Unterhaltungsblatt des'Vorwärts Nr. 198. Dienstag, den 12. Oktober. 1909 (Nachdruck verbolw.) 8]„Soldaten fein fchönl" Bilder aus Kaserne und Lazarett. Bon Karl Fischer. 7, Hau das Knochengestell krumm, Volterl" rief Beck. Volter sah sich gezwungen, kräftig zuzuschlagen. Mietzschke keuchte. Er merkte, daß er der Schwächere war. Mit einem plötzlichen Ruck lag er mit dem Rücken auf dem Boden. Alle Rekruten freuten sich darüber, denn keiner mochte ihn leiden. „Sol Laß Dir das zur Warnung dienen!" rief Volter. Heulend vor ohnmächtiger Wut, stand Mietzschke vom Boden auf und fühlte sich so beschämt, daß er. ohne ein Wort zu sagen und ohne einen anderen anzusehen, seine Sachen ordnete und die Stube verlies. Die Putzstunhe war beendet, und die Stubendiensthaben- den der einzelnen Korporalschaften hatten Kaffee empfangen. Beim Unteroffizier Beier im Verschlag war Sergeant Schneider von der Nebenstube und unterhielt sich mit ihm. Die Rekruten saßen beim Abendbrot. Beck hatte sich das für ihn angekommene Postpaket aus dem Kontor geholt und war eben dabei, mit größter Freude diese Sendung von da- heim, ihrer Hülle entledigt, auf dem Tische in Augenschein zu nehmen. Sorgfältig legte er den Inhalt auf die Tisch- platte, in Zeitungspapier eingeschlagene Würste, Kuchen, Butter und einige Aepfel. Lüstern schielten alle Rekruten am Tisch nach der Gegend, wo Beck glänzenden Auges in feinem Besitz herumkramte. Weidemüller freute sich schon heimlich; denn er wußte, daß er, wie jedesmal, etwas zu- geschoben bekam. Mietzschke war seit der Hauerei mit Volter ziemlich kleinlaut geworden. Volter und Beck waren die zwei feiner Korporalschaft, die er haßte. Innerlich neidisch auf Becks Freude, tat er so, als ob ihn die vor Beck liegenden Sachen, die jedem Soldaten als tröstende Linderung seines mühseligen Kommißlebens gelten, gar nicht tangierten. Flüchtig ließ er seinen Blick iiber den Tisch schweifen. Plötz- lich stutzte er. Interessiert blickte er das Papier an, in das Becks Eßwaren eingewickelt waren. „Beck," rief er absichtlich laut, daß es alle hören mußten, „Du hast ja Deine Wurscht im„Vorwärts" eingewickelt. D» bist wohl Genosse?" Kaum hatte er das ausgesprochen, als auch schon Sergeant Schneider den Kopf aus dem Verschlag steckte und sah, wie Beck, dunkelrot im Gesicht, Mietzschke einen wütenden Blick zuwarf. Alle Rekruten hatten das bemerkt, und in der momen- kanen allgemeinen Verlegenheit wagte keiner ein Wort zu sagen. Sie verstanden die Absicht, in der Mietzschke das ge- sagt hatte, und vorwurfsvolle Blicke trafen ihn von allen Seiten. Besonders, da es gerade Sergeant Schneider gehört hatte, von dem sie wußten, daß es der strengste der Kompagnie sei, der alles gern meldete. Beck merkte in der nächsten Zeit, daß die Behandlung, die er von seinen Vorgesetzten erfuhr, sich geändert hatte. Früher galt er als guter Exerzierer— jetzt machte er nichts mehr recht. Die Unteroffiziere sahen ihn mit scheelen Blicken an, und wenn es irgendeinen Extradienst gab, war er dabei. Einige Rekruten nutzten das aus. Kam irgend etwas vor, wurde es einfach auf Beck geschoben: es wurde von den Unter- offizieren gern geglaubt. Beck tat seinen Dienst und ließ sich nichts zuschulden kommen. Die Geschichte mit dem„Vorwärts"- Papier wußten bald alle Soldaten der Kompagnie. Auch die Alten hatten es erfahren. Dem Rekruten Beck, den sie nun dadurch näher kennen gelernt hatten, sahen sie vieles nach. Wenn er in eine Korporalschaftsstube der Alten mußte, brauchte er nicht erst um Eintritt zu bitten. In der Hand- Werkerstube brauchte er nicht zehn Pfennige Trinkgeld zu geben, wenn er etwas ausgebessert haben wollte, und konnte überhaupt mit der Zeit viel ungenierter mit den Alten ver- kehren. Mietzschke dagegen wieder machte es den Vorgesetzten recht und wurde von den Alten schikaniert. , Beim Verteilen der Wittags rationen stand regelmäßig an dem Fleischblech ein Alter, der jedem Soldaten ein Stück Fleisch auszuhändigen hatte. Mietzschke bekam fast täglich das schlechteste Stück. Entweder war es nur Fett oder das kleinste, das im Blech war. Wütend kam er dann damit aus seiner Stube an und schimpfte auf die alten Knochen. „Schon wieder so ein Fettballen I" rief er zornig, als es gerade Erbsen gab und er, mit einem großen Stück wabblichen Fettes auf der Suppe, in seiner Stube ankam.„Diese Hunde machen mirs zum Schure! Am liebsten möchte ich ihnen den ganzen Napf an den Schädel schmeißen." Grcskser bereitete dieser Zorn Mietzschkes große Freude. Er mochte das„Großmaul", wie er sagte, auch nicht leiden. Nachdem Mietzschke einigemal in seinem Napf herum- gestochert hatte, sprang er plötzlich auf.._ „Das Zeug sollen sie selber kauen!" Damit warf gr die Schüssel mitsamt dem Inhalt mit voller Wucht auf den Boden. daß es krachte und die Scherben sich mit dem Brei mischten. Alle Rekruten der Stube brachen in lautes Lachen aus. Mietzschke mußte danach die Stube wieder hübsch sauber machen und hatte das Vergnügen, sich einen neuen Eßnapf zu kaufen. « Weihnachten rückte immer näher heran. Der sandige Kasernenplatz war hart gefroren. Ein eisiger Wind pfiff durch die alten Festungswerke. Bei starker Kälte wurde mit großen, schwarzen Fausthandschuhen und Ohrwürmern exer- ziert. In den Stuben war es auch ziemlich kalt. Sergeant Kohlmann von der elften Kompagnie verabreichte in seiner Eigenschaft als Fourier nur so viel Kohlen an die Korporal- schaften, als gerade zum Wärmen der eisernen Ocfen nötig war. Unteroffizier Beier war auf ihn nicht gut zu sprechen. Wiederholt schickte er den jeweiligen Stubendicusthabenden zum Kohlcnempfangen, was nur selten von Erfolg war. Mietzschke, um sich beim Korporalschaftsführer beliebt zu machen, wußte sich Kohlen zu verschaffen. Woher er sie hatte, interessierte Unteroffizier Beier wenig. Die Hauptsache war, daß die Stube warm wurde. Mit großer Aufregung unter den Rekruten begannen die Schießübungen auf dem Schcibenstand. Jeder setzte sein bestes Können ein: denn sie wußten, daß von ihren Schieß- leistungcn die weitere Behandlung abhängig gemacht wurde. Für viele galt der in Aussicht stehende Weihnachtsurlauh als Ansporn ihrer Aufmerksamkeit. Wie groß war die Freude der Rekruten, denen beim Dienstverlesen mitgeteilt wurde, ihr Urlaubsgesuch sei be- willigt worden. Beck und Wcidemüller von Volters Korporal- schaft mußten in der Garnison bleiben. Wie gern wären sie mitgefahren� � Oede und leer sah es während der Festwoche im Kom- pagnierevier aus. Eine Freiheit hatten die Zurückgebliebenen doch. Sie durften frei ausgehen— ohne Begleitung des Korporal» schaftsfllhrers.»«' Volter fühlte sich so erleichtert auf dem ersten Spazier» gange— ganz allein— am Nachmittage des ersten Feier- tags, daß er planlos über die verschneiten Felder schritt, die rings um die Garnisonstadt lagen. Tief atmete er auf. End- lich einmal eine Stunde, wo er keinen Kasernenhof sah, keine Festungsmaüern, keinen Dienst!... In gehobener Stimmung trat er den Rückweg an. In der Stadt tönte ihm aus einigen Bierlokalen der lärmende Gesang zurückgebliebener Soldaten(.-ntgegen, die beim Bier in heiterer Gesellschaft sich für den nichtbewilligten Urlaub entschädigen wollten. Bor einem besseren Cafö machte er Halt.„Das wäre eigentlich ein würdiger Abschluß Deines ersten Spaziergangs!" dachte er.„Aber wirst Du als gemeiner Soldat nicht Anstoß erregen in dem vornehmen Lokal?"„Ach was," sagte er sich,„Zeitungen werden sie schon Lttn haben, um die es mir nur zu tun ist." Der mit kleinen Marmor- tischen besetzte Raum war fast leer. Nur einige elegant ge- kleidete junge Zivilisten spielten Billard, die nicht wenig stutzten, als sie den gewöhnlichen Soldaten gewahrten. Volter genierte sich wenig. Mit einer waren Gier ver- schlang er die Neuigkeiten, die er in der bescheidenen Anzahl SSt verschiedenen Tageszeitungen vorfand. Auf Minuten vergaß er feinen bunten Rock und fühlte sich wie in feiner Heimatstadt. Hierher werd' ich jeden Sonntag gehen, wenn ich frei bin, nahm er sich vor, als er zahlte. � * Beck und Weidemüller waren schon vom Ausgange zurück, vis Volter auf seiner Stube ankam. Schweigend saßen sie am Tisch und ließen die Köpfe hängen. „Was sitzt Ihr denn so trübsinnig da?" rief er ihnen zu. >.Seid doch nicht so traurig wegen der paar Tage Urlaub! Wßt Ihr was? Ich koche Tee, und da werden wir uns fein unterhalten. Nicht?" Diesem Vorschlag wurde zugestimmt, und bald dampfte das Wasser über Volters Spiritusapparat. Jeder holte sein Weihnachtspaket hervor, und mit großem Appetit wurde ge- gessen. „Warum bist Du eigentlich nicht um Urlaub e?nge- kommen. Volter?" fragte Beck. „Die Reise ist mir zu weit auf die fünf Tage. Und wenn man wiederkommt, fällt es einem noch schwerer, sich an das Kasernenleben zu gewöhnen." „Ich wäre doch gern gereist. Das habe ich ja nur dem Mietzschke zu verdanken, daß ich nicht konnte. Dabei. habe ich von den Rekruten mit am besten geschossen!" „Und ich Hab genau so gut geschossen wie Greskser und mußte auch dableiben!" rief Weidemüller. „Ach, lassen wir die dumme Urlaubsgeschichte ruhen!" rief Volter.„In zwei Jahren sind wir wieder frei! Dann haben wir Urlaub, soviel wir wollen." „Da hast Du recht. Volter. Wir wollen überhaupt gar nicht daran denken! Die Zeit wird schon vorübergehen." lFortsetzung folgt.) (Nachdruck vervoten.) JJmeilc und Grille. Ein Irrtum Lafontaines. Von Dr. Th. Zell. Bereits in der Bibel wird auf die Ameise als Sinnbild des Fleißes hingewiesen. Das kann nicht wundernehmen, denn jeder Mensch hat sicherlich Gelegenheit gehabt, das unermüdliche Gc- wimmel in einem Ameisenhaufen zu beobachten und die Anstren- gungen zu bewundern, mit denen erbeutete Gegenstände durch gemeinsame Kraft in den Bau geschleppt werden. Der Natur- forscher und noch mehr der Philosoph werden allerdings Bedenken tragen, von einem„Fleihe" der Ameisen, ebenso von der gleichen Eigenschaft der Bienen zu sprechen. Diese Zweifel beruhen darauf, daß ein Ameisen- und Bienenstaat wegen der zahlreichen geschlechts- losen Arbeiter richtiger mit einem einzelnen Individuum verglichen wird, bei dem die einzelnen Zellen eine selbständige Form ange- nommen haben. Selbst bei dem faulsten Menschen arbeiten aber die einzelnen Organe ganz unabhängig von seiner Trägheit. Nie- mand denkt daran, verwundert auszurufen: Ist mein Herz o5er mein Magen aber fleißig! Bilden also der Bienen- und Ameisen- ftaat nur ein Ganzes, so geht der Fleiß der einzelnen Biene oder Ameise ebenso unbewußt vor sich wie sich etwa die Verdauung des Magens oder das Schlagen unseres Pulses vollziehen. Zum besseren Verständnis sei noch folgendes Gleichnis ange- fuhrt: Wir lassen uns ein Glied amputieren, wenn dieses den übrigen Körper gefährdet, also zum Beispiel brandig geworden ist. Da die Drohnen im Winter den Bienenkörper gefährden, da sie nutzlose Fresser sind, so werden sie am Ende des Sommers in der sogenannten Drohnenschlacht beseitigt. Diese Handlungsweise gleicht genau einer Amputation. Doch wollen wir diese. Sache auf sich beruhen lassen. Stellt man die Ameise als ein Muster des Fleißes hin, so müßte man sie tonsequcnterweise auch wegen ihrer auffallenden Grausamkeit als abschreckendes Beispiel hinstellen. Manche Naturforscher haben sie deshalb als einen Tiger im kleinen bezeichnet. Die soeben erwähnte Drohnenschlacht wäre dann der reine Brudermassenmord. In ähn- llicher Weise wütet sie gegen andere Geschöpfe. Raupen, die hundert- mal größer und schwerer als eine Ameise sind, werden von den kleinen Gesellen gepackt und nach dem Bau geschleppt. Man stelle sich den wahnsinnigen Schmerz eines solchen Überfallenen Ge- /fchöpfes vor, das von einigen Dutzend Plagegeistern mit scharfen Gissen gepeinigt und nun im langsamsten Tempo halbtot in die Vorratskammer gebracht wird. Als Gegenstück zu der fleißigen Ameise, die im Winter sich an den aufgehäuften Nahrungsmitteln erfreut, gilt die Grille oder richtiger die Singzikade, die den Sommer über gesungen hat und beim Anbruch des Winters von allem entblößt ist und vom Hunger geplagt sich zu ihrer fleißigen Nachbarin, der Ameise begibt. Ihre Bitte um Unterstützung wird höhnisch zurückgewiesen. Nckch La- fontaine erwidert sie: Du sangst? Das ist mir lieb zu hören; Nun wohl, dann tanze jetzt! Neuerdings hat I. H. Fabre sich des verleumdeten Insekts angenommen und das wirkliche Verhalten von Ameise und Zikade näher beleuchtet. Mit Recht betont er, daß gewisse Fabeln, die dem Kinderherzen eingeprägt werden, unausrottbar für alle Zeiten darin haften bleiben. So wird auch jener plumpe Unsinn weiter bestehen, der den Stoff der Fabel bildet; die Zikade wird immer hungern, wenn die kalte Jahreszeit anbricht, obgleich es im Winter gar keine Zirpen mehr gibt; sie wird immer um einige Körnchen Getreide betteln, womit ihr zarter Saugrüssel doch gar nichts anfangen kann, und sie wird nach Fliegen und Würmchen suchen» obzwar ihre Nahrung ausschließlich aus Pflanzensäften besteht. Wer ist nun für so große Irrtümer verantwortlich zu machen. fragt Fabre. Die Antwort kann nur lauten: Lafontaine, dessen Fabeln uns durch ihre feine Beobachtung meist entzücken, ist in diesem Falle schlecht beraten gewesen. Fuchs, Wolf, Katze, Rabe, Ratte und so viele andere, deren Tun und Lassen er uns mit ge- nauen Einzelheiten erzählt, waren ihm durchaus bekannte und vertraute Tiere, dagegen hatte er niemals eine Singzirpe gehört und gesehen; die berühmte Sängerin war für ihn gewiß nichts anderes als eine Heuschrecke oder Grille. Zunächst, sagt Fabre, will ich das von unserem Fabeldichter verleumdete Insekt zu rehabilitieren suchen. Die Singzirpe ist keine angenehme Nachbarin, das muß ich zugeben. Jeden Sommer läßt sie sich zu Hunderten vor meiner Tür nieder, angelockt durch das Grün zweier mächtiger Platanen, und von dort aus peinigt sie nun vom Aufgehen der Sonne bis zu ihrem Untergang mein Gehirn mit ihrer rauhen Symphonie, die jede Gedankenarbeit un- möglich macht. Was die Beziehungen zwischen der Zikade und der Ameise angeht, so bestehen solche allerdings, allein das Verhältnis ist gerade umgekehrt, wie Lafontaine es dargestellt hat. Sie gehen nicht aus der Initiative der ersten hervor, die niemals fremde Unterstützung braucht, um leben zu können, sondern sie rühren von der Ameise her, von dieser räuberischen Ausbeuterin, die in ihr« Scheuern alles schafft, was überhaupt eßbar ist. Zu gar keiner Jahreszeit wird die Singzirpe vor einem Ameisenhausen über unger jammern und versprechen, den ihr geborgten Proviant mit ins und Zinseszins zurückzuerstatten; es ist im Gegenteil die Ameise, die, von Not getrieben, die Sängerin anfleht. Doch von �anflehen" kann man bei dieser Räuberin ebensowenig sprechen wie von einer Anleihe und deren Zurückerftattung; sie beutet viel- mehr die Zikade aus und plündert sie in unverschämter Weise. Wenn im Juli während der zum Ersticken heißen Nachmittags- stunden das Jnsektenvolk vergeblich seinen Durst an den verdorrten' Blumen zu stillen sucht, dann kann die Singzirpe sich über diese allgemeine Not lustig machen. Mit ihrem Schnahel, der einen feinen Zapfenbohrer darstellt, sticht sie ein Faß aus ihrem un- erschöpflichen Keller an. Auf dem Zweige eines Strauches sitzend, wo sie sich— fortwährend singend— niedergelassen hat, durchbohrt sie die feste und glatte Rinde der Pflanze, die ein an der Sonne gereifter Saft schwellt. Sie taucht ihren Saugrüssel in dies Zapfen- loch und trinkt. Unbeweglich sitzend, mit größtem Wohlbehagen, Zahlreiche Halbverdurstete, die in der Gegend umherstreichen, ent- decken den Brunnen, der durch ein Aussickern der Feuchtigkeit über die Ränder der Oeffnung sich verrät. Ich sehe, sagt Fabre. Wespen, Fliegen, Ohrwürmer, Sandwespcn, Wegewespen, Goldkäfer und vor allem Ameisen sich herandrängen. Die Kleinsten schlüpfen, um sich der Quelle zu nähern, unter den Bauch der Zirpe, die sich gutmütig höher auf ihre Beine stellt, um den aufdringlichen Gästen den Weg freizumachen; die Größten, die vor Ungeduld trippeln, nehmen rasch einen Mund voll, ziehen sich zurück, um rasch einen Gang auf den benachbarten Zweigen zu machen, und kehren dann unternehmender zurück. Die Begehrlichkeit wird immer größer; aus den zuerst Bescheidenen werden ungestüme Angreifer, die Miene machen, von der Quelle den Brunnengräber, der sie zum Sprudeln brachte, zu verjagen. Bei solchen Banditenstreichen sind die Ameisen immer die hartnäckigsten. Ich sah, sagt Fabre, wie sie die Zirpe wiederholt in die Füße bissen, ich ertappte andere, die sie an den Flügelenden zerrten, ihr auf den Rücken kletterten und sie an den Fühlern kitzelten. Eine besonders Verwegene Packte vor meinen Augen sogar ihren Saugrüssel und zwang die Zikade, ihn herauszuziehen. Wenn die Geduld des auf solche Weise von diesen Zwergen gc- quälten Riesen erschöpft ist, dann gibt er ihnen seinen Brunnen preis und flieht, indem er auf die Straßenräuber einen Strahl spritzt. Dieser Ausdruck tiefster Verachtung macht jedoch auf die Ameise weiter keinen Eindruck— sie hat doch ihren Zweck erreicht. Sie hat sich jetzt in den Besitz des Brunnens gesetzt, der freilich gar bald versiegt, wenn das Pumpwerk nicht mehr in Betrieb ist, das ihn hervorquellen ließ. Immerhin ist ober so viel gewonnen. daß sie auf einen neuen Schluck warten kann, den sie auf gleiche Weise zu bekommen sucht, sobald sich die Gelegenheit dazu bietet. In Wirklichkeit sind die Rollen der beiden Tiere also gerade umgekehrt, wie die Darstellung in der Fabel sie erscheinen läßt. Die Ameise ist die unverschämte Bettlerin, die sogar vor dem Raube nicht zurückscheut; die Zikade die fleißige Arbeiterin, die mit einem Darbenden teilt. Noch mehr tritt dieser Gegensatz in folgendem hervor. Die Sängerin fällt nach fünf bis sechs oer- gnügien Wochett— für sie ein langer Zeitraum— verbraucht durch da? Leben, vom Baum herab. Dann wird fie von der Ameise entdeckt, die als echter Freibeuter stets auf der Suche ist; diese zergliedert und zerschneidet sie zu Krümchen, die ihren Pro- viantvorrat vermehren sollen. Nicht selten kann man beobachten, wie die in den letzten Zügen liegende Zirpe, deren Flügel noch im Staube zuckt, gevierteilt wird durch eine Rotte dieser Schinder, die ihren ganzen Körper bedecken, so daß er-dadurch schwarz aus- sieht. So ist tatsächlich das Verhältnis zwischen den beiden In- fetten. Für den Naturforscher stand es ja von vornherei fest, daß die Fabel Lafontaines auf einem Irrtum beruhen mußte. Es gibt kein Tier, das im Winter hungern muß, weil es nichts gesammelt hat. Diejenigen, die nichts gespart haben, fliegen entweder wie unsere Zugvögel in warme Länder, wo sie Nährung in Fülle antreffen, oder sie verfallen in Winterschlaf. Der dem Menschen so nahe- stehende Bär lebt während der Wintermonate nicht nur ohne Nahrung, ja, die Bärin wirft noch während dieser Zeit Junge und säugt sie. Die Singzikade steht also glänzend gerechtfertigt da. Merk- würdigerweise hatten die Alten eine viel bessere Meinung von ihr als wir; bei den alten Griechen stand fie in hohem Ansehen. Homer vergleicht zum Beispiel die Redner im Rat mit Zikaden. Nach einer griechischen Sage hatten fich zwei Tonkünstler, EunomuS und Ariston, in einen Wettstreit eingelassen. Eine Zikade flog zu dem erstgenannten, setzte sich auf seine Harfe an Stelle einer ge- sprungenen Saite und verschaffte ihm den Sieg. Den alten Grie- chen erschien daher eine auf einer Harfe sitzende Zikade als das Sinnbild der Musik. Ihre Dichter verherrlichten die Tierchen in ihren Gesängen und priesen sie als die glücklichsten und un- schuldigsten Geschöpfe. Ein Anakreon widmete ihnen eine Ode. Übrigens hatten bereits die Griechen beobachtet, daß nur die Männchen singen, und sehr bissig betont das Xenarchus von Rhodus, indem er sagt: Glücklich leben die Zikaden, Denn fie haben stumme Weiber. Experimentelle VerlucKe über clen Lärm. Von Dr. Theodor Lessing. Seitdem der Deutsche Antilärmberein den Kampf gegen ent- behrliche Geräusche im öffentlichen und privatwirtschaftlichen Leben überall aufgenommen hat, sind viele Stimmen laut geworden, die über moderne Ueberempfindlichkeit klagen und in diesem Kampf nichts anderes als einen Ausdruck von Neurasthenie und Reizbar- keit finden wollen. Man beruft sich gern auf die Untersuchungen bedeutender Neurologen und Nervenärzte, die, wie Dr. Otto Dorn- blüth in seinem Buch:»Ueber die Hygiene der geistigen Arbeit" die Gewöhnung an Lärm als eine Art von Nervcnghmnastik und also ein Schutzmittel gegen die Nervosität empfehlen. Solche Empfehlungen der Anpassung an die Geräusche des Lebens sollten freilich ein wenig verdächtig erscheinen, wenn man die heftigen Worte liest, mit denen Kant, der mit seiner Schrift„Ueber die Macht des Gemüts, seiner krankhaften Empfindung Meister zu werden" als Vater der Diätetik der Seele gelten kann, un- erbittlich gegen den Lärm zu Felde zieht. An einigen Punkten versagte offenbar die Macht seines Gemüts vollständig. Derselbe Geist, der einem gebrechlichen, empfindlichen Körper die höchsten geistigen Leistungen abzuringen vermag, zeigt sich doch nicht im- stände, gegen das Krähen eines Hahns oder den Mißbrauch eines Klaviers fich mit Geduld zu wappnen. Ja, es ist vielleicht emS der auffälligsten Beispiele inneren Widerspruchs, daß der Vater aller stoischen Weisheit, Seneca, in einem seiner Briefe gegenüber dem Lärm im alten Rom sich völlig außerstande erklärt, von seiner stoischen Philosophie Gebrauch zu machen. Diese Erfahrung nun, daß alle Charakterstärke, aller Vorsatz gegenüber dem quälenden Eindruck unnötiger Geräusche machtlos wird, findet eine eigentliche Begründung und Bestätigung in gewissen Experimenten der Physiologen und Psychologen. Schon vor Jahrzehnten kon- struierte Max Rubner, Professor der Physiologie an der Berliner Universität, einen als„Lärmmesser" bezeichneten Apparat, der mit großer Genauigkeit die Anzahl und Stärke vom Lärmreizen auf- zeichnet, die innerhalb eines bestimmten Zeitraums in einem Räume auftreten. Durch diesen und ähnliche Apparate gelangte man zunächst zur Feststellung der Tatsache, daß die Lärmreize, die bewußt von einem Menschen wahrgenommen werden, an Zahl nur geringfügig sind gegen all die Geräusche und akustischen Reize, die unter der Schwelle des Bewußtseins bleiben und unbe- wüßt beständig auf Gehirn und Nerven einwirken. Experimente in allergrößtem Maßstabe wurden erst in den letzten Jahren plan- mätzig an der Columbia-Universität in New Dork in die Wege ge- leitet. Ein Professor der Physiologie verteilte eine Anzahl mit Apparaten bewaffneter Studenten während der Nacht an verschie- denen Stellen der Stadt New Kork, insbesondere in der Umgebung der Häfen, mit der Aufgabe, festzustellen» wie viele verschiedene Geräusche innerhalb einer bestimmten Zeitspanne von den Lärmi« messern verzeichnet werden würden. Und hierbei ergibt sich, daßl die Bewohner von New Dort in der Umgebung des Flusses und der Häfen im Verlauf einer einzigen Nacht im Durchschnitt etwa 3000 Signale zu erdulden haben, die allein von den riesigen Sirenen und Nebelhörnern der Schiffe kommen. Während diese Versuche sich darauf beschränken, die in einer bestimmten Zeit zu- sammengedrängten Lärmreize einfach der Zahl nach zu ermitteln, haben andere für Psychologie und Neurologie fruchtbarere Arten des Experiments sich zur Aufgabe gestellt, die Wirkung akustischer Reize auf Seele und Nervensystem zu ermitteln. Hier- her gehören zunächst die besonders von Wundt und seinen Schülern immer wieder angestellten, zahllos variablen Untersuchungen über Unterschiede in der akustischen Reizempfänglichkeit, namentlich in der Schnelligkeit des Reagierens auf Gehörreize bei verschieden ge- arteten Individuen oder ein und demselben Individuum während verschiedener Tageszeiten oder in verschiedenen Gemütszuständen. Auch bei dieser Art von Untersuchungen ergab sich die Wichtigkeit einer Unterscheidung der perzipierten(ohne unser Wissen von uns aufgenommenen) und der a p p er zipierten(bewußt aufgefaßten) Töne, Klänge und Geräusche. Sehen wir von den ganz außer- ordentlichen Unterschieden ab, die zwischen Mensch und Mensch in der Empfänglichkeit für Lärmrcize obwalten und die so stark sind, daß man danach einen optischen(vorwiegend durch Gesichtsbildcr orientierten) und einen akustisch-motorischen(vorwiegend durch Gchörsvorstellungen orienfterten) Menschentypus trennen kann; sehen wir auch ab von den ganz erstaunlichen Schwankungen der Empfänglichkeit gegen Gehörreize, die ein und derselbe Mensch unter verschiedenen Umständen, am Morgen und am Abend, auf dem Lande und in der Stadt, in geschwächtem oder gefestigtem Nervenzustande, in Gesundheit oder Krankheit erfährt, so bleibt als wichtigstes Moment der Lärmexpcrimente die Tatsache zu be- rücksichtigen, daß die Wirkungen der Geräusche fast durchweg unter der Schwelle des Bewußtseins sich betätigen. Sie sind mit kleinen feindlichen Zwergen zu vergleichen, die uns beständig geistige und seelische Energie stehlen und binden, ohne daß wir selbst etwas davon merken oder ahnen. Man hat experimentell gezeigt, dafi Geräusche, von denen ein Individuum gar nichts weiß, die gröbsten anatomischen Wirkungen auf das Nervensystem ausüben können; daß man z. B. im Zustand der Hypnose die Atmung, den Herz» schlag, den Blutkreislauf, die Verdauung durch akustische Reize de- einflussen kann, während diese Reize doch gar nicht in das Bewußt- sein des durch sie geschädigten Individuums treten. Der schwere Verlauf der Fieberkrankheiten in den Städten zeigt den Einfluß unbewußt perzipierter Lärmreize. Die Direktoren und Aerzte vieler Kliniken und Krankenhäuser, die in unruhigen Stadtvierteln gelegen find, haben schon seit Jahren Klage darüber geführt, daß durch eindringenden Lärm der Verlauf mancher Krankheiten, wie des Nervenfiebers, der Gehirnhautentzündung aufs entschiedenste beeinträchtigt werden, auch in solchen Fällen, wo die Kranken sich persönlich der Einwirkung des Lärms gar nicht bewußt sind. In der medizinischen Literatur ist bereits eine Reihe von Fällen bc- glaubigt, in denen Nervenleidende durch die Einwirkung unabstcll- baren Lärms in Geisteskrankheit verfallen sind. In solchen Fällen bewährt sich nichts schlechter als die wiederholte Aufforderung, die Aufmerksamkeit von dem störenden Geräusch abzulenken. Man kann wohl, ohne daß der andere davon weiß, dessen Aufmerksam- keit von Geräuschen abwenden. Niemals aber kann der Vorsatz, auf Geräusche nicht achten zu wollen, einen Einfluß erlangen. Wenn Leute versichern, es sei ihnen gelungen, ein Geräusch vor- sätzlich zu überhören, liegt eine Selbsttäuschung vor. Möge jeder den einfachen Versuch machen, sich das Anhören eines im gegen- wärtigen Augenblick auf ihn eindringenden Schallreizes zu ver- bieten. Die Folge davon wird sein, daß er nun erst recht auf den Schallreiz hinhört, den er ohne diesen Vorsatz vielleicht nicht be- achtet hätte. Für jeden Menschen gibt es einen Punkt, an dem er nicht mehr fähig ist, sich gegen ein Geräusch zu verschließen, diesen bezeichnet man als die quantitative Reizschwelle des Betreffenden. Jeder beliebige akustische Reiz kann sich durch nur quantitative Steigerung die Aufnahme ,n das Bewußtsein erzwingen. Neben dieser quantitativen besteht für jede Art von Geräusch eine qualitative Reizschwelle. Es ist z. B. ein Gesetz, daß sich niemand gegen ein ungewohntes Geräusch verschließen kann. Ein Müller mag beim Kloppern seiner Mühle, ein Uhrmacher beim Ticken seiner Uhren scheinbar ruhig schlafen; sobald sich in das ge- wohnte Geräusch irgend ein neues einmischt� wird auf einmal das Bewußtsein gleichsam aus dem Schlaf gerüttelt. So kommt es, daß eine Kompagnie Soldaten im Manöver beim Knattern von Geschützen ruhig schlafen, auf das kleinste ungewohnte verdächtige Geräusch in der Umgebung aber sofort erwachen würde. Neben diese Bedeutung des Neuen und Ungewohnten tritt nun noch eine ganze Reihe von anderen Eigenschaften der Geräusche, die bazn führen, daß sie zwangsmätzig zum Bewußtsein kommen müssen. Dahin gehört z. B. die Taffache, daß Geräusche, die autzergcwöhn- lich lust- oder unlusterregend sind, sofort ins Bewußtsein aufge» nommcn werden. Wer in einer sehr lauten Umgebung, scheinbar ohne Schaden, zu leben gewohnt ist, erfährt dennoch plötzlich eine heftige Störung, sobald irgend ein besonder? widerwärtiges und unlusterregendes Geräusch unter den gewohnten Geräuschen auf- taucht. Ganz ebenso ist jeder gezwungen, lusterregende Geräusche, etwa Klänge eines flotten Walzers, zwangsmäßig aufzu- «eljmen, auch wenn er sich dagegen lieber verschließen möchie. End- lich besteht auch das Gesetz, daß alle Geräusche, die bedrohlich find, zwangsweise apperzipiert werden.— Für die praktische Seite des Kampses gegen Lärm sind jedoch alle diese Experimente weniger wichtig als die Feststellung der schlichten Grundtatsache, daß das NichtHören eines Geräusches nichts dafür beweist, daß es un- schädlich und spurlos an uns vorübergeht. Wie wir, uns selbst be- wüßt, von Sonne und Mond, von Regen und Wind in allen Schwankungen unserer Gefühle und Stimmungen, unserer Leistung und Arbeit fortdauernd abhängig sind, genau so hängt unser Geistes- und Seelenleben und unsere Gesundheit dauernd von der Ruhe oder Lautheit unserer Umgebung ab, auch dann, wenn wir uns keine Rechenschaft davon geben oder etwa überzeugt sind, daß der größte Lärm uns völlig gleichgültig und unbeeinflußt läßt. Der Mensch besitzt im Lärm einen geheimen Feind, der, gleich krank- haften Infektionen durch unsichtbare Bakterien, beständig seinen Energiereichtum verringert und an seiner Geisteskraft gleichsam «Aterirdisch nagt. Kleines feuilleton. Literarisches. Anton Nhström, Christentum und freies Denken, eine kritisch-historische Darstellung. Autorisierte Uebersetzung aus dem Schwedischen. g.�Auflage. Verlag von Oesterheld u. Co., Berlin 19i)S. Wir möchten wünschen, daß dieses Buch, wenn nicht in vielen Prolctarierfamilien(denn dazu ist es zu teuer), so doch in vielen Arbeiterbibliotheken Eingang fände. Es ist in gewisser Be- ziehung ein unmodernes Buch. Denn es sucht weder, wie die Masie heutiger historischer Literatur, die Schandflecke in der Geschichte des Christentums und der Kirche durch ein sogenanntes .religionsgeschichtliches Verständnis" zu beichönigen, noch seine Ent- Wickelung mit ihren Auswüchsen etwa hisiorisch-materialistisch zu „erklären". Es begnügt sich„ganz einfach"— darin liegt Lob und Tadel zugleich— die Tatsachen der Kirchengeschichte, wie sie die moderne lkrirische Geschichtsforschung ans Licht gebracht hat, aufzuzählen, übrigens mit nicht gerade sehr geschmackvollen, aber um so drastischeren Illustrationen. Es ist so_ ein anregend zu lesendes Propagandabuch ersten Ranges. Selbst wer(wie Schreiber dieser Zeilen) von Berufs wegen fcht alle die darin aufgezählten Tatsachen der„christlichen Geschichte" so und so oft schon gelesen hat, versenkt sich mit großer Freude noch einmal in die Lektüre. Es weht etwas vom Geiste der großen Aufklärung Voltaires und Kants in ihm. Und eine Persönlichkeit spricht-aus jeder Zeile, die selber das Beste ihres ganzen Leben? an die Propaganda der geistigen Freiheit hingegeben hat. Wir leben in vieler Beziehung in einem Zeitalter der Restauration. Schon gilt es vor lauter historischer Bildung für unpassend, der Kirche den Glauben an Hölle. Teufel und Dreieinigkeit vorzuwerfen. Unsere liberalen Wortführer sind ja lange„darüber hinaus". Nhström, der sich in unzähligen Debatten mit ihnen und ihren konsequenteren orthodoxen Kollegen herumgeschlagen har, zeigt an der Geschichte der Kirche und an den heutigen Zuständen in Schweden, wie haltlos ihr Standpunkt ist, wie insbesondere die Scheidung von„zentralen" und„peripherischen" Dogmen innerhalb des Kirchenglaubens sowohl unlogisch als unmoralisch ist. Einen besonderen Wert erhält das Buch durch die genaue Schil- derung des geistigen Befreiungskampfes in Schweden mnerhalb der letzten 50 Jahre. Da hören wir, wie August Strindberg und der Genofle Hjalmar Branting wegen Religions- vergehen« angellagt wurden. Wir hören von dem kühnen Freiheits- apostel Viktor Lennstrand und dem unbeugsamen Schul- meister von Tolanga, Sven NilSso n. In lebhaften Farben, die überall verraten, daß der Verfasser hier selber keine kleine Rolle gespielt hat, wird uns der anlikirchliche Kampf um Darwin ge- schildert, so daß uns der Wunsch kommt, für Deutschland eine gleiche Darstellung zu besitzen. Es könnten verschiedene gelehrte Ein- Wendungen gegen das Buch gemacht werden, besonders was die Beurteilung der fachwisienschaftlichen Literatur betrifft. Doch wurde dadurch der Wert des Bruhes nicht im mindesten beeinträchtigt. Naturwiffenschastliches. Die zeitweise Aufhebung deS Lebens bei ge» Wissen Samen. Austrocknung und Kälte sind große Feinde de? Lebens. Trotzdem vertragen viele Samen und Sporen hohe Grade der Abkühlung und der AuStrocknung, ohne daß sie ihre Lebens- fähigkeit und Keimfähigkeit einbüßen. ES hat sich sogar gezeigt, daß manche Samen unter Bedingungen ihre Lebensfähigkeit be- halten, unter denen die Atmung ausgeschloflen ist. Einige Forscher zogen daraus den Schluß, daß in solchen Samen das Leben zeit- weilig aufgehoben sei. Neuerdings hat Paul Becquerel darüber neue Untersuchungen angestellt. Er prüfte die Wirkung der Lustrocknung, der Kälte und der Lustleere auf Samen von Luzerne, weißem Senf und Weizen. Damit die Wirkung dieser Faktoren unzweifelhaft sein konnte, durchbohrte er die Samenschalen und setzte sie bei einer Temperawr von 40 Grad unter Anwesenheit von Aetzbaryt sechs Monate lang der Luftleere aus. An der Beständigkeit des Gewichts konnte man erkennen, daß die Austrocknung eine vollständige geworden war. Die Samen lvurden nunmehr in luftleer gepumpte Glasröhrchen eingeschmolzen und darauf im Kältelaboratorium des Herrn Kamerlingh OnneS in Lehden zuerst drei Wochen lang der Temperatur der flüssigen Lust(—191 Grad) und dann 77 Stunden hindurch der des flüssigen Wasserstoffs(—253 Grad) ausgesetzt. Sodann wurden sie wieder nach Paris gebracht, die Gläschen zerbrochen und die Samen bei 28 Grad zum Keimen ausgelegt. Von allen Samen keimte nur ein einziger des Weizens nicht mehr. Die Samen keimten ebenso wie Samen unter noruialen Bedingungen sonst, die man zur Kontrolle ausgesät hatte. Becquerel meint:„Ohne Wafler, ohne Sauerstoff, bei einem Atmosphärendruck, der fast Null beträgt und bei einer dem absoluten Nullpunkt nahen Temperatur wird das Protoplasma so starr, so hart und so untätig wie Stein: sein kolloidaler Zustand(Leim, Eiweiß, Gummi sind Kolloidsubstanzen), der für die physikalisck- chemischen Vorgänge der Assimilation und Desassimilation(Stoff- Wechsel) notwendig ist, verschwindet also ganz". Becquerel meint, daß das Leben in jenen Samen also ganz verschwindet, die un» unterbrochene Folge der Prozcffe. die die Lebenserscheinungen bilden, sind seiner Ansicht nach unterbrochen. Will man dem nicht beipflichten, so stehen zwei Möglichkeiten offen. Entweder muß man annehmen, daß die Veränderungen, die das Leben selbst unter den erschwerten Bedingungen noch erhalten, so langsam vor sich gehen, daß wir sie nur nicht mehr beobachten können, oder man muß sich auf den Standpunkt stellen, daß das Leben noch etwas außerhalb der materiellen Welt stehendes sei. DaS darf die Wissenschaft nicht annehmen, sie begäbe sich dann auf die schiefe Ebene, wo alle Wisienschaftlichkeit aufhören würde, weil die Dinge außerhalb unserer Erfahrung lägen. Es ist nicht bloß die biologische Seite, die hieran interessiert, sondern auch die astronomische. In seinen Büchern über:„Das Werden der Welten" behandelt Arrhenius auch die Frage nach der Bewohnbarkeit und der Ausbreitung des Lebens durch den Weltraum. Er nimmt an, daß die Erscheinung des StrahlungS- druckes winzig kleine Lebenskeime von bewohnten Welten nach anderen Sternen zu übertragen vermag. Die Keime sollen auf ihrer Wanderung durch den Weltraum durch die grimmige Kälte nicht getötet werden, sondern ihre Lebenstätigkeit so außerordentlich verlangsamen, daß sie selbst Jahrtausende zu überdauern vennögen. Diese Möglichkeil, die sich durchaus im Einklang befindet mit chemisch-physilalischen Gesetzen über die Intensität mit der chemische Vorgänge ablaufen, wurde von den Biologen lebhaft bestritten. Arrhenius' Anschauung von der Panspermie, von der Uebertragung des Lebens von beivohnten auf unbewohnte Weltkörper, ersährt durch Paul Becquerels Untersuchungen eine gewiffe Möglichkeit. Verkehrswesen. DaS Weltkabelnetz. Im Jahre 1903 hat die„Deutsche Rundschau für Geographie und Statistik" eine Aufstellung über das Kabelnetz der Erde gegeben; seit dieser Zeit hat, wie die gleiche Zeitschrift jetzt ausführt, das Wcltkabelnetz gewaltig zugenommen. Seine Gesamtlänge kann für Mitte 1909 aus 475 332 Kilometer veranschlagt werden; dazu kommen aber noch gegen 27 000 Kilo- meter projektierte oder noch nicht fertige Kabel, so daß Anfang 1910 die Gesamtlänge des Weltkabelnetzes über 500000 Kilometer be- tragen wird. An der Spitze steht England mit einem Kabelnetz von 255 307 Kilometer; davon sind 25 039 Kilometer Staatskabel und 230 738 Kilometer im Besitz von Privatgesellschaften. Die Zunahme seit 1903 beträgt hier 7630 Kilometer. Weit bedeutender ist sie m den Vereinigten Staaten; sie betrug im gleichen Zeitraum 27 172 Kilometer. so daß die Union jetzt 98 783 Kilometer Kabel besitzt. Das größte Staatskabelnetz hat Frankreich mit 25 786 Kilometer. Dazu kommen 22 413 Kilo- meter Privatkabel; die Gesanitsumme: 48 199 Kilometer stellt Frankreich an die dritte Stelle. Dann erst kommt Deutschland, besten staatliche Kabel eine Länge von 5331, besten private eine solche von 24 303 Kilometer haben. ES folgen in größeren Abständen: Dänemark(17 772), Japan(3419), die Niederlande(5720). Spanien(5578), Italien(1998). Rußlands Anteil macht nur 1216, der Oesterreich-Ungarns nicht mehr als 415 Kilometer aus. An vorletzter Stelle erscheint die Schweiz mit 31, an letzter Siam mit 24 Kilometer. Von Deutschlands Kabeln ist die wichtigste Linie Emden— Vigo, die der Deutsch-Atlantischen Telegraphen- gesellschaft gehört, ferner die direkte Verbindung mit Long-Jsland bei New Jork. Auch die ostasiatischen beziehungsweise pazifischen Linien Menado— Jap— Guam und Jap— Schanghai— Kiautschou— Tschifu find von großer Bedeutung. Durch die eigenen Kabel Frank- reich?, Amerikas und Deutschlands ist innerhalb der letzten sechs Jahre die früher unangefochtene Monopolstellung Englands stark erschüttert worden. Eine Konkurrenz der Kabel durch die drahtlose Telegraphie Marconis ist vorläufig noch nicht zu befürchten; die Marconilinien enttäuschten bisher, was Zuverlässigkeit, Schnelligkeit und Geheim» Haltung der Depeschen betrifft. Die Gesamtlänge der Marconi- Funkentelegraphenlinie beträgt nicht mehr als 8—10 000 Kilometer, also sehr wenig im Vergleich zu der halben Million Kilometer, die das Kabelnetz der Erde ausmacht. Kerantw. Redakteur: Emil Unger, Grunewald.— Druck u. Verlag: Vorwärts Buchdruckerei u-�rUgtanstaU Paul Singer �Co., Berlin 5W.