Nnterhaltnngsblatt des Dorwäris Nr. 199. Mittwoch> den 13� Oktober. 1909 j(Nachdrucr derbsten.! vz„Soläaten lein scdön!" Bilder aus Kaserne und Lazarelk, Bon K a r l F i s ch e r.« Die Gesichter der vom Urlaub zurückgekommenen öfo kruten waren beim ersten Dienst nichts weniger als heiter. Unteroffizier Beier war an dem ersten Tag zur Wache kom- »nandiert, und seine Korporalschaft mußte Sergeant Schneider übernehmen. Der Leutnant, dem Volter durch seinen Urlaubs- Verzicht Interesse eingeflößt hatte, rief ihn während des Dienstes zu sich. „Warum sind Sie nicht auf Urlaub gefahren�" fragte er ihn.„Hatten Sie kein Geld?" „Ich hatte Geld, Herr Leutnant." „Nun, waruni- nicht?" „Weil mirs zu weit war auf fünf Tage." „Haben Sie Verwandte?" „Nähere nicht." „Wo wären Sie denn hingefahren?" „Zu meiner Braut." „Ist die hübsch?".. „Für mich genügend!" >>SoI— Treten Sie ein." Als er wieder zur Korporalschaft zurückgekommen war, fragte ihn Sergeant Schneider neugierig:„Was wollte denn der Leutnant von Ihnen?" „Er fragte mich, wie mirs geht, Herr Sergeant!" Volter dachte, wenn ich so tue, als ob sich der Leutnant für mein Befinden interessiert, wird mich vielleicht Sergeant Schneider mit einer größeren Achtung behandeln. Volter erwiderte ruhig den heimtückisch stechenden Blick, der dem Sergeanten eigentümlich war. Beck hatte unter Sergeant Schneider viel auszustehen. Beim Chargieren des Gewehrs war er derjenige, der nichts richtig machte. Tie anderen Rekruten ließ er nach einer Weile rühren und ließ Beck allein üben. Er rief ihm so schnell hintereinander die Kommandoworte zu, daß Beck mit dem Ueben kaum folgen konnte. Dabei stand er ganz dicht vor ihn: und schrie mit seiner gellenden Stimme auf ihn ein. Plötzlich— ob Versehen, ob Absicht vorlag— glitt dem Beck das Gewehr nach vorn aus der Hand und stieß Sergeant Schneider mit der Laufmündung gerade in die Magengegend. Ganz perplex stand dieser eine Weile da und rang nach Atem. Keinen Ton sagte er und ließ weiter üben. Dabei blickte er Beck an, als ob er ihn verschlingen wollte. Beim Parademarschüben im einzelnen rächte er sich. Beck mußte immer wieder im Galopp zurück. Dann übte er mit ihm allein:„Hinlegen!— Sprung! Auf! Marsch marsch!" „Hinlegen!— Sprung I Auf! Marsch marsch!" Bis Beck der Schweiß vom Gesicht lief. Der hundert Schritt entfernt stehende Leutnant blickte einmal flüchtig hin. Wie er sah, daß es Beck war. wandte er sich gleich wieder ab. Als sich Beck kaum noch auf seinen Beinen halten konnte. ließ ihn der Sergeant wieder ins Glied treten.„Ich werds Ihnen beibringen!" rief er ihm ganz nahe ins Gesicht.„Sie Dreckhammel! Was glauben Sie, wer Sie sind? Sie Sau- kaffcr. Nehmen Sie sich in acht, Sie Früchte!, daß ich Sie nicht noch ins Loch bringe!" Der erschlafft dastehende Beck ließ alles geduldig über sich ergehen. » �„Meine liebe Grete! Besten Dank für Deinen lebten Brief. Es ist zu klein, zu nichtig, Dir mit Worten für Deine Sendungen Dank zu sagen. Wir haben uns beide verbunden. Wir wurden getrennt, aber nicht für immer. Nur Geduld! Die zwei Jahre werden schnell vorübergehen, glaube mir. Jetzt habe ich mich schon halb und halb an meine Umgebung gewöhnt. Mag kommen, was will, ich halte aus. Vor einigen Tagen war Kaisers Geburtstag. Nach meines Leutnants Ansicht der einzige Tag im Jahre, an dem sich der Soldat betrinken kann. Auf Regimentsunkosten gab es Bier. Kein Zapfenstreich! Freie Nacht! Für Freibier ist da mancher brave Kamerad zu haben! Im Interesse des guten Stoffs singt er wohl auch mal ein patriotisches Lied, das bei dergleichen Gelagen eine notwendige Folge ist. Dieser lärmende Patriotismus löst sich bloß beim ersten Exerzieren wieder auf wie blauer Dunst. Daß ich bei der ersten Ge» legenheit, die sich bot, meinen Strohsack aufsuchte, brauche ich Dir wohl nicht erst zu sagen. Die mit banger Sorge von meinem Leutnant erwartete Rekrutenvorstellung hat gestern ihren Abschluß gefunden. Einige Tage vorher war alles in größter Tätigkeit. Was mußte da alles geputzt und hergerichtet werden. Gestern be- kam unser Leutnant beinahe das Zittern vor Aufregung und Angst, ob nun die ganze Komödie zur Zufriedenheit des Obersten klappen würde. Es wollte aber durchaus nicht klappen. Einzelne sogenannte„Krummböcke", a la Greskser und Weidemüllcr.verschandelten ihm das ganze Bild. Bei der Jnstruktionsbesichtigung kämpfte der Leutnant in unruh- voller Ehrfurcht vor seiner Leistung mit einer momentanen Gedächtnisschwäche. Er stellte manchmal solche Fragen, daß der Oberst einschreiten und ihm andeuten mußte, die Fragen seien für die Rekruten zu kompliziert; er müßte es ihnen leichter machen. Nach der Vorstellung teilte uns der Hauptmann die große Zufriedenheit des Obersten mit und gab uns bekannt, daß das Bataillon in Anerkennung der tüchtigen Leistungen der Mannschaft der elften Kompagnie eii: Faß Bier zum besten gegeben habe. Wie mir einer vom alten Jahrgang er- zählte, ist die Bierspende eine alljährlich wiederkehrende Er- schcinung. Die Rekrutenzeit ist vorüber, und jetzt beginnt das all- gemein gefürchtete Kompagnieererzicren. Die Alten und die Rekruten durcheinander vermengt in Reih und Glied. Die Rekruten sollen dabei üble Erfahrungen machen. Ich bin auf alles gefaßt, und gar so schlimm wird es schon nicht werden. Ich soll ein guter Exerzierer sein, wie mein Korpo» ralschastsführer sagt, und werde auch weiter meinen Mann zu stellen wissen. Sorge Dich nur nicht um mich. Herzlichst, Dein Veit."' Der Sonntagsappell hatte von nun ab für die Rekruten eine ganz andere Bedeutung. Täglich mußte die ganze Kom- pagnie unter dem Hauptmann exerzieren. Bei der Rekruten- ausbildung hatte er sich nur vorübergehend auf dem kleinen Exerzierplatze sehen lassen. Jetzt hörten die Rekruten jeden Vormittag die laute Kommandostimme des Hauptmanns. Jedem Rekruten fuhr sie in die Knochen, wenn er beim Exer- zieren seinen Namen rufen hörte. Man wußte, daß es bei jedem Versehen oder Nichtaufpassen als Strafe eine halbe Stunde Nachexerzieren gab. Nach jedem Namensaufruf hökte man das bekannte:„Feldwebel! Schreiben Sie ihn auf!" Der Feldwebel stand immer mit seinem Notizbuch in der Hand in der Nähe. Nach dem Einrücken in die Kaserne war anschließend Extradienst für die„Aufgefallenen". Beim Sonntagsappell wor Generalübersicht über die Ereignisse in der Kompagnie während der vergangenen Woche. Manchem Rekruten kl/pfte das Herz, wenn er vorgerufen wurde. Beck gehörte fast regelmäßig zu denen. Sergeant Schneider hatte dem Hauptmann Meldung er» stattet, daß Beck sich am vergangenen Sonnabend nachmittag während des Rcvicrreinigens in der Kantine aufgehalten hatte. „Drei Tage Mittelarrest!" diktierte der Hauptmann. „Noch am Sonntagmittag abzuführen." Die erste Arreststrafe unter den Rekruten. Von dem Arrest hatten alle noch nicht Bestraften eine heilige Scheu. Wie ein großer Verbrecher kam sich Beck vor. Selbst seine gleichaltrigen Kameraden blickten ihn von der Seite an und vermieden es, mit ihm zu sprechen, während er wieder unten in der Stube war und sich zur Strafe vorbereitete. Schweigend packte er seine vorschriftsmäßigen Sachen zum Arrest. „Na. Hans!" kam sein bester Bekannter, Lückelt, vom älteren Jahrgang zur Tür herein.„Haste Dei Kränichs z'famme? Mach Dir nur nix draus. Js gar nich so schlimnik Für mich is das Kittche Erholung geworde. Man g'wöhnt -Pch an alls. Ich Hab scho dreiundsechzig Tag abg'niacht, so- lang ich beim Kommiß bin. Dr'ham nit ane halbe Stund. Hier bam se mirs Spinne beigebracht." „Machen Sie, daß S-e rauskommen!" befahl Unter- offizier Beier, aus seinem Verschlag kommend. Sie haben hier nichts zu suchen!" „Ich wollt bloß mei Kollegen Adjö sagen, Herr Unter- offizier." „Sie können gleich mit ihm losgehen! Sind Wohl lange Zeit nicht drin gewesen? Was?" „Erscht vor verz'n Tag! Herr Unteroffizier." „Machen Sie, daß Sie rauskommen! Sie altes krummes Luder, Sie!" Damit drängte er ihn zur Tür hinaus und folgte ihm nach. „Kennst Du den Lückelt genauer, Beck?" fragte ihn Wolter. „Das ist doch fast der einzige, mit dem ich hier Verkehre," iantwortcte Beck kleinlaut. „Warum ist denn der soviel bestraft? Er schießt und exerziert doch ganz gut." „Wie er Rekrut war, da hat ihn mal der Leutnant ge- fragt, warum er immer so traurig ist. Und da hat er dem sein Leid geklagt— daß er kein Geld hat und seine Eltern so arm sind, daß sie ihm nichts schicken können. Der Leutnant hat ihm da eine Mark geschenkt. Vor lauter Freude hat er die versoffen— und das hat der Leutnant wieder ersahren. Von da ab fiel er immer auf— beim Exerzieren— beim Appell— bis er in Arrest kam. Und wie er erst ein paar- mal im Arrest war, wurde er immer leichtsinniger und gleich- gültiger— bis ers mit allen Vorgesetzten verdorben hatte." „Wie hoch war denn seine letzte Strafe?" „Drei Wochen strenger Arrest! Weißt Tu, Volter, ich habe bloß Angst um ihn, wenn er wieder frei ist vom Militär. Der hat sich an die Strafen schon so gewöhnt, daß sie ihm gar nichts Schreckliches mehr sind. Und dann solls draußen im Zivilgefängnis viel leichter zu ertragen sein als hier. Wenn er nur dann keine dummen Streiche macht." „Und ist er wirklich als Zivilist nicht vorbestraft?" fragte Volter weiter. „Ich sage Dir, mit keiner Stunde! Nicht mal mit Geld- strafen. Ich Hab ja mit ihm draußen zusammengearbeitet." „Na, laß Dir das nur nicht so zu Herzen gehen, daß Du sitzen mußt, Beck." „Darauf war ich gefaßt. Das wird auch nicht die letzte Strafe sein." „Wo ist der Kerl!" rief Sergeant Schneider im Dienst- anzug zur Tür herein.„Sind Sie bald fertig?" „Jawohl!" rief Beck. „Na los! Machen Sie schnell! Ich will mich nicht Jhret- wegen den ganzen Sonntag mit dem Helm herumdrücken." „Leb wohl, Beck!" rief ihm Volter nach. „Auf Wiedcrsehn!" Am ersten Osterfeicrtag wurde Voltcr auf Wache kom- rnandiert— die erste seiner Dienstzeit. Aus allen Kompag- nien des Regiments war die Garnisonwache zusammengestellt. Die elfte Kompagnie hatte vier Mann dazu kommandieren »Nüssen. Volter, mit einem Gefreiten und zwei Mann anderer Kompagnien, niußte ein vor der Stadt einsam gelegenes Pulvermagazin bewachen. Die Obliegenheiten während des Wachtdienftes waren in den Jnstruktionsstunden so oft theo- retisch durchgekaut, daß sie Volter fast wie etwas Alltägliches erschienen. Seine Wachtgcnossen waren ihm völlig fremd. Bis zur Stunde hatte er sie noch nie gesehen. Einer von ihnen nahm seine ganz besondere Aufmerksamkeit in Anspruch. Seine Gesichtszüge verrieten eine bessere Herkunft. Er schien etwas älter zu sein als die anderen Gemeinen, die er bisher fast Wie in der Wachtstubc alle abgelegt hatten, konnte ihn Volter erst richtig betrachten. Seine hellen Augen blickten ungemein wehmütig. Seine hohe breite Stirn verlief nach oben in den spärlich bewachsenen Scheitel. Der andere Teil des Gesichts wollte nicht zu der Stirn und den Augen passen. Die Züge um den Mund verliehen dem gesamten Antlitz etwas Undefinierbares, etwas Fremdes, was dem Beob- achter kein Urteil zuließ. Sein Anzug war nicht so proper, wie zum Wachtdienst eigentlich üblich war. Seine Hose der fünften Garnitur schien eher eine der sechsten zu sein. Die ganze Bekleidung verriet etwas Saloppes und Nachlässiges. sFortsetzung folgt.) Staatsanwalt Hbendrot. Von R. Franz. Ich habe einen gewissen Respelt vor Staatsanwalt Abendrot. Wenn seine mächtige rote Nase und die Backe mit dem riefigen Schmitz im„Hesfischen Hof" auftauchen, und wenn er zu Ernst sagt: «Ein Rundstück warm und ein Marienthaler I"— so liegt darin eine Selbstverständlichkeit und Logik, die keinen Widerspruch dulden. Assessor Willbräucke, der jetzt längst Amtsrichter irgendwo im Osten ist, war da ganz anders. Schon dah er zu lange Beine hatte, gab ihm etwas Unbestimmtes. Würdeloses, trotz seiner märchenhasten Körperlänge. Er sprach im Lokal außerdem so leise, daß er seine Bestellung oft zwei- oder dreimal wiederholen mutzte. Denn Ernst ist schon alt, sieht wenig und hört fast gar nichts, so daß neue und unerhörte Bestellungen, die über Rund- stück warm, St. Julien oder Marienthaler hinausgehen. in der Regel bei ihm versagen. Die Gäste wissen das und richten sich rücksichtsvoll danach, indem sie seltenere Speisen und Getränke selber im Vorbeigehen am Büfett bestellen, wenn sie mal wohin müssen. Auch Staatsanwalt Abendrot übt diese Rücksicht. Aber er tut es in seiner unerbittlich logischen und streng sachlichen Weise, die nichts von einer Rücksichtnahme spüren lätzt, obwohl er in später Abendstunde mit dem Büfettfräulein ohne Spur von Pedanterie zu plaudern weiß. Aber nicht im„Hessischen Hos" war eS, wo ich Staatsanwalt Abendrots eiserne Logik und unerschütterliche Ruhe zuerst und am meisten bewundern lernte. Das war vielmehr am Schauplatz seiner eigentlichen Tättgkeit, im Gerichtssaal. In jenem Sommer hatten sich im Warenhause der Stadt die Diebstähle erschreckend gehäuft. Schließlich richtete Herr Heymann eine scharfe Kontrolle ein•„ hinter dicken Portieren lauerten schlanke Herren im Gehrock, bereit, auf die Täter loszustürzen, und das Re- sultat war denn auch, daß am dritten Tage gleich zwei Diebinnen gefaßt wurden. Die eine war die Frau eines Weichenstellers, die in der Lcbensmittelabteilung erwischt wurde als sie zwei Stücke Camembertkäse in ihre Markttasche schob. Der Käse stand zwar am äußersten Ende des Raumes in einer finsteren Ecke, aber wer da geglaubt hatte, hier ungestört arbeiten zu dürfen, hatte eben die Portiere vergessen, die da hinten zur Toilette führte. Die andere Verbrecherin hatte sich anfänglich für eine Rentnersftau Gleiser, geborene Ahlemann, ausgegeben. Das war ihr Verhängnis. Hätte sie gleich gesagt, sie sei die Baronin Holzapfel, so würde Herr Heymann sie zweifellos mit einer Verbeugung aus dem Kontor geleitet und ihrem Gatten die Rechnung über die mit» genommenen Spitzen ganz ergebenst zugesandt haben. Aber der Betrugsversuch hatte seinen Zorn erweckt. Er prallte zwar ein wenig zurück, als die von ihm schärfer befragte angebliche Rentners- frau sich in Gegenwart des Kommissars alS� Baronin entpuppte, aber er beschloß doch, sei es in einer zornigen Wallung. sei es aus Gerechtigkeitsgefühl, gegen alle beiden Diebinnen vor- zugehen. So kam es, daß Staatsanwalt Abendrot Anklage erheben mutzte. gegen die Ehefrau Emilie des Weichenstellers Dantzenrot, geborene Eigner, und gegen die Ehefrau Martha des Majors a. D. Baron v. Holzapfel, geborene Freiin v. Trempler. Staatsanwalt Abendrot war durch alle Fragen seiner Bekannten zu keiner Auskunft über den Gang der Sache zu bewegen, die begreiflicher- weise in der ganzen Stadt großes Aufsehen erregte und im„Hessischen Hof" acht Tage lang das Haupt- thema bildete. Herr Heymann hatte zwar privatim nichts verlauten lassen, und die meisten Blätter wollten die Sache glatt unterdrücken, wozu eS des„höflichen Ersuchens" von Rechtsanwalt Kölz, dem Vertreter des Majors, gar nicht bedurft hätte. Aber da war ein Klatschblatt, das sich mit Begeisterung auf die Sache stürzte und, trotzdem es die beteiligten Personen— außer der Weichenstellersfrau— nur mit den Anfangsbuchstaben nannte, doch so deutlich wurde, daß jedermann Bescheid wußte. Obendrein hatte auch das sozialdemokratische Organ die sämtlichen Personen mit vollem Namen, Titel usw. an die Oeffentlichkeit gezcrrt. Beigefügt waren ein paar Hiebe gegen das Junkertuin, eine spöttische Frage an die Staatsanwaltschaft und ein statistischer Artikel über die jämmerlichen Besoldungsverbältuisse der Eisenbahn» unterbcamten. Als Staatsanwalt Abendrot am Stanim- tisch die Nummer hingehalten bekam, sah er flüchtig hinein, machte eine abwehrende Handbewegung und rief:«Ernst, noch ein Marien- thaler!" Dann sprach er von den Stadtverordnetenwahlcn, die nächster Tage stattfinden sollten. Beide Verhandlungen waren an demselben Tag angesetzt worden. Ob zufällig oder ob mit Absicht war schwer zu sagen; jedenfalls vermutete man dahinter die Bosheit einer maßgebenden Per- sönlichkeit, mit der die Holzapfels sich fett jeher nicht zu stellen ge- wüßt hatten. Die Beweisaufnahme gestaltete sich in beiden Fällen sehr ein- fach. Die Angeklagten waren geständig. Angesichts der Tatsache. daß Herr Heymann sie in üsgranti ertappt hatte, blieb ihnen ja auch gar nichts anderes übrig. So weit lag die Sache ganz normal und beftiedigend. Aber die Richter blickten ernst und sorgenvoll drein: es galt, die Miene unbestechlichster Objektivität zu zeigen. Mochte der Verteidiger der Baronin, Rechtsanwalt Kölz, die tollsten Sprünge machen, es sollte sie nicht beirren in ihrer Auffassung der Sachlage. Medizinalrat Hacks Gutachten erwarteten sie mit Spanmmg> Er war seit vielm Jahren Hausarzt bei Holzapfels, kibrigens aber als streng rechtlich denkender Mann der Wissenschaft bekannt. Am meisten war man ans das Plaidoyer von Staats- anwalt Abendrot neugierig. Einerseits muhte von seiner Auffassung viel abhängen, da man sich unmöglich in einen schroffen Wider- spnich zu seinem Antrag stellen konnte. Gleichzeitig aber waren die Richter wohl gespannt, wie sich dieser Kollege aus der schwierigen Situation ziehen würde, die ihm in jedem Falle großen Nutzen oder großen Schaden bringen konnte, wenn er nicht mit äußerster Vor- ficht verfuhr. Aber woher weiß ich diese Gedanken und Empfindungen der Nichter? Bin ich berechtigt oder auch nur befähigt, aus ihren Mienen ihre Seelen zu lesen? Bin ich vielleicht Psycholog und Dichter, angestellt zur Erforschung der Seelentiefen? Mit nichten. Also bei den Tatsachen geblieben, wie es sich für einen primitiven Historiker gehört, für einen simplen Berichterstatter. Und keinerlei Ausschweifungen mehr in das Gebiet des Unausgesprochenen. Staatsanwalt Abendrot hätte übrigens auch dem schärfften Psychologenauge nicht mit einer Miene verraten, was in ihm vor- ging. Er thronte unberührt, olympisch, unerreichbar, den Kopf über die Alten gebeugt, die Füße unter den Stuhl zurückgestemmt, als wolle er jeden Augenblick aufschießen: der Paragraph als lebendes Bild. Aber ich weiche wieder von der nüchternen Historie ab und dichte Dinge in die Leute hinein, die ich nie werde beweisen können. Die Weichenstellersgattin war erledigt. Sie hatte sich darauf hinauszureden gesucht, daß sie in der Not gestohlen habe. Aber es wurde durch einen Zeugen— Heizer Stubiuitzki. der sich frei- willig gemeldet hatte— llar erwiesen, daß Frau Dautzenrot ge- borene Eigner mehrere Laibe Brot am selben Bormittag eingekauft hatte. Konute da von Not die Rede sein i\ Die Sache stand sehr schlecht. Staatsanwalt Abendrot ging denn auch heftig ins Zeug. Er habe sich anfangs eines gewissen allgemein menschlichen Mitgefühls nicht erwehren können. Die Lage der Eisenbahnunterbeamlen sei zwar nicht im entferntesten so trostlos, wie sie von gewisser Seite — aus hier nicht weiter zu erörternden Gründen— geschildert werde, aber es müsse anerkannt werden, daß unter besonderen Ver- Hältnissen, wie Krankheit, große Kinderzahl und dergleichen, eine gewisse Notlage vorübergehend eintreten könne. Wie gesagt, dieser Gedanke habe ihn, den Vertreter der Anklage, anfangs milde gestimmt. Aber er habe sich gesagt, Krankheit liege ja nicht vor. die Kinderzahl— im ganzen seien es fünf Kinder, also nicht ungewöhnlich viel— könne gleichfalls wohl kaum als wesent- licher Mildenmgsgrund angesehen werden... Wie dürfe also da von S!ot die Rede sein, bei einem Beamten mit festem Brot? Unter solchen Verhältnissen qualifiziere sich bereits die Aneignung— er wolle einmal sagen: eines Laibes Brot als glatter Diebstahl ohne mildernde Umstände. Nun aber: habe die Angeklagte etwa einen Laib Brot gestohlen? Habe sie sich etwa mit deS Leibes Nahrung und Notdurst begnügt? O nein I Sie stahl Käse I Vielleicht Ouarkkäse? Oder wenigstens Limbnrger? Nein, sondern besten Camembertkäse habe sie mitgehen heißen, von einer Qualität, wie die Herren Richter, so glaube er, der Staatsanwalt sie auch nicht besser begehren würden. Nun könne die Angeklagte vielleicht einwenden, sie habe eben nichts Billigeres erwischen können. Ein schöner Gründl Als wenn ein Taschendieb sagte, er habe sich mit einem Hundertmarkschein begnügen müssen, da er leider keine Groschen in der Tasche ge- fundeu habe. Nein, mit solchen Gründen dürfe man einem ernst- haften Gerichtshof nicht kommen l Derlei Flausen vermöchten vielleicht in Ländern romanischer Zunge etwas, wo man nicht durch die klare und strenge Schule Kants gegangen sei, der den kategorischen Imperativ für alle Zeiten stabiliert' habe, aber hier dringe man damit nicht durch. Kurz— man möge die Abschweifung auf das Gebiet der Ethik verzeihen, aber für ihn fei es klar, daß hier ein Luxusdiebstahl vorliege, der mit Not und Armut nichts, aber auch rein gar nichts zu tun habe und deshalb um so verwerflicher sei. Wie gesagt, auch wenn es sich um die Notdurft des Lebens, etwa um einen Laib Brot gehandelt hätte, würde im vorliegenden Falle doch nicht von einer entschuldbaren Verirrung die Rede sein können. Wieviel weniger also bei dem Diebstahl einer Sache, die die Angeklagte noch viel weniger nötig gehabt habe. Er. der Staatsanwalt, bitte die Herren Richter ausdrücklich, dies zn beachten, daß die Dautzenrot den Camembert. absolut nicht nötig gehabt habe. Denn daraus ergebe sich zwingend der Tatbestand des Dieb- stahls ohne mildernde Umstände. Bei der Strasausmessung sei noch zu berücksichtigen, daß die Warenhausdiebstähle einen erschreckenden Umfang angenommen hätten. Es empfehle sich, ein abschreckendes Exempel zu statuieren. Er beantrage einen Monat Gefängnis. ... Staatsanwalt Abendrot war fertig. Die Richter zogen sich zurück. Das Urteil lautete anf eine Woche Gefängnis. In Rücksicht gezogen sei einerseits die bisherige Unbescholtenheit der Angeklagten, andererseits aber die Beschaffenheit der näheren Umstände, nach denen sich der Diebstahl als ein ganz leichtfertiges Sichvergreifen an fremdem Eigentum darstelle, das der Inhaber des Warenhauses in, Vertrauen auf die Ehrlichkeit deS Publikums zu dessen Bequem- lichkeit auslege. (Schluß folgt.) )Ziis der Gefcblcbte der Entdecker- ftreitigkeiten. Der Kampf um die Entdeckung des Nordpols, der seit Wochen Gegenstand öffentlicher Auseinandersetzungen in wissenschaftlichen und Tagcsveröffentlichungen bildet, erinnert zunächst an den tra- gischen Streit um die Entdeckung der Nilqucllen zwischen Burton und Speke, der nach jahrelangem Kampfe zu tragischem Ausgang führte. Aber lange vorher hat die Geschichte der großen geogra- phischen Entdeckungen ähnliche Erscheinungen gezeitigt, die nur darum von dem heutigen Bilde abweichen, weil die Zeit, in die sie fallen, eben noch nicht im„Zeichen des Verkehrs" stand und weil damals Telegraph, Presse und Interviews noch nicht erfunden waren. Die Entdeckung Amerikas gab zu einem hitzigen Gefecht zwischen Christoph Columbus und Amcrigo Vespucci Anlaß, und lange wurde darüber gestritten, ob Verrazano oder Hudson zuerst den Hudsonfluß gesehen hat. Fast jede Seite im Buch der geo- graphischen Entdeckungen bietet Beispiele solcher Nebenbuhler- schaftcn. Dem großen Forschungsreisenden James Bruce ist ein schlimmes Schicksal widerfahren. Nachdem er im Jahre 1766 den Laus des Blauen Nils bis zu seinen Quellen in den Ruwenzori- bergen aufwärts verfolgt hatte, kehrte er 1773 von einer Reise heim und betrat in Marseille europäischen Boden. Dort begegnete er dem französischen Forscher D'Aville, der ihm die Mitteilung machte. daß alles, was er gesehen hätte, wohl recht interessant, aber— nicht neu sei. Er zeigte ihm zum Beleg eine von ihm ein Jahr vorher veröffentlichte Karte, die sich auf die Skizzen zweier portu- giesischer Jesuitenpaters stützte, von denen der eine, Pater Paez, im Jahre 161S, und der andere, Pater Lobs, im Jahre 1626 diese Gegenden durchforscht hatte. Die Landkarte des Paez erschien im Jahre 1652 und die Lobos im Jahre 1676. Es war natürlich ein harter Schlag für Bruce, als er dadurch seine Leistung der Erst- lingsschaft entkleidet sah. Aber die Zukunft sollte ihm noch schlimmeres bringen. Er veröffentlichte einen interessanten Be- richt über Sitten und Lebensgewohnheiten der Eingeborenen in Abeffynien und Jnncraftika, worin er unter anderem erzählte, daß die Neger das rohe, fast noch zuckende Fleisch des getöteten Wilds zu verzehren liebten. Dieser Bericht erregte einen wahren Sturm von Unglauben, sogar von Heiterkeit und trug seinem Verfaffer einen in diesem Zusammenhang nicht gerade schmeichelhaften Ver- gleich mit dem sehr phantasiebegabten Herodot ein. Johnson nannte ihn einen„skrupellosen Romanschrciber", und Horace Walpole be- zeichnete seine Schriften als ein Hirngespinst. Aber heute weiß man, daß Bruce ehrlich war und liest— nach 130 Jahren— immer noch seinen Reisebericht mit Nutzen. Nachdem der Lauf deS Blauen Nils ergründet war, richtete sich die Aufmerksamkeit der geographischen Welt auf den zweiten Zufluß des Stromes, den Weißen Nil. Erst gegen Mitte des vergangenen Jahrhunderts wurde dies Problem in wissenschaftlicher Weise in Angriff ge- nommen. Die Geschichte der Entdeckung dieser Nilqucllc ist von Sir Harry Johnston in seinem Werk über die Nilfrage in allen Einzelheiten dargestellt worden. Der schlimme Streit, der sich zwischen Richard Burton und John Hanning Speke entspann, nahm seinen Ausgang von einer Erkrankung des erstcren an dem ent- scheidenden Punkt der Expedition. Speke erreichte den südlichen Teil des Viktoriasecs, den er als die Hauptquelle des Weißen Nils erkannte. Nachdem er einen Teil der Südküste erforscht hatte, war er infolge seines Versprechens, Burton an einem bestimmten Zeit- Punkt wieder zu treffen, zur Umkehr genötigt. Er fand seinen Reisegefährten in Unyanyembe wieder, gereizt und verdrießlich über den großen Erfolg, den Speke allein errungen hatte. Die beiden kehrten in nicht allzu gutem Einvernehmen nach Sansibar zurück, wo Burton blieb, um sich des Gepäcks der Expedition anzu- nehmen, während Speke direkt nach England heimkehrte. Burton folgte ihm im Jahre 1859, und seine Verbitterung wuchs angesichts des Jubels, mit dem die Errungenschaften Spekes aufgenommen waren. Gleichwohl wurde er äußerlich den Verdiensten Spekes nunmehr einigermaßen gerecht, als er selbst im Jahre 1860 die Goldene Medaille der Königs. Geographischen Gesellschaft erhielt. In Wirklichkeit hielt die Verstimmung zwischen den beiden For- f'S-rn an und äußerte sich auch bald in einer publizistischen Fehde. Speke polemisierte in„Blackwoods Magazine" gegen Burton. Dieser wartete jedoch mit seiner Erwiderung vier Jahre lang, bis Speke zu einer neuen Forschungsreise nach Afrika aufgebrochen war. Er suchte dessen Verdienste in jeder Weise herabzumindern und bestritt, daß der Viktoriasee die Quelle des Nils sein könne; ja er erklärte, daß dies Gewässer überhaupt kein großer Binnensee, sondern ein Gewirr von Tümpeln und Sümpfen sei. Dieser Streit ging jahrelang hin und her. bis es 1862 Speke gelang, seine Auf- fassung, daß der Weiße Nil im Viktoriasee entspringe, durch die Entdeckung der Riponfälle zu beweisen. Im Jahre 1864 bestimmte die Britische Vereinigung zur Förderung der Wissenschaften, daß Burton und Speke ihre Meinungsverschiedenheiten bezüglich des Ursprungs des Nils durch eine öffentliche Disputation, die am 15. September in Bath stattfinden sollte, auszutragen hätten. Aber diese Disputation fand niemals statt, da Burton unter tragischen Umständen den Tod fand. Ob er einem Unglücksfalle erlag oder selbst Hand an sich legte, ist wohl zweifelhaft. Stanley blieb eS vorbehalten, das entscheidende Wort in dem Streit um die Nil- (jfcclkn zu sprechen. Im Jahre 1875 erforschte er das Gebiet des Viktoriasees und zeigte, das} alle Angaben Spckes richtig gewesen waren. Wie seltsam das Schicksal in derartigen Streitigkeiten waltet, zeigt die Tatsache, dag trotz der Entdeckung Amerikas durch Golttmbus der neue Kontinent den Namen Amerigo VcSpuccis trägt, denn dieser hatte als erster im Jahre 1497 behauptet, das amerikanische Festland betreten zu haben. Doch war es zweifellos erst die große Entdeckung des Columbus gewesen, die ihn über- Haupt veranlaßt hatte, seine Fahrt nach dem Westen anzutreten. Auch die Entdeckung des Hudsonflusscs ist ein Beispiel dafür, daß der wirkliche Entdecker um seine Rechte gekommen ist. Dch Priorität gebührt zweifellos Verazzano, und doch trägt der von ihm entdeckte Strom Hudsons Namen. Peary und Cook sind also nicht die ersten und einzigen, die um ihren Ruhm zu streiten haben. Allerdings scheint in ihrem Falle eine Entscheidung besonders schwer zu sein,__ Kleines f eiulkton* Geologisches. Eine neue Erklärung von Erdbeben. Als vor einigen Iahren das Radium und die ihm verwandten anderen Substanzen bekannt wurden, erregten sie mit Recht großes'Staunen durch ihr Slrahluugsvermögen. Ohne irgendwie von einem leuchtenden Körper getroffen zu sein, und ohne daß irgend welche chemische Prozesse mit ihnen vorgenommen wurden, senden sie Lichtstrahlen aus, die sicb zum Beispiel auf der lichtempfindlichen Schicht der photographischen Platte deutlich bemerkbar niachen. Aber als infolge dieser Beobachtung sich die wissenschaftliche Untersuchung genauer mit diesen Körpern zu beschäftigen begann, da zeigten sich und zeigen sich auch heute noch bei fortgesetzter Behandlung immer neue Eigen- schaften an denselben Körpern, die es wert find, auch in den weitesten Kreisen der Laien bekannt zu werden, da sie von ungemein großer praktischer Wichtigkeit sind. So ist man zu der Neberzeugung ge- kommen, daß die Fähigkeit der strahlenden Substanzen, elektrische Erscheinungen hervorzurufen, die gesamten eickirischen Erscheinungen der Luft hervorruft. Man stellt sich den Vorgang so vor, daß die strahlenden Körper zunächst das ihnen benachbarte Erd- reich und die unniittelbar mit ihnen in Berührung kommenden interirdsichen Otlellen elektrisieren, und daß dann von der Erde und dem fließenden Wasser aus die Lust in den elektrischen Zustand versetzt wird. Da aber andererseits festgestellt ist. daß vom elektrischen Zustand der Atmosphäre nicht nur die eigentlickien elek- trischen Gewitter hervorgerufen werden, sondern daß mit ihm auch sonst sehr viele meteorologische Erscheinungen im engsten Zusamtnen- hang stehen, erkennt man, daß die strahlenden Körper für unsere gesamten Wcttcrvorgänge und damit für unser ganzes Leben von tiusschlaggebender Bedeutung sind. Nun haben dieselben Substanzen aber noch andere Merkwürdigkeiten an sich. Sie sind in einem be- ständigen Zersetzuugszustand begriffen. Wie von einem unbedeckt hingestellten, mit Wasser gesüllten Gesäß durch Verdunstung beständig Wasser sich löst und in der Gestalt von Dampf in die Umgebung übergeht, so geht auch vom Radium, dem Thor, dem Polonium und allen Substanzen dieser Art stets ein Teil in die Umgebung, nur mit dem Unterschied, daß Waflerdampf chemisch dieselbe Zu- sammensetzung hat, wie flüssiges Wasser, während die von den strahlenden Körpern fortgeschleuderten Massenteilchen ganz andere chemische Körper darstellen als der ursprüngliche. und daß auch die fortgeschleuderten Teile ihrerseits sich wieder in andere chemische Körper zersetzen. Indem nun die so fortgeschleu- derten Substanzteilchen sich nach allen Seiten in die Umgebung hinein bewegen, gerät eine Anzahl von ihnen auch wieder auf die Ursprungssubstanz und wird mit verhältnismäßig großer Kraft auf sie geschleudert. Wie ein Hammer, der kräftig aitf den AmboS ge- schlagen wird, sich dabei lebhaft erwärnit und auch den Ambos in höhere Temperatur versetzt, so wird auch durch die zurückgeschleuderten Radiumteilchen Wärme erzeugt, und zwar handelt es sich dabei itm recht beachtenswerte Wärmemengen, und diese scheinen die Ursachen wichtiger Erscheinungen zu sein. So war man auch bis vor kurzem noch nicht klar darüber geworden, woher die Sonne, die doch Jahr aus Jahr ein gewaltige Wärmemengen ausstrahlt, immer wieder so viel Wärme bezieht, daß ihr Wärmezusland unverändert zu sein scheint; jetzt ist man, da mit Sicherheit anzunehmen ist, daß auch auf der Sonne große Mengen strahlender Körper enthalten sind, zu der Ansicht gekommen, daß die durch ihre Zersetzung und ihr Zurückschleudern entstandene Wärme vollauf ge- nügt, den durch Ausstrahlung der Sonne veranlaßten Wärmcverlust zu ersetzen. Aber auch für irdische Erscheinungen hat, diese Wärme wohl mehr Bedeutung, als man zunächst glaubte. Man hat auf die bis jetzt aufgefundenen Mengen strahlender Materie gestützt, un- gefähre Berechnungen angestellt, wieviel solcher Substanz die Erde zur Zeit wohl überhaupt besitzt und wieviel Wärme sie produzieren; diese Berechnungen haben selbstverstindlich noch nicht zu genauen Resultaten führen können, aber soviel scheint doch festzustehen, daß die auf diese Weise entstehende Wärme bedeutender ist als die Wärme, die die Erde an die Umgebung abgibt. Ter jetzige Wärme- Vorrat unseres Planeten ist also wesentlich auf die Leistung der strahlenden Körper zurückzuführen. Das ist an sich schon eine Fest» stellung von großer prastischer Bedeutung. Außerdem aber hat man diese Zustände mit den vulkanischen Vorgängen auf der Erde in Beziehung gebracht. Wenn in der Erde fortwährend große Wärme« mengen entstehen, so ist es nicht zu vermeiden, daß gelegentlich dadurch auch leichter verdampfbare Teile der Erdrinde in Dampf umgewandelt werden, und diese Verdampstnigsvorgänge wirken ähnlich, wie wenn im Keflcl einer Dampfmaschine plötzlich eine größere Waflermenge umgewandelt wird: es entsteht eine Explosion mit häufig leider sehr zerstörenden Folgen. So entstehen auch in der Erde durch die Wärmewirkung der strahlenden Substanzen ge- waltige Explosionen, und ihre Folgeerscheinungen treten eben alS Erdbeben, als vulkanische Eruptionen zutage. Diese Lehre hat in der jüngsten Zeit noch eine tatsächliche Unterlage gefunden, die wohl als Bestätigung aufgefaßt werden kann. Man untersuchte nämlich die bei vulkanischen Ausbrüchen ans der Erde geschleuderten Gesteins« mengen auf ihren Vorrat an strahlender Materie und fand, daß sie daran so reich sind, daß die bei ihnen entstandene Wärme im- stände ist, größere Explosionen zu veranlassen. Man darf also an» nehmen, daß hierauf wirklich vulkanische Erscheinungen zurück- zuführen sind. Aus dem Gebiete der Chemie. Naturblitter und künstliche Speisefette. Da Deutschland, wie viele andere Industrieländer nicht imstande ist, bei der Dichte seiner Bevölkerung den ungeheuren Konsum an Nahrungsmitteln aus den natürlichen Quellen des Landes zu decken, bemüht man sich immer mehr, künstliche Ersatzprodukte für gewisse landwirtschaftliche Erzeugnisse zu schassen. Schon Lieb ig hat durch seine eingehenden Studien auf dem Gebiete der Agrikultur- chemic die Erträgnisse der Landwirtschaft sehr bedeutend vennehrt dadurch, daß er die chemische Forschung in den Dienst dieses bis dahin nur von meist recht wenig neuen Fortichritten zugeneigten Bauern und Junkern ver- walteten Zweiges der Volkswirtschaft gestellt hat. Die NahrungS» nnltclchemie spielt heute eine hervorragende Rolle in der chemischen Forscknng und Technik. Immer mehr bemüht sich die Industrien auf künstlichem Wege Nahrungs- und Genußmittel herzustellen, und wenn auch der Wunsch deS sranzösischen Chemikers Berthelot, eine fabrikmäßige und daher von äußeren Verhältnissen weniger abhängige Herstellung der Nahrungsmittel zu er- möglichen, noid lange nicht in Erfüllung gegangen ist; so hat die chemische Industrie doch in dieser Beziehung schon manche Erfolge zu verzeichnen. Die Naturbutter durch ein billigeres Produkt zu ersetzen, ist ein alter Wunsch von Chemikern und Nationalökonomen gewesen. In den öOer Jahren de§ vorigen Jahrhunderts erließ die französische Regierung ein Preisausschreiben mit der Forderung, einen Ersatz für die außerordentlich teuer ge- wordene Butter zu schasten. Der Erfolg war die Erfindung der Margarine. Hierüber sowie über die gebräuchlichsten anderen künstlichen Speisefette berichtet Dr. Friedrich Klinkerfues im „Kosmos". Dem französischen Chemiker Möge-Mouriös ge- lang es, aus dem Rindertalg ein butterähnliches Nahrungsmittel zu gewinnen, das eben die Grundlage für die Margarinefabrikation wurde. Die festen Bestandteile des TalgeS, namentlich da« hochsiedende, schwerverdauliche Stearin, wird abgepreßt, während die flüssigeren Bestandteile, P a l m i t i n und O l a i n, das Haupt- Material für Margarine abgeben. Zur Erlangung des butterähnlichen Geschmackes wird das Produkt noch mit einer gewissen Menge Kuh- milib verbuttert und kann zur Erhaltmig einer weicheren Konfistenz noch mit Pflanzenölen vermocht werden. Ein erstklassiges Margarinefett steht weder im Wohlgeschmack noch im Nährwert der Naturbutter nach, übertrifft sie sogar hinsichtlich der Haltbarkeit. Diese Margarine ist allerding» kauin wesenttich billiger als Butter und verliert damit natürlich ihren hohen volkswirtschaftlichen Wert. Beim Publikum ist die Margarine durch billige, schlechtschmeckende Produfte zum Teil in Verruf gekommen; die guten Fabrikate stellen aber in der Tat ein sehr geeignetes Speisefett dar, find aber leider noch nicht billig genug, um in weiterem Maße Verwendung zu finden. Außer den aus dem Tierreich stammenden Kmistspeitefetten gibt eS eine tanze Reihe solcher, die aus Pflanzenstoffen bereitet werden. >as Kokosnußfett bildet für diese Gruppe das Haupt- rohmaterial. Wie die meisten Pflanzenfette, wird da» Kokosfett besonders leicht ranzig, indem sich freie Fett- säuren bilden, und erhält dadurch einen kratzenden Geschmack und unangenehmen Geruch. Durch die verbesserten Fabrikationsverfahren ist e-Z indes gelungen, ein reines und sehr haltbares Präparat her- zustellen, das die Konkurrenz mit anderen Kunstspeisefetten nicht zu scheuen braucht. Unter den Namen: Palmin, KoloSbutter, Pflanzen- butter usw. sind zahlreiche ähnliche Produtte im Handel und werden vermutlich auch eine größere Verwendung finden. Das Mißtrauen. das gegenüber manchen Mischproduften minderwertiger Art ganz berechtig: ist. wird erst völlig schwinden, wenn eine genaue NahrungS- mittellontrolle die Verwendung schlechter Materialien verhindert. W. verantw. Redakteur: Emil Nnger, Grunewald.-- Druck u. Verlag: vorwärt» Buchdruckerei u.Lerl»g»anstaltPauI Singer StEo..Berlm2sisi.