Mnterhaltungsblatt des Horwärls Nr. 189. Mittwoch, den 29. September. 1909 il Der Hrzt. (Nachdruck verboten.) Von N. Falejew. Deutsch von Werner Peter Larsen. 1. Ueberall war Stille. Sie stand hinter den Türen der Zellen und wehte über die alten Gefängnistreppen, die Stille des großen Hauses: als habe jemand alle Luft aufgefangen und stehe nun da und schweige. Der Kranke erwachte und sah jedesmal, wenn er die Äugen auftat, die weißen Wände und das Leitungsrohr. Den Hals zwickten die Schmerzen, das Lämpchen blendete lind zu den Füßen schimnierte das gelbe Guckauge in der Tür. Es blinzelte, war groß und blöde und schaute unverwandt in die Zelle und zum Fenster, hinter dem die Nacht verblich..-. Als jedoch das Stöhnen bis auf die Gänge drang und Las Gesicht des Kranken sich verzerrte, verschwand das Auge und die Tür sprang auf. Ein Soldat trat ein. berührte die Schulter des Kranken Und flüsterte: „Das geht nicht I Im Gefängnis heißt's— schweigen. In Einzelhaft... wird das bestraft." Aber das Stöhnen nahm nicht ab. Der Mund des Kranken verzog sich, die Zähne schlugen aufeinander und knirschten so laut, daß der Soldat die Lippen zusammen- preßte und die Hände an den Mund drückte. „Das ist einer.-.. Wenn er aufwacht— wird er still, wenn er einschläft— stöhnt er. Das geht nicht.... Hier ist das Gefängnis... Die Brust des Kranken hob sich gewaltsam, die Brauen bebten. „Hören Sie... Herr... Sie sollten sich umdrehen. Sie stöhnen nur, weil Sie schlecht liegen...." Der Kranke öffnete die Augen und sein Gesicht erstarrte gu einer Grimasse. „Was ist die Uhr? Wo bin ich-- „Die dritte Ablösung. Gegen vier." Der Kranke betrachtete den Soldaten, als verstehe er nicht, was er wolle. Der trat verwirrt von einem Fuß auf den anderen, wußte nicht, wie zu gehen und fürchtete sich, zu bleiben. Beide sahen sich in die Augen. „Hier gibt es morgens Pfefferminztee," sagte der Soldat. „Der Arzt hat es befohlen, gegen Krankheiten,.- Sie be- kommen auch welchen. Danach wird es besser.. „Pfefferminz?" „\5Ö.... Erst jetzt erinnerte sich der Soldat, daß er gehen mußte, daß das Sprechen mit den„Politischen" untersagt war. Er hob das Kinn, zog die Brauen zusammen, trat hinweg. „Der Befehl lautet: Schweigen! Hier ist das Ge- jfängnisl" Er verschwand hinter der Tür und sogleich begann das gelbe Auge wieder zu blinzeln und zu forschen, als wolle es eindringen bis ins Gehirn.,.. 2. Dem Kranken ward leichter. Der Schmerz ließ nach.... Wenn er sich nur hätte umsehen können! Hinter ihm war das Fenster, ein kleines, absichtlich hohes Fenster. Aber er war gefesselt von Verbänden, von den Wunden. Er rollte die Augen zurück und sah doch nichts als die Decke, ein graues Gewölbe. Sich nur umsehen können, nur ein Zipfelchen Himmel sehen und nicht immer die Erde mit den blinden Lichtern! Einmal nur die Welten ahnen, wo das Menschliche versiegt, wo keine gelben Augen mehr sind, keine Verbände, keine Schmerzen.... Wen kümmert es. daß auf einem Riesen- körper— der Erde— ein mikroskopisch kleines Wesen liegt und leidet?— Die Leitung braust. Das Wasser fließt. Vor dem Fenster wogt ein Meer von Luft. Es schmerzt wieder. ... Die Zähne knirschen.--. 3. Morgens trat der Feldscher in die Zelle, nach ihm der Aufseher. „Wie hat er geschlafen?" fragte der Feldscher flüsternd. „Phantasiert?" „Geschlafen hat er schlecht. Nachts war er aufgeregt, knirschte mit den Zähnen...." „Nervenzerrüttung l" Der Feldscher beugte sich über das Bett, nahm die Hand und zählte den Puls. Der Kranke schlug die Augen auf und schloß sie wieder« „Schwach ist er.... Von dem Blutverlust... Der Soldat wollte etwas Weiches und Gutes sagen, aber er winkte nur mit der Hand und stand stramm: der Arzt trat in die Zelle. „Jetzt schläft er," sagte der Feldscher«„Aber nachts soll er gestöhnt und phantasiert haben." „So, so.... Das ist nicht gut, gar nicht gut.. Nimm den Verband ab!" Während der Feldscher die Binde von der Hand löste, griff der Arzt sich an die Wange, als habe er Zahnweh und fuhr sich über die Stirn. Die anfangs weiße, dann braune und zum Schluß rote Binde fiel zu Boden und ballte sich zu Füßen des Feldschers zusammen. Er schleuderte sie mit dem Stiefel zur Tür. Der Arzt sah ihr nach, zuckte die Achseln und begann die Wunde zu untersuchen: sie tropfte, man sah die roten Muskelstränge, die Sehnen und den Knochen. Der Kranke stöhnte auf. In seinem Gesicht, in der Augengegend schimmerten blaue Flecks, die blutleeren Lippen preßten sich zusammen. Draußen aber ward es hell und da« durch erschien das ganze untere Gesicht dunkel und tot. Der Arzt untersuchte die Wunde. Inzwischen erwachte das Gefängnis, Stimmen erschallten, Wasser lief durch die Röhren. Stiefel schlürften, man rief und klingelte. Den Blick des Arztes trübten rote Schatten, seine Hände berührten nervös den Kranken. Er stand auf und trat in eine dunkle Ecke. „Leg den Verband an," sagte er zum Feldscher.„Ich kann heute nicht recht." Der Feldscher hockte sich hin und begann langsam die Binde anzulegen. Der Kranke stöhnte laut und dem Arzt war es, als er« bebe irgend etwas in ihm. „Vorsichtig!" Der Feldscher seufzte. „Ins Lazarett müßte er. Er braucht doch Pflege." „Ins Lazarett sagst Du?" Der Arzt dachte nach.„Maß» wird den Direktor bitten müssen...." Erneutes Stöhnen. Der Feldscher ließ die Hände sinken: die Binde hing herab. „Du sollst doch vorsichtiger-. Warum regst Du Dich auf?!" Der Arzt schüttelte den Kopf, trat an das Bett und machte sich selbst an dem Verband zu schaffen. „Immer ruhig bleiben.-. Der Kranke kam nicht zu sich.— Es war bereits völlig Tag: draußen tobte, weiß der Schneesturm. In der Zelle roch es nach scharfen Arzneien..«, '4« Der Feldscher sammelte die Instrumente zusammen und schritt zur Tür. Der Arzt kam hinter ihm, den Kopf ge« senkt, und erst als die Tür ins Schloß schnappte, blieb ey stehen und ein eigentümliches Lächeln zuckte um seine Munt), Winkel. „Wozu ist das?" � „Befehlen—?"'- „Wozu wird da geschlossen, frage ich?" „Die Zellen sind stets zu schließen, ausgenommen in Fällen, wenn—" Der Arzt wußte, was der Aufseher sagen werde, wußte, daß Gesängniszellen dazu da sind, um verschlossen zu werden, und doch unterbrach er ihn: „Aber wozu wird denn jetzt geschlossen?" Der Soldat schwieg. „Also es bleibt zu?" � „Zu Besehl.«. der Vorschrift gemäß..* „Ahl Aber ich muß ihn sehen! Mach auf!" Gelbst nW föifsenS Kozu. trat er von nenem tn die Felle, sah von neuem zwei Schatten an Stelle der Augen, schritt hinaus, horchte auf das Einschnappen der Tür und lächelte. „Also Du meinst ins Lazarett?" fragte der Arzt den Feldscher.„Man wird es dem Direktor sagen müssen." Am Ausgang stand eine lange Reihe Gefangener, die zur Untersuchung gekommen waren. Der Arzt wußte, daß viele von ihnen gekommen waren, nur um das Attest„Krank" zu erhalten, um einen Tag das Bett von der Wand schrauben und schlafen zu können. Das wußte er und verweigerte das Attest nie.,-. Die Reihe stand und wartete. Einige hatten sich entkleidet, die Kittel und die Hemden ausgezogen. Der Arzt setzte sich, schlug das Krankenbuch auf, erhob sich And klappte es wieder zu. „Zieht Euch anl" sagte er, zum Ausgang gehend.„Ich wuß fort, ich komme bald wieder. Die Riegel des Gefängnistores kreischten, die Schlüssel knarrten, der Feldscher rief die Namen auf und dem Arzt war es, als bebe seine Stimme 5.'' � „Lieber Doktor.-., So früh? Ich bin eben erst aufge- standen. Bis zwei Uhr habe ich entwickelt.-.." Der das sprach, war der Direktor des Gefängnisses, ein kleiner Mann, dick und glattrasiert, ein emsiger Amateur- iphotograph. Er stand mitten im Zimmer und streckte dem Arzt die Hände entgegen. „Trinken Sie mit mir Kaffee! Wieso so früh? Guten Tag!" Der Arzt setzte sich, wollte sprechen, begann aber statt dessen die Nase zu reiben. Das schien unnütz und lächerlich, seine Brillengläser blitzten und man konnte knapp die Augen unterscheiden „Ich bin der Meinung-.- wir müssen.-." begann der Arzt.„Müssen ihn ins Lazarett... keine Pflege und ein» geschlossen! Verstehen Sie?— Eingeschlossen!" „Ich verstehe nicht. Von wem sprechen Sie?" „Sie wissen doch,,- Nummer 201. Ich kann ihn unmöglich herstellen..- Der Arzt lachte auf. Er lachte nur mit den Lippen und den Brauen. „Ich bin ein Ignorant..., Was bin ich für ein Arzt?! Hier ist größte Umsicht nötig.«,. Er muß in eine Klinik oder ins Lazarett!" „Hm... daß ich Sie nicht verstehen kann! Wer mutz in die Klinik? Ah, so.-. der— na, was ist er da,." Der Arzt lachte wiederum und wiegte den Kopf. „Das weiß ich nicht. Das geht mich nichts an. Für mich ist er ein Kranker. Meine Sache ist, ihn wieder herzu- stellen." „Wiederherstellen?� „Nun ja." „Wiederherstellen-—?" Der Hauptmann wischte sich die Lippen und lächelte sanft:„Wie ein Student. Ein junger Student..,." Er legte die Hand auf die des Arztes. lächelte wieder und sah ihm in die Augen. „Ein Hofrat und dabei— ein Student! Sie müßten selbst wiederhergestellt werden, wirklich,, Er lachte fröh- sich aus. „Was lachen Sie denn?" schrie der Doktor plötzlich und errötete.„Habe ich eine Dummheit gesagt? Ich sage, wir brauchen einen Chirurgen. Wir sollen uns um die Ge- sangenen kümmern... Und wenn-- „Lieber Doktor, regen Sie sich nicht auf. Gewiß sollen wir das. Und ich lache ja nicht über Sie, sondern einfach... Kommen Sie mit ins Arbeitszimmer, da wird es sich finden." Sie traten in das andere Zimmer, dessen Wände ganz mit Photographien behängt waren. Dort fegte der Bursche die Diele. Der Hauptmaim kramte auf dem Tisch, öffnete die Schubfächer, schloß sie wieder und wurde finster. „Wo ist es hingekommen?" murmelte er.„Andrei, hast Du daS Schriftstück nicht gesehen?" „Ich weiß nicht... In Sachen des—?*_ „Ja, natürlich." „Ich habe es Ihnen gegeben.''> „Dann hätte ich es doch." „Sie waren im Laboratorium, als Man es brachte.-. Ich schob es Ihnen durch die Tür, um das Negativ nicht zu verderben.. „Richtig!� besann sich der HaupsmaM.'„Laus und jfc! es her! Nur vorsichtig mit den Platten-. Der Bursche ging. Der Hauptmann lächelte behäbig und seine Stimme klang sanft und heiter: „Sogleich, mein Lieber, werden wir es lesen und alles wird gut sein. Dann werden wir nicht mehr streiten." Der Bursche brachte einen Wisch Papier. Ueber die ganze Fläche zog sich ein schmutziger Streifen, die Ecken waren zer-! knüllt und verbogen. „Ach." sagte der Hauptmann, als wolle er vor Kummer weinen,„es ist also richtig mit dem Entwickler begossen! Daß man mir nie wieder Papiere ins Laboratorium bringt! Weiß der Teufel! Immer zur verkehrten Zeit.., Wer ist hastbar« wenn Sie verloren gchen? Ich? Hinaus!" Er glättete das Papier, seufzte und winkte den Arzt heran« „Lesen Sie. aber aufmerksam!" Der Arzt überflog das Papier, seine Hände erzitterten und vor die Augen traten wiederum rote Schatten. Er be- trachtete den Wisch, drehte ihn in den Händen, starrte auf die flüchtigen Unterschriften mit und ohne Schnörkel— das zerknüllte Papier aber war stärker als er. Es nahm ihm die Kraft. „Werden wir uns noch streiten?" Der Arzt flüsterte irgend etwas, der Hauptmann winkte ab und im Zimmer ward es still, seltsam still. „Also ist morgen das Gericht?" „Wie Sie sehen!" „Ihn richten? Morgen?'' „So ist's befohlen!" Der Hauptmann zuckte die Achfelm „Feldgericht..." „Wenn nun aber—" Der Arzt trat dicht an den Hauptmann heran und sah ihm in die Äugen.... „Wenn er nun morgen.,. stirbt? Werden Sie ihn dann auch richten?" Der Hauptmann wandte sich ab. Er sah zur Decke, der- suchte zu lächeln, zog aber nur die Brauen zusammen. „Entschuldigen Sie... Ich richte überhaupt nie, manden. Ich führe nur Befehle aus.". (Fortsetzung folgt.) Lyrifchc Bücher, L Wenn man über ein Gebinde neuer lyrischer Bücher, die kritisch durchmustert sein wollen. Hinschaut und auf den Namen Liliencron stützt, so greift man zu und nimmt den Band heraus, und wenn man mich weiß, daß er schon seit Jahr und Tag auf den Bücher- tischen liegt und daß man ihn auch schon kennt wie den besten Freund, also vermeintlich Blatt um Blatt. Aber es gibt Wege, die man hundertmal gegangen ist und noch viele Male wieder gehen wird, immer wenn Gelegenheit und Möglichkeit fich findet.»Täglich nach der ersten Arbeit mach ich meinen Feldspaziergang"— ja, dieser Band Ausgewählte Gedichte von Lilieneron, das ist auch so ein Feld zu täglichem Spazierengehen, wo die wunderlichsten GelegenheitSfreuden vom Wegs aufzulesen sind. Und Freuden find doch waS verteufelt Ernstes. Wir find doch geboren, auf datz wir kosten sollen, waS da? Leben an Schönheit bereit hält. Und ohne die Kraft zur Freude läßt fich nur mit halber Kraft kämpfen, wo das Leben knausert. Ader das ist es gerade: Freude lernt fich bei Liliencron. er ist ein umgriinter und umblühter Auslug in alles Herrliche, das sich der Wirklichkeit abfehuen, abträmnen und abgewinnen läßt. Sein Dichter wirkt als kernig draufgehender Erzieher, es ist ohne fade Umwege, von zopfiger Aengstlichkeit lebt da nichts, es weckt gesteigertes Lebens» gefühl, weckt die Krnist, den Augenblick frisch zu ergreifen und immer im Genießen stark zu bleiben und zu er- starken. Sein Genießen zeugt kein Ermatten, sondern steigert Willenskraft und Empfänglichkeit für das Lebenswerk. Und wie fein Dichten selber nicht nur auS Erlebtem, sondern auch aus dem Ersehnen heraus aufquoll, so kann es nun bei denen, die Gedichte recht aufzusaugen verstehen, auch das wichtigste innere Bedürfnis des Lebens großziehen: die Kulwrkust des GenießenwollenS. SBcil'S nun von den Ausgewählten Gedichten Liliencrons eine B o l k S- a u S g a b e gibt, die nur 2 M. kostet(Schuster u. Loeffler, Berlins, so ist der Weg immerhin für große neue Scharen gangbar geworden, die auf frischem Feldspaziergang einmal recht aufatmen möchten. Daß Liliencron stch zu dieser Volksausgabe entschloß, das gehört zu seinem Charakterbilde. Auch der deutsche Arbeiter wird's ihm von Jahr zu Jahr mehr danken. Zwiefach begnadet war Liliencron: DaS schauende Erleben war ihm reich gegeben und dazu die Kunst, das Eflchaute dichterisch so nachzugestalten, daß wir fühlen löunen, wie sein Erlebnis als Erscheinung imd Vorgang und wie sein personliches Erleben war. Er hat also auch als Gestalter eine seltene Höhe erreicht. Den Dingen, die seine Dichterschast reizten, hat er ein Recht auf ein Eigenleben auch ein Gedicht eingeräumt. Er fühlte den Dingen ihren eigenen Rhythmus ab, und diese Eigenschaft erhob ihn weit über viele andere für die Eindrücke der Außenwelt stark empfängliche Dichternaturen, die neben ihm schufen und deren rhythmisches Empfinden nicht aus fich heraus konnte. Auch der mit wundersamer Innigkeit den Reichtum aller Natur durchlebende Maximilian Dautheudey gehört zu den rhythmisch Beengten. Er ist einer der Lyriker der neunziger Jahre und gerade jetzt steht sein Schaffen in reicher Blüte: Buch um'Buch schickt er auZ. Ein lauschender Liedplcwderer ist er. WaZ er sagt und darstellt, klingt immer wie abgelesen aus der Natur. Er sieht und hört das feinste Geschehen, erspürt die geheime Mufik, die überall webt und tönt und im Frühlingsdrängen ein tausendfälliges Getön der Liebe ist, und empfindet das Erschaute und Erlauschte in höchst verfeinerter seelischer Kultur immer als Gleichnis menschlichen LebenZerfahrenS. Das führt seinen Blick „tiefer ins Leben hinein, denn vieles, was wir empfinden, ist in seiner Größe und Besonderhett nur mit der Sprache deS in der Natur erlebten GleichniffeS auszusagen und zu bezeichnen. Man kann sagen, das Leben, das in diesem Dichter nach Ausdruck der- langt, hole fich seine Sprache aus dem unendlich seinen Bewegen der Natur. Es ist kein Zufall, daß Dautheudey der Dichter des heimlichen, dem Auge verborgenen Reims ist, den man nicht ficht, weil das Reimwort oft mitten in der Zeile steht, und deffen tönendes, erlöfend-zusammenschlietzendeS Wirken man doch verspürt. In Dauthendeys Gedichten richten sich unkörperliche Dinge plötzlich mit körperlichen Eigenschaften seltsam bedeutungsvoll auf. Das gibt manchem Gedichte einen visionären Zug; man denkt an Mombert, aber mrr wehenden Saumes streift Dautheudey in dieses kosmisch-visionären Dichters Reich, er ist gegen ihn bodenständig durchaus, in nichts der grünenden Erde ent- hoben. Ein liebliches Frühlingsbuch ist der Band Gedichte, den Dautheudey nach Walter von der Vogelweides Susamgärtlein in Würzbmg genannt hat(Axel Junkers Verlag, Stuttgarts. FrühlingSlieder auS Franken nennt eine Nebenzeile sie, und es ist ein Buch, in dem der Frühling vom ersten Keimregen an bis zur Johannisfeuernacht seine Wunder wirkt, überreich an Schönheit, namentlich an Einzelschönheit, aber auch an Gedichten, die als Ganzes schön sind, so reich, daß das Buch nur in langsamem Schlürfen genofien werden kann. Immer ist eine einzelne Zeile des Gedichts als Ueberschrist herausgehoben, und die Ueberfchrrften für sich lesen sich als ein seliges Lenztagebuch, das ein beglückt fchguender Dichter schrieb. Rythmisch freilich hält die Lyrik dieses Buches fich allzusehr in immer derselben Tonart.! Dautheudey plaudert'nur imd ist darin ein Meister geworden, der in seiner Plauderrhythmik auch mächtige Vorgänge der Natur heran- zuführen weiß. Er ist allem, dem Lauten wie dem Leisen, hin- gegeben, aber er zwingt's dem, der ihm zuhört, nicht blitzschnell ins Blut. Man muß sehr laufchen können, sonst dringt's nicht ein. aber es ist wert, daß man's dem Blute heranholt. Das Lufamgärtkein ist trotz seiner rhythmischen Eintönigkeit ein neues und einzig schönes Buch des Frühlings und der Liebe, eine Schatzmehrung der deutschen lyrischen Dichtung. Zu den lyrischen Hoffnungen um die Wende des letzten Jahr- Hunderts gehörte Margarete Beutler. Im Kreise der Kommenden um Jacobowsti wurde sie zuerst gesehen. Aber sie gibt nur spärlich von ihrem Schaffen in die Oeffentlichkcit. Dem ersten Bande Gedichte, der vor Jahren erschien und durch seinen starken sozialen Einschlag auch in Arbeiterkreisen wirkte, ist setzt ein Band Neue Gedichte sCasfierer, Berlin) gefolgt. Bezeichnend setzt er ein mit dem Spruch von Omar Chijam:„Allein was Hilft'S: Wie Gott mir gab das Sein, so bin ich." Kraft, Beftimnnhcit, klarer Klang ist ihr Lied wie ihr Wesen. Sie will deutlich sein und stark. Zartes lyrisches Gesäusel ist ganz imd gar nicht ihre Lust. Scharfe Umriß- linicn, kräftig herausgearbeiteter Bildmhall, klug pointierende Be» leuchtungen find die Merkmale ihrer Dichterart. Sie weiß, daß sie mit dem Durchschnitt nichts gemein hat, und so ist sie ernsthafte Bekennerin, die sich durch mutiges Bekennen das Gefühl erobert, sie dringe vorwärts zu befreiteren Lebenshöhen. Sie hat viel Gegner. fühlt fich von Widersachern umgeben, hat zur Abwehr eine gutgeschärste Satire, verlacht und brüskiert den Philister und auch den Nicht- Philister, wenn sie ihm hinter die B orhänge geguckt und ihn in seiner Schwäche erkaimt hat. Schlimme Literaien-Epigramme wie die auf Frank Wedekind und Kurt Aram stehen neben wonnig durchgeführten längeren Spritzgüssen bohemienner Satire, wie dem Erlebnis aus dem Cafö Größenwahn und dem Gedicht von der literarischen Kegelbahn. Naturen wie Margarete Beutler ist es nicht gegeben, dauernd in einem Menschenkreise festzuwurzeln. Ihre Wurzeln wandern: im nächsten Lenz werden sie über das Sttick Boden hinaus sein, das sie heute mit Leben beglückte. So macht auch dieses Buch den Eindruck von Abwelken und Reuwnchs in den Lebensbeziehimgen und im Lebensverlangen. Manchmal auch wieder scheint's, als hänge die Dichterin zu sehr in Menschen- kreisen fest, die unterhalb des FeldeS ihrer Wirkensmöglichkeit fiedeln. Menschen von ihrer Kraft und Eigenart können sich hohe Aufgaben stellen. Und sie fühlt sich durchaus als Eigene und hat das Sonnen- gefühl reinen Adels der Natur.»Ins Licht gebannt und in die Nacht verloren."»Bald pflanzenzart und bald voll Gotteskraft." Solche Selbstschau ist auS ihrem weibgeschkechtlichen Triebleben heran» gewonnen. Ihre Art hat nymphomane Züge, und sie hat's ja auch genug erlebt, daß bürgerfrauliche Ehrbarkeit sich vor ihr bekreuzte. Sie taucht in viele Dinge ein, die wohl die Masse der Frauen scheut, aber ihre Liebesopfer, wie sie's nennt, ziehen sie nickit in den Schlamm hinab, sie geben ihr Läuterungen. Ihre Erotik ist ganz ohne Lüsternheit, man darf Magarete Beutler nicht in der Sphäre der Cypros-Sängerin vermuten. Ihre sexuelle Sucht gibt sich als höchste Lebeusfteude. Und auch als Selbsitreue. „Ich kenne niemand, dem ich Treue hielt, weil ich mir selber Treue halten wollte." Ihre Frauenlyrik, die den weichen, gefährlichen, die Persönlichkeit tötenden Femininismus nicht kennt, ist durchwirkt von Gedankengefühlen, die mit stolzer Lust die trotzig angeeignete Selbst- bestnnmung des WeibeS auch in Liebesdingen durchkosten. Die Märthrerrolle des Weibes, das doch der Wurzelgrund alles neuen Lebens ist, soll ausgespielt sein. Sklavin oder Herrin, so steht das Entweder— Oder im Liebesleben. Die Dichterin ist also in Kampsstellung. Sie will nicht bloß Liebesfreiheit, die Liebe soll auch nicht Knechtschaft bringen für das Weib. So flackert oft Mannesfeindschaft auf und überloht die stachligen Verse gegen die Zottelgreise und Marabus und Impotenten und Prüden beiderlei Geschlechts. Sie ist todfeind dem Ehebett und zugleich voll starker gesunder Muttergefühle. Auch Mutterschaft soll Willenstat sein und ko kann in gesunden Naturen ungewollte Schwangerschaft dunkle Gramgefühle auslösen. Die Gedichte„An meinen Sohn" und »Wandlung" sind ergreifend und voll herben Ernstes: Natur, du Törichte k— Nimm diese Bürde, Die Frucht, die ohne Segen schwillt und Glück, Die ich hinschleppe ohne Mutterwürde, Eh' fie ins Leben reift!— Nimm sie zurück! Und noch em zweites Buch Frauenlyrik: Gedichte eines Mädchens, dem der Tod vor zehn Jahren die Lebenssehnsüchte aus- löschte. Aus dem kleinen Büchlein„Passtfloren", das Ausgangs der neunziger Jahre die Gedichte der jungen todkranken Bernerin Gert- rnd Pfander erstmals bekannt machte, ist nun ein rechter Band geworden. Karl Henckell, der damals der Dichterin Wegbereiter war, ist auch diesmal Ivieder der Führer. Eine nicht geringe Zahl in dem Pasfifloren-Bmrdcken noch nicht gedruckter Gedichte konnte er der Sammlung hinznfiigen, schöne, blutvolle Schöpfungen, und vor allem auch ist nun Biographi'chrs beigegeben, von einer Art, die Charakterbild und Schicksal dieser jungen Dichterin lebendig der- gegenwärtigt. Das verdient Dank. Denn Gertrud Pfänder ist ein Geschöpf, deffen Leben Anteil fordert und verdient, nicht weil ihr Schicksal Mitleid gebeut, sondern weil ihre persönliche Art stark cm- zieht. Mitten in den Jahren, die im Menschen daS höchste Lebensverlangen erblühen lassen, wird der Tod ihr Begleiter. Er fällt sie nicht mit raschem Schlage, sondern schreitet neben ihr und gibt ihr die Gewißheit, daß sie bald hinsinken wird. So geht unabwend- liches Todesnahen imd glühende Lebensbegier Hand in Hand, aber nicht ein klagend-schwermütiges Geschöpf ist das Ergebnis, sondern ein Mensch, der„bis ans Ende imerschrocken der Seele stolze Kraft bewahrt". Und der mm auch die Dicbterkrast hat, von dieser Herr- lichen Art der Seele so zu zeugen, daß jeder fühlen muß, was sie als Erscheinung des Lebens bedeutet hat. Die Gruppe Gedichte „Unter der Ottobersonne", die durch diesen Band erstmals bekannt wird, ist an wundervollen Stücken reich. Zumal die vier Gedichte.Henngang" eine Totenwache der Seele, sind von einziger Schönheit, ergreifend in ihrer Kraft, mächtig aufrichtend im An- gencht des Todes. Einmal hat Gertrud Pfander ihr Dichten selbst gekennzeichnet:„Trotz dem erhellten, ruhigen Antlitz hat meine Muse immer ein schwarzes Schleppkleid an. Es wird immer seltsam und Halbdunkel, ohne Trauer oder Miserere.. Das Wort hat den Titel des Buches veranlaßt: Helldunkel, und man mag dieses Wort mit dem Ton auf der ersten Silbe lesen: denn das erhellte, todgetroste Antlitz kämpft sich immer deutlicher ans�dem Schrnerzdimkel vor, je mehr man aus den Gedichten und Briefworten das Wesen der Dichterin heransgewinnt. Stille starrt und Dunkelheit Mir zu Häupten, mir zu Füßen, Schwergetroffeu, totbereit Werd' ich lang noch siechen müsse», Doch in meines Geistes Rächt Immer wieder, immer wieder In betörend heiliger Pracht Klingen deine gauberlieder. Weil jene Bricfworte tiefer einfiihren in das Wesen der tod- bewußten Dicknerin, die dem Leben, seine Größe und Herrlich left selig in fich fühlend, jubelnde LebenSIieder singt, deshalb hoffentlich wird den, Herausgeber überall Dank werden für die Beigabe der Stellen ans Briefen Getrund Pfanders. Auch für die kurze Selbst- biographie der Dichterin, zu der als Ueberschrist das Brieswort paffen würde:„Meine Lehrerin ist das Leben und zwar meistenteils daS unglückliche Leben". Die Lehrerin ihrer Dichter» schaft nämlich. Henckell Hot diese Selbstbiographie ergänzen können, so daß man nun auch erfährt, wie sich da» besondere Wesen der Dichterin in den Kinderjahren eigen- artig ausdrückte. Gertrud Pfander war unehelicher Geburt, und ihre bürgerliche Verwandtschaft hat„ihr unregelrechtes Auftrete» im Zivilregister" schwer an ihr geahndet. Ihre junge Zeit war voll Druck und Dunkel, und schNeßNch litt sie das Unerträgliche nicht länger und ging nach England, um als Lehrerin ihr Brot zu der- dienen. Dort nun fiel die Auszehrung über sie und fortan sinkt ihr Leben in schweizerischen Heilasylen dahin. Im Alter von 534 Jahren sie ist 18S8 gestorben. Ihre Selbstbiographie, zwei Jahre vor dem Tode geschrieben, schlotz mit den Worten:„Auch warte ich noch auf ein großes Glück, denn der Durst ist noch nicht gelöscht. Und weil ich das meinen lieben Freunden in Versen erzählt habe, bin ich ein Dichter geworden." In der SSweiz hat sich Gertrud Pfander schnell mit dem ersten Büchlein ihren Boden erobert, und manch glückliche Stunde hat sie daraus gecrntet. Das neue Buch, das also die Pasfifloren-Gedichte mit enthält, bringt der Toten hoffentlich auch in den anderen Landen deutscher Zunge die Liebe, die ihr Dichten verdient, ihre stolze Freude an Gcistesfreiheit, an der„gewaltigen Allverllärung des Gedichtes" und ihre seltsam glutvolle Dichter- religiosität, die ihrem Innern den starken Halt der letzten Lebens- jähre gibt. Henckell und die Seinen sind ihr in dieser Zeit liebevolle Freunde de» Herzens und sorgliche Führer und Nährer de? Geistes gewesen. Die Briefe zeugen davon. Aber auch die Gedichte. So, wenn solche Worte darin aufleuchten: O wie lieblich auf den Bergen Geht der Fuß der Friedensboten... Welch' ein Wandern der Nationen Nach den Höh'n, den morgenroten. Ein paar Nummern der Zeitschrift„C h a r o n" schauen au? dem Musterungshaufrn hervor. Seil fünf Jahren erscheint dies Organ als Sammelblatt für die lyrische Arbeit einer„Berliner Dichter- schule", wie der Herausgeber Otto zur Linde die Mitarbeiter zu- sainmenfassend nennt. Ich sehe die roten Hefte immer mit Interesse an. Ist auch gar sehr oft auf diesen Blättern ein Gedicht noch kein starkes Kunstwerk, so kommt man doch in den dichtenden Menschen hinein. Vielleicht darf man ihn sogar sehr gering nennen, den Er- trag an Gedichten, die aus zwingendem Kunstdrängen der Psyche so in Vollendung heraufgehoben sind, daß sie andere Seelen ergreifen und festhalten können. Und doch: hier ist Heimbode». Man sieht Wurzeln und Wiirzelchen in gesunder umhertastender Lebens- tätigkeit. Man fühlt Rhythmus,' fühlt wie groß die Möglichkeiten find, rhythmisch zu sagen, was die Seele erfüllt, wie der Rhythmus im Grunde etwas Natürliches ist und in natürlicher, von Gedanken- gefühlen frei bedingter Bewegung einen erstaunlichen Reichtum an sprechender Ausdruckskraft erweisen kann. So setzt der Charon in stillem Kreiseziehen die alte naturalistische Arbeit fort, die einst für revolutionär galt: durch das Erlauschen der Sprache umnittelbar an ihrem Quell aus der Seele herauf den natürlichen Rhythmus jedes Einzelgefühls und auch den einfachsten, aber ergreifend auf- hellenden sprachlichen Ausdruck dafür zu gewinnen. Kleines f eisületon» Meteorologisches. Ein neuer Regenmesser. Die Messung des Regens, (die man für besonders einfach halten sollte, ist eine der schwierig- fiten Aufgaben für die Meteorologie, und sie haben sich viel den tKopf darüber zerbrochen, einen wirklich tadellosen Apparat zu diesem Zwecke zu erfinden. Wenn man irgendein Gefäß ins Freie ftellt, so wird der Inhalt an Wasser nach einem Regenfall freilich «ungefähr angeben, wieviel Millimeter Regen niedergegangen sind. Wie Größe des Gefäßes spielt dabei theoretisch keine Rolle, weil es eben nur auf die Höhe des Wasserstandes ankommt, der selbst- verständlich an sich der gleiche ist, gleichviel ob als Gefäß eine kleine Schale oder ein großer Waschbottich gewählt wird. Die tatsächlichen «Erfahrungen aber haben gelehrt, daß weder die Form noch die Größe eines solchen für Regemneflungen bestimmten Gefäßes Gleichgültig ist, und man hat unsäglich viel daran herumprobiert, Sfcie besten Verhältnisse ausfindig zu machen. Ist das Gefäß zu eng und tief, so könnten Regentropfen, die vom Wind in schräger Rich- ihmg getrieben werden, den Eingang verfehlen; ist es wiederum gu flach und weit, so kann ein starker Wind Wasser, das sich schon «gesammelt hatte, hinauswehen. Außerdem muß der Ort, an dem ein Regenmesser aufgestellt wird, mit sorgfältiger Rücksicht auf alle möglichen Umstände ausgesucht werden, damit nicht das Ergebnis «durch Zufälligkeiten beeinflußt wird. Sind all diese Aufgaben in befriedigender Weise gelöst, was eben heute noch kaum behauptet tverden kann, so tritt noch ein weiterer Wunsch hervor, nämlich «die Regenmenge sofort bei ihrem Niedergang zu messen, und zwar ohne Zutun des Menschen. Für alle andern wichtigen Elemente ider Witterung, namentlich sowohl für die Wärme wie für den «Luftdruck, gibt es jetzt ausgezeichnete selbsttätige Apparate,"die «durch die Einrichtung der Wettersäulcn auch den meisten Laien bekannt geworden sind. Diese bewirken die Aufzeichnung des Ganges der Temperatur oder des Luftdrucks durch einen Schreib- pift, der über ein Blatt hingleitet. Das Blatt ist gewöhnlich auf eine runde, durch ein Uhrwerk gedrehte Trommel aufgespannt und zeigt ein Netz von senkrechten und wagcrechten Linien, von denen jene die Zeit, diese die Höhe in Tempcraturgraden bezw. in Milli- meiern des Barometerstandes anzeigen. Gleiches hat man selbst- verständlich auch für die Rcgenmessung angestrebt, und derzenige Forscher, der unter den deutschen Fachleuten für die? Gebiet der Meteorologie am meisten geleistet hat, der unlängst als Direktor des Meteorologischen Instituts in Potsdam verstorbene Professor Sprung, hatte auch cmen solchen Regenmesser konstruiert. Das eingebende Regenwasser fällt dabei auf ein schaufelartiges Gefäß, das sich von selbst nach unten entleert, wenn es bis zu einer ge- wissen Höhe gefüllt ist. Die dabei vor sich gehende Bewegung des Gefäßes setzt einen Schreibstift in Bewegung. Diese sinnreiche Anordnung hat sich jedoch in der Praxis nur bedingt bewährt, auch war der Apparat ziemlich kostspielig. Jetzt ist nach der„Nature" ein neuer Regenmesser erfunden worden, der den Vorteil großer Einfachheit und eines zuverlässigen Betriebes besitzt. Die einzig beweglichen Teile daran sind die Uhrtrommel, der Schwimmer, der Schreibstift. Der Schwimmer faßt 4zh Zoll Regenhöhe, ein Betrag, der an einem Tage nur sehr selten erreicht und faßt nie überschritten wird. Wenn das alte Problem eines zuverlässigen Regenmessers durch diesen Apparat, der übrigens auch noch immer- hin 140 M. kostet, endlich gelöst sein sollte, so würde die Witte- rungskunde großen Vorteil davon haben. Aus dem Gebiete der Chemie. Wohlriechende ätherische Oele. Von den im Pflanzenreiche vorkommenden Stoffen spielen die ätherischen Oele keine geringe Rolle. Dem Laien in reinem Zustande meistens un- bekannt, werden die Oele jedoch auch von ihm zu vielerlei Zwecken verwandt, indem er nämlich den das Oel enthaltenden Pflanzen- teil in Gebrauch nimmt. Es gibt ganze Pflanzenfamilien, deren Vertreter fast alle ätherisches Oel enthalten, sei es in der Wurzel, der Rinde, den Blättern, Blüten, Früchten usw. Der Säugling, zu dessen erstem Getränk in vielen Gegenden Fenchel oder Kamille gehören, hat die wohltätige Wirkung dem in diesen Pflanzen ent- haltenden Oele zu verdanken. Unsere Großmütter, die Thymian und Lavendel in ihre Wäscheladen taten, wollten die wohlriechenden Oele dieser Pflanzen in der Wäsche konservieren. Die Hausfrau, die irgcndeins der zahlreichen Küchcngewürze anwendet, der Wurst- fabrikant, der Bäcker, der Destillateur und Apotheker, sie alle be- nutzen solche aromatischen Pflanzen und Pflanzenteile, die eben durch ihr Aroma einen gewissen Gehalt an ätherischem Oele doku- mentieren. Dieses Oel ist in manchen Samen bezw. Früchten, wie: AniS, Kümmel, Fenchel, Petersiliensamen in kleinen regcl- mäßig angeordneten Oelstriemen— schon in schwacher Vergröße- rung sichtbar— verteilt; andere Pflanzen enthalten das Oel in den Blättern, von denen Salbei, Pfefferminze, Rosmarin, Melksse genannt seien; Lawendel, Rosen, Kamille beherbergen das Oel in den Blüten; Baldrian in der Wurzel, Zimt in der Rinde, Zitrone, Orange, Apfelsine in der Schale; Thymian, Feldkümmel, Beifuß, Wermut im ganzen Kraute. Es ist eigentümlich, daß es nicht die Tropen sind, die nur ölhaltige Pflanzen hervorbringen, und daß diese in ihrem äußern Habitus bescheiden sind und nicht besonders auffallen. Die prächtigen großen Schaugebilde, d. i. Blüten der Tropenpflanzen duften nur in verhältnismäßig geringer Anzahl, während Europa— hauptsächlich die Mittelmcerländcr— aber auch unsere nördlicheren Gegenden die meisten aromatischen Pflanzcnfamilien hervorbringen. Daß allerdings die große Diasse von Tropenpflanzen die„Gewürze" liefern, ist ja bekannt.— Die Bezeichnung als ätherische Oele besitzen diese Pflanzenprodukte, weil sie in Aether— daneben noch in anderen Flüssigkeiten, wie Alkohol, Chloroform, Benzol usw.— löslich und auch gleich dem Aether flüchtig sind. Aether ist bekanntlich die leicht bewegliche Flüssigkeit, die sehr schnell verdunstet, von uns in der Jugend zum Tüten der Schmetterlinge benutzt wurde und noch wird und den charakteristischen Geruch der bekannte Hoffmannstropfen abgibt. Ganz so flüchtig wie der Aether sind die ätherischen Oele nun allerdings nicht; in kleinen Mengen— etwa tropfenweise— verdunsten wohl die meisten von ihnen, in größerer Menge offen- stehend sich selbst überlassen, nehmen sie Sauerstoff aus der Lust an, verharzen dadurch, werden dick, dunkel, nicht mehr angenehm duftend, kurz sie sind nicht mehr das ursprüngliche Produkt. Die Begriffe: ätyerisch und wohlriechend brauchen nicht zusammen- gehören, wenn es auch allerdings feststeht, daß die meisten äthe- rischen Oele auch wohlriechend sind. Darin beruht ja eben ihr Verwendungszweck. Ihre Darstellung geschieht mit ganz geringen Ausnahmen durch Destillation der ätherischen Pflanzenteile mittels heißer gespannter Wasserdämpfe. Diese reißen das Oel gewisser- maßen heraus, führen es mit sich und setzen es nach der Abkühlung auf der Oberfläche ab, von wo es abgeschöpft wird. Manche Oele, wie das in den Schalen der Zitronen, Orangen, Bergamotten be- findliche, wird durch direktes Ausdrücken gewonnen. In welcher Weise die Bildung des Oeles in den Pflanzen im botanischen Simne vor sich geht, darüber ist man sich noch nicht einig. Der Chemiker weiß schon näheres darüber. Trotzdem die chemische innere Konstitution dieser Oele eine sehr komplizierte ist, hat man einzelne Gruppen unterscheiden und alle Oele in die eine oder andere Gruppe unterbringen können. Es interessiert hier nicht die Aufzählung der einzelnen Gruppen; ob sauerstoffhaltig oder -frei, terpenhaltig usw. Mit den von ihnen sonst ganz verschiedenen fetten Oelcn haben die ätherischen Oele das gemeinsam, daß sie auch einen Fettfleck geben, der allerdings, entsprechend der Flüssig- keit, bald verschwindet. Auf weitere Unterschiede, die zwischen den fetten und ätherischen Oelen bestehen, soll hier nicht weiter eingc- gangen werden. verantwortl. Redakteur: Hans Weber, Berlin.— Druck u. Verlag: Vorwärts Buchbruckerei u.Verlagsanstalt Paul Singer&Eo..S8etünSW.