Nnterhaltungsblatl des Horwärls Nr. 191. Freitag, den 1. Oktober. 1909 lNachdruit verboten.) 1] „Soldaten fein fcbönl" Bilder aus Kaserne und Lazarett. Von KarlFischer. E r st e s Buch. „Tauglich! Infanterie!" rief der Stabsarzt der Aus- hebekommission den Schreibern zu. nachdem er den nackt vor ihm stehenden Veit Volter untersucht halte. „Also doch!" dachte Volter.„Im letzten Stellungsjahre!" Den tauglich Befundenen war befohlen, sich vorläufig im Gestellungslokal aufzuhalten und sich nicht aus dem Hause zu entfernen. Als Voltcr aus dem Untersuchungszimmer hinunterkam, herrschte im Bierlokal wüstes Treiben. Die Nichttauglichen tranken und sangen vor Freude, davon- gekommen zu sein. Die frischen Rekruten lärmten, teils um ihre Verstimmung in Galgenhumor zu verwandeln, oder sie Protzten und überhoben sich im Vollgefühl ihrer Tauglichkeit. Dabei floß das Bier durch die Arbeiterkehlen. Bunte Schleifen wurden angesteckt— die Mütze oder der Hut aufs Ohr gerückt — und freigehalten, wer Durst und kein Geld hatte. „Was soll das Geld noch nützen? Wir sind verkauft!" rief ein großgebauter Bauernbursche mit dem Kavallerie- abzeichen am Rock, dem Wirt über den Schenktisch zu. „Für zehn Glas! Hier eine Mark! Der Soldatenstand soll leben, hoch!" Einige sangen: „Soldaten sein schön, das muh man gestchn? Sic leuchten von ferne, sie funkeln wie Sterne! x Soldaten sein schön--" „Mensch! Müller!" rief ein Schlosser in blauer Bluse einem Bäcker zu.„Du mußt auch mit? Wo haben sie Dich denn hingesteckt? Infanterie? Da kannste tippeln! Na— mach nur nich so en trauriges Gesicht! Sauf! Js doch alles ene Wichse!" „Ja, Du hast gut reden! Was wirst Du denn?" „Ich? Artilleriste! Pumser! Mit meinen krummen Beenen werde ich mindestens Stangenreiter!" „Sie leuchten von ferne, sie funkeln wie Sterne! Soldaten sein schön! Ja, das muh man gestehn!" Der Gesang übertönte einige Minuten alles. Volter hatte sich in einer Ecke auf einen Stuhl gesetzt und sah dem Treiben resigniert zu. Verstimmt und nieder- geschlagen, wie er war, wäre er am liebsten heimgegangen und hätte sich niedergelegt. Er mußte aber seinen Militär- paß noch empfangen und war gezwungen, zu bleiben. In seiner Nähe saßen noch einige solche Stille, die düster vor sich hinblickten. Arme Schreiber schienen es zu fein. Hatten viel- leicht auch Luftschlösser gebaut, und nun kam ihnen die Militärzeit dazwischen. „Max!" überschrie der Schlosser, der alle zu kennen schien, den Tumult.„Deinen krummen Buckel können sie auch brauchen? Und dabei noch Kowall! Uff drei Jahre?" „Halt Dein Maul! Kümmere Dich um Dein Gestell!" Max, ein Maurer, nach seinem Aeußeren zu schließen, schien keinen Spaß zu verstehen. Eine große knochige Ge- stalt. mit weiten hellen Hosen und rotem Halstuche. Sein stark mit Fett gewichstes Haar hatte er sich bis dicht übers linke Auge gekämmt. Sicher war er keiner, der die Faust in der Tasche zu ballen pflegte. „Einen Schnaps will ich haben!" rief er, zum Büfett gehend, dem Wirt zu. „Dir werden sie's noch beibringen!" rief ihm der Schlosser nach. „Alle Tauglichen rauf! Pässe empfangen!" schrie eine markige Stimme in den Tumult hinein. Wie elektrisiert sprangen alle auf und gingen nach oben. Nach dem Verteilen der Pässe wurden die Kricgsartikel vorgelesen. Der Bezirkshauptmann gab dem Feldwebel den Austrag dazu. „Eingedenk seines hohen Berufs, Thron und Vaterland zu schützen, muß der Soldat stets eifrig bemüht sein, seine Pflichten zu erfüllen. Der Dienst bei der Fahne ist die Schule für den Krieg: was der Soldat während seiner Dienstzeit gelernt hat, soll er auch im Beurlaubtenstande sich er» halten.-." Beim Artikel Fünf machten die neuen Rekruten ganz merkwürdige Gesichter. „Dagegen trifft denjenigen Soldaten, welcher seine Pflicht verletzt, die verdiente Strafe. Die Strafen, auf welche gerichtlich erkannt werden kann, sind Arrest, Festungshaft, Gefängnis, Zuchthaus und in den schwersten Fällen Todes- strafe. Festungshaft. Gefängnis und Zuchthaus sind ent- weder von zeitlicher Dauer bis zu fünfzehn Jahren oder lebenslänglich." Ganz verdutzt wurden auf einmal die. Sänger von unten. Volter summte das Lied noch in den Ohl�n:„Soldaten sein schön, das muß man gestehn!" Der Schlosser zwinkerte Volter mit den Augen zu, als wenn er sagen wollte:„Alles faule Wichse!" Der hohlwangige Schreiber machte ein ganz verzagtes Gesicht. Volter. der neben ihm stand, nickte ihm auf- munternd zu:„Gar so schlimm wird es wohl nicht werden." Als man wieder unten im Bierlokal war, waren alle Zuchthaus- und Gefängnisstrafen rasch vergessen. Der unter- brochene Tumult war bald wieder im Gange. Nur in den Gesang wollte die ausgelassene Stimmung nicht wieder hineinkommen. Die Zeit bis zu seiner Abreise zum Truppenteil ver- brachte Volter völlig gefaßt. Mit demselben Eifer wie bisher gmg er seinem Berufe nach. Er war seit früher Jugend an den Ernst des Lebens gewöhnt. Seit dem Tode seiner Eltern war er so verschlossen, daß er alles geduldig ertrug. was das Schicksal ihm auferlegte. Der Verkehr mit fremden Leuten inachte ihn mißtrauijch und auf sich selbst angewiesen. Voller Unbehagen war er mit seinen Altersgenossen zu- sammen. Ihre Vergnügungen hatten für ihn keinen Reiz. Dieses Alltägliche haßte er. In seiner Einsamkeit entwickelte sich in ihm ein Bildungsdrang, ein Wissensdurst, der ihn seineu Bekannten noch mehr entfremdete. Seit seiner Lehr» zeit begannen die stillen Stunden in seiner Stube hinter den Büchern. Je mehr er sich in seiner freien Zeit mit ihnen beschäftigte, desto mehr Fragen tauchten in ihm auf, und desto mehr verzweifelte er, seinen Vorbildern ähnlich zu werden, zu werden wie die, die geistig viel höher standen als er. Wiederum wurde er zum Studium angespornt, wenn ihm die Halbheit seiner Altersgenossen recht zum Ekel geworden war. Eine Anzahl billiger gemeinverständlicher wissenschaftlicher Werke bildete in seiner Stube schon eine ganz ansehnliche Bibliothek. Sein Verständnis wurde immer größer und foin Gesichtskreis weiter. Das alles bewirkte, daß er frühzeitig gesetzter und männlicher wurde. Bei seiner Verschlossenheit beobachtete er die andern, und was er an ihnen nicht gut fand, suchte er von sich selbst abzustreifen. Sein Gesicht war nicht gewöhnlich geformt. Markante Züge hatte er trotz seines jugendlichen Alters. Eine leicht- gebogene Nase gab dem Gesicht einen etwas stolzen Ausdruck. und seine kleinen dunklen Äugen blickten scharf und prüfend unter den dünnen Brauen hervor. Ein dünnes blondes Schnurrbärtchen hing ungepflegt über den Mund. Seine Kleidung war immer sehr einfach. Je länger er einen Rock trug, desto lieber wurde er ihm. Er hatte überhaupt eine große Abneigung gegen alles Geschraubte, Gekünstelte. Mit dem Wachsen seines Wissens und seiner intellektuellen Kräfte entfremdete er sich dem Kreise, in dem er verkehren mußte, immer mehr. Täglich kleinliche Herb» heiten und Unannehmlichkeiten beim Umgang mit den Menschen waren ihm bald etwas Gewöhnsiches. Seinen einzigen Halt und Trost fand er in seinen Büchern. Ein unerwartetes Ereignis sollte entscheidend auf sein Leben wirken. Ganz zufällig lernte er ein junges Mädchen kennen, dem er bald mit ausrichtiger Liebe zugetan war. Es war nicht der Reiz ihres Aeußern, was ihn fesselte, es war die gleiche Anschauung, der gleiche Wissensdrang, gleiche Interessen, dasselbe Ringen und Kämpfen mit sich selbst, wie er es an sich erfahren hatte. Sie stand auf eigenen Füßen in ihrem Beruf wie er, Ihre Jdeengemeinschast führte sie einander zu. Das Glück der Bethen war hte tnmge Verständigung zweier vernünftiger Menschen. Vertraulich verkehrten sie miteinander, als ob es gar nicht anders sein könnte. Man konnte glauben, es seien Freunde auf Handschlag. Eben weil ihre gegenseitigen Beziehungen mehr einer aufrichtigen Freundschaft glichen, fühlten beide, daß ihr Bund für die Dauer sein würde. In zwei Jahren regen geistigen Verkehrs wurden sie ganz eins. Eine tiefbegründete, gegenseitige Achtung hob die Reinheit ihres Wollens. Wie ein widerlicher Landregen nach langem hellen Sonnenschein erschien ihnen die Aushebung Volters zum Militär. Einem spaltenden Keil ähnlich, wollte sich die Pflicht gegen den Staat zwischen sie drängen, doch die Auf- richtigkeit ihrer Gesinnung, die Erfahrungen der vergangenen Zeit, ließen sie der Zukunft furchtlos entgegen sehen. Die Zeit bis zur Abreise Volters in seine Garnison verging schnell in Vorbereitung für deit Militärdienst. Jede Minute war den beiden Menschen heilig, die sie noch bei- sammen sein konnten. Es war rührend, in welch liebevoller Weise Grete ihren Trennungsschmerz ihm gegenüber als leicht erträglich hinzustellen suchte. Sie hatte so felsenfestes Ver- trauen auf seine Energie und Anpassungsfähigkeit, daß sie seiner Dienstzeit nicht zu ängstlich entgegensah. Der Tag des Scheidens war da. Seinen kleinen Soldatenkoffer in der Hand erwartete Volter mit seiner Braut auf dem Bahnhofe die Abfahrt des Zuges. Sie hatten sich nichts mehr zu sagen. Schweigend saßen sie im Wartesaal nebeneinander. Die Bahnhofsräume füllten sich mit Rekruten, die wohlgemut lärmend auf den Moment warteten, wo der Zug sie aufnahm. Finster sah sich Volter die zusammengewürfelte Gesellschaft an, mit der er also zwei Jahre fürlieb nehmen sollte. In den Augen feiner Braut, die wohl Volters Gedanken auf seinem Gesicht las, glänzten zwei große Tränen. Das Zeichen zur Abfahrt schreckte beide auf. Volter konnte, aus dem Coupäfenster blickend, beim Davonrollen des Zuges noch lange die ihm so vertraute Gestalt sehen, wie sie langsam seinen Augen entschwand. Was wurde auf der Fahrt von seinen Reisegefährten für Allotria getrieben! Gesungen und geschrien, daß man fein eignes Wort kaum verstand. Jeder hatte ein kleines Köfferchen oder Kistchen bei sich, das vollgepackt war mit Wäsche, Eßwaren und notwendigen Kleinigkeiten. Gefüllte Schnapsflaschen machten die Runde. Alles war in ausgelassenster Stimmung. Einzelne vom Bier und Branntwein schon heiser ge- wordene Stimmen fingen an zu singen, und die meisten anderen wurden durch den Strudel mitgerissen und stimmten mit ein. „Siegreich woll'n wir Frankreich schlagen, Sterben wie ein tapfrer He— e— 4b! Siegreich———" Sobald der Zug irgendwo hielt, wurden die Mützen und Hüte zum Fenster hinausgeschwenkt und jeder angerufen und begrüßt, als bedeute das Ganze eine feuchtfröhliche Sonn- tagsfahrt.(Fortsetzung folgt.) lNachdruck verboten.) 31 Der Hrzt.') Von N. F a l e j e w. Deutsch von Werner Peter Larsen. (Schluß.) Der Feldscher stürzte instinktiv dem Arzt nach, der in der Richtung des Klopfens davon lief. Die Füße versanken im Schnee, der Wind heulte. „Sieh! Da ist er!" Ein Lächeln glitt um des Arztes Lippen. Er blieb stehen und streckte die Hand aus. „Siehst Du! Zu zweien... Siehst Du nicht den Stiernacken? Die Laterne schaukelt und sie klopfen..., klopfen-. Vor ihnen schwankte ein gelber Fleck auf dem Schnee. Zwei Menschen eilten ab und zu. ein Gerüst dunkelte, man sah zwei eingerammte Balken— alles, was darüber war, aber perschwamm im Dunkel des Himmels. „Das..., das ist er>..." ') Am t0./23. Sepien, bei b. I. gelangte da? Kreisschwnrgericht zu Kiew in Sacken des Angeklagten Horn, der durch Zustibrung von Gift den Tod der zum Tode verurteilten Volksschullchrerin Prissjashnjukowa herbeweführt harte, nach knapp ininuten- langer Beratung zu einem eüunu�grn Freispruch. Der llebers. « 11. Der Arzt stöhnte auf und wandte sich jäh unt Wieder schritten sie auf das Gefängnis zu. Die Tür wurde aufgetan und wieder verriegelt. Der diensttuende Aufseher begleitete sie mit einem unwilligen Blick den Korridor entlang. Vor der Zelle stand die Wache. Sie versperrte den Eingang.._ „Es ist untersagt," wehrte sie ehrerbietig ab.„Es ist untersagt, jemanden einzulassenl" „Was? Mich auch?!" Der Arzt stöhnte auf. Dann aber begann er zu schimpfen. Er schimpfte laut und grob, seine Worte hallten zornig durch die Gänge. Man schloß lange an der Tür: als man sie endlich öffnete, schwiegen alle beklommen. In der Zelle lauerte jemand. Man sah ihn nicht, aber er war dar. schaute aus den Ecken— als Dunkel, aus dem Fenster— als schwarzes Auge, vom Bett— als graues Kissen. Er machte das Herz erbeben, benahm den Atem, erstickte die Stimme. Alle schwiegen. Als jedoch von dem schmutzigen Kissen ein leiser Seufzer drang, sahen sie sich an. „Nimm den Verband ab!" flüsterte der Arzt. „Wozu denn?" Der Feldscher sah ihn dreist an. „Er hat doch nicht mehr lange,, S' „Den Verband ab!" Die Stimme durchschnitt scharf die Luft. Der Feldscher faßte unschlüssig die Decke. „Wozu? Wozu denn noch?" Er blickte gequält zu dem Arzt hinüber, als erwarte er, dieser werde den Befehl widerrufen. Der Arzt aber stand ruhig da und wartete. „Nimm ihn ab!" flüsterte er.„Nun, so nimm ihn doch ab... Auf was wartest Du?! So.... so-. so... Ganz ab soll er.... daß die Wunden freiliegen.. „Er stöhnt! Es schmerzt ihn..." „Ganz gleich... Ich muß sie sehen. Ich bin Arzt, ich kann nicht zulassen-.. Noch mehr ab-.. Ich habe die Pflicht! So... so..." Die Binde hing herab. Man sah das Fleisch, sah eine zerfetzte Hand. „Herr Doktor, ich kann nicht... Wozu ihn noch quälen? Er stöhnt doch so..." „Still! Hilf den Kopf abheben! Ich will auch den Hals sehen... Nun—?I" Der Feldscher-nahm zitternd den Kopf des Kranken, hob ihn an— und die Folge war ein Stöhnen. „Es schmerzt ihn!" „Halt... hall... So!" Das Stöhnen wuchs, die Zelle war erfüllt von leisem Wimmern, in der Ecke kicherte jemand. Der Arzt hielt den Kranken an sich gedrückt und entblößte den Hals. „Er ist nicht da!" Der Arzt schrie auf und schleuderte den Verband von sich. „Der Brand ist nicht da! Warum lügst Du?!" Der Feldscher sah schuldbewußt auf das Bett, auf die Flecken im Gesicht des Kranken. „Nicht da... nicht da..." Er starrte vor sich hin, in seinen Ohren dröhnte ein fernes Hämmern, er sah starr die Laterne blinken, den Tanz der Flocken... „Sie bauen, sie hämmern... Und er ist nicht da!" Er stürzte sich auf den Feldscher: „Wo sind die Binden? Die frischen Binden? Hol sie her!" Der Feldscher verschwand, um die Binden zu holen, die Wache trat hinter die Tür. Der Arzt sah sich um, hockte nieder, zog etwas aus der Tasche und begann im Halbdunkel eifrig in den Wunden zu stochern... Das Stöhnen ward lauter. Alles verstummte neben ihm. Es wogte auf und nieder, durch Zellen und Gänge, als wolle es das ganze Haus wecken. Die Wache räusperte sich und zog die Tür zu. Der Arzt hockte noch immer neben dem Kranken und stocherte. Als er sich erhob, waren sein Gesicht und seine Hände blutig, selbst über seinen Hals liefen Streifen Blutes. Er aber lächelte. Der Kranke wurde stiller, das Stöhnen verstummte. Und je leiser es klang, um so glücklicher wurde sein Lächeln. . nun TaVe ich selbst habe ich ihn selbst Draußen klangen Schritte. Der Feldscher eilte durch die Gange. Der Arzt trat ihm entgegen, nahm die Binden und heugte sich von neuem über den Kranken. „Herr Doktor, So viel Blut. i.? Wo kommt das her?!" „Ich werde ihn selbst verbinden.-." „Wo kommt das Blut her? Ganze Lachen! Das ganze Kissen...! Herr... Doktor..." „Tsch! Still... Ihm ist besser. Das versteht Du nicht!" Der Arzt verband die Wunden. Der Feldscher preßte die Hände ans Gesicht, sah sich um, sah zu Boden— und ein blitzender Gegenstand ließ ihn zusammenfahren. Er blickte den Arzt an; er verstand nun, warum die Seufzer verstummten, warum die frische Binde sich dunkel färbte und die Flecken unter den Augen schwarz wurden. Er hätte aufschreien mögen, den Arzt vom Bett fortreißen, in die Gänge hinauslaufen und es in das ganze Gefängnis aus- schreien mögen, was vorgefallen, welch grauenvolle Tat ge- schehen. Aber das Entsetzen war zu groß, zu lähmend, um es zu fliehen.--. Der Feldscher ging auf das Bett zu, bückte sich und flüsterte: „Ihre Lanzette-." Der Arzt verbeugte sich wie zum Dank. Er stand auf, breitete sanft die Decke über den Kranken, horchte auf das verstummende Stöhnen und flüsterte: „Nun ist es gut. �." Der Feldscher schlug die Augen zu Boden und schwieg, nur seine Stirn lag in Falten und durch seine Hände flog ein Zucken und Zittern. „Nun ist es gut.. Nicht wahr?" Der Feldscher wich zurück und stürzte hinaus. Die Wache sah den Arzt an und taumelte zurück. Der aber stieg langsam, fest auf das Geländer gestützt, die Wendel- treppe hinab... 12. Die Füße versagten, aber der Arzt ging und ging, hielt sich an der Mauer, betastete sie mit den erfrorenen Fingern und ging wieder weiter, den langen Gang des Gefängnis- Hofes hinab, bis er sich wieder an einer Mauer halten mußte, einer anderen, vielleicht aber auch derselben gleichgültigen Mauer. „Komisch! Wo sind sie nur?" Er ging weiter, er blieb stehen, er setzte sich. Tann aber lachte er gellend auf und stürzte auf die Laterne zu. „Sie bauen!..." Zwei rote Feuerchen von Zigaretten glimmten auf und verschwanden. Keuchend vor Müdigkeit lief er bis nahe an dos Gerüst, neben dem zwei schwarze Gestalten hantierten, und blieb stehen. „Wo sind die Nägel?" fragte jemand. Den Arzt überkam das Lachen. Er lachte, zuerst leise, dann aus vollem Halse und sein Lachen klang schrill und seltsam. „Wer ist da?" Das Beil hielt inne. Die Schwarzen traten zusammen und verstummten. Der Wind trug das Lachen hinüber. „Wer ist da? He—?" Das Lachen brach ab.,. Der Arzt tauchte auf. Ueber sein Gesicht rannen Streifen von Blut, seine Augen glühten. Sie erkannten ihn und wichen zurück. „Fertig? Vollendet? Nun, dann holt ihn,.. Ich warte hier.,." Me beiden warfen das Werkzeug fort und versanken ins Dunkel. Drüben im Gefängnis erwachten sie, liefen ab und zu... schrien. Von Mund zu Mund drang die Kunde: „Er ist tot!... ermordet!.. Der Arzt hörte nichts. Er stand am Gerüst und tvartete... Hin und wieder nur lachte er auf und dann zuckte er seltsam zusammen»,. lNachdrvck verioteil.) ktorritmn und die kapltaUrtifcbe Legende. Edward H. Harriman, der 1843 als Sohn eines ländlichen „Hungerpastors" geboren wurde und vor einigen Tagen als Be« Herrscher des mächtigsten Eisenbahnreiches der Welt starb, wird von der Kapitalistenpresie im Interesse der kapitalistischen Legende räch» sichtslos„ausgeschlachtet". Die hundert oder auch zweihundert Dollar-Millionen Harrimans— er wußte selbst nicht genau, wie reich er war, und kein Mensch weiß es sicher—, die nach den Gould» und Rockeseller- Millionen sicher die anrüchigsten unter den amerikanischen Riesenvermögen sind, werden da unentblödet als der wohlverdiente Preis kapitalistischer Tugend und Tüchtigkeit, als der angemessene Arbeitslohn für die„organisierende" und „schöpferische" Kopfarbeit des Jndnstriefeldherrn gerechtfertigt. Man liest viel von dem„Genie" und dem„eisernen Fleiß", womit Harriman seine erstaunliche Karriere gemacht und dem Lande die zu seiner Erschließung und Entwickelung nötigen Eisenbahnverkehrs- linken geschenkt habe. Tatsächlich kann gerade Harriman zeigen, daß die„Kopfarbeit" des großkapitalistischen Unternehmers viel weniger produktiver als kommerziell- spekulativer Rawr ist, und daß vollends der modernste Finanzier, den Harriman typisch verkörperte, seine Millionen in der Hauptsache nicht einmal den „legitimen" Formen der Ausbeutung dankt, daß sie vielmehr durch finanzielle Räuberei ergattert werden, durch ein kunstvolles höheres Falschspiel, durch eine korrupte Politik, durch Begaunerung des Volkes und öffentlicher Institutionen. Ein fiir die Ansammlung von Riesenkapitalien ganz gewöhn» liches Verfahren ist noch die„Wasserkur", auf welchem Gebiete in der großen Plutokratenrepublik Ungeheuerliches geleistet werden dürfte. Auch Harrimans Hinterlassenschast ist größtenteils „mit Wasier gebaut"(„built with water"), durch gaunerische Verwässerung von Eisenbahnkapitalien erworben. Das Rezept ist noch einfacher, wie bei der Karlsbader Wasserkur. Bei dem Ankauf oder der Gründung einer neuen Eisenbahn werden soundsoviele neue Aktien ausgegeben, denen gar kein materieller Gegenwert gegenübersteht und die also zuerst wertlos find, weil fie keine Divi» dende bringen. Bon diesen neuen Aktien werden also Millionen für einen Pappenstiel gekaust. Um dann die Papierchen zinsheikeiid zu niachen, brauchen die Gründer nur die Tarife entsprechend in die Höhe zu schrauben. Wenn der Kurs der Aktien hoch genug gestiegen ist, iverden sie verkaust, und die Millionen find„verdient". Das dumme Volk zahlt die Kosten in Gestalt höherer Passagier» und Frachtsätze. Natürlich find die klugen Finanziers überzeugte Gegner des So» zialismus, der sie verhindern will, mit den nationalen Verkehrs» niilteln auf Kosten des Volkes und der bahnlichen Gewerbe ein räuberisches Spiel zu treiben. Was aber speziell Harriman betrifft. so war dieser.Eisenbahnkönig" dem Lande tatsächlich nicht der königliche Führer im Eisenbahnweseu, sondern nur der König der börsenkapitalistischen Eiscnbahnräuber, und es war nicht ohne Grund, wenn Roosevelt gerade ihn als Vertreter des.verbrecherischen Reich» tums" an den Pfahl stellte. DaS Paradestück im Harrimanschen Eisenbahnsystem ist die von Ozean zu Ozean rollende„Union Pacific". Das Unternehmen war ursprünglich mit 51 Millionen Dollar Gesamtkosten errichtet. Ver» ausgabt wurden aber von den Gründern, bevor Harriman die Bahn übernahn,, für 108 Millionen Aktien und Hypotheken. lieber die Hälfte des Kapitals war also„Waffer". Der alte Gauner Iah Gould brachte es dann fertig, die Direktoren der Union Pacific zum Ankauf seiner Kansas Pacific und Denver Pacific« Bahnen zu bewegen, deren Aktienkapital 25 Millionen Dollar„Waffer" enthielt. Bezahlt wurde mit Aktien der Union Pacific. So viel Waffer vertrug diese Bahn, die ziemlich verwahrlost war. etwas zu viel Wasser, fie bankerottierte. AuS den Händen des Masieverwalters übernahm im Jahre 1897 Harriman die Bahn, um fie ans seine Weise zu reorganisieren. DaS geschah dadurch, daß er 75 Millionen neuer Vorzugsaktien auf die Union Pacific ausgab, also eine neue, fast 7Sprozentige Waflerkur vornahm. Trotzdem konnte Harriman dieses Sümmchen und mehr als Gewinn in die Tasche stecken. Hente beträgt das Aktien- und Hypothekenkapital der Union Pacific 700 Millionen Dollar I Die Cdicago-Alton-Bahn kaufte Harriman für 40 Millionen, 18 Millionen gab er nach eigener Angabe für Materialerneuerungen auS. Die von ihm ausgegebenen Aktien belicfen sich aber auf nicht weniger als 114 Millionen Dollar, die durch nichts gedeckte Differenz von 56 Millionen Dollar hing er in wenigen Tagen dem Publikum an. Die Rechtmäßigkeit des Gewinns wurde zum Gegenstand einer von den Bundesbehörden geführten Untersuchung gemacht. Harriman verweigerte aber jede Auskunft und es geschah ihm weiter nichts. ES geschah aber auch dem sozialistischen„Appeal to Reason" nichts, als er Roosevelt anklagte, in diesen.Großdiebstahl" duldend, wie auch tätig verwickelt zu sein. Natürlich ist die Tarifwucherei, die zum Gelingen der Waffer- kuren gehört, schlecht durchzuführen, so lange noch Rücksicht auf konkurrierende Bahnen genommen werden muß. Folglich kaufte Harriman seitdem alle Bahnen, die er kriegen konnte. Heute „kontrollieren"' die Harriman-Jntercffen Bahnen in einer Total» Meilenlänge von 43 837 mit einem Total- Anlagekapital von 3 365 471 731 Dollar I Zu den unsauberen Finanzkünsten kommt aber eine unsaubere Politik, um die Ansammlung dieser Riescnvermögen zu erilären. Wir erwähnen aus Rücksichten auf den Raum nur die Millionen Dollar, womit Harriman den Roosevelt in deffen zweiter Wahl» kampagne bestochen hat. SlS Roosevelt den. früheren Busenfreund einmal auf die Hühneraugen getreten, war'»ie Enthüllung dieser Geschichte Harrimans Antwort. Schließlich feie« noch die groß» «nfltigen Landschenlungen der Regierung an die Babnen erwähnt, wovon Harriman den Löwenanteil hatte: 81 713 Quadratmeilen I Harriman ist ein schlechter Schwnrgenosse für die kapitalistische Ehrbarkeit und Gottähnlichkeit. Und die Harrimäniier leben noch. kleines feuilleton. Eine Perlhütte im Fichlclgebirgc. Das Steinachtal im West- lichen Teile dcS FichtelgebirgcS, eines der schönsten unter allen Mittelgebirgstälern Deutschlands überhaupt, ist seit langem der Sitz einiger bedeutender Zweige der Glasfabrikation. Die Wasser- kraft der Steinach nutzen die Spiegelglasschlcifereien aus, die schon von weitem daran erkenntlich sind, daß der rote Bolusstaub ihre Mauern und Schwellen, Fenster, Stege und Räder überzogen und gefärbt hat. Von gleicher, wenn nuP größerer Bedeutung ist die GlaSperlenindustrie des Fichtelgebirges, deren Mittelpunkt das reizende, als Sommerirische vielbesuchte Oertchen Warmen- steinach bildet. Gegenstand der Fabrikation find nur die massiven Rund« und Langperlen mit glatter, nnvcrzierter Oberfläche, die sogenannten Paterln; die geblasenen Hohl- und Röhrenperlen kommen barchtsächlich von Murano bei Venedig. Auch die Perlhütte ist, wie die Glasschleiferei, schon von weitem kenntlich: sie ist von einer dichtgefiigten Mauer großer Holzscheite in weilen, Viereck um- geben. Die Perlhütte kann dieses alten, kostspieligen Brenn- Materials nicht entraten, da Kohlenfeuerung die Reinheit der Glasmasse beeinträchtigt. Der zweite Vorzug der Holz- feuerung. das Fehlen schädlicher Dünste, kommt den Arbeitern wie auch der Luft des ganzen Talkessels von Warmensteinach zu- gute. Die Rohbestandteile des Glases wie auch die Färb- fubstanzen, meist Mineralfarben, werden in Sand- bezw. Pulverform in die Perlhütte geliefert, um dort zunächst zu Glasmassen von ge- wünschter Farbe verschmolzen zu werden. Man stellt 20 bis 25 verschiedene Farbennuancen, vom zartesten Milchweiß, Seegrün und Türkisblau bis zum tiefsten Dunkelblau und Schwarz her; besonders schön ist die bernsteingelbe„Gold"-Farbe. Die Vorräte an fertigen Glasmassen werden in einem seitlich offenen Anbau der Perl- Hütte in offenen Holzfässern zur Verwendung bereitgehalten. Die Mitte der im äußeren Bau nur wenig von einem Wohnhause abweichenden, ebenerdigen Hütte nimmt der langgestreckte, kuppelförmige Schmelzofen ein, dessen Betrieb ein kon- tinuierlicker ist. Das Feuerloch befindet sich an einem Ende des- selben. In dem weißglühenden Inneren stehen die großen, zur Be- reitung der Glasmasse dienenden Häfen aus Chamotte. In den LängSwänden des OfenS ist eine Reihe kleinerer Oeffnungen an« geordnet, vor deren jeder ein Arbeiter auf einem Schemel sitzt. Dicht hinter der Oeffnung im Ofen steht ein kleinerer, mit Glas- masse gefüllter Hafen. Der Arbeiter, dessen Augen eine rauchgraue Brille schützt, hat einen runden, konisch spitz zulaufenden Stahlstab von über 1 Meter Länge. In einem neben ihm stehenden Gefäß befindet sich Tonschlicker, in den er den vorderen zugespitzten Teil des Stabes taucht, der sich dadurch mit Ton überzieht. Nun führt er den Stab durch die Oeffnung in den Glas- Hafen ein, nimmt mit der Spitze ein wenig von der weißglühenden, zähflüssigen Glasmasse auf und formt auS derselben durch Drehen und Wirbeln des Stahlstabes eine Perle. Die zähe Glasmasse im Hafen hat sich in einer Spitze nach oben gezogen, die er nun geschickt mit einer weiter zurückliegenden Stelle des Stabes ergreist, um mit der aufgefangenen Masse eine zweite Perle zu formen-, die folgenden Perlen werden auf gleiche Weise gemacht. Ein geschickter Arbeiter stellt Reihen von 15 bis 20 Perlen auf ein- mal her; die großen Perlen von 2'/» bis 3 Zentimeter Durchmesser werden jedoch einzeln gefertigt. Der Arbeiter zieht den Stab mit den fertigen Perlen aus den, Ofen, lockert die Perlen durch Klopfen auf den Stab und streift sie in einen bereitstehenden Kasten, der, sobald er gefüllt ist, zur weiteren Ab- kühlung beiseite gestellt wird. Aus einem anderen Kasten füllt der Arbeiter die Glasmasse nach, die schnell schmilzt und sich mit der weißglühenden Flüssigkeit vermischt. Zu bewundert, ist die Geschicklichkeit und gleichmäßige Ruhe, mit der selbst jugendliche Arbeiter ihr Werk verrichten. Der Verdienst der Paterlarbeiter ist kein hoher; ein geübter Arbeiter bringt es auf höchstens 3,60 M. pro Tag. In einem Nebcnraum der Hütte werden die Perlen von Arbeiterinnen aufgereiht, von den kleineren Perlen je 50 auf eine Schnur, von den größeren entsprechend weniger. Die Schnüre werden zu je zehn oder weniger zu„Maschen' vereinigt und werden so an eine Bayreuther Firma verschickt, die sie in alle Welt ver- sendet. Bis in die unzivilisiertesten Gegenden reichen ihre Geschäfts« Verbindungen, und mancher Negerhäuptling ziert sich mit ge- wichtigem Schmuck, der dem schönen Steinachtal seine Entstehung verdankt. Teer- und Pech-BrikeUZ. Im Lause der letzten Jahrzehnte hat man gelernt, den KohlcnstSab als wertvolles Gut zu betrachten, das bei geeigneter Behandlung im Verein mit Teer einen nützlichen Brennstoff liefert. Das Ruhrkohlengcbiet liefert jährlich, nicht weniger als 3 Millionen Tonnen Briketts, und die Gesamterzeu- gung hat sich in den letzten zehn Jahren rund verdoppelt. Die Hauptmcngen von Briketts werden in Deutschland und England 1 hergestellt. Deutschland vermag nur den eigenen Bedarf zu decken. während England namentlich nach Amerika, Rußland Und Belgien ausführt. Teer ist ein vorzügliches Bindemittel zur Herstellung von Stcinkohlenbriketts, die er hart und damit zum Transport auf weite Strecken geeignet macht. Er hat jedoch andererseits auch Schattenseiten. Zunächst verursacht er eine sehr starke Rauchent- Wickelung und unangenehmen Geruch. Da die Teerdämpfe über- dies ätzende Eigenschaften besitzen, sind sie der Gesundheit der Ar- beiter recht schädlich, indem sie Haut, Augen und Lunge angreifen. Außerdem wird der Teer bei höherer Temperatur bald weich. Ein weiterer Nachteil ist sein niedriger Entflammungspunkt. Sofern er mit leicht brennbarem Material gemischt zur Verwendung ge- langt, macht er sich allerdings nicht geltend, Wohl aber, wenn die Briketts aus dem Staube schwer brennbarer Kohlensorten her- gestellt werden, Anthrazit, Koksstaub und Verwandtes konnten bis in die jüngste Zeit überhaupt nicht zur Brikettsabrikation gebraucht werden. Neuerdings ist in dem sogenannten Sulphitpech, einem Nebenprodukt der Sulphit-Celluloseindustrie, ein geeignetes Binde- mittel gefunden worden, das gegen den früher gebrauchten Teer mancherlei Vorteile bietet. Seine Bindekraft ist sehr groß, und es ist auch sparsam, da 5 V. H. Sulphitpech dasselbe leisten, wie 7 bis 10 v. H. Teer. Es verleiht den Briketts große Härte und brennt vollkommen rauch- und geruchlos, so daß diese Pechbriketts nament- lich ein gutes Feuerungsmittel für den Haushalt darstellen und gleichzeitig der Rauchplage in den großen Städten entgegenarbeiten.' Versuche, die zur Verwendung in Hochöfen wie auf Torpedobooten gemacht wurden, haben sehr günstige Ergebnisse geliefert. Im ersten Fall wurde, abgesehen von sehr beträchtlicher Kohlenerspar- nis, die auf 30 v. H. angegeben wird, ein vollkommen schwefel- freies Eisen erzielt. Bei Verwendung auf Torpedobooten spielt die Rauchlosigkcit eine wesentliche Rolle. Das Sulphitpech erweicht nicht bei warmem Wetter und besitzt eine hohe Entzündungstem- peratur. Sofern weiche bituminöse Kohlen zur Briketterzeugung verarbeitet werden, dürfte man mit den bisherigen Zusätzen aus- kommen, doch wurde die Verarbeitung der schwerverbrennbarcn Materialien durch das Sulphitpech überhaupt erst möglich. In der Nähe von Barmen ist ein großes Werk zur Herstellung solcher Briketts in Betrieb, und ein anderes bei Aachen befindet sich der- zeit im Bau. Völkerkunde. Eine Sammlung von Bauernschmuck. DaS Bremer Gewerbemuseum, das kürzlich eine Abteilung für nordwestdentschen Trachtenschmnck eröffnete, nm darin wichtiges Material zur Geschichte des Trachtenschmuckes zusammen zu bringen, hat neuerdings auch die Bremische Sammlung Focke übernommen, die den Grundstock der neuen Abteilung bildet.' Es bietet sich hier, wie dem„Cicerone" ge- schrieben wird, eine systemattsche Zusammenstellung des Bauernschmucks von ganz Norddeutschland, die die Geschichte dieses Kunst« zweiges für die letzten 150 Jahre gibt. Fast immer find es die- selben Gegenstände: Halskette, Hemdspange,„Leibhaken', Ohr- und Fingerringe; dazu kommen aus einigen Bezirken noch besondere Verzierungen, wie die Stirnbänder auS Südhannover, die Spitzen» ornamente der Haubenende aus FrieSlanb oder die Nackenschleife. So weit in der Dekoration nicht nur die geometrische Verzierung an- gewandt wird, herrschen die alten primitiven Symbole der Liebe, wie Taubenpaare in Früchten und Blättern, der Blumenkorb, das Herz vor; im katholischen SüdostfrieSland kommt das Kreuz hinzu, in den Küstcngegenden der Anker. Manchmal hat das ganze Schmuckstück ornamentale Formen, eine Spange z. B. die des Herzens oder eine Schließe die eines Miniaturmicders. Viel Phantasie haben die Bauern nicht entwickelt; höhere Ansprüche wurden schlichtweg mit der größeren Kostbarkeit besiiedigt. Di« Größe einer Hemdspange erhebt sich manchmal bis zum Umfang eines mäßigen Tellers. Dabei muß zwischen den verschiedenen Gegenden ein sehr lebhafter Austausch stattgefunden haben. Aus dem Tierreiche. Da? Vorrücken des Ziesels. Von der interessanten Tierwelt, die Deutschland in seiner Steppenzeit beherbergte, haben sich nur ganz wenige Arten bei uns gehalten, als das Klima sich änderte und die Steppe dem Walde Platz machen mußte. In jener Zeit lebten Springmäuse, mehrere Ziesel- und Hamster- arten, das Steppenmurmeltier oder Bobak, die rüssclartige Saiga- antilope, Wildpferde und Wildesel bei uns. Sie alle wichen zurück. als der Wald immer mehr Land bedeckte, bis auf den Hamster, der sich in Ost- und Mitteldeutschland hielt und den Ziesel. Nach Albertus Magnus kam er früher noch bei Rcgensburg vor, ist aber dort schon lange verschwunden. Bei Wien, im südöstlichen Böhmen und in Schlesien behauptete er sich noch und rückt seit einiger Zeit, begünstigt durch die Zunahme der Getreidesteppe, mehr nach dem Westen vor. So hat er die niedrigen Sättel des östlichen Erz- gebirges überschritten und sich im Königreich Sachsen zwischen Lauenstein und Hellcndorf angesiedelt. Dieses zierliche, fand- farbige Zwergmnrmelticr lebt in Erdlöchern auf besseren Böden, nährt sich von Wurzeln, Kräutern und Insekten und kann, wo es massenhaft vorkommt, durch sein Wühlen unter Umständen lästig werden. Für Deutschland ist das kaum zu befürchten, da das feuchte Klima seiner Vermehrung nicht günstig ist. Kerantw. Redakteur: Emil Nnger, Grunewald.— Druck u. Verlag: Vorwärts Buchdruckerei u.Berl«g»anftalt Paul Singer LcTo..Berlin L>V.