Unterhattungsblatt des HorwSrts Nr. 206. Donnerstag, den 21. Oktober. 1909 (NaKdruS dnbolen.) isi„Soläaten fem fckön!" Bilder aus Kaserne und Lazarett. Bon Karl Fische r.- Offiziere aus der Garnison, die mit und ohne Burschen auf Sommerurlaub fuhren, durchreisende Sommerfrischler mit den Rucksäcken auf dem Rücken und andere Reisende füllten den kleinen Bahnhof, als Volter und Weiner dort an- kamen. Für beide hatte sich Gelegenheit gefunden, auf eine Stunde Sonnabend abend abzukommen. Weiner sträubte sich erst, mitzugehen. Die erste Freude des Wiedersehens wollte er nicht stören. Aber Volter bestand darauf und versicherte, daß es seiner Braut und ihm gewiß angenehm wäre. Nun warteten beide stumm nebeneinander in der Wartehalle auf die Ankunft des Zuges, mit dem sie kommen sollte. In Wolters Augen, die fortwährend auf den Perron gerichtet waren, glänzte die Vorfreude des Wiedersehens. Weiner sah dem Äahnhofsverkehr teilnahmslos zu. Plötzlich stieß er Volter an. Sergeant Schneider von der elften Kompagnie im Urlaubsanzug ging vorüber. Volter und Weiner nahmen Zchnell militärische Haltung an. Geringschätzig flüchtig winkte 'ihnen der Sergeant ab. ..Das ist mir der unangenehmste Mensch von meiner Kompagnie." bemerkte Volter, als Sergeant Schneider der» schwunden war. „Hat er Dir schon etwas getan?" fragte Weiner. „Das nicht. Doch scheint er es auf mich abgesehen zu haben aus persönlicher Abneigung. Er weiß, daß ich nicht zu den Dummen der Kompagnie gehöre. Bei allem, was er tut. fürchtet er meine geheime Kritik, die er hinter meinen Blicken wittert. Ich bin ihm im Wege. Er sieht sich auch vor. daß er sich mir gegenüber nicht eine Blöße gibt. Aus Leinen stechenden Augen sprechen deutlich seine Gedanken." „Nimm Dich nur vor ihm in acht. Voriges Jahr, wie ich mich erinnere, hat er einen unschuldigen Dummen auf Festung gebracht. Das ganze Regiment kennt ihn. Der Kerl ist aus schlechten Trieben zusammengesetzt. Dabei von einer raffinierten militärischen Schlauheit. Sieh Dich nur vor." „Ach. ich habe vor ihm keine Furcht," murmelte Volter vor sich hin und ließ sinnend den Kopf sinken. In seiner Er- Wartung dachte er gleich nicht mehr an den Sergeanten. Seine Gedanken waren wieder bei seiner Braut. Mit stärker werdendem Rollen sauste der Zug in den Bahnhof. Wie elektrisiert richtete sich Volter tiefatmend beim ersten Geräusch des Nahens der Lokomotive auf und lief eiligst auf den Ankunftsperron. Langsam folgte ihm Weiner. Klopfenden Herzens und mit vor Erwartung dunkelrotem Gesicht musterte Volter mit leuchtenden Augen die geöffneten CoupÄüren. Ohne an die Anwesenheit Weiners zu denken, stürzte er auf ein Coup6 zu. aus dem seine Braut in ein- Lachem Reisekleid eben ausstieg. Weiner empfand in diesem Augenblicke ein wehmütiges Gefühl des Verlassenseins. Wie er seinen Freund mit seiner Braut sah, schoß eine Träne zwischen seinen Augenlidern hervor, die ihm, als er sich abwandte, langsam über die ein- gefallene Wange rieselte. Plötzlich zuckte er zusammen, nahm militärische Haltung an. Seinem Blick begegnete das Gesicht des Sergeanten Schneider, der ihm mit höhnischen Augen ab- winkte. Mit finsterer Miene sah ihm Weiner nach. Herab- lassend im Vorübergehen dankte Sergeant Schneider Volter, der bei seinem Erscheinen, unangenehm berührt, neben seiner Braut vor ihm Front machte. Weiner bemerkte noch flüchtig den stechenden Blick, mit dem der Sergeant seines Freundes Braut maß, ehe er sein Coup6 bestieg. „Mein bester Freund," stellte Volter Weiner seiner Braut vor.„Meine Braut." Indem Weiner die dargebotene Hand ergriff, sagte er: ».Seien Sie hier herzlichst willkommen und lassen Sie ein solches unliebsames Intermezzo Ihrer Freude nur keinen Ab- bruch tunl" „Sie meinen die Begrüßung des Unteroffiziers, der eben vorbei ging? Auf dergleichen bin ich vorbereitet. Er schien Sie zu kennen. Auf mich hat er nicht gerade einen sympathischen Eindruck gemacht." „Du hast recht, liebe Grete. Es gibt aber noch eine ganze Anzahl ähnlicher Unteroffiziere, die einem auch unsympathisch vorkommen. Daß aber gerade dieser in der schönsten Freude des Wiedersehens uns vor den Augen erscheinen mußte!" „Denke doch nicht an diesen Menschen, lieber Volter." „Ich muß! Immer, wo ich ihn am wenigsten vermute, da ist er. Na. Du hast ihn gesehen, liebe Grete. Das wäre so ungefähr der einzige meiner Kompagnie, vor dem ich Grund hätte, ängstlich zu sein. Erschrick nur nicht. Liebste. So schlimm wird's schon nicht kommen. Na, hören wir damit auf. Also, liebe Grete, Dein Zimmer ist zum Empfang bereit. Die Wirtin kocht eben Kaffee für uns. Bis halb zehn können wir Dir noch Gesellschaft leisten." Schwer lastete die Hitze des Hochsommertags auf der kleinen Garnisonstadt. Der Ernteurlaub hatte viele Soldaten auf einige Tage vom Dienst befreit. Die vorschriftsmäßigen Uebungen in den Kompagnien, den Bataillonen, den Regt' meutern und der Brigade hatten ihr Ende erreicht. Auf allen Gebieten der militärischen Ausbildung war eine Stockung ein- getreten. Alles war in Aufregung, in Erwartung des Ma> növers. In den Kompagnien wurden nach und nach die Manöverröcke verpaßt, das Zeltzeug jedem einzelnen der» abfolgt und neue Stiefel anprobiert. Allsonntäglich war Appell mit einem Stück nach dem anderen vor dem Haupt« mann und an Wochentagen vor den Unteroffizieren. Der ältere Jahrgang fing langsam an, sich mit dem jüngeren zu vertragen. Alles in Anbetracht des Manövers, das in einigen Tagen bevorstand. Die Rekruten hatten sich nun vollständig an das Soldatenlebcn gewöhnt. Ihre Un» beholfenheit während der Anfangszeit hatte militärischer Routine Platz gemacht. Noch einige Wochen, dann waren sie ja die„alten Knochen"! Dann konnten sie den neuen „Hammels" Vorschriften machen, �sn den Unteroffizieren war eine gemäßigtere Disziplin als in der Winterszeit den Gemeinen gegenüber wahrzunehmen. Besonders den Alten gegenüber. Sonntags am Biertisch im Wirtshaus wurden von den Alten den Rekruten halblaut die Erlebnisse erzählt, die sie im vorigen Manöver mit den Unteroffizieren durchgemacht haben wollten. Vom Sergeant Schneider erzählte man sich, daß man ihm im Biwak die Tornisterriemen durchgeschnitten hatte. Dann sollte er und noch ein Unteroffizier von der achten Kompagnie während des Standquartiers von Bauern- burschen geprügelt worden sein. Die ganze elfte Kompagnie wußte bereits, daß Sergeant Schneider das Manöver nicht mitmachen werde, nur aus Angst, es könnte ihm diesmal ähnliches passieren. So gemütlich, wie die Verhältnisse es gestatteten, saß Volter in Gesellschaft seines Freundes Weiner bei seiner Braut. Es war der erste Sonntag, den Grete Bender in der neuen Wohnung der fremden Stadt verlebte. Aufs behag» lichste war alles in dem kleinen Zimmer hergerichtet. Ein kleinbürgerliches Wohnstübchen mit altmodischen Polster- möbeln und vergilbten alten Kupferstichen, die wohlgeordnet die Wände schmückten. Die Vermieterin, ein bejahrtes, gutmütiges Frauchen. wußte vor lauter Zuvorkommenheit gar nicht, was sie alles tun sollte. Ihr einziger Sohn hatte auch dienen müssen. Durch ihn hatte sie die gemeinen Soldaten bemitleiden und den ganzen Militarismus hassen gelernt. Ganz glücklich war sie, als sie vernahm, daß das hübsche Fräulein, für das der kleine Soldat das Zimmer mietete, seine Braut sei und niemand weiter habe als ihren Bräutigam. Es schien ihr bewunderns- würdig, daß die Braut eines Soldaten Stellung in der Stadt genommen hatte, in der er dienen mußte. Sie müssen sich sehr lieb haben, dachte sie sich. Und wie selbstverständlich das alles bei ihnen war. Eigentlich gar nicht wie bei Liebes- leuten. Beide imponierten ihr gewaltig. Eilfertig deckte sie den Tisch und trug Kaffee auf füv ihre Mieterin und ihre Gäste. Für ihre eigenen Gäste hätte sie kaum mit größerer Sorgfalt sorgen können als für dies«. Auf einem großen Teller hatte sie einen riesigen Berg Kuchen aufgeschichtet....... Mit zufriedenem Lächeln streifte ihr Blick noch emmal über das Gedeck. - 818- „Wenn Sie noch was nötig haben, rufen Sie nur." Und -Älen freundlich zunickend bvrließ sie das Zimmer. «So, jetzt können wir zulangen. Bitte schön, Herr Weiner." Mit diesen Worten schenkte Volters Braut allen Kaffee ein. Milch und Zucker nehmen Sie sich bitte selbst." „Wenn nians immer in seiner freien Zeit so haben kann, wird das Militärleben noch eher zu ertragen sein," bemerkte Weiner.„Du hast wirklich Grund, Dich zu freuen, lieber Volter." „Weiß ich? Ich weiß aber noch mehrl Ich weiß, daß ich das bravste Mädchen meine Braut nennen kann. Soll ich mich nicht glücklich schätzen, wenn ich sehe, daß sie mir bis hierher gefolgt ist?/- lFortsetzung folgt.) (Nachdruck verdaten.) Die'Cortur und ihre HMcbaffung. 3] Von Niels Möller. Insbesondere die Kirche brachte in ihren Ketzerprozesien die Folter sehr fleitzig in Anwendung. Im Jahre 381 wurde die Be- slimmung des römischen Recdts über die Folter auch in die kirchlichen Strafsachen eingeführt. Das weltliche Recht hatte die Majestäts- Verbrecher der Tortur unterworfen, die Kirche bestimmte nun. daß auch die Ketzer zu foltern seien, weil die Ketzerei ebenfalls ein Majestätsverbrechen sei, ein Verbrechen gegen die göttliche Majestät nämlich. AuS der heidnischen Zeit halte man den Satz, daß die Götter selbst die Kränkungen rächen könnten, die ihnen von den Menschen zugefügt würden; dieser Satz aber gefiel den eistigen Dienern der Kirche nicht. ES war in mehr als einer Beziehung vorteilhaft, die Ketzerei zu einem Majestätsverbrechen zu machen. Einmal konnte man die Folter dann sowohl gegen freie Männer als gegen Sklaven in An- Wendung bringen, und zum anderen war es üblich, den Majestäts- Verbrechern ihr Vermögen abzuerkennen— die Kirche aber hatte bereit» damals einen guten Magen. Immerhin waren die kirchlichen Bestimmungen über die Anwendung der Folter im Anfang noch milde. Auf einer Kirchenversammlung in Rom vom Jahre 384 wurden An- griffe gegen die Tortur laut. Und zunächst mochten sich die geistlichen Gerichte nicht selbst mit den Peini- gungen befassen. Dafür bestimmte freilich 1252 der Papst JnnoeenS IV. daß die Ketzer von den weltlichen Gerichten gefoltert werden sollten. Nach der Meinung des Papstes waren sie nämlich als Mörder und Diebe an- zusehen: sie mordeten die Seele und stahlen die heiligen Sakraniente. Im eigentlichen Kirchenrecht fanden sich zunächst noch einige barmherzige Milderungen. Es heißt hier, daß die Ver- hängung der Folter zwar keine Sünde sei, daß aber nichtsdesto- weniger der Geistliche sie nicht eigenhändig anwenden dürse, auch solle man in allen Strafen Liebe beweisen und vor allen Dingen kein Geständnis durch die Folter erpresien. Aber selbst diese be- scheiden? Anwandlung von Barmherzigkeit wurde späterhin vergesien. Im besonderen, als in der I n q u i si t i o n ein besonderes Ketzer- gericht gegründet worden war, brauchte die Kirche die Folter so rücksichtslos und grausam, wie es kein weltlicher Richterstuhl je getan hatte. Die geschriebenen Regeln suchten immer noch einiges Maß zu halten, obwohl sie an sich bereits entsetzlich waren. In Spanien bestimmte 1484 der berüchtigte Inquisitor Torquemada, daß ein Angeklagter nur gefoltert werden dürfe, wenn ein halber Beweis gegen ihn bereits geführt sei, und daß das erzwungene Geständnis später steiwillig wiederholt werden sollte. Aber freilich: wenn er es nicht.freiwillig' wiederholen wollte, wurde er wieder auf die Folterbank ge- legt. Eiuer der Nachfolger Torquemadas fegte dann so ziemlich alle festen Regeln fort. Er überließ es völlig dem Nichter, wann und wie sie den Angeklagten foltern wollten. Er gab ihnen ganz freie Hand und sie brauchten die neue Erlaubnis in einer Weise, die noch heute die zivilisierte Welt mit Entsetzen erfüllt. Man kann sich von ihren Greueln eine Vorstellung machen, wenn man hört, daß selbst der unmenschliche König Philipp II. von Spanien zu bremsen ver- suchte; er bestimmte, daß die Tortur nur durch einen Befehl des Staatsrats verhängt werden dürfe. Die Richter pfiffen indessen auf diese Verordnung. Wie sie durch haarsträubende AuslegungSkünste die bestehenden Vorschriften umgingen, mag an einem Beispiel er- läutert werden. Nach den Vorschriften Torquemadas durfte die Tortur nicht wiederholt werden, es sei denn, daß der Gefolterte sein Geständnis zurückgenommen hatte. Die JnquisitionSrichter aber setzten sich über dieses Verbot einfach hinweg. Wenn sie an dem einen Tag den Gefangenen gequält hatten, quälten sie ihn am nächsten ruhig weiter. Es sei das keine Wiederholung der Tortur, sagten sie. eS sei lediglich eine Fortsetzung. Mit dem römischen Recht verbreitete sich die Tortur über ganz Europa. Ts waren nur wenige Länder, in denen das Gesetz die Folter nicht kannte— so Engiand, Arragonien und Schweden. Die Folter war nach und nach«n ehrwürdiger Brauck geworden, an dem kein Mensch mehr Anst-ß nahm. An versckiedenen Stellen suchte man wohl den Brauch n-» bestimmte Vorschriften und Regeln zu binden, und die Rechtsgelehrien bemühten sich, der Willkür der Richter z» steuern. Man übernahm aus dein kirchlichen Recht die Bestimmung, daß der Angeklagte mir so und so oft ge» foltert werden dürfe, und daß er sein Geständnis ohne Zwang zu wiederholen habe. Aber was nützten diese Mittel, wenn er sich durch Widerruf aufs neue der Folter aussetzte? Und überdies waren selbst diese Regeln leichter aufgestellt, als in der Praxis durch» geführt. Die Richter waren nun einmal an die Willkür gewohnt und setzten sich über die Vorschriften hinweg oder legten sie so aus, daß sie schließlich dock in bezug auf die Folter vollständig freie Hand behielten. Und sie ließen ihre Folterwerkzeuge nickt verrosten l Es sei denn, daß neue und raffiniertere erfunden wurden, so daß die alten in die Rumpelkammer wandern konnten. Man sollte fast meinen, daß die Menschen am leichtesten auf das Böse verfallen, so wie Unkraut und giftige Pilze am schnellsten wachsen. Wie man sich heute bemüht, vernickleude Kriegswerkzeuge zu erfinden, so peinigte nian damals sein Gehirn, um die Folterqualen immer mehr zu verschärfen und zu vervielfachen. Sie waren am besten, wenn sie den Gefangenen sowohl körperlich wie geistig ruinierten. Man verbraunte sie durch Feuer und suchte sie durch Wasser zu ersticken. man zerquetschte ihre Finger und ihre Füße durch Schrauben, man zerrte ihnen die Gliedmaßen aus den Gelenken und riß ihnen die Haare vom Kopf. Man schaudert, wenn man an die Foltermaschinen denkt, die damals gemacht wurden. Am weitesten brachte es in diesem Punkt die spanische Inquisition. Unter den Werkzeugen, mit denen sie die Ketzer quälten, befand sich beispielsweise ein großes Pendel, das unten mit einer scharfen Messerschneide versehen war. Man ließ es über dem Angeklagten hin und herschwingen, der so fest angebunden war, daß er sich nicht zu rühren vermochte. Im Anfang schwang es weit über ihm, dann ließ man es aber langsam herab» sinken, fo daß das schwere Gewicht mit dem scharfen Messer ihm immer näher kam, bis ihm zuletzt die Klinge ins Fleisch schnitt. Und um die Wirkung zu vermchreu, ließ man die Folterung bereits morgens um 2 Uhr