann nicht. Ich bin so erschöpft vom Tod und von den letzten Stunden dieses unglücklichen Kindes, dah ich ihren Schmerz nicht mehr ertragen werde. Ach. hundertmal glücklich sind Sie. daß Sie bei seinem Tode nicht dabei waren. Wie ein Großer hat er Abschied von mir ge- nominen. Ich sehe ihn noch vor mir. Wahrhaftig, seine eigene Mutter blickt man nicht so an, wie er mich angesehen hat. Bitte, gehen Sie zu ihr, sagen Sie's ihr." „Nein, Esther, das kann ich nicht auf mich nehmen. rechnen Sie nicht auf mich. Ich würde mir nie eine solche Grausamkeit verzeihen können. Eine gute Nachricht zu über- bringen ist angenehm. Sie find einmal in der Sache drin, Esther, führen Sie sie zu Ende. Ihnen kann man's ver- zeihen. Sie haben keine Schuld darail und haben auch für das Kind mehr getan als sonst ein Mensch kann." Esther hob die Augen gen Himmel, als ob sie ihn zum Zeugen ihrer Güte anrufe und sagte entschlossen: „Rufen Sie sie, an meinem Aussehen wird sie es schon erraten. Was für ein Unglück, mein Gott, was für ein Unglück." Noch eine ganze Weile stritten sie darüber, wer hin- gehen solle, aber schließlich hatte Esther der Komödie genug und erhob sich, um Jta zu rufen. „Nein, lieber gehe ich," entschloß sich da die Köchin.„Sie kann ja das Kind zu Tode erschrecken. Gehen Sie in die Toreinfahrt und warten Sie. Ich will sie schicken." Esther nickte zustimmend und ging. Aber kaum war sie angelangt, als sie. Jta sah, die auf sie zulief. „Was ist geschehen. Esther?" rief sie mit veränderter Stimme.„Was, was ist...? Ach, sagen Sie noch nichts." Sie hielt sich mit beiden Händen die Ohren zu und, nicht imstande, ihre Erregung zu bemcistern, schrie sie durch- dringend auf. Esther erhob sich gemessen von der Bank, auf der sie saß, umfaßte sie mit beiden Armen und sagte freund- lich, aber ernst: „Nun, Jta, es ist nicht so schlimm, Sie sind nicht die erste, nicht die letzte. Sie bekommen noch Kinder. Dem lieben Kinde geht es jetzt besser als uns. Glauben Sie mir, viel besser. Jta, was tun Sie? Jtal Gott steh' Ihnen bei, Unglückliche.' (Schluß folgt.) (Nachdruck verdolen.) Huf der fjavel. Von E. Kind. . Tagsüber hatte die Sonne gekargt mit ihren vergoldenden Strahlen. Wie eine kokette Schöne, die sich durch Abwesenheit be- gehrt machen will, hatte sie einen Schleier grauer Wolken über ihr Antlitz gezogen. Run gegen Abend lüftete sie für wenige kurze Minuten die aus Dunst gewobene Hülle und goß, eine riesige, rot- lodernde Kugel, den letzten Schimmer ihrer verglühenden Pracht über die leichtgckräuseltcn Fluten, die wie flüssiges Kupfer auf- sprühten. Die Stänime der Kiefern am Ufer leuchten auf in tiefem Rostbraun, und über die roten Ziegeldächer der kleinen Häuser des Dorfes drüben zittert die feurige Lohe dahin, ein letzter, flammender Scheidegruß.. Mit glrichnkaßigem Stampfen zieht der Dampfer seine Straße, und das Gedröhn seiner arbeitenden Maschine scheucht unzählige Wasscrvögel auf, die friedlich umherschwimmen, ihr lebendiges Futter in der Tiefe zu suchen. In dichten Scharen steigen sie auf beim Nahen des riesigen Ungetüms, das ihre Mahlzeit stört, schweben mit raschen Flügelschlägen über das hohe Schilf dahin, dessen reife, schwarzbraune Achren leicht im Winde schwanken, uird lassen sich erst wieder herab auf ihr wohlvertrautes Element, wenn der Störenfried vorüber ist, oder bergen sich in den von dichtem Röhricht beschützten Nestern. Ueber den Wiesen, die sich hinter dem Schilf weit ins Land hinein erstrecken, flattern milchige Nebel- schwaden, kraus und bewegt sich zu Gestalten ballend. Neu heraufziehende Wolkcnmasscn verjagen die kurze Helle der Dämmerung, die glucksenden Fluten werden tintig schwarz und die fernen, dichtbcwaldetcn Ufer umkränzen den Rand des Horizonts wie eine breite, vielvcrschlungcne Borte. Auf dem Deck des Vcrgnügungsdampfcrs, der nach einer Tages- fahrt hcunwärts steuert, ist es still geworden. Die Kinder, die den ganzen Tag lustig gelacht und gesungen haben, schmiegen sich müde und fröstelnd an die Seite der Mütter. Bald werden auch den Frauen die Lider schwer, die vom vielen Umschauen müden Augen wollen Ruhe haben, und sie ziehen die warme Kajüte im Schiffs-> rümpf dem Aufenthalt auf Deck vor. Selbst manche Vertreter drs stärkeren Geschlechts begeben sich verstohlen in die Nähe der war- wenden Maschine, um dort ein wenig zu ni-ken, und nur ein kleines Häuflein Unentwegter harrt bis zum Schluß der Fahrt auf dem Deck aus, ohne sich vom Wind und vorübergehenden Regenhuschen vertreiben zu lassen. Ein paar besonders Vorsichtige haben sich fest in ihre gegen Unbill des Wetters schützenden Lodenpelerinen ge- wickelt, die Kapuze über den Kopf gezogen und schauen so bald auf die wogende Wasserfläche, bald auf die fernen Ufer, von denen auf weite Strecken hin kein Lichtschein herübcrschimmert. Ab und zu verengt sich das weite Scenbett zwischen sumpsigen Wiesen oder künstlich geschaffenen Dämmen zu einer engen Fahr- straße und wenn gerade auf dieser Stelle des Wasserwegs, der zum Ausweichen wenig Raum läßt, die zwei weißen, übereinander- stehenden Signallatcrncn eines Schleppzugcs sichtbar werden, sendet der Dampfer seinen unheimlichen, langgezogenen Warnungsschrei zu dem Kameraden hinüber. Ein kurzes Lauschen auf Antwort. Wird sie..rechts fahren" oder„links fahren" bedeuten, oder zieht der andere gar ruhig seine Straße, ohne das Signal des Passagier- dampfers zu erwidern? Kommt leine Antwort, so steuert der Kapitän sein Fahrzeug mit fester Hand an dem Schleppzug vorbei, kann aber nicht unterlassen, seinem Aerger über das ausgebliebene Signal des anderen in kräftigem Seemannsdeutsch Luft zu machen. Da fliegen hageldicht wenig schmeichelhafte Apostrophierungen hin- über und herüber, und in die erregten Stimmen der Männer hinein bellt ein kleiner, schwarzer Wolfsspitz von einer der geschleppten Zillen her seine Ansicht über die Daseinsberechtigung von Ver« gnügungsdampfern, und sein zorniges Gekläff wird vom Schreien eines Kindes begleitet, das der Lärm aus dem Schlafe geweckt hat. Langsam gleitet der Schleppzug vorüber und dann wird es wieder still wie zuvor, nur das Stoßen der Maschine klingt aus dein Schiffsrumpf herauf, und die kurzen Kommandos erschallen, die der Kapitän mit rauher Stimme durchs Sprachrohr in den Maschinen- räum hinabsendet. In der dichten Finsternis muß er scharf auf den Weg achten, und unausgesetzt handhaben seine nervigen Arme das Steuer.' Boote flitzen vorbei, lautlos, spukhaft. Elegante, kleine vom Motor getriebene Schisflein gleiten flink am riesigen Bauch des Dampfers vorüber. Sie wie ihre bescheideneren Kameraden, die leichten Ruderboote, entbehren gewöhnlich das warnende Licht am Bugsprit, dem geplagten Kapitän des Dampfers zum erneuten Aerger, denn in der Dunkelheit kann er die kleinen Fahrzeuge kaum unterscheiden, deren Insassen, wenn er sie überrennt, dem sicheren Tode geweiht sind. Stundenlang stampft daS Schiff durch die Nacht dahin. Matt schimmern lvenige Sterne vom bewölkten Himmel. Die schmalen Durchlässe sind passiert und mit„Volldampf voraus" geht es auf weiter, wogender Wasserfläche schnell und sicher heimwärts. Näher und näher scheinen die User zu kommen, und zwei helle Warnungs- lichter blinken zwischen Baummassen auf: Am Eingang eines schmalen Zufahrtskanals, der ohne diese Lcuchtsignale in dunkler Nacht schwer zu finden wäre, sind sie errichtet. Geschickt wendet der Dampfer in die enge Fahrstraße«in. Mit dumpfem Grollen poltern die von seiner Schraube erzeugten Wellen gegen die Ufer- böschung, rollen zurück und gleiten hinter dem Fahrzeug her, das sich mählich dem breiten Hafen nähert. Ueberall blinken Lichter auf. Aus den Häusern am Ufer schimmern sie durch die geschlossenen Vorhänge der Fenster mit mildem Glanz, lvic eine traute Verheißung, von hohen Brücken, Pfeilern glühen sie mit roten und grünen Augen herab, und in jeder Skala der Stärke leuchten sie von all den schwimmenden Wohnungen ringsum, vom Teck der schwarz und weiß und rot und gelb ge- strichenen riesigen Schleppdampfer, aus den winzigen Fenstern der Zillen, hinter deren schweren Eisengittcrn sich ab und zu ein schlummerndes Kindcrköpfchen im hochgebauschtcn Federbett mit rot- gewürfeltem Bezug erspähen läßt. So langgezogen und ununterbrochen auch der Dampfer den warnenden Schrei seiner Sirene ertönen läßt, daß ihr durch- dringender Ton die Stille der Nacht zerschneidet— hier im sicheren Hasen hat der unheimliche Schrei nicht mehr die alte Kraft, die ein Frösteln über den Rücken jagt und die Nerven schüttelt, hier umgibt nicht mehr die dunkle, weite, einsame Wasserfläche das Schiff, hier sind Menschen, hier ist Licht, vor dem die Gespenster der Finsternis zerflattern in kraftlose Schemen. Und den müde Heimkehrenden winkt das nahe Heim, dessen fester, sicherer Boden ihnen ein Gefühl wohligen Geborgenseins einflößt, nach der kleinen Reis« auf schlvankem Fahrzeug. 8i. Versammlung deutscher JVatur- forscher und Herzte. Der Mittwochvormittag wurde ebenso wie der Dienstag lediglich mit Vorträgen in den Abteilungen ausgefüllt, während der Nach- mittag der Erholung diente; die Stadt Salzburg bot den versam- meltcn Aerzten und Naturforschern überaus anziehende volkstüm- liche Vorführungen im Kaiser-Franz-Josef-Park. Aus den ver- schiedensten Gauen des Landes waren Bewohner in ihrer National» Zracht herbeigezogen, die in dem sonst so regensreichen Salzburg, ausnahmsweise vom schönsten Wetter begünstigt, die reizvollen Nationaltänze vorführten. In der physikalischen Abteilung zeigte Professor Hallwachs- Dresden interessante Spektra von Alkalimetallen bei hoher Tempe» ratur. Die bekannte gelbe Linie des Natriums hat sich so fest dem Bewußtsein eingeprägt, daß die meisten, wenn sie ein Natrium- spektrum bei höherer Temperatur sehen, welches noch andere Linien aufweist, gewöhnlich glauben, diese weiteren Linien rühren nicht vom Natrium, sondern von chemischen Verunreinigungen her. Es wäre sehr instruktiv, auch die Spektren bei höheren Tempera- turen mehr zu veröffentlichen. Das vorgeführte Natriumspektrum z. B., wobei Natrium im elektrischen Bogen verdampfte, zeigte noch eine weitere hellgelbe, ferner zwei grüne und zwei blaue, sowie eine violette Linie. In derselben Abteilung führte Dr. Lehmann-Jena sogenannte .Jnterferenzfarbenphotographie" mit festen Metall- spiegeln vor. Diese von den französischen Forschern Becquerel(1848) und Lippmann(1891) technisch ausgearbeitete und von den deut- scheu Gelehrten Zenker(1868) und Wiener(1888) theoretisck de. handelte Methode stellt die reizvollste und interessanteste Lösung des Problems der Photographie in natürlichen Farben dar. Es entstehen hier Farben von außerordentlicher Leuchtkraft, wie sie kein anderes Verfahren hervorbringt, gewissermaßen aus nichts, und das Interessanteste an der Methode besteht in der Möglichkeit, an ihr die Lehre von der Wellennatur des Lichtes nach verschiedenen Richtungen hin praktisch studieren und prüfen zu können. Bisher nun bedurfte man zur Erzeugung derartiger Jnterfercnzfarben- Photographien eines besonderen Apparates, der Quecksilberkassette, welche an die photographische Kamera angesteckt wird, wodurch das Verfahren unbequem und kostspielig wurde. Herr Lehmann hat mit Unterstützung des Zeißwerkes in Jena ein Verfahren aus- gearbeitet, bei welchem an Stelle des Lippmannschen flüssigen Ouecksilbcrspiegels ein fester Spiegel, Nickel oder Silber, verwendet wird, auf welchem die empfindliche Schicht aufgegossen wird. Diese Spiegelplatten machen die Verwendung besonderer Apparate un- nötig, sondern können bei jeder beliebigen Kassette oder Kamera (benutzt werden. Herr Dr. Seitz aus Aachen führte eine neue Röntgenröhre von starker konzentrischer Wirkung vor. Innerhalb gewisser Grenzen nimmt die Intensität der Röntgenstrahlen in außerordentlich raschem Verhältnis ab, wenn die Entfernung von der Antikathode zunimmt. Um eine verhältnismäßig kleine Fläche möglichst inten- fiven Strahlen auszusetzen, was bei chemischen, physiologischen und medizinischen Versuchen notwendig sein kann, muß daher das zu bestrahlende Objekt der Antikathode möglichst nahe sein. Am besten wird dies erreicht, wenn es in die Röhrenwand selbst eingesetzt wird und zugleich als Fenster für die Strahlen dient. Bei den vorgeführten Röhren wurde auf ein in die Glaswand cingeschmot- zehcs Platinrohr das Antikathodenblech, platinicrtes Aluminium, aufgelötet. Die Strahlen, welche direkt an der Rückseite des Anti- kathodenblechs auftraten, ergaben etwa den 2(X)fachen Wert der .Strahlendichte, die bisher erreicht werden konnte. In der Abteilung für Hygiene sprach der Berliner Impf- arzt Georg Levy über statistische Erhebungen über die Ernährungs- ort bei 1981 Erstimpfungen. Der Bortragende hat bei allen ihm zur ersten Impfung vorgestellten Säuglingen Erhebungen über die Ernährungsart aufgestellt. Die einzige Feststellung über die Er- nährungsart der Säuglinge geschieht jetzt lediglich, wenn ein Säugling stirbt, indem auf dem Totenschein eine entsprechende Rubrik auszufüllen ist. Dadurch wird natürlich nur ein Bruchteil der Säuglinge erfaßt. Den Jmpfärzten dagegen werden sämtliche Kinder im ersten Lebensalter vorgestellt, und zwar meist in Be- gleitung der Mütter, wodurch am besten umfangreiche und einwand- freie Resultate über die Ernährungsart der Säuglinge getoonnen werden können. Es wäre zu wünschen, daß alle Jmpfärzte ihre Aufmerksamkeit auf diesen Gegenstand richten. Dem Vortragen- den zeigten die von ihm beobachteten 1981 Fälle, daß die von der Mutter gestillten Kinder konstitutionell bedeutend besser für den Daseinskampf ausgerüstet sind als die künstlich ernährten. In der Abteilung für Pharmazie(Heilmittelkunde) sprach Professor Mittlacher-Wien über die Kultur der Arznei- Pflanzen. Er zeigte die Vorteile, welche die landwirtschaftliche Kultur bestimmter Arzneipflanzen gegenüber dem Einsammeln wild wachsender Pflanzen haben muß; einerseits würde sich durch ein genaues Studium ergeben, daß man den Gehalt an wirksamen Hcilstoffen steigern könnte, was ja bereits Versuche verschiedener Autoreu bewiesen haben, und andererseits würde es auch möglich sein, bestimmte Heilpflanzen zu akklimatisieren. ES ist ja bekannt, daß der Mohn und die das Opium liefernde Pflanze identisch sind; während aber unser einheimischer Mohn Osjium nicht liefert, ist es bei der in Kleinasien wachsenden Pflanze der Fall. Von Wichtig- keit wäre auch die Kultur der Alpenpflanzen, welche durch das rück- sichtslose Vorgehen der Wurzelgräber sehr gefährdet sind; diese wichtigen Pflanzen durch rationelle Kultur zu erhalten, wäre von großer pharmakologischer Bedeutung. In der Abteilung für Psychiatrie berichtete der Direktor der Provinzialheilanstalt zu Bunzlau, Dr. Reißer, über zwei inter- cssante Krankheitsfälle. Der erste betraf eine 69jährige Frau, deren schwere geistige Erkrankung mit hoher Wahrscheinlichkeit auf einen bor acht Jahren erfolgten Kreuzotterbiß zurückgeführt werden mutzte. Es dürste das der erste derartige Fall sein, der bekannt geworden ist. Die Krankheitssymptome waren aber solche, wie sie sich in der Regel nur bei Intoxikationen(Vergiftungen) finden und deshalb war der ursächliche Zusammenhang nicht zu be» zweifeln, und der Patientin wurde auf Grund des ärztlichen Gut- achtens Unfallrente zugebilligt. Der zweite Fall war dadurch interessant, daß nach einer außer- ordentlich schweren akuten Geistesstörung jede Erinnerung nicht nur für die'Zeit der Krankheit selbst, sondern auch für den der Krankheit unmittelbar vorausgegangenen Zeitabschnitt ausgelöscht war. In geringerer Ausdehnung, für einige Stunden oder auch Tage werden solche zurückgreifenden Amnesien(Gedächtnisverluste) öfter beobachtet; hier aber handelte es sich um einen Zeitabschnitt von über 2V2 Jahren, für welchen die Erinnerung völlig verloren blieb. In der Abteilung für Geographie hielt Prof. Dr. Brückner-Wien einen Vortrag über„Klimaschwankungen und Völkerwanderungen". Anknüpfend an seine früheren Unter- suchungen führte er aus, daß durch ungünstige Witterung und Mißernten mehrfach große Massen von Menschen in Bewegung gesetzt wurden. Die feuchten Perioden um 1859 und um 1889 veranlaßten eine starke Auswanderung aus Irland und eine rasche Besiedelung der weiten Steppen des Westens der Vereinigten Staaten. Die nach 1899 einsetzende Trockenheit hat hier einen Rückgang hrvorgebracht, der sich in einer Verminderung des be- siedelten Gebietes um 15 Proz. in dem Jahrzehnt von 1899 auf 1999 ausspricht. Nach den Forschungen von Aurel Stein bestanden im alten Tarimbecken in Asien alte Siedelungen an Stellen, wo heute absolute Wasserlosigkeit herrscht. Eine Reihe alter chinesischer Siedelungen, deren Ruinen in der Wüste gefunden worden sind, ging im dritten Jahrhundert zugrunde, später entstanden an ihrer Stelle neue, die im 8. oder 9. Jahrhundert der Wüste erlagen. Der Vortragende meint, daß das Zugrundegehen dieser Siede- lungen mit den Völkerwanderungen und mit Klimaschwankungen in Beziehung zu bringen sei; eine einsetzende Trockenperiode trieb die Bewohner der Oasen und Steppen aus den Trockengebietcn heraus und veranlaßte sie, in die feuchten peripherischen Gebiete einzufallen. kleines feuilleton. Amüsantes von chinesische» Hochzeiten erzählt Louis de Camilly im„Gil Blas". Die Chinesen verheiraten sich sehr jung und ge- horchen bei diesem wichtigen Lebcnsschritt mit äußerster Sorgfalt den zahlreichen Riten und Zeremonien, die ihnen eine uralte Tradition vorschreibt. Wenn die Eltern ihren Sohn verheiraten wollen, wenden sie sich an eine ganz offiziell eingeführte Persönlichkeit, den Unterhändler, der die Vermittelung übernimmt. Solche Vermittelung ist direkt eine nationale Einrichtung. Hauptsächlich Frauen widmen sich dem Berus; sie durchreisen bestimmte Provinzen und kundschaften dabei die Schönheit und die guten Eigenschaften der zahlreichen Mädchen ans. Sie bringen zugleich in diese entfernten Gegenden den guten Geschmack und die neue Mode. Sic lehren die Madchen, denen sie einen Mann verschaffen wollen, alle Knuste der Koketterie, legen ihnen dicke Schichten Schminke auf die Wangen, bringen ihnen bei, die Augen- brauen zu schwärzen und die Lippen rot zu färben, unterweisen sie im Spiel der Gitarre, verstümmeln ihnen die Füße, kurz verleihen ihnen all die physischen und geistigen Eigenschaften, die die Frau eines vornehinen MaimeS haben muß. Hat die Vermittlerin die Familien des Bräutigam und der Auserwählten bekannt gemacht, dann empfängt sie die„Padze" der zukünftigen Eheleute, das sind zwei große rechteckige, rote Papicrblätter, auf denen Name, Alter. Ge- burtsort und Eigenschaften der beiden jungen Leute aufgeschrieben sind. Nun wird ein Wahrsager konsultiert. Er stellt aus dem „Padze" das Horoskop, berechnet den Einfluß des Mondes und der Planeten und spricht danach das Urteil über die Aussichten auf Ehe- glück. Trifft alles glücklich zusammen, dann ist das schwierigste Hindernis der Verbindung beseitigt. Wem sehr am Zustandekommen der Ehe gelegen ist, der ienkt wohl auch durch eine kleine Bestechung das Schicksal der Gestirne zu seinen Gunsten. Aber wehe I Wenn der Wahrsager schlecht gelaunt ist, wenn seine Opiumpfeife keine Luft hat, sein Tee schlecht schmeckt oder irgend etwas anderes den heiligen Mann ärgert. Dann findet sich in dem Horoskop des jungen Mädchens ein Besen, das untrügliche Zeichen von Faulheit, eine kupferne Päse, die leichtsinnigen Charakter anzeigt, ein Gewand aus Hanf, das Vorzeichen eines gewaltsamen Todes."Dann werden alle Verhandlungen abgebrochen. Sind die Vorverhandlungen aber zu glücklichem Ende gediehen, dann erhält die Vermittlerin eine Geld- summe für„Kosten der Erziehung" und Geschenke. Nun erst werden die beiden Verlobten, die bisher nichts davon wußten, mit dem Heiratsplan bekannt gemacht. Nach alter Sitte muß die Brautmutter der Tochter eine Aussteuer mitgeben, wenn sie keinen Sohn hat; um das zu umgehen, nehmen viele Chinesen eine Waise als Sohn an. um diese Ausgabe zu vermeiden. Unter tausend Höflichkeiten, Kam- plimcntcn und zeremoniösen Gebräuchen ist endlich die Sache so iveit gediehen, daß der große Tag der Hochzeit herannaht. Beim ersten Hahnenschrei begibt sich der künftige Gatte, von allen mann« näjen Verwandten begleitet, nach dem Buddhatempel und stellt vor dem Altar des Gottes seine Geschlechtertafeln auf, um sich die Ahnen gnädig zu stimnien. Dann geht der Zug zur Wohnung der Braut, am hellen Tage von Laternen- träger» begleitet, die eine letzte Erinnerung an den alten Gebrauch der Nachtheiraten sind. Im zweiten Hof ihres Hauses erwartet die Verlobte, schwer mit Schmuck beladen. einen Blumenkranz auf dem Haar und unter dein weichen Schleier das Gesicht dick geschminkt, die Ankunft des Bräutigams. Der Bräutigain überreicht zunächst dem Schwiegervater eine wilde dmte, die in China das Symbol der Liebe und Treue ist, dann treten sich die beiden neuen Ehegatten zum erstenmal gegenüber, grüßen sich feierlich und knien nieder, um den Hinimel und die Erde anzubeten: sie sind nun für ihr Leben vereint! Dann steigt jeder der beiden Angetrauten in eine schön geschmückte Sänfte und nun werden sie in feierlichem Aufzuge durch die Straßen getragen nach ihrem neuen Heim, wobei ihr ganzes Mobiliar hinter ihnen hergeschleppt wird. So wogt eine bunte Fülle von Gegenständen hinter ihnen her, das Brautbett neben einem Vogel- käsig, Kochgeschirre neben Lampen, Stühle und Reissäcke— alles wird mit feierlicher Würde dahergebracht. Vor dem neuen Heim angelangt, schlägt der Gatte mit seinem Fächer gegen die Tür der Sänfte feiner Frau und lädt sie ein, mit ihm das Haus zu betreten, wobei wieder eine Unzahl tiefer Verbeugungen sich vollzieht. Ein kurzes Festmahl wird eingenommen, dann sind die Ehegatten endlich allein. Sie sitzen einander gegenüber, eine Zeitlang im tiefsten Still- schweigen verharrend, wie es die Wohlerzogenheit gebietet, dann erhebt sich der Gatte, verbeugt sich und reicht seiner Frau eine Tasie Tee, aus der beide feierlich ihre Lippen benetzen. Darauf tanzen sie mit langsam gravitätischen Schritten vor dem Altar der Ahnen einen seltsamen Hochzeitstanz, werfen sich dreimal nieder, wobei sie ihre geschlossenen Fäuste in die Lust heben. Endlich wünscht der Gatte höchst ernsthaft seiner neuen Lebensgefährtin eine große Nachkommenschaft.... Damit endet die Zeit der Jugend und des fröhlichen Mädchentums für die Frau, denn die Ehe bringt Knecht- schaft und harte Arbeit. Die Ablest, mg dcS Wortes Brille. Im allgemeinen wird an- genommen, daß unser Wort Brille von dem griechischen Ausdruck Verylos herzuleiten ist, mit dem ein durchsichtiger Edelstein bezeichnet wurde. Wir haben ja heute noch den Beryll. Das griechische Berylos findet sich dann in, Mittelalter in der Form Berylle, Brill und Baill. Diese Herleitung wird, wie Dr. Oppenheimer in der „Zeutralzeitung für Optik und Mechanik' mitteilt, von manchen Autoren bestritten, so leitet Professor Stilling das Wort Brille von dem mittelalterlichen Parilium her, welches Wort„ein Paar' bedeutet. Die gleiche Anschauung findet sich auch bei anderen Autoren. Nmnentlich auch die Zeit des Hans Sachs gebraucht die Worte Barillen, Barill und Barille sehr häufig. Außerdem findet sich für das Fahren mit einem Ochsengespann der Ausdruck„Brillfahren', womit zweifellos die paarweise Bespannung bezeichnet ist. Die hölzernen Gestelle am Ende der Deichsel, durch welche die Ochsen ihre Köpfe stecken, geben im großen das Bild einer Brille. Allerdings ist dagegen einzuwenden, daß derartige Ochsengespanne wohl schon bor dem Bekanntwerden der Brille ,n. Gebrauch waren, was einen recht ernsten Einwurf gegen diese Her- lcitung darstellen würde. Bemerkenswert ist, daß wohl im Fran- zöstscheii wie im Englischen das Wort Brille ein Pluralis ist. Man sagt stets hmsttes und spectacles. Hydrographisches. Von der Beschaffenheit des Rheinwassers. Beiträgen zur hhdrochemischen Untersuchung des Rheins und seiner hauptsächlichsten Nebenflüsse von E. Eggers entnimmt der „Globus", daß bis zur Mündung der Thür im Rheinbett Bodenseewasser fließt, das nur geringen Schwankungen unterworfen ist. Das Wasser der Thür enthält mehr Kalk und Magnesia als das des Rheins, und zwar sind diese Stoffe fast ganz an Kohlensäure gebunden; Schwefelsäure ist fast gar nicht vorhanden. Die Aare bringt kaum einen Unterschied im Rheinwasser hervor, bis Mannheim führt unser Fluß ein Wasser von fast unveränderter Zusammensetzung, so daß die Zuflüsse an den Mittelgebirgen und den kanalisierten Ortschaften und industriellen Betrieben einen wesentlichen Einfluß»icht ausüben. Durch den Neckar fällt ein starkes Anwachsen des Rückstandes und der Zahlen für Kalk und Schwefelsäure auf. Die Unterschiede in der chemischen Zusamniensetzung des Rhein- und Mainwassers sind nicht so groß wie zwischen Neckar und Rhein. Die bei Bingen ein- mündende, an gelösten Stoffen arme Nahe kann den verdünnenden Einfluß, den sie ausiiben müßte, gar nicht zur Geltung bringe», der Rhein hat an derLorelei an seinem Gehalt an Mineralstoffen sogorzugenommen, wohl durch den Zufluß des Mains. Größere Veränderungen und vorzugsweise eine erhebliche Steigerung des Chlorgehaltes verursacht dann wieder der Zufluß der Mosel, während das Wasser der Lahn unbemerkt im Rhein verschwindet. Den Bodensee verläßt der Rhein in voller Klarheit. Trübungen treten erst ein, wenn sein Wasser das Mündungsgebiet der Thür neu erreicht hat, die bei An- schwellungen recht beträchtliche Mengen von Geschieben, Sand und feinen, Schlamm dem Rhein zuführt. Wesentlich verstärkt wird diese Geschiebe- und Schlaminfühning nach dem Zuströmen der Aare. Bis Mannheim find die im Rheinwaffer enthaltenen schwebenden Stoffe borwiegend von dem kalkreichen Schlick der schweizer Flüsse und Bäche gebildet. Der I Neckar bringt suspendierte Stoffe von lehmiger Beschaffenheit, das gleiche gilt vom Main. Vom Main abwärts nehmen die kalkhaltigen SuS- pensionsstoffe ab, die nun zugeführten suspendierten Teilchen rühren vorwiegend von den Schuttmassen der rheinischen Schiefer« gcbirge her, Eisen und Ton wiegen gegenüber dem Kalk vor. Die Menge der in dem Flußlaufe fortbewegten schwebenden Stoffe be- findet sich häufig in Uebereinstimmung mit der jeweiligen Höhe des Pegelstandes: je mehr Waffer in dem Strombett vorhanden ist, um so bedeutender ist in der Regel auch die Menge der mitgeführten Sinkstoffe. Äußerndem, was von letzteren auf die zerreibende Tätig- keit der im Waffer rollenden Gesteine und Sande zu setzen ist, kommen bei rasch einsetzenden Hochwassern auch die Sedimente in Betracht, die, von früheren Hochfluten herrührend, an den Ufern sich abgesetzt haben und nun, dem Flußlaufe wieder ein- verleibt, die außerordentlich hohen Zahlen für die suspendierten Stoffe veranlassen. Aus dem Tierleben. Neue Forschungen über Aal und Flunder. Der dänische Ausschuß für Meeresforschung hat jetzt eine ganze Reihe von Berichten über seine Tätigkeit während des letzten Jahres veröffentlicht und darin namentlich vorzügliches Material über die Entwickelung der Aale und Plattfische geboten. Der dänische Forschungsdampfer„Thor" hatte den Erfolg, bei seinen neuen Formen mehr als 50» Larven des gewöhnlichen Aals zu er- beuten, von denen sich 30 in verschiedenen'Stadien der Umwandlung befanden. Es ist dabei in Rücksicht zu ziehen, daß man noch vor verhältnismäßig kurzer Zeit die Jugendformen des Aals überhaupt nicht kannte. Nach den Untersuchungen dieser Larven befinden sie sich im Monat Mai auf der niedersten Stufe, während sie im September meist bereits in der Umwandlung begriffen sind. Daraus geht hervor, daß sich die Fortpflanzung des Aals, wie eI bei den meisten anderen Fischen der Fall ist, hauptsächlich auf einen bestimmten Teil des Jahres beschränkt. Im September ziehen sich die höher entwickelten Larven auch schon mehr nach der Küste hin, so daß also die Wanderung vom tzohen Meere schon während der Metamorphose einsetzt. So die ersten Jugendformen, wie die so- genannten Glasaale, sind in mehr südlichen Breiten größer als weiter nördlich, doch scheint mit der Entwickelung der ersten Jugend- formen(Leptocephalen) zu den Glasaalen stets ein Gewichtsverlust verbunden zu sein. Die Glasaale haben gewöhnlich nur den dritten Teil des Gewichts der Leptocephalen, aus denen sie hervorgehen; ferner ist jetzt ermittelt worden, daß die Larven des Aals jeden Tag Bewegungen im Meer in der Weise ausführen, daß sie zur Nachtzeit näher an die Oberfläche steigen. An manchen Stellen des Meeres sind diese Larven die häufigste Fischform überhaupt, wahrscheinlich weil diese Meeresräume nach Tiefe, Salzgehalt und Temperatur den Ansprüchen der Aale zum Zweck des Laichens am besten entsprechen. Gänzlich unbekannt sind noch immer die Eier und die laichenden erwachsenen Aale, und man kann nur der- muten, daß die Eier in verhältnismäßig großen Mcerestiefen um- herschwimmen. Immerhin besteht die Hoffnung, daß durch die jetzt mit so großem Eifer betriebenen Untersuchungen auch diese Lücken der Kenntnis zur Ausfüllung gelangen werden. Der sogenannte Eonger ist nach den neuesten Feststellungen eine etwas südlichere Form als der gewöhnliche Aal. Seine Larven gehen nicht über die geographische Breite des Felsens von Rockall im Atlantischen Ozean hinauf, während sich die Larven des gewöhnlichen Aals noch in der Breite der Inselgruppe der Far Oer vorfinden. Die Larven des Aals steigen auch tiefer im Meere hinab. Außerdem ist noch ein Tiefsecal zu unterscheiden, dessen Larven niemals in geringerer Mcerestiefe als 100 Meter angetroffen werden, auch nicht nach der Küste hinwandern. Während der Umwandlung sinken die Larven des Tiefseeals bis zum Meeresboden hinab, wo jetzt voll entwickelte Aale dieser Art in großer Zahl innerhalb eines weiten Raumes des nordöstlichen Atlantischen Ozeans gefunden worden sind. Außerdem gibt es immer noch vier Arten von Aallarven, deren Zugehörigkeit noch nicht sicher festgestellt worden ist. Was die Platt- fische und ihren hauptsächlichsten Vertreter, die Scholle oder Flunder betrifft, so ist durch die dänischen Forschungen namentlich die wichtige und viel umstrittene Frage erörtert worden, ob dieser Fisch in der Ostsee überhaupt heimisch ist. In diesem Meeresteil hatte man lange Zeit weder Eier noch Larven noch die ersten Formen der am Boden lebenden ausgewachsenen Fische finden können, und daraus zieht Dr. Petersen den Schluß, daß die Haupt- masse dieser Fische durch die Belte aus dem südlichen Kattegatt nach der Ostsee einwandere. Nunmehr ist es aber gelungen, eine große Zahl von Eiern und gelegentlich auch einige Larven in dem kälteren und salzigen Waffer der Ostsee zu fangen. Außerdem ist man nun auch im eigentlichen Gebiet der Ostsee großer Mengen einjähriger Fische habhaft geworden. Gegenwärtig ist die For- schung, an der sich auch deutsche Sachverständige wesentlich beteiligt haben, bis zur Erkenntnis der Tatsache gediehen, daß zum mindesten ein großer Teil der in der Ostsee vorkommenden Schollen auch in diesem Meercsgcbiet ursprünglich heimisch ist. Perantwortl. Redakteur: Emil Uugcr, Berlin.— Druck u. Verlag: Vorwärts Buchdruckerei u.VerI«g»anstaIi P aul Singer ScCo..Berlin 5 W.