NnterhattlMgMatt des Vorwärts Nr. 206. Freitcig� den 22 Oktober. 1909 lSIachdruck verboten.) 10) „Soldaten fein fcbön!"» Bilder aus Kaserne und Lazarett. Von Karl Fischer. „Nicht nur auf Deiner Seite ist das Glück, lieber Veit. Ich habe auch einen berechtigten Anspruch darauf, und ich kann Dir sagen, ich bin glücklich, hier an Deiner Seite aus- harren zu dürfen. Kann es etwas Schöneres für ein Weib geben, als dem Manne zu folgen, durch dick und dünn, dem man mit seiner ganzen Seele gehört?— Nun, Herr Weiner, was blicken Sie so still vor sich hin? In einigen Wochen sind Sie ja erlöst! Dann können Sie wieder frei leben, wie es Ihnen patzt." „Ja, in einigen Wochen beginnt für mich wieder der Kampf ums Dasein. Aber tausendmal lieber als Zivilist eine trockene Brotrinde in der Tasche, als Soldat sein und unter dem Joche seufzen. Meine Dienstzeit wird mir nicht nur so drückend wegen des brutalen Zwanges und der nichts weniger als humanen Behandlung, sondern auch durch den Gedanken an die ganze militärische Einrichtung.— Wer ein wenig feinfühlig ist, dem wird die Militärzeit doppelt schwer. Na, in wenigen Tagen ist es ja erledigt.— Ich weitz wahrhaftig noch nicht, was ich dann anfangen soll. Nutzer meiner Schwester, die selbst kämpfen mutz, um sich durchzubringen, lebt kein Mensch, an den ich mich wenden könnte. Mit ein paar Groschen, die mir zum Abschied in die Hand gedrückt werden, trete ich in das Zivilleben ein. Mancher lacht mich vielleicht aus, wenn ich sage, datz ich mich trotzdem auf diesen Tag freue, datz ich diesen Moment ersehne wie kein anderer. Was glauben Sie, Fräulein, was zwei Jahre Militärzeit aus einem Menschen machen können. Volter wird Ihnen schon verschiedenes erzählt haben. Denken Sie sich einen Menschen, von Kindheit an verwöhnt, der mit achtzehn Jahren beide Eltern verloren hat. Mein Vater sorgte reichlich für den Unterhalt der Familie, und die Ausgaben wurden gerade durch sein Einkommen gedeckt. Plötzlich waren meine Schwester und ich arme Waisen. Meine vor kurzem be- gonnenen Studien mutzte ich abbrechen und mir eine Stellung suchen, in der ich mein Brot selbst verdienen konnte. Meine arme Schwester mutzte einige Wochen Bekannten zur Last fallen, bis sich dann auch für sie etwas Passendes fand. Schlecht und recht schleppten wir uns durch. Am eigenen Leibe erfuhr ich, datz mir zum krassen Lebenskampf die Vor- schule und die nötige Geschicklichkeit fehlten. Es reichte immer knapp hin. Ich war immer noch der Meinung, meine Militärzeit als Einjähriger abdienen zu können. Das Geld wollte ich mir vom Verdienst absparen. Na, es sollte nicht sein. Mitzgc schick verfolgte mich, wohin ich kam. Bis zum sechsundzwanzigsten Jahre lietz ich mich zurückstellen. Da gab ich die Hoffnung auf und trat als gewöhnlicher Rekrut meine Dienstzeit an. Nun merkte ich. datz meine bisherigen bitteren Erfahrungen nur Spielerei waren im Verhältnis zu dem, was mir jetzt begegnete. Von der ersten Stunde an galt ich infolge meines einjährigen Zeugnisses, von dem die ganze Kompagnie schon mutzte, als derjenige, der sich fein machen will, der sich mehr dünkt als alle anderen. Nichts lag mir ferner als das. Die Verhältnisse brachten es mit sich und meine Ungeschicklichkeit im Exerzieren, Schietzen und Putzen, datz ich zum Sllndenbock der Kompagnie wurde. Die Offiziere betrachteten mich als verlumpte Existenz. Was Wunder, wenn die rohen Unteroffiziere mii�mir machten was ihnen beliebte. Das erstemal versuchte ich, mich zu wehren, indem ich mich beschwerte. Die Folge davon war mein erster Arrest. Alle Strafen habe ich durchgekostet, außer Festungshaft. So weit ists noch nicht gekommen, obwohl Aussicht dazu vor- banden ist. Mit der Zeit wurde ich abgestumpft. Jetzt bin ich auf das Schlimmste gefaßt. Das Merkwürdige dabei ist, datz ich durch die Situationen in Zwickmühlen getrieben worden bin, wo mir unerwarteterwcise Strafen in den Schoß fielen, die ich nach militärischen Begriffen auch der- diente. Ich war als Zivilist ein wenig Träumer � auch etwas salopp in meiner Kleidung das find Eigenheiten, die beim Militär eine ganz andere Bedeutung haben. Dann die Unmengen kleinlicher Schikanen, die gezwungenen, körper- lichen Anstrengungen, und für mich das Schlimmste, der fort- währende Zwangsaufenthalt unter Menschen, deren geistige Anschauungen und Interessen ganz andere sind als die meinen. So einsam wie beim Militär habe ich mich noch nie gefühlt. Können Sie sich jetzt die Freude vorstellen, die ich empfinden mutz, wenn ich endgültig von der aktiven Dienstzeit erlöst werde?" „Das kann ich Ihnen nachfühlen. Was müssen Sie Armer gelitten haben! Kennt Ihre Schwester Ihre traurigen Militärerlebnisse?" „Ich habe mich wohl gehütet, sie nur das Geringsie merken zu lassen. In meinen Briefen schreibe ich. was ich für gut befinde. Uebrigens haben wir uns seit Jahren nicht gesehen. Ich glaube kaum, datz sie mich wiedererkennen wird." Volters Braut fiel die Geschichte mit dem verunglückten Besuch ein, die ihr Volter brieflich mitgeteilt hatte. Nicht einmal begrützen konnten sie sich, dachte sie. Tiefes Mitleid hörte Weiner aus ihren Worten heraus, als sie ihn aufrichtig bat, oft. recht oft sie und Volter zu besuchen. Dankbar drückte er ihr die Hand. „Die letzten paar Tage werden dann vieles Böse der» wischen." „Die letzten paar Tage!" wiederholte Volter. Wenn ich das nur auch schon sagen könnte." „Du dürftest es bis dahin leichter ertragen. Wenn man seine Braut an der Seite hat!" „Ich weiß das wohl zu schätzen, lieber Meiner, und bin unendlich froh darüber." „Ich wollte Dir noch einen guten Rat geben. Volter, — was war das nur gleich— ach ja— Sag mal, hättest Du Lust, Dich im zweiten Jahre als Sanitätssoldat ausbilden zu lassen?" „Warum nicht?" „Ich rate Dir, Dich zu melden, sobald danach gefragt wird. Ich hatte es voriges Jahr auch beabsichtigt, wurde aber abgewiesen wegen nicht guter Führung. Im Lazarett hast Du mehr Freiheit als in der Kaserne. Hast keinen Dienst mit der Waffe mehr, kein Exerzieren. Obendrein ist das Sanitätsleben sehr interessant. Da kannst Du noch etwas lernen." „Meinst Du. datz man mich nimmt?' „Dich eher als alle anderen. Du schreibst gut, hast gute Führung und bist kein berühmter Schütze. Die entbehrt der Hauptmann gern/' „Sieh nur zu, datz Du Sanitätssoldat wirst. Das wäre doch schön. Du hast dann nicht mehr so strengen Dienst und kannst mich dann öfter und länger besuchen." „Na. wenn sie mich nehmen, solls mich freuen!" „Dann kannst Du mich vielleicht noch behandeln, wenn sie mich vorm Manöver, kurz vorm Abgang, noch ins Lazarett stecken." „Das wollen wir aber nicht hoffen, lieber Meiner. Es wäre das schlimmste, was Dir begegnen könnte. Wollen doch gar nicht an so etwas denken." » Die alte Mannschaft der alten Kompagnie, mit der Unteroffizier Fromann auf kameradschaftlichem Fuße stand, wußte ganz genau, datz er nicht zum zweitenmal kapituliert hatte. Deshalb war er. wie schon erwähnt, der Sündenbock bei den Unteroffizieren. Seit dieser Zeit war seine Korporal. schaft die schlechteste. Nur nicht im Schietzen: da konnte man ihm nichts anhaben. Seine Korporalschaft wußte das alles. Jetzt hatten sie ihn erst recht gern. Er wurde ganz einer der ihrigen. Bei jeder Gelegenheit rissen sie sich zusammen und gaben sich im Dienst Mühe, datz er nur nicht auffallen sollte. Beim Schietzen ging es ja. Dort wurden die Leistungen notiert, da konnte an guten Uebungen nichts ge» mäkelt werden. Aber beim Exerzieren. Nichts gefiel dem Hauptmann. Keinen Parademarsch konnten sie, keine Griffe — rein gar nichts machten sie recht. Und der Unteroffizier war immer der Sündenbock, der an allem schuld war. Drei- mal kam er unter diesen Umständen in Arrest. Das ganze Unisroffizierskorps der Kompagnie hatte eine helle Freude daran, außer dem Feldwebel, der vor ein paar Tagen von der sechsten Kompagnie zur elften kommandiert war. Ein alter Soldat, der seit drei Jahren schon seine zwölfsährige Dienst» zeit hinter sich hatte und immer auf eine Militäranwärterstelle wartete. In drei Wochen sollte er abgehen, erst ein paar Wochen auf Urlaub, dann eine Stellung an der Grenze als Zollbeamter antreten. In den letzten Tagen seiner Dienst- zeit nahm er es vor lauter Freude gar nicht mehr genau. Er war in der Kompagnie als Unteroffizier auch nicht direkt nötig. Er drückte sich bloß herum und hatte mal ab und zu Aufsicht beim Exerzieren. Er sollte es in seiner früheren Kompagnie zu sehr mit den Alten gehalten haben und zu gutmütig gewesen sein. Deshalb wurde er versetzt. (Fortsetzung folgt.) (NaAdruck derdoten.) Die Tortur und ihre Hbfcbaffung. 4] Von Niels Möller. Mit dem neuen Empfinden für da? Recht jedes einzelnen Menschen verband fich ein starkes Humanitätsgefühl. Man sah im Nebenmenschen das gleiche Wesen, das man selber war. Wenn aber ein Bruder in Not gerät, fühlt man tiefer, als wenn es sich um einen Mann handelt, den man als Untergeordneten betrachtet. Man hat vielleicht Mitleid mit dem letzteren, durch das Leiden de? ersteren aber fühlt man sich selbst gekränkt. Als der Gleichheits- gedanke erst zum Durchbruch kam, sah man die Kränkungen und Leiden seiner Mitmenschen mit ganz anderen Augen an. Hatte man früher nur Mitleid empfunden, so empfand.man jetzt Zorn; es entstand eine bewußte Erbitterung, weil hier ein menschliches Recht gekränkt wurde. Die humanen Empfindungen fangen an zu wirken und treten agitatorisch auf, während fie sich früher passiv verhalten und die Hände in den Schoß gelegt hatten. Es entstehen neue Zeitströmungen, die von humanem Geist getragen find: Waisenhäuser werden errichtet, man sorgt fiir besseren Unterricht, für eine Reform der Gefängnisse, vor allein aber kämpft man derb und tüchtig gegen das Strafverfahren, in der das amtliche Verbrechen mit Macht und Wohlhabenheit bekleidet ist, während daS Recht des einzelnen Menschen so gut wie gar nicht mehr existiert. Auf diese Weise wird auch mit der Folter auf- geräumt. Die berühinieste» Männer der Zeit greifen die Institution an, so unier anderen Voltaire, am bärtesten aber schlug und am stärksten wirkte der Italiener B e c c a r i a. Cesare Boncsana Beccaria wurde 1732 in eben dem Mailand geboren, in dem Piazza und Mora 100 Jahre früher als Opfer der Folter und eines blinden und dummen Fanatismus gefallen waren. Er wurde in einem Jesuitenkollegium in Parma erzogen, wo er sich im besonderen mit Mathematik beschäftigte. Später warf er sich unter dem Einfluß deS französischen Schriftstellers Montesquieu auf das Studium der Nationalökonomie und gab eine Zeitschrift für Auf- klärung und Unterhaltung heraus. Im Jahre 1763 wurde er in seiner Vaterstadt Professor der Rechtswissenschaft und der Nationalökonomie; der Posten war fiir ihn besonders ein- gerichtet worden. Auch in anderer Weise wurde er von seiner Vater« stadt geehrt. Im Jahre 17g1 wurde er beispielsweise in eine Kom- Mission gewählt, die da? Strafgesetz durchsehen und verbessern sollte. Diese Aufgabe löste er vortrefflich, der Tod riß ihn aber bereits 1733 hinweg. Im besonderen ist er durch ein kleines Buch berühmt geworden, das er 1764 anonym herausgab. Von diesem Buch haben viele Reformen im europäischen Strafgesetz ihren Ursprung genommen. Es erschien im Laufe von 18 Monaten in sechs Auf- lagen, wurde in 22 Sprachen übersetzt und erregte überall die größte Aufmerksamkeit, im besonderen durch seinen kräftigen Angriff auf die Institution der Folter. Es hieß:.Von Verbrechen und Strafen.* Beccaria ist ein echter Repräsentant des 13. Jahrhunderts. Er teilt mit seiner Zeit die Freude an festen Regeln, auch ihren Aber- glauben an die Allmacht des Gesetzes, doch wird man milde urteilen, wenn man sieht, wie der Aberglauben entsteht. Der Willkür gegen- über, die sich unter den Autoritäten breit machte, der selbstherrlichen Subjektivität gegenüber, die die Richter in den Prozessen walten ließen, wird man verstehen, daß Beccaria und seine Genossen sich nach festen Regeln sehnten, die den Herren die Zügel anlegen konnten. Er teilt mit seiner Zeit auch das Vertrauen in die Kraft der Ver- nunft. Er glaubt, daß sie die Verhälmisse revolutionieren und umformen kann und er haßt die G e w o h n h e i t, die sich vor dem historisch Gewordenen beugt, ohne erst zu untersuchen, ob es gut oder böse sei. Er nennt die Gewohnheit den Tyrannen der Seele. Daneben aber leuchtet der humane Geist des Jahrhunderts rein und klar in seinem Buch. ES wird getragen von einer gesunden Vernunft, einem warmen Herzen und einem nicht geringen Sinn für die Eigentümlichkeiten deS Seelenlebens. Er sieht klar, daß man bei einem Verbrechen den Ursprung erforschen muß. nicht aber sich mit der handgreiflichen Tatsache begnügen darf. Die landläufige Moral, sagt er, schreit über die Verbrechen und duldet die Ursachen, au» denen fie entstehen. Die Barbarei der Zeit in Strafsachen wird von ihm auf allen Gebieten angegriffen. Er ist der erste, der gegen die Todesstrafe geschrieben hat, die er einen Krieg der Nation gegen einen ihrer Bürger nennt. Er verlangt bei ver- schiedenen Verbrechen mildere Strafen, so z. B. beim Diebstahl. Er verwirft das Schuldgefängnis, sofern sich die Schuldner nicht deS Betrugs schuldig gemacht haben. Gedanken, die er bereits verfocht, sind noch heute Gegenstand der Diskussion. I» seinem Angriff auf die Folter aber gelang es ihm, zu einem Resultat zu kommen; bevor er starb, war sie schon an den meisten Orlen abgeschafft. Die Zeit war für diesen ForlschMt aber auch reif geworden. BeccariaS Angriff war nicht die Stinime eines Predigers in der Wüste; er iprach nur aus, was alle fortgeschrittenen Geister meinten. Di« Tortur war an einzelnen Stellen auch bereits früher abgeschafft worden, aber erst nach dem Erscheinen seines Buchs kam die Bewegung recht in Fluß. Einige deutsche Regierungen hoben die Folter in den sech-- ziger Jahren auf, Oesterreich 1776, Frankreich 1783 bei Beginn der Revolution, Rußland 1501, Bayern und Württemberg 1803., Im Jahre 1816 wurde durch eine päpstliche Bulle das Foltern der Ketzer abgeschafft— in Spanien wurde aber nichtsdestoweniger noch 1817 gefoltert. In Hannover wurde die Tortur erst 1340 ab- geschafft. Gegenwärtig ist sie in keinem Lande mehr vertreten. wenigstens gesetzlich nicht. Man könnte sich darüber wundern, daß sie nicht lange vorher abgeschafft worden war. Wenn wir heute den Bericht vom Gift- Mischerprozeß in Mailand lesen, sehen wir ja augenblickliche wie unzuverläffig die erzwungenen Aussagen sind, und werden bereits aus diesem Grunde gegen die Anwendung von Qualen sein, um von der ungerechten Grausamkeit gar nicht erst zu reden. Sah man das denn vor dem 13. Jahrhundert nicht auch? Und wie kam es, daß gerade im 18. Jahrhundert die Augen geöffnet wurden? Man hatte früher allerdings gesehen, wie unzuverlässig ein erzwungenes Geständnis war. Bereits in der ersten Zeit der Tortur, bei den Römern, findet man zu wiederholten Malen die Zuverlässigkeit des erzwungenen Beweises scharf kritisiert. Der römische Staatsmann Cicero macht darauf aufmerksam, daß viele den Schmerzen trotzen, um andere zu schonen, die von der Wahr- heit getroffen werden würden... Einige sind so abgehärtet und sind an Leiden so gewöhnt, daß sie lieber Qualen als die eigentliche Strafe ertragen wollen. Andere wieder sagen aus Haß die Unwahr- heit usw. Wie wenig die Tortur einen starken Charakter zu zwingen vermag, sieht man an Historischen Beispielen. Eine abgehärtete Natur und eine große Seele wählt unter Umständen lieber den Tod, als daß sie sich durch die Qualen unterkriegen läßt. Der römische Geschichtsschreiber Tacitus führt einige Fälle an. Das ist die«ine Seite der Sacke, aber natürlich nicht die, die am häufigsten vorkommt. Cicero hat auch die andere hervor- gehoben. Wer auf die Folter gelegt wird, sagt er, läßt sich von den Schmerzen bestimmen, der Büttel beherrscht ihn, er unterwirst sich der Willkür, er läßt sich durch Hoffnungen bestecken, dnrcht Furcht erschüttern, und in all' dem bleibt fiir die Wahrheit kein Raum. Der Jurist Ulpian wiederholt später sein Urteil: Die Folter ist ein unzuverläffiges und gefährliches Ding, sagt er; viele sind so zäh und abgehärtet,-daß sie durch die Qualen nicht gebrochen werden und darum auch die Wahrheit nicht sagen; andere aber fürchten die Schmerzen so sehr, daß sie jede beliebige Lüge erzählen, nur um ihnen zu entgehen. Auf diese Weise geschieht es, daß verschie» dene Angeklagte ganz verschieden bekennen und auch andere an- geben, die gar nicht beteiligt sind. Man sollte meinen, daß derartige Worte gleichsam auf den Prozeß gegen Piazza und Mora gemünzt seien, und begreift nicht, daß die Richter, die CiceroS und Vulpians Aussprüche auswendig wußten, gegen die beiden Unglücklichen in ihrer entsetzlichen Weise vorgehen konnten. Die späteren Erfahrungen hatten die Kritik der Römer ja nicht entkräftet. Em berühmter Franzose, der im 16. Jahrhundert lebte und selbst Richter gewesen war. unterschreibt das scharfe römische Urteil. Die Tortur ist ein ganz unsicheres und gefährliches Mittel, sagt er. WaS kann man nicht alles aus- sagen, um fürchterlichen Schmerzen zu entrinnen! Der Schmerz zwingt auch den Unschuldigen zum unwahren Bekenntnis. Der Richter aber, der ihn auf die Folter gelegt hat. um ihn nicht un- schuldig zum Tode zu verurteilen, läßt ihn nicht nur unschuldig sterben, sondern bereitet ihm vorher auch noch gräßliche Qualen. Taufende und Abertausende, haben sich unter dem Einfluß der Folter selbst in falscher Weise bezichtigt.— Ten letzten Satz nimmt Beccaria auf. Es ist übcrslüffig, sagt er, die Unschuldigen und Schuldigen namentlich anzuführen. Es gibt keine Nation, es gibt keine Zeit, die hier nicht traurige Beispiele zw stellen hätte. (Forrsetzung folgt.) ScKneUbadnen. Die Dampseisenbahnen, ohne die wir unser heutiges Leben un» nscht mehr denken können und die doch zum Teil von anderen Per- kehrSuiittel» allmählich verdrängt werden, find eigentlich eine ver« HäUmsmäßig junge Erfindung Vor 34 Jabren wurde die erste dem öffenllichen Pcrtehr dienende Eisenbabnlinie mit den Lokomotiven George StcpheniouS in England eröffne! und erst am 7. Dezember 1891 sah Deutschland auf der Strecke bon Nürnberg nach Fürth die erste Lokomotive laufen.' Diese Lokomotive, die den stolzen Namen „Adler' trug, aber nach unseren jetzigen Begriffen den Namen „Schnecke" verdiente, war bon Stephenson und Ericson in England gebaut und kostete in damaligem Gelde zirka 14 000 Gulden, also ungefähr 24 000 M. Heute hol Denrschland allem über 58 000 Kilometer Bahnen, während das Welteisenbahnnetz über 900 000 Kilo- meter Ausdehnung hat. Hand in Hand mit der Ausdehnung der Eisenbahnnetze ging auch die technische Vervollkommnung der Betriebsmittel und des Betriebes, in erster Linie die Vergrößerung der Geschwindigkeit. Die oben erwähnte erste Eisenbahn, die zwischen Stockton und Darlington fuhr, hatte eine Geschwindigkeit von 16—17 Kilometern in der Stunde. In Deutschland werden heute Durchschnittsgeschwindigkeiten erzielt, die mehr als viermal so groß, und Einzelgeschwindigkeiten, die noch viel höher find. Die zu- lässige Fahrgeschwindigkeit beträgt nach der für das Deutsche Reich maßgebenden Eisenbahnbau- und Betriebsordnung für Hauptbahnen 100 Kilometer in"der Stunde und kann unter besonder? günstigen Umständen noch gesteigert werden. So darf fie z. B. in Gefällen 120 Kilometer in der Stunde betragen. Im Auslande, besonders in Amerika, wo man in bezug auf Materialbeanspruchung und— Menschenleben etwas skrupelloser ist als bei uns, sind noch höhere Werte an der Tagesordnung, besonders auf den Strecken, wo Konkurrenzlinien im Wettbewerb um die Gunst des fahrenden Publikums stehen und fich gegen» seitig in den SchnelligkeitSrekorden zu überbieten suchen. Auch die deutschen Lokomotiven würden ohne weitere? eine bedeutende Steigerung der Geschwindigkeiten zulassen. Auf der GeWerbeausstellung in Nürnberg war im Jahre 1906 eine Schnellzug- lokomotive der bayerischen Etaatsbahnen ausgestellt, die für G e- schwindigkeiten bis zu 150 Kilometer in der Stunde gebaut war. Die Lokomotive ließ schon äitßerlich erkennen, daß fie gebaut war, um die Lüfte im rasenden Laufe zu zerschneiden. Führerstand und alle außenliegenden Teile waren verkleidet und als Windschneiden ausgebildet, so daß fie wie ein moderne? Riesen- rennautomobil oder Rennboot aussah. Die große Leistungsfähigkeit der Lokomotiven hat man in erster Linie der Verwendung des überhitzten Dampfes in den sogenannten Heißdampf- lokomotive» zu verdanken. ES würde hier zu weit führen, die Vorteile deS überhitzten Dampfes, d. h. eines Dampfes, der durch Erhitzung auf eine höhere Temperatur gebracht wird, als seinem Druck entspricht, auseinanderzusetzen. ES sei nur bemerkt, daß durch seine Anwendung die schädlichen Folgen der Kondensation vermieden werden und die Leistungsfähigkeit der Maschinen bei gleichem Kessel- gewicht bedeutend gesteigert wird. Man könnte glauben, daß durch diese modernen Niesen- lokomotiven, die Leistungen bis über 1700 Pferdestärken ent- wickeln, die Frage der Schnellbahnen gelöst wäre und einer all- gemeinen Steigerung der BerkehrSgeschwindigkeiten nichts mehr im Wege stünde. Und doch sind bei Dampfeisenbahnen die oben er- wähnten Geschwindigkeiten von 80 und mehr Kilometer in der Stunde eine Ausnahme und werden es wohl immer bleiben. Der Grund hierfür liegt in der Betriebskostenfrage. Diese schnellen schweren Lokomotiven brauchen sehr viel Kraft, um sich nur selbst fortbewegen zu können. Sie können also nur wenig Wagen ziehen, also wenig„zahlende Last" befördern, wodurch die Be- Iriebskosten und so die Fahrpreise bis ins Unwirtschast- liche und Unerschwingbare steigen würden. Die Dampflokomotive verbraucht schon bei 90 biS 100 Kilometer Geschwindigkeit etwa die Hälft« ihrer Leistung für ihre eigene Fortbeioegung und würde bei steigender Geschwindigkeit immer weniger ziehen können, so daß fie schließlich gar keine Wagen schleppen und nur zu ihrem eigenen Vergnügen fahren würde. BorrieS berichtet, wie vor einigen Jahren in England zwei Linien einen erbitterten Geschwindigkeitskrieg führten, bei dem gefahren wurde, was die Maschinen hergeben konnten. Die Zuglosten waren aber so gering, daß beide Linien nie auf ihre Kosten kamen und daher Frieden schließen mußten. Die Dampseisenbahnen sind mit Rücksicht darauf, daß immer von der Auglast unabhängige hohe Betriebskosten vorhanden sind, gezwungen, viele Personen in größeren Abständen zu befördern. Schnellzüge bis 400 Tonnen Gewicht, die 200— 300 Personen befördern können, sind heute an der Tagesordnung. Leichte Schnellzüge find bei Dampf- lokomotiven wirtschaftlich nicht durchführbar. Es läßt sich aber nicht leugnen, daß auf bestimmten Strecken — unsere Ausführungen beziehen sich nur auf Hauptbahnen mit intcrurbanen fStädte verbindenden) Linien»md gelten nur zum Teil für Stadtbahnen, für die ganz andere Gesichtspunkte in Betracht komme»— ein großes Bedürfnis nach solchen Schnellzügen vor- hnnden ist. die vielleicht wenig oder weniger Personen als die jetzigen Schnellzüge befördeni können, dafür aber um so öfter und raicher fahren. Dieses Bedürfnis läßt fich nur durch die elektrischen Schnellbahnen beftiedigen. Dabei braucht nicht einmal Scherls famoses Schnellbahnsystcm durchgeführt zu werden, bei dem die guten Ideen nicht neu und die neuen Ideen nicht gut und technisch nicht diskutierbar sind. ES werden fich auch den letzigen großen Eisenbahnlinien folgend, Schnellbahnlinirn schaffen lassen, die auf Jahre hinaus den VerkehrSbedürfniffen ent- sprechen können. Die Möglichkeit eines elektrischen Schnellverkehrs im wahrsten Sinne des Wortes wurde durch die berühmten Versuchs- fahrten auf der Strecke Marienfelde-Zossen der Militär- 1 eisenbahn bor zirka sechs Jahren bewiesen. Auf diesen Fahrte» wurde mit elektrischen Triebwagen eine Geschwindigkeit von 210 Kilometern erzielt, eine Leistung, die bis heute noch unerreicht dasteht. Diese Geschwindigkeit wird vielleicht unter allen Lebewesen nur von der flinken Schwalbe erreicht, die bis 250 Kilometer in der Stunde zurücklegen kann, während es die edelsten Rennpferde nur auf ungefähr 90 Kilometer bringen. Was diese Geschwindigkeit be« deutet, kann daran erkannt werden, daß man von Berlin nach Hamburg in einundeiuhalbe Stunden fahren könnte, eine Strecke, für die der schnellste Eisenbahnzug heute noch immer 3'/, Stunden braucht. Die Versuche haben zivar die Mög« lichkeit derartiger hoher Geschwindigkeiten, noch nicht aber ihre praktische Durchführbarkeit im regelmäßigen Betriebe bewiesen. Sie zeigten aber jedenfalls, daß die einzige Lösung der Schnellbahn- frage in der elektrisch betriebenen Bahn zu suchen ist. Wenn auch die Schnellbahnen der nächsten Zukunft nicht mit einer Geschwindig- keit von 200 Kilometer fahren werden, so hat man doch bei diesen Versuchen unschätzbare Erfahrungen über die bei den hohen Ge« schwindigkeiten auftretenden Zugwiderstände, über die Beanspruchung der Gleise, über Bremsen und Erkennbarkeit der Signale usw. ge» Wonnen, Erfahrungen, die es wahrscheinlich machen, daß wir an die Einführung von elektrischen Schnellbahnen, die mit 120 bis 150 Kilo- meter laufen, denken können. Die elektrischen Schnellbahnen können aber auch allein ein zweites Verkehrsbedürfnis, das Bedürfnis nach einer großen Verkehrsdichte beftiedigen. Bei elektrischen Bahnen ist im Gegensatz zu Dampfeisenbahnen ein Verkehr von rasch aufeinanderfolgenden leichten Zügen technisch und wirtschaftlich diel günstiger als ein Verkehr von seltenen schweren Zügen. Durch einen dichten Verkehr werden die Leitungsanlagen und die Kraft- stationen am besten ausgenutzt. Die Kraftstation wird dadurch. daß ein Zug vielleicht gerade anfährt, während der zweite steht und der dritte in voller Fahrt ist, nicht so ungleichmäßig und unrationell beansprucht und braucht vielleicht bei mehreren Zügen, bei richtigem Fahrplan nicht größer zu sein, als wenn nur jeweilig tin Zug fich auf der Strecke befindet. Die Frage der Einführung des elektrischen Schnellbahnbetriebes ist noch mehr als die Frage des elektrischen Vollbahnbetriebes an und fiir sich eine Frage der Wirtschaftlichkeit. Die Kosten für eine Schnellbahn von 200 Kilometer Geslbwindig« keit betragen bei der 286 Kilometer langen Strecke Berlin— Hamburg über 200 Millionen Mark. ES ist fraglich, ob eine der» artige Verkehrssteigerung bei einem Schnellbahnbetneb zwischen den beiden Städten eintreten würde, daß die Anlage rentabel d. h. die Fahrpreise so niedrig sein würden, daß fie mit den bestehenden Dampseisenbahnen konkurrieren könnten. Weit günstiger liegen die Verhältniffe, wenn reiche Wasserkräfte zur Erzeugung elektrischer Energie zur Verfügung stehen, so daß die ErzeugungSkosten deS elektrischen Stromes sehr niedrig wären. Dann wäre durch die niedrigen Betriebskosten eine gewiffe Wirtschaftlichkeit des Betriebe« schon an und für sich gewährleistet. Die hauptsächlichsten technischen Fragen für die Einführung eines elektrischen Schnellbahnbetriebes scheinen gelöst zu sein. Die Fragen, ob diese Bahnen besondere Bahnkörper erhalten sollen, wie der Gleisbau erfolgen soll usw.. sind nur sekundärer Nawr und werden erst durch die erstenrichtigen Ausführungen solcher Bahnen entschieden werden können. Mit einem Faktor muß besonders in Deutschland bei der Einführung der Schnellbahnen ge- rechnet werden: mit den Forderungen der Aufsichtsbehörden an die Betriebssicherheit, Forderungen, die oft sehr berechtigt und wohltätig sind, aber ebenso oft die Einführung von guten Neuerungen verhindern oder zum mindesten erschweren. Bei dem Bau der Nürn- berg— Fürther Eisenbahn wurde Anno 1835 von der obersten Ge- sundheitSbehörde verlaugt, daß die Bahn auf beiden Seiten mit hohen Bretlerzäunen versehen werde, damit die Zuschauer durch das Ansehen der rasch vorbeifahrenden Züge nicht geschädigt würden. „Glücklicherweise," meinte Borries vor mehreren Jahren in einem Vortrage, den er im Verein Deutscher Ingenieure über die Schnell» bahnfrage hielt,„wurden die Zäune nicht auSgesührt, sonst hätten wir fie jetzt vielleicht aus allen Bahnen. Jetzt handelt es fich wieder einmal um eine gleiche Geschwindigkeitszunahme wie bei der Lokomotive; hüten wir uns also vor neuen Bretterzäunen und prüfen wir. welch« Hauptbedingungen der elektrische Schnellbahnbetrieb wirklich stellt.� Die Frage der reinen Schnellbahnen ist in der letzten Zeit gegen- über der allgemeineren Frage der Elektrifizierung der normalen vollbahnen etwa» in den Hintergrund getrelen. Es ist aber doch leicht möglich, daß wir bor den elektrischen Bollbahnen auf einzelnen besonders dafür geeigneten Strecken Schnellbahnen erhalten, unk» daß wir uns im Vergleich mit unseren Vätern in der Postkutsch« wieder einmal fteurn können, wie»herrlich weit wir es gebracht haben". Ltst. kleines Feuilleton. Freund Lampe, ein« vierbeinige Apotheke. Gar manchem mag es nicht bekannt fein, weshalb unsere Apotheken in ihrem Firmen» child vielfach ein Tier führen: Löwen-, Elefanten«, Hirsch-, Ein- Horn«, Schwanen- und Adlerapotheken gibt es in Menge, und diese Benennungen haben zum Teil ihren Ursprung darin, daß l)ie_ in den alten Offizinen geführten Heilmittel größtenteils dem Tierreich ent- nommen waren. Während heute We Zahl dieser Arzneimittel an> den Fingem hergezählt werden kann, galt vor Zeiten eine Apotheke um so vor- nehmer, je mebr sie solche führte und je seltener und teurer diese waren. So besab die Dresdener Hofapothele im Jahre 1652 183 Sim» plicia aus dem Tierreich, die Medizintaxe für das Königreich Preußen kannte 1749 deren 119 und die Wormser aus dem Jahre 1609 102. Die Heilmittel wurden größtenteils auf Grund von Signaturen gewonnen. Unter solchen verstanden die alten Aerzte gewisse äußere und innere Eigenschaften, welche den Naturobjckten(Tieren, Pflanzen, Steinen) bei ihrer Erschaffung zum Heile der leidenden Menschheit mitgegeben und deren Erkennung und Anwendung bei etwaigen Kranlheitsfällen dem Scharssinn des Menschen überlassen war. Der« artige Signaturen wurden in allem Möglichen gesucht und gefunden: in der Gestalt, in der ftarbe, im Namen, bei Tieren sogar in geistigen Eigenschaften; auch Doppelsignaturen kommen vor. In der Pflanzenwelt gibt es heute noch eine ganze Menge von Namen, die an die ihren Trägerinnen einst zugeschriebenen Heilkräste erinnern, wiewohl die meisten dieser Pflanzenarten längst für die Heilkunde als unbrauchbar erkannt urfd gestrichen worden sind; es seien als solche nur Augentrost, Leberkraut, Lungenkraut, das.Heil aller Schönen" und das„Heil der Welt" genannt. Immerhin gehören dem Pflanzenreiche noch eine stattliche Zahl von Arzneiliefcranten an. Anders im Tierreiche. Von den diesem entnommenen Heil« Mitteln haben sick nur wenig bis heute erhalten, wenn auch einige moderne, wie Pepsin, Lebertran. Hämoglobin, hinzugekommen find. Die Lieferanten der Medikamente animalischen Ursprungs waren fast ausschließlich Bewohner von Wald und Feld. In Verhältnis- mäßig nur wenig Fällen gewann man Heilmittel von Haustieren, so von einer schwarzen Katze, einem schwarzen Bock oder einem ebenso gefärbten Huhn. Allerdings sollte das sogen. Ar-rsoum album des HundeS, das auS unverdaut abgegangenen Knochenresten her- gestellt wurde, gegen 31 Krankheiten gut sein. Von den Tieren deS WaldeS stand dem jagdliebenden Deutschen keines näher alS der Hirscb, und schier unzählig find die Heilmittel, die der König deS deutschenWaldeS den alten Apotheken liefert. So lernt man Bezeichnungen wie: Apotheke zum Goldenen Hirsch... zum Braunen Hirsch... zum Roten Hirsch... zum Weißen Hirsch... wohl verstehen l Von der Decke bis zum Herzkreuzlein, das sich beim Edelhirsch wie bei einigen anderen Wiederkäuern als Knöchelchen in der Scheide« wand zwischen den Herzkammern bildet, wurden fast jedem Körper- teil heilende Kräfte zugeschrieben. Wunderbar ist es aber, daß man noch nichts von einer Apotheke.Zum Hasen" gehört hat, wennschon Freund Lampe seinerzeit die Apotheken ebenso reichlich versorgte wie der Hirsch. Die Haare, der Grünrock mag da? Wort mit„Wolle" übersetzen, fanden zu mancherlei Dingen Verwendung: zu Tampon? zusammen- gedreht und in die Nase gesteckt stillten sie Nasenbluten— mit Honig zu Pillen geformt und innerlich genommen sollten sie Brüche heilen. Erfrorene Glieder suchte man gesund zu machen, indem man Asche von Hasenwolle darauf streute. Konrad von Meyen- berg. weiland Kanonikus am RegenSburger Dom, der im 14. Jahrhundert die erste Naturgeschichte in deutscher Sprache herausgab, spricht auch von„Haarballen des Darmes", die gegen'Durchfall helfen sollen. Von der Haut war namentlich die des inneren Löffels geschätzt. Frisch abgestreist und mit Frauenmilch angefeuchtet, wurde sie auf kranke Augen gelegt. Zur Beseitigung und Heilung von Augenübeln bedient» man sich auch der frischen mit Honig vermischten Galle in gleichem Maße wie der Lunge. Hasenlunge galt wie die anderer schnellfüßiger Tiere als vortreffliches Heilnsittel der erkrankten AtmungSorgane.'Auch vom Hirsch und Fuch» trocknete man sie, um Tuberkulose, Asthma und Stickhusten mit dem daraus gewonnenen Pulver zu heilen. Es wurden aus diesen Lungen auch Umschläge für erfrorene Füße und andere Beinschäden hergestellt. Welch prächttge Signatur! Der schnellfüßige Hase liefert dem lahmen und schwindsüchtigen Menschen das wirksamste Heilmittel. Fast zahllos sind aber die Mttel der rnateria rnedica der Alten, die auS SSugetierblut hergestellt wurden. Auch hier galt der.rote Saft' als etwa» ganz Besonderes. Um ihn von einem Hasen zu gewinnen, fing man einen solchen im Mai, schnitt den armen Burschen bei lebendigem Leibe auf und tränkte mit dem herausfließenden Blut ein Leinenttlchlein, das dann sorgfältig verwahrt wurde, um, sobald jemand im Hause oder in der Nachbarschaft an der Rose litt, das Tüchlein aufzulegen. Solch.Tüchlein mit Hasen« blut' bildete noch im Jahre 1652 eine Nummer der Dresdener Arzneitaxe. Luch eine Doppelsignatur ist hier zu erwähnen: van Helmont empfiehlt gegen Rotlauf das rote Blnt eine» im Laufe ge« töteten Hasen. Wennschon Doppelsignaturen im allgemeinen selten vorkommen, kann doch der Hase noch einmal mit einer solchen aufwarten: wer Ohrenleiden hat. mische in den Harn de» langohrigen Hasen pulverisierte Ohrwürmer und träufele diese Medizin in da« kranke Ohr. Die alten heilkundigen Waidgesellen bewahrten übrigens von dem erlegten Hafen stets die Blase nebst Inhalt auf. Dieser, mit einigen Tropfen Oel versetzt und inS Ohr gebracht, verttieb Schwer- Hörigkeit. Eine-stattliche Serie bilden die Aphrodifiaka, welche die alten Offizinen führten. Wenn diese Mittel auch harmloser Natur waren. so ist eS immerhin doch zu verwundern, daß sie überhaupt feilgehalten werden dursten, da sie doch sicher nicht nur zum Selbst« gebrauch gekauft wurden. Unter den verschiedenen Tieren, die solche Nittel lieferten, befand fich natürlich auch Freund Lampe. Wie man freilich auf den Gedanken kam. das Gerinsel(Magen« inhalt) säugender HäSlein in diesem Sinne zu verwenden, ist eigentlich kaum zu erklären. C. 3. Aus dem Gebiete der Chemie. Alkoholische Milchprodukte Daß auch die ge«. wöhnliche Milch zur Bereitung alkoholischer Getränke seit Jahr- taufenden schon von manchen Völkern benutzt wird, ist weiteren Kreisen nur wenig bekannt. Die meisten Menschen denken, sobald vom Alkohol die Rede ist, an Branntwein oder Bier. Diese Ge- tränke sind, namentlich das erstere, wegen ihres hohen Gehalte» an reinem Alkohol für die Gesundheit des menschlichen Organis- mus, wenn sie in großen Quantitäten genossen werden, eminent schädlich, zumal in ihnen andere Substanzen, die den Wert von Nahrungsstoffen haben, also Eiweiß, Fett oder Zucker, fast völlig fehlen. Ganz anders verhalten sich dazu die aus der Milch her- gestellten alkoholischen Getränke. Dies sind vor allem Kefir und Kumys. Kefir wird von den Einwohnern Kaukasiens seit undenklichen Zeiten aus gewöhnlicher Kuhmilch bereitet. In diese werden zu dem Zweck die sogenannten Kefirkörner gelegt, die mehrere Gärungserreger, Hefepilze, enthalten, die jedoch nicht mit unserer gewöhnlichen Hefe identisch sind. Durch die Kefir- körner wird der in der Milch enthaltene Milchzucker, eine unserem gewöhnlichen Rübenzucker verwandte Zuckerart. in einfachere Stoffe gespalten und vergoren. Bei jedem Gärungsprozeß bildet sich aus einer einfachen Zuckerart, dem Traubenzucker, Alkohol und Kohlensäure. Da der Milchzucker auch zur Hälfte aus Trauben- zucker, der nicht unserem gewöhnlichen Eßzucker(Rüben-, Rohr- zucker) gleich zu setzen ist, besteht, so ist es verständlich, daß auch aus der Milch ein alkoholisches Getränk gewonnen werden kann. Andererseits liegt es in der Natur der Sache, daß diese Getränke nur einen sehr geringen Alkoholgehalt haben können. Kuhmilch enthält nämlich 4—6 Proz. Milchzucker, der zur Hälfte auS Galaktose, zur Hälfte aus Traubenzucker besteht. Nur letzterer läßt sich vergären, also zur Alkoholerzeugung verwenden. Der Traubenzucker zerfällt nun wieder annähernd zu gleichen Teilen in Alkohol und Kohlensäure. Der Alkoholgehalt der aus Milch bereiteten Getränke kann also nicht groß sein; er beläuft sich in der Tat selten auf mehr als 1— 1,5 Proz., während Bier 3—6, Wein 5— 10, Branntwein 20— 50 Proz. Alkohol enthalten. Außer» dem befinden sich in den vergorenen Milchprodukten zum großen Teil noch dieselben kostbaren Bestandteile, die den hohen Wert der Milch als Nahrungsmittel bedingen, also vor allem das Milch- eiweih(Kasein) und das Butterfett. Deshalb besitzen diese Produkte sowohl den Wert vorzüglicher Nahrungsmittel als auch wegen des geringen Alkoholgehaltes die Bedeutung anregender. aber nicht schädlicher Genußmittel. Man hat in der Schweiz, in Italien, in den russisch-sibirischen Steppen Sanatorien ein- gerichtet, in denen Tuberkulose und andere an zehrenden Krank- heiten Leidende speziell mit Kumys und besonders mit Kefir ge- pflegt werden. Ein großer Teil des Heilerfolges wird allerdings der staub- und bazillenfreien Luft zuzuschreiben sein, die über diesen entlegenen und von der Industrie noch nicht berührten Ge- bieten liegt. Der Kumys ist ein dem Kefir sehr ähnliches Ge- tränk; ebenfalls seit langen Zeiten in Gebrauch. Schon der alte griechische Geschichtschreiber Herodot erwähnt es als ein Lieblings- getränk der wilden Skythen; heute bildet er das Nationalgetränk der russischen Steppenvölker jenseits de? Kafpifchen Meeres und wird von ihnen hoch geschätzt. Er wird wicht aus Kuhmilch. sondern aus Stutenmilch bereitet, und mag vielleicht deshalb dem verfeinerten Geschmack europäischer Zungen nicht so gut munden wie Kefir, der aus gewöhnlicher Kuhmilch hergestellt wird. Ein ähnliches und durch dieselben Vorzüge ausgezeichnete? Produkt ist der mit großer Reklame neuerdings angepriesene F o g h u r t, eine Art dicker Milch, das Nationalgericht der bulgarischen Völkerschaften. Im Aoghurt sind ebenfalls verschiedene Bakterien enthalten, die in einem be- sonderen Verfahren die abgekochte Kuhmilch zum Gerinnen bringen. Nach verschiedenen chemischen und klinischen Unter- suchungen soll Uoghurt in der Tat ein sehr empfehlenswertes Nährprodukt darstellen, und mag in der Tat bei manchen Krank- heiten zweckmäßig an Stelle der stets schwerer verdaulichen und die Darmbakterien in höherem Grade vermehrenden Fleischkost zu setzen sein. Alle diese Produkte haben nur den großen Nach- teil, daß sie viel zu teuer sind und Minderbemittelten kaum zu« gänglich werden, wenn sie nicht etwa für Erholungsbedürftige ärztlicherseits verschrieben und von den Krankenkassen geliefert werden. Bemerkenswert bleibt immerhin, daß auch aus tierischen Rohprodukten alkoholische Getränke hergestellt werden können, während die vorwiegend gebräuchlichen und lange nicht so empfehlenswerten ausschließlich aus pflanzlichen Rohstoffen be- ueitet werden, entweder aus stärke-(Kartoffel, Getreide) oder zuckerhaltigen(Weintrauben, Pflaumen, Kirschen usw.). Die Grundbedingung für alle Rohstoffe ist, daß sie entweder Zucker selbst enthalten oder ein Material wie Stärke, auS dem leicht Zucker gebildet werden kann. lverantw. Redakteur: Emil v?ger, Grunewald.— Druck u. Verlag: vorwärt« Bucbdruckerei u.Verl«g»anstalt Paul Sing« ScEo.. Berlin SW.