Anterhaltungsblatt des Worwärls Nr. 194. Mittwoch, den 6. Oktober. 1909 �Nachdruck betBolen.), �Soldaten fem fchön!" Bilder aus Kaserne und Lazarett, Bon Karl Fischer. . Schaudernd blicke ich diesen zwei Jahren entgegen. Seit meiner Ankunft bis jetzt löste eine Beschäftigung die andere ab. Von dem langweiligen Empfangen und Verpassen der Ausrüstungsgegenstände würde ich gar nichts erwähnen, tvenn das unangenehme Drum und Dran nicht wäre. Die allgemeine Behandlung seitens der Unteroffiziere ist hier auf Bauern und Hausknechte zugeschnitten. Du kannst Dir also denken, welchem Mileu ich mich anpassen muß. Man möchte derzweifelnl Und dann noch die Art und Weise der alten Mannschaft uns Rekruten gegenüber. Es ist fast tragikomisch, daß die alten Mannschaften selbst dazu beitragen, den Re- kruten das Zwangsleben hier durch widerwärtiges Benehmen noch ungenießbarer zu machen. Wir stoßen bei den alten Mannschaften geradezu auf Haßl Wir alle haben darunter zu leiden. Man kommt sich schließlich vor. wie von seinem «eignen Bruder gepeinigt. Mir scheint das ein altes Erbübel Ku sein. Wenn ein Bursche das erste schwere Soldatenjahr ihinter sich hat, dünkt er sich den unwissenden Rekruten gegen- süber als natürlicher Vorgesetzter oder glaubt sie bei jeder «Gelegenheit bevormunden zu können. Der junge Soldat macht es den entlassenen nach, und was man früher ihm getan hat, probiert er nun an den Rekruten. Du glaubst gar nicht, liebe Grete, was man da auszustehen hat. Mit Ab- scheu denke ich noch an den gestrigen Besuch auf unsrer Hand- Werkerstube. Meine Stiefel, die ich vom Kammerunter- offizier auf„militärische" Weise bekam, und die so überriestert sind, daß das Grundleder am Fußteil überhaupt nicht mehr sichtbar sind, sollte ich auf der Handwerkerstube' reparieren lassen. Ich kann es Dir gar nicht Wiederholm, ohne vor Empörung rot zu werden, wie ich von diesen«Kameraden" behandelt wurde. Morgen soll der eigentliche Dienst beginnen. Jeden Morgen von sechs bis sieben Uhr sollen wir Jnstruktions- stunde haben, teils vom Korporalschaftsführer und teils vom Leutnant der Kompagnie. Daran anschließend soll Exerzieren sein. Wie einsam fühle ich mich hier unter so vielen Menschen. Mit keinem kann man ein vernünftiges Wort reden. Alles Leute, die nur das eine Gemeinsame mit mir haben, mit mir empfinden, daß das Soldat sein eine Pein ist. Wie sehne ich mich nach Dir. Es ist kaum einige Tage her, da wir uns itrennten; mir kommt es vor wie eine Ewigkeit I So viel habe ich bereits hier, erlebt. Wie diese zwei Jahre vergehen werden, weiß ich nicht. Ob ich der bleibe, der ich bin, ist mir auch ungewiß. Mit den Wölfen muß man heulen, sagt ein Sprichwort. Wenn ich mich nun in diesen zwei Jahren allem «anpasse, glaube ich kaum, daß ich mich nicht zu meinem Nachteile «verändern werde. Wenn Du hier wärst, würde es vielleicht anders werden. Dann könnte ich Dich wöchentlich einmal be- suchen. Doch ein weiter Raum trennt uns auf zwei Jahre. Denn an Urlaub kann ich auch nicht denken. Dort habe ich keine Wohnung— und für die paar Tage lohnt sich die große Reise auch nicht. Wiewohl ich viel drum geben würde. Dich nur auf Augenblicke zu sehen und zu sprechen die Abschieds- stunde würde für uns beide doch dann zu schwer sein. Ich muß den bitteren Kelch ganz auskosten, dann kann ich wieder als Mensch Dir vor den Augen erscheinen. Schreib mir bitte, recht oft. Das ist das einzige, was Du tun kannst. Jetzt fühle ich erst, was Du mir bist und wie lieb ich Dich Hab. Harre auch Du in Deiner Liebe aus und verzage nicht. In zwei Jahren bin ich wieder ganz Dein. In aufrichtiger Liebe , m Dein Veit." Zehn Minuten vor der festgesetzten Stunde hatten sich die Rekruten in der größten Koporalschaftsstube des Kompagnie- reviers zur Instruktion versammelt. Jeder hat einen Schemel mitbringen müssen. Längs der vier Wände mußten sie sich in drei Reihen auf die in genau geraden Linien stehenden Schemel setzen. Sämtliche Rekrutenunteroffiziere mit dem Feldwebel waren zur Stelle. Die Tür war geöffnet, und die teils auf der Schwelle, teils auf dem Flur stehenden Korporal- schastsführer machten sich über die Unbeholsenheiten oder Eigentümlichkeiten der jungen„Hammel" lustig. Der Feldwebel übte währenddessen mit den Rekruten auf das Kommando„Achtung!", das gleichmäßige vom Schemel- Aufspringen, bis die erlangte Fertigkeit sein militärisches Schönheitsgefühl befriedigte. Der Leutnant mußte den Flur betreten haben. Alle Unteroffiziere zogen sich eiligst in die Stube zurück und nahmen dort in einer Reihe Aufstellung. „Achtung!" kommandierte der Feldwebel. Nach einem donnerähnlichen Schlage stand alles still. „Sieben Unteroffiziere, achtundfünfzig Rekruten zur Instruktion zur Stelle!" meldete der Feldwebel d??� ein- tretenden Leutnant. Ein feiner Beobachter konnte bemerken, daß er sich den Rekruten gegenüber als Persönlichkeit fühlte. Mit herab- lassendem Stolz berührte er mit dem rechten Zeigefinger sein Mützenschild. „Lassen Sie die Leute rühren!" sagte er mit einer dünnen schneidenden Stimme. „Rührt Euch!" schrie der Feldwebel. Der Leutnant ging von einem Rekruten zum andern und stellte die üblichen Fragen, die schon jeder im geschriebenen Lebenslauf beantwortet hatte. Er war der richtige Typus des Leutnants einer kleinen Garnison. Geschniegelt und gebügelt. Alles an ihm verriet den Kleinstädter. Das Gesicht war nicht besonders hübsch. Ein Schnurrbärtchen, wie üblich nach oben gewichst, gab seinem Gesicht den militärischen Zuschnitt. Im Offiziers- jargon erkundigte er sich nach der Herkunft jedes einzelnen. Bei den Antworten lernten die Rekruten einander erst kennen. Die, welche von Beruf Kaufleute oder Schreiber waren, ließ er fühlen, daß ihr Erwerbszweig nicht zu den belieb- testen der Kompagnie gehörte. „Was sind Sie?" fragte er einen robust aussehenden Burschen, dem man den Bauern ansah, „Landwirtschaftlicher Gehilfe." „Also Mistkutscher I Und Sie?" „Friseur!" „Da können Sie sich hier in der Kompagnie beliebt machen. Und Sie da, mit dem Stiftekopp?." „Schreiber! Herr Leutnant." „Lassen Sie sich vor allem die Haare wachsen, damit sie militärisch gescheitelt werden können. Kahlköppe können wir hier nicht brauchen. Ueberhaupt," wandte er sich an alle, „hat jeder mit tadellosem Anzug hier zu erscheinen, tadellos gekämmtem Haar und sauber gewaschenen Händen. Ich werde mich in jeder Stunde davon überzeugem" „Wie heißen Sie denn, mit den vielen Pickeln in der Visage?— Sie mein' ich! Was gucken Sie mich denn so blödsinnig an? Was sind Sie?" „Fabrikarbeiter." „Wie heißen Sie?" „Beck." „Alter Freund, Ihnen scheint die Fabrik noch in den Knochen zu stecken� Hier sind Sie beim Kommis! Verstanden?" „Jawohl, Herr Leutnant!" „Waren Sie in einem Verein?' „Im Turnverein." „Sonst in keinem?" "„Nein!" «Die Sozzengeschichte gibts hier nicht! Wo kommen Sie denn her?" „Aus Erfurt." „Das ist wohl ein rotes Nest, was? Sind sie vorbestraft?" „Jawohl!" „Wie denn?" „30 Mark Geldstrafe wegen Körperverletzung." „Reißen Sie sich nur ja zusammen! Sonst können Sie Ihre Militärzeit im Loch zubringen. Rowdys hgben's hy uns nicht gut,". „We leicht Sie?" Damit nickte er einem mit hochrotem Geficht verlegen dastchenden Rekruten zu. „Herr Leutnant, ich heiße Bindeske." buchstabierte ein Rekrut her. „Sie sind Wohl ein bißchen schwach im Schädel?" „Ich weiß nicht." „Sie Wissens nicht? Jedenfalls sehen Sie ziemlich be- schränkt aus." Amüsiert kircherten die an der Tür stehenden Unter- offiziere in sich hinein. „Schmeckt Ihnen denn das Essen hier, Bindeske?" „Jawohl. Herr Leutnant I" „Werden Sie auch satt?"- „Jawohl, Herr Leutnant!" Wenn Sie nicht genug haben, brauchen Sie's mir nur zu sagen.— Sie scheinen ein bißchen dumm zu sein, aber sonst ein ganz braver Kerl." Die Stunde verging, ohne daß es zu der eigentlichen Instruktion gekommen wäre. Auf dem Kasernenhof folgte der erste Exerzierdienst. Am Nachmittag war Aufstellung vor dem vom Urlaub zurückgekehrten Hauptmann. In zwei Reihen, mit einem Schritt Abstand, mußten sich die Rekruten auf dem Exerzier- Platz aufstellen. Der Hauptniann ritt von einem zum andern und stellte die den Rekruten schon zum Ueberdruß bekannten Fragen. Volter merkte es manchem Rekruten an. wie ver- legen sie der durchdringende Blick des Hauptmanns machte, sobald dieser vor ihnen stand. Eine stattliche Figur, der Hauptmann. Sein wohl- geformtes Gesicht hatte einen lebenslustigen Ausdruck. Sein blonder Schnurrbart war sorgfältig nach den Seiten ge- strichen. Das Haupthaar an den Schläfen war ein wenig angegraut, was sein Gesicht noch männlicher erscheinen ließ. Wenn er mit seinen Rekruten sprach, nahmen seine Augen einen Respekt einflößenden Ausdruck an, wodurch manch harmloser Rekryt befangen wurde. �*' tFortsetzung folgt.) (Nachdruck verdoten.Z ßrunftzcit. ',, Von Dr. ErnstSchrade r/)s Herbststimmungl Durchsichtiger ist die Atmosphäre als sonst. Die silbernen Fäden des Altweibersommers schweben durch die Luft oder wehen wie lange weiße Wimpel vom Top hoher Halme, die dürr und gelb emporstarren über den fahlen Wiesen- grund, wo summende Bienen aus den pfirsichblütsarbenen Sekt- kelchcn der Herbstzeitlosen Spätsommers letzte Süßigkeit schlürfen. — Und nun hebe den Blick zu den waldgekrönten Buckeln der Berge, die das Tal deiner Wanderung umfassen! Dunkelgrün noch stehen die Fichten, erhaben über den Wechsel der Jahreszeiten; aber die Ahornbäume und Birken, die ihre Kronen am Saume des Forstes entfalten, leuchten weithin im Schmucke ihres rein gelben Laubes; und die flechtenbedeckten Stämme der Eberesche, die an den Seiten der Landstraße Spalier stehen, haben in bren- nendcs Rot ihr gefiedertes Blätterwerk getaucht. Alle Nuancen der unendlichen Stufenfolge von Purpur bis Orange hat die Natur auf ihrer Palette ausgebreitet und mit farbensattem Pinsel ein Gemälde geschaffen von überwältigender Wirkung. Wohl klingt noch durch den Tann das trauliche„irr pink pink pink, irr pink pink pink" des Buchfinken, und die Tannenmeisen rufen einander ihr„tüitititi, tüitititi" zu; aber vorbei ist es mit den„tausend Stimmen aus dem Gesträuch", und der Jubelchor von Sängern, der im Frühling seine Lieder durch den maien- grünen Wald schmetterte, ist verstummt. Doch auch die herbstliche Landschaft hat ihre besonderen Stimmen. Nicht meinen wir das kreischende„Näh", das der Eichelhäher ausstößt, wenn er umher- fliegt, Eicheln und Bucheckern zu ernten. Erst in den Stunden des Spätnachmittages und dann die ganze Nacht hindurch bis zum neuen Sonnenaufgang hallen jene Laute, die den anderen Jahres- zciten fremd sind, weithin über Berg und Tal mit machtvoller Klangfülle— das„Röhren" des Edelhirsches. Hirschbrunst nennen wir die Zeit, wo der König unserer Wälder Hochzeit hält und mit herausforderndem Brüllen den Gegner zum Kampfe lädt. Auf dem rasigen Boden einer Lichtung hat er sich einen„Brunstplan" angelegt, mit den Klauen der Vorderbeine und Mit den Augensprossen des Geweihes das Erd- reich aufscharrend. Von Ende August bis tief in den Oktober hinein ") Wir entnehmen diese Betrachtungen dem vortrefflichen Büchlein:„Aus dem Liebesleben der Tier e", biologische Betrachtungen über die Begattung im Tierreich von Dr. Ernst Schräder, das im Verlag der Franckhschen Verlagshandlung in Stuttgart erschienen ist(Preis brosch. 1,4» M.). hält er hier mit Vorliebe sich auf; und dankt ist sie vorüber, R« Zeit höchster Leidenschaft. Gestillt ist die zuerst scheinbar unersätt»! liche Begierde, Herr einer möglichst großen Schar von Weibchen zui sein— besonders kapitale Hirsche decken gelegentlich bis zwanzig Kühe—, und ausgetobt haben die hitzigen Gefechte der Neben? buhler. �> Die Erscheinung, daß das Liebesleben auf einen ganz be? stimmten Abschnitt des Jahres von verhältnismäßig geringem Umfang beschränkt ist, daß also eine sogenannte„Brunftzeit" odev „Brunstzeit" sich ausgebildet hat, findet sich fast bei allen höhereni Tieren, soweit sie nicht— wie viele Haustiere— dem direkten Ein« fluffe der Naturgewalten entzogen sind. �• Bei der Mehrzahl der Säugetiere, die unter einem Klima Hausen, das periodischen Wechsel einer lebenbegünstigenden und einer lebensfeindlichen Jahreszeit zeigt, und die nicht in einer unterirdischen Wochcnstube geschützt und verborgen ihre Jungen zur Welt bringen, erscheint es notwendig, daß die Geburt der Nach? kommenschaft zu einem Zeitpunkt stattfindet, an welchem zunächst die Witterung einen hinreichend milden Charakter angenommer» hat, so daß Kälte oder anderweitige Ungunst die Existenz der noch so zarten Kleinen nicht allzustark mehr bedrohen. Des weiteren wird es wünschenswert sein, daß auch das Pflanzenkleid der Erde sowie das Tierleben bereits hinlänglich entfaltet ist, um dem Muttertier, das zur Bereitung der den Jungen darzureichenden! Milch seinem Körper nährende Stoffe in größerer Menge zu? führen muß, die nötige Kost bieten zu können. Und wenn dann die heranwachsenden Säugetierkinder in ihrer EntWickelung soweit vorwärts gekommen sind, daß sie— der Mutterbruft entwöhnt— selbständig auf Nahrungserwerb auszugehen imstande find, so muß auch dieser hochbedeutungsvolle Schritt unternommen werden inner» halb eines Jahresabfchnittes, wo Wald und Flur noch nicht verödet! und entvölkert daliegen unter dem harten Joch lebenzerstörender Witterungsfaktoren. Und welche Periode des Jahres erfüllt hier in unseren gemäßigten Breiten alle die drei soeben aufgezählten! Bedingungen wohl glänzender als der Frühling oder der Sommer! Dabei genießen die Tierbabys, die bei ihrer Geburt von lauer Lenzesluft umflutet werden, noch den weiteren wertvollen Vorteil, daß ihnen bis zum Herbste eine ausreichende Spanne Zeit zur Verfügung steht, während der sie Widerstandskraft zur Genüge gewinnen können gegen den Angriff des eisgepanzerten Winters, Wenn aber— und die vorstehenden Erörterungen dürsten eine überzeugende Sprache zugunsten einer solchen Auffassung reden— die Rücksicht auf Ernährung und Schutz der jugendlichen Nachkommenschaft es erfordert, daß bei vielen Säugetierarten die Stunde der Entbindung in eine ganz bestimmte Jahreszeit fallen muß. so ergibt sich, da auch die Periode der Schwangerschast bei jeder Spezies eine bestimmte Anzahl von Monaten umfaßt, mit zwingender Notwendigkeit, daß die Zeit der Begattung, die Brunst, sich ebenfalls beschränken muh auf eine Reihe ein für allemal festliegender Kalenderwochen. Für die Lage dieses Zeitabschnittes mit ausschlaggebend ist endlich als vierter Faktor der Ernährungs» zustand des Männchens. Auf der Höhe vollster Kraftentfaltung muß es stehen, um den Stürmen zerrüttender Leidenschast und den Anforderungen häufig sich wiederholender gewaltiger geschlechtlicher Exzesse gewachsen zu sein., Und hiermit haben wir eine biologische Erklärung dafür ge? Wonnen, warum nur über der herbstlichen Landschaft zauberischer Pracht der hallende Schrei des brünstigen Edelhirsches die Luft erzittern läßt. Etwa im September werden die Hirschkühe gedeckt; und während deS Winters wächst dann in' ihrem Leibe die Frucht allmählich heran, ernährt von den Vorratsstoffen des mütterlichen Körpers, die in der kräuterreichen Sommerszeit aufgestapelt wur» den. Ungefähr vierzig Wochen währt die Periode der Schwanger» schaft; und also erst gegen Ende Mai des kommenden Jahres wird das Junge— meist ist es nur eins, seltener zwei oder sogar drei— am Grunde eines waldigen Versteckes, das die kreisende Mutter, vom Rudel sich absondernd, zur einsamen Wochenstube er» kor, ans Licht der Welt gebracht. Und jetzt ist just die Zeit, wo auf der Waldwiese die saftigsten Kräuter sprießen, als treffliche Kost für die säugende Hirschkuh. Und wenn dann, Wochen darauf, die jungen Kälber selbständig zu äsen beginnen, so steht ihnen allent- halben reichliche Speise zur Verfügung. So nehmen sie zu an Größe und Kraft, und die rauhen Stürme des Herbstes finden sie gewappnet gegen jegliche Unbilden.— Besonders merkwürdig gestalten sich die hier zur Erörterung gestellten Verhältnisse bei manchen unserer heimischen Fleder- mausarten. Daß diese mit Unrecht so verabscheuten Geschöpfe im Herbste zur Begattung schreiten, kann uns zunächst nicht wunder» bar erscheinen; denn um diese Zeit stehen sie, nachdem sie den ganzen Sommer hindurch eifrigst der Jnsektenjagd obgelegen, in einem vortrefflichen Ernährungszustand, und ihr Embonpoint hat das Maximum seiner EntWickelung erreicht. Aeuherst seltsam aber ist es. daß der in den Körper des Weibchens eingeflößte Samen, ohne daß es zu irgendeinem Befruchtungsprozesse kommt, ruhig in der Gebärmutter(Uterus) liegen bleibt; ein höchst eigenartiges Verhalten, das aber alsbald seine Erklärung findet, wenn wir in Rechnung ziehen, daß die Fledermäuse in einen ungemein tiefen Winterschlaf verfallen, während dessen sie alle Vorratsstoffe ihres Leibes zusammenhalten müssen, um nur das bloße Leben als solches über die rauhe Jahreszeit hinüberzuretten. Daß während dieser Epoche äußerster Not die Weibchen nicht imstande sein können, auch noch für einen oder mehrere in ihrer Gebärmutter heranwachsende Embryonen nährende Substanzen abzugeben, liegt auf der Hand; und so erscheint eS uns als eine sinnreiche Einrichtung, daß der Akt der Befruchtung sich erst im Frühling, wenn der Jnsektenfang draußen wieder beginnen kann, im Inneren des Mutterleibes voll- zieht. Warum aber— so höre ich fragen— findet dann nicht auch die Begattung erst im Lenze statt? Nun, auch die Männchen halten ja einen Winterschlaf; auch sie erwachen, wenn die laue Früh- iingsluft sie umspült, in einem arg heruntergekommenen Zustand, in welchem sie dem aufreibenden Spiele süßer Minne kaum ge- «vachsen sein dürsten. Die Mitteilungen über die Fledermäuse erinnern manchen Leser vielleicht an die merkwürdigen Verhältniffe, die über der Fortpflanzungsweife unseres Rehes obwalten. Bekanntlich liegt die Brunstzeit die>er Tiere, die sogenannte„Blattzeit", etwa im August; die Geburt der Jungen— meist sind es Zwillinge, ein Männchen und ein Weibchen— findet aber erst im Mai des kom- wenden Jahres statt. Diese Erscheinung ist auffallend genug, um die Jägersleute, die ja abenteuerlichen Erklärungen nicht selten nicht ganz abgeneigt sein sollen, zur Aufstellung der seltsamsten Behauptungen zu veranlassen. So hört man gelegentlich, daß die Ricke im Herbste, etwa zur Brunstzeit der Hirsche, nochmals be- gattet würde, und daß dann erst die eigentliche Befruchtung ein- träte. In Wirklichkeit beginnt die Schwangerschaft natürlich schon im August. Während deS Winters aber ruht die Weiterentwicke- lung der heranreifenden Frucht. Offenbar sind hier die dürftigen Ernährungsverhältnisse, wie sie die rauhe Jahreszeit mit sich bringt, mit von Einfluß, insofern als sie dem selbst oft argen Hunger leidenden Muttertiere nicht gestatten, für das in seinem Leibe ge- jborgene Embrhonenpaar Nährstoffe abzugeben. Uebrigens haben bei weitem nicht alle Säugetiere nur eine 'einzige Brunstzeit im Kreislaufe eines Jahres aufzuweisen. Bei den großen Huftieren, die viele Monate hindurch trächtig sind und alljährlich höchstens einmal Junge werfen, blüht naturgemäß auch der Liebesmai nur einmal im Jahre. Anders liegen die Dinge aber z. B. bei vielen der kleineren Nagetiere. Von tausend Feinden verfolgt, der verderblichen Wirkung widriger Witterung oft schutzlos preisgegeben, können diese schwachen Geschöpfe nur durch eine ins Ungeheuere gesteigerte Fruchtbarkeit den ihnen drohenden Gefahren begegnen, und der immer aufs neue ge- schwängerte Uterus der Weibchen ist für sie die wertvollste Waffe, mit der sie sich in dem rasenden Kampfe ums Dasein behaupten. Bekannt in dieser Beziehung sind ja die Kaninchen. Vom frühesten Borfrühling an bis tief hinein in den Herbst löst in etwa fechs- wöchentlichen Zwischenräumen ein Wochenbett das andere ab, und der„Rammler" hat während dieser Periode sozusagen eine ganze Kette von rasch aufeinanderfolgenden Brunstzeiten durchzumachen. Die Eskimos. Der Streit zwischen Pcary und Cook um den Vorrang in der Nordpolentdeckung hat die Aufmerksamkeit der ganzen Kultur- weit auf das weit entrückte Eskimovolk gelenkt, aus dessen Mitte sich die„einwandfreien Zeugen" stellen sollen. Mit einem solchen einwandfreien Zeugnis steht es nun ähnlich wie mit den Berichten, die vor nicht langer Zeit bisweilen von einem„glaubwürdigen" Herero geliefert wurden. Man weiß in den breiten Volksschichten Europas überhaupt nicht viel von jenen Enkeln einer aus den Ländern der gemäßigten Zone seit undenklich langen Zeiten ver- Fchwundenen poläolithischen laltsteinzeitlichen) Urbevölkerung, die zetzt noch in den arktischen Gegenden Hausen. Daß sie aber einem wissenschaftlick>en Kreuzverhör nicht gewachsen sein dürften, ist gleichsam gefühlsmäßig auch denen klar, die nichts oder so gut wie nichts von ihren Lebensgewohnheiten gehört haben. Heute ist das Interesse an den Eskimos ein sehr reges geworden, und jede Veröffentlichung über das seltsame Völkchen findet eifrigste Beachtung. In der Zeitschrift„Science Progreß" gibt ein hervor- ragender englischer Gelehrter, Professor Sollas, wertvolle Beiträge zur Kenntnis der„modernen Vertreter" der paläolithischen Rassen. Der Name„Eskimo" stammt, wie dies auch bei manchen schottischen Clans vorkommt, von ihren Feinden, in diesem Fall also von den Indianern, und bedeutet„Esser von rohem Fleisch". Allerdings geschieht den Eskimos mit diesem Namen Unrecht, denn sie Pflegen nur im Fall äußerster Not und um sich vor dem Verhungern zu schützen, unzubereitetes Fleisch zu genießen. Sie selbst be- zeichnen sich mit dem Namen„Jnnuit". was einfach.„Menschen" bedeutet. Die Eskimos bewohnen die arktischen Gebiete von Grön- land bis Alaska. Auch die Bleuten und der äußerste Nord-Osten Asiens bis zur Koljutschinbai ist Eskimogebiet. Nach einer von dem deutschen Geographen Professor Hassert vorgenommenen Schätzung zählen sie ungefähr vierzigtausend Köpfe. Die in Kamtschatka und im äußersten Nordosten Sibiriens ansässigen Tschuktschen und Kamtschadalen sind nicht den Eskimos zuzurechnen, fondern gehören einer anderen Rasse an. Die Eskimos sind aller- orten durch eine große Uebereinstimmung in ihren körperlichen Merkmalen gekennzeichnet. Obgleich auch die Lebensweise und die Sprache überall die gleichen sind, haben sie keinerlei staatliche Gemeinschaft ausgebildet und stellen vielmehr eine lockere Masse dar. Häuptlinge gibt es nicht, und auch die als„Angakok" be- zeichneten Medizinmänner haben keine sehr bevorrechtete Stellung. Ein Unterschied in der Art der Arbeit besteht lediglich zwischen den beiden Geschlechtern. Die Eskimosprache zerfällt in etwa funfzta verschiedene Mundarten, wovon jedoch die am stärksten verschiedenen» wie sie einerseits im östlichen Grönland und' andererseits an der asiatischen Seite der Beringstraße gesprochen werden, nicht mehr von einander abweichen als z. B. das Englische vom Deutschen, W. Thalbitzer, der jüngste Erforscher der Eskimosprache, bezeichnet sie als ganz vereinzelt dastehend. Weder in Asien noch in Amerika findet sich ein Idiom, das mit ihr irgendwie in Zusammenhang gebracht werden könnte. Ebenso wie die Sprache ist auch die körper» liche Beschaffenheit der Eskimos ganz eigentümlich. Sie sind von kleiner Statur. Die mittlere Körperhöhe der Grönländer beträgt nur 162 Zentimeter. Ihr tiefschwarzes Haar gleicht einer Pferde- mähne. Die Haut ist rötlichbraun und erinnert bei der Berührung an die der Neger. Die in großen Höhlen liegenden Augen sind dunkel, die Nase ich gleichzeitig lang und breit, der Schädel lang und hoch. Seltsamerweise ist die Schädclhöhle sehr groß. Nach Messungen von Duckworth beträgt ihr Inhalt 1550 Kubikzentimeter, also mehr als bei manchen der höchstentwickelten europäischen» Kulturvölker. Die bei beiden Geschlechtern ganz gleiche Tracht besteht aus kurzen Beinkleidern und einem Obergewand, das nach oben in eine Kapuze endigt. Die Beinkleider setzen sich bisweiler» in eine Art von Gamaschen fort. In der Herstellung von Schuhen» deren sie eine große Zahl verschiedener Arten kennen, sind sie sehr geschickt. Die Natur hat sie zu trefflichen Schustern erzogen, und sie verstehen ihr Schuhwerk für die langen Märsche über daS Eis ausgezeichnet zu besohlen. In ihrer Hausindustrie spielen die Nobbendärme eine große Rolle; sie dienen u. a. auch als Ersatz für Fensterglas. Die Kleidung wird nur im Freien getragen. In» Innern der Hütten gehen die Eskimos stets nackt, und jeder Gast wird vor allem aufgefordert, sich seiner Kleider zu entledigen. Unter Berücksichtigung der ungeheuren Schwierigkeiten, denen die Eskimos im Kampf ums Dasein gegenüberstehen, kann man sie nicht als eine sehr niedrig stehende Rasse bezeichnen. Es ist ihnen gelungen» ein Frostgebiet zu besiedeln, in dem jeder andere Mensch zugrunde gegangen wäre. Dabei sind sie von heiterer Gemütsart und besitzen mancherlei liebenswürdige Eigenschaften. Wie so vielen Natur» Völkern hat auch ihnen die Berührung mit der weißen Nasse keinen Segen gebracht. Verarmung, Selbstsucht und Hcrabmindcrung des Selbstbewußtseins kamen im Gefolge der Eindringlinge aus Europa und Amerika zu ihnen. Es scheint, daß dieser ungünstige Einfluß kaum eine Ausnahme zeigt. Rink schildert! in seinem Werke über Grönland die Missionen New-Herrenhut und Lichtenfels in recht bezeichnender Weise. Jede dieser Stationen beherbergt etwa hundert Eingeborene. Die Missionsgebäude sind hübsch, geräumig, für grönländische Verhältnisse sogar stattlich zu nennen. Aber sie werden hauptsächlich von den Missionaren bewohnt. Die Ein- geborenen Hausen in elenden Hütten ringsumher auf dem Feisem. Diese Wohnungen erinnern eigentlich mehr an die Form eines Düngerhaufens als an menschliche Wohnungen. In Grönland nimmt ihre Zahl stark ab. Mit ihrem Verschwinden wird dieser „sechste" Erdteil ein unbewohntes Land geworden sein, denn ohne den Eskimo vermag der Europäer in jenen Gegenden nicht z;» bestehen� und damit werden auch Nordpolexpeditionen immer schwieriger werden. Ob der Fuß eines Eskimo nicht längst vor Peary und Cook den Pol betreten hat, wird nie festzustellen seig. Als Möglichkeit muß man es wohl gelten- lassen, Kleines feuilleton» Literarisches. Paul Göhre, Die neueste Kirchenaustrittsbewegung aus den Landeskirchen in Deutschland.(Verlegt bei Eugen DiederichS in Jena, 1S0S.) Die Schrift versucht zum ersten Male, das Wesen der neuen Kirchcnaustrittsbewegung klar zu machen. Der Verfasser vermeidet es löblicherweise, in irgend einer Weise diese Bewegung mit der sozialdemokratischen Parteibewegung zu verknüpfen. Ueberhaupt liefert er nichts weiter als einen objektiven Bericht. Das erste Kapitel legt die Rückständigkeit gerade der deutschen Kirchen(evangelischer wie katholischer) bloß. Mit Recht wird darauf hingewiesen, daß die Reaktion nicht nur oben in der Regierung, sondern in den Herzen der Geistlichen selber sitzt, was die Beschlüsse des deutschen Pfarrertages genugsam beweisen. Während das zweite Kapitel die vielfachen Hindernisse beleuchtet. die den Austretenden in den Weg gelegt werden, sucht das dritte die Eigenart der stüheren Kirchenaustritte im Unterschied von den heutigen aufzuzeigen. Alle früheren KirchenauStritte erweisen sich alS em Auswechseln von Personen innerhalb der einzelnen Kirchen bezw. Sekten. Sehr anschaulich zeichnet der Verfasser die Gründe dieser Kirchenaustritte in den modernen Produktions« Verhältnissen mit ihrer Unzahl von Mischehen, mit ihrer rück» ständigen, das Scktenwesen begünstigenden Heimarbeit usw. Der Charakter der neuen AustrittSbewcgung liegt darin, daß hier der Austritt vollzogen wird,.um dauernd jeder Religionsgemeinschaft fernzubleiben. Die neue Bewegung ist eine ausschließlich prole» tariiche. Daß die Proletarier, die sie tragen, fast ausschließlich Sozialdemokraten sind, liegt nicht an der sozialdemokratischen Partei. sondern daran, daß die sozialdemokratischen Arbeiter es zugleich sind, die die Ergebnisse tac modernen Forschung am meisten in sich auf» ...kv genommen und den Klassencharakter der Mrche am meisten und ehesten zu fühlen bekoinmen haben. Als äußeren An« laß der neuen Austrittsbewegung bestimmt das siebente Kapitel richtig das Schulverfassungsgesetz und die preu- ßische Wahlreform. Besonders der Kampf um letztere zeigt. daß die Kirchenaustrittsbewegung hervorragend politischen Charakter trägt. Sie ist ein politisches Kampfmittel. Die bisherigen Erfolge werden ohne Uebertreibung und ruhig gebucht. Der Ver- fasser kommt auf Grund mannigfacher Materialsammlungen zu dem Resultat, daß innerhalb der letzten drei Jahre etwa 30 000 Menschen der Kirche den Rücken gekehrt haben. Auch der Einfluß der Mrche, wie er sich in der Zahl der von ihr vorgenommenen Amts- Handlungen zeigt, geht prozentual stark zurück, bei Katholiken fast noch mehr als bei Protestanten. Ein vorletztes Kapitel erörtert die kläglichen Rückeroberungsversuche der Kirche. Weder hat sie die Wurzeln der Bewegung erkannt, noch weiß fie anständige Mittel, ihr Einhalt zu tun. Schließlich ruft sie nach dem Arm der Polizei. sVergl. die Synodalverhandlunge» von Brandenburg und Berlin II.) Ueber die Zukunft der Bewegung gibt sich der Verfasser keinem übergroßen Optimismus hin. Wächst sie, so kann das nur geschehen, wenn diejenigen Faktoren, die fie bisher noch hielten, auch ferner in Wirksamkeit bleiben— wozu freilich alle Aussicht vorhanden ist. Der Verfasser beabsichtigt, über den even- tuellen Fortgang der Bewegung weiter zu berichten. Bei der Tot- schweigetaktik der amtlichen Behörden ist es ihm daher doppelt er- wünscht, alles einschlägige Material(Zeitungsartikel, Zahlenangaben, kirchliche Verordnungen, Resolutionen usw.) von Freunden der Be- tvegung zu erhalten. Erziehung und Unterricht. Der Schülerstaat. Ueber die Schulgemcinde, einen Schüler- staat, einen Staat im kleinen, der auf dem Gedanken aufgebaut ist, daß bei denkenden Wesen die Selbstregierung, die Zwangs- regierung, die Selbstbestimmung und freiwillige Unterordnung unter den Zusammengehörigkcitsgedanken der Machtherrschaft vor- zuziehen sei, schreibt die„Köln. Ztg.": Im Grunde genommen ist es ein alter liberaler Gedanke, der in neuem Gewände auftaucht. Seine Heimat ist diesmal— wie natürlich?— Amerika. Man kann ihm vielleicht in seiner Anwendung auf die Schule und auf die in ihr notwendig herrschende Zucht skeptisch gegenüberstehen. Da ist es interefiant, zu beobachten, wie denn die Versuche zur vebertragung in die Wirklichkeit ausfallen. Auf der Versammlung der deutschen Schulmänner und Philologen in Graz hat in diesen Tagen Dr. Prodinger, Professor am deutsche» Gymnasium in Pola, einen beachtenswerten Bericht darüber erstatten können, wie die Schulgemeinde an seiner Anstalt sich im ersten Jahre der Neu- «inrichtung bewährt hat. Es handelt sich dabei überhaupt um eine Neuerung für Oesterreich, dessen Boden in vieler Hinsicht für solche Versuche noch viel empfindlicher und ungünstiger ist als anderswo. Man denke nur an das nationale Ätasaik und seine Zusammen- würfelung verschiedenen Geblüts, verschiedener Kulturen und Kulturgrade und verschiedener Traditionen. Hier muß eine Neuerung auf viel größere Bedenken und Hindernisse stoßen als jn einheitlicher gestalteten Ländern. Nach den Ausführungen Dr. Prodingers ist der Versuch mit einer Schulgemeinde durchaus geglückt. Die Schüler haben eine„Verfassung" erhalten, nach der sie sich selbst verwalten und selbst für Zucht und Ordnung unter sich zu sorgen haben. In jeder Klasse wirken für je 14 Tage eine Anzahl Ordner unter einem Vorsteher. Es ist ein eigener Gerichtshof gebildet, und sein Wirken, wobei von jeder Freiheits- strafe abgesehen wurde, war derart erfolgreich, daß alle sonst vor- kommenden schweren Disziplinarvergehen vollständig ausgerottet schienen. Und mehr noch. Die volle Selbstverwaltung hat auch— wenn auch nur in dem in Frage stehenden engeren Kreise der Schülergemeinde— das Wunder für österreichische Verhältnisse bewirkt, daß auch die Nationalitätenfrage erfolgreich gelöst worden ist. Und doch stehen sich in Pola Deutsche, Italiener und Slawen gegenüber, von Stammes- und politischen Untcrgruppierungen ganz abgesehen. Der Versuch der Schulgemeinde steht dort jetzt im zweiten Semester. Er ist also noch nicht viel mehr als ein Anfang, aber bisher ein glücklicher und vielversprechender. Daß der Bericht Dr. Prodingers auf reges pädagogisches Interesse stößt, jst wohl zu erwarten. Das liberale Blatt schließt seinen Bericht mit einer Be- merkung, der auch wir durchaus zustimmen können: Man wird den weiteren Verlauf des eigenartigen und höchst bemerkenswerten Versuchs mit Interesse verfolgen und den Wunsch aussprechen dürfen, daß auch durch zahlreiche Versuche an anderen Orten und unter anderen Verhältnissen ein möglichst vollkommenes Bild er- zielt und ein sicheres Urteil in dieser für unsere Schulverhältnisse so wichtigen Frage gewonnen werde. Nur ist zu fordern, daß dieser pädagogische Fortschritt, der nebenbei bemerkt seine historischen Vorläufer hat, nicht auf die höheren Schulen beschränkt bleibe und nicht etwa zu einer Lehrer- ersparung ausgebeutet werde. Geologisches. Das ehemalige Tropenklima am Nordpol. Wer mit der geologischen Wissenschaft nicht auf einigermaßen vertrautem Fuße steht, dem wird die Nachricht, daß Professor Mac Millan von der Pearh-Expedision Beweise für ein ehemaliges Tropenklima km höchsten Norden beigebracht haben soll, ganz besonders merkwürdig und vielleicht unglaubhaft erscheinen. Den Geologen aber kann diese Entdeckung keineswegs überraschen, da schon eine große Anzahl ftüherer Funde daraus vorbereitet haben. Wenn die Peary« Expedition in einer Breite von 81 Grad und 2S Minuten die Reste ausgestorbener tropischer Tiere zutage gefördert� hat, so ist daran zu erinnern, daß schon von früher her Pflanzenreste von tropischem Charakter bis zum Grinnell-Land in einer Breite von 81 Grad und 4S Minuten nachgewiesen find. Stellt man kurz zusammen, was im wesentlichen von solchen Resten aus dem Roropolargebiet bekannt geworden ist. so sind an erster Stelle die Ueberbleibsel ausgestorbener Tiere aus der Jurazeit zu nennen, die sowohl an der Ostküste von Grönland wie in Spitzbergen gefunden wurden. Es ist eine für die mutmaß- lichen Zusammenhänge der damaligen Festländer auf der Erde wichtige Tatsache, daß jene ausgestorbenen Tiere sehr wenig Verwandtschaft mit den Juratieren in Mitteleuropa, also etwa aus der Schwäbischen Alb zeigen, dagegen eine weit größere Aehnlichkeit mit der Lebewelt des Russischen Jura haben. Aus der Kreide finden sich Ablagerungen in dem nördlichen Grönland in einer Breite von 70 Grad mit Pflanzenresten, unter denen die eigentümlichsten wohl die Blätter eines ArtocarpuS sind. Diese Gattung ist nämlich nichts anderes als der oftgenannte Brotftuchtbaum, der heute fast ausschließlich auf die heiße Zone beschränkt ist. Sehr bedeutend sind dann ferner die bereits kurz erwähnten Funde von tertiären Pflanzen aus der Unterabteilung des Miocän, wie die obere Stufe der jüngeren Terttärzeit genannt wird. Es sind fast 400 Pflanzenarten dieses geologischen Alters aus dem Nord» polargebiet beschrieben worden, und es ist zunächst am wahrschein- lichsten, daß auch einer der neuen Funde der Peary-Expedition auf pflanzliche Vertreter dieser Epoche zu deuten sein werde, obgleich das angebliche Vorkommen von Kohlenlagern im höchsten Norden vielleicht auch auf das Vorhandensein der sehr viel älteren Steinkohlen- formation hinweist. Steinkohlenlager von so hohem Alter sind längst aus Spitzbergen, Rowoja-Scmlja und dem nördlichsten Amerika bekannt. Der Laiejoird nun geneigt sein, ans diesen Tatsachen ohne weiteres den Schluß zu ziehen, daß danach in früherer Zeit in der Gegend des Nordpols ein heißes oder wenigstens verhältnismäßig warmes Klima geherrscht haben mutz. Für die älteren Zeiten der Erdgeschichte gibt die Geologie diese Forderung im allgemeinen zu, denn sie vertritt im großen und ganzen noch immer die Annahme, daß die klimatischen Unterschiede nach kalten, gemäßigten und heißen Zonen sich auf der Erde erst vergleichsweise spät, nämlich gegen das Ende der Terttärzeit, herausgebildet haben. Als sicher erwiesen kann diese Annahme jedoch nicht gelten. Um ihre Glaubwürdigkeit zu er« schütten:, braucht man nur die Tatsache ins Feld zu führen. daß solche Tiere wie Elefant und Rhinozeros noch vor einer, geologisch gesprochen, kurzen Zeit in Mitteleuropa und in Nordasien gehaust haben und daß sich die Leichen des Mammut im sibirischen Eisboden eingeschlossen finden. Auch ist eS, dank der vollständigen Erhaltung dieser Riesenleichname in dem Eis möglich gewesen, festzustellen, wovon sich die Mammuts in Sibirien genährt haben, indem an ihren Zähnen noch Nahrungsmittel haften geblieben waren. Nach deren Untersuchung ist kein Zweifel daran möglich, daß diese ausgestorbenen Vertreter des Elefantengeschlechts dort auch von nordischen Pflanzen sich genährt, und daß sie demnach in einem recht kalten Klima gelebt haben,, wie es ungefähr dem heutigen sibirischen Klima entsprochen haben dürfte. Auch der Umstand. daß die Mammuts im Gegensatz zu allen lebenden Vertretern ihrer Sippe einen starken, bis zur EntWickelung von Mähnen ausgebildeten Haar- wuchs besessen haben, zeigt aufs deutlichste, daß fie einen Schutz gegen Kälte nöttg hatten. Was lehren nun diese Dinge? Doch wohl, daß die Lebewesen eine ziemlich bedeutende Anpassungsfähigkeit an verschiedene Klimate befitzen. Es wäre also vorschnell, wenn man auS dem Fund einer Pflanze oder eine? Tieres, dessen Verwandte heute in einem anderen Klima leben, den sicheren Schluß ziehen wollte, daß in dem Gebiet jene? Fundes zu Lebzeiten jener Organismen dasselbe Klima geherrscht haben müßte. Man darf also von einem ehemaligen tropischen Klima am Nordpol noch nicht sprechen, ehe die Forschung nicht viel ttefer in die Geheimnisse der Anpassungsfähig» keit der Lebewelt eingedrungen ist. Allerdings könnte man die Borficht auch zu weit treiben, denn die Tatsache, daß in einer geographischen Breite von fast 82 Grad früher Zypressen, Kiefern, Eiben und sogar? kLaubbäume gewachsen find, läßt sich nicht gut mit dem Glauben vereinigen, daß damals dasselbe unwirtliche Klima in der Umgebung des Nordpols geherrscht haben sollte wie heute. Man braucht ja eben nicht gleich bis zum äußersten zu gehen und dem Nordpolar- gebiet für frühere Zeiten ein innerafrikanisches Klima anzudichten. Allerdings ist es noch eine offene Frage, in wie weit die Erdpole in der erdgeschichtlichen Vergangenheit erhebliche Verschiebungen erlitten haben, die einen Klimawechsel viel wahrscheinlicher machen würden. Jedenfalls können diese Wandlungen nur sehr allmählich, im Verlauf von Tausenden und Hunderttausenden von Jahren vor sich gegangen sein. Verantw. Redakteur: Emil Unger, Grunewald.— Druck u. Verlag: Vorwärt» Buchdruckerei u.BerI«g»ansralt Paul Singer SiTv.. Berlin SW»