M. Abonnrmrnts• Kcdingungen: Etonnemtnt«=?rel* ptäuumetanks: yierleljährl. 3�0 Sit, monatt 1,10 Sit, wöchipllich 28 Psg. frei in? Hau?. Einzelne Nummer 3 Pfg. Sonnlag?. Nummer mit tOnRttcvter Sonnlag?» Beilage„Die Neue Well" 10 Pfg. Post- Abonnement: Z.ZO Marl pro Quartal. Elngelragen in der Post- Zeitung?» Preislifte für 10 00 unter Hr. 7971. Unter Kreuzband für Deullchland und Oesterreich-Ungarn 2 Marl, für da? übrige Ausland 3 Marl pro Monat. Et schein! täglich außer Montag». Vevlinev VolksMatt. 17» Zahrg. Fi? Insrrtions-Trdühr betrügt für die sechsgespallene Kolonef» zeile oder deren Slauin?0 Psg., für politische und gewerkschaftliche Berein?- und Versammlung?-Anzeigen 20 Pfg. „Kleine Anseigen" jede? Wort 5 Psg. (nur da? erste Wort fett). Inserate für die nächste Nummer müssen bi?? Hftt nachmittag? in derSrpedition abgegeben werden. Die Expedition ist an Wochen- tagen bi? 7 Uhr abends, an Sonn- und gesttagen bis S Uhr vormittag? geöffnet. Fernsprecher: vmi f, Er, 1503. lelegramm- Adresse: „»orialdemostrat Berlin" Centraiorgan der sociaidemokratischen Uartei Deutschtands. Lrdakkioll: L�V. 19, Veuth-Strafze 2. Die Junker-Demokraten. „Ein feindliches Verhalten gegen meine Regierung läßt sich mit der Treue gegen meine Person nicht vereinige n." In diesen Worten kennzeichnete Wilhelm I. 1863 das Wesen des preußischen Royalismus. Zu gleicher Zeit wurden von dem Großvater des gegenwärtigen Kaisers die Pflichten der Bcamtenwie folgt dargestellt: „Wer als Beamter geschworen hat,„dem Könige, seinem allergnädigstcn Herrn, unterthänig. treu und gehorsam zu sein". ist dieses EideS weder als Wähler, noch alS Gewählter entbunden, und wenn Se. Majestät bestimmt den vcrfassttngö- niästtgett Weg vorzeichnet, auf welchem seine Beamten ihn bc- gleiten sollen, so sind alle zum Gehorsam, dicjcnigcu aber, welche des Königs Gnade aus besonderem Bertrauen in Stellen von politischer Bedeutung berufen hat, noch außerdem zu thatlräftiger Unter- siüyung der köuigl. Staatörcgierung verpflichtet." Es war damals allein die feudale Partei, die „die Krone als den lebendigen Mittelpunkt der preußischen Verfassung" betrachtete und nach der Auflösung des Abgeord netenhauses vor einer„trotzigen Wiederwahl" der alten oppositionellen Mehrheit warnte. Solche Ansichten über das Recht der Llronc, die Pflichten der Beamten, über die Identität von Monarch und Rc gierung, über dm Verwerflichkeit einer oppositionellen „trotzigen Wiede-Whl" haben stets in Preußen geherrscht, sie waren das b:.,jchcndc Princip jeder Regierung und das Junker tum be-'rf sich ohne Ausnahme auf die Pflicht unbedingter V-'s.tucntreuc. Heute aber klingen derartige Anschauungen wie ein Märchen aus uralten Zeiten. Das Junkertum.ist auf die Barrikaden gestiegen, hat die Revolution von 1848 nachträglich als bc rechtigt anerkennt, höhnt die Regierung, die ihren vormärzlichen Ueberzeugungen treu geblieben ist— und dieser ganze Umsturz der blauen Traditionen hat sich in der unglaublich raschen Zeit eines halben Jahres vollzogen; er hat genau in dem Augenblick begonnen, wo sich das Junkertum im Konflikt mit der Krone und der Regierung sah. Im Sommer fing die Bekehrung der Ostelbier zum modernsten und radikalsten Konstitutionalismus an und in der denkwürdigen Sitzung des Abgeordnetenhauses vom 11. Januar 1906 war diese Revolutionierung der Feudalen so weit vorgeschritten, daß die Konservativen durch ihren Wortführer in aller Unbefangen hcit, lvie das selbstverständlichste Ting der Welt, gegenüber dem alten Royalismus— das Princip der Volks- fouverjänetät verkündeten, wenn es sich vorläufig auch nur um das durch das Dreiklassensystcm ausgesiebte"„Volk" handelt. Es war das erste Bedürfnis unserer Konservativen in der beginnenden Landtagssession, daß sie die Regierung über die aus Anlaß der Kanalablehnung unternommene Maßregelung der Beamten interpellierten. Und die Verhandlung, in der dies geschah, darf in der parlamentarischen Geschichte aus bleibende Beachtung rechnen. Ein volles Haus, in lebhaft schwirrender Unterhaltung, stark besetzte Tribünen wiesen am Donnerstag ans einen be- deutsamen Tag hin. Das Junkertum wollte mit dieser Regie- rung abrechnen, die sich erdreistet hatte, die bisherigen Junker- auffassungen über den Absolutismus der Krone einmal gegen die eigene Partei auszuspielen. Gegürtet mit den frisch entlehnten Grundsätzen des DcmokratismuS zogen die Ostelbier in die Schlacht und sie erfochten einen strahlenden Sieg über die alt-konservative Regierung mit Hilfe der Revolution. Die Konservativen hatten mit Absicht ihren angesehensten und würdigsten Vertreter als Jntcrpellationsredner entboten, den greisen Herrn v. Kölker, der viele Jahre dem Abgeordneten» haus präsidierte, einen humorvollen und selbständigen Junker von der Art, wie sie der märkische Dichter Fontane liebte und schilderte. Herr v. Koller sprach sehr leise, so daß man ihn auf der Tribüne kaum hörte, aber unten im Saale brach immer wieder eine stürmische Bcifallshcitcrkcit aus. und seine den Regicrungsherren gewidmeten Spitzen wurde wie kostbarer Wein von den Standcsgenossen geschlürft. Alle Gesichter glänzten vor Freude, nur die Herren Minister blieben ernst, ja finster: Hohenlohe. der bemüht war, sein Haupt möglichst vollständig in seinem Brustkasten zu verbergen, dann durch einen breiten leeren Sessel sorg- fältig geschieden, Herr v. Miguel und weiter die Schönstedt, Thielen, Rheinbaben, Studt, Brefeld— ihnen war eS sämtlich sehr unbehaglich zu Mut. Herr v. Köster erklärte mit aller Entschiedenheit die Maß- rcgelnng der Landräte für verfassungswidrig, that den„er- bärmlichen Kanal" mit einer verächtlichen Handbcwegung ab, rühmte die historischen Verdienste des Junkertums, indem er mit einem schlauen Sprung vom siebenjährigen Krieg über die Zeit von Jena hinweg gleich bis zu den Freiheitskriegen hüpfte, und belehrte— die Haupsache— dann die Regierung über den Konstitutionalismus: „Was kann die Regierung jetzt noch thim,»im ihre Absicht diirchzustihren? Sie kann die Vorlage wieder einbringen: das ist ihr gutes Recht. Aber diese kann wieder abgelehnt werden: das ist das gute Recht des HanseS. Dann bleibt nur noch die Auf- lösung des HauseS a l S einziges Mittel. Aber bei dem große» Widerwillen, der in der Lcbölkernng gegen den Kanal herrscht(Lachen linkS), wird dann ein noch viel kanalfeind- 1 lichereS Haus zu stände kommen. Ilnd dann hat die Regierung kein anderes Mittel, als sich dem ablehnende» Botin» der Laiidcövertretung zu füge». Das wird für sie aber keine Niederlage bedeuten, das wird ein Sieg sein(Lachen links), ja wohl, und zwar der schönste Sieg, de» ein Mensch»bor- baupt erringen kann; der Sieg über sich selbst.(Große lang anhaltende Heiterkeit.) Und ich bin der festen lleberzeiigung daß unsere Regierung zu dieser Anschauimg kommeii wird." Wo ist hier noch eine Spur von fcudalroyaler An- schauung? Die Ahnen des Herrn v. Koller müssen sich im Grabe herumdrehen, ja seine eigene Vergangenheit nuiß wider ihn austreten! Das'ist ja der revolutionäre Mahnruf"zur „trotzigen Wiederwahl", daS ist die Proklamierung des dcmo kratischeu Grundsatzes, daß nicht des Königs Wille oberstes Gesetz sei, sondern der Wille der Volksvertretung! Nichts mehr von der Sehnsucht nach dem starken Mann, der über die Parlamente hinweg die Regierungssorderimgen durch- setzt— die Regierung hat sich zu fügen, wenn das Volk wiederholt sich gegen eine ministerielle Maßnahme ausspricht. Ein Konflikt ist gar nicht mehr möglich. König und Regierung haben sich dem Votum der Landcsvertrctung zufügen. So der künden es die neu bekehrten Junkcrdcniokratcii und noch dazu in einer Frage, die in das Gebiet der Landesverteidigung fällt; denn der Mittellandkanal war nach der feierlichen Versicherung aller militärischen Autoritäten wesentlich auch durch die Interessen der LaitdeSvr"' zung geboten, lerni die Bourgeoisie hinfort nur so liberal mit. konstitutionell j> wie das Junkertum, so wird eS nicht nur'eine Furcht vor einem Flotten kouslikt haben, sondern die Regierungen belehren, daß sie � sich der Ucbcrzcugung der Volksvertretung zu fügen haben: denn sie giebt, nach, der neuen Junkerlchre, keinen anderen un beugsamen Willen in einem konstitiitionellen Staate als den des Parlamenls. Und wenn die Regierungen eine solche Unterwerfung unter die Mehrheit des Reichstages als eine Sühne erheischende Niederlage empfinden sollten, dann wird Herr v. Lcvetzow oder irgend ein anderer Gesirmungs genösse v. Kollers ausstehen und den Herren vergnügt den Wahlspruchkündcn: Aber das ist ja gar keine Niederlage, das ist ein Sieg, der schönste Sieg sogar, der Sieg über die eigenen Thorheiten... Herr v. Köllcr fand seitens der Regierung keine Antwort. Zwar begab sich Fürst Hohenlohe auf die Rednertribüne, um mit glänzender Beredsamkeit eine Erklärung fließend— abzulesen, aber diese Erklärung war keine Antwort, sondern eine demütige Entschuldigung. wie wir sie gestern im voraus skizzierten:„Meine Herren! Glauben Sic mir. die �Maßregelung war gar keine Maß rcgelnng." Was der Justizminister und Herr v. Miguel hernach sagten, beschränkte sich auch auf diese ebenso müh samcn wie haltlosen juristischen Tüfteleien. Wenn man sich erinnert, mit welchen Drohungen die Regierung im Sommer gegen das Junkertum donnerte, so nimmt sich dieses juristische Stammeln um mildernde Umstände, wie es die Minister jetzt versuchten, um so jämmerlicher aus. Nicht die Kanal- rebelleu waren mehr die Schuldigen, sondern die Regierung. Die Junker hatten den Spieß umgekehrt, hatten ihn demokratisch< geschärft und die löbliche Regierung wand sich am Loden und flehte um Gnade. Nein, diese Hohenlohe und Miguel werden es gewiß nicht wieder thun und den Agrariern abermals eine Kanalvorlage präsentieren? DaS Haus war völlig einmütig darin, daß die Maß- rcgclung der Beamten eine politische Thorheit ersten Ranges gewesen, die Mehrheit erklärte die Handlungsweise für ver fassungswidrig, und die Vertreter der Linken forderten als Konsequenz die Aushebung der Wählbarkeit der politischen Beamten. Der Organisator der Kanalopposition. Frei- Herr von Zedlitz, den seit unseren Honorarrechnnugen keine amtlichen Verpflichtungen mehr bceiigcu. wurde sehr deutlich, er redete von der Ucbcrspannung des monarchischen Princips und rügte das mangelhafte Verantwortungsgefühl der Minister. Noch derber ließ sich Herr v. K a r d o r s f auS. der von dem flagranten Mißbrauch der Disciplinargcwalt sprach. Sehr unglücklich und ungeschickt fiel die Jungfernrede oder genauer: die Jungfer» b e m e r k u n g des neuen Ministers des Innern, des Herrn v. Rheinbaben aus. Er eilte hastig aus die Rednertribüne, mau erwartete gespannt interessante Aufklärungen, der Minister aber begnügte sich mit einem Satz zu verraten, was sein Vorgänger Recke nicht gesagt habe, und verschwand eiligst unter dem dröhnenden Gelächter der Rechten. Gar keine Lust zu reden hatte Herr v. Miguel. So sehr auch die Redner auf die Geheimnisse des Kanalhandes an- spielten, der Finanzminister reagierte nicht. Erst Eugen Richter gelang eS, durch die Schluß- bemerkung seiner gutgelaunten, wenn auch dem großartigen historischen Humor der Scene nicht gerecht werbenden Rede — sie war etwas wie eine verpaßte Gelegenheit den Vice- Präsidenten des preußischen Ministeriums hervorzulocken. Zwar lüftete auch Herr v. Miguel nicht den Schleier der Maßrcgelungs- aktion, aber er brachte es fertig, indem er die Verantwortlichkeit für die Maßregelung dem ganzen Mnistenum zuschob, doch zugleich den Anschein zu erwecken, als ob er möglicherweise persönlich der Absicht widerraten hätte. Natürlich wagte er das nicht direkt zu behaupten, aber seine Junker sollten das aus seiner zweideutigen Wendung erschließen. Gegen die neue parlamentssöuveräüc Anschauung der Konscrvcrtivcir fand kein Expedition: 19, Venttl-Strasze 3. Minister ein Wort der Einwendung, auch Miguel nicht, der fanatische Hüter der Kronrechte. Herr v. Kardorff regte einen Beschluß des Hauses an, der darauf abzielen sollte, der Regierung es fürderhin un» möglich zu machen. Beamte wegen ihrer Abstimmung zu strafen. Lernt der Junker weiter mit dem bisherigen Erfolg die konstitutionelle Sprache, so möchte man fast'erwarten, daß ein solcher Antrag gleich in der unifassenden Form eingebracht werden würde, daß er zugleich die Lehre von der Souveränctät der Lau desVertretung in der Verfassung zur Geltung bringt. So könnte man den 11. Januar 1966 für den Todestag des Feudalismus erklären, wenn— ja wenn nicht hinter all den demokratischen Worten und Theorien der alte bekannte Junker» Absolutismus steckte. Die Junkerdemokratie bedeutet die Gleichberechtigung oder richtiger die Levorrcchtuug der Ostelbier gegenüber der Krone und der Regierung. Ist erst wieder das Junkertum mit seinem König einig, so wird man fliigS wieder die Weisheit von 1863 aus dem Munde der Feudalen hören: Ein feindliches Verhalten gegen die Regierung des Königs läßt sich mit der Treue gegen die Person des Königs nicht vereinigen. politische Mebeeficht. Berlin, den 11. Januar. Der Reichstag setzte am Donnerstag die Debatte über die Socialreform und das Gehalt des Grasen Posadowsky fort, der ja dem Firmen- schild der amtlichen Socialreform gegenwärtig— bis auf weiteres— den Namen giebt. Porgreiseud sei bemerkt, daß nach fünfstündiger Debatte das Gehalt des Herrn Posadowskv bewilligt, ciu Fortschritt der Socialresorm aber nicht festgestellt worden ist. Debatten über Socialreform lassen sich in der Regel schon äußerlich daran erkennen, daß das Hans schlecht besucht ist und daß vorwiegend Socialdemokraten reden. Diesmal war beides im besondcrciU Maße der Fall. ES Ware», mit AnS» nähme der Socialdemokraten, keine 36 Mitglieder im Haus, und außer den Socialdemokrateu und RcgierungSvertretern sprach nur der fortschrittliche Abgeordnete P a ch n i ck e. denn die paar Bemerkungen des Herrn Schräder über ein Woh» nungSgcsetz. der Herren N o e r e» und Oertel(Sachsen) über das Börsengesetz, kann man ebenso wenig als Reden be- zeichnen, wie die H i l b ck scheu Geständnisse einer schönen Untcrnchnierseele. Freilich, der Held des Tages war Herr Hilbck— das heißt, wenn man das Opfer einen Held nennen kann. In einer bösen Stunde gab ihm sein böser Genius ein, mit unserem Genossen Sachse anzubinden, der zu Anfang der Sitzung in längerer Rede die Zustände im Bergbau schilderte und gegenüber verschiedenen inzwischen in der Presse gemachten Angriffen das, was er bei Begründung unseres Antrages auf Ausarbeitung eines Reichs- Berggesetzes gesagt hatte, noch des näheren begründete. Herrn Hilbck juckte das Fell: er erklärte alles, was Sachse gesagt, für unrichtig, die Zustände in den Bergwerken für paradiesisch, das Steigen Ver Veriiiiglückiings- Ziffer für eine Folge des Unfall-- vevsichcnings-Gesetzcs, und hatte die Stirn, unseren Genossen Sachse, der lange Jahre unter der Erde im Schacht geschanzt hat. zum„Modelltischler" iimzustempeln, der nicht befugt sei, in Sachen des Bergbaues mitzureden. DaS bekam dem Herrn Grubenpascha, der durch sein arrogantes und gefühlloses Auftreten den Unwillen des Reichs- tags herausgefordert hatte, sehr schlecht. Er wurde von Genosse Sachse, der ihm sein— des Hilbck— Spiegelbild und die Mißwirtschaft ans seinen des Hilbck— Gruben vorhielt, förmlich geschunden. Und als er,„in seines Nicht» und seiner Niederlage durchbohrendem Gesühl". zu einer abscheulichen Denunziation(Sachse hatte von dem„ r u ch l o s c u Krieg zwischen Frankreich und Deutschland" gesprochen) seine Zuflucht nahm, um sich herauszureißen, wurde er von dem Präsidenten Ballestrem in so beschämender, vernichtender Weise abgesührt. wie es wohl noch keinen, Abgeordneten geschehen ist. Genug— er hat sich in seiner Glorie gezeigt— und in seiner wahren Gestalt. So sehen die w e st s ä l i s ch e n Stummlinge a ii s. Diese Selbstausstellnng. Selbst bloß stellimg und Selbstabschlachtung des Mnsterarbeitgebers Hilbck wirkt mehr für die Socialdemokratie, als hundert Agitationsredcn. Er wird wohl nicht mehr über schmerzhafte Berwundniigen (z. B.„abgerissene Nägel") höhnende Scherze machen! Die Debatte wurde unsererseits gejährt von den Ge» nossen Sachse, M o l k e n b u h r. R o s e u o w und Hoch. Sachse ergänzte, was er früher gesagt, und konnte alles nicht bloß bekräftigen. sondern zum Teil noch vcrschärsim. Die Unzulänglichkeit des Berginspektornts und die mangelhafte Aufsicht, die Habsucht der Grubenbesitzer und ihrer ans Tantieme gesetzten Beamten und die Accordarbeit— so wies er nach— tragen die Hauptschuld an der ungeheuren Zahl von Unglücksfällen und an der traurigen Lage der Bergarbeiter. Der Regierungskommissar, der nach Sachse das Wort nahm, teilte zwar mit, daß die Zahl der Auffichts» beamten vergrößert worden sei, konnte aber sonst nichts wider» legen. Molkcnbnhr beschäftigte sich hauptsächlich mit der S e c» B e r u f s g e n o s s e n s ch a f t, die Flottenogitation treibe. den Mtwcn und Waisen der Seeleute aber ihr Recht und ifjr(selb bcrentfial'G und sich um ihre eigentlichen GeschiiftS- angelegenhciten so wenig kümmere, baß einer ber Beamten— ein braver Flakieuagitator vor bcm Herrn— 100000 M. hat unterschlagen können. Auch hier blieb die Regierung bie Antwort schuldig. Rosxnow entwarf ein erschütterndes Bild von der entsetzlichen AinderauSbeutung in der Haus- industrie und forderie Schutz für die Kinder und alle in der Hausindustrie Thätigen, während Hoch die Zustände im Bangewerbe geißelte, in dem trotz aller Versprechungen noch nichts zur Herbeiführung größerer Sicherheit geschehen isr. Herr v. PosadowSky erklärte, daß er ein Zirkulär an alle Regierungen erlassen habe und entschlossen sei, falls dies nicht die beabsichtigte Wirkung habe, weitere Maßregeln zu ergreifen. Abwarten. Aach einer Aeußerung des Herrn v. PosadolvSky— dieS sei noch erwähnt— ist Aussicht, daß künftighin die Original- berichte der Fabrikinspektoren, anstatt bloß im Auszug, vollständig veröffentlicht werden. Tos wäre entschieden ein Fortschritt. Schluß der Sitzung o3/« Uhr. Die Debatte wird morgen weiter gehen, nachdem mehrere andere Gegenstände erledigt sind.— TaS Herrenhaus bcichnstigtc sich am DmwerSiaa mit dein Gesttzcutlourf betr. die Zwnugscrzichllng Minderjähriger; die hohe secialpolitische Bc- dsutung dieser Borlage nnch non jedem, der nncb nur etwas Bcr- stäildins für unsere wirtschaftlichen Berhältinsje besitzt, riicfhallSlos nticiiar.ul iverden.-Jedes andere Parlament hülle es für feine Pflicht gehalten, einen so imchiigen Entwurf einer ciiigchciidcn und sorgsamen Prüfung zu lmtcrzichcii. Nicht so das Herrenhaus. Diese geborenen Gesetzgeber losen derartige Aufgaben spielend. Ein paar höchst oberflächliche Reden, die im' ganzen mir etwa eine Stunde dauerten, wurden denn Entwurf gewidmet, der sodann einer Äom- Mission von lö Mitgliedern i'ibcrtviescii wurde. Was haben auch die edlen und erlaiickten Herren es nötig, sich über so tief ciiischueldendc Fragen ihre Äöpfe zu zerbrechen. Rur eine lleberraschung gab es. Wir hatten bisher geglaubt. daß der Eutwnrs in der Hauptsache gegen die Kinder des Proletariats gerichtet sei. Ter neue Minister des Innern hat uns cinc-5 Besseren belehrt. Unter ausdriicklichem Hintveis auf den Haruiloseu- Prozeß betonte er die Notwendigkeit, die Zwangserziehung auch a n z u>v e n d ö n � gegen junge Leute ans d e ii Kreisen der„Edelsten und Besten", die unter Verletzung der alten Famitientraditionrn ihr Leben in Spiel und Genußsuch: verbringen. E r erklärte. daß er dem einen der damaligen Angenagten, der seinem Rcjiorr unterstellt war, den erbetenen Abswied versagt und ihn ans dem Wege der Diseiplinicruiig einfach aus dem Staatsdienste entlassen habe, und daß er in Zukunft stets so verfahren werde.' Ter lebhafte Beifall. der seinen Aussühruiigen folgte. wurde aber wohl mehr aus Höflichkeitsriictsichteu gc'pcndct, denn im Grunde ihres Herzens werden die Junker derartige Maßregeln kaum billigen. Womit sollen dem, ihrejSöhiie iit Ziikiinft ihre freie Zeil— und daS sind täglich fast 24 Sluildcn— totschlagen, wenn ein harmloses Jeu oder gewohnheitsmäßiger Verkehr mit Damen der Halbwelt so schwer ge- ahndet wird! Jedenfalls aber war den Herren durch die Worte des Ministers bet Wind aus den Segeln genommeii. So manche schön präparierte Rede gegen die gottlosen Socialdcmokraten mutzten ungehalten bleibe», denn es hätte doch einen zu komischen Eindrmk gemacht, angesichts des Hinweises auf jenen Prozetz gegen ehrbare Arbeiter zu hetzen. Im übrigen bot die eiiikeitende Rede des Ministers nichts, was nicht in der Begründung des Vorlage enthalten ist. Einen Schluß auf die Befähigung des Freiherr» von Rheinbabcn ans scinem heutige!! Auftreten zu ziehen, wäre verfrüht. Gegen seinen Vor- gänger v. d. Recke sticht er in seinem Wesen wohl'ihueiid ab, was freilich Nichts besagen will. Die Reden aller Mitglieder des HanseS, die da» Wort ergriffen. boten eine Mustcrkärte focialpolitisch rückständiger mittelalterliebcr Anschauungen. Gegen den Grundgedanken des Gesetzes erhob nie- mand Widerspruch. Tie Herren wissen ja mir zu gut. datz die Worte des Ministers nicht allzu tragiscb zu nebnien sind und datz Fälle von Ilebcrweisuiig junger Leute aus ihren Kreisen in BesieniiigSanstaltcn in der Praxis doch mir höchst' vereinzelt bleiben werden. Der einzige Punkt, über den die Meinungen zwischen Regierimg und Herrenhaus auseinandergingen, war die Frage der Beteiligung der Provinzen an den Kosten. Die Junker verlangen, wie wir' das bereits im voraus prophezeit haben, eine stärkere Herauzichuiig des Staates und eine Enllasiimg der Provinze». Nach Erledigung der Vorlage legte das HauZ nrch eine» Beweis wahren Edelmutes an den Tag', wie c-Z sich für Edelleute ziemt. Sie beschlossen nämlich, von der BesiigniS der Vcröffent- lichung des Gerichtsbeschlusses gegen de» Redaetcur der„Volks- wacht" Abstand zu iichmen. einmal ivcil die Beleidigung mit einem Monat�GesäiigiiiS ausreichend gesühnt sei. sodann aber iveil der arme Sünder bereits die GerichtZkostcn zu tragen habe und es unbillig sei, ihm noch die Kosten der Publikation de- Urteils auf- zuhalscn. Die nächste Sitzung des Herrenhauses ist noch nicht bestimmt.— Verfrühter Hochmut. Zu den Phantasinagorien, durch die unsere Flotten- Geschäftsleute das Publikum zu benebeln sich bemühen, ge- hört auch die kindische Vorspiegelung, als ob das ganze Volk, groß und klein, Militär und Civil, Männlein und Wciblcin, in der Wasserbegeisterimg sich ersäuft haben. So leistet sich das Knipp-Blatt heut den Scherz der Lehauptnitg, daß„ganz Deutschland bis in die Reihen der S o ci a l d e m o k r-a t i e hinein" für die Flotten- fordel'iliigen der Regierung entflammt sei, eine Ausnahme mache nur Herr Eugen Richter. E-5 verlohnt sich kaum, ein Wort über die Flunkerei der „Berliner Neiiestei, Nachrichten" zu verlieren. soweit sie sich auf die Socialdcinokratie bezieht; selbst der gänzlich neben- sächliche Artikel m den„Social. Mouatsh."— das einzige, womit die Flottenleute zu krebsen versuchen können— hat sich gegen jede KriegSfchiffS-Bewilligung unter den jetzigen politifclien Verhältnissen gewandt. Aber je mehr die Flotten- Propaganda fortschreitet, je deutlicher die-Ziele der Allerwclts- Politik herantreten, um so bedenklicher wird man selbst in den Kreisen der nicht-socialdem akratischen Wähler, denen der bunte Pomp des Marine- Cv an geliums vielleicht einen Augenblick das Auge blendete. In C c n t r u m s kreisen wächst offensichtlich die Miß- stimmung wider die ungeheuerlichen Zumutungen Aegirs. Die „Kölnische Volkszcitung" veröffentlicht fast täglich sehr scharfe Artikel gegen jede weitere Flottenbcwillignng vor Ablauf des SexeunatS. Weit bemerkenswerter aber sind die sich häufenden Anzeichen von Manne-A bneigung i n der ländlichen Bevölkerung. Wir führten bereits mehrere Beispiele hierfür an. Auch hcuto weiß die„Deutsche Tageszeitung" etwas von der bäuerlichen Frlottenbegeisterung zu erzählen. Sie berichtet:- „Am 7. Januar sprach der Reichstags- Abgeordnete Lücke- Patcrshaiisen vor seinen Wählcrn ll3.' badischer Wahlkreis). Er wollte sich dabei auch über die Stellung unterrichten, welche die süddeutschen Landwirte zur Flotten Vermehrung einnehmen und hob die nationalen Gesichtspunkte hervor, die für eine. solche sprächen. Aus der Versammlung trat dann imlcr' lebhaftester Zustimmung derselben ein ländlicher Wähler für eine Verstärkung unserer Flotte ein. aber er betonte mit besonderer Schärfe, datz diese Flotte nnr zur Hebiulg unserer Macht diencii, unter keinen Umständen aber, wie er sich treffend und kurz ausdrückte,„eine Weizenftottc" iverden dürfe. Darin liegt auch lediglich das Bedenken, das in länd- liehen Kreisen gegen die Floticnvcrmchrnng ins Feld geführt wird. Jitfolge der von imS mehrfach gekennzeichneten Reden gcfähr- l ichc r F l o t t e» f r e n n d e, die ans die angebliche Unmvg- lich'eil hiiilveisen. datz Deutschland sich selbst ernähren und das für seinen Bedarf erforderliche Getreide selbst erbauen könne und datz zur Sicherung der überseeischen G e i r e i d c- einfuhr eine stärkere Flotte nötig sei, bcsürchtct der deutsche Landmauu, datz dirFlotteiiveriüchrimg lediglich dem über» seeischen Getreide Handel zu gntc kominen könne und datz sich dä-Z falsche Dogma von der Un-ulängkichkeit unserer Ge- treideproduktion ittmer mehr festsetzen könute." Ja. es ist bereits soweit gediehen,' daß die„Berk. Neuest. Nachr." nicht einmal sachliche Richtigstellungen von Schrift- stellern, die sie wegen nicht, hinreichen den Flotten-„Verstäud- nisseS" angegriffen hatten, auszunehmeu sich getrauen. Da ist der O b e r st l i e u t c u a n t R o g a l l a von Biber- stein in Breslau, der das schlechte Flottengewissen des Kauoueublattes zu folgender Mitteilung an die„Breslauer Morgen Zeitung" zwingt: Breslau, den 40. Januar 4800. Darf ich Sic um sehr-gefällige Aufnahme der beifolgenden Entgegnung in der„Pxcslaner Morgen-Zcilnng" bitten, da die „Berliner Ncilesten Nachrichten" dieselbe ablehnen. Wie Ihnen belämit ist, war auch F ii r st B i s m a r ck ein Gegner einer ü b e r st ii r z t e n. abnormen F l o t t e n v e r in e h r u n g, gegen die ich unlängst in der„D. A. Z." wiederholt aus- geireien bin. Mit vorzüglicher Hochachtung bin ich Ihr ergebener R o g a l l a von Bieberstein, Oberstlientenant. Die von dem Kruppschen Blatte zurückgewiesene Entgegimüg lautet: Entgegnung: Gegenüber dein scharfen Angriff eines Mitarbeiters der„Beil. Neuesten Nachrichten" in Nr- öbii derselbe» ans niein Verständnis maritimer Zcitfragcn, beschränke ich mich ans den Hinweis, datz ich ans die llelicrscndniig meiner lSS7 aus Anlaß der früheren Flotten- dislussioii in„Nord imd Siid" veröffentlichten Studie:„Zur Flottcnfrage" an den Fürsten Bismarck, ein Dank- schreiben deS Fürsten erhielt. sowie daß Kapitän z. S. Galsier in„Nord und Siid" eine eingehende Entgegming aus dieselbe veröffentlichte. Breslau, den 10. Januar 1000. Rogalla von Bieberstein, Oberstlientenant. Tie GeschäftSfirmen des Marinekultus haben mithin wenig Veranlassung zu Großprahlereicn.' Fast scheint es. als ob hinter ihrem vorzeitigen Triumphgelärm nur die Angst steckt, daß die erhofften fetten Ziusrräge für Werften und Geschoßetablisscnicnts ihnen ncch allzu leicht entschlüpfen könnten.— Tas Ministerium von 8 Monate». PariS, 10. Januar. TeSchanels Wiederwahl zum Kammerpräsidenten hat dadurch eine gewisse politische Bedeutung gewonnen, daß die Anhänger des gegenwärtigen Ministeriums die Präsidenten- wähl zu' einer Kraftprobe zu machen versucht haben. waS übrigens'seit dem Beginn dieser Legislatur regelmäßig der Fall. Und das Crgebins? D e s ch a n e l, der Kandidat der vereinigten Neaktion, siegte über Brisson, den Kandidaten der vereinigten linksstehenden Repilblikaner, einschließlich der Socialisten. mit 308 gegen 220 Stimmen. Tie Liebhaber parlamentarischer Prophezeiungen von hüben und drüben haben jetzt leichtes Spiel. Die reaktionären Parteien glauben an eine Zerbröckelnng der Regierungsmehrheit also an den nahen Sturz des Ministeriums. Tic Ministeriellen verweisen dagegen insbesondere aus die geheime A b st: in m u n g bei den Präsidinmswahleii, die es den unsicheren Kantonisten gestattet, ihrer'intimen reaktiv- uären Uebetzeugnng zu folgen, ohne die Kontrolle der Wähler zu befürchten. Bei der öffentlichen Abstimmung in politischen Debatten würden diese Ueberlänfcr schon für die„Regierung der republikanischen Verteidigung" votieren müssen. Es wäre müßig, die beiderseitigen Prophezeiungen auf ihre Richtigkeit prüfen zu wollen. Bei Personen- Wahlen kommen mancherlei kleine und kleinliche Faktoren in Betracht, die in politischen Fragen keine Rolle spielen. Ist Deschanel ein notorisch unfähiger und recht parteiischer Präsident, so zählt er doch zahlreiche einflußreiche Freunde gerade unter der Kämmergruppe, die in der gegenwärtigen Partcigruppiernng den Ausschlag giebt, unter dem von Melius abgefallenen„linken" Flügel der BourgeoiSrepnblikaner. Die B a r t h o u und P o in c a r s die jungen Mitstreber des Strebers Deschanel. haben das meiste für seine Wiederwahl geleistet. Und auch die fein- schmerfenden„parlamentarischen Frühstücke", mit denen Deschanel— im Gegensatz zu seinem altmodischen Vorgänger Brisson— die Abgeordneten aller Richtungen nachlässig regalierte, werden seinem Erfolg nicht geschadet haben. Anderseits aber kann der Wiederwahl Deschanels durch eine reaktionäre und nationalistische Mehrheit wohl die Be- deutung eines Symptoms des politischen Wetters zukommen. Das derzeitige französische Ministerium kann ja noch viel weniger als irgend ein anderes auf Langlebigkeit rechnen, und es hat die durchschnittliche Lebensdauer eines französischen Ministeriums— etwa 8 Monate— nahezu erreicht. Uebcrhaupt hat das EndedesKomPlottprozesseS die Situation unverkennbar geändert. Der„normale" Regiernngs- ichlcndrian hat desto größere Aussichten, das anormale„Mini- 'terium der republikanischen Verteidigung" abzulösen, als diese 'elbst in'manchen entscheidenden Punkten Schlendrian-Politik getrieben hat. Daher die immer hartnäckiger und bestimmter auftauchenden„Gerüchte", dieser öffentliche Wiedcrhall geheimer Intriguen, daß in den parlamentarischen Coulissen ein neues Ministerium bereits fix und fertig gebildet sei. Natürlich wird das neue Ministerium auf den Namen der wetterwendischen Politiker, R i b o t oder Bourgeois, getauft.— Herr Leon Bourgeois, der sich seit längerer Zeit von der poli- tischen Bctbättgnng fern gehalten hat. uin sich ivahrend der Wirren des DreyfilS- Handels nicht zu verbrauchen, meldet sich denn auch bereit? und bringt sich in empfehlende Erimimmg. Bei einer festlichen Zusanunendmft des Aküouslomitees für republikanische Rc- ärmen hielt er eine Rede, in welcher er die Politik Mslines ver- urteilte und die Maßnahmen der gegenwärtigen Regierung zur Ver- teidigung der Republik hervorhob. Er entwickelte sodann das Pro- g r am m der radikalen Partei am Vorabende der Senats» wählen, welches vor allen Dingen eine Rovision der Verfassung im Sinlie des allgemeincil Wahlrechts ans breitester Grundlage fordere, betonte die Notwendigkeit, eine Umbildung der fftepubli? durch Ein- sührung reaktionärer Elemente in die Regiecung Zu verhindern, und trat den Elementen entgegen, welche sich der Worte„Vaterland" und „Armee" bedielicu. um die Republik zu bekämpfe». Des weiteren verurteilte Bourgeois den Klenkalismns, forderte ci» Gesetz gegen die Kongregationen,' ivelche ihre Parole aus dem Auslande erhalten, und sprach sich gegen den Kollektivismus aus. »* Jeutlches Weich. Tic auswärtige Politik wird voranSiichtlich Ansang nächster Woche im Reichtag zur Sprache kominen. Die„Deutsche Tageszeitung" kündigt an. daß eine Interpellation üb er die Beschlagnahme deutscher R e i ch s- B o st d a in p s e r sicher eingebracht werden solle. Das genannte Blatt teilt mit. die Vertreter der Rcichsregienmg hätten gciviiilscht. daß die Beratung einen Aufschub erfahre, weil sie fürchteten, daß durch eine sofort erfolgende Besprechung der Jnter- pellation die Angelegenheit nicht gefördert werde. Unsere Ehanviuisicu dürfen also noch einige Tage länger von der Demütigung Deilt'chlands, vom neuen Olmsitz Klagelieder singen. Die Reichsreaiening ist noch lange nicht auf der Höhe der„Welt- Politik": sonst würde sie die Zwischenfälle mit England nicht in aller Ruhe durchsprechen und ordiicn. Haben wir erst einige Dutzend Paiizerschiife mehr, so wirb Herr v. Biilow nicht verfehlen, sich auch zu den höchsten Höhen der alldeutschen Gedaukeuwelt zu erhebe», auf denen jedes Ereignis der auswärtigen Politik al-Z Kriegsfall erscheint.—_ Die Novelle zu den Nufallvcrsicherungs-Gcsctze» ist nunmehr dem Reichstag zugegangen. Die Vorlage, schließt sich an die in der Reichstags-Kömmlssioii von 4897 gewonnenen Ergebnisse an. Auf die Verschmelzung der Unfallversicherimg mit den anderen Zweigen des'Versicherungswesens ist verzichtet worden: ebenso aus eine Bereinigung der bestehenden Einzelgesetze, die für besondere Arbciterkreije gelten iGewerbe-Ilnfall-Bersichcnliigs- Gesetz. IInfall-Versichernngs-Gesctz für Land- und Forstwirtschaft. Bau- Unfall- Versichcrungs-Gesetz, See-Nnfall-Versichcrungs-Gesetz). Gemeinschaftlich gefaßt für alle Geltiuigsberoiche sind nur die Bc- stimniungcil über die Schiedsgerichte und Versichcruiigsämter, über Errichtung iicuer Berufsgenosscnschasteu. Die Novelle»uffatzt Bestimmimgen des Rechtszustandes in folgenden Beziehungen: Erweiterung'. des Personenkreises; Er- Weiterung der Leistungen der Berufsgeiivsseiischaften: Ver- einfachiiiigeli der Berwaltüng der Berufsgenosseiischaften: Eiitlasttmg der Verfichcrimgsämtcr: Beibehaltung der Karenzzeit. Als besonderer Gesetzentwurf tritt hinzu eine Vorlage betr. U n f a l l f ü r s o r g c für Gefangene. Wir werden uns demnächst eingehend und krisisch mit den Vor- schlage» der Regierung zu befassen haben.�— Die Kaiserrcde über die Technik, über deren Tendenz die Menningen stark auseinandergehen, hat hinsichtlich ihrer Veröffent- lichung eine Vorgeschichte. Es war aiiffällig, datz bei der Jahr- hlindcrtfcier, zu der der Kaiser erwartet ivurde, eine Rede verlesen wurde, die Wilhelm II. bei einer früheren Gelegenheit gehalten hatte. Wie die„Rbein. Wests. Ztg." erfährt, wurde diese Wiedergabe einer älteren Rede als Ersatz für eine erwartete neue be- schlössen. Ursprünglich hatte der Kaiser beabsichtigt, bei der Feier der technischen Hochschule eine Rede über die Flotte zu halten. Indessen müssen»och im letzten Augenblick gegen diese Absicht Bedenken anf» gestiegen sein und die Berücksichtigung deS Kaisers' gefiniden haben. Denn der Monarch blieb der Feier fern nnd so unterblieb bei dieser auch jede Anspielnng politischer Art. Uriprimglich sollten zwei derartige Anspieluuge» auch in der Ansprache des Rektors bei der Ehren- Promotion des Prinzen Heinrich zum Ehren- Doktor- Jngeniciir enthalten sein(inuer andcrm„bem Scbirmcr deutscher B o l k S k r a f t in fernsten Meere n"). wurden schließlich ober auch fortgelassen. Der Rettor begnügte sich mit der Andcutimg. datz die Ansgestaltmig der deutsche» Kriegsflotte die nächste grotze Ans- gäbe de-:- iieiicn Jahrhunderts, des Deutsche» Reiches und der Technik sei. Slngenschcinlich hält man au masigcbcuder Stelle de» gegenwärtige» Augenblick nicht sjir geeignet, um öffentliche Kundgedniigen zu veranlassen, die ihre Spitze gegen England richten.—_ Tcö Generals Glück nnd Ende. Als im Sommer der Kaiser plötzlich seine Anwesenheit bei der Eröffnung des Dortnnmd-Ems-Kaiial» absagte, äußerte man die TermuMiig. e-s seien alarmierende Gerüchte ausgesprengt ivorden, um die Reise und damit eine Rede zw Gunsten des Kanals zu vereiteln. Diese Bcrmutiing erhält jetzt eine Bestätigung, wenn andcr-Z die .Germania" zutreffend unterrichtet ist, die sich aus Münster schreiben läßt: Das RiicktrittSgcsuch des. kommandierenden Generals des siebenten Anneccvrps, Herrn v. Mikusch-Buchberg. erregt iu Münster um s o größeres Aiiffchcn. als der General infolge seines' schneidigen Ans- tretenS in der bekannten Detmoldcr Affaire als'xsrsomi. Aratiosimz. beim Kaiser angesehen wurde. Die in unterrichteten Kreisen um- laufende Version für die jetzige Verabschiedung ist folgende: Der letzte Streik im Kohlenrevier soll ihm. wie seiner Zeil dem Oberpräsidenten v. Hagemeistcr. den Hals gebrochen haben. Gelegentlich des letzten Streiks im Kohlenrevier im verflossenen Sommer, Ivo bekanntlich außer dem damaligen Oberpräsidenten Sludt auch Herr v. Mikusch nach Bochum zog und in einem dortige» Hotel sein Hauptquartier aiisschstig. soll er von dort an den Kaiser aufregend berichtet und von dem Besuch in Dorsinmid zur Kanateinweihnng entschieden abgeraten haben. Zugleich sei aber von Bochum aus von den Spitzen der C i v i l v e r>v a l- tnng gerade gegenteilig berichtet:„Man finde eine so loyale, ruhige Bevölkerung vor. daß der Kaiser, uichedenklich zur Ein- weihnng des Dortmund- Emskanals kommen könne". Bekanntlich unterblieb damals aber der angesagte Besuch des Kaisers, der erst später zur Ausführung kam. Seit jener. Zeit. so sagt man, datiere eine Spaimnng, welche bciin NeiijahrSempsang der konimandierendc» Generale durch den Kaiser besonders grell hervorgetreten sei. Die Koisiequenz jonc-s Vorganges bei Hofe bildete das RiicktrittSgesiich, welches ohne Ziveifel genehmigt werden würde. Der schneidige General, der dem Regenten von Lippe-Detmold getrotzt, hatte eine sehr schnelle Earriere hsiltcr sich. Er ist übrigens bürgerlicher Abstammung und ließ sich von einem alten adeligen Herr» adopticrcn, um das nötige blaue Blut zu kriegen. Sollte die obige Darstellung dem Thaibestaiide entsprechen, so würde General v. Mikusch-Buchberg von einem Schicksale' betroffen ivorden sein, wie es einst den O b c r p r ä i i d e n t e n v o n H a g c m e i st e r ereilte. Während des großen B c r g a r b e i t e r- A n s st a n d e s am Ende der achtziger Jahre berichtere das Oberpräsidinni i« Münster an den Kaiser, datz nur durch Blut und Eisen die Ruhe aufrecht zu erhalten sei. General von Albedyll aber drahtete: „Alles rnhig, nur die Eivilverwaltiing nicht". Kurze Zeil darauf hatte Herr von Hagemeistcr aufgehört, Obcrpräsident von Westfalen zu sem.—_ Ermordung eines Deutsche» i» Kamerun. Zufolge tele» graphischer Meldung des Gouverneurs von Kamerun ist, wie die „Nordd. Allg. Ztg." berichtet, der Äanfmann C o n r a u in Bangland von Eingeborenen ermordet Ivorden. Nähere Nachrichten fehlen, doch es ist anzunehmen, datz das lranrige Ereignis in Verbindung stehe mit den Vorgängen, die im Rio dcl Reh-Gebiet zum Tode des Lieutenants Queis geführt haben. Cornau war als einer der erfahrensten und bcsoiuicnsteii Kameruner vom Gouverneur damit betraut ivorden, der von der Küste abgeschnittenen Expedition Queis zu Hilfe zu eilen. Die ncubegriii'idcte Handelsgesellschaft Nordwest-Kmiicruu batte erst vor kurzem Comau unter sehr vorteilhaften Bedingungen für ihre Zivedfe cugngicrt. BekunutliÄ ist auch kürzlich ein Schwarzer durch einen deutschen Prinzen ermordet worden, und zwar in der grausamsten und rohestc» Weise. Bei der Enipimmg. die sich mm über die Ermordung eines Deutschen erheben wird, möge man sich dieser Thatsache gefälligst erinnern.— Vom Miliiärbcsrciungs- Prozcst wird der„Polls-Zeitung" ans Solingen geschrieben: Auf dem hiesigen Bezirkskoinmando nnlsztcn sich annähernd 30 junge Leute stellen, die einer Nach- Musterung nnierzvgcn.wurden, da sie im Verdacht stehen, an der P i l l e n- A f f a i r e beteiligt zu sein. Zn Gräfrath wurde ein Vater mit zwei Sobiien verhaftet, gegen eine Kaution von 40 000 Mark aber freigelassen. Dein MilitärbcfrciungS-Prvzctz, der wahrscheinlich anfcuigs März stattfindet, soll, wie bestlinml verlautet, ein zweiter folgen.— Lehrkurse im Militär- Strafverfahren. Durch prenszische Kabiiictlsordre ist� angeordnet, daß inr Bereiche der preußischen Militrtrverwaltnng in allein geeigneten Garnisonen Lehrkurse statt- finden, welche den Offizieren der Armee Gelegenheit bieten sollen, sich in das n e u e, am 1. Oktober 1000 in Kraft tretende Militär- Strafverfahren einznarbcitcn. Auch sind die AnsfiihnmgS- bcstiiinnnngcu zu dem Gesetz vom Kaiser vollzogen worden.— Zu den Schiffs-Befchlagnahmcn. Tem Vernehmen nach haben sich im Reichstag die EeutrumS harici, die Konservatiheu und die Aaiioiiallibcralen dahin verständigt, daß in den ersten Tagen»ächstcr Woche die Rcichsrcgiernng bezüg- lich ihrer Stellung zu der. Beschläguahme deutscher Schiffe durch die englische Marine interpelliert werden soll. . Wie die„Post" an„nnte.rrichtctcr Stelle" erfährt, ist in der An- gelcgciihcit dcS' Dampfers'„Bundesrat" bis jetzt keinerlei Fortschritt zu verzeichneu. Tie Beschlagnahme wurde bisher noch nicht auf- gehoben, weil das Resuliat der Dnrchsnchung des Schiffes noch aus- steht. Die deutsche Regierung führt inzwischen die Verhau d- l n n g e ii mit dem Londoner Kabinett fort,.und zwar erstrecken diese Bcihandluiigcn sich iiichx bloß auf den Fall„Bundesrat", sondern auch auf die principielle Frage der Beschlagnahme und die Leistung von Schadenersatz an die.Ostafrika-Linie. AnS Durban wird vom Montagnachmittag depeschiert: Die Ladung des„Bundesrat" wird langsam gelöscht. Auf dem Oimi ist ein Ranin abgesteckt, ans dem die Ladung gelandet und unter- sucht wird. Bisher ist nur Reis und Mehl gcstnidel!, aber man wird mit der Prüfung eist aufhören, wenn die ganze Ladung durch- sucht worden ist. Tic Arbeit geht sehr langiaiu vor sich, und man glaubt, daß noch wenigstens zehn Tage vergehen werben, bis sie beendigt ist._ Die Maiinschaftcu und Ziiiiiucrl'eiite deS„Bundesrat" orfiu'ii die schweren Kolli unter Aufsicht der britischen Marine- olftziae. »* * Der Washingtoner Berichterstatter des„New Jork Journal" meldet, die britische Regierung habe sich erboten, die Eigeiitnincr der in der Nähe der Delagbabai beschlaguahmten amerikani- scheu Brotstoffc zu entschädige», und würde Getreide und e h l n i ch t länger als Konterbande betrachten, trenn sie nicht für den Feind bestimmt sind. Die Regierung der Bereinigten Staaten sei von dieser Antwort ans ihren Einspruch be- friedigt und der Zwischenfall erledig!. Kuc-fand. Rusiland in Mittelasien. �Das militärische Vorgehen Rußlands gegen die Grenze von Afghanistan und die indischen Interessen Englands steht in engem Ziiiniimienhemg mit seinen intensiven Bcniühnngeii um die ivirt- schaftliche Anichiießniig der weiten Gebiete von Turän, CHIwa, Buchara. West- und Ost- Tnrkestnn und das Pamir an das europäische Rußland. Zu diesem Zweckbeabsichtigt näinlich, wieder östroichischc Generalkonsul in Moskau- inittelt, die russische Regierung die Errichtung neuer Eisciibahnlinien nach Mittelasien, die ans dem süd- lichcn Gelücte des europäischen Rnßltuid nach Turkestan führen. Demi so wichtig die stbiriiche Bahn als eine Verbiudiiiig zwiichcn dem europäischen Rußland und dem Stillen Ocean ist. die wert- vollsten Besitzungen Rußlands in Asien, überhaupt die fruchtbarsten Gebiete Mittelasiens werden durch dieselbe nicht berührt. Durch diese neuen Bahnen soll nun Mittelasien auf dem kürzesten Wege mit den HaudclSccntren Rußlands verbunden ivcrden. Zunächst ist bc- schlössen, eine Bahn von Orenburg längs dem linken Ufer des Ural durch das Turgnigcbict über die alte Karawancnstraße zwischen Turgai und Turkestan bis Taschkend zu bauen. Der Bau dieser Strecke'ist ungleich weniger kostspielig wie der der sibirischen Bahn; aber sie schließt ein weit produkteiweichcreS Gebiet an die HaiidclScentren des europäischen Rußlands an. Ergänzen ivill man später diese Bahn durch eine andere, spcciell das Gebiet von Ehina diirchqncreiide, welche von Lllerandrow. dem Endpunkt der Pokroivsk-ttralbahii durch TranSkaspicii längs deS linken Ufers des fruchtbaren Aiunr-DarjathaleS bis TiÄardschui au der. transkaspischen Bahn führen soll. Während der sibirische Gctrcidchandel es bis jetzt nicht über 20 bis� 30 Millionen Pud stit Jahre gebracht hat, produziert das West-Tnrkestaiigcbiet mit China und Buchara schon jetzt über fünf Millionen Pud Baumwolle, Ivelche Ziffer sich voraussichtlich noch bc- deutend erhöhen wird. Dieses Gebiet, wie daS aiigrenzeiide Buchara und«emipalatinsk, besitzt zwar strenge Winter, aber tropisch heiße Sommer, und bietet nauihntlich in der' Flnßthälern und am Fuß der Gebirge außer Bauiiiwölle auch reichliche Ernten von Tabak, Wein, Obst. OieiS, Seide und Ziickersorghinn und zeigt eine reichliche Viehzucht. Auch besitzt dieses Gebiet niaimigfachen Mineralrcichtiiin. n. a. auch für Rußland um so ivillkoiniiiencre Kochsalzlager, als bis heute Ruß- kand seinen Kochsalzbedarf zum größten Teil nur durch Scesalz decken kann. Wir haben also hier in nächster Zeit ein entsprechendes Vor- gehen Rußlands zu erwarten. Daß die russische Bcaintenwclt eS bei aller Lottcrci im Innern sehr gut versteht, ein imterworfcncs Land durch geschickte und zweckmäßige Kolonisation sich organisch ein- ziiverkeibc», Hai sie gegenüber den schwer zu besiegeiiden Kaukastis- Völkern gezeigt. In dieser Beziehung ist sie den Engländern entschiede» über. Hat freilich Väterchen erst festen Fuß gefaßt, dann ist eS mit dem Hätscheln auch vorbei.— Die Londoner„Daily Mail" nicldet aus Kalkutta, die indische Regierung sei niilerrichiet worden, Rußland verhandle äugen- blicklich mit der' persischen Regierung über die Bewilligung größerer E i s e n b a h n l i>> i e n. DaS Blatt erinnert daran, wie Rußland die Rcoolutioii in Indien im Jahre 1884 dazu benutzte, sich vorteile zu verschaffen und wie es Port Arthur während deS chinesisch-japamschen Krieges besetzte. Oestreich- Ungarn. In der östreichischen Delegation erklärte der Kriegsminister von Kriegshanimer, die Militär-Strafprozest-Drdnnng sei fertig, dieselbe beruhe auf dein Äiitlageprincip und demPriiicip der Oeffent- kichkeit, Mündlichkeit und Unmittelbarkeit des Verfahrens.— Marinepolitik in Ocstreich-Ungarn. Wien, 11. Januar. Die ungarische Dclegatimi verhandelte in ihrer heutigen Plenar- sitzuiig über das M ar rn e b u d g e t. Der Referent Teleki beantragt, der Marinclcitnng seitens der Delegation Dank und Anerkennung aiiSznsprecheii. Rodenberg betont, daß die Marine sich auf die K ü st e n v e r t e i d i g u n g beschränken müsse, da in Ermangelung einer genügend entwickelten Industrie und eines starken Unter- nohmiingsgeistes die Opfer, welche die übrigen Großmächte für die Entwicklung der Marine brächten, in Oestreich-Ungarn nicht gerechtfertigt seien.— England. Zusammentritt des Parlaments. Der ungünstige Verlauf des südafrikanischen Krieges und die an Heftigkeit zunehmenden Angriffe, welche das Londoner Kabinett ans dem eigenen Lager erfährt, haben anscheinend den Entschluß zur Reife gebracht. die Verantwortung der Regierung für ihre sndasiikanische Politik durch einen früheten Zusammentritt des Parlaments zu erleichtern. Nach einer Londoner Drahtmeldnng Ivird das Parlament sich inög- lichcrweise bereits am 30. d. M. versammeln.— Frankreich. In der Kammer hielt der Präsident D c s ch a n e l eine An- spräche, in welcher er daran erinnerte, daß Frankreich im vcr- flossenen Jahre eine bedeutende Ä r i s i s durchgemacht habe. Diese Krisis sei aber für das Leben der Republik durchaus nicht so wichtig. wie von verschiedenen Seiten geglaubt werde. Sie sei eine Ideen- krisis gewesen, und daraus zu schließen, daß Frankreich sich im Verfall befinde, sei thöricht. So lange in einem Lande eine solche Krisis der Ideen möglich sei, gerate das Land nicht in Verfall. Dcschaiicl schloß seine'Siede mit der Hoffming, daß auch fernerhin der innere und äußere Frieden gewahrt bleiben möge. Im iveitercn Verlaufe der Kammersitzniig wurde der Antrag eines Abgeordiiclen. welcher für die ansständigc» Weber in Saint©Henne einen Kredit von 30l> 000 Franks verlangte, einer Kommission überwiesen, die denselben jedoch ab- lehnte. Der Antrag wurde alsdann zurückgewiesen. Des weiteren wollte der s o c i a li st i s ch e Abg. Zevacs die Regierung über die Ausstände iuterpellitre». Die Interpellation wurde vertagt. Die erbetene Uiiterstütznng von 80 000 Franks als Entschädigung für den vom Staatsgerickitshofe freigesprochenen Angeklagten Barillier wurde abgelehnt und die Sitzung aufgehoben.— Zum Konflikt Frankreichs mit San lDoniingo erfährt „Daily Mail" ans New Jork, die Regierung von San Domingo habe die von der sraiizösischcu Regierung geforderte Gcmigthuung, be- stehend in einer Entschädigung, bewilligt. 3. S i tz n n g v o in 1 1. I a n u a r, 1 1 kl h r. Am Miuistertische: v. R h c i n b ci b e n und Koniinissare. Licepräsidcnt Frhr. v. Manteuffel eröffnet die Sitzung. Zur Beratung gelangt der Gesetzentwurf über die Zwangserziehung Minderjähriger. Minister deS Innern v. Nhcinbabcn: Es ist ein dnukleS Kapitel, was der Gesetzentwurf behandelt. Wie die Kniiiiiialstaustik lehrt, ist eine starke Verwahrlosinig der Jugend eingetreten. Zerrissen sind vielfach die Bande heiliger Scheu, der Respekt vor Kirche und Schule. Seit 1802 ist die Zahl der jiigend- lichen Verbrecher»m 43 Proz. gestiegen. Die Vergeben wegen Körper- Verletzung, Bedrohimg und Nötigimg sind ganz crhcvlich im Wachsen bc- griffen nnd junge Leute unter 18 Jahren spielen dabei eine große Rolle. Die Thatiache» sind erschreckend und müssen jeden Vaterlands- freund zur Abhilfe anspornen. Niebt immer ist daS Maß des Verschuldens bei diesen jugendlichen Personen genau festzustellen. Einen starken Anteil hat die Ilingebiiiig. Wir sehen vielfach Eltern ihre Kinder direkt auf den Weg deS Verbrecbeus führen. In anderen Fällen ist die Lcnnögciislosigkeit, die Zkot und das Elend bei den Eltern an der Berivahrlostnig schuld. Hier die bessernde Hand an- zulegen, ist die Pflicht aller Menschenfreunde. In erster Linie sind zur Besserung berufen Kirche und Schule. Sic tlnm ibr redliches Teil. auch die zahlreichen geineiiiiiiitzigen und kirchlichen Vereine, die sich dieser Aufgabe widineii. verdienen allergrößten Dank. Aber die Thätigkeil aller dieser Vereine und Institutionen war bisher ge- hemirn durch die Gesetzgebung, die in der Zwaiigserziehnng bisher nickt weit genug ging. Bisher besteht kein Recht, noch nicht bestrafte Kinder zur Zivangserzichiing zu überweisen. mochte die Entfcriiiiiig derselben aus schlechter Umgebung noch so notwendig sein. Für Jugendliche über 18 Jahre bestand bisher überhaupt keine Möglich- keit der Zwangserziehung. Das ist der Hanptiuaiigcl der bestehenden Gesetzgevimg. Gerade die jungen Leute über 16 Jahre sind bei den Vergehen, die die Strafgerichte vefchäftigcii, hervorragend beteiligt. Ich kaiii'i auch nicht verhehlen, daß ein in jüngster Zeit verhandelter. Aufsebeii erregender Prozeß � die Notwendigkeit der Zwangserziehung für junge Leute selbst an? bessere» Ständen gezeigt hat. Es war beschämend zu sehen, wie Träger berühmter Namen, Leute aus den höchsten socialen Schichten. Zeil und Lermögcll leichtsinnig bei Spiel und Trunk vergeudet habe». sSchr richtig Ij Wir muffen dahin streben, daß solche Erschciniiiigcn nicht inebr ans- treten. Ich bin gegen den einen der in diesem Prozeß Beteiligten, der iiieiiiein Reffort unterstand, mit iinnachsichtlichcr Strenge vor- gegangen, ich Hobe ihm den erlictenen Abschied nicht bcivilligt, sondern habe' ihn disciplinarisch ans dem Dienst entfernt.ni»i,ler die Auf- sichtsbcamten' ausdrücklich angewiesen, wenn irgend mög- lich, ihre Revisionen ohne vorherigeSln Meldung vorzu- nehmcn. Was die zwei Italiener anlangt, so handelte es sich hier um einen von 299 999 Arbeitern, da isi eine so genaue Kontrolle ganz unmöglich. Uebrigens brauchen die Leute nach' der Verordnung imr in der Lage zu sein. Anordnungen ihrer Vorgesetzten zu vcr- stehen, dazu brauchen sie durchaus nicht die deutsche Sprache zu beherrschen. Daß auf je 2999 Arbeiter ein Delegierter kommt, ist ganz nn- durchführbar. Ich verweise auf die Erklärung des Herrn Minister Brefeld im preußischen Abgeordnetenhause. die darin gipfelte, daß. wenn sich das System der sogenannten Einfahrer be- währt habe, auch eine gewisse Teilnahme von Arbeitern an der Inspektion vielleicht in Betrat?: gezogen werden könnte.— Uebrigens möchte ich darauf hinweisen, daß Bergauffichtsbeamte, die ihrer Pflicht nicht genügen, ohne weiteres ihres Amtes enthoben werden können, wie das auch geschehen ist. lieber den Fall ans Zeche „Unser Fritz" sind die Akten noch nicht abgeschlossen. Die Sache schwebt zur Zeit vor dem Reichsgericht. Abg. Molkenbuhr(Soc.): Ich habe im vorigen Jahre darauf hingewiesen, daß bei der Berechnung der II n i a l t r e n t e für die S e e l e n t e die Witwen und Waisen derselbe» sowie die Krüppel in ganz erheblickicr Weise geschädigt werden. Ich brockte damals den Nachweis, daß 1893 die Festsetzung' des Herrn RcickslanzlcrS volle 25 Proz. unter der thatsächlich erzielten DurchschnittShener blieb und dadurch wurde denn auch die Rente der durch Unfall Verletzten um 25 Proz. gc- schädigt. Bei einer 1898 vorgenommenen Fesisetzimg blieb der Herr Reichskanzler um 16l/e Proz. hinter dem thaiiächlichcn Heuersatz zurück, sodaß an da wieder eine neue Schädigung der Witwe» und Waisen und Krüppel eintrat. Am 22. August des vorigen Jahres erschien nun eine Neue Festsetzung, die von der des JährcS 1898 abwich. Damit erkannte die Reichsregierung meine Ans- setzungen als begründet an. Ich will anerkennen, daß diese neue Festsetzung so schleunig erfolgt ist. das ist aber auch alles Lob, was ich ihr spenden kann. Es ist nichts geschehen, imi die so lauge geschädigten Wuwcn und Waisen mm mehr zu entschädigen. Außer- dein setzt zwar die neue Festsetzung einen etwas höheren Satz an wie früher, entspricht aber»och immer durchaus nicht dem K 6 des Scc-UnfallversicherungS-Gcsetzcs. Dieser Paragraph lautet:„Für diejenigen Klassen der Schiffsbesatzung, welche neben dein Lohn regelmäßige Nebeneinnahmen beziehen, wird bei der Bc- rcchniing des Jahres- Arbeitsverdienstes der durchschnittliche Geldwert der Nebeneinnahmen in Anrechnung gebracht. Der Festsetzung sind die an Vollmatrosen an deutschen Fahr- zeugen während der letztvcrgangcnen drei Kalcnderzahre, in welchen Mobilmachung nicht statigefuiiden Hai. gezahlte Löhne zu Grunde zu legen." Nun betrüg nach dem„Statistischen Jahrbuch für das Deutsche Reich" die DurchschnittShener für den Vollmatrosen 1896: 51,74 M.. 1897: 54.3 M.. 1898: 56,52 M.. also jedesmal über 59 M. Das NeichSkanzlernint berechnet aber danach den Durchschnitt auf 59 M. Wie das herauskommt, kann ich nicht begreifen. Die Nebeneinnahmen sind auch nicht hinzu gerechnet worden, das Reichskanzleramt scheint dieselben sogar abgerechnet zu haben. Da darf man doch fragen, was denn für ein Bedürfnis vorliegt, gerade diesen armen Leuten die ihnen gesetzlich zukommende Rente vorzuenthalten. Andere Arbeiter be- kommen viel höhere Renten. In de» Haupthafenplätzen, wo drei Viertel aller Annuisterungen vorkommen, in Haniburg. Bremen und Brcmerhafcn, beträgt der gewöhnliche Tagelohn 3 M. Die aller» niedrigste Vollrcntc. die danach bewilligt werden kann, ist 699 M. pro Jahr, also 59 M. pro Monat, die Witwenrente beträgt 15 M. pro Monat, die Waisenrente 11.25M. Die Rente eincS Vollmatrosen bleibt dagegen hinter der Rente der schlecht bezahltesten Arbeiter in diesen Städten um 15 M. zurück, sie beträgt 35 M., die Witwen- und Waisenrenten der Matrofen bleiben ebenfalls ganz erheblich hinter den entsprechenden Renten der schlcchtbezahltesten Arbeiter zurück. Die Scc-Berufsgcnossenschaft, die 182 999 M. für Vcrwaltungskosten ausgiebt. hat 1898 459 999 M. an Entschädigungen gezahlt, also die Berwaltungskostcn betrage» 39 Proz. der Eni- schädignngskosten. An den Verwaltungskostcn könnte diese Gesell- schaft wohl sehr gut sparen und lieber den Witwen und Waisen die Renten zahlen, die ihnen nach dem Gesetz zukommen.— Im vorige» Jahre brachte ich einen Fall vor« in dem die See» BcrNfLgcnosscnschaft einen Versicherten die Rente entzogen hatte mit der Angabe, er sei. eigentlich nicht versichert, tveil er nicht zur festen Besatzung des Schiffe's gehört habe. Ich habe mm die Eenugthunng gehabt, daß in dem Jahresbericht der Hamburger Reeder dies Bor- gehen der See-BcrufSgenossenschast auf das schärfste verurteilt wird, die Reeder erklären sich mit dieser Ausirirtznng der Lücken des Gesetzes durchaus nicht ciirverstanden. Herr v. Wödlke sagte damals, niemand könne dieser BernfSgenossenschast vorwerfen, daß sie nicht die Intet- essen ihrer Versicherten wahrnehme, nach meiner Erfahrung ist das gerade Gegenteil der Fall. Die Angestellten dieser Sec-Berussgenossenschaft waren zur Zeit der Centenarfeicr in fieberhafter Thätigkeit, sie mußten häufig Ilcberstnndcn machen, das Bureau der Genossenschaft ist zugleich das Central-AgitotionSbiircon von Flottenvcreinen.(Hört! hört! bei den Socialdemokraten.) Jntviefern diese Thätigkeit der Beamten etwas mit der Unsallversicherung zu thun hat, weiß ich nicht. Die muster- hafte Buchführung dieser Gesellschaft wurde vom ReichS-Versichernngs- anit anerckannt. Dies geschah nach einer Revision, die jo oberflächlich war, daß eine Unterschlagung von ca. 199 999 Marl durch den Geschäsissührcr Stöber gar nicht benrerkr wurde.(Hört! hört! bei den Socialdcinokraten.l Der Äieichstag hat also alle Ursache, darauf zu dringen, daß die Witwen und Waisen der Seeleute und die Krüppel die ihnen gesetzlich zustehende Zienie mich wirtlich ausgezahlt erhalten.(Bravo! bei den Socialdcnrvkrate») Direktor v. Wödtkc: Es vergeht keine Session, in der nicht der Abg. Molkenbuhr es versucht, sich an der See» Beriifsgenostenschaft zn reiben. Ich kann der Sec-Bernssgenossenschaft mir er» gutes Zeugnis ausstellen. Sic incht die ihr gestellten Aufgaben gewissenhaft zu erfüllen.(Zu- ruf des Abg. Molkenbuhr: Tie' Hamburger Reeder sind anderer An- ficht.! Was null die Biichsnhrinig anlangt, so ist es richtig, daß der Gcschäftssührer große Untcrschlagiinac» begangen hat. Das ist be- dmierlich, aber der Sce-Bcriifsgenolscnschaft ist deshalb kein erheb- licher Vorlvirrf zu machen. Der Vorfall beweist nichts gegen die socialen Bestrebungen der See- Bernfsgenossenschaft. Herr Molkenbuhr hat auch nur einen Fall ansührc» löniic», in dem ein Mann keine Rente erhalte» konnte. Dafür waren aber Rechtsgründe maßgebend und Billigleitsgrüude komrte die Bernfsgenossenschaft nicht gelten lassen. Das Reichs- Versichcrungsanit hat lonfornr mit der BernfSgenossenschast cnt- schieden. Der Fall ist bedauerlich, vielleicht giebt er Veranlässuiig. bei der Neugestaltung des UnfaNgcsctzcs eine Acndernng herbei- zuführen. Herr Molkenbuhr hat cö so dargestellt, als ob die Be- rcchirnngcn absichtlich zum Nachteile der Witwen und Waisen zn gering festgesetzt worden sind. Herr Molkenbuhr wird lvcder mir noch einem meiner Mitarbeiter nachsage» können, daß wir jemals absichtlich zum Nachteile der arbeitenden Klassen etwas gcthan habe». Die Vorstellungen des Abg. Molkenbuhr haben denn auch meinem Herrn Chef Veranlassung gegeben, über die Höhe der Durchschnitts- heuer» Erhebnngcn anzustellen und es ist beschlossen worden, eine erneute Aeflsctzinig der Durchschnittsheuern vorzuiiehme». Provisorisch ist die Heuer bereits im August dieses JahreS erhöht worden. Rück- wirkende Kraft kann diese Erhöhung nicht habe», in eine nach- trägliche Vergütung könne» wir also nicht willigen. Ich hoffe, Herr Molkenbuhr wird jetzt znfriedeirgestcllt sein. Sächsischer Gehcimrat Fischer nimmt die sächsischen Berginspektore» gegen die Angriffe des Abg. Sachse in Schutz. WaS den letzten Fall anlangt, so hätte Abg. Sachse die Güte haben sollen, ihn der � sächsischen Verginspektion mitznteilcir. So kann ich heute nichts sagen, als� daß wir den Fäll eingehend untersuchen und alles Nötige veranlassen iverden. Abg. Schräder(irs. Agg.) giebt der Hoffnung Ausdruck, daß der vom Abg. Molkenbuhr an- geführte Fall der Renteiraberkenrnrng Anlaß zu einer Gesetzes- änderung geben wird. Er kommt»och einmal auf die Refornr der Wohnungsfrage zurück n»d hebt noch einmal die Notwendigkeit einer baldige» Regelung dieser Frage hervor, auf die Eriolge hinweisend, die mit den Baugenosseiijchaftc» erzielt worden sind. Im einzelnen bleiben die Ausführungen des Redners, der vom Platze aus spricht, unverständlich. Abg. Molkenbuhr(Soc.): Wem, ich über die See-Bernfsgcnossenschaft und ihre schlechte Geschäftsführung hier Klage gefiihrr habe, so hatte ich recht. Ich habe diese Geschäftsführung von der schlechtesten Seite kennen gelernt. Die Regierung lernt die See-Berufsgeiiosscirschaft ja mir vei Geucralversanrinluiigeir und ähnlichen Gelegenheiten kenncir und mag dabei günstigere Urteile bekoinnreir haben. Hoffentlich giebt der von mir erwähnte Fall nun Anlaß zur GcsctzeSäiidcrung. Die Be- rüfSgenoffenschaft hat übrigens 19 Jahre lang anders entschieden. Zehn Jahre lang bekommen die nur im Hafen beschäftigte» Leute, die also nicht nngemnstcrt sind, eine Rente, wen» sie vernnglückten. Herr v. Wödtke'hält die Zahlen des Statistischen Amts nicht für zuverlässig. Der Diceitor des Siatistischcn Amts hat bei cincr früheren Gelegenheit einmal erklärt, daß die Zahlen absolut zuverlässig sind. Aber im RcichSamt des Innern scheint man ihm nichr zu glauben. Die Vergütung der zn ivenig gezahlten Beitrüge halte ich»ach wie vor flir notwendig. Sie einspricht nicht nur der Billigkeit, sondern auch de», Recht. Abg. Dr. Ocrtel(dk.):. Ich will einen anderen Piinkt berühre». DaS Börse nge setz ist unserer Ansicht nach nicht durchgeführt, und zwar in drei Pnnkten nicht. Erstens unterstehen die Friiljbörse» weder der Börsen- noch der Marktpolizei. Zweitens ist die Vereinigung der Kaufleute in dem Heiligen Gcist-Spittcl riiiferer Meinung nach eine Börse und müßte ebenso wie der Fcenpalaft geschlossen werde». Drittens werden dort unserer Meinung nach verbotene Termingeschäfte gemacht. Wir wollten die Angelegenheit in aller Ausführlichkeit erortenr, wir sehe» aber heute davon ab, weil ivir hören, daß cS denmächst zu cincr Entscheidung konnncir wird. Wir vertagen deS- halb die Erörterung bis zur dritte» Lesung deS Etats. Entiveder innß das Börsengcsetz ausgeführt werden, oder reicht dieses nicht ans, so rnnß eine Aendernng des Gesetzes erfolgen. Wir hallen es für nötig, die Bedeutung nnd den Ernst der Sache der Regierung zu Gemnte'zn führen.(Beifall rechts.) Geh. Rat Hödkcv bestätigt, daß Verhandlnngei, schweben, rmr über die streitige» Fragest gerichtliche Entscheidungen herbeizuführen. Von dieser Enischeidimg wird eS abhängen, ob die Regierung Anlaß haben wird, weitere Maßnahmen zu treffen. Abg. Roere»(Etr.). kommt auf das Gesetz gegen den unlauteren Weit» b e w c r b zurück. Das Gesetz ist gut. schlecht ist seine Anwendung durch die Gerichte. die sich in den Geist des gewerblichen Ware»- schutzeS nicht hincindeukeii könne». Hoffentlich wird bei längerer Gcltungsdancr des Gesetzes eiiie freiere Interpretation Platz greisen. Geschehen muß»och etwas gegen den Ausverkauf, sollen nichr di« wohlthätigen Wirknngen des Gesetzes gänzlich in Frage gestellt werden. Zuerst bat es dem Ansverkauss-Gchwindcl Einhalt gctbair. bis 1897 das Reichsgericht in ciiicnr solchen Ansverkauffaile ein frei« sprechendes Urteil gefällt hat. Dieses RcichSgerichts-Urteil steht im Widerspruch mit de»« klaren Wortlaut der Motive des Gesetzes und mit der ganzen Tendenz desselben und hat in den Kreisen der Ge« werbetreibenden höchste Unzufriedeiiheit erregt. Staatssekretär Graf v. Posadowskq: Ich freue mich, daß der Borredner nicht eine Aendernng deS Gesetzes verlangt, sondern nur eine andere freiere Interpretation. Auch ich stehe nicht a». das Erkerurtnis des Reichsgerichts als den, Gedanken de» Gesetz«» nicht entsprechend zu ertlären. Sin Au«» verkauf kört auf Ausverkauf zu fem, weni» fortgesetzt neue Waren verkauft werden Sollte das Reichsgericht bei seiner bisherigen Ansicht verbleiben, so ist vielleicht eine GesetzeSäiidening in Erwägung zu ziehen Am besten märe es. wenn sich das Pnblituin nicht deshalb verleiten lassen würde, in einem Geschäfte zu kaufen, weil da ein Plakat mit dem Worte:„Ausverkauf" angebracht ist. Abg. Dr. Pach»icke ft'rs. Vg l kämmt auf die Frage der Fabrikinspektion zurück. Wir billigen c-S. daß gegen ini'dc Urteile gegen Arbeitgeber Berilsimg eingelegt wird, billigen cS mich, daß weibliche Beamte zur Inspektion herangezogen werden sollen. Einverstanden sind wir auch damit, dag in Znkuust die Originalbcrichte der einzelnen Aufsicht.;- beamtet dem Reichstag zugänglich gemacht werden. Die Be- «inten werden sich dniin noch mehr ihrer Veranlwortmig bcwnjzt fein, die Berichte werden uns dann auch schneller zugehen können Slag endlich die Verbindung der Fabrikinspektion mit der Kessel- vevision gelöst ist, erfüllt uns. die wir das imincr gefordert haben. mit Gcnngthimng. Die beiden Fmiktionen hatten keinen inneren �nsmnmenhting. Die Inspektion wird mit imi so grögerer Giniid- l'chkcit erfolgen können. Zn wünschen ist. da st die Fabrikinspektion intensiv wie extensiv zmiinunt. Fortschritte a»s dem Gebiete der Fabrikin ipcktion sind niiverkciinbar. Ein Vergleich mit dein Ans- lande fällt nicht zn unseren Ungunsten aus. In llntcrnehmcr- kreisen macht sich ein wachsendes VcrstSiidn!.; für die Fabrikinspektion geltend. Bei der weiteren Ausdehnung dcS Ichginiischen MaximalarbcilstageS must mit großer Vorsicht operiert werden, sonst machen>v!r so üble Erfahrungen wie mit der Bäckereiverordnung. Die lv—llsttiudige Ruhezeit ivird auch ohne staatliche Slastnahuie» nach und nach überall eingeführt werden Die unbehinderte Gcstattuug von Koalitionen der Arbeiter wird in dieser Beziehung zu den grvsttcn Fortschritten führen. Erfreulich ist deshalb das ivachseude VerstäuduiS der Gewerbe- Iuipsktorc» für die Bedeutung der Arbciterorgaiiisatioucii. Die � sociale Lage der Arbeiter ist entschieden besser geworden. eS ist zu hosten, dast diese Besserung noch iveiter anhält. Auch wir wünschen, dast das Personal der Gcwerbc-Aufsichi vermehrt und die Fabrikiuspcltiou zur Reichs fache gemacht wird. Abg. Nosenow(Zoe.): Es sieht fest, dast die H a n S i n d u st r i e mir dadurch existieren kann, dast sie die niedrigsten Löhne zahlt und Frauen und Kinder ans daS ärgste ausbeutet. Ans eine Anfrage dcS Herrn Abg. Hitze, wie cS mit gesetzlicher Regelung der Lerhältnissc in der Haus- industrie stände, ist vom Rcgicruugslische eine Antwort erfolgt, die rinen derartigen Eingnss in weile Ferne schiebt. DaS ist um so bedauerlicher angesichts der Mittcilnngen der Gewerbe- AiifsichtSbeamten über die Fustäude in der HauSiiidiistric. Donach lverden schulpflichtige Mädchen von sieben Jahren in der HauSindnstrie beschäftigt gegen einen Wochculohn von 80 Pf. bis 8 M. In der hmiSindnstnellen Cigarrcnfabrikotion des Mindencr Bezirks werde» SMS Schulkinder beschäftigt: 3ö51 davon mehr als drei Stunden täglich und 8001 an allen sechs Wochentagen. Diese fortgesetzte Vermehrung der Kinderarbeit wird von überall herbe- richtet. Die Eltern dieser Kinder sind überzeugt von der schädlichen Wirkung, die die Beschäftigung im jugendliche» Alter Häven must. Aber der niedrige Lohn, den der Man» verdient. setzt ihn nicht in die Lage, seine- Familie zn ernähren, lind so wird er durch die Ausbeutung des Kapitals selber zu der AuSbeutimg der eigenen Kinder gezwungen. Charakteristisch hierfür ist der' Bericht' deS Badencr Fabrikinspektors. T anach haben dortige Zicgelcibesitzer sich gegenüber den Ellern schulpflichtiger Kinder' bereit erklärt, diese Kinder zu beschäftigen, wenn die Eltern sich verpflichten wollten, die Geldstrafen zn tragen, die wegen der imgesetzlichcii Beschästignug etwa ergehen würden. Solche Geldstrafen sind ergangen' und der Betrag ist den Eltern vom Lohne abgezogen worden. Gegenden Zicgclcibesitzcr. der den Abzug vorueitommen hat, ist Anklage erhoben worden, und das Schöffengericht Hot ihn freigesprochen. sHört! bört! bei den Socialdeniokrateu). Erst die BerufiingStiistmiz hat einen solchen Lohnabzug als liiibercchligt erklärt. Der Amiabergcr Fabrikinspottor bc- richtet, dast in den dortigen Strumpfwaren-Fabriken die Klage allgeiucin sei, dast die Kinder nicht beschäftigt werden dürften. Die Fahrikontei helfen sich nun nach den» Bericht' dadurch, dast sie die den Kindern zugedachten Arbeiten mit nach Hause gebe» sHört! hört! links), um sie dock verrichten zn lassen. Hier liegt also eine direkte Umgehung dcS Gesetzes vor.— Aus Württemberg wird berichtet, dast die fort- gesetzte Steigerung in der Anwendung von Kindern schädliche Folgen habe für die gesamte Bevölkerung. In einein Orte, wo sich die Kinderarbeit stark vermehrt hat, bemerkt ein Beobachter den Verlust der früheren Kräftigkeit der Bevölkerung und eine Zunahme der Schwindsucht. Die Hoffnung. dast die' Einsühniug motorischer Kräfte in der Hausindustrie die'AiiSbeiitnng einschränken würde. hat sich uidht erfüllt. Im Gegenteil, die AnSbeutiuig hat zugenommen, auch dort, wo motorische Kräfte in der Hausindustrie eingeführt sind, wie der rcnstische Jnspcltov konstatiert. Der Kon- knrrenzkampf der HanSindnstrie mit der Fabrikarbeit zivingt zu immer steigenderer AuSiiutzimg der Arbeitskräfte. Wenn wir die HnnSiikdiistrie mich für eine„sterbende ProduktionS- form" halten, so sind wir doch nicht solche Fatalisten, die die Dinge lausen lassen, wie sie eben laufen, sondern wir suchen soweit wie möglich für die Besiennig der Lage der HauSindustriellen zn sorgen. Wir fordern energische Mastiiahmen gegen die Unternehmer, Arbeiter- schutzgcsetzc auch für die Haiisindiistne, vor allem aber eine Enquete zur Feststellung der Verhältnisse. Wir können mir bedauern, dast wir vom ReichSamt des Jmiern dabei so wenig unterstützt werden. DaS ReichSamt des Innern hat jüngst eine Erhebung über den Ilmfang der heimische» Gütercrzcugung int Hinblick ans die kommenden Zollverhandlungen veranstaltet. Dabei haben auch die HauS- industriellen der erzgcbirgischen Holzspiclwarcn Fragebogen erhalten. Sie glaubten, i» diesen Fragebogen würden auch Fragen zur Feststellung der traurige» Lage, in der sie sich befinden, eiilhalten sein. Der Fragebogen erstreckt sich aber mir auf Eiltkanföprcise der Rohstoffe'. Verlaufs- preise usw. Die sonstigen socialen Verhältinsje der HailSindustrie blieben ganz anster Betracht. Wir bedauern, dast diese vorzügliche Gelegenheit zur Feststellung der socialen Lage der HauSindujlricllcn des sächsischen Erzgebirges so ungenutzt vorübergelassen worden ist. Gerade diese HauSindustriellen besiiiden sich in der traurigsten Lage. ES ist festgestellt, dast eine Familie, die in einer Woche 6000 Stück kleiner Holztiere fabriziert. nach Abzug der Unkosten einen Wochenverdienst von ö M. erzielt. Andere wieder koinmen auf 6 M., höchstens auf 8 M. Die Fabrikanten überlassen diejenigen Artikel, die sie in den Fabriken nicht billig genug herstellen können, der HauSindnstrie. Und der HanSindustrie zahlt man dann für die Bcschlagung eines ganzen Grost von Federkasten nicht mehr als 30 Pf. Um die Feststellung solcher Verhältnisse scheint man hcriimziigehen, wie die Katze um den heißen Brei. Aber es must doch Klarheit geschaffen werden, nur so können wir Mittel und Wege zur Abhilfe finde». Und Besserung wird mir dann eintrete!, wenn die Arbcitcrschntzgcsetz- gebniig auch aus die HanSilldustrie ausgedehnt wird. sBeifall bei den Socialdkmokmtcn.) Abg. Dr. Hitze iE.): Meine politischen Freunde sind bereit, Gelder für die Heraus- gäbe sämtlicher Originalbcrichte der Gewerbe- Inspektoren zu be« willigen. Wir sind auch dafür, dast die Zahl der Gciuerbe-Jnspektoren wesentlich erhöht wird. Dagegen können wir nicht für die Ausgestaltung der Gewerbe- Inspektion als Reichssache stimmen. Wir wünschen, dast für die einheitliche Gestaltung der Gcivcrbe-Jnspektion in den Einzelstaaten recht viel geschehe. Abg. Mällcr-DinSbnrg(natl.) erklärt sich mit der Entlastung der Inspektoren von der Kessclrebisiou einverstanden, ebenso mit der Vorlegung der Originalberichte. Wenn die Wunsche des Herrn Rosenow erfüllt werden sollen, ist eine große socialpolitische Statistik iiotivendig. Abg. Hoch lSoc.) sans der Tribüne fast völlig niiverständkich. da er von seinem weit hinten gelegenen Platze spricht und der Tribüne den Rücken zukehrt) kommt auf dcnB e r l e p s ch schen Geheim erlast zurück. TrotzdeNt die Gewerbe-Inspektoren die besten Erfahrungen gemacht haben, sieht der Staatssekretär noch nnmer anf dein alten adlchiic'nden Standpnnkt. Es sind nicht mir die socialdemokratischen Arbeiter, die von den Beamten gc- mieden werden, auch andele Arbeiter. Die Arbeiter sind feinfühlig genug, sich nicht au die Lcamtei hcranzudtängeii, sie wissen, wie der Wind von oben weht. Ich will mm auf die schon zweimal von mir an- gcschiiitteiic B a n a r b e i t c r f r a g e zurnckkommen. Der Herr Staatssekretär hatte die Erklännig abgegeben, daß er an die Regie- rinigeii eine Umfrage betreffs des BauarbeiterfchntzeS gerichtet habe. BlS zum 1. April vorigen Jahres sollten die Antworten ciiigelaufen sei». Am 12. Jnni erlaubte ich mir. darauf znrückzilkoimnen und der Herr Staatssekretär erklärte,- die Antivortcn der Regierungen seien erst zum Teil eingegangen. An wem liegt da die Schuld? Haben die Eiiizelregieruiigeil noch nicht Zeit gefunden, sich mit diese» Frage» zu beschäftigen ober halten sie es nicht für nötig, ans eine so nebensächliche Angelegenheit überhaupt einzugehen? Die Arbeiter haben aber ein Recht zu verlangen, dast ihren berechtigten Wünschen Rechmiiig getragen wird. Die Arbeiter klagen darüber, daß es bei den Bauten an den nötigen Schutzeinrichtiiiigen fehlt und dast in- folge dessen eine Unmenge von Unfällen sich ereignen, und vor allem darüber, dast cS an der nötigen Kontrolle ans den Bauten fehlt. Man hat sich damit begnügt, zu den beslehciideii Schiitzvorschriften noch einige hinzuzufügen, aber die Kontrolle selbst blieb wie sie war, da ist man den Wniischen der Arbeiter nicht entgegen gekommen. Rur in Bahcrn ist man auch ans diese Frage eingegangen. Man hat zu der Kontrolle nacheinander die Polizei, die Gewcrbe-Anfiichtsbrmntcn, die städtijckc» Behörden hinzu- gezogen. eS hat aber alles nichts genützt, die Baii-Unfälle hänfen sich von Jahr zu Jahr. Was rnr Kontrolle besteht, ist eben Schein- kontrolle, eine ivirkliche Kontrolle kmi» nur erzielt werden, wenn praktische Bauarbeiter hinzugezogen werden. Auster dem Bauarbeitcr- schiitz-Kongrcst habe» die Arbeiter der Rcgienmg Mittel und Wege an die Hand gegeben, um den Unfällen zu ficiicnt. Bei der großen Zahl von Opfern, die jährlich das Baugeiverbe verlangt, ist den Arbeitern mit sympathischen Erklärungen nicht gedient. eS must endlich einmal etwas Wirkliches geschehen.' sBravo! bei den Socialdcmo- kraten.) Staatssekretär Gras V. PosadowSktz: Ich werde in der Veröffentlichung der Berichte eine Aenderung eintreten lassen. Die cinzcliien Berichte sollen sofort nach Erscheinen publiziert werden. Die Produktionhstatistik, die zn Handelszivecken anfgenonnucn ist. läßt sich mit einer Statistik zu socialpolitische» Zwecken nicht vereinigen. Sie macht an sich schon sehr viel Arbeit. ES sind 53 000 Fragebogen ausgeschickt und bis jetzt-16 000 Antworten eingclansen. Denn wir unsere Pro- dnktio», niisere Ausfuhr und Misere Einfuhr genau kennen, so können wir auch ganz genau Miseren Konsum berechnen. Eine so genaue Statistik wie wir hat kein anderes Land. Was nnn den Banarbeiterschutz anlangt, der hier schon öfters angeschnitten ist, so werde ich in den nächsten Tagen das Rundschreibeil publizieren, das ich in dieser Sache an die Einzclregierimgcn erlassen habe. Die Autwortcii find noch nicht vollzählig eingegangen. Ist daS geschehen, so werden wir bekannt geben, was znin Schutz geschehen ist. Sollte sich herausstellen, dast daS. was geschehen ist, nicht genügt, werden wir in nciie Erwägmigcil über weitere Mastiiahmen eintreten. Schon jetzt habe ich niigeordnet, dast für die Jnspeition der Bauten möglichst fachlich vorgebildete Personen anSgetvählt werden. Abg. Sachse sSoc.) polemisiert gegen den Abg. Hilbck. Die Nnsallzahlen sind so»Ii- zünstig in keinem andern Laude, wie in Deutschland. In Belgien und sie nicht halb so hoch wie bei niiS; in England stauden sie 'rüher gleich, jetzt sind sie auf die Hälfte herabgesunken. Bei uns aber ist eine unerhörte Steigerung der Uusülle eingetreten, für die nicht die aimen Arbeiter verantwortlich zu machen sind, sondern der Mangel einer tücktigen Inspektion, die Accordarbeit und die Habsucht der BergwerkSbesitzer. Und dazu kommt noch die Habgier der Beamten, die E�trotantiemen erhalten, wenn sie hohe Erträge er- zielen. sSehr richtig! bei den Socialdemokraten.) Die Verlustliste eines einzigen Jahres ist größer als die Verluste in dem ruchlosen Kriege 1870 71. Herr Hilbck bchauptei. daß dieLeute nicht znrUcbcrarbcii gezwiiugei: würden. Wer die Verhältnisse keimt, der weist, wie falsch diese Behaiiptnng ist. Herr Hilbck hat mich, der ich Dergmaii» bin. Modelltischler genannt. Wie steht es den» mit seiner Fachkenntnis? 1364 war er noch an der Berliner Universität, 1366 siuden wir ihn schon als Bergivcrkdirektor. lGroste Heiterkeit bei den Social- demvkratei.) Wo hat er denn seine praktische AnSbilduug erhalle»? Gerade die Lerwaltniig des Herrn Hilbck beschäftigt viele ungarische Bergarbeiter und sorgt für ihre» Import. Von diesen Bergarbeitern ist die Wiirmkrankhcil eingeschleppt, die solche Lcrhccrniigcn anrichtet. Ich hätte daS alles nickit vorgebracht. wenn mich Herr Hilbck nicht persönlich aiigcgrisicn hätte. Aber ans zwei Masiciiuiifälle auf dem Werte dcS Herrn Hilbck möchte ich hinweisen. Bei dem eiuei! Un- fall gab eS 18 Tote. Die Schuld an diesen Unfällen lag nicht an den Arbeitern, sondern an der BeiriebSleitniig. Gegenüber den AnS- sührmigen des NegicrmigSkvmmissms bleibe ich bei der Behaiiptnng stehen. dast unsere B e r g i n f p e k H o» völlig n n- genügend ist. Dast in dem Urteil in Socken der Friedrichs- grübe Bcrusniig eingelegt worden ist, freut mich. Das Urieil ist in der That anffallend. Ueber die Zeche„Gustav" hatte ein Blatt Eni- hülliingeii gebracht. Daraushi» winde der Betriebsleiter angeklagt. aber obgleich die Anklage erwiesen wurde, freigesprochen.� weil der Besitzer verantwortlich sei. In dein letzten Prozeß werden die Besitzer freigesprochen, weil die Betriebsleiter verantwortlich seien. lHört, hört bei de» Socialdemokraten.) Wie sollen bei solcher Rechtspreckiuig die Arbeiter Lertrauc» haben? Das ist doch mimöglich. Dem sächsischen Bevollmächtigten erwidere ick, dast ick meine Behanptnngrn über die uiigcsetzliche SomitagSarbeit auf den Gruben vollständig ausrecht erhalte. Für alles, was ick de- hanptct habe, habe ich die genauesten Belege. Solche Mist- stände sind nur zu beseitigen dnrck ein einheitliches Rcichs-Berggesetz. (Bravo! bei den Socialdemokrateii.) Geheimer Oberbergrat Fürst: Es ist ja gar nicht zn leugnen, dast die Uiifallziffcrn bei uns ungünstiger sind, als in anderen Ländern.(Znnif: Steigerung.) Sic steigen nicht, im letzten Jahre ist ein kleiner Rückgang zu konstatieren. Aber die Verhältnissc im pmistischcn Bergbau können mit denen im Bergbau Englands, Frankreichs und Belgiens nicht ver- glichen werden. sowohl ivaS das Zustandekommen der Statistik. Ivie was die mistercn Zustände anlangt. Ich erinnere zum Beispiel an de» Steinfall, der iin preußischen Bergbau so- viel Unfälle hervorruft und in Belgien und England gar nicht vorkommt. Verwahruilg habe ich noch einzlikegen gegen den Vergleich der beiden Urteile, die der Vorredner vor- genommen hat. Die Freisprechung der Grubenvettvaltmig der Zeche Fritz ist nicht deshalb erfolgt, weil die Grubenvenvaltniig nicht verantwortlich sei, sondern miS rein juristischen Gründen, deren Darlegung hier zu weit führen würde. Die Gegenüberstellung war deshalb unzutrcsfend. Abg. HilbS(natl.): Ich kann es zunächst nicht unwidersprochen lassen, dast der Herr Abg. Sachse den 1870 er Krieg einen ruchlosen genannt hat.(Glocke des Präsidenten.) Präsident Graf V. Ballestrcm: Ich hätte den Herr» Sachse unterbrochen, wenn er gesagt hätte, dast der Krieg von imürer Seite rnchloS gewesen sei.(Heiterkeit.) So habe ich ihn so verstanden, daß, er gemeint hat, wir scien in ruchloser Weise mit Krieg überzogen worden.(Große Heiterkeit.) Abg. Hilbck(fortfahrend): Dann habe ich den Abg. Sachse falsch verstanden.(Erneute Heiterkeit.) Herr Sachse hat hier gesagt. er sei für Sesthafttnachmig der Bergleute. Nach meinen Erfahrnngcn trifft es nicht zn, daß seitens der socialdemokratischen Organisatoren den Arbeitern gesagt wird, sie sollten da bleiben, wo sie hin- gehören. Herr Sachse scheint fenrer bei mir ungenügende technische Ausbildung vorauszusetzen. Er sagte 1864 war ich noch auf der Universität und 1866 schon BergwerkS-Direktor. Nach den preußischen Vorschriften für die technischen Betriebe, unter denen auch ich ausgebildet bin, ist es notwendig, dast man vorher technisch ausgebildet' ist, che man theoretisch ausgebildet wird, damit mau die theoretischenAuseinaiidcrsetzungcn auch versteht. Run wird vom Abg. Sachse gesagt, ich hätte die Wilrinkrankhei: nach Westfalen gebracht. (Große Heiterkeit.) Der gleiche Vorwurf ist mir schon in einem socialdemokratischen Flugblatte gemacht ivorden.(Heiterkeit.) Die Krankheit' hat sich zuerst bei wallonische» Zieglern in Lippe gezeigt. Von ihnen ist sie auf ein paar ungarische Bergleute übertragen ivorden. A» dem Unfall war nickt die Betriebsleitung und ihre Wetterführung schuld. Sonst wären die Betriebsleiter von der preußischen Bergbehörde nicht ungeschoren gelassen worden.(Rufe linls: Na, na!> Ja. dann kennen Sie die preußischen Bergbehörden schlecht.(Erneute Rufe: Na, im!) Ich glaube nun, die persönliche» Angriffe des Herrn Kollegen Sackse widerlegt zu haben, stelle es ihm aber anHeim, mich noch weiter mit persönliche» Angriffen zu reggliercii.(Heiterkeit bei den National- liberalen.) Hierauf schliestt die Diskussion. Der Titel„Staatssekretär" wird bewilligt, ebenso eine Reihe weiterer Titel. Hierauf vertagt sich das Ha»S. Nächste Sitzung Freitag 1 Uhr. Fortsetzung der heutigen Bc- ratung; Nesslutioiicn zum Alters- und Jiivalideiiversicheruiigs-Gcsctz (Witwen- und Waisenversichernng. AuSdehiiung der Kra»ken-Ver- sicherung ans forstwirtschaftliche Arbeiter und Dienstboteu.) Schluß 5�« Uhr._ AbgcovdnekenhÄNS» 3. Sitzung vom 11. Januar, 11 Uhr. Am Ministertische: Fürst Hohenlohe, Dr. v. Miquel, S ch ö n st c d t. Dr. S t u d t. Ans der Tagesordnung steht die folgende Interpellation der Abg. Llrcndt u. Gen.(kons.): „Jniviefern erachtet die königliche StaatSregierung die im vorigen Sommer im Anschluß an die Abstimmung dritter Lesung über die Kaualvorlage gegenüber einer Anzahl von Staats- beamtet von ihr getroffenen dienstlichen Mastiiahmen im Einklang mit den Vorschriften der Artikel 83 und 84 der Bcr- fassling?* Miiiisterpräsident. Reichskanzler Fürst zu Hohenlohe erklärt sich bereit, die Interpellation sofort z» beantivorten.— Zur Begründung derselben nimmt das Wort Abg. v. Koller(k.): Die Kaualvorlage war eine reine Frage dcS Verkehrs, der Technik und der Finanzen. Sie war nur als eine solche zu be- handeln. Die Rechte hatte alles Vertrauen zu den Kqnal- banten verloren. Sie konnte nicht für die Vorlage stimmär. Als dies immer deutlicher hervortrat und das Scheitern der Vorlage in Aussicht stand, da liest sich die Regiernng zu einer Reihe von Maßliahnien verleiten, die große Bedenken cinflösten mutztet. Zunächst verlas der Reichskanzler hier eine Erklärung, die als eine Trohnilg aufgefastt werden konnte, dast die Abstimmung auf die Gestaltung der Handelsverträge zurückivirkeii müsse. Dann liest vor der entscheidenden Abstimuning der Minister des Innern die be- mutete! Abgeordneten zu{ich entbieten»iid verlas ihnen eine Erklärung, deren Wortlaut hier miizuteilcn das Amtsgeheimnis verbietet, die aber auf den Rat hinaiislief: Stimmt für den Kanal, sonst werde» die s ch l i in m st c n Bl n ß r e g e I ii gegen Euch getroffen werde n. Als ob cS sich nicht um ernste Männer gehandelt hätte. die sich auch durch die Androhimg von Nachteilen von ihrer lieber- zcngimg nicht abbringen lassen. Man mag-vielleicht einivenden, der Minister habe nicht anders gekonnt, das Staatsininisterinm habe so beschlossen gehabt. Dann aber hätte der Minister des Jnncrii sagen »lüjscii: d a S mache ich nicht mit. ich bitte um meine Entlafiimg.(Beifall rechts.) Und nach der Abstimnnuig folgten dann die Mastr'egeliingen auf Grund des DiSciplinargesetzeS. Dieses Gesetz ist aber nach Emanation der Verfassung, in welcher klipp und klar gesagt ist, dast kein Abgeordneter wegen seiner Ab- st i Iii ist il n g zur Recke»schaft gezogen w e r d e» d ü r f e. Jenes Gesetz kann die Verfafsiiiig nicht geändert haben, denn cS ist nicht in der verfaffimgsinästigen Form, nicht als Verfassniigs- äiidcrung mit zweimaliger Abstimmung verabschiedet worden. Die Mastnahmen, die auf Grund jenes Gesetzes in diesem Falle getroffen sind. stehen mit dem Wortlaut und Sinne der Verfassimg nickt im Einklang. Sie können im Lande nur Erbitterung schaffen, ohne an der Sache selbst etwas zn ändern. Dciui wenn cS z» Neuwahlen kommt, so werden sich die Wähler sagen: das sind überzeugungStreue Männer, die verdienen unser Vektranen, die wählen w i r wieder.(Beifall rechts.) Was haben jene Männer aber gethan?— Sic haben das be- wiesen. was die liberale' Partei von Johann Jacobi bis Waldcck, von Wolbeck bis Richter stets als Palladium festgehalten hat: den M ä n u e r st o l z vor Königsthronen!—(Beifall) Und jetzt, wo die konservative Partei denselben Männerftolz bewiesen hat, soll sie geächtet werde»!(Beifall rechts.) lind das billigen die liberalen Blatter zum Teil. Da sollten doch die liberalen Führer dreinfahren und den Redacteurcii den Kopf waschen, um ihnen klar zu machen, welcher Unterschied besteht zwischen dem M a m m o n und den Ideale it.!(Sehr richtig! rechts.) So lange der preußische Staat besteht, habe» gerade die Konservativen, haben die Ostelbier sich stets als die f e st e st e ii is t ü tz e n desselben bewiesen. Sie haben die Siege des großen Königs erfochten, sie haben das Vaterland von dem fremde» Eroberer' befreit. Sie sind es gewesen, die dem König Wilhelm geholfen haben, die Aniice-Reorganisation durchzusetzen. Sie haben sich stets envicsen als königstreu bis auf die K n och e n! Und eine solche Partei soll sich abschütteln lasscn wie ei» alter Anzug, und das um eines erbärmlichen Kanals willen?— Wir werden immer in erster Reihe stehen, wenn eS gilt, dem Könige die ihm zilstehenden Rechte zu sichern. Aber wir werden mich weiterhin bei solchen finanziellen Fragen prüfeir, ob die geforderten Sumiiicn auf- gewendet werden dürfen oder nicht. Wir werden deshalb trotz aller Maßregelungen die Kanalfrage von neuem prüfen und yichlich darüber entscheiden. Wir werden uitS auch nicht bedenken, sie zum zweiteniial abziilchucn, nickt als Ostelbier und Agrarier, sondern gemäß den Jiitercsscn des Landes. Die StaatSregierung hat ja das Recht, den Kanal zu fordern, sie hat aber, lvenu daS HauS ihn wieder ablehnt, keinen anderen Weg, um ihrenWillenzurGcltuiigzubringcii, als die Auflösung dieses HanseS. Bei dem großen Widerwillen, der im Lande herrscht, must sie aber darauf gefaßt sein, dast die Kauak- gcgncr wiedergewählt werden, dann ums; sie sich dem Willen dcS Landes fügen. Das ist dann keine Niederlage, sondern ein Sieg! (Heiterkeit.) Jawohl, denn der gröstte Sieg ist der über sich selbst. (Erneute Heiterkeit.) Reichskanzler Fürst z» Hohenlohe: Die Interpellation berührt einen Gegenstand, welcher seit dem Schluß der letzten Session den Gegenstand scharfer Angriffe in der Presse gebildet hat. Die Regierung ergreift daher gern die Gelegenheit, um ihre Stellung zu begründen. Davon, dast die Maßnahmen gegen die Beamten wegen ihrer Abstimmung getroffen seien, kann gar keine Rede sein.(Lachen rechts.) Es handelte sich einfach um eine Maßnahme im Interesse d e S D i e n st e s. In der Geltendmachung ihrer Ueberzcugung hier im Hause werden die Betroffenen nicht behindert.(Lachen rechts.) Im Interesse der Autorität der Regierung liegt es. dast sich die Regierung ans die politischen Beamte» verlassen kann. Das kann nicht der Fall sein bei Beamten, die die Regiernng direkt bekämpfen nnd dadurch die Autorität der Regierung im Lande beeinträchtigen müssen. Deshalb allein ist die Maßregel getroffen worden, und zwar vorbehaltlich der Verwendung der zur Disposition gestellten Beamten in anderen Stellungen. Der Regierung ist es gewist nicht leicht geworden, auch nur vorübergehend auf die Dienste dieser tuchiigcn Mcilnicr zu verzichten, aber sie war dazu gezwungen, im Interesse ihrer eigenen Llulorilät nicht nur, sondern auch im Interesse des Landes. Auf Antrag des Abg. Grafen L im b urg- S ti ru m skons.s tMtt das Han-s in eine Besprechung der Interpellation ein. Abg. Tr. Kranse-llönigsbcrg snatl.): Wohl alle Parteien sind den Interpellanten für ihr Vorgehen dankbar, auch für die Art der Begründung der Interpellation. Einiges Rankcniverk hätte allerdings von der Rede des Herrn v. Koller fort- bleibe» können. Was hat hier die Kanalvorlage zu thun? Dieselbe ist unzweifelhaft ein Kultunverk ersten Ranges, und die Konservativen sollten selbft versuchen, ob sie nicht den schönsten Sieg, den über sich selbst erringen und nun für die Vorlage stimmen wollen.(Sehr gut! links.) Was soll ferner die besondere Betonung der Königs- rrcue? Wir sind hier alle. Mann für Mann, königStreu bis auf die Knoche».(Lebhafter Beifall liirkS.) Die Konservativen haben kein Recht, das für sich allein in Anspruch zu nehmen.(Lebhafter Beifall links.) In der Sache selbst,(bin ich mit dem Abg. v. Koller einer Meinung. � Es handelt sich ohne Zweifel um eine discipliuare Maßregel, die mit der Abstimmung über die Kanalvorlage im Zusammenhang steht. Darüber, ob das eine Verfassungsverlctzung ist, sind die Auffassungen geteilt, und eS dürfte kein Grund vorliegen, Zcitungsredacteuren den Kopf zu waschen. Auch in konservativen Organen findet man manchmal Meinungsverschiedenheiten. Aber von'der Vcrfassungsfrage, mich ich sagen, die Maßregelung der Beamten war ein politischer Fehler. Sic war eine halbe Maßregel und mußte als solche ihr Ziel verfehlen.(Sehr richtig!) Wer der Staats- regierung zu dieser Maßnahme geraten hat. der hat ihr einen schlechten Dienst erwiesen.(Sehr richtig: links.) Aber damit ,st die Frage keineswegs erschöpft. Der Volksvertreter muß sich in jedem Augenblick bewußt sein, daß er in seinen Entscheidungen frei ist, nach oben wie nach unten. Stehen die Abgeordneten unter dem Drucke des Bewußtseins, daß die vorgesetzte Behörde in jedem Augenblicke gegen sie vorgehen kann, danil besitzen sie jene Freiheit nicht. Dieser Konflikt, der sich da ergiebt. ist das Bedenk- lichste an der Sache.(Sehr richtig! links.) Darin wird man dem Reichkskanzler zustimmen müssen, daß die Regie- rung sich auf ihre politischen Beamten muß verlassen können. Eine stramme Disciplin muß unter allen Umständen unter den Bc- amten herrschen. Das wird von allen Parteien anerkannt werden. Deshalb ist schon häufiger die Frage aufgeworfen worden, ob es nicht richtiger wäre, die Wählbarkeit der politischen Beamten auszuschließen. Von liberaler Seite ist dagegen immer eingewendet luorden, man dürfe die Wähler in der Auswähl der Persönlichkeiten nicht beschränken. Und dazu lag früher ein Anlaß nicht vor. Aach den Erfahrungen der letzten Zeit aber wird kein Mensch out der Lmkcn mehr sagen, daß die politischen Beamten wählbar sein müssen. Gerade der Einfluß dieser Beamten hat oft gezeigt. daß bei den Wahlen weniger die Freiheit der Wähler, als vielmehr deren Unfteiheit den Ausschlag gegeben hat.(Sehr richtig! links.) Auch im Interesse des Dienstes dürfte eS nicht gerade liegen, daß diese ivichtigcn Beamten monatelang aus ihrem Amte ferngehalten werden. Deshalb bejahen denn auch verschiedene StaatsrcchtSlchrcr die Frage, daß es nach der Verfassung zulässig ist. die Wählbarkeit dwicr Beamten auszuschließen. Das dürfte auch in, Interesse der Rc- gicriing lMgen. Aber die Verfassung muß unter allen Umstände» heilig gehalten werden. Dafür zu sorgen, ist nicht nur Sache des Land- tagcs, sondern auch einer starken Regierung.(Lebhafter Beifall.) Justizministcr Dr. Schönstedt: Daß die Verfassung heilig gehalten werden muß. ist auch die Anficht der Regierung. Dieselbe ist aber auch der Ansicht, daß die von ihr getroffenen Maßnahmen mit der Verfassung nicht im Widerspruch steht. Auf die nebenher berührten Fragen, die politischen Fragen oder die Kanalvorlage gehe ich nicht ein. Rechtlich suchte Abg. v. Köllcr eine Verfassungsverletzung in- sofern zu konstruieren, als das Disciplinargesctz nach der Verfassung erlassen sei. Das ist aber kcineSlvcgs der Fall. Jenes Gesetz ist die wörtliche Wicderholnng einer Verordnung aus den, Jahre 184N. G e r a d e die konservative Partei hat in früherer Zeit niemals bestritten, daß die Regierung ein Recht habe, auf den, letzt bcschrittencn WHw vorzugehen, wenn es sich im, das Interesse des Dienstes handelt. Sie hat deshalb auch seiner Zeit die Verletzung des Regierungspräsidenten v. Bockum- Dolffs aus Grund jenes Gesetzes gebilligt.(Sehr richtig! liuls.) Die Regierung muß eben in der Lage sein, politische Beamte, die ihr Vertrauen nicht mehr besitzen, durch andere zu ersetzen, auch Ivenn sie das Vertrauen verscherzt haben durch e i» e A b st i mm n n g.(Hört! recht-.) Von einen, Zurrcchenschaftzichen wegen dieser Abstimmung kam, deshalb nicht die Rede sein. Die Maßregel liegt auch iii, Interesse der politischen Beamten selbst, die in ihrem Wirkungskreise durch das Vertrauen der Negiernng gestützt werden müflcn. Die Regiernng ist sich daher bewußt, daß sie vollkommen vcrfafsungS- mäßig gehandelt habe. Abg. Frhr. v. Zedlitz, e nicht immer s o beraten wird, wie es der Pflicht der verantwortlichen Min ister entspricht.(Sehr richtig I) Die Minister sind sich ihrer Verantwortlichkeit nicht immer bewnßt. Sehr richtig! rechts.) Wenn am 19. August 1899 Herr von der Recke sich seiner Ver- antwortlichkeit besser bewußt geworden wäre, so hätte er nicht nur in seinem und des Landes Interesse, sondern auch in den, des Königs anders handeln müssen, als er gehandelt hat.(Bravo! rechts.) Minister Frhr. v. Rhernbaben: Der Herr Abgeordnete v. Köllcr hat gesagt, mein Amtsvorgänger abe am 19. August die Landräte ans dem Hanse zu sich citicrt lind abe ihnen vorgehalten:„Stimmt für den Kanal, sonst schreiten wir zu den schlimmsten Maßregelungen". Ich habe zu erklären, daß mein Amtsvorgängcr mir versichert hat, daß er cinc derartige Auf- fordcrung und Androhung nicht ausgesprochen hat.(Gelächter.) Abg. Fritze»(C.): Der Herr Minister hätte sich nicht ans die negative Seite be- schränken, sondern positiv sagen sollen, was denn am Morgen des 19. August vorgefallen ist.(Sehr richtig!) Die Wähler müssen selbst entscheiden, ob sie einen Beamten wählen wollen oder nicht. Wir dürfen die Beamten nicht einfach aus den Parlamenten ans- schließen.(Sehr richtig! im Centrum.) Die Maßregelung der Beamten>var gewiß politisch verfehlt und miß« b r ä u ch l i ch. Man hat nichts dadurch erreicht: im Gegen- teil, das Anscheu der Gemaßregelten ist nur gestiegen. Die Beamtem,, aßrcgcluugei, stehen niit dem Geist der Verfassung in Widerspruch, wen» sie auch formell verteidigt werden können. Es ist doch ztvcifellos, daß die Landräte allein wegen ihrer Abstin,»mng zur Disposition gestellt worden sind. Das widerspricht den Artikeln 83 und 84 der Verfassung, dem muß der Landtag ivider- sprechen, sonst verliert er an Ansehen.(Lebhafter Beifall.) Abg. Richert(srs. Vg.): Der Minister des Innern thäte am besten, wem, er das Aints- gchcimnis über die Unterhaltung am 19. August lüften wollte. Die konservative Presse hat den Glauben erwecken lvollcn, als ob Herr v. Miguel an den Maßregelnugen unbeteiligt sei. Ich hoffe, daß er heute hier auftreten und erklären wird, daß er die Berantworlung ebenso zu tragen bereit ist.>v i c der u n g l ü ck l i ch e M i n i ste r- Präsident.(Große Heiterkeit). Es kann nicht daran gerüttelt werden, daß die Maßregelungen in i t d e m G e i st d e r V e r f a s s u n g i n W i d c r fp r n ch stehen. Daran ändern keine formellen AnSlegnngS- im, ste etwas. I ch gratuliere den Konservativen da zu, das? sie jetzt das konstitutionelle Prineip vertreten. (Heilcrkcit.) Stach in den achtziger Jahren haben sie das nicht gc- than. Herr v. Köllcr hat die liberale Presse getadelt. Der Vorwurf ist unberechtigt: die liberale Presse hat die Maßregelungen stets verurteilt. Sic hat nur verlangt, daß de» Landrälcii nicht gestattet werden dürfe, ihren Einfluß zu Gunsten irgend cincr politischen Partei zu mißbrauchen.(Beifall links.) Wir stehen nach wie vor auf den, Standpnnkte. daß politische Beamte nicht wählbar sein dürfen und wir hoffen, daß die Liberalen aller Schattierungen »nS darin beistimmen. Nur wenn die Regierung Licht und Schatten gleich verteilt, kann die wahre Meinung des Volkes zu», Ausdruck kommen.(Beifall links.) Abg. Dr. v. Heydcbraud und der Losa(f.): Meiner Partei ist vorgeworfen worden, sie habe früher über diese Frage anders gedacht als heute. Das ist auch nicht der Fall. Wir haben es nie gebilligt, daß Beamte wegen ihrer Ab- stimmmig als Mitglieder des Landtags gcmaßrcgclt werden. (Widerspruch links.) Es ist doch ganz ciwaS anderes, ob ein Beamter sich zu politischen Agitationen hinreißen läßt, oder nach bestem Wissen und Gewissen stimmt. Die Zeiten sind heute auch ganz andere als früher, und das Privileguun. aus der Vergangenheit nichts zu lernen, überlassen wir den anderen Parteien.«Unruhe.) Die Regierung sollte nicht vergessen, daß sie an den Konservativen jedcrzci, eine Stütze hat. Die Verfassung gewährleistet das Recht der freien Abstimmung. Ob dieses Recht gewahrt bleibt, wenn man wegen seiner Abstimmung seine Stellung verliert, das ist dock höchst zwei'fcl- hast. Wir sind stolz darauf, in»nsereu Reihen so charaktervolle. pflichtbewußte und furchtlose Männer zu finden.(Lebhafter Beifall rechts.) Wie kommt die Negierimg dazu, grade diejenigen Beamten herauszugreifen, die in allen drei Lesungen gegen den Kanal gc- stimmt habe». aber diejenigen davon anszimehnien, die in der dritten Lesung umgefallen sind. Die Regierung vergißt, daß ihr Disciplinar recht auch eine Grenze hat. die ihr durch die Verfassung gesteckt ist. Ich würde es für ein großes Unglück halten, wein, Beamte kein Mandat annehmen dürfen, denn eS ist ein Segen, i», Par- lament Leute zu habe», die nicht alles vom Parteistaiidpiuikt aus betrachten. Wir sind bereit, die Rechte der königlichen Gemalt bis zum äußerste» zu verteidigen, aber die Regierung muß die Grenzen innehalten, die ihr durch die Verfassung gezogen sind.(Beifall rechts.) Abg. v. Jazdzewski(Pole): Die Konservativen haben jetzt vielleicht eher Verständnis für da? Gefühl, als Staatsbürger zweiter Klasse behandelt zu werden., Alle Parteien sind einig in der Verurteilung der That der Sie- gierung. Abg. Nichter(frs. Vp.): Der Genuß, die Konservativen...(Laute Rufe recht-Z: Aus die Tribüne! Glocke des Präsidenten.) Präsident v. Kröcher: Der Herr Redner hat daZ Recht, vom Platze aus zu sprechen. Abg. Nichter(fortfahrend): Wollten wir immer»ur von der Tribüne aus sprechen, so würden wir nur die Geschäfte selbst sehr erschweren. Ich sagte, daß das Vergnügen, die Konservativen konstitiltionell sprechen zu hören, so selten ist, daß man es gar nicht genug auskosten kann. Das war doch früher nicht. (Heiterkeit.) Herr von Köllcr sprach von einer erbärmlichen Kanalvorlage. Was würdet, Sie(»ach rechts) dazu sagen, wenn wir von einer erbärmlichen Flottenvorlage spreche» wollte». (Große Unruhe rechts. Glocke des Präsidenten.) Präsident v. Kröcher: Ich muß den Herrn Redner berichtigen. Herr v. Köller hat nicht von einer erbärmlichen Kanalvorlage, sondern von einen, erbärmlichen Kanal gesprochen.(Heiterkeit.) Abg. Richter(fortfahrend): Gut denn: was würden Sie dazu sagen, wen» wir von einer erbärmliche» Flotte sprechen wollte».(Große Heiterkeit.) Herr v. Köller meinte weiter, wen» das Votum des Landes sich ivider die Kanalvorlage erllärcn sollte, falls es zu einer Auflösimg käme, so müsse die Regierung sich fügen. Das erkenne ich an. Diese Auffassung steht in wohlthnen dem Gegen- satze zu der Auffassung, die von konservativer Seite bei anderer Gelegenheit, z. B. bei der Z n ch t h a n s v o r l a g e, ans- gesprochen wurde. Da hieß es, wenn die Volksvertretung eine solche Vorlage wiederholt ablehne, müsse sie durch Staatsstreich durchgesetzt werden.(Unruhe rechts.) In keinem liberale» Blatte ist das Borgehen der Regiernng gegen die politischen Beamten gelobt worden. Hoffentlich hat das Vorgehen der Regierung aufklärend auf die Wähler gewirkt. Wer die Ansichten der Stegierimg vertreten muß, kann nicht zugleich die Ansichten seiner Wähler vertreten. Wie mag die Regierung nur dazu gekommen sein, plötzlich und erst vor der dritten Lesung die Landräte antreten zu lassen? Vielleicht liegt da eine der bekannten Plötzlichkeiten, ein Telegramm vor!(Heiter- keit links). Die Rede des Jnstizminifters hatte mehr Worte als Inhalt. Gegen die Unvereinbarkeit des Landratsamtes m»! einem Mandat ist nichts einzuwenden. Die Regierung ist mit dieser Ansicht aber erst mitten im Kampfe hervorgetreten. Der Justizinimstcr hat sich auf den Fall Bockimi-Dolsss berufen. Auf die Könfliktszcit sollte sich aber überhaupt niemand berufen. Nach der Rede Mi g uels bei der ersten Lesung meinte Graf Kanitz, man wisse nicht, ob der Minister für oder gegen gesprochen habe. Frh. v. Zedlitz ist trotz seiner Gegnerschaft befördert worden. Sollte da nicht ein armer Landrat meinen, es sei kein Unrecht, gegen den Kanal zu stimmen?(Große Heiterkeit.) Die Kritik des Hauses wendet sich nicht bloß gegen Herrn v. d. Recke, sondern gegen alle Minister, die in, Amt sind. Alle Bonvürfe der Konser- vativen treffen alle Minister und auch— den Herrn v. M i q u e l. (Stürmische Heiterkeit, die sich noch steigert, als nunmehr Herr von Miqucl»ins Wort bittet.) Finanzmiuister von Miqnel: Ich bin in der seltenen Lage, mit Herrn Richter übereinzustimmen. (Heiterkeit.) Er hat vollkommen recht, tvcmi er sagt, daß die Per- antwortimg alle Minister gleich trifft. Auch der Minister, der nicht ganz derselbe» Ansicht, wie seine Kollegen, trotzdem aber i», Amte bleibt, übernimmt damit die Verantwortlich- keit. Herr Richter meinte, aus der Maßregelung gehe hervor, daß der Landrat für unwählbar zum Landtage erklärt werden müßte. Gewiß hat ein Beamter das Recht,»ach seiner Ueberzeugung zu stimmen; ebenso hat aber die Staatsregierung das Recht zu prüfen, ob des Verhalten eines Beamten im Parlament mit der Amts- führung weiter vereinbar ist. Natürlich ist da ein Konflikt»nöglich. der nicht leichthin und bei weiiig bedeutenden Fällen entsponnen werden sollte. Der Beamte hat ja aber die Möglichkeit, sich der Abstimmung zu ciithalten, oder das Amt niederzulegen.(Uiiruhe.) Die Interpellation muß lediglich auf die rechtliche Seite gestellt werden. Die Lerfassungsverletzung ist von fast sämtlichen Rednern als zweifelhaft hingestellt worden. Alle Minister tragen die Verantwortung dafür; in der Anerkennung dieser That- fache sollte die liberale Presse ebenso gerecht sein wie die„Kreuz- Zeitung". Das Herausgreifen einzelner Minister halte ich für eine sehr gefährliche Methode auch gegenüber der koustitutionellen Stellung des Landtags. Abg. v. Kardorff(fl.): Die Verfassung steht über allen cinzelnen Gesetzen. Die Maß- rege! der Regierung ist mit der Verfassung nicht vereinbar. Dieser Ansicht ist ein Teil meiner Freunde. Sie halten einen flagranten Miffbrench des der Regierung gegebene» DiöeiplinarrechtS für vorliegend.(Beifall.) Wie ein M i n i st e r den Mut haben iaiin, hier auszusprechen:„Enttvcdcr, Beamter, Du stimmst für die Regierung oder Du legst Dein Amt nieder", das verstehe ich nicht. Das ist das Betriibcndste an der heutigen Debatte. Mögen sich die Parteien über einen Beschluß einige», der künftigen Vorkommnissen ähnlicher Art einen Riegel vorschiebt. Die Debatte wird hierauf geschlossen. Die Besprechung der Interpellation ist damit beendigt. Nächste Sitzung Dienstag 11 Uhr: Etat. Schluß 2»/« Uhr. ii�P~"3reöfe,y Pfennig* A I? mA J&tk B-O anr-Mb b?____ jfTk. nze Jf/Ol xMmmeratcerden A W�feu%freT M /XlGltlG ß% ilZGiCf GH* 7 mehr alS 4H � Yina�för�nB�nsir., JQ Verkäufe. Gardinenhaus Große Frankfurt er- sttaßc 9, parterre. HOSb Möbel auf Teilzahlung Teich- nlaiin, Priuzenstraße 62.[11676* Möbel. bar»ud Teilzahlung, billigst. Fraulsurter Allee 110, I. Ecke Köiiigsbergerstraße._ 28751* Stnhbauinwöbel, moderne, elegante, Stube. Küche 225 bis 5 Mark. auch einzclue spctibillig.(Kein Laden) Gartenstraße 32A 1, links.(t"6* Teppich, vrachwoller, Mauerhoff. Große Franljurlerstraße 9. ffllk* Betten. Teppiche, Steppdecken, Gardinen spottbillig Pfandleihe Zteandcrstrahe 6._ Wiiitcrpaletots. Anzüge, Rc- «mtoiruhren, Regulatoren spot, billig P so ndleihe Reanderftrahe 6, 140/15 Nähmaschinen, Adler-Singerring- schiff, Schnellnäher Bobin, ohne An- zahluna. fünfjährige Garantie. 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Artung> Freie Bereiniguilg der Bauarbeiter Berlins nnb lllngegeub. Sonntag, den 14. Januar, vormittags IS'/u Uhr, im Lokal des Herrn Hiibncr» Swincmüuderstr. 4S/z Uhr. im Lokal des Herr« IVilke, Andreasstraste 26: Mitglieder--Bersai»mlm»g Tages-Ordnung: 1. Abrechnung vom 4. Quartal 1899. 3. Ausnahme neuer Mitglieder Und Verschiedenes. 84/1 Um zahlreiches Erscheinen ersucht Der Vorstand. Frauenleiden • heilt mit vorzügl. Erfolge Fra« Lrunilmonn, drall. Naturheilkmidigc.- Sprechst. n Franenheilbad "» 79 Nähe i. Ii, Brültenstraste im WililkerKr. Dienstag« u. Freitags 6-7 n.(»harlottendg. Naturheilanst. Berllnerstr. 40,(Nähe Knie) täglich 8-10, 3-5.(35288» Ron uiit Untersuchung 1.50. »Lnsullarn Große Ketten IS M. (Oberbtll, Unlrrd-II. t»ei«iss-», mit »«reinigten«ene» Federn de» «ufto» Lustig,«erlin?tm«Tw ftrei« 1«.«teftUfie t°ste»ste>. viel» <»nerkenunugss�reiden. j Uli ff Ii 2,50,««w' 3 R. Hirschfleisch KAKH MM- Rehkeulen und Blätter. Ganse, Hühner, Enten. Tauben. Oilsebi,DMenerjtr.6t Heute. Freitag, abends 8>/„ Uhr. bei Uolin, Beuthstr. 20/22: Sitzung der Örts- Verwaltung. Sonntag, den 14. Januar, vormittags lO Uhr, im Lokal des Herrn Herstberg, Alte Jakobstr. 73: Versammlung der Einsetzer. 1. Ter Stand GcschästSkoiuuiission. Tages-Ordnung: unserer Lohnbewegung. 2. Diskussion. 3. Wahl der anuar. abends 0 Uhr, im Lokal erg. Alte Jakobstr. 73: Am Mittwoch, den 17. des Herrn Hertz billig her alten und neiien AslliästSkommisßon, sowie her Besirtö-Btttraucngnlliiiner. Um pünktliches Erscheinen wird ersucht. 76/10 Sonnabend, den 27. Januar 1900, in KellerS Festsälrn, Koppenstrastc 29: Maske, ivarr. Anfang 8-/, Uhr. �MS VW Billet 50 Pf. Billet 50 Pf. Hotobesrbeilungs- masebinen- Arbeiter. Todes- Zl»zeige. Soiiuabcud, den 6. Januar, verstarb plötzlich unser Kollege kugllst Hacke. Die Beerdigung findet am Freitag, den 12. Januar, nachmittags 3'/. Uhr, von der Leichenhalle des Emüiaus- Killbhofs aus statt. Um rege Beteiligung bittet 82/3 Der Vorstand. �enti-lll-Hrankeii- u. Sterbe- Kasse der Tisclilcr nsw. OrtSverwaltung Berlin H. Todes Anzeige. Am 6. d M. verschied plötzlich am Herzschlag das Mitglied unserer Kasse, der Fraiser August Hacke im Alter von 49 Jähren. Ehre seinem Andenke»! Die Bccrdigling findet heute nach- mittag 3'/, Unr von der Leichenhalle des Eiliinaus-Kirchbofes aus statt. Hin rege Beteiligung ersucht 184/2 Tie OrtSverwaltung. � Allen Verwandten, Genössen, Freun- den und Bekannten die traurige Nach- richt, dab mein lieber Mann, der Tischler Ituuts Crarli|)|> im Alter von 47 Jahren nach schwerem Leiden am 9. Januar, nachmittags 2 Uhr, gestorben ist. Die Beerdigung findet am Sonntag, den 14. Januar, nachmittags 3 Uhr, von der Leichenhalle des Georgen- Kirchhofes in Weifiensce aus statt. Die trauernde Witwe Anna Garlipp 1747b nebst Mutter. Ceiltrill-Krallten- n. Sterbe* lasse h-heiltschettWagellbaner. Todes- Anweise. Am Montag, den 8. Januar, verstarb plöblich das Mitglied, der Kupsersd,m>cd August Geige im Alter von 49 Jahren. Ehre seinem Andenken! Die Beerdigung findet am Freitag, 12. Januar, nachmittags 3 Uhr, vom Augusta- Hospital, Scharnborststrafie, aus nach dem neuen Nazareth-Kirchhof statt. 1742b M» Ortaverwaltung Berlin III. Orts-Krankeukaffe her Maler u.verw. Gewerbe. Montag, den 13. Januar ISOO. abends 8'/z Uhr: General-Versammlung der Delegierte« in den Armin- hallen, Kornmandantenstr. 20. Tagesordnung: I. Ersavwahl eines Vorstands- Mitgliedes 2. Neuwabl der Revisoren. 3. Bestätigung der Burcaubeauiten. 4.§ 52 ad 9; Festsetzung der Gehälter. 5. Verschiedenes. 17406 Der Borstand. verleiht billigst lUen-CarMe gröstt. Institut C. Frommholr Aschißr. 78, Ut Alknßr. Reizende Saison-Neuheiten. Damen- u.Herrenloftüuie in Atlas v.l.fiOM. ab. Vereinen bebeut. Grmäftigung. Hermann Liewaids Schankwirtschaft. Heute u. morgen: Frische Blut- n. Leberwurst.— Empschle mein« gr. n. fl. Zimmer f. Vereine u. 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In der gestrigen Sitzung der Stadtverordneten-Versammlnng führte die M a g i st r a t s v o rl a g e betreffend den ErwcitcrungS- bau des Friedrich Wilhelm s-Hospitals zu einer unerwartet lange» Tebalte, weil die Stadtverordneten Max Schulz und Perls das Bedürfnis fühlten, bei dieser Gelegenheit für die Sonderintcrcsscn von Berlin 0 einzutreten. Sie forderten die V c r- I e g u n g der Anstalt— die der znr Vorbcratung der Vorlage ein- gesetzte Ausschuß dem Magistrate empfahl, auö d e m Grunde, weil dadurch dem gesamten Osten Berlins die Bahn zu einer flotteren Entwicklung frei gemacht werde. Die Herren wurden vom Gc- Nossen Singer darauf hingewiesen, daß in solchen Fragen nicht das Interesse eines Stadtteils, sondern nur da? dcr Anstalts- i n s a s s c n m a ß g e b e n d sein Imme: mit Rücksicht auf diese sei die Verlegung in eine gesündere Stadtgegcnd zu wünschen. Der AliSsckußantrag wurde dann angenommen. Ten zweiten Punkt der TageSordnnug bildete die wiederholt vertagte Ausschun-Berichterftattling über die Magistratsvorlage, betreffend die Nichterhebung der Gemeinde- Eilt- I o mni e n ste u er von Einkommen zwischen 660 bis SOS M a r k. Ter Ausschuß hatte, indem er Herrn Cassel zu seinem Berichterstatter auSersah, den denkbar geeignetsten Mann gc- fundcn, um die ablehnende Stellung, die die Mehrheit dcS Ausschusses der Magistratsborlage gegenüber eingenommen hat, mit aller Schärfe zum Ausdruck zu bringen. Singer, der namens unser Genossen gegen den die Ablehnung der Magistratsvorlage cmpschlcndcn Antrag des AuSschnsses sprach, benutzte diese Gelegenheit, um dem Berliner Freisinn, wie er sich in der Kommunal- Verwaltung bethätigt. sein leider sehr langes Sünden- register vorzuhalten. Er wieL darauf hin, daß die Rcichshauptstadt die Pflicht habe, in der Fürsorge für die wirtschaftlich Schtvackcn allen anderen Städten voranzugehen. Tic Gegner der Magistratsvorlage versteckten sich hinter der angehlichcn Befürchtung, daß die Nichterhebung zn einer Wahlrechtsentziehuug führen könne— enie Folge, die»ach der gegenwärtigen Loge der Sache vollständig ausgeschlossen ist. Tie Debatte zog sich, nachdem ein Antrag auf Vertagung und zwei Anträge auf Schluß dcrDcbatte abgelehnt warcn.unter wachsender Unanfnierksanikeit der Versammlung bis weit in die zchntc Stunde hinein. Tic Abstimmung brachte dem Ausschußantrag leider eine Majorität von 4 Stimmen. Der ÄomniunallibcraliSmnS hat damit einen neuen.Sieg" erfochten, der sich den anderen.Siegen", die ihm die Stadtverordnctcu-Sitzungcn der letzten Wochen und Monate brauchten, würdig anreiht und— wie diese— eine moralische Niederlage bedeutet. Unter empfindlichen Störungen hat in der letzten Zeit wiederholt der Stadtbahnvcrkchr zu leiden gehabt. Als Ursache wird in der Regel das Tcfcktwcrdcu einer Maschine angeführt. DaS ist,, wie uns zu diesen Störungen geschrieben wird, kein Wunder. Aus der Stadt- und Ringbahn lausen z»m großen Teil Maschinen. die so alt sind wie die Bahn selbst oder auch noch älter. Auch Eisenbahn-Lokomotiven werden einmal altersschwach, und dann fehlt ihnen bald hier, bald da etwas. So kommt es denn immer häufiger vor, daß plötzlich mitten auf der Strecke oder ans einem Bahnhofe eine Maschine schadhaft wird und geflickt tvccdcn muß. Das kann längere oder kürzere Zeit in Anspruch nehmen und hiernach richtet fich auch die größere oder geringere Dauer und Entpfindlichkeit der Verkehrsstörung. In der Erinnerung der Leser ist wohl noch der Elieubahn-Unfall auf dem Potsdamer Bahnhof, bei dem ztvci Heizer verunglückt sind. Damals hieß es, daß die lebensgefährlichen Ma- fchmen abgeschafft werden sollte». Sic sind inmier noch in Dienst, dank der bekannten Spnrsamkcilspolitik. Für Berlin werden im preußischen Etat für das nächste Rechnungsjahr weiter gefordert eine vierte Rate von 3ö7 300 Mark lür die Ncnanlage des Botanischen Gartens bei Dahlem. Zur Erivciterung der K n n st in u s e e n aus der Musenmsinsel sind I 100 000 M. in de» diesjährigen Etat gestellt, außerdem zur proviiorischen llnterbringung der O l y m p i a- S a m m l u n g en 30 SOO M. Der fortschreitende Ilmban der Charit« erfordert in diesem Jahre einen Kostcnauflvand von oSOOSO M. Ter Neubau x" b 6 U<1) c n H o ch s ch u l e n für die bildenden Künste und für Musik beansprucht als dritte Rate 7S0000 M. Für die Erweitern»« der Technischen Hochschule zu Charlottenburg, deren Kosten aus 1100 000 M. veranschlagt sind, sind in diesem Jahre 300 000 M. in den Etat eingestellt. Zur Anlage einer R e g e n v o rri ch t u n g auf der Bühne des königlichen Schauspielhauses iverdc» 6400 M. gefordert. Zum Neubau eines GcschäftSgcbäudeS für die Civilabteilungen des Landgerichts 1 und des Amtsgerichts I Berlin werden als fünfte Rate 300000 M. verlangt,' als Er- gänznngSrate zum Neubau eines Gefängnisses zur Unter- bringung der wegen Ucbertretung in Untersuchungshaft genommenen Männer in Berlin werde» als Ergänzungöratc 35 000 M. gefordert. Zum Ankauf eines Teils des militärstskalischcn Grundstücks Magazin st raße 3— ll in Berlin zwecks Uiitcrbriiigung der Depots I und III der berittenen Schutzmannschaft und zur Errichtung der erforderlichen Baulichkeiten werden als erste Rate 1 070 875 M. verlangt. Ei» Institut und Museum für Meereskunde wird bei der Berliner Universität zum 1. April errichtet werden. Alle Zweige der Erforschung des JKecrcS solle» darin, losgelöst von anderen Wissens- zweigen, unterstützt durch ein umfassendes AiischanungSmatcrial, gc- lehrt werden. Zur Unterbringung des Instituts sind die lin kurzem frei werdenden Räume des ersten chemischen Instituts in der Georgcustraße bestimmt. Zur bonlichen Einrichtung sind 12000 M., zur inneren Einrichtung 15 000 M., zur Ausstattung der Lamm- lungcn und zur Begründung einer Bibliothek 120000 Mark vor- gesehen. Bei der JuvaliditätS- und AlterSverfichcrungS- Austalt Berlin sind im Laufe des Vierteljahres Oktober— Dezember 18W 75 Anträge auf Gewährung von Altersrente eingegangen; aus der Zeit vor dem 1. Oktober 189S lagen noch 21 Anträge vor, hinsichtlich deren die Entscheidung noch ausstand. Von diesen 06 Anträgen sind bewilligt 39, abgelehnt 13, anderweit erledigt 3 und unerledigt ans daS folgende Vierteljahr übernommen 41. Bis zum 31. Dezember 1899 waren insgesamt bewilligt an Altersrenten 4182. Von diesen sind ailsgeschicdcii_ durch Tod 1442. aus anderen Gründen 117, zusammen IKill, so daß am 31. Dezember 1399 2623 Altersrenten- Empfänger vorhanden waren.— Innerhalb des gleichen Vierteljahrs sind 640 Anträge auf Gewährung von In- validenrcntc eingegangen und 185 unerledigt aus dem Varvicrtcljahr übernommen. Von diesen 825 Jnvaliden-Aiiträgen sind 320 bewilligt. 100 abgelehnt, 29 anderweit erledigt, L7S nnerledigt ans das folgende Quartal übernomnicii worden. An Jnvalidenreiitcii sind bis zum 31. Dezember 1899 überhaupt»830 bewilligt worden. AnS- geschieden sind inzwischen durch Tod 3050, auS ander» Gründen 226, zusammen 3270; mithin war am 31. Dezember 1809 ein Bestand von 5554 Jnvalidcnrcnten-Empsängern aufzuweisen. Die Ueberfüllung per Berliner Kraukenhäuser, über die -schon seit Jahren um diese Zeit regelmäßig geklagt wird, hat sich auch jetzt wieder eingestellt. Die Centrale der Berliner RettungS- gesellschaft tTel. Amt III, 1060), die jeden Morgen nach der Zahl der freien Betten Umfrage hält, hat nach niemals so niedrige Zahlen zur Antwort erhalten cils gegenwärtig. Die höchste Zahl war in den letzten Tagen sechs. Die Abteilungen für Geisteslranke haben überhaupt kein Bett frei. Man sticht in Berlin bekanntlich diesem schreienden Mißstände dadurch zu begegnen, daß man die Verpflegungs- flitze erheblich erhöht. Die Rache der Bäckermeister. Die Abschaffung der freien Zustellung von Backware ins Hans, wodurch die Bäckermeister sich für die Beschränkung der Kinderarbeit schadlos halten wolle», soll schon mit dem 1. Februar d. I. eingeführt werden. Für die Zustellung der Backware inS Haris soll dann jeder Knude 10 Pf. monatlich cntricbtcn. Durch Flugblätter mit eingehender Darstellung der Sachlage soll die Bevöllennig von der Neuerung Kunde erhalten. In der Berliner medizinische» Gcscllsckstift hat, wie nicht anders zu erwarten war, gestern der Z u n f tz o p f gesiegt. Mit etwa 300 gegen 150 Stimincn hat die Bereinigung sich gegen den von Dr. Zadel gestellten Antrag erklärt, der bezweckte, daß alle in Berlin und desicii Umgebung wohnhasten Acrzte und Aerztin nen oder rite promovierte döctares rnedicinae Mitglied der Gesellschaft werden könnten. Es würde demgegenüber ein Antrag des Vorstandes angenommen, wonach nur ein für das Deutsche Reich approbierter Arzt Mitglied der Gesellschaft werden kann. Die Müllabfuhr ging in den letzten Wochen außerordentlich langsam und impünktlich von statten. Die WirtschaftZgenossciischast Berliner Grundbesitzer entschuldigt sich damit, daß ihr wegen des Schnecsalles in den Feiertagen statt der erforderlich gewcscneii 50 Gespanne nur 38 zur Verfügung gestanden hätten und Ersatz- wagen für kein Geld zu haben gcives'cn wären. Auch sei das Wechsel- kasten-Shstem, sowie der Umstand, daß für die 24 000 Centner Müll. die täglich zu befördern seien, einzig der städtische Abladeplatz in der Müllcrstraße zur Verfügung stehe, schuld an den Unaimchmlich- leiten. I» den städtischen Gasanstalten ist der Preis für ein Hckto- litcr Cooks durchschnittlich um 10 Ps. erhöht worden. Mutzte das sei»? Bon einer Brandkatastrophe wurde in vorletzter Nacht der Personenzug Breslau-Berlin betroffen.?lls der Zug gestern früh um 3 Uhr in die Station Halban einfuhr, geriet der Postpaket- wagen auf bisher unaufgellärre Weise in Brand. Da das zum DircktionSbezirk Breslau gehörige Haibau nur eine kleinere Station ist, der Löschcinriditnngcii fehlen, so wurde der Postpaketwagen ein Raub der Flammen. Etlva 1500 Pakete sind verbrannt, und nur 25 Pakete konnten gerettet werden. Man nimmt an. daß sich feuer- gefährliche Gegenstände im Wagen befunden und entzündet haben. Ein Unfall ist bei dem verheerende» Brande nicht vorgekommen Dem begleitenden Postschaffner Wickel gelang es noch rechtzeitig, unter Zurücklassung seiner Dienstkleider und Stiefel, sich zu retten. Der Personenzug kam mit erheblicher Verspätung hier an; den Paffagicrcn gewährte der nächtliche Brand einen eigenartigen Anblick. Zn dem aussehcncrrcgendcu Diebstahl, der bei der Firma P f i n g st u. E o, Königstr. 33. in der Nacht zum 24. Dezember verübt wordcn ist, wird uns berichtet, daß der bereits vorbestrafte Hausdiener Jgnaz B. der That dringend verdächtig ist. B. ist flüchtig. Alle früheren VcrdochtSnioincnte haben sich als un- zutreffend erwiesen. Roch nicht fcstgcstollt ist die Persönlichkeit eines ManneS, der am Sonntagabend um 80« Uhr vor dem Hause Grcifswalderstr. 108 bewußtlos aufgefunden wurde und auf dem Wege zum Krankenhaus am Friedrichshain starb. Der Unbekannte war etlva 35 bis 40 Jahre alt, 1,55 Meter groß und sehr kräftig. Ueber fichtbare und unsichtbare Strahlen lautete das Thema des ersten CciitenarvortragcS, den der Miinchencr Professor Graetz am vergangenen Mittwoch in der„Urania" in der Taubcnstraße hielt. Ueber die verschiedenen Arten von Strahlen. zunächst die dcS sichtbaren SpektrnmS, dann! die jenseits der rot liegenden dnnkclii Wärmesirahlen. ferner die ultravioletten und die durch die Kathodenstrahlen hervorgerufenen Röntgen- Strahlen, und schließlich über die Strahlen der elcltrischcn Kraft und die Hertzschen Wellen ist in der„Urania" in einzelncii verschiedenen Abenden schon öfter-' vorgetragen worden. Erwähnt mag noch iverden. daß auch eine Neuigkeit den Besuchern geboten wurde: sie konnten die Wirkung der von dem Radi n in ausgehenden Strahlen, die init den Röntgen-Strahlcn nahe der- Ivandt sind, veobochten. Bald nach RöntgenS Entdeckung ivnrde von Bccqucrcl diese Strahlung entdeckt, und im weiteren Verfolg derselben entdeckte das französische Ehepaar Curie die beiden Substanzen Radin m und Polonium, die der Hauptträgcr dieser Strahlimg zu sein scheinen. In Deutschland sind diese Er- scheimmgcn besonders von Dr. Giesel in Brannschivcig weiter verfolgt worden, der auch ans der letzien Raturforscher-Bersamnililiig in München diese intereffaiitcn Strahlen den Phiisikcrn vorführte. Er hatte seine Radium-Präparate Herrn Prof. Graetz freundlichst überlasseii, so daß auch das Publikum der Urania diese neuesten Strahlen und ihre Wirkung, daZ jüngste Ergebnis der überaus reichen Strahlcnforschnng unseres Jahrhunderts, ans eigener An- schaunng lenncii lernte. Tbratcr. Im Schille r- Theater ist die Bcictzung der Hauptrollen in de», heule zum erstenmal znr Anffiihruna kommenden Volksiiua „Freudvoll und lcidvoll" von Louiö Hennami, Münk von A. Steffens, folzetide: Kaff). Altmann; Julius Eyben; Erich: Georg Pacichkc; Frau Dr. Stöhr: AgneS Werner; Käthe: Elfe SciL: Iowa Müller: Carl Dahlen; Schefflcr: Rcnihold Kästlin; Marauardt: Mar Eistfeldt; Rabnse: Alfred Sckuiiaiow; Reiiuann: Leopold Thurner; Elise: Grete Meyer; Dörthe: Margarete Hcrting.— An dem Ada N e g r i- Abend, den das Schiller- Theater Sanntag, den 14. Januar er, im Bürgcrfaal des Rathauses vcr- aiislaltct, wirken als Sprecher Alwine Wiccke und die Herren Ferdinand Grcgori, Georg Paeschke. Leopold Thurner mit. Ten GesangSteil hat Else Moest-Schoch übernominen, den einleitenden Vortrag hält Dr. R. Löwenseld. Im Hörsaal der Urania beginnt heute(Freitag) Herr Dr. P. Schwahn einen ans acht Vorträgen bestehenden EyklnS über ansgewähltc Kapitel aus dem Gebiet der Erdluiidc mit dem Vortrag:„Die allgemeinen phnfikaltschen Eigenschaften des ErdkörperS". Am Sonnabend beginnt Herr Professor Dr. C. Müller etilen auS sechs Norträgen bestehenden Kursus über„Die Naturgeschichte im Alltäglickien" und wird im ersten Vortrag:«Die Natur- gclchtchte im Land'chastsbilde", charakteristiickie LandschaitSbilder besonders aus den Gebieten unscreü Boterlaudes mit Bezug aus die geologische For- mation vorsllhrc».__ AuS den Nachbarorte». GewerbegerichtSwahlcu in Schöneberg. In Schönebcrg finden am Sonnabend, den 20. Januar, im Saale des Lindenparks, Hauptstraße 17. die GewerbegcrichtSivahlcn tatt. Die Wahlhandlung geht in den Stunden von 4—8 llhr abends vor sich. Als Legitimation gelten: Militärpapier. Mietskontrakt, Be- schcimguiig dcS Arbeitgebers oder der Polizei darüber, daß der Wähler ein Jahr am Orte arbeitet oder wohnt. Zur Agitation für diese Wahl findet am Sonntag früh 3 Uhr eine Flugblatt- vlerbreitung statt, zu der sich die Genossen. Arbeiter aller Be- rufe in folgenden Lokalen einfinden werden: Schilling. Ähffhäuser- traße 16; Obst. Grnnewaldstr. 110; Hoppe, Meriebnrgerstr. 7; Grimm, Sicgfriedstr. 8; Hanscr, Sedanstr. 31; Schulz, Bahnstr. 33; Letz, Haus- nnd Wielandftraßen-Ecke; Püschel, Gutzkowstr. 9. Eines f inwciscs auf die Bedeutung dieser Wahlen bedarf eS wohl nicht. eder Wähler Ivird eS als seine Pflicht betrachten, unter Seines- aleichen nach Kräften zu agitieren. Am Montag, den 15. Januar, Und et im Klubhause. Hauptstr. 5—6, eine Versammlung statt, in der auch die Kandidaten bclannt gegeben werden. Der Vertrauensmann. Pankow. Die Parteigenossen werden ersucht, sich zu der am Sonntag stattfindenden F l n g b I a t t- V e r t e i ln n g morgens 8 llhr im Lokale de« Herrn Dcvanticr, Flora- und Mtihlenstraße» Ecke einzufinden. Mit der Verbreitung dieses Flugblattes treten wir in die G c m e i n d c r a t s w a h l c n ein und geben gleichzeitig bekannt, daß die Wählerlisten in der Zeit vom 15. Januar bis zum 30. Januar auf dem A m t s b n r e n u auZliegeii, woselbst sie während der GeschäftSstnndcn eingesehen werden können. DaS Wahlkomitcc. I» Waidmaunslust spricht Sountagnachmittag 4 Uhr Genosse Kiesel bei Streckenbach über die Flottcnvorlage. In Britz Ivird Genosse Obst am Sonntagnachmittag 2', 2 Uhr bei Buschkrug, Rndowerstr. 51, einen Vortrag über die Gemeinde- wählen halten. Sonntag srüb 7> 2 Uhr ist Verteilung von Hand- zetteln, zu der sich die Geilosseil zahlreich bei Dorn, Biirgerstr. 4, einfinden wollen. Au» Rixdorf. Da-? hiesige Gewerbegericht hielt am Donnerstag unter Borsitz des Stadtrats Gramer seine erste Sitzling ab. ES standen 8 Termine an, in welchen eS sich sämtlich um ichck- ständige Lohnforderungen, zum Teil in recht beträchtlicher Höhe, handelte.— Von eineni Straßenbahnwagen überfahren und ans der Stelle getötet wurde in der Bergstraße der lljährige Sohn Fritz de? Baminternehmers Papke, Vcrgstr. 58 wohnhaft. Beim Spielen mit anderen Knaben lief der kleine Papke über den Straßen- bann», als gerade ein Motorlvagen der Linie Britz-Schönhauser Allee vorübcrsuhr. Bevor der Führer des Wagens bremsen konnte, war das Unglück schon geschehen. Die Leiche des unglücklichen Kindes wurde polizeilich beschlagnahmt und nach der Leichenhalle des alten Rixdorfer Kirchhofes gebrockt.— Wegen Straßenraubes verhaftete die hiesige Kriminalpolizei vier in Britz wohnhafte Per« sonen, nämlich die Arbeiter Otto Eim und Rudolf Panzer, den Fraiscr Hermann Schneider nnd denen Bruder, den Kartoffelhändler Paul Schneider. Die Verhafteten haben vor einiger Zeit in der Rudowerstraße die Arbeiter Paul Henscl und Oskar Becker ans Rix- dorf des Nachts überfallen nnd beraubt. Rixdorf. Die hiesigen Waisenräte hatten dieser Tage unter dem Vorsitz des Amtsrichters Ficgcl eine Konferenz, um darüber zu beraten, wie etwa vorhandene Mängel im WaiscnratSiiistitut zu be- scitigcn seien und wie sich das Institut beleben und weiter nutzbar machcii lasse. Der Vorsitzende erläuterte die für die Waisenräte wichtigen Bestimmungen des neuen RechtS. Als Vertreter dcS Magistrats war der Stadtrar Gramer crschienc». Er teilte mit. daß der Magistrat die geplante Einfiihrmig der Bezirksvorsteher bcnntzen wolle, nm das'gesamte Armen- nnd WaiienratSwesen neu zu organisieren. Hieran knüpfte sich eine lebhafte Aussprache, von der män erhofft, daß sie znr Beseitigung verschiedener Mißstände in der Armen-, Kranken- und Waiscnpflcge fnhicn werde. Tie Gemeinde Wilmersdorf will, wie berichtet wird, nach dem in Schöneberg und Charlottenburg gegebenen Beispiel eine Realschule errichten, die später zum R e s 0 r 1» g y m n a s i n« ansgebaut werden soll. Die nenc Wilmcr-Sdorfcr Anstalt soll bereits zu Ostern d. I. in-? Leben treten, nnd zwar mit zwei Vonchitlklasscu und den Klassen Scrta nnd Quinta der Vollanstalt. Diese Klassen sollen zunächst in den noch iinbemitzte» Räumen des Bismarck-Ghmnasimns und dann bis zur Errichtung eines eigenen Gebändeö in Mictsräumen untergebracht werden. In Qbcr-Tchöiieweidc ist der bisherige Gemeindevorsteher D e u l auf 12 Jahre zn diciciii Amte wiedergewählt wordcn. Sein Gcbalt beträgt 6000 M. Die Gemeindevertretung hat ferner be- schlössen, die W i l h c l m st r a ß e mit alten Steinen neu pflastern zn lassen. Zu einer guten Pflastcrung konnte man sich nicht entschließen. Daun sprach inan sich in der Gemeindevertretung gegen den Autrag. die Zahl der Vertreter von 9 ans 12 zn vermehren, auS folgenden bemerkenswerten Gründen ans: Erstens sei der Sitzungssaal zu klein, um»och drei Personen fassen zu können, und zweitens könnten sie. die bisherigen Vertreter, die ibncn obliegende Arbeit recht gut bewältigen. Was es mit diesem Grunde ans sich hat, erfuhr man bald, als alle Mitglieder der hohen Körperschaft die Wahl in eine Konunijsion ablehnten, iveil sie so schon genügend zn thim hätten. Schließlich leistete man sich aber doch die Wahl einer Kommission, deren sämtliche Mitglieder Gegner der Vermehrung sind. Tic WohnnngSnot hat auch in Johannisthal und Nieder- Tchöucweidc sich schwer fühlbar gemacht. Verschiedene Familien sind gezwungen, vom Orte fortzuziehen, da eS ihnen nicht möglich ist, an Stelle der alten, ihnen gekündigten Wohmnig eine iiitic zu finden. MictSsteigeniiigeii sind natürlich an der Tagesordnung. Eine Dachwohinmg. bestehend ans Stühe. Kammer und Küche, die bisher 56 Thalcr kostete, ivird jetzt ftir 70 Thalcr vermictct. und eine denn schon zn Weihnacht begann ein gegenseitiges lleberbietcn. Da noch viele Fabriken nach hier verlegt werden, ist für die Zukunft keinerlei Befferimg zu Gunsten der Mieter zu erwarten. Die Ge- meindevertretmig steht der Kalamität ratlos gegenüber und thut auch sonst kaum etwas, nm die keiiieswcgs günstigen Ziistände am Orte zu ändern. Der von bürgerlicher Seite in der dritten Ab- tci.ffmg geivählte Gcmeindcvertr'cter Klavierarbeitcr Schllft meinte ans eine Anfrage achselzuckend. eS habe ja nicinand nötig, nach Johannisthal zn ziehen, nnd die Petinoii der Soeialdeniokraten um Bxkevchtntig dcS Ortes in den Morgeilstnuden fertigte er mit der Rcdeweildiing ab, daß»tan sich auch daran geivöhilen könne, im Dunkel» auf der Straße zu gehen. Ein Schülcr-Tolbstmord wird miS dem Havcldors Kladow bei Spandau gemeldet. Der sechzehnjährige Sohn Ernst des Bauern- gutSbesitzers Schütze in Kladow besuchte eine höhere Schule in Charlottenburg und war dort bei eincr Familie in Pension. Der sehr fleißige lind strebsame Ernst war von seinem Vater für einen „höheren" Berns bestimmt; er zeigte sich bei seiner unzureichenden Vcranlagmig der Ausgabe indes nicht gewachsen. Nur mit Mühe vermochte er dem Ilntenfcht zu folgen, iind vor Weihnachten geriet er deshalb mit seinem Lehrer in Konflikt, der eines TageS in Thät- lickikeitcn zwischen beiden ausartete. Seitdem ging der junge Mensch nur noch mit Widerwillen in die Schule. Nach Neujahr, tobald die Ferien zn Ende waren, ivnrde er wieder in die Pension nach Char« lottenburg gebracht: er hat die Schule jedoch nickst wieder betreten. Während sein Vater nichts Schlimmes ahnte, war der Sobn heimlich nach Kladow zurückgekehrt und hatte in einer Laube des elterlichen Gehöfts feinem Lebe» durch einen Revolverschliß in die Brust ein Ziel gesetzt. Am Mittwochmorgen fanden Bedienstete des Gutc-Z die Leiche. Der Vissport auf der Havel hat zwei Menschenleben zum Opfer gefordert. Der Buchhalter Wilh.Mahnke in Spandau war im Bureau der Maschineiibau-Anstalt WenS n. Co. zn Weinmeistcrhorn angestellt. Montagabend wollte er sich mittels Pikschlitten über taS Eis»ach Spandau begeben. Seitdem ist er verschwunden. Man befürchtet, daß er in eine offene Stelle geraten und ertrunken ist. Er hinterläßt eine Frau mit drei Kindern. Der zweite Fall er- eignete sich bei Tegelort. Der Bäckermeister Schmidt zu Waldburg bei Heiligcnsce war zum Geburtstag bei dem Restaurateiir ZelewSki in Tegelort gewesen und gedachte mittels Schlittschuhen auf der Havel nach Hause zurückzukehren. In der Nähe eines Fischerwehrs, wo das Eis in der Regel nur schwach ist. brach er ein und er- trank. Abgebrochene Eisstücke an der Stelle zeigen an. daß der Verunglückte in der Todesangst vergeblich versucht hat. sich zu retten. GvL iiuitg« Weigert contra C�ih. Sehr viel Zcit mugte gestern eine Abteilung des AiutZgerichtS 1 auf eine Privatklage verwenden, die der bekannte Eetvcrberichtcr Fabrikant O, Weigert gegen den Fabrikanten Opitz angestrengt hatte. Tic Klage hatte eine'längere Vorgeschichte. AlS Herr Weigert die Absicht hatte, für die Stadt- berordneteu-Versanmllitng zu kandidieren, bekäinpftc n. a. Stadtv. Rast diese Kandidatur und berief sich dabei auch auf eine vor langer Zeit erschienene, gegen Herrn Weigert gerichtet gewesene Broschüre.'Letztere rührte von dein s. Z. flüchtig gesvordcnen Redactenr Holländer her und enthielt schwere Beleidignngen gegen Hrn. W., so daß Holländer seiner Zeit zu einer ungelvöhnlich hohen Geldstrafe verurteilt wurde. Tie Berufung auf diese Broschüre hatte für den Stadtv. Rast eine Anklage wegen Beleidigung des Herrn Weigert zur Folge. Letzterer .. � Herrn W. ein Cxeuiplar jener alten Broschüre überlassen hatte. Durch diese Weiterverbreitimg der schon_ abgeurteilten alten Beleidigung fühlte sich Herr Weigert in seiner Ehre gekränkt, tvährend der Beklagte den Schutz dcei§ 103 für sich in Anspruch uahiu, da er als Berliner Bürger uud. Wähler das Recht habe, möglichst weite Aufklärung. über die Persönlichkeit eines Kandidaten.zu verbreiten. Herr Opitz'hatte. aber auch Widerklage erhoben, weil der Kläger in einer Zeitungsnotiz erklärt hatte, dag ihm die Broschüre ans seinem Pult gestohlen worden sei und dah er gegen den„Zuträger" vorgehen werde. Die umfangreiche Verhandlung endete damit, dast beiden Parteien der Schutz des 8 kW zugesprochen und deshalb auf Freisprechung erkannt wurde. Tic Kosten wurden den Parteien glcichmätztg zur Last gelegt. da sie nicht im stand- gewesen sei, mit dem ihr von ihrem Manne gewährten Wirtschaftsgelde ihre ans nenn Kopsen bestehende Familie zu ernähren. Tie Ausführung der Diebstähle wurde in der Regel erst bemerkt, nachdem die Angeklagten längst entkommen waren. Schließlich wurden sie bei einem Diebstahl im Wert- hcimschen' Geschäft in der Oranienstrahe ertappt und fest- genommen. Die Anklogebcbörde hält die beiden Frauen. von denen die Angeklagte' Sasse schon wegen Diebstahls vorbestraft ist, für zwei Ladendiebiinien der gefährlichsten Art, welche shstcmatisch bcdeuiciidcrc Geschäfte in dein verschiedensten Teilen der Stadt anssnchtcn und plünderten, Ivo sich ihnen eine Gelegenheit dazu bot. Ein Kriminalschntzmanii. der sie eines Nachmittags im Ollobcr beobachtete, bemerkte allein, daß sie nacheinander 15 Gc- schäfle anssnchteii. Ans den Umfang ihrer Thätigkeit deutet auch der Umstand hin, daß bei ihnen 25 Pfandscheine vorgefiinden wurden, Ein Abentener auf der Polizeiwache beschäftigte gestern die erste Straslammer am Landgericht II. Wegen Amtsvergehens harte sich der frühere Amtsdiener, jetzige Botenmeister Karl R a m e k o w ans Rixdorf zu verantworten. In der Nacht zum 27. Juli 1808 harten zwei Nachtwächler Veranlassung, in der Wißiuaimswaße drei junge Leute wegen ruhcstörenden Läniiens zu airetiereir und nach dem Amtsbiireau zu bringen, wo die Personalien derselben festgestellt werden sollten. Der Angeklagte hatte Nachtdienst und niusite die Personalien austiehmen. Die drei jungen Leute legitimierten sich als die drei Gebrüder OSkar,. Waldemar und Adolf Lanner, Buchhalter ihres Zeichens. Auf die eiste Frage des Tienftthuenden gab OSkar L. i)CU$lcltcitc. eilte fiti'.tflttoeftunbpiie 9/itflnnrf h?i> der Aeltcstc, eine.kiirzangebundene Antwort, die einem seiner Brüder ein leises Lächeln abnötigte. Ter Nachtwächter Kost nahm daraus Vcranlasning, dem Amtsdiener ziiznrusen:„Sieh mal, wie frech der Kerl grient!" Nach der Darstellung der drei Brüder wollen sich dieselben über die Bezeichnung„frech" beschwert haben, der Amts- dicner habe aber gesagt, man könne auch durch Mienenspiel eine strasbarc Beleidigung begehen. Als die Feststellung der Personalien erfolgt war, erklärte der Angeklagte: Was? Binbhalier wollen Sie sein? Strolche sind' Sie! Und' als Oskar Lanner gegen diese Bezeichnung Protest erhob, da will er � von dem Beamten mehrere F n u st s ch I n g e in das Gesicht erhalten haben. Als er dann mit seinen Brüdern das Lokal verließ, will Oskar L. bereits im Innern der Wachtstnbe seinen Hut aufgesetzt haben igid da soll der Angeklagte gcrnfcn haben:„Sic Flaps! Den Hut setzen Sie draußen auf." Ter Verletzte bat vier Monate dazu gebraucht, um sich zu besinnen, ob er Strafantrag stellen solle, lind nachdem er dies doch gethan, hat er sich auf die Körperverletzung beschränken müssen, weil die Beleidigung bereits verjährt war. Tie beiden Nachtwächter behaupteten eidlich, von den Schlägen nichts gesehen zn haben, obwohl sie anwesend waren. Die drei Brüder blieben aber bei ihrer Behauptung und der Gerichtshof schenkte ihnen Glauben. DaS Urteil lautete unter Zubilligung mildernder Umstände ans 100 M. Geldstrafe. Unter der Anklage dei BandcndiclistahlS standen gestern zwei verheiratete Frauen vor der vierten Strafkammer hiesigen Landgerichts I, um sich wegen zahlreicher L a d e n d i c b sl ä h I e' zu verantworten. Tie verehelichte Werkmeister Marie Koppen niid die verehelichte Drechsler Margarete S a s s c. Beide Frauen wohnten in einem Hause der Fürstenivalderstraße und verbündeten sich zur fortgesetzten Begehung von Diebstählen. Sic operierten gc- wöhnlich auf folgende Weise: Sie gingen gemcinschastlich in ein von ihnen aufs Korn geiioiiimencs Geschäft und während sich die eine eine größere Anzahl von Sachen zeigen ließ und dadurch die Anfmerksainkcit der Verkäuferin voll in Anspruch nah»!, benutzte die andere die Gelegenheit. alles, was sie gerade erhaschen konnte, in einem mitgebrachten Korb oder unter dem Mantel verschwinden zu lassen. Die gc- stohlenen Sachen würden' von der Angcklagicn Koppen ver- setzt oder verkanst. der Erlös ivnrde geteilt. Tic Angeklagte Sasse behauptete, daß sie die Diebstähle ans Not b e g a n g c n habe, inhalts deren von Frau Koppen die verschiedensten Gegenstände in kurzer Zcit versetzt worden sind. Ter Staatsanwalt beantragte je vier Jahre Gefängnis. Rechtsanwalt Dr. Schöps bestritt dagegen, daß sich Frau Koppen des Bandeiidiebslahls schuldig ge- mach': habe, und berief sich aus Zeugen, welche bekundeten, daß ihr Verkehr mit der Sasse eist kurze Zeit, bestand und die Sasse stets so lange aus die ftöppen eingeredet habe, bis diese ihren Drängen, sie zu begleiten, nachgab. Ter Gerichtshof verurteilte die Angeklagten zu je z w e i Jahren Gefängnis. Vevsnnrmlttnsett. Ter Wahlvcrein für den dritten Reichstags Wahlkreis hielt am Mittwoch eine Gencralversaniinlnng im„Märkischen Hof" ab. Der Vorsitzende R i ck e r t erstattete den Geschäftsbericht des Vorstandes: Im letzten Halbjahr fanden 2 General-, 4 Mitglicdcr- Bersammliiiigen mid 6 Vorstaiidssitzimgcii statt. Die Mitglicdcrzahl beträgt 775,' gegen 813 im Vorjahre, es ist also ein Rückgang von LS zu verzeichnen. Dem Bericht des Kassierers zufolge betrug die Einnahme im vierten Onartak 1800 lein- schließlich eines Bestandes vom dritten Quartal von 156.52 M.) 805.02 M., die Ausgabe 414,05 fOL, so daß ein Bestand von 301,87 M. verbleibt. Der Kassierer wurde ans Antrag der Revisoren entlastet, und darauf die Ersatzwahl des Vorstandes vorgenommen. Dieselbe hatte folgendes Resultai-Hoch, 1. Vorsitzender, H a r u d t. 1. Kassierer, Jo nas, t. Sckiristsührcr, Wich mann, Beisitzer. Die Wahl eines Revisors fiel aus Hahn. Nachdem die geschäftlichen Augclegenheiten erledigt waren, hielt Dr. Zadel eincii intcrcjsantcn und lehrreichen Vortrag über die Pest. Central Kommission der Krankenkassen Berlins. Freitag, den IS. Januar 1000, abends 9 Uhr. im Luisenfladtischen Konjerthavs. Alte Jakobstiähe 37: Versaiiniiliing der Aranlcnkaffcn-Vorstäi'.de uitd BcrwaltimßS- Bcaniteii und der„Berliner Acrztcschaft". TagcS-Ordmmg: Wie stellen sich die Kranlcnkaffcn und die Aerztelchaft Berlins zu der Erbnhimg der Kur- kosten in der kunigl. Charitv und den übrigen Kranlenhäulern Berlins? Rkfercnt: Stadivervrdneler Dr. Curt Freudeuberg. BeischieneneS. Dirne auZ Kiel zu sein, geschlagen worden. Schließlich wollte er die Verhaftete nach Hanse bringen, wobei er verlangte, daß Weg über daS Rheinwerst genommen werden sollte. Das bedeutet so viel, wie den Weg nach rechts eiuznschlagc», während er nach links führt. Das Werft ist nachts meiifchenleer. Etlvas Gutes wird der Polizist mit diesem sonderbaren Vvrjchlagc wohl nicht bezweckt haben. Die schwere Ausschreitung soll ans Betrunkenheit znrückzn- führen sein. Dreizehn Schulkinder erfroren! Auf dem Heimwege von der Schule wurden vor einigen Tagen nächst dem Dorfe Münnich- schlag. Bezirk Nenhaus lBöhinen), dreizehn Schulkinder von einem Schneesturm überrascht und fanden hierbei den Tod. Die be- daueriiswerten Kleinen lagen auf einem Schneehaufen znsainmcii- gekauert, fest umschlungen. Sie wollten einander offenbar gegen- scitig erwärmen, die Kälte raubte ihnen aber das Bewußtsein und sie schliefen ein. Als man sie auffand, waren sie bereits dem Er- frierimgstode erlegen._ illU bei Itcl tnrh Marktpreise von Berlin am 10. Januar 1000 nach ErmiUImigcn deS tgl. Polizeipräsidimiis. D-Ctr. 14,00 11,40 13,80 15,20 14,30 13,50 4,16 7,10 40,- 45,— 70,- 7,- 1,60 1,20 Tonne 13,90 13,60 13- 14,40 13,60 12,80 3, SS 4,- 25,— 25- 30,- 5,— 1,20 1,- vo» Schweinefleisch Kalbflelfch Haminelfleisch Butter Eier Karpscn Aale Zander Hechte Barsche Schleie Bleie Krebse 1 kg 60 Stück 1kg per Schock 1,60 1,70 1,60 2,60 6,- 2,20 2,80 2,50 1,60 2,80 1,40 12,- 1,10 1,- 1,- 2,— 3,- 1,20 1,40 1,- 1,- 0,80 1,40 0,80 3,- der Ceiilialstelle der Preich. Land- ni'.ö umgerechnet vom Polizei- Vevinisilzkes. Ein Nachtwächter. In dem Dorfe Nied bei Frankfurt a. M. kam cö am Mittwochabend ans der über die. Nidda führenden Holz- brücke zwischen dem Nachtwächter Kaiser inid zlvci jimgcn Leuten zum Streite, wobei Kaiser die beiden in die Nidda warf. Der eine, Namens Sclott, konnte sich retten, während der Landwirt Bauer von Nied ertrank. Der Nachtwächter Kaiser ist verhaftet. Schreckliche Gasexplosion. Durch eine GlaScxplosion ist daS rcickiSdciilschc Heim zn B n i a r c st. in dem der scheidende Gesandte Gras Brah-Steiiibiirg ein AbschicdSfest zu geben bcabsichtiglc. zcr- stört worden. Mehrere VercinSinitgliedcr ivnrde» bei der Explosion schwer verletzt, anr schiversten der VcrcinspräseS Baiikdircktor Stolz. Entgleisung des Rordrxpresizngcs. Ans Brüssel wird tele- graphim: Der Nordcxprcßzng iPeteiSbnrg- Ostcnde- London) ist heute früh 8'< Uhr bei der Einsahit in den hiesigen Bahnhos cm- gleist. Die Lokomotive und der Liste Gepäckwagen stürzten um. Drei Reisende wiirdcn leicht verletzt! Zur Bouuer Polizei-Affaire. Ter durch den letzten Polizei- skandal in Bonn bekannt gewordene Polizciwachtmeistcr Morgen- st e r n ist verschwunden, ohne daß man über sein Verbleiben etwas weiß. Wie sieh nachträglich herausstellt, hatten sich auch drei Nacht- wächker, die unterwegs von dein Bräutigam der Ver- hasteten aiigeriifen wurden. inS Mittel gelegt, um die Frci- lasinng des Mädchen-?, daS ihnen als anständig- Bonnerin bekannt "IWeizen •jflloggcii Fütlcr-Äeifle„ Hafer gut mittel„ ,. gering Nichistivh„ Heu chEib'en« chSpciscbohlie»„ ch)Lili-c»„ Kaitosseln, neu« Rliidilcijch, Kettle 1 kg do. Bauch„ ') Enujttelt pro wirtschastSkamiucr— Notieimigsstelle— Präsidiinn für den Doppelceutucr. x) Klciiihäiidclsprcise. Produtten markt vom 11. Januar. Der Gctreidemarkt war geschäftSlos. Eine vom Handelsmimsterium an das Ae! te stcn-K o ll eg ium ge- richtete Aufiorderuiiz, sich über die Frage der Gesetzmähigleit oder Gesetz- Widrigkeit der sogeuannleii„handelsrechtlichen LiesermigSgeschäfte" zu äulzeni. vcranlastte ein BSAengerüdit, nach welchem die gesamte Geschäfts- thätigkeit des Bereius Berliner Vrodukienhändler untersagt sei» sollte. Durch diele Nachricht waren die Jiiteressenteii so stark beunruhigt, daß mau an feinen geschäftlichen Berkehr dachte. Das GeschSst fiocfte vollends. Weizen und Roggen waren aus matteres Nordamerika und billige, fast rentahclc Offerten 0,50 bis 1 M. billiger angeboten. Haser lag gleichfalls geschSstSlaS, Rüböl rückgängig im Preise. 'Am Spiritus markt Ivnrde 70er loco mit 47,30 M.(— 0,10) gehandelt. S a r t o f f« l f a b r i I a t e. Feuchte Kartoffelstärke 10,40 M. Ia reine Kartoffelstärke disponibel und Februar l!I.7o M., April 20 M. Absallcude Prima-Qualitätm disponibel 17,75—18,75 M. per 100 jiilogramui. Eier-Bericht vom kl. Januar. Ziornia!« Eier je nach Qualität von 5,20— 5 60 M. per Schock. Aussortierte kleine Ware je nach Qualität von 4,20— 4,30 M. per Schuck. Kalleier je nach Qualität von 0,00—0,00 M. per Schock- Tendenz: sehr fest. war, zu erwirken. Die Wächter wurden Das als Mädchen ist es sich nicht auch Z» ans dem der Wache Geständnis aber grob von dem bequemen angeschnauzt. Wachtmeister, wollte, eine Briefkasten der Redaktion. Montag, DiciiStag und den Fall der Droschken Tie juristische Sprechstunde findet Freitag von<1—8 Uhr abends statt. H. R.. Swincuiündcrstraste. Sie sollten lutschcr Vereiniguiig. Schüvenstr. 58, mitteilen. F. M. 24. 4-X' 7- -H. Wolters. Wir chalten die alte Weltgeschichte von Schlosser noch immer für die am ehesten empfehlenswerte. Kolb ist für die politische Entwicklung kaum ausreichend. C. P. Das zwanzigste Jahrhundert datiert, je nachdem man rechnet, von 1000 oder 1001. Witiernuzsuderlicht vom 11. Jaiiuar 1900. morgens 8 Uhr. Siaiioucn �vei«er-v» ognaic i»> ,frciiag, ocn i-j. Jiniiimc ruuu. Ein wenig kälter, ziemlich trübe und nebelig mii leichten Schneefällen und mäßigen närdliche» Winden. Berliner W c t I e r b n r e a u. Für den Inhalt der Inserate rbernimnit die Redaktion dem Publikum gegenüber keinerlei _ VetilUtlvorlmlg. LchillttThelittl Cljcnfei*. Freitag, 12. Januar. Lpernhans. Tannhäuscr. Ansang 7-/- Uhr. Schanspicihans. Die Braut von M-ffina, oder: Die icindlichen Brüder. ZUifang 7-/� Uhr. Trntsches. Der Bielgcprliste. An- sang 7>/z Uhr. Lessing. Der Tiigcndhos. Anfang 7>/. Uhr. Berliner. Das deutsche Jahr- hundert, blnsang?>/„ Uhr. Schiller. Freudvoll und leidvoll. Ansang 8 Uhr.' Neues. Hosgunst. Ansang'i/. Uhr. Westen. Die weiße Dame. Ansang Ansang Thalia. Im Himmelhof. 7>/2 Uhr. Residenz. Die Dame von Marim. Ansang 7>/z Uhr. Luise«. Wllheim Test. Anfang 8 Uhr. Ecnirol. Die Geisha. Aus. 7l,'zVlhr. Carl Weis?. Kinder der Hölle. Olli- fang 8 Uhr. Victoria. Die BemiS von der Marktballe. Anfang 8 Uhr. Friedrich- WtllielinftadtischcS. Jin weißen Zlößfl oder: Als ich wiederkam... Anfang 8 Uhr. Mctropol. Spccialitätkiwoistellung. Die verkehrte Welt. Awcmg 7'/, Uhr. lltpollo.-specialitäten- LorftellUiig. Im Reiche des Jvdra. Ansang 7l/z Uhr. Belle- Zllliance. Gastspiel des Schlierseer Bauem- Theaters. Der Amerikaseppl. Ans. 8 Uhr. Palast. Leute von heule. Spcciali- täten-Borstcllliug. Ans. 8 Uhr. Paffagc- Panopttk,»». Spcciali- lätcii-Borstclluug. Ilrania. Jnvalidenstr.»7/02. Täglich abendö von ö-10 Uhr: Ttcrinvarle. Taubcnstr. 48/19. Berlin vor 100 Jahren. im Hörsaal. Tr. Schwahn: Die allgemeine» physikalischen Eigen- schatten des Erdkörpers. tWallner-Thcaleei. Freitag, abends 8 Uhr: Zum erstenmal: Pnonckvoll»»d leidvoll. Bolksstück in 4 Aufzügen von Louis Herrmaim. Musik von G. Steffeus. S o ii u a b e n d, a b e n d S 8 U h r: Freudvoll und leidvoll. So ii ii t a g, nachmittags 3 Uhr: VI. Dorstelluiig im Schillei-Cyklus: 4V»Ilen«telns, lod. Abends 8 Uhr: Qyprlenne. Urania Thalia-Theater. Tel, Amt IVa 6440. Oresdenerstr. 73/73. Täglich: Roch nie dagewesener Possen- Sachcrfolg: Im Himmel Hof. Thomas, Thiclschcr. Helmerding, Jimkermanli, Paulmüller, Margarete Araiev, Ada Milani, Lalerie Schässer. Anfang 7>/„ Uhr CarlWeiss-Theater vir. Aranksnrteistiaste 13*. Kinder der Hölle. Ausstattungspoffe mit Gesang Anfang 8. Uhr. BorzugSbilletS haben Gültigkeit.— Morgen: Dieselbe Borst. Sonnabend, nachmittags 4 Uhr: Kinder-Borstellimg zu kleinen Preisen. Palast-Theater früher Feen- Palast, Burgsir. 22. Das große neue wunderbare /k a n n'a r-Projframm. flflT 30 Künstler"99 U a: Niagara-Trio, The Osadassn, Felicitas- Truppe, Uendix. Prevosti-Compagnle, Wardinie. William latoure, Massonl. Um S'/j Uhr; Dir. Wllh. Fröbel in dem uiwerglelchlicheu Bolksstück Zente von heute. Ansang 7>/„ Uhr. Sonntag: Konzert 6 Uhr. Entree 50 Ps. Boraert. 11—1. Jeden Sonnabend nach der Borstell.: Gescllschaftsabcnd m,d Tanz Besucher der Borstelluiig: Frei lanz ManliensitraNse 48/JD. Im Theater abends 8 Uhr: Ber.in vor IOO Jahren. Hörsaal: Dr. Schsvahn: Die allgemeinen physikalischen Eigenschafton des Erdkörpers.. Invalidcnxtr. 57/62: Sternwarte. Nachmittags 5— 10 Uhr. ■Passage-Panopticim." Der amerikanische Haar-Athlet Sascha hebt mit den Haaren bis SOO Kilo Theätre variete T-lO'/e Uhr. Anatomisches Museum Dienstags für Do imen. Relchshallen. Täglich: Stettiner Sänger. Ansang: Wochentags 8 Uhr. Sonntags 7 Uhr. Entree 50 Pfennig. Borverkans 40 Pi. Grossarttg. Programm. (trntfsil-dicntcc Direktion: Joss Ferenciy. Borletite Woche 1 D i o G e r s h n. Ansang'l/i Uhr. Sonntag. 14. Januar, nachm. 3 Uhr: Gedächtnisfeier Miilockers, zu halben Preisen: De»» Bettelstndent. Abends: Letzte Zonntagö-Borftelluiiz: Die Gelska. Anfang 7'/. Uhr. DonnerSiag, 18. Januar: Damen- Sonvenir-Abeud. Zum 400. Male: Die Gelslizz. Sonnabend, den 20. Januar, zum erstenmal: Tic kleine/, Uhr: tosje(iiiüftmt Bochelluug. u. a: Die phäiionieiialeu IS Akimotos 12 Ameikan-Theater. TreSdenerstr. 96. Dir.: Emil Schnabl. «siroßer Erfolg! Berliner Nonlotte oder: Direktor Stricse ans Reiseu. Anfang 8 Uhr. Kaslenetoffiumg 7 Uhr. Sonnabend, dm 13. Januar: 1. gr. lDrittinal-Maskenball. Usedrs l'döllter Qpanien«ti'a»»e LI. Täglich: Llorv uttt» Süd. Operette tn 1 Akt von Linderer. .Anua und Bruno BUhrcr, Origmal-Berwandllinasduett. The t«o Brackfoords, Akrobaten. Anfang 9 Uhr. Kaffcncrölsnung 7 Uhr. Xtvlits Gedichte von Sigmar Mahring. Preis cart. 2,— Hark. Zu beziehen durch alle Buchhandlungen sowie von S. Bosen- baums Verlag, Berlin W. 57.* Zum crncmnnl in Enrspa Aus dem Reiche des Diikado! Zk?" Japan in Berlin."-Jssä Die Zl raber. Ferner Aunreten der besten Kunstkräste wwie sämtl. CkownS und?luguste mit ihren neuc'leu EntrceS u. JuteiuiczzoS. Dir. Alb. Schumann mit seinen neuesten Originai-Dressuren. Zum SckNuß: Zum 55. Male: Ter erste Schlager der Saison 1 Das gläuzeudste Oistterschauflück Schwarz und Weitz uilt siiinilichen Einlagen. Sonntag: 2 große Borstellungen, Nachm. 3>. Uhr und abends 7i/„ Uhr. Nackm.:'Im Weihnacbtsbazar oder: Die PupvenkSnigin. In beiden Bor- stellnngen:- Die 12 ÄttmoleS, Die Araber:c. Nachm. 1 Kind frei. Heute Freitag, den 12. Januar. abends 7r/z Uhr: Zum 64. Male: Vi« OaiaaR'K'a. Bon der gesamten Preise als das grüßte und impolanlesle Scnsations- Schaustück d. Jahrhunderts anerkamit. Außerdem: Cyarivari o. 100 Clowns, oläiinlichcii u. weiblichen. Di- drei lianidnllnnen aus dem Innern Afrikas.— Morgen Sonnabend, den 13. Januar, abends 7-/, Uftr: Große Gaka-Borstcllung u. Die Eamorra. Maötei'-GlirdexlZde. Größte Auswahl. Billigste Preise.« Berein. Preisermäßigung. It. Panknin, Qranienstraftc Rr.I78 II. Adalbertstrasic vi. Elte Lrauicnstraftc. Verantwortlicher Redacteur: Paul Johu in Berlin. Für den Jinerateuteil perautwortiich: Dd. Glocke tu Beriiii. Druck mid Verlag von Mar Babing m Berlin.