Hlnterhaltungsblatt des vorwärts Nr. 192. Sonnabende den 2 Oktober. 1909 2] (Nachdruck verholen.) I" „Soldaten fein feböni Bilder aus Kaserne und Lazarett. Von Karl Fischer. Nur einigen wollte diese lustige Stimmung nicht kommen Volter war in seinen Gedanken mit der kommenden Zeit be- fchäftigt. Widerlich berührte ihn diese Branntweinbegeisterung. Als sie in der Garnison angekommen waren, trat ach mählich Ruhe ein. Auf dem Bahnhof wurden die neuen Rekruten in Empfang genommen und mit Musik durch die «Stadt nach einem großen Exerzierplatz geführt, wo schon die Abordnungen der einzelnen Kompagnien bereit standen. Mitten auf dem Platz hinter einem Tisch standen die A jutanten und einige Offiziere des Regiments. Jeder einzelne wurde nun aufgerufen und seiner Kompagnie zugeteilt. Bei dem militärischen Ton, der dabei herrschte, wurde manchem schon unheimlich zumute. Aengstlich blickten sie sich an und fanden nur darin Trost, daß sie nicht die einzigen waren. „Ruhe!" rief ein Adjutant über den Platz, als die Rekruten, denen das Warten und die Ungewißheit ihrer Bestimmung schon zu langweilig wurde, anfingen zu reden. „Wer noch einmal das Maul aufmacht, fliegt auf drei Tage ins Loch!' Das war für die armen Kerle ein ganz gehöriger Dämpfer. Volter mußte unwillkürlich an das Lied im Eisenbahn wagen denken: ./siegreich woll'n wir Frankreich schlagen, ©leröen wir ein tapfrer Held!" Nach dem Verteilen rückten die Kompagnien ab in die betreffenden Kasernen. Volter war der elften Kompagnie zugeteilt- An dem Eingang zu Volters Kompagnie hatten sich alle Unteroffiziere der Kompagnie aufgestellt und machten Witze über das„junge Gemüse", wie sie die neu ange- kommenen Rekruten zu nennen beliebten. Links und rechts vom Portal hatten sie sich postiert, so daß die durchgehenden Rekruten förinlich Spießruten laufen mußten. Volter sah sich im Vorübergehen die Gesichter der Reihe nach an. Es war ihm, als ob sich die Unteroffiziere mit grinsenden Mienen zum Hohne der neuen Mannschaft aufgestellt hatten. Die meisten der jungen Rekruten gingen niedergeschlagen durchs Tor. Zum Trotz zwang sich Volter und blickte den Unter- offizieren finster in die Augen. Im Revierkorridor kam die Verteilung in die einzelnen Stuben. Mit noch elf Mann befand sich Volter endlich in dem Räume, der für seine Korporalschaft ausersehen war. Er war noch nie in einer Kaserne gewesen. So unwirtlich war die Einrichtung der Stube, daß ihn innerlich schauderte. Die Kaserne mußte früher den Teil einer Festung gebildet haben. Alles dicke, nach oben zu sich rundende Wände, die mit hell- grauer Kalkfarbe angestrichen waren. Auf der einen Seite der ziemlich kleinen Stube standen in einer Reihe höchst ein- fach aussehende Schränke und auf der anderen die zu zweit übereinander gestellten eisernen Bettstellen. Links vom Fenster waren vier solcher Doppelschränke so aufgestellt, daß sich hinter diesen ein kleines Extrakabinett bildete, das, wie Voltcr dachte, der Verschlag des Korporalschaftsführers sein mußte. In der Mitte des Zimmers stand ein ungehobelter, ab- genutzter Tisch, um den herum zwölf vierbeinige Schemel standen. Alle Rekruten waren sichtlich froh, sich endlich setzen zu können. Eingeschüchtert und ängstlich gemacht, wagte keiner ein Wort zu sagen. Neugierig blickten sie sich die neue Um- gebung an. Mißmutig überflogen sie mit den Augen das militärisch einfache Mobiliar. Der Unteroffizier der Stube und Korporalschaftsführcr der zwölf Mann mußte nach seinem Aeußeren ein harmloser Mensch sein, trotz des großen Schnauzbartes, den er sich hatte wachsen lassen. Er fragte jeden einzelnen in wohl- wollendem, herablassendem Dicnstton, der den früheren Bauer verriet, nach seinem Nationale. So miserabel elend Volter zumute war, suchte er doch zu ergründen, mit was für Menschen er nun zusammen zu leben hatte. Beim Unteroffizier war er mit seinem Urteil bald fertig. Von dem würde er wohl nichts zu fürchten haben. Wie der Unteroffizier sich nach seiner Herkunft und Berufsart erkundigte, legte er sich eine gewisse Reserve auf. So viel konnte er wahrnehmen, daß er bei Volter es mit einem gebildeten Menschen zu tun hatte. Schon in seiner Kleidung, trotzdem sie einfach war, hob sich Volter von den anderen ab. Einer der Rekruten lenkte Volters Aufmerksamkeit ganz besonders auf sich. Seiner komisch gurgelnd breiten Aus- spräche nach war er ein Elsässer. Verschlagen, mit schielenden Augen blickte er um sich. Besonders gescheit schien er nicht zu sein. Aber in ihm mußte eine geriebene bäuerische Schlau- heit stecken, die er in seinem äußerst linkischen und dummen Gebaren zu verstecken wußte. Greskser hieß er und stammte aus einem kleinen Orte im Elsaß. Neben ihm saß ein dürrer spitzer Markthelfcr, Mietzschke aus Berlin, dem die Bosheit aus den Augen blitzte. Er hatte etwas Unsicheres und Demütiges in seiner schnoddrigen Sprechweise und stets wandte sich beim Reden sein Blich vom Gegenüber ab und irrte unstet umher. Der Beschränkteste war wohl der Weidemüller aus Mannheim mit seinem unverfälschten Dialekt. Ehe er ein Wort herausbrachte, wurde er vor Verlegenheit rot und nahm zu jedem Wort mit unartikulierten Lauten einen Anlauf. „Na, nu sitzt nicht so gottverlassen da!" rief Unteroffizier Bein, als er mit seinen Fragen zu Ende war.„Hier habt Ihr was zu lesen!" Dabei langte er auf ein Spind, brachte einige verstaubte Bände zusammengehefteter Zeitungen her- unter und warf sie auf den Tisch. Alle griffen danach und taten eifrig, um sich über die Verlegenheit in der neuen Umgebung hinweg zu helfen. Jedem war es unbehaglich zumute, daß er sich in den KreiS fremder Menschen einfügen mußte. Keiner getraute sich in Gegenwart des Unteroffiziers zu sprechen. Dieser schien das wohl von den Gesichteril zu lesen und ging hinaus. Erleichtert richteten sich alle auf. Ein Flüstern, gedämpftes Fragen wurde nun von einigen riskiert. Volter sah sich noch einmal in der Stube um. An jedem Spind und jedem Fußbreit stand mit Kreide der Name eines Rekruten geschrieben. „Was ist denn das für ein Blechkübel, der neben den» Ofen dort an der Wand hängt?" fragte er. „Dat weeste nich?" rief Mietzschke.„Der FuttertoppÜ Da drin wird's Essen und der Kaffee geholt!" Jetzt wurde die Tür aufgestoßen, und hinter einem Pack Drillichwäsche schob sich ein Gefreiter herein. Alles sprang auf, und dienstfertig wurde auf dem rauhen Tisch Platz ge». macht für das Drillichzeug, das der Gefreite dort absetzte. Ein kleiner, hübscher Bursche war das, mit Stupsnase und blondem Schnurrbärtchen. „Na los! Zieht Euch aus und verpaßt Euch diese Hosen und Jacken!" rief er und ging eiligst wieder hinaus. Jeder beeilte sich nun, so gut er konnte, denn dieses Zeug sah so mitgenommen und verflickt aus, daß man schnell suchen mußte, um sich etwas halbwegs Gutes zu ergattern. Der Markthelfer Mietzschke war der erste, der fix und fertig iin Drillichanzug dastand. Alles war lebendig. Einige scherzhafte Bemerkungen wnrdeil dabei laut, wenn der Zustand einer verflickten Jacke zum Lachen herausforderte. Greskser war der letzte mit Aus- und Ankleiden. Da» für bekam er auch den reduziertesten Anzug, der da war. Lachend sahen sich alle in der neuen Kleidung an. „Fetzt sind wir Soldaten!" rief Mietzschke.„Guckt bloß mal den Wackes, den Elsäsier an, was der für eine Klamotte erwischt hat! Der sieht aus, wie dem Zuchthause ent- sprungen." •' ffttc mußten TflcFfeh. Der Anblick GreZksers war auch zu komisch. In seinem Anzug waren so verschiedenartig aus- sehende Flecke eingesetzt, daß der ursprüngliche Grundstosf kaum noch sestzustellen war. Plötzlich verstummten alle und lauschten. Vom Flur hatten sie undeutlich einen lauten Ruf gehört. Gleich darauf kam der Gefreite und rief:„Geh mal einer hinaus mit dem Esiblechl Gehen Sie" deutete er auf Mietzschke.„Stellen Sie sich draußen neben den anderen hin. Sie werden dann schon sehen, wo es hingeht." Eiligst führte Mietzschke den Befehl aus. „Und Ihr anderen langt Euch Eure Flinten aus den Spinden und wartet. Sobald draußen im Flur„Essen holen" gerufen wird, stellt Ihr Euch draußen mit den Flinten in der Hand in zwei Reihen auf." Volter war unendlich weh zumute. Mit Widerwillen betrachtete er feine Umgebung. Hier sollst du also zwei Jahre verbringen! Dieser Gedanke quälte ihn und kam ihm nicht aus dem Kopf. Ein ungewisses Angstgefühl schnürte ihm fast die Kehle zu. Wie er mit seinen beiden Eßschüsseln unter dem Arme auf dem Flur in der langen Reihe der Mannschaften stand, empfand er so recht das drückende Be- wußtsein, der Masse anzugehören, wo es keinen Unterschied gab. Wie die Masche eines großen Netzes fühlte er sich, das jede Bewegung im kleinen spürt, die das gesamte Netz im ganzen erfährt. (Fortsetzung folgt.) k)ans Der siebzigste Geburtstag, den Meister Thoma heute begeht, gibt der bürgerlichen Presse Gelegenheit, in überschwenglichen Jubel- anikeln einen Künstler zu feiern, von dem sie, als er in der Blüte seiner Jahre und seines Schassens stand, kaum Notiz genommen bat, und den sie, als er sich nicht totschweigen ließ, auf alle mög- liche Weise in den Augen der Spießer zu diskreditieren und zu der- unglimpfen suchte. Die bürgerliche Presse hat dem vortrefflichen Thoma beide Male Unrecht getan. Sowohl damals, als sie ihn als den„Begründer der sozialdemokratischen Malerei" verhöhnte, wie auch jetzt, da sie ihn als überragendes Genie, als Führer und Leit- stern der deutschen Kunst preist. Vor zwanzig Jahren, also zu einer Zeit, wo theatralischer Bombast und gespreizte Unnatur die deutsche Landschafts- und Genremalerei beherrschten, wurde der damalige „Einsiedler von Frankfurt" plötzlich entdeckt. Die natürliche, un- gekünstelte Einfall und schlichte poetische Innigkeit seiner Zeichnungen und Gemälde wirkten wohltuend auf die überreizten und übersättigten Nerven. Mit vollen Backen pries man den braven und tüchtigen Meister als ein malerisches Phänomen und stellte ihn geschwind den Größten als ebenbürtig zur Seite. Die löbliche Abficht, früheres Unrecht gut zu machen, mag dabei mitgewirkt haben: jedenfalls schoß man jetzt nach der einen Seite ebenso weit über's. Ziel hinaus, wie vordem nach der anderen. Und dabei ist es geblieben. Die Wertschätzung, die Thoma gegenwärtig beim Gros der deutschen Kritiker und in den Kreisen des kunstinteressierten Publikums genießt, kann einer un- befangenen Prüfung nicht standhalten. Er ist ein Mann von eigen- artigem, ganz persönlichem Naturempfinden. der künstlerisch auf seinen eigenen Beinen steht und mit seinen eigenen gesunden Augen in die Welt blickt. Nichts Erborgtes und nichts Gekünsteltes haftet ihm an. Er verachtet die Schminke und die Pose, zeigt sich, wie er *) Zum 70. Geburtstage Thomas find eine Reihe Kunstbücher erschienen. Von früheren Darbietungen ist an die von der Freien LeHrervereinigung für Kunstpflege, Berlin, herausgegebenen Kunst- gaben zu erinnern, die zwei Thoma-Hefte enthalten.(Verlag von Jos. Scholz in Mainz. Preis jedes Heftes 1 M.) Das eine Hest gibt 16 gutreproduzierte Blätter auS Thomas gesamten Schaffen tGcmälde, Lithographien, Zeichnungen), das andere, das wir be- sonders empfehlen, enthält 15 der besten Landschaftsbilder. Im gleichen Verlage kam als Festgabe„Hans Thoma und seine Weggenossen" heraus(Preis 2 M.), 80 Bilder nach den Werken Thomas(von ihm aber nur zwei) und ver- wandter Künstler, zu denen der Herausgeber W. Kotzde u. a. Böcklin, Leibi, Steinhausen, Lugo und Haider rechnet. Mit einer prächtigen Thoma- Mappe in Folioformat stellte-sich der Kunstwart ein.(Verlag G. D. Callwey in München, Preis 10 M.) In der Mappe sind in meisterhafter, höchst sorgfältiger Wiedergabe sechs farbige und mehr als zwanzig einfarbige Bilder (auf Karton) vereinigt. Die schönen großen Bilder eignen sich auch als Wandschmuck. Avenarius würdigt in einem besonders reichhaltig illustrierten Texte den Menschen und Maler Thoma.— Thoma selbst hat seine Lebenserinnerungen, die auch Betrachtungen, Reden, Artikel daneben enthalten, unter dem Titel„Im Herb st des Lebens", im Verlag der»Süddeutschen Monatshefte'(München) gesammelt. Die Red. ist, und gibt nur, was ihm gehört. Er ist ein grundehrlicher, prächtiger Kerl, ein selbständig Schaffender auf bescheidenem und beschränktem Gebiete, aber durchaus kein Wegbahner zu neuen künstlerischen Zielen, weder ein Umstürzler noch ein allumfassendes Genie. Als Bauerssohn wurde Hans Thoma zu Bernau im badischen Schwarzwald geboren. Nachdem er die Volksschule besucht hatte, gab man ihn in Basel erst zu einem Lithographen, dann zu einem Stubenmaler in die Lehre. Nach dem Tode seines Vaters kehrte der Siebzehnjährige in die Heimat zurück, um der Mutter in der Landwirtschaft behilflich zu sein. Nebenbei besuchte er die neu gegründete Zcichenschule in Bernau, wo der Lehrer auf sein Talent ausinerksam wurde. Er überredete Frau Thoma, ihren Sohn zu einem Uhrenichildmaler nach Furtwangen zu geben. Aber das Lehr- geld war auf die Dauer nicht zu erschwingen, und so mußte Hans wieder zurück ins Elteruhaus, wo er in der Wirtschast tätig war und nebenbei als Maler von Landschaften und Porträts einen kleinen Nebenverdienst hatte. Einige an die Karlsruher Kunstakademie ein- gesandte Probearbeiten gefielen dem dortigen Direktor Schirmer so gut, daß dieser ihm— es war im Jahre 1859— beim badischen Großherzog ein Stipendium zum Besuch der Schule verschaffte. Da die landeS väterliche Unterstützung aber recht kärglich bemessen war, so konnte Thoma meistens nur einen Teil des Lehrjahres in Karls- ruhe zubringen und mußte die andere Zeit in Bernau fitzen, wo er auf eigene Faust malerische Studien trieb. Diesem Umstand mag es mit zu verdanken sein, daß der jmrge Kunstbeflissene vom aka- demischen Drill verhältnismäßig wenig beeinflußt wurde und sich seine individuelle Eigenart erhalten konnte. Nach dem Tode seines Gönners Schirmer begab sich Thoma nach Düffel- darf, wo er vom Verkauf seiner Arbeiten notdürftig lebte und durch große Sparsamkeit schließlich noch so viel erübrigte, um im Mai 1868 eine Reise nach Paris unternehmen zu können. Die paar Wochen, die er am Seinestrand zubrachte, gaben seinem bisher noch wenig zielbewußten Streben Halt und Richtung. In den Werken der großen modernen französischen Maler, namentlich Courbets und Manets, lernte er eine Kunst kennen, die allen akademischen Anschauungen widersprach, und ihm ging die Er- kenntnis auf, daß die Lehre von den ewigen Schönheitsbegriffen und Schönheitsgesetzen nichts weiter als eine konventionelle Lüge sei, daß vielmehr jeder wahrhaft schöpferische Künstler sein eigene? persönliches Schönheitsideal sich bilden müsse. Die von Manet begründete impressionistische Freilichtmalerei erkannte er in ihrer ganzen revolutionierenden Bedeutung. Thoma, nicht Liebermann, ist es gewesen, der schon damals den großen Franzosen für die deutsche Kunst entdeckt hat. Den tiefsten und nachhaltigsten Eindruck aber machte auf ihn der strenge, schlichte und großzügige Realismus Courbets, deffen monumentale Naturauffasiung und suggestive, technische AuSdnickSmittel er sich anzueignen suchte. Nach Bernau heim- gekehrt, malte er einen Sommer lang in Courbets Manier Bilder großen Formats: Bauersleute, Kinder, Landschaften. Tiere; alles unmittelbar nach der Natur, in flotter und energischer Pinselflihnmg und in den gedämpften dunklen Tönen des französischen Meisters. Die Gemälde wurden in Karlsruhe ausgestellt und brachten ihrem Schöpfer einen eklatanten Mißerfolg. Die Kritik hatte kein Auge für die rein künstlerischen Qualitäten dieser Arbeiten, sie hielt sich an die un- gewohnten Stoffe und die neuartige Auffassung. Die Leute, die an den süßlichen und kleinlichen Gcnrekitsch der Düffeldorser Schule ge- wöhnt waren, erklärten einen Künstler für albern und bizarr, der Bauern und ländliche Proletarier zum Gegenstande ernster, monumentaler Gemälde machen wollte. Damals entstand für Thoma die törichte Bezeichnung„Begründer der sozialdemokratischen Malerei". Man nannte ihn einen Sozialdemokraten, weil er in deir schlichten Leuten des Volkes nicht kostümierte MaSkenpuppen oder drollige Hanswürste, sondern einfache Menschen sah. Die empörten Mir- glieder des Karlsruher Künstvereins machten eine Eingabe an den Vorstand und verlangten, daß dem Künstler daS Ausstellen von Bildern ein für allemal verboten werden sollte.„Der Kunstichulprofesior'— erzählt Thoma—„der mir dieS mitteilte, war sehr erregt, sagte auch, daß dieS beim Vorstand natürlich nicht durchgegangen wäre, ennahnte mich aber, daß ich doch auf die Stimme des Publikums zu achten hätte, und daß ich doch so malen sollte, wie gebildete Menschen es verlangten; bei meinem großen Talent müsse mir dies auch nicht schwerfallen." Und Thoma ließ sich einschüchtern. Er lenkte ein, suchte seine Arbeiten gefälliger zu machen, änderte, übermalte nnd zerstörte vieles. Mit dem Karlsruher Mißerfolg schließt die erste Enttoicklungs- Periode Thomas. Im Herbst 1870 fiedelte er nach München über, wo er in dem um Leibi sich scharenden Künstlerkreise, zu dem unter anderen Vittor Müller. Steinhausen, Haider und Trübner gehörten. mannigfache Anregungen und volles Verständnis fand. Das große Publikum wollte freilich auch hier nichts von ihm wissen und die Kritik nahm keine Notiz von ihm. Thoma„malte für sich" nnd entwickelte ungestört seine Eigenart. Neben dem Zuspruch der Freunde waren es vor allein die alten deutschen Meister Dürer, Cranach, Sckonpauer, Altdorfer, die auf seine Schaffensart einwirkten. Er fand jetzt seine eigene künstlerische Hand- schrift, der er zeitlebens treu geblieben ist und die auch durch eine Reis« nach Italien— im Jahre 1874— nicht modifiziert wurde. Seine Individualität war bereits so gefestigt, daß jene Eindrücke, die so manchem deutschen Künstler das Rückgrat gebrochen haben. ihn nicht mehr überwältigen konnten. Er selber urteilte über das Resultat seiner italienischen Reise folgendermaßen:.Die Höhe der Renaissance wird jedem deutschen Künstler eine hohe Schule sein, wenn ihn nicht der Hochmut stachelt, um ein Buch-Naffael und Auch- Michelangelo sein zu müssen, wenn er in Bescheidenheit denken lernt: ich bin doch auch etwas I Er wird dann nicht meinen, daß die Kunst nur in einer Art von Manier bestehen kann, sondern in ihr eine Lebenskraft im Menschen kennen, die im tiefsten Gefühle wurzelnd, ihren Ausdruck in mannigfachster Weise finden kann.' Die dekorativen Gemälde, die Thoma nach seiner Rückkehr aus Italien inSchweinfurtlDeckengemäldemuAllegorien der vier Winde, mit Putten, Blumen und Wolken in dem Weinbergturm seines Freundes Sattler) und Frankfurt(sechs Fresken, Landschaften darstellend, im Gartensaal des Gerlachschen jetzt Ullmannschen Hauses) ausarbeitete, zeigen die von allem pathetischen Schwulst sich bewußt fernbaltende Einfachheit und Bescheidenheit des redlichen Meisters, der die Grenzen seiner Kunst sehr genau kennt und nicht mehr geben will, als er selber besitzt. Der behagliche Idylliker, der Thoma seiner innersten Nawr nach war und ist/ tritt uns namentlich in den schönen Frankfurter Fresken aufs sympathischste entgegen. Daneben entstanden in diesen Jahren vortreffliche Werke wie die Gemälde„Charon" und „Paradies', sowie zahlreiche Landschaften und Bildniffe, die zu Thomas besten Arbeiten zählen. Die Münchener Zeit war die Blüte- Periode seines Künstlertums. Im Jahre 1877 verheiratete sich Thoma mit einer seiner Schülerinnen und siedelte nach Frankfurt über. Die gesteigerten Bedürfniffe seines Haushalts verführten ihn jetzt leider vielfach zu flüchtiger und oberflächlicher Arbeit. Die Preise, die er für seine Bilder erhielt, waren sehr gering, und so sollte es denn die Maffe bringen. Er produzierte leicht, rasch und mehr als ihm gut tat. Rament- lich liebte er eS, gefällige Motive in zahlreichen Wiederholungen zu be- handeln. Vieles von den:, was in diesen Jahren entstanden ist, gereicht dem Künstler nicht zur Ehre, und wenn es auch eine Uebertreibung ist, von einem direkten Verfall seiner Kunst zu sprechen, so wird doch daS Urteil über Thomas Gesamtwerk durch diese erste Frankfurter Periode immerbin iingünstig beeinflußt. Die Hauptschuld trug freilich die Urteilslosigkeit der Kritik und des deutschen Publikums, die sich dem echten und unverfälschten Thoma gegenüber noch innner durchaus ablehnend verhielten. Rur in England hatte man schon damals Verständnis für den Wert und die Reize seiner Eigenart, und einige seiner besten Bilder sind über den Kanal gegangen. Aus deutschen Ausstellungen war er noch Ende der achtziger Jahre voll- kommen unmöglich; ein Versuch, den danials der Berliner Kunst- salon Gurlitt unternahm, führte zu einem absoluten Fiasko. Im Mai 1800 kam dann plötzlich der Umschwung. Der München«: Kunftverein stellte 36 Bilder des Frankfurter Einsiedlers aus und mit einem Schlage war Thoma ein allgemein bewunderter und populärer Maler. Die Kunsthändler riffen sich um seine Arbeiten und die Tageskritik rührte die Reklametrommel. Die neue Kunst, die damals ihren Siegeszug durch die deutschen Lande begann, hatte auch die allgemeinen Kunstanschauungen revolutioniert. Sie hatte zahlreiche falsche Götter aus den Tempeln geworfen und stellte manchen bisher Verkannten auf den gebührenden Ehrenplatz. Zu den letzteren gehörte auch Hans Thoma, der mit den modernen Jüngsten eigentlich nur das gemein hatte, daß er kein Akademiker und Epigon, sondern ein Eigener war. Nicht nur die Presse und das Publikum, sondern auch die deutschen Obrigkeiten überboten sich in Ehrungen und Auszeichnungen des Künstlers. Er wurde mit Würden und Titeln übcrhäust und schließlich berief der Grotzhcrzog von Baden ihn als Generaldirektor und Leiter eines MeisteratclierS nach Karlsmhe. Thoma nahm diese Aemtcr, für die er kaum ge- eignet war. an und siedelte 1893 nach Karlsruhe über, wo er seitdem seinen Wohnfitz hat. Das Werden und Wesen deS Künstlers und Menschen Thoma erklärt sich fast restlos aus dem Milien, aus dem er hervorgegangen ist und das seinerseits wieder auf den wirtschaftlichen Verhältnissen beniht. Die Abstammung aus einer kleinen süddeutschen Bauern- familie gibt den besten Schlüssel zum Verständnis. Sie löst das Rätsel, daß der ein Menschenleben lang Verkannte nicht zugrunde gegangen und nie ein eigentlicher Märtyrer geworden ist. Die wetterharte Widerstandsfähigkeit und die Anspruchslosig- keit des an Entbehrungen gewöhnten KleinbauernsohneS ließen ihn Not und Unbilden ertragen, an denen ein Bourgeoissprößling wahrscheinlich zugrunde gegangen wäre. Bäurische Zähigkeit und bäurischer Trotz machten ihn relativ unempfindlich gegen Beifall und Tadel der großen Menge. Er bequemte sich, wenn es nicht anders ging, ohne merlbare Gewissensstrnpeln äußerlich dem Geschmack des zahlenden Publikums an, aber innerlich blieb er stets sich selber treu und machte unbekümmert seinen Weg. Er blieb eigenartig in allem: in seiner Technik, in seiner Naturansfassiing und in seinem Schönheitsempfinden. Und diese Originalität ist bei ihm nicht ge- künstelt, sondern ganz naiv und selbstverständlich, aus dem innersten Wesen deS primitiven NarurkindeS gleichsain organisch erwachsen. Das Stoffgebiet, das seine Kunst behandelt, ist anscheinend sehr reich, in Wahrheit aber ziemlich dürftig und eng begrenzt. Er malte Landschaften, religiöie Bilder, Porträts, Märchen, Phantasie- stücke usw., aber seine Eigenart vermag er nur dann zu entfalten, tvenn er mit beiden Füßen auf heimischem Grund und Boden steht. Das süddeutsche Hügelland, der Schwarzwald und der Tamms, also die Gegenden, in denen er aufgewachsen ist oder Jahrzehnte seines Lebens verbracht hat, sind seine Doinäne. Ihnen hat er alle charakteristische Schönheit und die verschwiegensten Reize abgesehen. Diese sanften, sich kreuzenden und überschneidenden Höhen mit ihren grünen Wiesen und gelben Kornfeldern, mit ihren dunklen Wäldern, mit ihren an« mutig sich schlängelnden Wegen und Flüssen, mit ihren stillen Dörfern, Städten und Gehöften hat keiner vor ihm so fein gesehen, so echt empfunden und so treu wiedergegeben. Aber er darf das Gebiet nicht verlassen: sobald er heroische, pathetische, ideale Landschaften malen will, versagt seine Kunst. Die Nibelnngeubilder im Hause Ravenstein zu Frankfurt a. M. sind Dokumente solcher Entgleisungen. Und ähnlich verhält es sich mit seinen Fignreubildern. Er hat den Menschen seiner ländlichen Heimat ins innerste Herz geblickt und weiß ihr Sein und Wesen in wunderbar lebendigen Bildnissen und stimmungsvollen Szenen ganz eigenartig künstlerisch zu ge- stalten. Die Großmutter, die mit dem Enkelkind in der Bibel liest oder den Kindern Märchen erzählt, der Bauernbursche, der im Mond- schein seine Fiedel streicht oder mit dem Ackergaul abends müde von der Feldarbeit heimkehrt— das sind die Stoffe, die seine Kunst be- herrscht. Und auch die urwüchsigen, vierschrötigen, nackten Land- kinder, die er uns zuweilen als Engel oder Genien vorführt, mögen passieren. Ungenießbar aber ist er. wenn er der„hohen Kunst' sich zuwendet und ideale Phantasiegeschöpfe, Götter, Heroen und Heilige aufmarschieren läßt. Die oft etwas täppische Naivität, die seinen ländlichen Typen und Szenen einen besonderen leicht humoristischen Reiz verleiht, wirkt hier meistens mit grotesker, unfreiwilliger Komik. Und in diesen Bildern treten auch Thomas technische Mängel, die man sonst gern übersieht, sehr störend hervor. Denn er hat sein künstlerisches Handwerk, das er in der Jugend, namentlich nach der Pariser Reise, eifrig pflegte, später arg vernachlässigt. Seine zahl- reichen und oft recht groben Verzeichnungen fallen auch dem unan» genehm auf, der die Splitterrichterei nicht liebt und dein Künstler das Recht zugesteht, die Natur nacb seinen besonderen Absichten zu modeln. Sehr peinlich wirkt auch die von Thoma beliebte Manier, in fertige Landschaftsbilder später Figuren und Gruppen, und zwar in ganz willkürlichen Verhältnissen, unorganisch einzufügen. Aber, wie gesagt, alle diese Mängel und Fehler kommen uns nur da störend zum Bewußtsein, wo Thoma die Grenzen seiner Kunst überschreitet und Gebiete betritt, in denen er nicht heimisch ist. Wo er auf eigenem Grund und Boden steht, da hebt der unwiderstehliche Reiz seiner Kunst alle kritischen Bedenken ans. Da wird die etwas ungelenke Linie, die oft an den alten deutschen Holzschnitt erinnert, zum treffendsten Ausdrucksmittel, und die monotone Farbe mit ihren stillen matten Lichtern paßt ausgezeichnet zu der Ruhe der idyllischen Gesamtstinunung. Da genießen wir rein und ungestört den Zauber einer feinen, liebenswürdigen Künstlerpersönlichkeit, die freilich nicht geeignet erscheint, unseren Geist zu befeuern und zu beflügeln und unsere Phantasie in Aetherhöhcn zu erheben, die aber in ihrer schlickten, poesie- umflossenen Beschaulichkeit und als Genossin friedlich stiller Stunden stets willkommen ist. John Schikowsli. Vom lUf und den Rifpiraten die durch den spanischen Sieg am Guruguberge wieder aktuell ge- worden sind, weiß ein„alter Marokkaner' im„Tcmps' allerlei Jntereffantes zu erzählen: Das Wort„Riß' oder„Er-Rif' ist ein arabischer Ausdruck, der den Rand, den Umkreis irgend einer Sache, eines Lagers z. B. bezeichnet; im übertragenen Sinne braucht man das Wort zur Bezeichnung eines bevölkerten und bebauten Landes, das am Saume eines Tales, einer Ebene oder des Meeres liegt. Die Rifprovinz, mit der wir uns hier zu befassen haben, ist daS Land, das sich von Melilla bis Tetuan der Mittelmeerküste Marokko? entlang erstreckt. Es ist ein zum Atlassystem gehörendes Küsten- gebirge, das durch das Tal des Sebu und der Muluja vom eigent- lichen Atlas getrennt wird; es schließt sich an das Gebirgssystem des südlichen Spanien an und scheint bis zu einer verhältnismäßig jungen geologischen Epoche mit dem Bätischen Gebirgssystem, d. h. mit den spanischen Sierren, in irgend einer Weise verbunden ge- Wesen zu sein. Obwohl das Land so nahe an Europa liegt, ist es doch so gut wie unbekannt und unerforscht; der mittlere Teil ist nur durch zwei Forschungsreisen des Franzosen de Segunzac bc- kannt. Wir wiffen jedoch, daß der gegen 356 Kilometer lange und 52 Kilometer breite Gebirgszug, der sich im Mittel zu 600 Meter erhebt, aus einer Anzahl Gebirgsketten besteht, die der Mittelmeer» küstc parallel laufen, von Päffen durchschnitten werden und durch Längentäler voneinander getrennt sind. Höher als 2000 Meter ist keine dieser Gebirgsketten; sie bilden aber trotzdem ein wildes, zerklüftetes, schluchtenreiches, schwer zugängliches Bergland. DaS mittelländische Klima wird beeinflußt und veränbert durch dm Nähe des Ozeans, durch die scharfen Luftströmungen, die von Gibraltar her kommen, und durch die Berggipfel, auf denen der Schnee oft monatelang liegt. Der rauhen, unwirtlichen Landschaft hat sich der Charakter der lebenden Natur angepaßt. Die Berg» kämme, die von eisigen Winden umweht werden, find mit Triften bedeckt, die beinahe alpinen Charakter aufweisen. Die Flanken der Berge find zum Teil felsig, zum Teil mit einer etwas wirren Vegetation bekleidet; man findet dort dichtes Buschwerk und Eichen, Fichten, wilde Nußbäume, Zedern, Thujas(Lebensbäume) und wilde Oelbäume; in den von zahllosen Bächen durchströmten Tälern uEer findet man Wiesen und Gärten, in denen Orangenbäume, Feigenbäume, Granatbäume und Oelbäume stehen; daneben gibr es Weinberge und Getreidefelder. Die Rifküste vom Kap Tres Forcas bis zur Alminaspitze ist eine der ungastlichsten Küsten der Welt: ein 30t) Kilometer langer Klippenhalbkreis, durch den man nur auf engen Hohlwogen ins Innere des Landes gelangt. Den Schiffen bietet diese Küste, die vollständig den Nordwinden ausge» setzt ist, keinen Zufluchtsort; gefährlich ist sie ihnen aber außerdem noch durch das feindselige Verhalten ihrer Bewohner. Heute noch empfehlen nautische Instruktionen den Segelschiffen, sich von der Rifküste möglichst fernzuhalten. Die Rifpiraten treiben zwar nicht mehr Kaperei auf hoher See, zögern aber, wenn ein beschädigter Dampfer oder ein infolge einer Windstille festliegendes Segelschiff sich in ihrer Nähe befindet, keinen Augenblick, mit ihren Feluken hinauszufahren und das vom Unglück verfolgte Schiff zu plünoern. Die einzigen Fremden, denen diese Seeräuber freundlich entgegen- kommen, find die Schmuggler, die ihnen Gewehre und Munition liefern. Der arabische Name der Rifpiraten ist„Ruafa"(Einzahl: „Rifi"); sie selbst nennen sich„Fmazighen"(Einzahl„Amazigh"). Es sind unabhängige Berber, die in etwa dreißig Stämme geteilt sind; für diese kühnen Bergbewohner hat das menschliche Leben nicht den geringsten Wert, sie erkennen keine andere Zlutorität an als die ihrer autonomen Clans, kein anderes Gesetz als das Gesetz der Blutrache und der Wirdervcrgeltung, und halten ihre Freiheit so hoch, daß weder die Römer, noch die Vandalen, noch die Araber, noch selbst die Sultane ihrer eigenen Rasse sie jemals haben unter- jocken können. Die Stämme sind voneinander unabhängig, und ihr politischer Zusammenhang gibt sich nur in ihren Kämpfen gegen die Regierung ihres Landes und gegen die verhaßten Christen kund. Jeder Stamm teilt sich in eine Anzahl„Fraktionen" oder Clans, an deren Beratungen sich jeder erwachsene Mann beteiligen darf; die ClanS wählen einen oder mehrere Führer(„Amgharen", Ael- teste), die mit der Führung der Geschäfte der Fraktion betraut tverden. Die Aeltesten wieder ernennen in einer besonderen Ver- fammlung(„Djemäa") den Kaid, d. h. den ersten Richter und militärischen Führer des Stammes, der jedoch ohne die Zustim- mung � des Rates der Aeltesten nichts beschließen darf. Die „Djemaa" macht alle den Stamm betreffenden wichtigen Fragen — Krieg, Steuern— zum Gegenstande gründlicher Bcra- tungen, und ihre Beschlüsse haben Gesetzeskraft. Es wird dann eine Generalversammlung aller Männer des Stammes einberufen, um von der Ernennung des Kaids und von den anderen Beschlüssen der Amgharen Kenntnis zu nehmen. Die Mitglieder des Stammes bewohnen die„Dschur"(Einzahl:„Deschra", Dorf), die gewöhnlich auf schwer zugänglichen Höhen liegen; es find Hütten aus Steinen oder aus Stampferde, die mit Dachstroh bedeckt und von Agaven- Hecken umgeben sind, so daß sie kleinen Festungen gleichen; der Kaid bewohnt eine Kaspa, eine Art Burg, die zu gleicher Zeit als Ar- scnal, als Schatzkammer und als Gefängnis dient und von den verschiedenen Fraktionen des Stammes in einer bestimmten Reihen- folge bewacht wird. Die Rifpiraten sind reichlich mit Schnellfeuer- gcwehren versehen. Die meisten von ihnen besitzen ein eigenes Gewehr; die Kaids und die Vornehmen habe mehrere Gewehre, die sie im Kriegsfälle denen leihen, die keins besitzen. Wer sich kein Gewehr verschaffen kann, bewaffnet sich mit einer Flinte eigener Fabrikation, mit Schleudern und mit Stöcken, und die Berber wissen sich aller dieser Waffen mit großer Geschicklichkeit zu bedienen. An Munition fehlt es gleichfalls nicht. Die Rif- Piraten verstehen sich darauf, leere Patronenhülsen noch einmal zu laden; sie fabrizieren selbst Bleikugeln und ein Schießpulver, geben jedoch dem aus Europa eingeschmuggelten Schießpulver den Vor- zug. Zu den Waffen gehört auch ein gerader, langer und schmaler Dolch; man kennt jedoch auch gekrümmte Dolche, wie man sie im übrigen Marokko findet. Was die Artillerie betrifft, so haben die Rifpiraten nur einige alte Geschütze, die vorn an der Mündung geladen werden. Die meisten Rifpiraten gehören zu einer Schützcnbruderschast, deren Gründer Sidi Ali Ben Nasser war. Die„Mokademmin", d. h. die Obersten dieser Bruderschaft ziehen von Stamm zu Stamm, geben Unterricht im Schießen und feuern den kriegerischen Eifer ihrer Jünger durch Schilderungen der Heldentaten der Ahnen an; diese Schilderungen werden deklamiert oder gesungen. Im übrigen wird der Kriegsmut der Rifpiraten durch die ewigen Kriege zwischen Stämmen und sogar zwischen Fraktionen ein und desselben Stammes zur Genüge wachgehalten. Jede Fraktion be- sitzt ihre Fahnen, die dem„Amghar" anvertraut ist, und die bis zum letzten Blutstropfen verteidigt wird. Ein Mann, der sich weigert, in den Kampf zu ziehen, muß eine hohe Geldbuße zahlen mnd wird dann mit Schimpf und Schande aus dem Stamme ausge- schloffen. Die Rifpiraten sind im allgemeinen groß, sehnig, kräftig und von bemerkenswerter Zähigkeit; sie sind verschmitzt, uner- schrockcn und beharrlich und können in der Kunst des Kleinkrieges als Meister gelten. Ihre Kleidung ist eine„Djellaba", eine Art kurzer Kutte aus brauner oder erdfarbiger Wolle; der Kopf ist fast glatt rasiert und nicht mit dem landesüblichen Turban bedeckt, sondern mit einer merkwürdigen Kappe aus Ziegenhaar. Während des Kampfes nutzen sie in sehr geschickter Weise jede Unebenheit de? Bodens aus, um sich zu decken und zu verstecken und ihre Feinde aus dem Hinterhalt anzugreifen. Für den Angriff wählen sie am liebsten die Stunden vor Tagesanbruch, ntn den Feind itit Schlafe zu überfallen. Ohne jedes Geräusch schleichen sie, indem sie jede Hecke, jede Bodensenkung, jede Klippe benutzen, fast kletternd und gleitend vorwärts. Wenn sie dann in Schußweite gekommen sind, richten sie sich ganz plötzlich auf und feuern ihre Gewehre ab, um Verwirrung in die Reihen der Feinde zu tragen; darauf stürzen sie sick unter lautem Geschrei und unter wilden Flüchen und Verwünschungen auf den Gegner. Hinter der Kampflinie stehen die Weiber, die immer wieder Munition heranschleppen und große Schläuche mit Wasser füllen, um den Durst der kämpfenden Männer zu stillen; durch ihr schrilles Geschrei feuern sie die Krieger an; Männer, die sich schwach zeigen, werden ausgelacht und verspottet. Das sind die nicht zu unterschätzenden Gegner, mit denen die Spanier es in Marokko zu tun haben. kleines Feuilleton. Psychologisches. Gedankenübertragung. In den„Grenzfragen des Nerven- und Seelenlebens" veröffentlicht der Moskauer Arzt N. Kotik soeben neue Studien über die Gedankenübertragung, die er als Emanation(Ausfluß) der psycho-physischen Energie bezeichnet. Bei den Fachleuten ist hierüber ein zum Teil sehr erregter Meinungs- streit ausgebrochen. Kotik experimentierte mit einem beruss- mäßigen Gedankenleser und dessen 14 jähriger Tochter. Die beiden mußten mit dem Micken gegeneinander auf einem Teppich stehen, der jedes Geräusch dämpfte; der Untersucher stand oder saß zwischen beiden. Dem Mädchen wurden nun die Augen verbunden und die Ohren mit Watte verstopft; der Vater durfte keine Bewegung machen oder irgend ein Geräusch hervorrufen. Nun wurden dem Vater Zettel übergeben, auf denen die Anwesenden beliebige Worte aufgeschrieben hatten. Der Vater bettachtete die Zettel einen Augenblick, und die Tochter nannte dann meist rasch und richtig die betreffenden Worte! Das klingt nun frei- lich über alle Maßen wunderbar und scheint die Annahme besonderer „telepathischer" Energien zu rechtfertigen. Aber man braucht nur an die Geschichte vom„klugen HanS" zu erinnern, der anfangs sogar Berliner UmversitäiSprofessorcn narrte, bis man nach heißem Bemühen dahinter kam, daß auch hier nur(wenn auch unwillkürliche) Tricks vorlagen. Ueber den klugen HanS ist denn auch nach Jahres- frist eine gelehrte Abhandlung erschienen, in der alles Wunderbare seine natürlichste Aufklärung fand. Die staunenden Zuschauer hatten stets, ohne eS zu lviffen, bei ihren Fragen an das Pferd irgendeine Nick- oder Neigebewegmig gemacht, oder sie hatten auch, wenn der klopfende Huf bei der richtigen Zahl an- gelangt war, erwartungsvoll den Kopf ganz leise angehoben. Ans diese, in der Psychologie längst bekannten Mitbewegungen hatte sich unser Hans ganz von selber dressiert, ohne vom Inhalt des ge- sprochencn Wortes auch nur eine Silbe zu verstehen. Dr. Kotik hat sich diese Erfahrung nicht zunutze gemacht. Solange nicht ent- sprechende kritische Gegenprüfungen angestellt werden, muß die Ent- deckung einer neuen unsichtbaren und von Mensch zu Mensch wirkenden Naturkraft mit Recht angezivcifelt werden. Paläontologisches. Das Haustieraltcr des Pferdes in England. Bei Bishop's Stortford in Ostengland(an der Grenze von Hert- ford und Essex) wurde unlängst ein vollständiges Pferdeskelett aus- gegraben, das gegen 2 Meter unter der Oberfläche in einer offen- bar niemals vom Menschen gestörten Schicht lag und also wohl zu einer in vorhistorischer Zeit in England lebenden wilden Art gc- hört. Rcv. Dr. Irving, der das Skelett zuerst beschrieb, glaubt: anfangs, es sei ein Hipparionskelett, kam aber dann zu der Ansicht. daß es sich um die Reste eines ncolithischen oder bronzezcitlichcn Pferdes handle. Leider scheint eine Bestimmung des Alters der Schicht, in der der Fund gemacht wurde, unmöglich zu sein. I. C. Ewart konnte das Skelett untersuchen. Wie er, einem Be- richt des„Globus" zufolge, in der„Rature" vom IS. August mitteilt, zeigen Schädel, Zähne und Beine, daß das Pferd von Bishop's Stortford von allen bekannten wilden Pferden der Plei- stozänpcriode abweicht. Andererseits ähnelt es nach Irvings Auf- fassung stark einer Varietät von Walthamstow, die für ueolithisch oder bronzezeitlich gehalten wird. Dieses Walthamstowpferd war wahrscheinlich eine Mischung von einer Wald- und einer Steppen- Varietät, in der die breitstirnigen Waldv.orsahren überwogen. Die Beinknochen zeigen, daß das Pferd von Bishop's Stortford 5» bis 58 Zoll am Widerrist maß, also einige. Zoll mehr als die Waltham- stowpferde im Britischen Museum.— Man nimmt gewöhnlich an. daß in England das Pferd als Haustier erst gegen Ende der Bronze- oder zu Beginn der Eisenzeit gelebt habe, und daß die ein- heimischen englischen Pferde bis zur Ankunft Cäfnrs zu klein gc- Wesen seien, um den Menschen zu tragen. Das Bishop's Stort- fordpfcrd war aber so groß und kräftig wie die in den Grenzkriegen benutzten schottischen Pferde.(Galloways). Sollte sich, sagt Ewart. das Pferd von Bishop's Stortford in der Tat als ueolithisch oder bronzezcitlich erweisen, so müßte man seine bisherigen Ansichten über die Größe der Pferde im Besitz der alten Briten ändern. Berantw. Redakteur: Emil Nnger. Grunewald. — Druck u. Verlag: Vorwärts Buchtruckerei u.Perlagsanjtalt Paul Singer LcTz..Berlin L)V.