NnterhallMgsblalt des Horwärls Nr. 190. Donnerstag, den 30. September. 1909 (Nachdruck verboten.) 21 Der Hrzt. Von N. F a l e j e w. Deutsch von Werner Peter Larsen. „Befehle?!" Der Arzt durchmaß das Zimmer.„Wenn ich Ihnen aber sage, offiziell sage, daß er dem Gericht nicht beiwohnen kann? Wenn ich eine Meldung einreiche? Was dann?" „Aeh,." brummte der Hauptmann.„Was heißt da Meldung... Komisch! Sie haben überhaupt kein Recht, zu wissen, daß das Gericht stattfindet. Das Schriftstück ist. wie Sie sehen, vertraulich. Darüber steht es: vertraulich. Sie werden doch nicht aus unserem, nun... privaten, in- offiziellen Gespräch einen Skandal machen?" Der Arzt fuhr fort umherzuwandern. Manchmal machte er am Fenster Halt, rieb sich die Stirn und schwieg. „Man soll sich nicht aufregen," sagte der Hauptmann. „Man soll sich nicht... Was kann man denn tun?" „Ich möchte nur.. sagte der Arzt und sah über die Brille... möchte nur wissen, zu welchem Gericht Sie ihn schleppen wollen? Er kann sich ja nicht mal rühren..." „Ei. wie unaufmerksam! Was steht hier unten? Das Gericht wird im Gefängnis tagen." Man braucht ihn also nirgends hinzuschleppen... Ich denke sogar in seiner Zelle, ah? Es geht doch? Um so mehr, als es das Feldgericht ist..." Beide schwiegen. „Alles—?" fragte der Arzt. „Alles!" „Und man wird ihn richten?" „Nun, gewiß!" „Wir brauchen ihn also nicht zu pflegen?" „Wozu pflegen?" Der Arzt schritt Hanaus. Hinter sich hörte er den Haupt- mann sagen: „Eine schwere Zeit! Eine fatale Zeit!- �." 6. Der Arzt blieb stehen. Er erinnerte sich, daß die Ge- fangcncn auf ihn warteten, daß viele ein Attest wollten. So ganz in der Nähe des Gefängnisses empfand er plötzlich das Grauen des nahenden Todes, und es durchschauerte ihn. Die zwei Flecken unter den Augen, die zerknüllte Binde,— das alles war ganz nahe, nur wenige Schritte entfernt... „Väterchen!... Väterchen Johann!�.." rief der Arzt. „Gehen Sie ins Gefängnis? Kommen Sie..." Väterchen Johann— ein junger Mensch in einem weiten Mantel— blieb stehen, nahm die Mütze ab und glich mit den langen Priesterhaaren einer großen plumpen Frau. „Ins Gefängnis!" sagte er.„Ein Gefangener hat meiner Frau ein Plättbrett gemacht. Sie schickt mich nun nachzu- sehen..." „Das ist sehr gut." sagte der Arzt.„Wir wollen zu- sammen gehen. Ich brauche dringend Ihre Hilfe..." „Nämlich?" „Kommen Sie!" Sie werden selbst sehen... Wissen Sie's denn nicht? Gestern haben sie einen eingeliefert, der ... Haben Sie nicht die Morgenzeitung gelesen?" „Wir sind erst um vier ins Bett gekommen. Ich habe acht Rubel verspielt... Meine Frau schimpft.-." Er lachte. „So. so... Ja. also ich sage, man hat einen jungen Menschen gebracht... Und morgen wird man hier— verstehen Sic. Väterchen?— sozusagen vor unseren Fenstern..." Der Arzt beugte sich zum Ohr des Priesters und flüsterte etwas. Der blieb stehen, zog die Hände aus den Taschen und ließ sie herabhängen. Ueber sein Gesicht flog ein Zug des Entsetzens. „Gott, erbarme dich! Hier?!" „Ich komme soeben vom Direktor... „Dann ist es vielleicht derselbe, der die Bombe gc schleudert hat—" „Ja, ganz verstümmelt ist er. Der Hals lauter Wunden und an der Hand ist der Knochen bloßgelegt. Alles abgefetzt. In einer Droschke haben sie ihn gebracht." Der Priester nahm die Mütze ab, bekreuzte sich und setzte sie wieder auf. „Wir müssen zusammenwirken," fuhr der Arzt fort.„ES durchsetzen, daß das Gericht vertagt wird.... bis er wieder- hergestellt ist... Ja, bis zur Wiederherstellung.-- „Wozu denn?" fragte der Priester.„Was kann ich aus- richten, wenn schon alles beschlossen ist? Und Sie... Wie kann man sich denn so über Menschen lustig machen?! Sie erst pflegen und dann—" Er winkte heftig ab. „Nun gehe ich auch nicht nach dem Plättbrett! Nun gehe ich nach Ha sie." „Väterchen! So warten Sie doch.-, Ist denn das christlich?" „Wie-?" Der Priester blieb stehen, seine Augen blitzten, und für einen Augenblick schien es dem Arzt, als wolle er auf ihn ein- schlagen. Die Furcht entstellte das Gesicht des Priesters und er wollte sie nicht verbergen, weder vor dem Arzt, noch vor sonst jemandem auf der Welt. „Ich erkläre Ihnen-.., ich will Ihnen nur erklären.-..," flüsterte der Arzt.„Wir reichen die Meldung zusammen ein, Sie— als Geistlicher, ich— als Arzt. Eine einfache Meldung >. Dann können sie ihn nicht aburteilen und..." Der Priester duckte sich, blickte sich um, starrte in das Gesicht des ArzteL und flüsterte: „Sie sind toll!" Hastend und stolpernd eilte er heim. Der Arzt sah ihm nach, sah über den Hof. wo die Mäntel der Soldaten dunkelten— graue Gesichter— graue Gewehre— alles grau wie der Himmel darüber „Soldaten? Wozu?" Niemand antwortete. Die Mäntel stampften vorbei. jemand koinmandierte„Halt!", dann„Richtet Euch!"— und die grauen Gesichter wandten sich dem Arzt drohend zu... 7. Die Kanzlei war vollgespicen und vollgeraucht. Die Schreibmaschine prasselte, als stürzten Erbsen aus ihr hervor, die Luft war grau von Ausdünstungen und Atem. „Die Meldung reiche ich doch ein... Ich reiche sie eben alleine ein...," dachte der Arzt.„Wie dem auch sei..." Der Beamte begrüßte den Arzt nachlässig und schrieb weiter. Der Arzt ließ die Blicke über den Tisch schweifen und fand ein Stück Papier. „Haben Sie ein Linienblatt?" „Ich habe wirklich keine Zeit," sagte der Beamte ärger- lich, aber mit einem Lächeln.„Eremow, ein Linienblatt für den Herrn Doktor!" „Sofort!" Der Doktor setzte sich an den Tisch. Die Maschine hörte plötzlich zu klappern auf. Es wurde still, und diese plötzliche Stille durchschnitt die Stimme des Beamten: „Daß der Teufel Dich hole! Habe ich nicht gesagt, Dip nicht erklärt..." „Ganz, wie Sie befohlen haben," antwortete der Schreiber.„So habe ich es gemacht..." „Habe ich Dir gesagt: nicht so?!" Der Beamte zerriß das Papier.„Noch einmal schreiben!" „Das dritte Mal!" brummte der Schreiber. „Hundertmal wirst Du es schreiben!" schrie der Beamte. „Euch Esel will ich lehren! Ihr habt lange nicht im Arrest gesessen, geht auf Urlaub, lest Bücher... Macht Euch heraus, beschneidet die Nägel, aber ein einfaches Papier schreiben � bah! Schreib..." Der Arzt hörte nicht zu: er saß vor einem Bogen Papier und sah zu seiner Schande, daß seine Hände zitterten und er nicht den einfachsten Gedanken zustande brachte. „Schlimm!" dachte er. Er hob die Augen und sah vor sich das Gesicht des Beamten und seinen bärtigen Mund, der sich eigentünilich verzog. „Fertig? Also weiter.., Schreib:„Ich ersuche die Direktion um Zusendung--." Nein, warte!„um Zu- stellung..."„Ich ersuche die Direktion um Zustellung,. Fertig?" ..Ferttg.'. „Nun... Weiter:«in das Gefängnis..„um Zu- stellung eines einfachen-.. Sarges.. Fertig?" Der Arzt horchte auf. Ein Schauer überlief ihn, seine Mütze glitt ihm aus den Händen und fiel zu Boden. „... eines einfachen Sarges... in einer Länge von Kwei Ellen drei Zentimetern.. „Wozu einen Sarg?" fragte der Arzt.„Und warum gerade zwei Ellen drei Zentimeter? Wer hat denn das Maß genommen?" Der Schreiber sah auf.„Das weiß ich nichts Er ist für einen Verstorbenen." „Ja," sagte der Beamte„Nummer 201! Aber Sie müssen entschuldigen: die Kanzlei hat momentan keine Zettl Gib Herl" Der Arzt stand schweigend da und folgte dem Papier, das den Hand zu Hand ging, unterschrieben und registriert wurde, bis es endlich wieder zu dem Schreiber zurückkam.. 8. Der Hauptmann rief den Arzt am „Kommen Sie mit in die Küche! Wir wollen die Kost- probe nehmen. Wie man für die Gesellschaft kocht..." Er nahm den Arzt beim Arm und zog ihn hinaus in die winterliche Stille. „Regen Sie sich noch immer auf? Es lohnt sich wirklich nicht, mein Lieber! Es lohnt sich nicht--. Es gibt nun mal keinen Ausweg, kein Mittel,., Aber ich will Ihnen ver- raten..." Der Hauptmann beugte sich zum Ohr des Arztes, «Unter strengster Verschwiegenheit: die Verhandlung ist verlegt. Auf heute verlegt, heute Nacht.., Halten Sie sich bereit!" „Ich bin bereit!� „Nicht das! Sie werden der Vollstreckung beiwohnen müssen».-- von Amts wegen,. „Wa— as?" „Es ist peinlich. Das weiß ich. Aber was kann man tun? Der Dienst. Sich fügen heißt es! Sie können sich ja auf das Allermindeste beschränken, auf die einfache Anwesen- heit. Sie brauchen ja nicht hinzusehen-.." „Um keinen Preis!" Die Augen des Arztes erglühten, sein Mund verzerrte sich. Zwischen ihn und den Hauptmann trat plötzlich noch ein Dritter, ein grauer Unbekannter, Sie sahen sich an, aber sie sahen nur den Dritten. „Um keinen Preis!" flüsterte der Arzt. „Sie werden kommen!" antwortete der Hauptmann. „Sie können mich nicht zwingen!" „Der Dienst! Sie werden kommen!" „Nein! sage ich..." Etwas im Gesicht des Hauptmanns zuckte, er kniff die Augen zusammen, an den Mundwinkeln erschien Speichel. „Ich sage Ihnen: ja! Genug der Dummheiten! Wie ein Junge! Ueberlegen Sie doch: Sie haben Familie.-." Der Arzt fuhr zusammen. „Familie?! Aber, wenn ich doch nicht kann.. „Das ist Dienstverweigerung! Ich bin verpflichtet, Sie zu melden.-. Wohin wollen Sie dann?" Der Hauptmann nahm den Arzt wiederum beim Arm. Der Arzt schwieg. Vor seinen Augen flimmerten blaue Pünktchen, seine Hände wurden feucht und kalt, aber er hatte nicht die Kraft sich aufzuraffen. Sie kamen in die Küche. „Sehen Sie! Sehen Sie rechts!" Der Arzt hob die Augen und sah ein feistes Gesicht, einen wuchtigen Nacken, einen dicken grinsenden Mund. „Man hat einen Sträfling geschickt"*). „Sträfling? Ach ja. ich weiß..." „Für heute.,." .„Für heute? Ah-,.1" Es wurde dunkel und leer im Hirn. Der Arzt wollte etwas sagen, etwas hinausschreien mit dröhnender Stimme, aber die Zunge gehorchte nicht, trocknete an, die Hände ballten sich und die Nägel drangen in sie ein. Alles drehte sich, be- gann zu tanzen, die Zähne schlugen aufeinander.«- Man führte ihn hinaus. Es roch nach Frost..- Ein starker Mensch führte ihn höflich und sorgsam am *) In Rußland werden Sträflinge zur Vollstreckung des Tades- Urteils an politischen Gefangenen(oft für hohe Summen) ge- düngen. Der Uebers. Arm: er sah ihn an— ein feistes Gesicht, ein MchKgep Nacken,— ein Grinsen.= „Weg!..." Der Arzt lief heim. Man hörte ihn in seinem Zimmer auf- und abgehen. Er fluchte.«* »«■ Nachts wußte das ganze Gefängnis bereits, daß das Feldgericht getagt und Nummer 201 verurteilt hatte: zum Tode durch den Strang. Der Arzt erfuhr es durch den Feldscher, der verstört in seine Wohnung stürmte und statt der Meldung laut aufschluchzte. Aus den Tränen des Feldschers, aus der Stille, die über dem Gefängnis lag, verstand der Doktor alles und trat in eine dunkle Ecke des Zimmers. „Er schwieg," erzählte der Feldscher,„schwieg die ganze Zeit. Kein Wort... Sie sagen aus Verstocktheit: er ist verstockt, darum will er nicht gestehen. Und er,« er hat doch schon Blutvergiftung!" Der Arzt schrie auf, so freudig, daß der Feldscher ihn ansah und zu schluchzen aufhörte. Er sah: der Arzt war froh, unglaublich froh,.. „Woher weißt Du es? Bestimmt? Hast Du es ge- sehen? So sprich doch!" Er fürchtete, der Feldscher könne sich geirrt haben, „Nun—?" Der Feldscher schüttelte den Kopf. „Wie soll man denn das nicht sehen? Wenn schon der Brand.." „So.-.," sagte der Arzt. Er ballte die Hände.„Sehr gut! Und bewußtlos?" „Er lag mit offenen Augen, aber ohne Verständnis, Phantasierte und sprach, stöhnte.. Er sah sich um, er sah durch das Fenster, hinter dem die Nacht war. „Unheimlich!" sagte er und zog die Schultern zusammen, „Unheimlich? O, gar nicht! So soll es gerade sein!" Der Arzt überflog mit fiebernden Augen die Sachen ringsum, beugte sich zu dem Feldscher, packte ihn bei den Schultern und flüsterte zusammenhangloseMorte, von denen nur die wenigsten verständlich waren. „Es ist nicht unheimlich,.., mein Wort darauf... Es ist gut-.. Ich habe nicht gehofft, daß es sobald kommen würde... Hast Du Dich auch nicht geirrt?" Der Feldscher zitterte am ganzen Leibe und wandte kein Auge von dem Arzt. „Was siehst Du mich an? Glaubst Du es nicht? Warte, Du sollst sehen, sollst sehen.-. Wir werden über sie lachen ..., lange lachen... So werden wir lachen!" Der Arzt lachte gellend auf, und dem Feldscher ward ängstlich zu Mute in dem kahlen, kalten Zimmer. „Kann ich gehen?" „Nein, wir werden zusammengehen. Wir wollen dabei sein. Ich komme schon..." Der Arzt warf den Mantel um und schritt zur Tür, 10. Sie stiegen die Treppe hinab.— Es war finster und kalt. Der Schneesturm pochte an die Mauern, tanzte um eine ein» same Laterne, blies sie aus und flog weiter. Ter Schnee» stürm wirbelte daher, stach mit tausend Nadeln, webte Leichentücher und breitete sie aus-,. Sie schritten schweigend, ohne einander zu sehen. Sie schritten auf ein Licht zu, betasteten die Mauer und bogen ein. Der Arzt blieb stehen. Der Feldscher bemerkte es nicht und stieß mit ihm zusammen. Beide horchten. „Was ist das?" „Ich weiß nicht..." „Hörst Du denn nichts?" „Ich höre klopfen." „Wo?" „Hinter der Ecke.-." „Beim Schuppen?" „-a>a... Sie schwiegen einen Augenblick, wollten weitergehen und konnten nicht. „Sie hacken... Holz,.." „Nein!..." Sie wagten nicht sich zu rühren. Vor ihnen, um die blinkende Laterne, tanzten unaufhörlich die Flocken. „Das sind siel,, flüsterte der Arzt. T•' «Jch weiß, tvarum sie klopfen, sie.- „Herr Doktor..."... „Tsch-. hör... Sie bauen ihn des Nachts« damit niemand es sieht,-- Da � �' (Schluß folgt.) Lynfcbe Bücher, n. Ein wichtiges Kapitel der Lyrik unserer Tage ist der durch« wirkende Einfluß Walt Whitmans, des weltleben-schauenden Dichters der Demokratie, in dem alles von fiegfühlender Wucht und von Glauben an Menschcnallmacht tönt und in dessen Lyrik alle her« könimlichen rhythmischen Fesieln zersprengt find.f so daß das stärkste, aus großer Massenbewegung des Volkes heraussteigende Bewußtsein der Kraft Raum hat. sich frei mit gewaltigen Schritten zu ergehen. Die Erinnerung an Whitman wird lebhaft durch Gustav Gum- p e r S Buch Die Brücke Europas geweckt, dessen erster Teil in Schkeuditz bei W. Schäfer erschienen ist. Dieser schweizerische Dichter, der seinem Vaterlande ein hymnisches Buch widmet, daS nicht nur die Schönheiten der Schweiz preisen, sondern auch die besten Kräfte ihrer Menschen wecken will, hat ganz den krastbewußten Ton Whitmans, Er hat sein rednerisches Pathos und die Glut seiner menschen- sorglichen neuen Sittlichkeit leuchtet aus seinem Geiste. Seine Vaterlandsliebe ist Vaterlandsvertrauen, und Selbstvertrauen gilt ihm als der beste Schutz gegen Sklaverei. Ein wenig streift wohl einmal seine patriotische Begeisterung an Chauvinismus heran, aber gemessenes Zurückhalten unmittelbar neben solchem Ueberschwang söhnt schnell wieder mit dem Buche aus. Sozialistischen Gedanken ist es fern, vom Kampf des Proletariats weiß es nichts— viel- leicht spricht ein zweiter Band der Brücke Europas davon— aber dankbar ist eS auch dem Arbeiter als dem Mitschaffer am Werke vaterländischer Herrlichkeit, als dem Schöpfer„mutvoller Schönheit', die zum idealen Gut de? Volkes wird. Er ruft sein Willkommen jeder Verbesserung der Lage der Arbeiter„aus mensch- lich gerechtferttgten Gründen", und wünscht und verlangt sie. In die dröhnende, eiserne, dantpfende Arbeit schaut sein Auge und er ruft: „Arbeiter, Männer, Burschen, Frauen, Mädchen, bewahrt Stolz in einer harten, so oft auch trostlos eintönigen Arbeit I„Habt Ihr nur Selbstachtung, so habt Ihr auch Disziplin." Ein Hohe- licd der Schönheit soll das Leben im Vaterlande werden; „Singt es, malt es, haut es in Stein... I Errichtetts in Gesinnung, in Charakter; in Gebäuden, in Brücken, in Bahnen; erfindet's in Maschinen I Was Ihr auch wollt: Mit Schöpferischem preiset die Schöpfung! Ihr Jünglinge, durch Eroberung des Gedankens,... du Bauer, im Säen und Ernten,... ihr. Eltern, im Zeugen, Gebären, Erziehen!... Arbeiter, in einer würdigen Tätigkeit" eurer Vereine I Ihr versteht: Alle sollen edlen Ausdruck geben jedwedem Berufe, so steht das Vaterland im Zeichen der Schönheit." Sonderbar ist, wie wenig in seinem Liebe die Frauen und Mädchen bedeuten. Die erstaunliche Kunst WbitmanS, das hundertfältig Einzelne in der Fülle zu sehen und plastisch nebeneinander sickitbar werden zu lassen, ist Gumper in solchem Umfange nicht eigen. Vielleicht wachsen die weiteren Hymnen noch über das erste Hundert empor. Sein Ziel scheint zu sein, nach der Volkseidgenosscnschaft die Völkereidgenossenschaft freudig zu ver- künden. Hoffentlich hat ihm alsdann die Gefahr nichts an, in ein äußerliches Pathos zu verfallen. Es gibt auch einen kosmopolitischen Hurrapatriotismus. Ein Versbuch, das auf dem äußeren Titelblatt ein Schiff zeigt. dem der Wind in allen Segeln fitzt, hat Otto Krille erscheinen lassen. Es ist sein drittes Versbuch, und er nennt es Neue Fahrt(Joh. Sastenbach Verlag, Berlin). Von Titel und Umschlag- bild erwartet der Leser einen Inhalt, voll brausend vorwärts drängenden Lebens, aber dieser Erwartung gibt daS Buch nicht recht. Es beginnt zwar mit hellen Frühlingsfaniarcn, aber dann ziehen viel herbstliche Fäden über das Land, enttäuschendes Vergehen und weh- mütiges Zurückschauen füllt viele Blätter. Die Gedichte sind aber auch ungleich und widerspruchsvoll, von pessimistischer Gedrücktheit, die geradezu nur den Schmerz des Lebens Wahrheit bergen läßt, reichen sich hinüber zu Stimmungen voll aufrechter Festigkeit, die ein helleres Ziel sehen: Mit allem Leid des Lebens tief verwandt, Geh ich, der Lust die Pfade zu bereiten. Mein ist von allein nur der Stunde Glanz, Und alles Glück der Erde liegt im Schreiten. Die Aufforderung dieses so verschieden gearteten Stimmungs- inhalts ist nicht gut geraten; sie gibt kein klares Bild, bringt weniger Wesentliches in den Vordergrund und schadet dem Eindruck des Buches sehr. So gehen auch die Hollenbergschen Bilder nicht in dem Buche auf: die von BergeShöHs aus gesehenen baumigen Landschaften mit ruhenden großen Abendschatten, zwei schöne Zeich- nungen, die daS Herz freimachen, weil sie dem Auge eine weite Ucberschau geben. Von innerem Ringen und Reifen zeugt das Buch. Wohl hallt eS aus in proletarischen Klängen, Gedichten an die Arbeiter- jugend und vom Moskauer Aufstand, die stark AufrufSlyrik sind aber der Charakter des BuchZ empfangt von diesen Stücken, die bloß angehängt scheinen, keinen wesentlichen Zug. Ein Merkmal der dichterischen Art Krilles, wie sie sich hier zeigt, ist, daß sie im Verlust und Schmerz Besseres gibt als in Augenblicken frohen Genießens. Die Liebesgedichte sagen nicht so Bedeutungsvolles aus, daß andere Menschen davon wisien müßten. Schönes wirkt aber aus Gedichten wie Im WaldeSfrieden, Totenfest, Auf ein Grab. Als ein gutes Zeichen wollen wir's nehmen, daß die deutsche Arbeiterdichtung so schön und lebenSernst aufsprießende Poesie hervorbringt. Ein Wink noch: oft wird der Dichter störend als Dich- tender sichtbar, der sich daS Wesen einer Erscheinung durch den Vergleich klarzumachen sucht; aber der Vergleich geschieht un- künstlerisch und ein Aufgehen in dem Gleichnis ist nicht möglich, weil der Dichter nicht darin aufging: wir sehen ihn gleichsam noch an der Arbeit, das Gedicht steckt noch im ersten Stadium, soll erst noch fertig werden. Das winzige Vergleichwörtlein„wie" ist ein recht kunstfeindliches Ding; es macht dein Hörer das Aufgehen im Gedicht unmöglich, weist ihm die Arbeit zu. die der Dichter leisten mutz, und versperrt dem Dichter den Weg zum inneren Reichtum des Vcrgleichbildes. Ein Dichter mit fester, bestimmter Art zu schauen und zu geben ist Levin Ludwig Schücking. Seine Gedichte schaffen Ge- legenheit, Bilder auszugenießen. Viel rednerisch geformtes Be- kennen kennzeichnet seine Art, aber es drängt sich nicht anspruchsvoll und lehrmeisterlich vor. Von kräftigen Nerven und bodensicheren Füßen zeugt der Band Lieder und Balladen (Egon Fleische! u. Co., Berlin). Das Leben wird mit festem Griff genommen und genosien, und hinein klingt der Ton:„Dem Leben niuß ein jeder viel vergeben". Pikante Augenfreuden huschen vor« bei: Hülchen aus Paris, spanische Schuh, trappelnde Reitpferde. Der Weltstadt-Boulevard und der Münstersche Karneval tauchen herauf, ein übermütiges Bubenlied von rheinischer Fröhlichkeit tollt vorüber. Die rednerische Art wird Wucht in der Ballade. Schücking fchreGt gute Milieuballaden. Jede Zeile ist Bild und Vorgang und gibt der Stimmung des Stoffe? ein neues Moment, ein« Farbe, ein geschichtliches Merkmal, einen scharfen Zug seelischen Lebens. Von schweren Schicksalen sagen die Balladen. Sie sind Geschehen und Erleben in eins. In zwei Balladen tritt Johann Bokclsohn von Lehden aus dem Dunkel, und stark ist die Geschichte von Werner Busch, in der die Schrecken von 1812 lebendig werden. Das schmale Bändchen„Gedichte", das Felix Braun im Verlage von Haupt u. Hammon in Leipzig erscheinen ließ, zeugt von Jugend, der viel ästhetisches Feingefühl eigen ist. Viel pathetische Getragenheit des Ausdrucks, eine tüchtige Last Weltgram und elegische Miene»— an diesen bekannten Merkmalen junger Jahre fehlt's nicht. Zuweilen trifft den Leser ein schlichter Ausdruck von tiefer Herzlichkeit, der erstaunt aufhorchen macht; wobei aber nicht eigentlich die Lieder gemeint sind, über die der Dichter den Vermerk setzt:„Dem Volksliede sich nähernd". Die Sprache hat hingebende Wärme und ist oft in gleitender Bewegung, die an HoffmannSthal erinnert. Aber unter der schönen Hülle pulsiert kein bedeutendes Leben: als Ganzes quellen die Gedichte nicht aus einem einzigen starken Gefühl, das durchaus Gedicht werden wollte und nun in jeder Zeile davon zeugt. Der Dichter steht wohl noch am Eingang zur Welt und nährt fein Dichten vorab mehr nur aus sinnendem Traum als aus leibhaftigem Schauen. Innerlich lebendiger und mehr eigengeschaut wirken die beiden Lieder vom verlorenen Sohn. Sie haben Greifbares, auch die Art, wie das Lied von der Schlacht am Morgarten stürmisch einsetzt, und bedeuten mehr als die Gedichte an Friederike Vrion, Iphigenie, Kleist, Franziska de Rimini, Poesien, die schönem, aber totem Marmor gleichen, über den feierlich gewählte Wortklanglichter hinschmelzen. Die Gedichte von Wilhelm Arminius, die in Alexander Dunckers Verlag in Berlin in zweiter Auflage erschienen sind, sind in Stoff und Form typische Familienblatt-Lyrik und Familienblatt« Balladen. Ein glattes Versespiel tut sich auf, alles ist sauber gereimt und gesetzt und durchgefeilt, aber die einzelne Zeilenschönheit erhöht sich nichr durch Strophenschönheit, die aus der Einheit des Bildes entspringt, und die Pointen sind allzusehr ersonnen, so daß sie nun außen bleiben, als hätte alles Uebrige im Gedicht nichts mit ihnen gemein. Viel Wandern durch Wald und Feld mit einzelnen hübschen Beobachtungen ist in dem Buche, viel Freude am Niederschießen balzender Auerhähnc. die nun um ihr LoS beneidet werden, aber der menschliche Inhalt ist recht bedeuwngs- los. Kein tieferes Gefühlsleben ist in ArminiuS, und er predigt geruhig die gransame Weisheit:„Hab' nur die Sehnsucht erst be» graben, dann bist du Herr der ManneSkraft." Trotzdem: zweite Auflage. Und bei einem Preise von fünf Mark für den Band. Bei Max Geißler, der seine Gedichte bei L. Staackmann, Leipzig, er- scheinen läßt, zeigt sich viel mehr Strovhenlcben als bei Arminius, viel mehr frisck.cr, kecker Blutgang, aber der Inhalt der Gedichte bleibt hinter dieser Frische zurück. Er ist einer, der tüchtig und hell drein blickend drauflos schreitet, aber was er trägt, lohnt eigentlich die aufgewandte Kraft nicht. Geißler hat viel kleine und große Schönheit in Wald und Wiese gesehen, aber nun wirkt alles so unerlebt hingsichrieben, ohne daß es den Schmelzprozcß durchgemacht hat, der das Erschaute erst zum seelischen Eigentum macht und ihm pulsierendes Blut und Leben gibt. So fehlt die rhythmische Eigenart ganz und wie oft hat ganz augenfällig der Reim darüber bestimmt, von welchem Gedanken und Gefühl nun gesprochen werden soll. Einige hübsche kleine Lieder trifft man wohl an. aber wenn auf dem Umschlagstreifen steht;„Hier ist das deutsche Volkslied in seinen Dichtungen zu neuem Leben erwacht', so ist daS eine Irreführung. die man unwillig abweist. Die Unterhaltungsballaden am Schlüsse des Bandes streifen stofflich ins Seichte, erzählen geschichtliche Anekdötchen und sind durchaus ohne eigenes Erleben, das tiefer be« wegen könnte. Die Gedichte sind als wohlfeile Volksausgabe er- schienen. Wo hat da? Volk bloß nach solcher Ausgabe verlangt? ES liegt hier ein Mißbrauch des zugkräftigen Wortes vor, dem hoffentlich kein Glück beschieden ist. Kunterbunt treibt heute die epigonische Dichterei in der Lyrik ihr Wesen. Das Berliner Moderne Verlagsbureau wirft die lyrischen Modenieure gleich dutzendweise in lilafarbenen Heften— Lila ist Modefarbe— auf den Markt. Man lernt in diesen Druckerzeugnissen den dichterhaft posierenden Dutzendmenschen, und oft nur in seinen schlimmen Zügen kennen. Aber nicht bloß Nachtreter der Dichter von heute bringt uns der Tag in den Weg. auch urälteste, vor einem Jahrhundert schon grabreife Herren wirken noch nach. Sogar der alte Pfeffel. Wenigstens erinnert an ihn mehr als einmal der Dr. Jac. Adolf, von dem bei Karl Honegen in Wien„Neue kleine Bilder aus dem Leben" erschienen sind. Man hat's da zu tun mit einem bravbissigen Zeitnörgler von ehedem, einem moraltüchtigen Philister altwackeren Schlags, der das schlimme Jetzt gegen das beffere Einst abwägt, bisweilen mit hanebüchen kurz- geradem Wort ans den Tisch haut, oder auch mit fidelem Augen- zwinkern hinter der Hornbrille, oder mächtig-ruhigem Baßton, der jeden Widerspruch ausschließt, klar ausspricht, was Wahrheit ist. Er »steckt Lichter an" über das Leben, Ivie er sagt, ist in Liebesdingen voll Selbstironie, sagt's also den Zeitgenossen mal tüchtig, kommt aber schließlich bei der Mahnung an: Kinder, seid zufrieden, es könnte Euch noch schlechter geh'n. Eine Weile wirkt der alte Herr ganz amufierlich, zum Beispiel mit solchem Spruch: Gegen einen alten Esel Sollst Du nie den Fuß erheben. Denn er macht sich gleich zum Löwen, Dem Du einen Tritt gegeben. Und bisweilen fällt dann auch ein so tüchtiger Span wie der: Nicht gar zuviel fragen, nicht lang sich besinnen, Am besten nichts sagen und munter beginnen. Ja, sie haben sich auf brave Worte verstanden, diese tapferen Philister von altem Schrot und Korn, denen das Bewußtsein so schön abging, wie eng fie's eigentlich in der Welt haben wollten. Ein Büchlein, das nach dem Titelblatt nicht als lyrisch, sondern als dramatisch gelten möchte, hat Leonhard Schrickel unter dem Titel Eva im Loschwitzer Verlage, Loschwitz-Dresden(Preis SO Pf.) veröffentlicht. Eva, die Menschenmutter, spricht ihr Schicksal in zwanzig Monologen aus. Eva offenbart sich als erste Rebellin, sie steht auf als Wortführerin der zum Martyrium verdammten ersten Menschen, und sie macht nicht bloß Worte, sondern schreitet auch zur mächtigen Tat: sie erzieht ihr eigen Blut zum Rebellentun, wider Gott, der das erste Menschenpaar erst sündig werden ließ und dann schwer strafte. Rauh und lieblos springt Eva mit Adam um, der sie einst, als er ihr„beschaulich und verwegen" entgegentrat, im Hand- umdrehen in seinen Arm brachte und der jetzt in ihren Augen bloß eine Memme ist, weil er dem Quäler Gott noch Dankopfer brennt und wie ein Knecht front. Eva rächt sich wild für alles Leid und Entbehren. Sie haßt Abel, weil er Gottes liebster Knecht ist und fein will, und reizt Kam zum Brudermorde auf, und sie triumphiert, daß sie d i e T a t als Menschensieg in die Welt gebracht hat. Sie schreit wuchtige Anklagen gegen Gott heraus, Jamben des knirschenden Ingrimms, und ihre Wut hat kein Ermatten. Man vermutet solche Entwickelung zu Anfang des Gedichtes nicht. Das Buch fängt harmlos-lustig an: wie Eva von ihrer ersten Begegnung mit Adam berichtet:„Ich lag im Grase längelang, weltfern und selbstvergessen." Aber der paradiesischen Liebesseligkeit folgt schnell die Rache des Herrn, und Eva knirscht: Hat alles Schöntun nichts genutzt, Ihn konnte keine Bitte rühren. Er hat uns schrecklich aufgemntzt Und hieß uns, unser Bündel schnüren. Und weiter: Er hat unS vor die Tür geschmissen— Das Unausdenkliche geschah. Man lacht noch, es ist aber schon bitterer Ernst, und man liest Willig weiter. Schrickel hat'S hinter den Ohren. Zuletzt gehen Evas Deklamationen aber doch ein wenig zu wutreich in die Breite. Wir haben den künstlerisch anspruchsvollen Roman und lassen daneben den UnterhaltungSroman mit Eintagswert gelten. In aem Abstände etwa steht neben den Büchern starker lyrischer : der Inhalt dcS ziemlich umfänglichen Bandes, den Armin T. W e g n e r mit der Aufschrift Zwischen zwei Städten (Berlin, Egon Fleische! u. Co.) erscheinen ließ. Aber lyrische Bücher. die bloß Untcrhaltungszwecke haben, werden nicht als notwendiger Besitz angesehen, und wiederum hat Armin Wcgner auch mehr als bloß unterhalten wollen. Es war ihm um die Spiegelung einer menschlichen Entwickelung zu tun. und er, nach dem Stil der Vor- rede ein noch jugendlicher Mensch, hat zn diesem Zweck eine Menge Lyrik aller Art, dithyrambische, poetische Rhetorik. Balladen, Idyllen zusammengefügt. Aber wenn er ein Zurechtfinden aus den Wirrnissen� in die heute daS äußere Leben einen Menschen stoßen kann, schildern wollte, so ist et diesem Ziele wenig nahe gekommen. Er sieht eine Menge Dinge und schreibt mit virtuoser Gewandtheit Strophen realistischen Inhalts. Aber gedichtet ist das trotz aller fließenden Versfixigkeit nicht. Es bleibt äußeres Sehen, bleibt blutlos, ist kein Schauen in den quellenden Kern des Lebens. Man spürt, daß Wegner unter dem Einfluß von Lebensbildem Liliencrons und anderer Poeten jüngerer Vergangenheit gestanden hat. Aber sie sind ihm nicht durchs Blut gegangen. Das Buch läßt überall kalt, und nicht erst in den steppenhaften Boden der ab« schließenden Gedichte sagt man sich mit Ueberzeugung: Dieser hat nicht gekämpft, wie er uns glauben machen möchte. Franz Diederich. Kleines feinlleton* Medizinisches. Eine Berufskrankheit der Bergleute. Die große Ausdehnung des Bergbaues in Deutschland und besonders im West- fälifchen Industriegebiet, hat die genauere Untersuchung einer recht häufigen, anscheinend tuberkulösen Erkrankung des Handrückens bei den Bergleuten veranlaßt, die trotz ihres verhältnismäßig wenig bösartigen Charakters die größte Aufmerksamkeit verdient. Sanitätsrat Fabry in Dortmund hat dies Leiden zuerst als Tuber- culoses verrucosa und dann als Tuberkulid aufgefaßt und ent- scheidet sich nunmehr in der„Münchener Medizinischen Wochenschrift" für die zweite Deutung. Die Art des Auftretens des Uebels auf der Streckseite der Finger und dem Handrücken weist mit Sicherheit auf einen Zusammenhang mit dem Beruf der Arbeiter hin. Diese Stellen sind naturgemäß unaufhörlich kleinen Ver- letzungcn durch herabbröckelnde Gesteinsstückchen ausgesetzt, die tuberkulösen Keimen eine günstige Angriffsmöglichkeit bieten. Gleichzeitig kann sich der Kohlenstaub in diesen kleinen Riffen und Schrunden leicht festsetzen. Möglicherweise erfährt übrigens gerade durch diese innige Vcrmengung der tuberkulöse Giftstoff mit dem desinfizierenden Kohlenstaub eine Abschwächung. Die Quelle der tuberkulösen Infektion ist wahrscheinlich meistens die betreffende Person selbst. Die beschwerliche und unbequeme Arbeit in den engen Gangen führt leicht dazu, daß beim Husten und Räuspern Speichel und Schleim, die tuberkulöse Keime enthalten, nicht mit dem Taschentuch, sondern einfach mit dem Handrücken entfernt werden. Im allgemeinen machten die Befallenen in keiner Weise den Eindruck von Kranken. Sie waren im Gegenteil meist gesunde und kräftige Leute, mit Ausnahme von wenigen, die gleichzeitig an Lungentuberkulose litten. Bei weiterer Ausdehnung der Krank- heit tritt allerdings Berufsunfähigkeit ein, doch ist ihr Verlauf im allgemeinen als verhältnismäßig gutartig zu bezeichnen. Ein Weitergreifcn auf Muskel- und Knochengewebe findet nicht statt. Wenn auch die Beziehungen der Erkrankung zur Tuberkulose ganz unzweifelhafte sind, so ist ihr doch eine Sonderstellung zuzu- schreiben. Sie ist eine echte Berufs- oder Gewerbeerkrankung, die allerdings erst durch das Eindringen des Tuberkulosegiftes in die durch die Arbeit verletzten Hautpartien zum Ausbruch gelangen kann. Gerade im rheinisch-westfälischen Jndusttiebezirk zeigt sich eine besondere Neigung zu dieser Erkrankung, während aus anderen Kohlenrevieren keine entsprechenden Nachrichten vorliegen. Es wäre darum von Wichtigkeit zu ermitteln, ob auch anderwärts ähnliche Verhältnisse herrschen. Technisches. Die Zahl der Schiffe mit drahtloser Tele- graphie. In einer vom„Elektrotechnischen Anzeiger" veröffent- lichten Statistik wird die Zahl der gegenwärtig mit Apparaten für drahtlose Tclegraphie ausgerüsteten Schiffe auf 143 angegeben, was nicht gerade viel erscheint. Davon kommen auf die englische Handelsflotte SV Fahrzeuge, eine Zahl, die von keinem anderen Lande erreicht wird. Dagegen stehen von einzelnen Schiftahrts- gesellschaften die Hamburg-Amerika-Linie mit 19 und der Norddeutsche Lloyd mit 17 Schiffen dieser Art weitaus voran. Es folgt die Canadische Pacific-Eisenbahn-Gesellschaft, die 15 Fahrzeuge mit drahtloser Telegraphie ausgerüstet hat. Die beiden großen eng- tischen Dampferlinien Cunard und White Star folgen erst mit 14 bczw. 12 Schiffen. Die Navigazione Generale Jtaliana hat 9, die französische Compagnie Generale Transatlantique 7. die eng- lische Allan-Linie S, der Italienische Lloyd, die Oesterreichisch- Amerikanische Linie und die belgische Red Star Linie je 5 usw. Der Oesterrcichische Lloyd hat bisher nur ein Fahrzeug mit draht- loser Telegraphie zu verzeichnen, und steht demnach an unterster Stelle. Immerhin fehlen in der Liste viele bedeutende Reedereien, in Deutschland z. B. alle mit Ausnahme der beiden genannten Schiffahrisgcsellschaften. Auf den nach den Vereinigten Staaten gerichteten Linien wird wohl schon in nächster Zeit eine bedeutende Steigerung in der Verbreitung der drahtlosen Telegraphie ein- treten, da das amerikanische Parlament voraussichtlich ein Gesetz annehmen wird, wonach jedes Schiff, das für mehr als 59 Passa- giere eingerichtet ist, falls es in amerikanischen Häfen verkehrt. Apparate für drahtlose Telegraphie haben muß. Es scheint wohl ohnehin unausbleiblich, daß in einer nahen Zukunft jedes größere Schiff damit versehen sein wird. verantwortl. Redakteur: HanS Weber, Berlin.— Druck u. Verlag: Vorwärts Vuchdruckerei u.Verl«g»anstaltPauI Singer LcEo.. Berlin L1V.