Nnterhaltungsblatt des Horwärls Nr. 202. Sonnabend � den 16 Oktober. 1909 lNachdruck vervoten.) 12Z „Solclaten fein fcdön!" Bilder aus Kaserne und Lazarekk. Von Karl Fischer. ..Da werden alle Hebel in Bewegung gesetzt— alles Menschenmögliche wird erdacht. Ihre Stütze wähnen sie im Militarismus zu haben. Da wird durch den unleidlichen Zwang die Lüge gezüchtet, die Verstellung! Das riesenhafte tSebäude fängt.an zu zerbröckeln. Im kleinen gärt es. Das Waterland wird dem drangsalierten, keuchenden Soldaten ein Whantoml Dann kommt er hinaus. Draußen beginnt der Kampf ums Brot. Aber frei ist er, wenn er will! Vielleicht auch hungernd, doch ohne militärischen Zwang. Lüge und Liebedienerei verschlingt den letzten Rest der Tugend der Heuchler. Der Richtung der Oberen wird gefolgt, dem System sich angepaßt. Eine Heuchlerzüchtung im großen! Der auf- recht Gesinnte wird Märtyrer. Er wird groß, gefürchtet! Gc- winnt Genossen! Sie werden sich ihrer Lage bewußt, treten hervor und drohen das ganze künstliche Gewebe ihrer Gegner niederzureißen, ihre Stütze, den Militarismus, zu zerbrechen. Aber diese Gegner wissen es, Volterl Sie kennen das Un- haltbare ihrer Position für die Zukunft und suchen mit dem Strom zu gehen, ohne sich etwas vergeben zu wollen! Es gilt einen langsamen Kampf!" Erregt blickte er Volter an. Seine Wangen waren ge- rötet und hoch hob sich seine Brust. Wie von einem lästigen Dritten überrascht, fuhren beide hlötzlich zusammen, als sie das erste Zapfcnstreichsignal von her Kasernenwache herüber vernahmen. Langsamen Schrittes wandten sie sich ihren Kompagnie- revieren zu, die sich quer über dem jetzt öde und leer da- liegenden kleinen Exerzierplatz befanden, der etwas höher ge- legen war als der schmale Platz längs der Revierhäuser. Am Sonnabend wurde Volter vom Feldwebel zur Pa- trouille für den Sonntag kommandiert. Er wäre gern frei gewesen für diesen Tag, da ihn Weiner gebeten hatte, mit ihm seine Schwester vom Bahnhof abzuholen.„Da ist nun nichts zu machen," sagte er sich.„Da niuß eben Meiner allein gehen." Kurz vor dem Appell am Sonntag vormittag begegneten sie sich vor der Kantine. „Was ist Dir?" fragte Wolter erschreckt, als er Meiner sah.„Wie siehst Du denn aus?" „Ich kann meine Schwester nicht sehen," antwortete Weiner mißgestimmt.„Ich muß in Arrest." „Aber weshalb?" ».Weil ich beim letzten Appell aufgefallen bin." „Konnte denn die Strafe nicht ausgehoben werden? Hast Du nicht gesagt, daß Deine Schwester auf Besuch kommt?" Ich hatte Urlaub eingereicht für heute. Der Hauptmann hak ihn mir abgeschlagen. Und wegen der Frechheit, wie er sich meinem Feldwebel gegenüber ausgedrückt hat, noch Urlaub einzureichen, hat er aus den drei Tagen Arrest fünfe gemacht." „Wußte denn der Hauptmann nicht, daß dies der erste Urlaub Deiner Dienstzeit ist und daß Deine Schwester Dich sehen will?" „Von meiner Schwester weiß er nichts. Ich hatte doch keine Ahnung, daß er mir Arrest zudiktiert hatte! Gestern abend teilte es mir der Feldwebel mit." „Und hast Du den Feldwebel nicht gebeten, noch einmal beim Hauptmann vorstellig zu werden?" „Gleich darauf! Er zuckte mit den Achseln. Er könnte nichts mehr tun. Der Hauptmann sei gestern nachmittag auf Urlaub gefahren und komme erst am Montag zurück. Der Hauptmann habe es so befohlen, und er könne keine Kom- pagniebefehle ändern." „So kannst Du Deine Schwester nicht einmal begrüßen!" sagte Voltcr teilnahmsvoll. „Deshalb wollte ich Dich bitten, Volter. Du sollst sie statt meiner empfangen. Sag ihr nur—" „Ich bin gestern abend zur Patrouille für heute kom- mandiert." „Du kannst also auch nicht?"- Weiner sah traurig vor sich hin. „Mein lieber Weiner! Du mußt Dich nicht gleich so niederwerfen lassen." „Ach, es ist nicht nur wegen jetzt! Daß ich nur Miß- geschick auf Mißgeschick in meinem Leben kennen gelernt habe, macht mich so traurig." «Wie lange wird s noch dauern! In kaum einem halbe» Jahre bist Du wenigstens frei vom Militärzwang!" „Wie machen wir es aber bloß mit meiner Schwester?" „Im meiner Korporalschaft ist ein guter Kamerad, der sehr an mir hängt. Beck heißt er. Ein braver Kerl. Du schreibst einen Brief für Deine Schwester, imd ich werde ihn bitten, daß er ihn Deiner Schwester am Bahnhof übergibt." Als Weiner am Mittag, seine vorschriftsmäßigen Arrestutensilien unter dem Arm. an der Seite eines Unter« ofsizicrs seiner 5kompagnie über den Hof nach dem Arrest« hause geführt wurde, kam Volter gerade recht, seinem Freunde im Vorbeigehen verstohlen die Hand zu drücken. Den ganzen Tag bis zum Abend war Volter wortkarg. Er mußte immer an das Mißgeschick seines Freundes denken, Schweigend trottete Volter auf dem Patrouillengang neben seinem Führer durch die Straßen der Stadt. Müde und mißmutig kam er vor Mitternacht in die Kaserne zurück. � Er mochte nicht lange geschlafen haben, als ihn ein Ge» räusch aufschreckte. Schlaftrunken erhob er seinen Kopf von seinem harten Kopfpolster. Am Fenster, durch das der Mond die Stube mit seinem matten Licht erhellte, sah er Greskser im Hemd, der sich kaum auf den Beinen halten konnte, hin und her wanken. Vor ihm stand, die Mütze auf dem Kopfe und ohne Rock, der Korporalschaftsführcr, dem das genossene Bier nicht unbe» trächtlich in die Glieder gefahren war und der gestikulierend Greskser Befehle gab. denen man anmerken konnte, daß der Alkohol in seinen Sprechmuskeln eine lähmende Wirkung hinterlassen hatte. Greskser brachte überhaupt kein Wort hervor. Nur das dunkle Gefühl in seinem Rausch, der Unteroffizier steht vor ihm gab ihm die Energie, sich am Fenstersims nach Leibeskräften festzuhalten, um das Gleichgewicht nicht zu verlieren. Plötzlich— knall! Greskser hatte eine Ohrfeige auf seiner linken Wange sitzen, daß fein Schädel an den Fenster, Pfosten schlug. Nach weiteren drei Minuten konnte sich Unteroffizier Beier rühmen, mit etlichen Pfüffen und undeutlich gegebenen Kosenamen Greskser auf seinen Strohsack bugsiert zu haben. Volters Bett war gerade das. das auf Grcsksers Bett» laden ruhte. Volter glaubte, sich nun dem unterbrochenen Schlafe wieder hingeben zu können. Daran war jedoch für die nächste halbe Stunde nicht zu denken. Greskser kämpfte mit seinem überlasteten Magen. In» folge der horizontalen Lage, die der arme Kerl auf feinem Lager einnehmen mußte, suchte sich die gedrängte Magen» fülle durch die Speiseröhre einen Ausweg. Es gelang ihr auch durckMbrechen, und, von gurgelnden Tönen begleitet, ergoß sich die lieblich duftende Materie aufs Bett. „So eine Sau!" hörte Volter den Mietzschke schimpfen, dem die Leibtragödie seines Nachbars den Schlummer ge» raubt hatte, und mit einem schläfrig hervorgestoßenen Fluch drehte er sich auf die andere Seite und schlief weiter. Die Gerüche der Bierleiche stiegen nach oben und um» nebelten Volters Lager, mehr als seine sonst nicht verwöhnte Nase vertragen konnte. Kurz entschlossen, packte er seinen Strohsack, mit allem, was dazu gehörte, und schlug sich ein provisorisches Lager auf dem Fußboden am Fenster auf. Dort kampierte er bis zum Morgen, so gut es ging. Wie ein Klotz lag der wackere Zecher nach dem Wecken in seinem Bett. Alles Rufen und Stoßen brachte ihn nicht wach, bis ein paar Kameraden mit Hilfe etlicher Klopf» peitschen den Halbtoten auf die Beine brachten. „Hier hat der Süffel die leeren Bierflaschen hingestellt!" rief Mietzschke am Fenster stehend. „Ter fat die ganze Nacht durchgezecht!" bemerkte Brink- mann. „Natürlich!" rief Michschke wieder.„Der Dreckspatz hat sich vor Zapfenstreich eine ganze Galerie Bierflaschen aus der Kantine geholt, und wie alles schlief, ist er wieder auf» gestanden und hat gesoffen. Der Nachmittag war ihm nicht lang genug." Unter Johlen und Schimpfen der Kameraden mußte der Märtyrer seines dürstenden Dranges die Stube von seiner Magengcburt fein säubern, während die Zeugen dieser ästhe- tischen Arbeit sich den Morgenkaffee gut schmecken lassen mußten. Fünf Tage mußte Volter die abendlichen Plauderstiind- Wen mit Weiner entbehren Diese Stunden der Erholung waren ihm fast schon zum Bedürfnis geworden. Recht ein- sam fühlte er sich, bis Weiuer vom Arresthaus wieder zurück war. Angenehm überrascht war er, als er darauf Weiner gar nicht so niedergestimmt durch die Strafzeit, wie er der- mutete, wieder begrüßen konnte. Ein Brief von seiner Schwester hatte ihn wieder heiterer gestimmt lFortsctzung folgt.) Sin Stierkampf. Dunkelblau und wolkenlos wölbt sich der Himmel über die Bucht von BiScaya. Es ist Sonntagnachmittag. In Bilbao herrscht reges Leben. Rur mit Ungeduld haben Taufende jeden Tag der Woche gezählt bis zu diesem Sonntag. Jeden Sonntag sind Stier- gefechte. Aber acht Tage find eine lange Zeit für den Spanier. Jeden Tag Stiergefechte. das wäre sein schönster Traum.„Rmes et circenses" sagten die Römer,„oorriäas" genügt für den Spanier. Er hungert dabei. Lachend und plaudernd drängt sich die Menge in die Arena. Das arme Volk sitzt in der Sonne, der Schatten ist für die Reichen reserviert. Auf einem Balkon hat der Bürgernleister der Stadt Platz genommen. Er ist der Präsident des StiergefechteS. Ein Trompetensignal verkündet den Beginn. Der Präsidentenloge gegenüber öffnet sich ein Tor. Ein Reiter in mittelalterlicher Tracht, mit spitzem Hut und schwarzen, Mantel. erscheint. reitet einmal um die Arena herum, bleibt vor der Präsidentenloge sieben und grützt würdevoll hinauf. Sodann reitet er zurück und präsentiert die Stierkämpfer dem Volke. Das Volk jubelt. Voran die Musikbande, hinterdrein in goldstrotzenden Kleidern die MatadorcS, TorreroS, BandilleroS und PicadoreS. Vor dem Präfidenten bleiben sie alle stehen und grüßen. Jetzt wirst der Präsident den Schlüssel zur Stierhalle hinunter. Die Menge jauchzt vor Vergnügen. Rasch leert sich die Arena, nur die TorreroS bleiben stehen. Eine kleine Pforte öffnet sich und heraus stürmt ein mächtiger Stier. Er hat einige Tage gehungert und bevor er aus dem Stalle gelasicn wurde, bekam er einen Eisenstachel in den Nacken. In der Mitte der Arena bleibt er sieben. Wo ist der Feind? Da naht mit scharlachrotem Tuch ein Torrero. Rasch die Hörner gesenkt und drauf losgestürmt. Mit einer kleinen Bewegung weicht der Torrero geschickt den Hörnern aus und verneigt sich lächelnd vor dem Beifall Latschenden Volke. Ist der Stier von den Torreros genug gereizt, treten die Picadores in Aktion. Auf elenden Kleppern sitzen sie und sind mit einer langen Lanze bewaffnet. Zinenid drückt sich das Pferd an die Wand, aber mit Prügeln wird es gegen den Stier getrieben. Der Stier will nicht angreifen. Das Volk zischt. Endlich ist eS dem einen Picador gelungen, seine Lanze in den Rücken de-Z Stieres zu bohren. Wütend stürmt der Stier gegen das Pferd und stößt ihm tief seine Hörner in den Bauch. Roß und Reiter stürzen. Kann das Pferd sich noch erheben, so wird es noch einmal gegen den Stier getrieben, wenn es auch über seine eigenen Eingeweide stolvert. Wenn genug Pferde gelötet sind oder wenn der Stier keine Lust zeigt, ein Pferd anzugreifen, dann kommen die Bandilleros an die Reihe. In jeder Hand halten sie einen mit Bändern geschmückten Holzstab, an dessen Ende ein spitzer Wider» haken sich befindet. Durch Schwenken der Stäbe suchen sie die Auf- merksamkeit des Stieres auf sich zu lenken. Fast berühren die Hönier des Stieres den Mann, in diesem Moment bohrt er ihm mit unglaublicher Geichicklichkeit die Widerhaken in den Racken und springt zur Seite. Wütend vor Schmerz versucht der Stier die Stäbe abzuschütteln. Aber an zwei Widerhaken soll er nicht genug haben. Scdon steht ein zweiter Baudillero da und ein dritter. Wehe dein Stier, der kein Pferd angreifen wollte. Er bekommt zur Strafe Widerbaken, an denen eine Anzahl Raketen befestigt sind. Unter furchtbarem ischen und Krache» gehen die Rateten los und verbrennen dem im die Haut. Blut rinnt ihm vom Rücken. In der Arena riecht eS nach verbranntem Fleisch. Der Stier ist erschöpft. Jetzt erscheint der Matador. Stolzen Schrittes geht er einher und grüßt das Volk. Unter einem roten Tuch hält er den Degen verborgen. Für ihn ist es jetzt die Haichtfachs. den Stier in die richtige Stellung zu bringen, „in ihm sodann den Degen in den Nacken zu stoßen. Jetzt steht der Stier vor dem Matador und senkt die Hörner zum Angriff. Der Matador hebt den Degen und zielt— atemlose Spannung. In demselben Augenblick, wo der Stier angreisen will, macht der Matador einen schnellen Schritt nach vorwärts und stößt den Degen bis ans Heft dem Stier in den Nacken. Wie vom Blitze getroffen stürzt das Tier zu Boden. Brausender Beifall ertönt.„El orejo" schreit die Menge„das Ohr". Als Auszeichnung für seine Geschick» lichkeit bekommt der Matador vom Präsidenten das Ohr des gefällten Stieres. Sodann schreitet er um die Arena herum und dankt dein Volke. Hüte und Mützen fliegen hinunter, ja sogar Weinschläuche, die alle wieder mit großer Geschicklichkeil an ihren Platz zurück- geworfen werden. Nach kurzer Pause kommt der nächste Stier unl> so weiter, bis sechs Stiere getötet worden sind. Unter lebhaftem Gespräche über den heutigen Stierkampf geht das Volk nach Haufe und zählt wiederum ungeduldig jeden Tag der Woche bis zum nächster Stierkampf. A. B. (NaSdniZ derdolen.) Denker und Dichter im Hrbeiter- gewande. Nachdem Genosse Paul G ö h r e durch die Herausgabe von Arbeiterautobiographien dem breiten Strom der bürgerlichen Memoirenliteratur die Bekeuntnisie des sozialen und geistigen Ringens einzelner Angehöriger der Arbeiterklasse als eine völlig neue Erscheinung zugeführt und angegliedert hatte, waren weitere Ouellenerschließungen auf diesem eigenartigen Gebiete zu erwarten. Die im Proletariat seit einem Men'chenalter aufgespeicherte Summe von Intelligenz, von schöpferischen Trieben, die durch die gewaltige Aufklärungsarbeit der sozialdemokratischen Partei auS dem Schlummer geweckt werden, will nnnmehr Adolf L e v e n st e i n in allen ihren Aeußerungen zur allgemeinnützigcrr KeiintniS bringen. Eine sehr weit umfasiende, wissenschaftliche Enquete über die sozialpshchologische Seite des modernen Groß» betriebes brachte ihn. schreibt er, mit Tausenden von Arbeitern in Beziehungen. Das Resultat hiervon war eine überreiche Fülle seelenvoller Briefe. LevensteinS Bemühen ging dahin,»die ver« schiedensten Schichten innerhalb der Arbeitermassen zu treffen: die intellektuelle, die philosophische, die verbildete und die Massen» schicht mit ausgeprägten Kollektiveigenichasten.... Was da in der Tiefe für wunderbare Kräfte schlummern, sonnensiicktige Menschen, die erbarmungslos von der Tyrannis Arbeit aufgerieben werden... l Der moderne Arbeiter lebt nicht vom Brot allein, er geht keineswegs auf im Erwerbsinteresse. Er ist, zu einem großen Prozentsätze, vor allem GcisteSwesen, lebt in einer vorgestellten Welt, daher in einer geistigen Sphäre, dank intensivster Auftlärnngs- arbeit. Da? ist aber, meint Levenstein, gleichzeitig seine furchtbare Tragik. Im Heuligen Arbeitsprozeß wurde.Denken":»Leiden". Daß diese Auffasiung, zu der Levenstein durch manche ibm zu» gegangene Arbeiterbriefe gelangte, keinesfalls eine Verallgemeinerung verträgt, ist allerdings so selbstverständlich, daß man darüber hinweg» sehen könnte. Grüblerische individualistische Eigenbrödler— un» gemein feinfühlig veranlagte Naturen, immer gewohnt, im eigenen Seelenschachte zu graben— werden ob der Unzulänglichkeit des Halbwissens stets zu pessimistischer Betrachtung der Erscheinungen um sich her hinneigen. In der großen Masse aber lebt da? GlückSbewußtsein der Befreiung, deren sie durch die Hinlenkung zu den Schätzen der Bildung und durch die frohe Aussicht teilhaftig geworden, daß die Arbeiterschaft die Trägerin der Zukunft ist. Dicie große Hoffnung schwingt indes auch in den düsteren Ton hinein, von dem jene Arbeiterbriefe getragen find, die Adolf Levenstein als„Beiträge zur Seclenanalyse moderner Arbeiter" unter dem Titel:„Aus der Tiefe" sVerlag Eberhard Frowein, Berlin 1909) zusammengefaßt hat. Ihr scbwerwuchtiger Inhalt, wahre erschütternde Tragödien des proletarischen Not» und Kamps» lebenS, rechtfertigt das Aufsehen, das dieS schmale Bändchen hervor» gerufen hat. Diesem Werkchen hat er rasch ein anderes folgen lasten. ES heißt:»Arbeiter-Philosophen und- Dichter" und ist der erste Band einer ihre Fortsetzung bildenden kleinen Bibliothek. Die hier mit poetischen Gaben anttreten. find Bergleute, Blech-. Metall- und Textilarbeiter, Stricker, Handschuhmacher, Bäcker, Buch- drncker, Weber und Weberinnen. Dienstmädchen und Bauernlnge» löhncr. Alle diese Dichterproletarier sind Menschen, die»ihre ureigenste Sprache reden— zu Menschen mit sozialem Herzen. denkende Seelen mit dem Zukunftswechsel in der Tasche, den eine allzu grausame Kultur tagtäglich protestiert. Und daneben die Arbeiter-Philosopben. die sich durchgerungen haben, die einsam ge- worden sind und wundersam objelliv den Erscheinungsformen gegen- überstehen, die kühn mit den letzten Problemen ringen..." Ein- gestmidenermaßen sind fast alle in dem Bande vereinigten Gedichte und philosophischen Betrachtungen bei der Arbeit ent» standen. Das erscheint nach mehrfacher Hinsicht bemerkenS- wert. Einmal begünstigt die automatische Beschäftigung jene stille Sammlung und Sceleiicinkcbr. Dann dürfte auch der Rhythmus der Arbeit an sich den Versprozeß er« zeugen und deschlentugen. ES ist also in gewisser Beziehung ein unbewußtes, ungewolltes Denken in poetischen Formen. Mancher wird bei seiner Handarbeit Dichter, ohne daß sich je eine Veran- lagung solcher Art angekündigt hatte. Vielleicht bringt es dieser oder jener im ganzen Leben nur einmal zur Erzeugung eines einzigen Gedichts— und nie mehr wieder. Bei manchem anderen hingegen mochten dichterische Kräfte, bisher am Grunde des Gemütes schlummernd, plötzlich erweckt werden, gleich einer Quelle, die von der über ihr lastenden Erdschicht befreit wurde, um nunmehr unauf- hörlich und immerfort zu sprudeln. Dessenungeachtet braucht nicht gleich auf jeden, dem zufallsmäßig ein Gedicht gelang, die Bezeich- nung„Dichter' Anwendung zu finden. Hierzu mutz allemal nämlich auch das Merkmal des Schöpferischen, Produktiven kommen; erst dies belveist, ob jemand zum Künstlerpoeten berufen ist. Denn wenn die Natur solche Unterscheidung, besser Aus- Zeichnung nicht getroffen hätte, so wäre jeder Mensch ein Dichter zu heißen, dieweil fast jeder einmal im Pubertätsalter— Verse reimte. Doch hiervon abgesehen können wir angesichts der von Levenstein sorgsam zusammengetrageueu Proletarierlieder Eeobadbten, daß der S ch m e r z es ist, der uns zwingt, in„gehobener', also rhythmisierter poetischer Sprache zu denken. Man könnte daher alle jene Lieder„Kinder deS Leides' nennen. Und in der Tat: sie schildern uns vornehmlich das Weh proletarischer Erdenkinder. Mag das Gewand hier und da, ja in den meisten Fällen von spröder Beschaffenheit seiws der ursprüngliche Gedanke, der sich in„ge- bundenen' Sprachformen ergießt, hat sicherlich Glanz und anschauliche Kraft und Fülle. Reine Lyrik ist nur sehr spärlich vertreten; aber es ist Vollklang, was sich da in„Frühling',„Mein Frühlingstraum', „Junge Liebe',„Am Abend',„An die Ratur',„Mutterliebe', „Abendgedanken',.Märzveilchen',.FrühlingSsonntag',„Des Schäfers Traum' und„Der Vergfriedhof' offenbart. Die überwiegende Zahl sind— wie könnt'S auch ander? sein?— soziale Gedichte. Die zwischen Rackerei und Sorge pendelnde Lebensbahn der Enterbten wird da oft in ergreifenden Tönen ge- schilden. Schaut eure blassen, hohlwangigen Kinder, schaut die noch jugendlichen, gleichwohl hinwelkenden, müden Gestalten eurer Frauen — woher all dies Elend? „Es find nur die drückenden Sorgen, Es ist nur die drückende Not, Es ist ja— so heute wie morgen Der Kampf nur umS tägliche Brot! (Amalie Thamm.) Wieviel besser, welch ein Leben wäre eS. läßt Karl Bluhm seinen Bettler sagen—„das Hündchen der Frau von Goldenstein' zu sein! Bruno Göthel aber erachtet sogar das Los des äsenden Wildes, an jenem der Proletarier gemessen, für beneidenswert: Am grünen Waldessaum entlang, Wie friedlich grast das Wild— O. glich doch nur ein einzig Mal Mein Leben diesem Bild. Vergebens bittet er den vorüberrauschenden Bach, doch sein „hartes LoS' mitzunehmen— besser ihn selber auch. Und wer be- griffe nicht, wenn dieser und jener den Tod herbeiruft? „Du Tod, nimm hin dies Erdenleben Mit seinem ganzen berben Leid. Ich kann es keinem Gott vergeben, Ich kann es keinem Gott vergeben, In langer, langer Ewigkeit. (Heinrich Hesse.) Solche Ausbrüche der Verzweiflung vermögen aber doch nicht diesen Armen den Glauben an eine schönere Zukunft zu rauben. In jeder Brust lebt diese Zuberficht.„Empor zum Lichte!' Ich frone täglich; ober doch Mein Geist, er regt sich immer noch! Da? harte Schicksal beugt ihn nicht! Er strebt empor zum Sonnenlicht. Er strebt und ringt, gleich einem Bach, Geschlossen in ein Felsgemach, Der tropfenweis hindurch sich zwängt Und dann den Lauf zum Meere lenkt. Geht es langsam, tropfenweis, Er ringt sich durch, mein Geist, er weih Den Weg zum großen Ozean. Wo er hinein sich stürzen kann Und schöpfen aus der klaren Flut Sich neue Kraft und Lebensmut. (Earl VIuhm.) Nein, noch viel, viel mehr? Unbeugsame Eharakterstärke, un- verkäufliches Ehrbewußtsein, kollektidistisches Empfinden. Das doku» mentiert sich glänzend in de» Stücken:.Streik'(Karl Kühler, „Die Gefallene'(Heinrich Hesse),„Nach dem Streik'(Fritz Olk), „Aussperrung': Sie gehen langsam mit gemeflenem Schritt Eine einzige Masse-- die unterste Klasse Und mein Herz geht mit. (Wilhelm Klecha.) Ja Karl B l u h m s Lied:„Der Streikbrecher' verdient ob seiner gedanklichen Schlagkraft m ö Prägnanz geradezu, daß eS jeder Arbeiter kenne.„Streikbrecher'— s' ist auch ein schlechter Name, So wie„Verräter und„Dieb'. Das sagt ihm auch sein Gewissen, Drum geht er allein nicht hinaus; Ein Schutzmann führt ihn zur Arbeit, Ein Schutzmann bringt ihn nach Haus l Sein Herr, kommt er zur Arbeit, Empfängt ihn mit schmeichelndem Ton Er zahlt ihm eine„Prämie'— Das ist Berräterlohn I Er wird verwöhnt und verhätschelt, Viel Freihei: wird ihm gewährt.— Kollegen, bleibt ihm ferne! Ihr kennt ja seinen Wert. Und seht ihr ihn auf der Straße, Daß keiner sich vergißt; Er weiß es ja auch selber. Was für ein Lump er ist! Weitere Arbeiterdichter verspricht Adolf Lebenstein folgen zu lassen:„Rollkutscher, Hafenarbeiter. Heizer usw., auch die Poesie der Heimarbeiterinnen soll weitgehendst berücksichtigt werden.' Mit Interesse wird man diese Publikationen entgegennehme». Durch sie dürften sich lohnende Vergleiche mit der bisherigen sozialen Lyrik, insoweit sie von Kunstdichtern herrührt, ergeben; und nicht bloß der Soziologe, auch gerade der Aesthctiker und Literaturhistoriker wird an diesen reichen Dokumenten proletarischer Arbeiterpoesie fürderhin nicht mehr achtlos vorübergehen dürfen. Bor allem aber soll die Arbeiterklasse selbst nach diesen Schätzen greifen; denn sie sind Funken und Strahlen ihre? Geistes. Ernst KreowSki. Die Liiftfeucbtighcit in großen Städten, Zwischen dem Wetter und der Kultur besteht ein auffälliges Wechielverhältnis. Einerseits ist es allgemein bekannt und auch von vornherein leicht verständlich, daß vom Wetterzustand, vom Klima die Kultur stark beeinflußt wird. In sehr kalten Ländern sind die Lebensbedingungen der Menschen so erschwert, daß man dort nur schwer über die Befriedigung der unbedingt notwendigen Lebens- bedürfnisie hinausgeben und höhere Kulmranfgaben kaum erfiillen kann. Schon diese Erwägung zeigt, wie wichtig das Klima für die Kulmrentwickelung ist, und man könnte leicht auch den Einfluß anderer klimatischer Faktoren, wie da? häufige Vorkommen von heftigen Regengüssen und dergleichen klar machen. Andererseits hat nun auch der Mensch mit dem,>oas er an Kulturprodnkten liefert, in die Gestaltung des Klimas eingegriffen, wenn auch nicht in so hohem Grade, wie das Umgekehrte der Fall ist. Zum Nachweis der an sich eben geringeren Be- einflustung des Wetters durch die Kultur bedurfte es deshalb genauerer Beobachtungen und Untersuchungen. Durch solche Beobachtungen hat man gesund««, daß das Ausroden größerer Waldbestände auf die Feuchligkeit des betroffenen Landstriches und auf seine Temperaturverhälinisie von merklichem Einfluß ist. Aber der Mensch beschränkt seine Tätigkeit nicht auf das Umhauen der Waldbäume, sondern er setzt an die Stelle der Wälder ausgedehnte Niederlassungen, größere und kleinere Ortschaften, und wenn solche einen größeren Umfang annehmen, miS dichter aneinander gelagerten Häusern bestehen, so werden auch fie das Wetter beeinflusse». Es ist klar, daß durch die HSusermassen der Wind gehindert ist, sich so frei z» bewegen, wie auf der unbebauten Erdoberfläche, und das muß sich bemerkbar machen. So hat man denn schon seit längerer Zeit festgestellt, daß inmitten der großen Städte die Lufttemperatur höher zu sein Pflegt als außerhalb von ihnen. Diese Temperatur- Ungleichheit ist so groß, daß im Frübling Pflanzen der- selben Gattung in der Stadt um mehrere Tage früher Blätter treiben und erblühen als in der freien Nachbarschaft. Aber damit nicht genug, haben neuere Feststellungen gezeigt, daß auch in einem anderen wichtigen Wettermoment Unterschiede zwischen der Großstadt und dem freien Lande bestehen, nämlich bei der Luft- feuchtigkeit. Die Feuchtigkeit der Lust entsteht dadurch, daß von den vorhandenen Wasserläufen oder kleineren oder größeren Wasserbecken Flüssigkeitsteilchen fortdauernd verdunsten. Jeder Fluß, jeder Bach, jede Negenpfütze gibt einen Teil des Wassers durch Berdnnstung an die Lust ab. und diese Tatsache ist auch für die Gesundheit der Menschen von großer Bedeutung. Denn da die Lust eine Neigung hat, eine bestimmte Menge von Wasserdampf in sich aufzunehnien, wird sie, wenn andere, bequemer zu erreichende Wasser- massen fehlen, den ihr noch fehlenden Dampf dadurch zu erreichen suchen, daß sie auch geringere Mengen flüssigen Wassers, mit denen sie in Berührung kommt, angreift; so sucht die trockene Luft den Wasser enthaltenden Schleimhäuten der Menschen da? Wn�er zu entziehen, und aus diese Weise ruft sie Trockenheit deS Munoes, der Kehle und der übrigen Luftwege im Organismus hervor und führt ReizungSzustände. ia Erkrankungen herbei. Darum entstehen bei trockenem Ost» oder Nordwind so leicht Krankheiten der AtnmngS- organe. Schon diese Erfahrung muhie Anlas; geben, die Feuchtig- keitsverhälluisse der Lust bei verschiedenen Bedingungen zu unter» suckln. Zu den wichtigsten Bedingungen für die Luftfeuchtigkeit gehört die Lufttemperatur: Je wärmer die Luft ist, um so mehr Wasserdampf kann sie in sich aufnehmen, um so mehr davon ist sie also auch geneigt zu erhalten. Nun ist schon erklärt worden, das; in großen Städten die Luft iväriner zu sein pflegt als in der Umgegend, man sollte also meinen, daß in diesen Städten die Luft feuchter ist. und in dieser Erwartung ging man denn auch an die Untersuchung heran. ES zeigte sich aber auch hier wieder, wie wichtig die eigene Beobachtung ist, wie sie andere Ergebnisse zeitigt, als man erwartet hatte,' denn in der Tat ist die Luftfeuchtigkeit in der Stadt geringer, als zur gleichen Zeit außerhalb des Stadtgebietes. Diese FeuchtigleitS- differenz ist auch nicht etwa unerheblich. Wenn man ein ganzes Jahr hindurch die Luftfeuchtigkeit an einem Ort mißt, so findet man, daß der Feuchtigkeitsgehalt in diesem Zeitraum stark wechselt— schon deswegen, weil ja auch die Lufttemperatur während ciiieS Jahres recht verschiedene Beträge annimmt! vergleicht man nun den Höchsibetrag der Luftfeuchtigkeit in einem Jahre mit ihrem Mindest- betrag in der gleichen Periode, so ist der Unterschied zwischen beiden nur etwa doppelt so groß als der Unterschied der Lnftfenchtig- keit in Stadt und Land. Zu diesem, wie man sieht, recht ansehn- lichcn Unterschied zwischen ländlicher und städtischer Luftfeuchtigkeit ist man aber nicht etwa, wie man vielleicht annehmen möchte, da- durch gelangt, daß man zufällig eine Stadt in Betracht zog, bei der der Unterschied gerade ganz besonders groß ist, sondern man unterzog die Zustände in mehreren geographisch und klimatologisch von einander recht verschiedenen Großstädten in der Weise der Betrachtung, näm- lich von Berlin, Breslau, Wien und Paris, wenn überall das gleiche WerhältniS obwaltet, kann es sich nicht um besonders lokale Eigen- tnmlichkeiten bandeln, sondern es muß der Charakter der Großstadt als solcher zum Ausdruck kommen. Unter diesen Umständen ergibt sich ganz von selbst die Frage: Wieso ist in Großstädten die Lustfeuchtigkeit geringer als auf dem Lande, trotzdem die höhere Lufttemperalur der Städte dort sogar einen größeren Feuchtigkeitsgehalt der Luft erwarten ließe? Um diese Frage zu beantworten, könnte man zunächst daran denken, daß die Luft in der Großstadt sich auch in einer anderen Beziehung sehr wesent» lich von der auf dem Lande unterscheidet, nämlich durch ihre Reinheit. In der Großstadt gibt es Fabriken, Bahnhöfe, in den vielen Wohn- räumen sind auch viele Kochherde und Oefen in Tätigkeit; alles dieses entsendet in die Lust viel Rauch und Ruß und andere chemische Substanzen, die in der Begleitung von Kohlen aufzutreten Pflegen, besonders Schwefelverbindungen. Diese chemischen Körper, die wir als Verunreinigungen der Luft bezeichnen, haben zun, großen Teil ebenfalls ein starkes Bestreben, die Feuchtigkeit anzusaugen, ja manche von ihnen übertreffen darin sogar die Lust. Man könnte also meinen, indem sie den Wasserdamps an sich reißen, wirken sie ge« wissermaßen austrocknend auf die Luft, und als Resultat müßte die geringere Luftfeuchtigkeit in der Stadt sich zeigen. Aber diese Be- trachtung, so schön sie an sich erscheint, wird durch einen Umstand widerlegt. Der Unterschied der Luftfeuchtigkeit in Stadt und Land ist nämlich nicht im ganzen Jahre gleich groß, sondern in den ein- zelnc» Jahreszeiten sehr verschieden, im Sommer ist er größer als im Winter, das heißt, im Winter nähert sich die städtische Lust- feuchrigkeit der ländlichen mehr als im Sommer, im Winter ist die Stadtluft feuchter als im Sommer. Nun werden aber im Winter die Stubenöfen geheizt, im Sommer nicht, im Winter ist also die in die Luft gesandte Menge verbrannter, die Luft verunreinigender Stoffe größer; sie müßten also in der kälteren Jahreszeit die Lust noch mehr austrocknen als in der warmen, und demzufolge müßte die Luft im Winter trockener sein als im Sommer, während doch die Beobachtung das Gegenteil lehrt. Die in der Luft enthaltenen Berunreinigiingen können also nicht die Ursache sein. Es bleibt dann die Möglichkeit, daß die Lust in der Stadt weniger Wasiervorräte findet, aus denen sie Dampf entnehmen kann, so daß sie, trotz größerer Neigung. wegen höherer Tempe- ratur mehr Wasser zu verdunsten, diesem Bedürfnisse nicht genügen kann. Und bei dieser Erklärung muß man sich zurzeit in der Tat bescheiden. In der Großstadt werden nach jedem Regen- guß sofort die heruntergefallenen Wassermengen zum großen Teil durch die Sttaßeureinigungsanstalten beseitigt, sie haben also keine Gelegenheit, in die Lust zu verdunsten, während das Regenwaffer auf dem Lande liegen bleibt und in die obersten Schichten der Erde einsickert; sowohl das oberflächlich liegende Wasser verdunstet, als auch daS in die lockere Erde nur oberflächlich eingedrungene. Diese Erklärung wird auch dadurch bestätigt, daß der im Winter häufig fallende Schnee nicht so leicht beseitigt werden kann, als das sommer- liche Regenwaffer, im Winter hat also die Lust vielmehr Gelegenheit, sich mit Wasser, nämlich mit Schncewafser, zu sättigen, und darum ist im Winter die Stadtlust feuchter als im Sommer. Die Frage wird aber noch komplizierter, wenn man die durchschnittliche Luftfeuchtigkeit zu den verschiedenen Tageszeiten in Betracht zieht. Dann ergibt sich nämlich, daß- die Luft am Abend in den Städten feuchter zu sein pflegt als in den Morgen- und Mittagstunden. Bet der Regelmäßigkeit, mit der die Forlschaffung des Regen- und Schncewassers in den modernen Großstädten zu allen Tageszeiten gleichmäßig vorgenommen zu werden pflegt, wird man die stärkere abendliche Feuchrigkeit nicht durch Vorhandensein größerer Nieder- schlagSmassen erklären können, man wird viel mehr annehmen müffen, daß die Luftbewegungen, die ja in den verschiedenen Tageszeiten verschiedene Durch, chnittsstärke haben, sich auch bei der Lnftfenchtig- keit in Stadt und Land ganz verschieden bemerklich machen, und diese Einflüsse wird man allerdings noch genauer studieren müssen, um zu sehen, wie sie sich neben denen der Straßenreinigung bemerk- lich machen. Kleines f eirilleton« Aus dem Pflanzenleben. Luftschiffahrt im Pfanzenreich. Eine sehr große Zahl von Pflanzen verdankt die riesige Verbreitung, die sie auf der Erdoberfläche gewonnen hat, der Anpassung ihres Blütenstaubes oder ihrer Samen an die bewegte Luft. Bei nicht wenigen Pflanzen- arten finden wir die Einrichtung, daß der Blütenstaub durch blumen- besuchende Insekten von Blüte zu Blüte übertragen wird, viele haben stachelige Früchte, die sich mit Widerhaken an allerlei Tiere festsetzen und von diesen über Land getragen werden, und auch das Meer hilft durch den Transport widerstandsfähiger Früchte, z. B. KokoZ- nüffcn, Pflanzenarten verbreiten. Was will das aber alles besagen gegen die Macht eines SturmeS, der die Sporen der Pilze und Algen, den Blütenstaub vieler Pflanzen und auch leichte Früchte viele Meilen zu verbreiten imstande ist I Die Allgewärtigkeit der Bazillen ist der bewegten Luft zuzuschreiben. Setzt man eine angefeuchtete Papierfläche dem Winde aus, so ist sie schon nach wenigen Stunden sehr reichlich mit angeflogenen Sporen, Pollenkörnchen und dergleichen besetzt. Es ist nun keine Frage, daß die Lustschiffahrt im Pflanzenreiche durchaus passiver Natur ist. Wir finden kein belvußteS Lenken des Fluges, wie bei fliegenden In» selten, Vögeln, Fledermäusen usw., sondern nur eine völlig willen» lose Hingabe an die bewegte Lust. Dieses Fehlen jeder bewußten Flugtätigkeit hat natürlich die Wirkung, daß zahllose Pollenkörner, Sporen und Samen die sür sie günstigen Plätze nicht erreichen und zu Grunde gehen. Die? wird dadurch wieder ausgeglichen, daß die Natur alle?, was zur Verbreitung durch den Wind bestimmt ist, in unglaublich großen Mengen erzeugt. Alljährlich im Mai gibt uns da? Blühen der Kiefer ein Beispiel davon, wenn sie ganze Wolken gelben Blütenstaubes ausschüttet, die ja auch zu der Sage vom Schwefelregen Veranlasiung gegeben haben. Die Pollenlörnchen der Kiefer erwecken noch ein besonderes Jntereffe. Sie sind nämlich rechts und links mit je einer blasigen hohlen Austreibung versehen, die das Pollenkorn wie mit zwei MiniatnrballonS umgeben. Durch diese Ballon? wird die Schwebcfähigkeit der Pollen- körner ganz erheblich vermehrt; sie find im Verhältnis zu ihrem Umfange so leicht, daß sie ungewöhnlich lange in der Luft bleiben, ehe sie zu Boden sinken; die Wahrscheinlichkeit, daß sie eine weibliche Blüte erreichen können, ist also sehr groß. Mit dreser Flug- oder richtiger Schwcbe-Einrichtung, die außer der Kiefer auch ihre nächsten Verwandten besitzen, steht die weite Verbreitung dieser Nadelhölzer in Zusammenhang. Zu jener früheren Periode unsere? ErdkürperS, als die Nadelhölzer entstanden, gab es die heutigen Fluginsekten noch nicht. Als diese Tierklasse erschien, erfolgte eine neue Anpaffung. ES bildeten sich Blüten zur Anlockung von Insekten, die mit weniger Material- Verschwendung die Befruchtung bewirkten. Das Prinzip der Ver» breittnig durch den Wind kann aber nicht als überlebt gelten, denn sonst könnten nicht Ulmen, Haseln. Nadelhölzer jeder Art und andere .Windblüher' noch immer eine so große Verbreitung besitzen. Die Lebensfähigkeit dieses Prinzips zeigt sich auch dnrch feine weite Anwendung bei der Verbreitung von Früchten, obwohl dies« erheblich schwerer sind als Pollenkörner. Eine sehr häufig anzn» treffende Schwebevorrichtung sind federige Anhängsel an kleine Samenkörner, wie sie zum Beispiel die Weiden und die im Reife- zustande als.Pustblume' bekannte Butterblume zeigen. Diese 'ederigen„Aeroplane" sind auch bei den Disteln und vielen anderen bekannten Körbchenblütlern anzutreffen, also gerade bei einer sehr hoch organisierten Pflanzenklasse. Eine zivar immer noch völlig unbewußte, aber in gewiffem Sinne doch beeinflußte Regelung des FlngeS ist bei den Samen der Eschen, Ahorne, Ulmen, Linden usw. zu bemerken. Jedermann kennt die llügclartigen Ansätze bei den Samen dieser Pflanzen. Sie sind bei alledem zu groß, als daß der Wind sie weit transportieren könnte. Aber da es sich hier vorwiegend um Bäume handelt, so genügt es, wenn die Samen nur eine kleine Strecke weit fortscgeln, um einen Platz zu erreichen, der vom Baume nicht mehr beschattet ist. Sehr 'chön ausgeprägt ist dieses Segelprinzip bei einer exotischen Pflanze. Der Same ist von einem seidenglänzenden Flügel so unigeben, daß er fast wie ein Falter aussieht. Der Schwerpunkt deS Ganzen liegt so, daß der fallende Same nicht senkrecht herabfallen kann, sondern in schaukelnden Bewegungen auch bei ruhiger Lust einem Schmetter» linge gleich längere Zeit dahingleitet, ehe er zu Boden gelangt. Perantw. Redakteur: Emil Ungcr, Grunewald.— Druck u. Verlag: Vorwertt Buchtruckerei u.Verlegtanstalt Paul Tingec i;to.,f8etlin S W.