WnterhaltMgsblatt des'Dorivnrts Nr. 196. Freitage den 8. Oktober. 1909 (Nachdruck verdotea.) 6] „Soldaten fein fchön!" Bilder aus Kaserne und Lazarett. Bon Karl Fischer. Einige Male haben wir Instruktion innerhalb der Kor- poralschaft vom Unteroffizier. Komisch ist es, meinen Unter- offizier zu betrachten, wenn er sich vor uns postiert, das In- struktionsbuch in der Hand, um den„Lehrer" zu markieren. Das Fragestellen ist für ihn ein schwieriges Unternehmen und geht auch nicht so schnell von statten. Dabei sind die Fragen oft solche, daß es mir Mühe macht, auf sein Bildungsniveau hiimnterzusteigen, um nur der Art der Fragestellung folgen zu können,(fr fühlt auch manchmal seine geistige Schwäche und sucht sich dafür durch ein ernstkluges Gesicht, das er sich herauszukehren bemüht, Ueberlegenheit zu verschaffen. Oft ist er ziemlich genrütlich, lacht mit, wenn er seine komplizierte Frage glücklich heraus hat, oder wenn Weidemüller nicht ein- mal die Arten der Hülsenfrüchte aufzählen kann, die zur mili- tärischen Beköstigung dienen. Dafür muß sich oft der arme Weidemüller zum Gaudium aller an die Wand als«Blöd- sinniger" aufstellen. Wenns mit dem Unterricht durchaus nicht klappen wollte, wie er sich auszudrücken pflegte, oder wenn feine geistige Im- Potenz seine Autorität zu sehr ins Wackeln brachte, suchte er durch halb ernst, halb spaßhaft gegebene Befehle, wie:„Alle Mann auf die Spinde!" oder„Alle Mann an der glatten Wand hinauf!" sein Ansehen wieder herzustellen. Nur gibt er dabei Obacht, daß der jeweilige Aufsichtführende, Feld- webel oder Leutnant, außer Sicht ist. Bor einigen Tagen wurde uns Rekruten beim Paroleappell vom Feldwebel eine kleine Broschüre, die Negimentsgeschichte, von einem früheren Offizier unseres Regiments versaßt, zum Preise von zwei Mark zum Kauf angeboten. Aber nur wenige kauften sie. Interessant ists, wie unser Leutnant während der letzten Jnstruktionsstunde für das Werkchen Propaganda wachte. Gleich bei Beginn der Stunde fing er damit an. .„Ich habe vom Feldwebel gehört, daß nur einige von euch eine Geschichte unseres Regiments gekauft haben. Habt ihr so wenig Interesse für das Regiment, dem ihr angehört?! Ihr alle werdet euch ein Exemplar kaufen. Befehlen kann ichs euch freilich nicht! Aber ich verlange von euch, daß jeder Sinn und Liebe für eine so gute Sache hat. Ihr könnt auch auf Abzahlung Bücher bekommen, wenn ihr jetzt kein Geld habt." Dann fragte er jeden einzelnen, warum er sich nicht zu dem Kauf entschlossen hatte. Was wollten die armen Kerle machen? Nur um sich nicht in ein schlimmes Licht zu stellen. erklärte sich der eine und der andere bereit, das Buch zu kaufen. Weidemüller, der neben mir saß, murmelte vor sich hm: „Da is nu wieder'ne Löhnung futsch wegen dem Dreckding." Gestern wurde uns Singen während des Malschs auf Kommando beigebracht. Vom großen Exerzierplatz, der eine halbe Stunde von der Kaserne gelegen ist. hatten wir unter Aufsicht des Leutnants den Rückweg angetreten. Da rief er in die Kolonne hinein: Singen! Keiner wußte was und wie; keiner hatte die Courage, anzustimmen.. „Wenn Ihr Kerle nicht sofort singt, wie rchs befehle, gehen wir gleich wieder zurück und exerzieren noch ein paar Stunden!" Alle wurden durch diese Drohung nur eingeschüchtert oder erbittert und sangen erst recht nicht. „Die ganze Kompagnie kehrt! Marsch Marsch!" Und zurück gings im Galopp auf den Exerzierplatz. Dort ange- kommen, rief er:„Kehrt! Marsch! Nun will ich doch mal sehen, ob Ihr singen werdet oder nicht. Und wenn wir bis heute abend hier auf und ab marschieren, es geht nicht eher heim, bis gesungen ist." Nun gings los. Jeder brüllte mit gleichen Gedanken: Soldaten sein schön, ja das muß man gestehn! Sie leuchten von ferne, sie funkeln wie Sterne! Soldaten sein schön usw. „Seht Ihr, wie das schön geht!" rief der Leutnant.„Ich werds Euch schon beibringen!" Wir Rekruten lernen uns immer näher kennen. In denk erzwungenen Zusammenleben haben wir uns mittlerweile an- einander gewöhnt. Die guten Kerle zeigen sich bald als solche. Der Greskser aus dem Elsaß, der schon wegen seines Dialekts allgemein als Wackes bezeichnet wird, versucht hier, in Un- sauberkeit weiter zu schwelgen. Ein unglaublicher Schmier- sink ist das! Zum Ergötzen der anderen gibt er sich als Maurer aus und behauptet, viel Geld verdient zu haben. Das Innere seines Spindes hat ständig das Aussehen einer Rumpelkammer, und bei allen außerdienstlichen Arbeiten trägt er eine kurze Pfeife im Mund, die die Bezeichnung „Stinkkloben" von den Kameraden genießt und einen er- stickenden Qualm verbreitet, nach dem die Qualität des der- konsumierten Knasters leicht zu beurteilen ist. Keiner nimmt ihn ernst. Jeder macht sich über ihn lustig und sieht ihm vieles nach. Das weiß er auch ganz gut und nützt die Nach- ficht der anderen gehörig aus. Der arme Weidemüller tut mir sehr leid. Schon eine Zeitlang ist er der Sündenbock der ganzen Kompagnie. Seitdem seinetwegen ein Gefreiter in Arrest gekommen ist, wird ihm jeder denkbare Schabernack angetan, wo es nur möglich ist. Beim Innendienst muß er die unsaubersten Arbeiten der- richten, vor den alten Mannschaften kann er sich kaum sehen lasten, ohne Püffe zu bekommen, ohne daß die fürchterlichsten Drohungen an feinen harmlosen Schädel geschleudert werden. Der arme Mensch ist dabei noch auf seine Löhnung und die Militärkost angewiefen. Seine Mutter, eine alte Witwe, hat selbst zu kämpfen, daß sie sich durchbringt. Ich fühle mich zu dem armen Kerl hingezogen und rede ihm oft gut zu, wenn er gar zu betrübt seinen Kopf hängen läßt. Tränen kamen mir in die Augen, wie er kürzlich ein kleines Paket, das ihm die Mutter geschickt hatte, im Fensterwinkel auskramte. Sorg- sältig entzog er das fremden Blicken, damit ja kein anderer Rekrut Anlaß zu einer hämischen Bemerkung über den Inhalt fände und ihm so seine Freude verringern könnte. � Einen Polen haben wir in unserer Kompagnie, einen gutmütigen Kerl, der von allen bespöttelt wird wegen seiner unbeholfenen Aussprache. Sein einzigster Trost ist seine Liebste in der Ferne, die ihm ab und zu ein Lebenszeichen schickt. Mich interessiert er sehr und ich unterhalte mich oft mit ihm. Bis jetzt hatte ich wenig Glück. Uns alle betrachtet er mit einem durch nichts zu erschütternden Mißtrauen. Hinter feinen vorstehenden Backenknochen und seiner mit starken Brauen bewachsenen Stirn vermute ich viel stummes Weh, das er in unterwürfig gezogenen Gesichtszügen zu verbergen sucht. Seit einigen Tagen scheint er mir noch eingeschüchterter als sonst, und ängstlich geht er allen Fragen aus dem Wege. Eben höre ich das erste Zapfenstreichsignal. Ich muß nun schließen. Seit unserer Rückkehr vom Ausgang bis jetzt habe ich geschrieben. Bin ganz überrascht, daß es schon so spät ist. Hab also keine Sorge um mich und schreibe mix recht bald. Dein Veit." Einer Wetterwolke gleich lagerte auf allen Rekrute» während der siebenten Woche ihrer Dienstzeit eine nieder- gedrückte Stimmung. Der tägliche Dienst nahm wie bisher seinen gewöhnlichen Fortgang. Der lärmende Verkehr in der Kaserne war der gleiche, bloß an den Gesichtern der Re- kruten fah man die bei dem monotonen Einerlei des Kasernen- lebens bis zum höchsten Stadium entwickelte Unlust zu allem. Hatten es die Unteroffiziere den neuen Rekruten gegenüber während der Anfangszeit nicht an gewisser Nachsicht fehlen lassen, so brachte es der Dienst mit sich, daß die Behandlung immer militärischer und strenger wurde. Das Verhältnis zu den Vorgesetzten wurde immer gespannter. Alles das wirkte auf die Rekruten ein. Auch auf Volter wirkte dies alles verstimmend. Schweig- samer als fönst tat er seinen Dienst. Müde und mißmutig kletterte er am Abend nach dem Zapfenstreich auf sein Lager. Dort war er wenigstens ungestört. Wenn er auch schlecht fchlief und in der Nacht oft aufwachte, so hörte und fah er doch auf Stunden von dem unleidlichen Getriebe nichts. Von früh an sehnte er schon wieder den kommenden Abend herbei. In der Nacht vom Donnerstag zum Freitag wurde er plötzlich durch ein dumpfes Geräusch geweckt. Wie er sich auf- richtete, um zu lauschen, hörte er von draußen im Flur eilige, hallende Schritte, die immer deutlicher sich seiner Korporal- schaftsstube näherten. Hastig wurde mit einemmal, ohne Rück- ficht auf die Schlafenden, die Tür aufgerissen. „Unteroffizier vom Dienst." Durch den lauten Ruf wurden sämtliche Rekruten ver Stube wach. „Was ist los?" antwortete aus dem Verschlag Unter- offizier Beier schlaftrunken. „Schnell raus! Sofort zum Feldwebel!" rief es in der Tür, und mit einem lauten Knall war sie wieder ins Schloß geschlagen. Von den Rekruten wagte sich keiner zu rühren. Jeder horchte mit gespannter Aufmerksamkeit. Nicht lange darauf hörten die Rekruten, wie ihr Kor- poralschaftssührer, der sich inzwischen angekleidet hatte, dem Rufe folgte. Beunruhigt blieben die Rekruten liegen. Einige fragten ihre Nachbarn leise, was das zu bedeuten habe. Keiner wußte eine Antwort. Vom Flur her hörten sie Flüstern, dann wieder das Klappen von Türen. „Alles im Bett liegen bleiben?" rief Unteroffizier Beier halblaut in jede Korporalschaftsstube. lFortsetzung folgt.1 (Nachdruck verdotrn.! 23 Die Xloaha, Von Otto Alscher. Mrus war erwacht. Er lag da, die Augen weit offen zur ver- räucherten Decke emporgerichtet, lächelte und träumte von einem hellen läutenden Rattern. Da war eS ihm, als entstünde eö wirtlich wieder, nur klingender, dünner. Er kroch aus seinen Lumpen vor das Zelt, zwinkerte mit den Augen, in die ihm plötzlich grell die Sonne brach. Dann sah er, daß drüben vor dem Nachbarzelt Giza, der Schmied, saß und einen Kupserkessel aushämmerte. Der Knabe kam und kauerte sich ihm gegenüber. Noch immer war er schlaf- trunken, schaute zu Giza auf und sein Blick sog Träume aus dessen braunem Christusgesicht. Und aus diesen Träunien heraus fragte er:»Kannst Du auch eine Toaka aus Eisen machen?" Giza tat erst ein paar Schläge, lächelte dann, warf den Kopf zurück und fragte von der Seile den Knaben:»Soll ich Dir nicht eine von Kupfer machen »Singt die schön?" Des Kleinen Augen leuchteten. »Die singt so laut, daß Du eine Stunde weit weg von ihr mit dem Wagen fahren kannst und sie noch immer hörst." Und der Zigeuner hämmerte, wie um ein Beispiel zu geben, scharf auf seine» Kessel los. Da richtete Anrus seine großen, scheuen Kinderaugen zitternd auf den Mann.»Mach mir solch eine Toaka." »Eh. da mußt Du mir Kupfer bringen." „Brauchst Dn viel?" »Gehe in die Stadt betteln, bringe mir täglich eine Handvoll Kupferkreuzcr, und wenn ein Jahr herum ist, habe ich geung." Der Kuabe wurde erst traurig, saß eine Weile still da, aber bald jauchzte wieder das Kind in ihm, er wurde voll Eifer, erhob sich und sagte:»Ich will in die Stadt gehen." Anrus lief und lief. Und endlich hatte er Dula und Mcila mit der verstümmelten Nase gefunden, und bat sie, mit ihm in die Stadt zu gehen, Kupferkreuzer zu erbetteln, dann würde ihnen Giza eine Toaka machen, die so laut singe, daß man sie von der Stadt zum Dorfe höre. Die Zwei lauschten eifrig. Und bald darauf eilten sie mit ihren bloßen Füßen durch den blossen Märzstaub, die breite Straße entlang, an der die schimmernden Silberpappeln standen, deren Aeste wie weiche Arme in den Frühlingstag griffen. Und weil der Tag schön war, gingen so viele Menschen vor die Stadt spazieren. Denen folgten die Zigeunerkinder hinterdrein, bettelten und flehten:„Gib mir einen Kreuzer. Frau I" Wenn aber dies nicht gleich nützte, so tanzten und sangen sie ihr:.Tamo ritu, tamu ritu, ritu: tamo na!" Tanzten so lange und schnellten die langen, nackten Füße nach rückwärts hoch, bis man ihnen den Kreuzer zuwarf. Oder ein Wagen kam. Da saßen geputzte, jauchzende Kinder darin und Damen in hellen Frühlingskleideru. Dem Wagen liefen die Zigeuner nach, sie bettelten atemlos, keuchend, klatschten mit den Händen auf die Knie und bettelten wieder. Und aus Ueberdruß an dem Gebettel oder aus Freude am Balgen, wenn sie sich um den Kreuzer im Staube rauften, warf man ihnen ein Geldstück zu. Manch- mal aber auch schlug der Kutscher mit der Peitsche nach ihnen und machte damit dem Betteln ein Ende. So trieben sie es, so lange sich Spaziergänger zeigten. Da« zwischen suchten sie die Avlagerungsstätten nach allem Eisen und Blechftückm ab. die Giza auch brauchen konnte. Und sie stöberten in dem Schutt von Stroh, Lumpen und Glasscherben umher, bis der Hunger mit knochigen, langen Fingern in ihrem Magen wühlt«. Da eilten sie heim. Sie gaben Giza das Gesammelte. Der stieß mit dem Fuße in den Haufen von Eisen und Blechstllcken, wühlte träge darin und sichtete eS, indem er einzelnes beiseite legte, anderes das Bachbett hinunter warf. Darauf griff er nach dem Gelde. Er zählte es und ließ es langsam in seinen breiten Ledergürtel rinnen. Eine Flasche steckte er daneben. Und mit einem schnalzenden Schmatzen wandte er sich dem Dorfe zu. Die Kinder hatten ihm starr zugesehen. Dula aber schnellte auf, ihr mageres Gesicht sprang vor, ihre dünnen Finger formten sich zu Krallen. „Wohin gehst Du mit unserem Geld?" Doch Giza blickte sie nur spölttsch an und deutete dann mit einer Kopfbewegung auf das Dorf. „Gib das Geld zurück. Du sollst eS nicht vertrinken I" Sie eill« ihm nach. Aber er lachte und lief leicht hin:„Bringt mehr, das ist nicht genug!" Er ließ die Münzen in seinem Gürtel Hingen.»Nicht der Mühe wert, anzufangen", wieder lachte er laut. „Du Teufel, Du Bösewicht!" Und Dula schimpfte noch, alS er schon längst verschwunden war. AnruS konnte eS noch immer nicht fasten. Er schaute den Pfad hinab, den Giza gegangen war. Und er kauerte sich auf einen Stein, schaute, wartete und hoffte, ihn wieder kommen zu sehen, hoffte, daß er dann ins Zelt gehen, die Kohlen zusammenscharren, den Hammer ergreifen und den AniboS klingen lasten werde, so daß dieser sang wie die Toaka, die er zu schmieden gedächte. Dabei würde er rufen:»Komm', bring' den Blasebalg I" Und er spränge. brächte den Blasebalg, würde auch die Zange halten, mit der Giza das sprühende Metall auf den Ambos legt. Aber Giza kam nicht. Giza kam nicht und der Knabe fühlte eS plötzlich heiß in der Brust brennen, so heiß, daß er all seine Sehnsucht dem Rumänen- burschen zuivandte, der gestern vor der Toaka im Garten stand und steif und wichtig die Klöppel schallen ließ. Wieder sollte er dort stehen, sollte sich dann wenden und AnruS freundlich ansehen. Dann würde dieser lachen und sie wären Freunde geworden. Er könnte sich zu ihm gesellen, zusehen und lauschen, und— und vielleicht hätte auch er einmal die Klöppel in der Hand, ließe sie auf die Toaka tanzen, daß es in heller und doch weicher Fülle klänge. Der Sonne unerträglich heiße Scheibe trübte sich schon von der Staub- und Rauchwolke über den Häusern, in die sie sank. Und da war es, als wolle sich der Tageslärm im Dorfe zu letztem Akkord aufschwingen, zum letzten Kräfteverbrauch. Nun mußte auch bald von allen Seiten der Fastenzeit hölzernes Geläute erwachen. Und Anrus lag wieder auf der Mauer und seine Blicke richteten sich wartend in den Garten. Leer und still war es da noch immer. Hühner scharrten eifrig, ein Beet war frisch umgegraben, der Zwetschkenbäume Aeste be- schnitten. Leer»md still blieb eS. bis weit draußen die erste Toaka anhub. Da kam auch der Rumänenknabe. Aber er ging nicht geradewegs auf das Buchenbrett zu, sondern nahm Steine auf und vertrieb die Hühner. Und immer, wenn sein Wurf eins traf so daß es flatternd und gackernd hoch aufsprang, verzog sich sein Geficht in boshafter Genugtuung und eifriger wurde sein Schelten und Ver« folgen. Als da-Z letzte Huhn sich verflattert hatte, stellte er sich breit und zufrieden vor die Toaka hin. Aber als er die Klöppel zur Hand nahm, bemerkte er den Zigeuner auf der Mauer. „Was suchst Du da!" herrschte er ihn an. Aber Anrus lächelte nur, denn er verstand ja nicht, was der Rumäne sprach. Da hatte dieser ein Aststück ergriffen und schleuderte es plötzlich nach dem Zigeuner. Knapp neben diesem krachte es an die Mauer. Der Knabe fuhr tödlich erschrocken zurück und eilte zitternd fort. Als er bedrückt ins Zelt kroch, klang die Toaka hinter ihm drein. Doch nicht weich und singend, sondern scharf und gebieterisch. Da kroch er noch mehr in sich zusammen und blieb wie gelähmt und reglos, so lange noch ein harter Schlag über die Mauer sprang. Es wurde füll drüben. Anrus hob den Kopf und schaute ver- wirrt umher. Es war ganz finster geworden, nur das Feuer in der Zeltmitte gloßte noch mit ersticktem Schein. Anrus schaute das Glühange an. Voll eines großen Trostverlangens war sein Blick. Aber sein beklommener Kindersinn vermochte nichts, als immer wieder die Frage zu wiederholen:„Warum verjagte er mich? Ich hatte ihn ja so lieb, weil er die Toaka so schön singen läßt, und er wirft nach mir!" BodaS hatte wieder seinen Tag, wo er mit listigen Augen umherging und Gelegenheit suchte, jemanden zu ärgern. Erst kauerte er mit anderen Kindern unten im Dorfe im Straßengraben, um höhnisch zu fingen, wenn ein Rumäne vorbeiging: „Guter Mann ist der Walach, Der Walach, der Walach. Selbst den Läusen läuft er nach, Läuft er nach, läuft er nach.. Das verstanden die Vorübergehenden Wohl nicht, aber die Kinder lachten um so mehr. Bald genügte ihm auch dies nicht mehr, er schlich rückwärts an den Höfen und Gärten hin und mancher auf den Zaunpalisaden ausgesteckte Milchtopf, manche an hoher Stange zum Schrecken der Fallen und Habichte baumelnde Flasche klirrte unter seinem Steinwurf. Anrus ging mit Bodos. Und immer, wenn dieser von einer boshaften Tat zurückkam, sah er ihn verständnislos an, denn er begriff nicht, warum VodaS so böse war. Vodas aber, wenn er diesen Blick sah. lachte und sagte altklug: .So mutz man es tun, denn die Gaishis find unsere Feinde." Anrus glaubte die? nicht. Wr haben ihnen ja nichts getan, wir tun ihnen nichts, warum sollten sie uns feind sein? dachte er. Nein, er wollte auf sie nicht so böse sein wie Vodas, sie wohnten ja im selben Dorf beisammen, freilich sie in Häusern, er im Zelte. Aber sie waren doch Nachbarn. Und der Rumänenknabe, der die Toaka hatte, ist ja auch sein Nachbar. Und wieder keimte die Hoffnung wie ein glücklicher Traum in ihm auf, datz er neben dem Knaben stünde, lauschend, schauend und dann endlich ihm der Bursche die Klöppel reichte und sagte: .Nun trommele Du I" Als dann wieder hinter den Zelten über die Mauer her die Toaka klang, wagte«S Anrus dennoch nicht, seinen Blick über die Steine zu schieben. Aber um so heftiger ftatz die Sehnsucht in semer Brust. (Schluß folgt.) Das Melen der JVarkofe. Von Dr. A. LipsiuS. Vor zehn Jahren hatte ein Forscher gezeigt, datz eine Reihe von schlaftnachenden, narkotischen Mitteln(Chloroform, Aether, Alkohol und anderes die gemeinsame Eigenschaft besitzen, datz ihre Löslichkeit in fetten Oelen die in Waffer übertrifft. Es zeigte sich, datz je arötzer die Löslichkeit eines Stoffes in Fett gegenüber der in Wasser ist, desto stärker die narkotische Wirkung eines Stoffes hervorttitt. Da eine jede lebendige Zelle fcttähnliche Substanzen in ihrem Protoplasma eingelagert besitzt, so war mit dieser Entdeckung der Weg gezeichnet, den das schlafmachende Mittel einschlägt, um seine Wirkung in der Zelle entfalten zu können: es dringt in die Fette der Zelle ein und löst sich in ihnen. Bs« sonders interessant ist die Tatsache, datz gerade die Nervenzellen, die am ehesten unter der Einwirkung der schlaf- machenden Mittel leiden— worauf ja der ganze Sinn der Narkose beruht—, einen sehr grotzen Reichtum an fetten Substanzen(dem Lecithin nahe verwandt) besitzen. Sie bieten den im Blute kreisenden schlafmachenden Mitteln am ehesten die Möglichkeit, in die Zelle einzudringen. Diese Tatsachen gelten natürlich nur für die genannten fettlöslichen Mittel, zu denen übrigens auch eine Reihe im Handel besindlicher schlafmachender Mittel gehören, wie Sulfonal, Trional usw. Nicht aber z. B. für das Morphium, das in eine ganz andere chemische Gruppe hineingehört. Von anderen Forschern wurde nun mit Recht darauf hingewiesen, datz diese intereffante Entdeckung uns noch nichts ansagt über die Art und Weise, w i e das schlasmachende Mittel seine Wirkung in der Zelle entfaltet, nachdem es auf dem oben gezeichneten Wege in sie eingedrungen ist. Die Gifte, die schlafmachende Wirkung haben, wirken auf alle lebendigen Zellen. Sie lähmen ihre Tätigkeit, sie setzen ihre Lebens- äutzerungen herab. Leben ist ein Wort für den Stoffwechsel, der sich in der Zelle abspielt, für den Zerfall und Wiederaufbau der Eiweitzmoleküle. die die lebendige Substanz ausmachen. Es mutz sich also bei der lähmenden Wirkung der genannten Gifte um irgend- eine Störung im Stoffwechselgettiebe der Zelle handeln. Worin besteht nun diese Störung? Beim Zerfall der Eiweitzmoleküle entstehen Zerfallsprodukte, Stoffwechselprodukte, die weggeschafft werden müssen, damit sie sich nicht in der Zelle anhäufen und das Getriebe des Stoffwechsels stören. Hier springt der S a u e r st o f f ein. Er verbrennt die Stoffwechselprodukte, die dann zu einem grotzen Teil als Kohlen- säure und Wasser, die ja Verbrennungsprodukte sind, aus dem Körper ausgeschieden werden. Wo es an Sauerstoff mangelt, tritt eine Störung iin Stoffwechselgetriebe ein. Die Zelle wird gelähmt, sie erstickt aus Mangel an Sauerstoff. Eine grotze Reihe von Untersuchungen haben nun gezeigt, datz die narkotische Wirkung darauf beruht, datz die Zelle in der Aufnahme von Sauer- st off behindert wird. Ihr Stoffwechsel erleidet jetzt eine Einbutze, weil die schädlichen Stoffwechselprodu'te nicht weggeschafft werden können. Die Lebensäutzerungeu der Zelle werben unter- drückt— die Zelle erstickt in der Narkose aus Sauerstoffmangel. Da die Nervenzellen einen sehr intensiven Stoffwechsel haben, ist auch ihr Sauerstoffbedarf grötzer als bei den anderen Körper- zellen. Tritt Sauerstoffmangel aller Zellen des Körpers ein, so wird am ehesten der Stoffwechsel der Nervenzellen leiden, da der Sauer- stoffmangel sich bei ihnen am ehesten geltend machen wird. Diese Beziehungen zwischen Narkose und Sauerstoffmangel sind heute eine wissenschaftliche Tatsache. Es ftagt sich nur noch, wie sich diese Tatsache vereinigen lätzt mit der anderen, von der wir oben sprachen, datz die Wirkung der betreffenden narkotischen und schlaf» machenden Mittel abhängig ist von ihrer größeren oder geringeren Löslichkeit in Fetten.*) Hier ist es von größtem Jutereffe, daß fette Oele auch die Fähigkeit haben, grotze Mengen Sauerstoff aufzunehmen. Oel nimmt mehr als viermal soviel Sauerstoff auf, als es die gleiche Menge Wasser tut. So erscheint es wahrscheinlich, datz die Fett- substanzen der Zellen die Vermittler für die Sauerstoffaufnahme sind. Gerade die Nervenzellen, deren Bedarf an Sauerstoff so groß ist, find ja auch an fetten Substanzen sehr reich. Kreist nun das aufgenommene Schlafmittel im Blute, so löst sich das Gift in den Fettsubstauzen der Zelle. Es kann jetzt viel weniger Sauerstoff in die Fettsubstanzen eindringen, sie können nun Sauerstoff nicht in der normalen Menge aufnehmen. Es entsteht Sauerstoffmangel in der Zelle. Und je mehr Gift wir anwenden, desto mehr wird sich von dem Gifte in den Fettsubstanzen der Zelle lösen, desto weniger Sauerstoff kann in die Zelle dringen. Der Sauerstoffmangel wird stärker, die Narkose tiefer. Da die Gifte gleich von Anfang an durch die Nieren oder die Lungen direkt, oder nachdem sie im Körper zerstört wurden, auS» geschieden werden, so wird, wenn wir mit der Zufuhr des Giftes aufhören, das Blut allmählich an dem betreffenden Gifte verarmen. Das Gift wird dann aus den Fettsubstanzen der Körperzellen all- mählich entweichen und den Körper verlassen. Wir fangen an, aus dem bewußtlosen Zustande zu erwachen. foilmrlristcmsdKS vom ßicr. Das Bier ist ein altes deutsches Getränk, das fast überall schon sehr früh vorkommt. Und zwar bereitete sich ursprünglich jede Haushaltung ihren Bierbedarf selbst, so datz Brauen Jahrhunderte lang kein für sich bestehendes Gewerbe war. Aus diesem Grunde findet man im Mittelalter unter den in Zünften zusammen- geschlossenen Handwerkern keine Brauer, und es entstand noch später in manchen Gegenden die Rechtsfrage, ob die Brauer als Kaufleute oder als Handwerker zu bewerten seien. Als das Brau- gewerbe mehr und mehr an Ausdehnung zunahm, gab es noch immer viele Haushaltungen, die es vorzogen, ihren Bedarf selbst zu be- reiten, oder dem Brauer die Rohstoffe zu liefern und ihm nur die Arbeit des Einbrauens zu bezahlen. Das Vorhandensein eines selbständigen Bierbrauers Wird 1220 in Konstanz und 1288 in Frankfurt a. M. erwähnt. Von dieser Zeit an nahm der Bier- genutz neben dem Wein einen starken Aufschwung, und von vor- handenen Bierschcnken wird 1299 in Frankfurt als etlvas Selbst- verständlichem berichtet. Man begnügte sich bald nicht mehr mit den einheimischen Bieren, sondern führte auch fremde Biere ein. Während man anfangs das Bier am Oberrhcin aus Weizen und Hafer hergestellt hatte, war man um die Mitte des vierzehnten Jahrhunderts zur alleinigen Verwendung von Hopfen und Malz übergegangen. Im Jahre 143S gab es in Frankfurt, das uns darüber die vcrlätzlichstcn Nachrichten erhalten hat, sieben Brauereien. Sechzig Jahre später gab es dort schon 13 Brauereien, die zugleich das Bier verschenkten. Einige unter diesen Brauern beschäftigten sich nicht ausschließlich mit der Herstellung und dem Verkauf des Bieres, sondern übten noch andere Handwerke daneben. So fand sich ein Sckrciner, ein Barchentweber und zwei Böttcher unter ihnen, was den Schluß nahe legt, datz das Bierbrauen und Verschenken nicht einträglich genug gewesen sein mag., Auf den Frankfurter Messen spielte der Handel mit Bier eine grotze Rolle. Die fremden zugcführten Biere wurden von den aus- wältigen Verkäufern verzapft, und diese Auswärtigen erhielten mitunter die Erlaubnis, über die Messe hinaus oder zwischen zwei Messen Vier zu verschenken. Diese Erlaubnis bedeutete eine grotze Vergünstigung, da es außerhalb der Mtessezciten nur solchen"Ein- wohnern, die schon ein Jahr lang ansässig waren, gestattet wurde, Bier zu verzapfen, während der Bierhandel im Grotzen keinen solchen Voraussetzungen unterlag. Sehr merkwürdig mutet uns der Bericht einer Chronik an, wonach der um die Mitte des 15. Jahr- Hunderts in Frankfurt angestellte Stadtarzt Heinrich Lose Bier verzapfte, und gleichzeitig mit ihm ein Geldwechsler und Münz- meister Konrad Stege. Die Geistlichkeit, die immer schnell wußte, was Geld bringt und auch den eigenen Gaumen kitzelt, gab sich sehr bald eifrig mit Bierbraucn ab, besonders das Dominikaner- und Karmeliterkloster in Frankfurt und die Brüder vom Orden der Beckarden. Wie gut sich das Bier selbst in weinreichen Gegenden zu be- haupten wußte, geht daraus hervor, datz bei Festessen der Ratsmit- glieder neben Wein auch Bier getrunken wurde. So vcrkonsumierte der Frankfurter Rat bei dem sogenannten Hirschessen, das in jedem Sommer während eines ganzen Tages von ihm im Freien ge- halten wurde, 1489 eine ganze Tonne Bier und ein viertelhalb Ohm Wein. Zur selben Zeit machte der Erfurter Rat dem von Frankfurt mehrere Fässer Naumburgischen und Einbecker Bieres zum Ge- •) Vergl. G. Mansfeld: Narkose und Sauerstoffmangel. Pflügers Archiv. Bd. 129. schenk, zwei Sorten, die ebenso wie das Bamberger Bier zu den besten in Deutschland gezählt wurden. Eine ungefähre Vorstellung von dem Preis des Bieres gibt uns die Nachricht, daß der Erfurter Rat 1495 für eine Tonne Eimbecker Beer 3 Gulden zahlte. Das fremde, in Frankfurt eingeführte Bier wurde auf den Wierschiffen, die es auf dem Main heranbrachten, verzapft, oder in besonderen Hütten und Buden niedergelegt, wofür eine Abgabe, das sogenannte Ungeld und Niederlagegeld, zu zahlen war, wozu noch eine mit dem Namen Steinfuhr belegte Einführungsabgabe kam. Für die fremden Biere wurde kein Verkaufspreis borge- schrieben, dagegen durfte das gewöhnlich« Zapfbier nicht über die vier Heller die Matz berechnet werden, weshalb man es auch das Hellerbicr nannte. Dasselbe Quantum Wrin kostete Vergleichs- tveise damals das Doppelte, also acht Heller die Matz. Die Bier- verschenker durften ihren Kunden auch nicht zu junges Bier verab- folgen, sondern nur solches, das mindestens drei Wochen geFigert hatte. Später genügte eine vierzehntägige Lagerung und bei Lieferungen in Privathäuser, und, was recht wenig reell klingt, an Fremde, brauchte das Bier nicht einmal dieses Alter zu haben. Den Bierpantschereien wurde frühzeitig gesteuert, mit welchem Erfolge, sagt der Chronist nicht. Er berichtet nur von Borschristen, die fich auf das Braumaterial und die Art des Brauens erstreckten. Als 1486 die Brauer Honig in das Bier taten, befragte man die Aerzte, ob dies keine Gesundheitsschädigung herbei ftihren könnte, tvas von den Jüngern AeSculaps verneint wurde. Die Häuser, in denen gebraut wurde, unterlagen behördlichen Vorschriften, ebenso solche, in denen sich Malz- und Hopfendarren befanden. Die Darren durften nicht im Zentrum der Stadt stin, sondern wurden so weit wie möglich an den äußersten Gürtel der Umfassungsmauern gelegt. Aber man hatte gut anordnen. Zum Befehlen und Gehorchen ge- hörten zwei, die sehr verschiedener Meinung sein konnten. So verordnete der Frankfurter Rat 1491, datz keine Brauereien in der Altstadt mehr errichtet werden sollten, was aber nicht hinderte, datz der Rat selber ein Jahr nach diesem Verbot in zwei Häusern der Fahrgasse und in einem Hause der Prcdigcrgasse die Errichtung von Brauereien ausdrücklich gestattete." v E. K. Kleines Feuilleton. Völkerkunde. Soziologisches aus Ostafrika. Jan Czekanowski, einer der wissenschaftlichen Begleiter der Expedition des Herzogs Adolf Friedrich von Mecklenburg, berichtet soeben über das Er- gcbnis seiner Untersuchungen. Danach sind in Ostastika zwei ver- fchiedene soziale Verbände zu unterscheiden. Der Clan rekrutiert seine Mitglieder durch Zuwachs in männlicher Linie, übt Blutrache, besitzt Grund und Boden, zahlt Steuern und hat einen Totem(ge- rneinsamen Verehrungsgegenstand). Der Clan weist aber auch gewisse lokale Verschiedenheiten auf, je nachdem ob er unabhängig ist oder von fremden Eindringlingen beherrscht wird. Ist er unab- hängig, so besitzt der Häuptling, oder besser gesagt der Clan-Senior, nur geringe Autorität. Er fungiert als Schiedsrichter und auch als Steuereinnehmer, hat aber keine Exekutivgewalt. In Ruanda, tvo die herrschende Kriegerkaste der Watussi die freie Bauernschaft schon vor Ankunft der Europäer zum Steuerzahlen gezwungen hatte, ist der Clan-Senior inzwischen zu einem verantwortlichen Fiskalbcamten geworden. Ist kein herrenloser Boden mehr ver- fügbar, so gilt der Clan als einziger Besitzer des gesamten bestell- baren Areals. Sobald daher die Eigentumsverhältnisse eime für die Gesamtheit nicht mehr ersprietzliche Form angenommen haben, wird zu einer Neueinteilung der Felder geschritten. Im Falle der Clan seine Unabhängigkeit infolge von Fremdherrschaft eingebützt hat, besitzt dagegen der Häuptling grotze Autorität; er wird vom Herrscher eingesetzt und Grund und Boden gehört dann der Dynastie, hie gewissermatzen der einzig besitzende Clan ist. Der unterjochte Clan bewahrt gewöhnlich einen Rest von Autonomie, z. B. beim Steuerzahlen. Der Grad der Freiheit hängt davon ab, ob die Herrschenden in ihren Kämpfen mehr oder weniger auf die Soli- darität und Unterstützung der Beherrschten angewiesen sind. Sorgen sie für ihre Leute in solchem Fall nicht genügend, so gehen diese eben zu den Gegnern über. Infolgedessen kommt es, datz die Lage der unteren Klassen schlechter geworden ist, seitdem unter der euro- päischen Okkupation der allgemeine Landfriede aufrecht erhalten wird. Aus politischen Gründen haben die verschiedenen Kolonial- Verwaltungen den augenblicklichen Besitzstand der Häuptlinge ge- sichert. Diese haben es daher nicht mehr nötig, aus den oben an- geführten Gründen für das Wohl der ihnen unterstellten Leute zu sorgen; wer von der heimatlichen Scholle flüchtet, wird mühelos von der neueingesührten Polizei wieder zurückgeholt. Was den Clan znsammenschwcitzt, ist die Blutrache; ohne sie fällt er aus- einander. Wohnen die Clans getrennt, so nimmt die Blutrache den Charakter des Krieges an; in Gegenden gemischter Besicdelung tritt sie als Geheimmord auf. Im Clan wird nicht untereinander geheiratet; vorkommende Ausnahmen scheinen mit dem Mutter» recht in Zusammenhang zu stehen; hier ist auch Ehe zwischen Vater und Tochter, die also in diesem Fall nicht als verwandt gelten, konstatiert worden. Jeder Clan hat«in Totem, z. B. Wasserschlange, Leopard, Spitzmaus, Eidechse, Blitz usw. Totem- Tiere dürfen nicht gegessen werden, weil der Geist der Ahnen in ihnen leben könnte. Eine gewisse Anzahl Clans, 12 bis 14, in einer Gegend sogao 79. bildet zusammen einen Verband höherer Ordnung, den Stamm. Er besitzt einen durchgehenden Namen, eine allgemein verstandene Sprache und ein sehr verschieden entwickeltes Solidari- tätsgefühl seiner Angehörigen. Um Klarheit in die autzerordentlich verworrene Ethnologie Jnncrafrikas zu bringen, hat die Expedition eine grotze Reihe von Wörterbüchern angelegt und viel« phono- graphische Aufnahmen gemacht. Die genaueren Resultate dieser Arbeit sind natürlich erst in geraumer Zeit zu erwarten. A«S dem Tierlebeu. Die Schlupfwespe. Aus den grünen Grasmatten unter den Kiefern des Grunewaldes, die der segensreiche Sommer in diesem Jahre zu besonders schöner und noch andauernder Ent- faltung gebracht hat, sprietzen zu Hunderten kleine und grotze Pilze. Manche ziehen den flachen Waldboden vor, andere aber, wie der stets in Büscheln dicht gedrängt vorkommende trübgelbe giftige Schwefelkopf, wuchert an den morschen Baumstümpfen des Waldes, die grau und kahl aus dem Grün hervorstechen. Wie gerade ein warmer Blick der Sonne über einen solchen Baumstumpf huscht, beleuchtet er ein Merkwürdiges Wesen. Auf der oberen Fläche des Stumpfes eilt eine zollange schwarze Schlupf- Wespe mit einem noch längeren Legestachel in kurzen Sätzen herum; die bräunlichen Flügel sind unscheinbar, aber die gelbroten Beine um so auffälliger. Mit den beiden Fühlern, die sie bogenartig nach unten gegen das morsche Holz gekehrt hat, tastet sie es ab. Die Fühler vibrieren fast wie die Zinken einer Stimmgabel und das Tier kann damit besser»sehen" als wir mit unseren Augen. Ein unendlich feiner Sinn mutz darin verborgen sein, denn die Schlupf- Wespe wittert damit die Larven von Holzinselten, die bis drei Zentimeter tief verborgen sind. Endlich hat sie den Kanal ge- funden, der zu der Larve führen mutz, bald ist das Löchlein leidlich sichtbar, bald können wir an der Stelle gar keinen Unterschied gegen das umgebende Holz erkennen. Das Tier ändert nun plötzlich sein Verhalten. Ter lange Hinterleib richtet sich senkrecht in die Höhe und der noch längere Legebohrer klappt gegen das Holz herunter, indem sie ihn zwischen die Beine nimmt. Er besteht aus drei Teilen, denn zwischen zwei schmalen Schutzblättern liegt erst der eigentliche, etwa pferdehaarstarke Bohrer. Zunächst wird das Ganze an die richtige Stelle geführt, und zwar sind es auch hier immer noch die vibrierenden Fühler, die den richtigen Ort tastend fest- halten und die Spitze des Bohrers an die genaue Stelle führen. Nach einigen Sekunden ist auch das bewirkt. Man sieht nun, wie das Insekt mit dem Ende des Hinterleibes langsam den Bohrer in das für uns meist unsichtbare Loch hinabdrückt. Ist eine kurze Strecke zurückgelegt, so klappen die Schutzscheiden wieder in die Höhe und der dünne Bohrer wirkt allein weiter. Man begreift kaum, wie es möglich ist, datz er beim Hineindrücken in das immer- hin zähe morsche Holz nicht umknickt, bemerkt aber bald, datz auch dagegen Vorkehrungen getroffen sind. Um den Bohrer nicht blotz nach einer Richtung anzustrengen, dreht sich das Insekt in sonder- barer Weise im Kreise bald hier, bald dorthcrum; der beim Ein- drücken immerhin sich biegende Stachel biegt sich stets so, datz er dabei gegen den langen Leib des Tieres zu liegen kommt, der eben- falls aufgerichtet und der Länge nach rinnig vertieft ist. Diese Rinne und ebenso die Gabel, die das hinterste Beinpaar des Tieres bei seinem Austritt aus dem Körper bildet, sind eine gute Führung für die Legeröhrc. Denn mit einer solchen, nicht mit einer Waffe haben wir es zu tun. Fast immer erreicht der Stachel sein Ziel, die Haut einer Larve, in deren Rücken dann die Wespe ein Ei legt. Ephialtes hietz jener Grieche, der den Persern unter Xerxes einen Fuhpfad verriet, auf dem sie den LandSleutcn des Verräter? in den Rücken fielen. Und an diesen Verräter muh der Forscher gedacht haben, der unser Tier mit dem wissenschaftlichen Namen EpbiaUe? imperator belegte, obwohl es nur tut, waS sein Fortpflanzungstrieb ihm gebietet und obwohl seine Tätigkeit den Wald alljährlich von zahllosen schädlichen Insekten befreit. Denn aus den Eiern der Schlupfwespen entstehen Larven, die in der Haut des Wirtes so unauffällig weiterleben, datz das befallene Insekt sich zunächst sogar noch verpuppen kann; dann aber sritzt die Schlupswespenbvut den Inhalt der Puppe auS, und aus dieser entfliegt zuletzt eine junge Schlupfwespe. Stundenlang kann man dem Treiben der Schlupfwespe auf den Stümpfen im Gruncwalde zuschauen. Sie bohrt immer wieder von neuem, bis sie ihre Eier abgesetzt hat, und sie läßt sich auch durch Belästigungen gar nicht oder nur kurze Zeit stören. Aus dem Lcgebohrer der Schlupfwespen ist der Giftstachel der Bienen und Wespen hervorgegangen. Die Teile Haien sich ent- sprechend verkürzt und umgewandelt, und statt der Eiablage dienen sie nun der durch Gift verstärkten Abwehr. Da der Legebohrer nur weiblichen Tieren zukommt, so erklärt seine Umwandlung zum Giftstachel auch, warum dieser nur bei Bienen und Wespen vor- kommt, die wenigstens in Anlage weiblich sind, und warum die männlichen Bienen, die Drohnen, wehrlos sind. Perantw. Redakteur: Emil Ungcr, Grunewald.— Druck u. Verlag: Vorwärts Buchiruckerci u.PerlagsanjraltPaul Smger äiCo..Vulu> 2W.