Unterhaltungsölatt des vorwärts Nr. 201. Freitag, den 15. Oktober. 1909 LNachdruS tzerboken.) tu„Soläaten fein fchönl" �Bilder aus Kaserne und Lazaretk. Von Karl Fischer. Volter war nicht wenig überrascht, als er nach zwei Stunden, als das Turnen zu Ende war, auf dem Rasenplatz nur seinen Rock vorfand. Seine Hose war verschwunden I Der Rock war schön in der Zeit getrocknet, fix und fertig zum Appell. ..Donnerwetterl Was mache ich nun?" sagte er sich. Die Hose kann doch nur gestohlen sein! Aber die ganze Kom- pagnie hatte doch Dienst? Wer könnte denn das getan haben?" „Soll ichs dem Korporalschaftsführer melden?" fragte er Beck, als er wieder auf seine Stube gekommen war und ihm diese Neuigkeit mitgeteilt hatte. „Der kann Dir auch keine geben," antwortete Beck.„Du kannst höchstens noch gemeldet werden, weil Du so leichtsinnig warst und Deine Sachen ohne Aufsicht hast liegen lassen." „Was soll ich nun machen?" „Ja, da ist guter Rat teuer." „Glaubst Du, daß sie gestohlen Ivorden ist?" fragte Voltcr. „Aber selbstverständlich!"■ „Wer kann sie denn genommen haben?" „Wer weiß? Mir ist auch mal eine Drillichhose weg- gekommen. Ich hatte zweimal meinen Namen eingenäht. Einen oben am Bund, daß ihn jeder lesen konnte, und einmal unten in den Saum des linken Hosenbeins, damit ich be- weisen konnte, daß sie mir gehörte, wenn ich sie bei einem anderen entdeckte, der sie gestohlen hatte." „Und— hast Du sie wiedergefunden?" „Ich hatte meinem Freund Lückelt erzählt, und ihm genau beschrieben, wie sie aussieht. Nach ein paar Tagen sagt er mir. daß er sie auf der Kammer entdeckt hatte, wie er einmal zur Kammerarbeit kommandiert worden war." „Hier? In unserer Kompagniekammer?" >,�>a. „Wußte ers denn genau?" „Er hatte ja den Namen gefunden im Hosenbein.'' „Was bast Du dann gemacht?" „Nichts! Wenn ichs gemeldet hätte, wär mirs bloß noch trauriger ergangen als so. Ich habe mir dann eine andere gekauft." „Ich werds auch so machen," sagte Volter entschlossen. '„Denn wenn ich sie heute abend zum Appell nicht habe, falle ich auf und werde vielleicht bestraft. Aber wo kauft man denn die?" „Bei Vollhauer. Gleich rechts, wenn Du zum Tor hin- auskommst in der Salzgasse. Mach aber schnell, daß Du zur Putzstunde wieder da bist. Zieh Deinen fünften Anzug an und beeile Dich." Eine Viertelstunde später stand Volter in dem spelunken- haften kleinen Laden des Altwarenhändlers Vollhauer. Aus einem zusammengeworfenen Haufen alter Kommißhosen wies ihn dieser an, nach Wunsch auszusuchen. Wie groß war Wolters Erstaunen, als er in der ersten Hose, die er in die Hand nahm, seine eigene wiedererkannte. „Wie kommen Sie denn zu dieser Hose?" fragte er den Vollhauer, der mit seinem ausgemergelten Wucherergesicht ihm gleichgültig zusah. „Wie soll ich dazu kommen? Ich habe sie gekauft wie alle anderen." „Das ist nämlich meine Hose, die ich heute mittag erst gewaschen habet Sie ist jetzt noch etwas feucht." „So?— hm— das kann jeder sagen." „Aber ich werde doch meine Hose wieder erkennen! Der Name ist natürlich ausgeschnitten worden. Der Kompagnie- stempel auch. Wer hat sie Ihnen denn verkauft?" „Weiß ich. wie er heißt. Bei mir gehen täglich viele aus und ein." „Und wenn nun solche Sachen gestohlen sind?" „Das weiß ich doch nicht!" antwortete Vollhauer, dem die Fragerei schon lästig wurde. „Was soll meine Hose kosten?" „Eine Mark." „Mir bleibt schon nichts anderes übrig, als zu bezahlen. Hier haben Sie Geld! Es wäre für mich bloß interessant, zu wissen, wer der Dieb gewesen ist." Zur rechten Zeit kam Volter in die Kaserne zurück. Während der Putzstunde nähte er seinen Namen in die Hose und malte mit Tinte den Kompagniestempel nach. Für ihn ging der Appell, dem der Hauptmann beiwohnte, glatt von- statten. Volter und Weiner sahen sich täglich, wenn sie sich auch nicht immer sprechen konnten. Auf dem großen Exerzier- platz, auf dem das Bataillon exerzierte, konnten sie sich oft im Vorübergehen unauffällig zuwinken. Abends nach dem Dienst holte Volter Weiner aus dem Revier seiner Kom- pagnie regelmäßig ab. Dann unterhielten sie sich in irgend- einem versteckten Winkel des Kasernements bis zum Zapfen» streich. Es entwickelte sich zwischen beiden eine aufrichtige Kameradschaft. In den Stunden ihres Beisammenseins waren die Sorgen des Alltags vergessen. Unter vier Augen fühlten sie sich frei vom Militärzwang und standen sich als Menschen gegenüber, mit gleichen Anschauungen und gleichen Zielen. Weiner war der ältere, und wenn Volter auch bitter» böse Erfahrungen in seinem bisherigen Leben zu verzeichnen hatte, so hatten sie doch lange nicht so auf ihn gewirkt wie auf Weiner. Volters praktischer Sinn half ihm über vieles hinweg, während Weiner noch halb im Banne seiner ein- seitigen Erziehung steckte und auch zum Träumen und Grübeln neigte. Er war froh, in Voltcr einen Menschen gefunden zu haben, der ihn verstand. Bei der Antipathie, mit der beide das Militärleben betrachteten, war ihnen ihr geistiger Ver- kehr eine Erlösung. Mochte der Dienst noch so bitter— die Erfahrungen im Kasernenleben noch so widerlich sein— ihre Ideale ließen sie sich nicht trüben. „Denk Dir," rief eines Abends Weiner dem Voltet freudig entgegen, als sie sich wieder trafen,„meine Schwester will mich nächsten Sonntag besuchen. Nur auf ein paar Stunden. Sie ist mit ihrer Herrschaft auf der Durchreise." „Da kannst Du Dich ja freuen! Wann hast Du sie das letztemal gesehen?" „Vor einigen Jahren. Damals auch ganz flüchtig. Wie ich Dir schon erzählte, bekam sie nach dem Tode meiner Mutter eine Gouvernantenstelle in einer vornehmen Familie. Seit dieser Zeit stehen wir in ununterbrochenem Briefwechsel. Du kannst Dir gar nicht vorstellen, wie ich mich freue, sie endlich einmal wieder zu sehen." „Zu welcher Stunde kommt sie am Sonntag?" „Sie schreibt, gegen Abend. Ich wxrde Sonntagsurlaub einreichen für alle Fälle. Vielleicht bleibt sie etwas länger. Das wird der erste Urlaub sein." „Du warst noch nie auf Urlaub?" fragte Volter erstaunt. „Zu wem sollte ich denn fahren? Bis jetzt war ich zu stolz, um Urlaub zu bitten. Nicht mal um Sonntagsurlaub. Erstens hatte ich kein Geld dazu— und dann meine Strafen. Ich stehe jetzt immer noch mit einem Fuß im Arrest. Bin gespannt, was mit meiner letzten Meldung wird. Beim letzten Appell, vorgestern, bin ich wieder aufgefallen. Ich soll dem Hauptmann gemeldet worden sein. Da werden mir wieder drei Tage blühen." „Und in Zivil bist Du nicht vorbestraft?" „Nie!" „Das ist ganz merkwürdig. Was im Zivilstande viel, leicht Mitleid hervorrufen würde, wird hier oft verhöhnt oder als Schande bezeichnet." „Wie meinst Du das, Volter?" „Sieh mal. Zum Beispiel in meiner Kompagnie. Me Soldaten wissen, daß Bertel, von der alten Mannschaft, vor seiner Dienstzeit drei Jahre Gefängnis wegen schweren Dieb- stabls hat verbüßen müssen. Als Soldat hat er sich nichts zuschulden kommen lassen und blieb ehrenhafter Soldat erster Klasse. Alle sind überzeugt, daß sie einen ganz abge- feimten Halunken als Kameraden anerkennen müsien. Brücke dagegen, nie vorbestraft, hatte sich vor nem Jahre durch seine Mittellosigkeit hinreißen lasten, aus dem Kompagniefourage- schrank Brote zu stehlen, die er dann an Zivilpersonen der- kaufte. Er wurde einmal dabei ertappt— wurde gemeldet — bekam einige Wochen Arrest und wurde in die zweito Klasse des Soldatenstandes versetzt. Das Fehlen der Kokarden an der Mütze kennzeichnet ihn als Verbrecher. Diesen Fluch behält er auch bei, später in Zivil. Erstens steht es in seinen Papieren, und in Kontrollversammlungen wird er öffentlich verlesen. Für sein ganzes Leben ist er gebrand- markt. Ganz abgesehen von dem Schaden, den er dabei er- keidet in seinem Erwerb und in der Gesellschaft." „Das bringt alles die militärische Disziplin mit sich, tieber Volter." „Ja. Der Bertel ist durch die Dienstzeit gewissermaßen »ehabilitiert, und er ist doch schließlich der sittlich verkommenere Mensch von beiden." „Das sind gerade zwei Fälle, die uns die Zivil- und Militärrechtspflege schroff gegenüberstellen. Aber es gibt noch viel Schwerwiegenderes gegen die sogenannte„sittliche Er- ziehung" beim Militär. Brücke ist ein Ausnahmefall.— Die gesamte Masse untersteht der militärischen Disziplin, dem Zwange und dem System! Der rein sittlich gebildete Mensch steht diesen Verhältnissen fremd gegenüber. Hier gilt er mehr als Dumnikopf als im Zivilleben und inacht nur die übelsten Erfahrungen. Der geriebene Schlaukopf, der bestrebt ist, sich möglichst glatt durchzuschlängeln, hat den besten Weg gewählt. — Ich habe bis jetzt noch keinen Gemeinen gefunden, dem Parademarschüben, Märsche bis zur Erschöpfung ein beson- deres Vergnügen bereiten. Jeder sucht sich nach Möglichkeit dem Zwange und den Anstrengungen zu entziehen. Es ge- hört schon eine ganze Portion Findigkeit dazu, nicht besonders aufzufallen. Jeder gibt sich Blößen durch Versehen oder Lässigkeit. Blößen, die ein aufmerksamer Unteroffizier zum Anlaß einer Meldung nehmen kann." „Was Du da sagst, lieber Weiner, habe ich auch schon ge- sehen. Aber ich hielt das bisher für etwas— Natürliches— in dem heutigen gesamten Gesellschaftsleben Gewöhnliches! Ich will nicht sagen, eine Notwendigkeit.— Der Militarismus ist ein Uebel, das in unserer bisherigen Gesellschaft not- wendig entstehen mußte." Weiner schien Volters Antwort ganz überhört zu haben. Wie im Selbstgespräch blickte er vor sich hin. lFortsetzung folgt.) (Nachdruck verdoten.) Die Hygiene der Reizung. Von Dr. Georg Zehden(Berlin). Soll eine Heizungsanlage gesundheitsgemäß und zweckent- sprechend sein, so muß sie mehreren Forderungen genügen. Es sind nicht der Heizkörper und die Brennstoffe allein, die für eine gute und zweckmäßige Durchwärmung im Winter matzgebend sind. Wenn die Wände, die Decken und die Fußböden nicht solide kon- struiert, wenn die Ziegelsteine nicht hart gebrannt, wenn zwischen ocm Fußboden der oberen und der Decke der unteren Etage keine Schutzdecken angelegt, wenn Fenster und Türen undicht find, dann kann man zentral oder im Ofen heizen: man wird nie ein an- genehm durchwärmtes Zimmer haben. D!an mutz möglichst zu jeder Zeit eine gleichmäßige Durch- schnittstempcratur von etwa 17— 20 Grad Celsius herstellen können. Nun schwankt natürlich die Außentemperatur in ziemlichem Um- fange. Die Hcizvomchtungen müssen deshalb regulierbar sein. Sie dürfen auch nicht allzu groß sein; sonst sind sie zu schwer an- zuWärmen und ebenso schwer wieder zu entwärmcn. Auch soll im ganzen Zimmer eine annähernd gleiche Temperatur herrschen. Sonst ist es möglich, daß man auf der einen Seite, die dem Heizkörper zugewandt ist, eine zu starke Wärme empfindet, und auf der anderen friert, oder daß man einen warmen Kovf und kalte Füße hat. Solche Schwankungen führen leicht zu Erkältungskrankheiten. Auch d i e Heizungen sind hygienisch unbrauchbar, durch deren Be- trieb Verunreinigungen in die Wohnung gelangen. Am gefährlich- sten sind die Produkte, die sich infolge ungenügender Verbrennung entwickeln und durch unzweckmäßige Anlagen nicht nach außen ab- geleitet werden, sondern»ins Zimmer dringen. So entwickelt sich das Kohlenoxhdgas bekanntermaßen dann, wenn die Brennmate« rialien nicht genügend Sauerstoff zu ihrer Verbrennung vorfinden. Vergiftungen mit diesem Gase' sind bei uns glücklicherweise recht selten geworden, seitdem die Ofenklappen vollständig durch die Baupolizei verboten worden sind. Aber auch sonst strömen gelegent« Ach für die Atmung ungünstig wirkende Gase von den Heizkörvern aus. Es ist festgestellt worden, daß Staub, der sich an sehr stark geheizt?» eisernen Oefen oder an den Heizkörpern von Luft- heizungsankagen nur allzu leicht ansammelt, herbrennt und' zu merklichen Verunreinigungen der Zimmerluft führt. Endlich dürfen die Heizungsanlagen die Zimmerluft nicht allzu sehr aus- trocknen., Prüfen wir nun die Heizvorrichtungen, an deren Vervollkomm- nung ja schon so lange gearbeitet wird, als der Mensch das Bedürf» nis fühlt, sich gegen die Unbilden der Witterug zu schützen, so müssen wir gestchen: trotz aller Fortschritte der Technik besitzen wir noch keine Methode, die uns in jeder Beziehung beftiedigen kann. Das gilt nicht zum wenigsten von den jetzt so vielgerühmten Zentralheizungen, die ja in den modernen Nutzhausbautcn als be- sondcres Lockmittel für die Mieter angepriesen werden. Wir denken hierbei gar nicht einmal an die L u f t h e i z u n g, die anerkannter- maßen schwer zu regulieren ist. die Luft staubig und trocken macht und oft einen eigentümlich brenzligen Geruch verbreitet. Wir sehen auch ab von der Dampfheizung, die für kleine Grundstücke— wenn nicht Dampf schon für andere Zwecke erzeugt wird— nicht empfehlenswert und auch nicht ganz ungefährlich ist und oft durch das Geräusch in den Heizkörpern stört: Wir beschäfti- gen uns hier nur mit der Warmwasserheizung, die bei uns jetzt sehr viel zur Beheizung von Wohnhäusern benutzt wird. Die Vorzüge einer gut ausgeführte», möglichst mit Ventilation versehenen und sachgemäß bedienten Warmwasserheizung sind un- bestreitbar. Es ist eine große Annehmlichkeit, in allen Räumen eine angenehme und gleichmäßige Temperatur zu haben. Tos System gestattet eine vollkommene Regulierung, die Bedienung ist leicht und gefahrlos, die Verunreinigung der Luft eine geringe. Demgegen- über stehen aber eine Reihe von Nachteilen. Abgesehen davon, daß die plumpen Heizkörper, selbst wenn sie mit Holz verkleidet sind. nicht gerade einen Schmuck der Wohnung bedeuten, ist die Anlage und der Betrieb durchaus nicht billig und der Preisaufschlag auf die Mieten ein viel größerer, als wenn ma: sämtliche Räume mit Oefen beheizen würde. Dann— und das ist einer der wichtigsten Punkte, die unserer Ansicht nach zu beanstanden sind— ist die Luft in Räumen, die durch Warmwasserheizung erwärmt werden, sehr trocken, ein Fehler, der auch durch Zerstäubungs- oder Ver- dampfungsvorrichtungen nur unvollkommen zu überwinden ist. Der Arzt, der in viele zentral beheizte Wohnungen kommt, kann deren Einfluß auf die Gesundheit am besten bewerten. Die Erfahrung lehrt immer aufs neue, daß sich empfindliche Personen in solchen Wohnungen leicht erkälten, und daß cS oft große Mühe macht, ihre Katarrhe zur Heilung zu bringen. Und deshalb sehnen nicht selten Familien, di« sich von der Zentralheizung alle möglichen Vorteile versprachen, den Tag herbei, an dem sie wieder ausziehen und in eine Wohnung zurückkehren können, die mit Oefen erwärmt wird. Dieser Wunsch wird ein noch regerer, wenn einmal die teizung eingefroren oder der Betrieb durch irgendeine andere törung für kürzere oder längere Zeit untcrhrochen war., Wir wollen natürlich durchaus nicht sagen, daß nun die O f e n» Heizung ein Ideal darstellt; im Gegenteil, manche Konstruktionen sind als völlig ungeeignet für eine Durchwärmung von Wohnräumen zu bezeichnen. So vor allem die einfachen eisernen Oefen. Die Wärme gelangt ausschließlich durch direkte Strahlung ins Zimmer und verteilt sich hier höchst ungleich. Es muß häufig Feuerungsmaterial nachgelegt werden; dabei gelangt viel Staub ins Zimmer, der sich auch am Ofen niederschlägt und hier wieder» verbrennt. Und paßt man nicht auf, so ist der Ofen schnell wieder abgekühlt und man friert. Diese Nachteile werden in gewissen» Sinne von den eisernen Dauerbrandöfen, die heutzutage in großer Vollendung hergestellt werden und die eine ununter- brochene Durchwärmung ermöglichen, vermieden. Auch die direkte Strahlung der Wärme ist dadurch, daß die Oefen mit Mänteln umgeben werden, verhindert. Aber die Erwärmung ist auch wenig gleichmäßig und der Betrieb recht kostspielig, da als Brennmaterial ein fein zerkleinertes, teures Anthrazit verlangt wird. Päßt mar» nicht sehr auf, so erlischt das Feuer. Und das Anheizen macht ziem« liche Mühe: es dauert eine ganze Weile, ehe ein genügender Wärmegrad erzielt wird. Endlich ist selbst der schönste Dauer- brandofen, der oft vor dem bereits vorhandenen Ofen aufgestellt und mit ihm durch Heizröhren verbunden ist, kein Schmuck für die Wohnung. Ebensowenig sind für unser Klima Kamine geeignet, in denen die Feuerstelle offen ist. Tie Erwärmung erfolgt fast ausschließlich durch Strahlung, die Zimmer sind ganz ungleich er- wärmt und das Brennmaterial wirb schlecht ausgenutzt. Am wenigsten von all diesen Nachteilen besitzen unsere alten und bewährten B a ck st e i n- und Kachelöfen. Ihr Feuerungs- räum ist von einem Mantel aus glasierten Tonkacheln umgeben, die auf ihrer Rückseite mit breiten Rändern versehen sind, an denen sie mit Lehm und Ziegelsteinen ausgefüttert werden. Die Heiz» fläche wird durch gemauerte„Züge" vergrößert, die die he-ißen Ver- brennungsprodukte passieren müssen. Die Kachelöfen brauchen meist nur einmal am Tage mit einer größeren Menge Brennmaterial beschickt zu werden. Die Wärme speichert sich in den Steinmassen des Ofens auf, der sie ganz all- mählich an den Wohnraum abgibt. In kalten und holzreichen Gegenden findet man manchmal solche Oefen von kolossalem Um» fang. Für unser Klima sind verhältnismäßig kleine.Kachelöfen ausreichend und auch empfehlenswerter, weil sie leichter regulier- bar sind. Denn jene riesigen.Massenöfen" beizen sich schwer an; haben sie aber erst einmal die Wärme in sich angehäuft, dann ist es schwierig, die Temperatur herabzumindern. Ter beste Grundriß für einen Kachelofen ist die länglich viereckige Form, bei der die Site breite Fläche mit der Feuerstelle dem Zimmer zugelehrt ist, und die andere von der Mauer einen gehörigen Abstand hat, damit riicht ein zu großer Teil der Wärme von der Wand aufgenommen tvird. Will man Steinkohle oder Braunkohle verwenden, so ist ein Rost, durch den die Schlacken und die Asche in einen besonderen Aschraum fallen, unentbehrlich. Der Feuerungsraum selbst soll durch feuersichere Platten gegen die Kacheln isoliert sein. Eine selbstverständliche Boraussetzung ist es, daß die Türen gut schließen, daß die Kacheln nicht gesprungen sind und daß sich zwischen ihnen keine Fugen bilden, durch die nicht nur Rauch und Gase in das Zimmer dringen, sondern auch Wärme durch Strahlung verloren geht. Auch ist es falsch, die Asche und Scblacken sich anhäufen zu lassen. Der Heizraum darf nie bis zur Hälfte damit angefüllt sein. Das Brennmaterial muß trocken und genügend zerkleinert sein rind darf nicht wie Kraut und Rüben auf dem Rost durcheinander liegen. Die Kohlen müssen auf dem hinteren Teil des Rostes gut ausgebreitet sein und das Holz zum Anzünden vor die Kohlen gelegt werden. Sonst ist das Feuer ungleichmäßig; es brennen die äußeren Stücke, während die inneren nur stark erhitzt,»trocken destilliert" werden, und es bilden sich brennbare Gase, die sonst rioch für die Feuerung nutzbar gemacht werden könnten, so aber durch den Schornstein oder in das Zimmer entweichen. Neuerdings werden die Ofenlöcher vielfach nicht im Zimmer selbst, sondern außen auf den Korridoren angebracht. Dadurch wird jede Staub- entwickelung in den Wohnräumen selbst vermieden. Die Ofentür darf natürlich nicht eher geschlossen werden, als bis alle Kohlen lin voller Glut sind.(Stonst ist der Druck im Ofen ein zu großer, die Kacheln springen und in den Fugen bilden sich Löcher. Befolgt man aber diese Vorschriften, so wird man mit dem Rachelofen seine Freude haben. Die Wärme ist eine milde, und der Feuchtigkeitsgehalt der Luft ein völlig genügender. Die Luft- «rneucrung ist ausreichend und kann durch einfache Ventilations- Vorrichtungen noch erheblich verbessert werden. Die behagliche, an- genehme Temperatur besteht stundenlang, selbst wenn schon das ganze Feuer erloschen ist, weil die Wärme ganz allmählich ab- gegeben wird. Dazu kommt, daß die Auschaffungs- und Unterhaltungskosten verhältnismäßig niedrige sind. Und die Ausgaben für die Beheizung der Kachelöfen sind erheblich geringer gegenüber den Preisen, die den Mietern für die Zentralheizung berechnet werden. Einzelne Mängel werden sich in unserem technisch so hoch stehenden Zeitalter leicht verbessern lassen, wenn sich die Industrie wieder mehr der Konstruktion der Kachelöfen annimmt, die sie über den unzähligen Systemen von Regulieröfen und Zentralheizungen fast vergessen hat. Aber die günstige Beurteilung der Kachelöfenbeheizung be- schränkt sich nicht allein auf ihren technischen Wert. Der Kachelofen stellt ein Stück nationaler Eigenart, jhinst und Kultur dar. Der Kamin und der Kachelofen sind in Deutschland und in der Schweiz schon seit dem 10. Jahrhundert n. Chr. bekannt. Der Kamin wurde rn den alten deutschen Herren- und Bauernhäusern kunstvoll her- gestellt und war häufig das Prunk- und Schaustück des Hauses. Später machte in Deutschland der Kamin den sparsameren und praktischeren Oefen Platz, während er in England und Frankreich eine hohe künstlerische Ausbilhung erhielt. So ist der Kachelofen von altersher das Wahrzeichen des patriarchalischen, gemütlichen Familienlehens. Ter schöne und behagliche Ofen war die Stätte, um die herum sich das häusliche Leben abspielte. In den»Hafner- Werkstätten" Mittel- und Süddeutschlands und der Schweiz wurden die Kacheln aus Ton gebrannt und glasiert. 5wnst und Handwerk verbanden sich, um sie, dem Gesckmack der Zeit entsprechend, mit Darstellungen aus der Bibel, mit Bildern von berühmten Männern und Frauen auszuschmücken. Man brachte auch gut gemeinte Sprüche und Verse an. Der figürliche Schmuck findet sich sowohl in Form von plastischen Reliefs als auch von Malereien. Auch auf die architektonische Gliederung wurde großer Wert gelegt. Der Aufbau wurde geschieden in Auf- und Untersatz mit Gesims und Fuß, die je nach dem Stil der Zeit in mehr oder weniger gc- schwungenen Linien durchgebildet wurden. Oft wurde die ganze Anlage noch durch Sitze und Bänke erweitert, so daß solch ein Ofen nicht nur der Wärmespender, sondern gleichzeitig ein unentbehr« kiches GebrauchSmöbcl für die Familie wurde. Es ist uns eine ganze Reihe von herrlichen Stücken aus alten Zeiten erhalten, so z. B. im Germanischen Museum zu Nürnberg oder im Rathaus zu Augsburg. Und die Schweiz enthält in ihren Rathäusern, in ihren Schlössern und auch in ihren reichen Bauernhäusern so manchen Kachelofen, dessen kunstreiche und geschmackvolle Herstellung die größte Bewunderung verdient. Mit dem Anfang des 18. Jahrhunderts geriet die Töpferkunst in Verfall. Die.Kacheln wurden fabrikmäßig hergestellt, die Oefen ohne feinen Geschmack immer nach demselben Aufriß aufgebaut, so daß der Kachelofen bald als ein Gegenstand angesehen wurde, der einem nur kostbaren Platz in der Wohnung wegnahm. Erst gegenwärtig vollzieht sich wieder ein Aufschwung. Der Ton wird als Material in der Kunst und im 5iunsthandwerk wieder bevorzugt. Die modernen Kächeln werden zu dekorativen und künst- lerischen Zwecken vielfach angewandt und es werden prachtvolle Wirkungen damit erzielt. Hua Ibsens Nachlaß.*) Judas. Im Jüngerkreis war er ein fremder Ton, Des Wagens dreizehntes Rad in Person. Was ihn dahin trieb, ist gelegt ack sota; Die Geschichte vermeldet nur nackte Fakta. Man weiß, in Gewissensschlummer befangen, Ging er und küßte dem Heilind die Wangen. So ward Höll' wie Himmel das Ihre gezollt, Doch wie— hätte Judas nun nicht gewollt? Aufzeichnungen zu einer Tragödie der Gegen, wart. Es gibt zwei Arten geistiger Gesetze, zwei Arten Gewissen. eins für den Mann uird ein ganz anderes für das Weib. Sie ver- stehen einander nicht; aber das Weib wird im praktischen Leben nach dem Gesetz des Mannes beurteilt, als ob sie nicht ein Weib« sondern ein Mann sei. Die Ehefrau des Stückes kennt sich am Ende in dem, was recht oder unrecht ist, gar nicht mehr aus; das natürliche Gefühl auf der einen und der Autoritätsglaube auf der anderen Seite bringen sie ganz in Verwirrung. Ein Weib kann sich selbst nicht treu sein in unserer heutigen Gesellschaft, die eine ausschließlich männliche Gesellschaft ist, mit Gesetzen, die von Männern geschrieben sind, und mit Anklägern und Richtern, die die weibliche Handlungsweise vom männlichen Stand, Punkt aus beurteilen. Sie hat eine Fälschung begangen, und das ist ihr Stolz; denn sie hat es aus Liebe zu ihrem Manne getan, um ihm das Leben zu retten. Dieser Mann aber steht mit der ganzen Ehrenhaftigkeit des Alltagsmenschen auf dem Boden des Gesetzes und sieht di« Sache mit den Augen des Mannes an. Seelenkämpfe. Unter dem Druck deS Autoritätsglaubens irre geworden, verliert sie den Glauben an ihr moralisches Recht und an ihr Talent, ihre Kinder zu erziehen. Bitterkeit. Eine Mutter in unserer heutigen Gesellschaft, wie gewisse Insekten hingcchen und sterben, wenn sie in der Fortpflanzung des Geschlechts ihre Pflicht getan haben. Liebe zum Leben, zum Haus, zu Mann und Kindern und Verwandten. Hin und wieder frauenhaftes Ab, schütteln der Gedanken. Plötzlich wiederkehrende Angst und Ent, setzen. Alles mutz allein getragen werden. Die Katastrophe nähert sich unerbittlich, unabwendbar. Verzweiflung, Kampf und Untergang._ Em Vulkanausbrucb im innersten Hfnka. Auf der großen Expedition ins innerste Afrika, die Herzog Adolf Friedrich von Mecklenburg unternommen hat und deren vom Herzog verfaßte Darstellung in den nächsten Tagen bei Klinkhardt u. Bier- mann in Leipzig erscheinen wird, ist auch die reiche Vulkanwelt an der Grenze von Dentsch-Ostafrika und dem Kongostaat durch den Geologen der Gesellschaft. Kirschstein, fachmännisch durchforscht worden. Der Herzog begnügte sich mit der Besteigung des Nina- genge, jenes zuerst von Graf Götzen 1894 erNommenen Vullans. dessen riesiger, nahezu kreisrunder Explosionskrater einen gewaltigen Eindruck machte. Kirschstein aber widmete sich in mehr als halb- jähriger angestrengter Tätigkeit der geologischen Erforschung deS ganzen Gebietes und untersuchte besonders die Gruppe der Virungavulkane eingehend. Er wurde in unmittelbarer Nähe zum Zeugen eines Ausbruches des gewaltigen Namlagira. von dem er eine interessante Schilderung gibt:»In früher Stunde, noch im Bette liegend, wurde ich plötzlich von einem eigenartigen Getöse geweckt.' das wie das Wogen einer fernen DkeereSbrandung an mein Ohr schlug. Ich riß die Zeltwand zur Seite— und genoß den grandiosen Anblick eines Ausbruchs des •) Am 15. Oktober erscheinen gleichzeitig in einer norwegischen und deutschen Ausgabe Henrik Ibsens..Nachgelassene Schriften' in vier Bänden. Herausgegeben von Julius Elias und Halodan Koht. Die deutsche Ausgabe ist von S. Fischer in Berlin verlegt, bei dem auch die autorisierte Jbsen-Ausgabe erschienen ist. Die nach- gelassenen Schriften bieten neben nianchem Belanglosen aber für die Jbsenforschung nicht Unwichtigen, das aus alten Zeitungen und Zeil- jchriften gesammelt ist(Gedichte. Prosaschriften. Reden), vor allein die ersten Entwürfe der meisten Dramen von Brand bis zum Epilog: Wenn wir Toten erwachen. Die sehr ausführliche Ein- führung der Herausgeber gibt wertvolle Hinweise zur Entstehungs- gcschichle der einzelnen Dramen. Das Ganze verspricht einen inter» essanten und bedeutsamen Einblick in Ibsens Schaffen und Arbeiten. — Mit Erlaubnis deS Verlages geben wir zwei Proben wieder: ein au« dem Jahre 1871 stammendes Gedicht und den ersten Entwurf zu.Nora", der Rom 19. 10. 1878 datiert ist und aufs klarste be- weist, daß Ibsen schon in der ersten Skizze bis ans Ende ging. Namlagira 1 Unter heftigem Brausen und Wogen, das sich fast wie da» bald stärker anschwellende, bald gedämpfter klingende Surren eine» unsichtbaren Riesenofen» anhörte, quollen fortgesetzt dicke, twiste Dampfwolken, ungeheuren Blumenkohlköpfen ähnlich, aus dem Krater hervor und ballten sich über unseren Häuptern zu einer mächtigen, nach oben hin fächerförmig erweiterten Pinie zulammen. Schier endlos schien diese in die kkare Morgenluft emporwachsen zu wollen. Dann mischte sich langsam von unten her ein kräftiger Nachschub von bräunlichen Dämpfen in das leuchtende Weist. Ein breiter Glutstrom schost plötzlich in die Höhe, ihm folgte ein zweiter, ein dritter... Als ob gigantische Hände in emsiger Arbeit ungezählte Eimer voll glühender Schlacken aus der Tiefe dcS Kraters zutage förderten. Gleich darauf begann ein dichter Lapilliregen aus der Eruptionswolke niederzugehen. Ein Regen von feinsten, in der Luft rasch erkaltenden Schlackenstückchen, die bei dem herrschenden Ostwind viele Kilometer weil über den Westrand des zentralafrikanischen Grabens hinausgetragen wurden. Die vordem wcistleuchtende Pinie hatte sich in ihrem unteren Teile tief schwarz verfärbt. Nur die obersten Partien der übereinander- getürmten Wolkenmassen erglänzten nach wie vor, gewaltigen Baum- wollballen gleich, in schneeigem Weist.... Nach einer Stunde etwa liest die Heftigkeit deS Ausbruches sichtlich nach. Der Lapilliregen hörte auf. In der jetzt wieder rein weihen, jedoch bedeutend schwächeren Eruptionswolke leuchteten von Zeit zu Zeit, jedes- mal von kräftigen Detonationen begleitet, eigentümliche, rasch empor- züngelnde bläuliche Dämpfe auf. Da» Brausen in der Tiefe schwoll noch einmal für wenige Sekunden mit einem pochenden Geräusch wie von Hunderten von Hämmern zu einigen stärkeren Akkorden an, um un- mittelbar danach in ein kaum noch wahrnehmbares gleichmästigeS Rauschen überzugehen und schliestlich ganz zu ersterben. Nach einer weiteren halben Stunde war alles vorbei. Friedlich lag der Namlagira wieder vor unseren Blicken da. Nur eine leichte, kaum (ichtbare Rauchwolke kräuselte sich über seinem kahlen Gipfel." Elf olch heftiger Ausbrüche des Namlagira wurden beobachtet.„Ein Bild von schauriger Schönheit", erzählt Kirschstein,„boten namentlich die Nachtausbrüche des Vulkans, wenn die aus dem weiten Krater emporwachsende Dampfsäule durch den Widerschein deS im Eruptionsschlot aufsteigenden Schmelzflusses wie eine mächtige, zum Himmel schlagende Lohe glutrot erleuchtet erschien, und wenn dann plötzlich aus der feurigen Pinie ein präch- tiger Funkenregen von tausend und abertausend in die Höhe mit- emporgerissenen, glühenden Schlackenstückchen, einem Goldflitterregen vergleichbar, in die Tiefe niederging." Nach Erforschung der tätigen Westgruppe der Virungavulkane wandte sich der Geologe der Mittel- gruppe zu und bestieg den höchsten dieser Vulkane, einen der ge- walligsten Vulkanberge der Erde überhaupt, den 4500 Meter hohen Karissimbi. Aber die Bezwingung dieses Gebirgsriesen endete mit einer furchtbaren Katastrophe. Beim Abstieg brach plötzlich ein entsetzlicher Schneesturm los, vor dem nur der mit Bäumen bestandene Kraterrand Rettung und Schutz gewähren konnte. Die schwarzen Träger aber weigerten sich, weiter zu gehen, warfen die Lasten fort, legten sich in den Schnee und hatten auf alles Drängen und Drohen nur die klagende Antwort:„�uu-i ya mungu— es ist göttliche Fügung— also sterben wir". Bei den Eingeborenen gelten nänilich die Vulkane als„verhext", und wer fie besteigt, beschwört die Rache des Berggeistes Gongo herauf. Es war die Vergeltung des Gonao, die die Schwarzen in dem Schneesturme sahen. Es gelang Kirschstein und seinen beiden Askaris trotz gröstter Anstrengungen, nur wenige der Unglücklichen, die sich in dem eis- kalten Sumpfwasser niedergekauert hatten, an'daS rettende Lager- feuer am Kraterrand zu tragen.„Die anderen alle— zwanzig an der Zahl, d. h. nahezu die Hälfte meiner gesamten Karawane— lagen als Leichen im Schnee. Unter tropischer Sonne erfroren I Die Gesichter im Todeskampfe grästlich verzerrt, die Finger tief in den sumpfigen Kraterboden eingewühlt, so lagen sie da. Ein furcht- barer Anblick für uns, die wir zu ihrer Rettung zu spät kamen." Kleines feuiUeton. Aus dem Tierleben. tteberwinternde Zugvögel. Eine auffallende Er- scheinung ist eS, dast mehrere Vogelarten, die früher den Winter bei un» nicht verlebten, von Jahr zu Jahr mehr bei unS bleiben. Vom Buchfinken überwinterten ehemals bei uns nur einzelne alte Hähne, weswegen Linns ihn ooslods, den ehelosen Finken, nannte, während die Hennen mit den Jungvögeln im Herbste südwärts zogen. Seit zwanzig Jahren überwinterten nicht einzelne, fondern ganze Mengen von Hähnen bei uns, und neuerdings auch die Hennen und die jungen Vögel. Ebenso verhält sich auch die Schwarzdrossel; früher blieben nur einzelne alte Hähne, jetzt bleiben Mengen davon und sehr viele Hennen und junge Tiere über Winter bei uns. Die Gründe dafür scheinen darin zu liegen, dast sich die Buchfinken und Amseln unter dem Vogelschutzgesetze sehr stark vermehrten und weiter nach Norden vorrückten, denn wahrscheinlich sind die Amseln und Finken, die bei uns überwintern, nicht dieselben Stücke, die bei uns brüte' en ober erbrütet sind, fondem als solche aus Skandinavien und den russischen Ostseeländern, für die unser Winterklima schon milde ist. Ein weiterer Grund für das Ueberwwtern ist noch in den künstlichen Fütterungen und in dem Umstände zu suchen, dast jeder Vogel, der sich stark vermehrt, dreister wird und fich dem Menschen mehr an» pastt, also auf Abfallhaufen, Schuttplätzen usw. Nahrung zu finden weist. Neuerdings überwintert ferner die Ringeltaube in Masten bei imS; hier ist es nachweisbar, dast eS fich um nordische Flüge handelt, denn sie benehmen fich viel weniger scheu, als die bei uns brütenden Ringeltauben. In schneereichen Wintern, wie in dem letzten, haben die Taubenflüge aus Nahrungsmangel den Futterkohl angenommen und stellenweise nicht unerheblichen Schaden gestiftet. Technische?. Eine Verbesserung des Fernrohrs. Das Fern, rohr ist auf wissenschaftlichem Gebiet bisher nur für den Astro» nomen ein Rüstzeug gewesen. Wahrscheinlich durch gewisse Erfolgs der Photographie ist man jetzt auf den Einfall gekommen, es auch für andere Zweige der Naturwissenschaften nutzbar zu machen. Tüchtige Photographen haben nämlich ihren Apparat mehr und mehr dazu verwertet, das Tierleben in seiner verborgenen Betäti« gung ans Licht zu ziehen, und so sind prachwolle Bilder zustande gekommen, die beispielsweise das Leben einer Vogelfamilie im Nest in aller Deutlichkeit vorführen. Einen ähnlichen Vorzug soll nach einer Mitteilung der„Nature" eine Verbesserung des Fernrohrs dem Naturforscher ermöglichen, und zwar noch in höherem Grade. Die Neuerung besteht in der Lieferung einer besonderen Linse, die über das Objektiv eines Fernrohrs von kurzer Brennweite be» festigt werden kann. Auf diesem Wege würde ein Fernrohr, so merkwürdig es klingt, das Mittel werden, Insekten und ähnliche kleine Formen tierischen Lebens aus einer geeigneten Entfernung zu beobachten, die weit genug ist, um das Tier nicht zu beun» ruhigen. Es läßt sich erwarten, dast man auf diese Weise die Ge- wohnheit von Käfern, Spinnen und dergleichen vollständiger und eingehender wird studieren können, als es bisher möglich gewesen ist. Eine Linse von gleicher Art, die übrigens ziemlich billig ge, liefert wird, kann auch für Feldgläser benutzt werden. Auch in Museen kann sie gute Dienste leisten, wenn es sich um Schaustücke handelt, die nur in beträchtlichem Abstand besichtigt werden können oder bei denen eine besonders scharfe Beobachtung wünschenswert ist, wie sie mit bloßem Auge nicht mehr geschehen kann. Eine neue Fernphotographie ist von dem Frcm» zosen Laurent Semat erfunden und unter dem Namen Teleauto» copist beschrieben worden. Der Apparat soll in der Hauptsache eine möglichst einfache Fernübertragung von Schrift, Zeichnungen und Photographien darstellen. Der Erfinder verspricht aber noch mehr, denn sein Instrument soll auch beliebige andere Aufzeichnungen wie Notenschrift, Stenogramme, Druckschrift usw. übertragen. Be» sonders macht er auf die Möglichkeit aufmerksam, auch anthropo» metrische Messungen auf diesem Wege schnellstens zu übermitteln. Ein Mitarbeiter des„Elektrotechnischen Anzeigers" fällt dem Tele« autocopist das anerkennende Urteil, er sei nicht nur durch die Ein« fachheit der elektromechanischen Mittel, sondern auch durch eine glückliche Läsung der schwierigen Aufgahe, eine vollkommene Ueber, einstimmung zwischen der Sende- und der Empfangsstation herbei« zuführen, ausgezeichnet. Die Walze, die zur Aufnahme der zu übertragenden Aufzeichnungen bestimmt ist. hat einen etwas klei- neren Durchmesser als die an der Empfangsstation befindliche Walze. Beide tverden durch einen Motor angetrieben. Die Walze des Scndeapparats ist mit einer Metallfolie umhüllt, auf die das zu übertragende Bild oder die Schrift vorher aufgetragen oder ein« gedruckt ist. Ueber die Walze gleitet ein Zeichenstift, der während seiner Bewegung verschiedene Stromstöße in den Stromkreis sendet und entsprechend ihrer Stärke das Bild wieder erzeugt. Trifft nämlich der Stift auf einen erhalten gebliebenen und daher lei» tenden Teil de» Metallüberzuges, so wird der Stromkreis ge- schlössen, beim Uebergang über die mit Schwärze bedeckten Stellen dagegen wieder geöffnet. Die Walze an der Empfangsstation ist erst mit einer Platte aus Kohlenpapicr und dann mit einem Blatt gewöhnlichen Papiers umgeben. Die Umdrehungsgeschwindigkeiten beider Walzen stehen in umgekehrtem Verhältnis zu ihrem Um. fang, und dadurch wird ein vollkommen gleiches Tempo bei beiden Apparaten erzielt. Außerdem setzt der Schreihstift an der kleineren Walze um genau den Betrag aus, um den der Umfang der größeren Walze länger ist. Durch geeignete Abänderungen kann eine Vergrößerung oder Verkleinerung der Wiedergabe bewirkt werden. Außer der Einfachheit der Anordnung wird als ein be- sonderer Vorzug der neuen Erfindung bezeichnet, daß man dabei ohne photographische Aufnahmen und ohne das schwer vcrwend- bare Selen auskommt. Infolgedessen kann sich der Betrieb bei vollem Tageslicht abspielen. Außerdem ist zur Bedienung keinerlei besondere Vorkenntnis nötig, und der Apparat läßt sich an ge« wühnlichcn Telegraphen- oder Telcphonlcitungen anschalten. Der Teleautocopist ist kürzlich auch von dem französischen Physiker Caillctet der Akademie der Wissenschaften in Paris vorgeführt worden. Die gegebenen Proben der Uebertragung von Bildern und von Schrift lassen an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig. (Serontw. Redakteur: Emil Unger, Grunewald.— Druck u. Verlag: vorwärt» Buchdruckerei u.VcrI«g»anjtalt Paul Singer chEo..Berlin ZW,