Anterhaltungsvlatt des'vorwärts Nr. 209. Mittwoch den 27. Oktober. 1909 (Nachdrult verbottn.) i9]„Soldaten fein fchönl" Bilder aus Kaserne und Lazarett. Bon Karl Fischer. Zweites Buch. Am Tage nach der Rückkehr aus dem Manövergelände wurden die Alten entlassen. Meiner lag schon seit acht Tagen im Lazarett. Vom Manöverfeld war er heimtransportiert worden. Seine gleichalterigen Kameraden zogen voller Jubel in die Heimat, und er mußte krank im Lazarett liegen. Bald wurden die ausgewählten Mannschaften zum Sanitätskorps ins Lazarett beordert. Unter ihnen War Volter, dessen erster Gang, sobald die Umsiedlungs- und Einkleidungsarbeiten vorüber waren, seinem Freunde galt. Auf der inneren Station lag Weiner, und der Zufall wollte es, daß Volter als Sanitätssoldat derselben Station zugeteilt wurde. Die Krankenzahl des Lazaretts hatte ihren Höhepunkt erreicht. Die meisten Kranken waren solche aus dem Manöver. In dem Saale, in dem man Weiner untergebracht hatte, waren alle Betten besetzt. Volter, der zum erstenmal das Innere eines Lazaretts betrat, fiel die peinliche Sauberkeit angenehm auf, die überall herrschte. Die Betten waren mit weißem Lemen überzogen: nicht wie in der Kaserne mit blaukariertem Baummolltuch. Die eisernen Bettstellen waren mit weißer Lackfarbe angestrichen, und an jedem Kopfende der Betten hingen schwarze Tafeln an einer Stange. Auf den Tafeln stand der Name und der Truppenteil des Kranken, die Beköstigungsform und die Krankheit. Leise betrat Volter das Zimmer. Sein Blick überflog die Lagerstätten und die Kopstafeln. Da— am Fenster, links, stand Weiners Bett. Auf den Fußspitzen, um die Schlafenden nicht zu stören, trat Volter herein. Weiner hatte seinen Rücken der Tür zugekehrt und bemerkte Volter nicht. Wie ihn dieser an der Schulter berührte, drehte er sich langsam um. Sie erkannten sich kaum wieder. Volter in dunkler Sanitätsuniform und Weiner leichenblaß, hohlwangig, un- rasiert und fiebernd im Bett liegend. Betrübt lächelnd reichte Weiner seinem Freunde die Hand. „Das freut mich, Veit, daß Du mich besuchen kommst," flüsterte er mit schwacher Stimme. „Mein lieber Fritz!" Weiter wußte Volter nichts zu sagen. Wieder und wieder drückte er ihm die heiße Hand. „Siehst Du, Veit: jetzt kannst Du mich noch behandeln." „Daß das gerade Dir passieren mußte." „Laß nur! Ich habe mich schon damit abgefunden. Ich hatte mich zu sehr auf meine Entlassung gefreut. Nun liege ich hier, und die andern sind schon daheim." „Was fehlt Dir? Was meint der Arzt?" „Ich weiß nicht. Die Aerzte wissen auch nichts. Ich habe bloß hohes Fieber. Dabei ist mir so elend zumute— so unsäglich elend! Aber es freut mich, daß Du gekommen bist. Was macht Deine Braut?" „Danke, ihr geht es gut. Sie läßt Dich grüßen und fragen, ob sie Dich einmal besuchen kann." „Ihr Lieben! Ich danke Euch. Natürlich kann sie mich besuchen. Sag ihr nur, ich wäre glücklich, ihr die Hand drücken zu können." „Kommenden Sonntag wird sie dann hier sein.— Aber sag mir doch, wie ist das mit Dir gekommen? Konntest Du Dich nicht eher krank melden? Mußtest Du erst zw sammenbrechen?" „Ich hatte mich ja am Tage vorher krank gemeldet. Der Stabsarzt konnte aber an mir nichts finden und schickte mich wieder zum Dienst. Ich hielt mich selbst nicht für so sehr krank. Ich hatte nur ein beklemmendes Gefühl im Kopf und in der Brust und glaubte schließlich doch noch weiter mit- machen zu können. Am nächsten Tage, auf dem großen Marsche, wurde mir dann plötzlich schwindlig— und was weiter geschah, weiß ich nicht. Hier im Lazarett kam ich erst wieder zur Besinnung. «Kann ich etwas für Dich tun?" „Ich wüßte nicht, was. Komm nur oft zu mir. Das ist alles, worum ich Dich bitte." „Gewiß werde ich kommen, so oft ich nur kann. Ich wünsche Dir von ganzem Herzen, daß Du bald, recht bald wieder gesund wirst." Nach einem warmen Händedruck ging Volter wieder so leise aus dem Krankenzimmer, wie er gekommen war. ' Zwei große Zimmer des Erdgeschosses waren für die Sanitätsschüler bestimmt. Die Stuben waren ebenso sauber wie oben im ersten Stock die Krankenräume. Kein Vergleich mit den Revierstuben in der Kaserne. Hier waren weiß- angestrichene Spinden— viel bessere eiserne Bettstellen mit weißem Bettzeug und Roßhaarmatratzen. Dann standen die Betten nebeneinander, nicht wie in der Kaserne, wo noch in Bett auf das untere gestellt war. Man sah es den Sanitätsschülern an, wie sie sich über die Aenderung ihrer Wohnungsverhältnisse und Lebensweise freuten. Nur Volter hielt sich abseits von den andern. Der Gedanke an seinen kranken Freund, der über ihm fiebernd auf der Station lag, war zu schmerzlich für ihn. Seine neuen Kameraden waren durchweg gebildetere und intelligente Leute. Einer von seinem Bataillon war ihm schon in der Kaserne bekannt, Bornemann von der zwölften Kompagnie, Hamburger, von Beruf Zigarrensortierer, ein allezeit fideler Kerl. Die Angabe feiner Berufsart machte ihm besonders Spaß. Wenn er einem Vorgesetzten mit einem gewissen Stolz feinen Beruf nannte, freute er sich immer auf das verdutzte Gesicht, das der Fragende danach machte. In der Kaserne kannte man ihn schon als geriebenen Jungen. Mit seinem Hamburger Dialekt, der seiner Rede einen humo- ristischcn Beiklang gab, war er hübsch schlagfertig. Immer hatte er eine gewitzte Antwort auf den Lippen. Vorderzähne hatte er fast keine mehr. Die vereinzelten Ueberreste seines Gebisses waren kohlrabenschwarz. Besonders häßlich machte ihn das nicht. Es fiel nicht auf infolge seines originellen, pfiffigen Gesichtsausdruckes. In jeder Situation fand er sich mit seinem Humor zurecht, und überall konnte er ihn anbringen, ohne die Disziplin zu verletzen. Richtig charakterisierte ihn sein Schlagwort, das er oft unter den Kameraden gebrauchte:„Mensch, wir packen das Zeug!" Damit drückte er seine Findigkeit aus, die er immer bewies. Daß er das Zeug gepackt und durch seine Schlauheit sich zum Sanitätsgehilfen ins Lazarett geschlängelt hatte, wurde von ihm mit dem nötigen Nachdruck seinen Kameraden beigebracht, die in seinen Ton freudig einstimmten. Einen Treffpunkt für seine Witze hatte er bald in Sonapp gefunden, der keinen Scherz übelnahm. Ein Techniker mit ziemlicher Unbeholfen- heit begabt, die sich auch in seinem«Aeußeren zeigte. Aber er war keineswegs dumm, wofür er wohl anfangs von manchem gehalten wurde. Die Sanitätsunteroffiziere als Stationsaufseher der drei Krankcnabteilungen machten den ihnen zugeteilten Sanitäts- fchülern ihre Instruktionen bekannt. Hier herrschte ein ganz anderer Ton zwischen den Vorgesetzten und Gemeinen: er hatte gar keine Aehnlichkeit mit dem der Kaserne. Er war nicht so grob militärisch, nur dienstlich, gemessen. Jeden Nachmittag gab es einige Stunden Unterricht. Teils vom Assistenzarzt, der zugleich auch wachthabender Arzt war, teils vom ältesten Sanitätsfeldwebel. Beim ersteren theoretisch über Anatomie, Krankheiten und deren Behandlungen, und beim Feldwebel praktisch, über Verbände, Gebrauch der Medikamente und Instrumente. Bei etwas Aufmerksamkeit mußte das auch einem nur mittelmäßig Be, gabten nicht schwer fallen. Alle waren ja froh, den Kasernen- drill hinter sich zu haben, und folgten allem, was der Sani- tätsdienst forderte, mit großem Interesse. Hier war für jeden ein ganz anderer Wirkungskreis als in der Front. Hier zählten sie nicht mehr zur Masse, zur Herde, was allen äußerst angenehm war. Der Kost konnten sie in Anbetracht des Kasernenessens auch nur Gutes nach- sagen. Das ganze neue Milieu verursachte bei allen eins große Zufriedenheit, die sich in ihren Unterhaltungen auch kundgab. «Nich, Kollegen? Hier werden wir es schon das Jahr noch 'aushalten I" „Wir werden das Zeug schon packen!" rief Böhlicke, der � Photograph, dem Bornemann zu, dem es riesigen Spaf; machte, wenn sein Schlagwort von einem anderen angewandt wurde. Die Schüler für alle Stationen mußten sich bei den be- treffenden Stationsärzten im Ordonnanzanzuge zur Verfügung melden. In dem ersten Jahr ihrer Dienstzeit hatten sie gelernt, was ein Ordonnanzanzug zu bedeuten hat. Seine ganze Putzfertigkeit setzte jeder einzelne jetzt darein, seinen Anzug so tadellos wie nur möglich herzurichten. Vor dem Konferenzzimmer warteten sie dann am Morgen in Wichs und Glanz auf das Erscheinen der Aerzte. Vor Meldungen und Befehlen hatten die meisten Respekt. Was kann ihnen dabei doch alles passieren! Der Rock konnte dem Vorgesetzten nicht sauber genug sein— der Helm nicht genügend blank. Dann konnte man sich leicht beim Herunter- schnarren der militärischen Meldung verplappern. Und vor den Aerzten wollten doch alle einen guten Eindruck machen. Stabsarzt Renner war der gefürchtetste des Lazaretts. Das hatten sie schon in Erfahrung gebracht. Nichts sollte ihm recht sein, und an jeder Kleinigkeit sollte er zu mäkeln haben. Bornemann und Volter waren mit unter denen für die innere Station. Bornemann nahm alles wie gewöhnlich mit seiner bekannten Leichtfertigkeit. Voltcr blieb ernst und ruhig. Sämtliche Aerzte, außer Stabsarzt Renner, waren schon im Konferenzzimmer eingetroffen. Schnell hatten sie ihre schriftlichen Arbeiten erledigt und waren im Begriffe» ibre Stationen aufzusuchen. Sobald einer in der Tür er- schien, platzten ihm die zugeteilten Schüler mit ihren Mel- düngen entgegen. lFortsetzung folgt.) Die letzte Sünde. Frei nach©leb Uspensky von M. Feofanoff. In der Hauptstraße des Ortes Kriwoi Bug fuhr langsam ein kleiner wackliger Schlitten dahin, den ein kleines mageres Pferd mit nicht geringer Mühe zog. In dem Schlitten saß ein Neiner ergrauter Mann, ganz in sich geduckt, so daß es den Anschein hatte, als sei er in Schlaf gesunken. Auch das Pferdchen schien wie im Schlaf seine mageren kraftlosen Beine mit den winzigen Hufen und den zotteligen Haaren zu rühren. Es kam kaum vom Fleck, aber dem alten Mann fiel es nicht ein, es auch nur mit einem Zuruf anzutreiben. Endlich erreichte der Schlitten das große stattliche Gebäude, in dem die Genossenschaftsbank ihre Bureaus hatte. An einem Baume, der hier einsam an der Straße stand, blieb das Pferd stehen. Eine geraume Zeit verging, bis der alte Mann au? dem Schlitten gestiegen war. Er war bedächtig und schwerfällig in seinen Beweguvgen. Endlich hatte er das Pferd an den Baum an- gebunden und schickte sich an, die hohen Stufen des Bankgebäudes hinaufzusteigen. Ein paarmal blieb er unterwegs stehen, als bc- sinne er sick auf etwas, und nach jedem Besinnen gab er sich einen Ruck zum Weitersteigen. Nun trat er durch das große Portal und befand sich in dem langen Korridor. Hier war Tür an Tür, und er klopfte an jede an. Und an jeder muhte er auf den Bescheid warten, den er ver- langt hatte. Endlich war er in dem Bureau, das er suchte. Seine Mütze hielt er in der Hand, verlegen und suchend. Er sah sich nach dem Heiliyenbildc um, das er in den Stuben zu finden gewöhnt war. Als er es nicht fand, schlug er doch sein Kreuz und verneigte sich nach der Stelle, wo nach seiner Ansicht das Heiligenbild hätte aufgehängt sein müssen. Tann schaute er sich aufmerksam jeden einzelnen an und prüfte sein Gesicht, als suche er einen Bekannten, oder als suche er einen Menschen, mit dem er reden könnte. Ein Beamter erhob sich von seinem Platze und trat an den Schalter. „Gnädiger Herr, ich möchte Sie bitten, mir armen Waisen zu helfen," sagte der kleine alte Bauer und verharrte in seiner ge- bückten Haltung. „Bist Du denn eine Waise, Großväterchen?" fragte der Beamte freundlich, aber mit einem halb spöttischen Lächeln." „Ja." sagte der Bauer und richtete sich ein wenig auf,„ich bin eine verlassene Waise! Ich habe weder Weib noch Kinder. Weder Schwiegersohn noch Schwiegertochter. Bloß einen Enkel habe ich, der lebt aber auch nicht bei mir, sondern bei seiner Tante. Ich habe niemand mehr auf der Welt. Ich bin ganz allein und ver- lassen. Bruder,— allein und verlassen!" Diese letzten Worte fielen schwer wie Blutstropfen. Sie fielen aus einem wunden Herzen, das nicht mehr Kraft genug hatte, einen Schrei auszustoßen. Seine letzte Lebenskraft hatte der ge- beugte alte Mann für die zwei Worte„allein" und„verlassen" ge. sammelt, und darum ließ die Kälte der Einsamkeit dieses Menschen, den niemand kannte, alle Anwesenden erschauern. Es war einen Augenblick so still in dem Raum, daß man den Ateui der einzelnen hören konnte. Der Bauer richtete sich ein wenig höher auf. „Ich bin einsam und allein wie ein Grashalm auf dem Felde, wie ein Baum im Schnee... Und das ist nach Gottes Willen ge- schehen, und es ist recht geschehen. Ich war in jungen Jahren stark und unbeugsam und litt keinen Widerspruch. Mit einem Worte, ich hatte einen Charakter wie Eisen und einen Willen wie Stahl. Als Leibeigener habe ich darum auch viel Prügel wegen Ungehor- sams erhalten, aber ich habe keinen Schrei getan, nicht einen! So stark wie ich war, so stark hat mich auch Gott gestraft... Und mein unbeugsamer Charakter ist daran schuld, daß ich nun im Alter nie- mand habe, mit dem ich ein Wort reden könnte.. In meiner Familie war ich unerbittlich und streng, meiner Frau ein grau- samer Mann und meinem Sohne ein böser Vater... Ich hatte bloß einen Sohn, und wider seinen Willen habe ich ihn verhei- ratet. Drei Jahre hat er mit seiner Frau zusammengelebt, drei bittere Jahre, bis er sie im vierten ermordete. Er wurde nach Sibirien verschickt. Seine Mutter hat sich zu Tode geweint, und ein halbes Jahr nach seiner Verurteilung ist sie gestorben. Ich war nun allein, ich und mein tznkel von drei Jahren. Gott hat mich mit einem Male gestraft. Alles nahm er mir, und wie mit einem Blitze schlug er mich. Den Enkel brachte ich zu der Schwester seiner Mutter, und das einzige, was ich tun kann, ist, für ihn zu sorgen, soviel in meinen schwachen Kräften steht. Vier Jahre sind nun vergangen, alle Kraft ist mir genommen, ich habe mich todmatt geweint. Ich bin in Weinen fast zerschmolzen. Denken Sie bloß, Bruder, ganz allein und verlassen..." Dem Alten rannen die Tränen übers Gesicht. Auch die An- wesenden bekamen feuchte Augen. Nachdem sich der Alte ein wenig beruhigt hatte, sagte der Beamte: „Na, und was möchtest Du nun hier?" „Ich will mein Kapital hier zur Aufbewahrung für meinen Enkel abgeben." „Wie groß ist denn Dein... Dein Kapital?" „Ich habe zweiundvierzig Rubel in Papiergeld... da ist das Geld. Was raten Sie mir, damit zu machen?" Es wurde nun dem Alten erklärt, daß er entweder das Geld zu dem und dem Zinsfuß auf eine bestimmte Anzahl von Jahren einzahlen, oder daß er als Mitglied in die Genossenschaftsbank ein- treten könnte, wodurch sich der Zinsfuß noch höher stellen würde. „Zinsen will ick nicht haben!" sagte der Alte barsch.„Nein, um keinen Preis. Davor soll mich Gott behüten I Möge mir eher die Hand verdorren! Genau was ich einzahle, das sollt Ihr meinem Enkel später wieder auszahlen. Diese Sünde, daß mein Geld Zinsen tragen soll, nehme ich nicht auf mich. Diese Sünde nicht!" „Was soll denn dann aber aus den Zinsen werden?" „Das geht mich nichts an. Ich will sie nicht haben." „Wie alt ist denn Dein Enkel?" „Sieben Jahre!" »Zehn Jabre also würde das Geld liegen, folglich entgehen ihm so gegen fünfzig Rubel. Bedenke. Fünfzig Rubel, die ihm verloren gingen. Warum willst Du ihm die Zinsen nicht gönnen?" Der Alte richtete sich nun ganz gerade auf. „Laßt mich mit reinem Gewissen sterben!" sagte er mit Be- stimmtheit.„Ich will nicht dieses unreine Geld haben, und mögen es tausend Rubel sein. Zinsen? Nein! Weiß ich. wober sie stammen? Weiß ich, was daran hängt, wieviel Blut und Kummer oder gar Schande? Ich gebe Euch mein Geld, das ich ehrlich er- worden habe. Ehrlich, mit Schweiß und Blut. Jede Kopeke ist von meinem Schweiße, jede ist von meinem Blute. Aber Zinsen! Ich will sie nicht! Versteht Ihr das?" Der Beamte lächelte ein wenig. Aber er war doch verlegen, denn diese Auffassung war ihm neu und fremd. „Also Du willst die Zinsen nicht haben?" „Nein!" „Na, das ist Deine Sache. Aber denk daran, Alter, daß Dein Enkel jetzt klein ist, und wenn er erwachsen sein wird, kann ihm jede Kopeke in der schweren Zeit nützen." „Der liebe Gott wird ihn nicht verlassen. Dafür brauch ich nicht zu sorgen. Und Gott verbietet, fremdes Eigentum zu nehmen. Zinsen sind fremdes Eigentum, und ich sage es noch einmal, ich will sie nicht." Nach langem Hin- und Herreden, wobei der Alte auf seinem Standpunkte verharrte, daß es Sünde sei, fremdes Geld zu nehmen, wurde ein Testament aufgesetzt, wonach der Enkel die ein- gezahlten zweiundvierzig Rubel erhalten sollte, die Zinsen aber der lokalen Schule zum Einkauf von Papier, Tinte und Büchern zufallen sollten. Das Vermächtnis wurde von einigen Anwesenden unterschrieben, und man sandte einen Boten nach dem Kassierer. Der Alte nahm indessen auf einer Bank Platz und verfolgte mit Neugier und Mißtrauen, was in dem Hause vorging. Er schob die Hände zwischen die Knie, und wie er so mit vorgebeugtem Kopfe dasaß, glich er einem Schlafenden. So verging eine halbe Stunde, dann erschien der Kassierer. Man rief den Alten und er trat an den Schalter. Eine Verände- rung war mit ihm vorgegangen. Er hielt sich jetzt gerade, ja sogar stramm, als wäre die Kraft seiner Jugend wieder in ihn gefahren. Wer auf seinem Gesichte war ein neuer Zug, der Zug einer schmerzlichen Starrheit. Es mutzte eine grotze innere Bewegung in ihm vorgegangen sein, und ihr Eindruck hatte sich auf seinem Gesichte eingegraben, wie sich auf einem Totenantlitz der letzte Schmerz eingräbt. Seine Hände stutzten sich auf das Schalterbrett, ihre Muskeln und Adern schwollen an von dem Gewichte, mit dem er sich auf' sie stützte. Mit der tonlosen Stimme der Entschlossen- heit sagte er: „Ich bin einverstanden... Gott steh mir bei... Möge mein Enkel auch die Zinsen bekommen. Ich nehme die Sünde auf mich. Denn... Gott sieht es, schwere Zeiten werden kommen... Schreiben Sie auf, datz mein Enkel die Zinsen auch bekommen soll." Das Dokument wurde umgeschrieben. Auf dem Gesichte des Alten aber spiegelte sich deutlich das Bewutztsein der schweren Sünde, die er auf sich geladen hatte... und die schwerer war, als alle, die er je begangen in seinem schlechten Leben— doch man las auch die Entschlossenheit, mit der er sie auf sich nahm, um sie der- einst zu verantworten. Die Angst vor den kommenden schweren Zeiten,— nur deshalb hatte er es getan—, sie hatte ihm den Mut gegeben zu seiner letzten Sünde. Und nun er sie um des Kindes willen auf sich ge- nommen hatte, ward es ruhig und friedlich in ihm. LNdiddrudE verboten.) Buchara. i>, Bon Dr. F. v on P a p e n. Buchara! Märchenbilder aus„Tausend und eine Nacht" steigen vor meinen Augen auf. Vor mir sehe ich im Geiste die zinnengeschmückten Mauern der heiligen Stadt, hinter denen das buntschillernde Leben des Morgenlandes wogt. Scheheresades Ge- stalten werden lebendig: der Fürst, der über Leben und Tod ge° bietetz der hohe Beamte in goldstrotzendem Gewände, vor dem die Untertanen auf die Knie sinken, der weise Mullah mit langem Barte und der bettelnde Derwisch.„Ach, hätte ich Flügel wie Tauben, so enteilte ich und nähme Wohnung dort in der Wüste." Sehn- sucht nach dem fernen Wunderlande weckt das Wort des königlichen Sängers in meiner Seele.— Wohl in keiner Stadt des Morgenlandes hat sich der Orient in seiner typischsten Form so rein, so unverfälscht erhalten wie in der Residenz des Emirs von Buchara. Fast spurlos ist die alles gleichmachende Neuzeit an ihr vorübergegangen. Zu ihr dringt nichts von den weltgeschichtlichen Ereignissen, die den übrigen Erd- ball in Aufregung versetzen. Buchara ist eine Welt für sich; was sie bewegt, dringt nicht über die bröcklige Lehmmauer hinüber, die sie umgibt. Wie lange noch? Buntes Leben und Treiben herrscht von morgens früh bis zum Sonnenuntergang auf dem Basar der Stadt, kaleidoskopartig wech- !elnd. Durch die engen, zum grossen Teil gedeckten Strassen drängt ich eine vielsprachige Menge, die in allen Farben des Regenbogens leuchtet: Sarten, Mongolen, Kirgisen. Afghanen, Perser, Türk- mencn, CHitoinen, Parsen, Inder, Juden und Zigeuner. Alle unter- scheiden sie sich voneinander durch den Gesichtstypus, die Farbe der Haut, die alle Skalen vom dunkelsten Braun bis zum hellsten Weiss zeigen, den Kopfputz, die Haartracht und die Kleidung* Wir bewundern die stattliche Grösse der männlichen Sarten, der cigent- lichen Bewohner der Stadt, mit ihren sorgfältig gepflegten schwav- zen Bärten. Ihre schlafrockähnlichen Gewänder, Chalate genannt, reichen bis auf die weichen Schuhe aus buntgefärbtcm Ziegenleder herab. Das nach Landcssitt« glatt rasierte Haupt ist mit einem Käppchen bedeckt und auf diesem thront der schneeweihe, kunstvoll gewundene Turban, der Tschalma. Er ist nicht eigentlich Kopf- bedeckung, sondern das Leichentuch, das jeder rechtgläubige Musel- mann als memcnto mori(Aufforderung, an den Tod zu denken) stets bei sich tragen mutz. Es gehört ein ganzes Studium dazu, den Turban, der bis 24 Meter lang ist, schnell und elegant um den Kopf zu wickeln und ein ebenso grosses, die verschiedenen Turban- arten unterscheiden zu können. Die einzelnen Stände: Adlige, Gelehrte, Beamte, Mullahs, und Kaufleute Pflegen nämlich den Turban verschieden zu winden, so dass der Kenner an der Art des Bindens den Stand eines jeden erkennen kann. Gewöhnlich sind die Enden des Turbans verborgen, nur beim Gebet lässt man sie an der Seite herunterhängen, was bei den Afghanen und Kirgisen immer der Fall ist, sofern letztere nicht ihre ganz eigenartigen grossen Hauben mit Nacken-, Ohren- und Backenschutz aus rotem Samt oder Pelz tragen. Den Juden ist der Gebrauch des Tur- bans verboten, sie bedecken ihr Haupt mit schwarzen Samtkäppchen. Die Inder, von denen die Hindus durch das auf der Stirn ein- gebrannte Kastcnabzcichen zu erkennen sind, stülpen hohe, vier- zipfelige Mützen von schwarzem Kaliko auf ihr Haupt, die mit den Bircts der katholischen Geistlichen viel Achnlichkeit haben und viel- leicht mit diesen auf gemeinsamen Ursprung zurückgehen. Selbst beim grössten Sonnenbrande legen die wildaussehenden Türk- menen ihre gewaltigen Pelzmützen nicht ab. In kurzgeschorenen Fellmützen erscheinen die Perser. Zu der Mannigfaltigkeit der Gewänder und Kopfbedeckungen kommt die seltsame Buntfcheckigkeit der Chalate. Wohin unsere Augen sich wenden, erblicken sie leuchtende Farben, als hätte ein Maler die Vorübergehenden mit allen Resten seiner Palette bc- strichen. In merkwürdigem Kontrast zu der Bielfarbigkeit der mann- lichen Bewohner steht die traurige Einförmigkeit der Frauen. Ein graues oder schwarzes Gewand, das wie ein Schal über den Kops gelegt ist und vor der Brust mit einer Agraffe zusammengehalten wird, umgibt ihre Gestalt. Nur bisweilen sehen wir freundliche Farben an den weiblichen Chalaten. Die Acrmsten sehen die Welt, die für sie ebenso beschränkt ist wie ihr geistiger Horizont nur durch den schwarzen dichten Roßhaarschleier, der ihr Gesicht bedeckt. Ein trauriges Los, zu dem der Islam die Frauen verdamnit! Hier in seiner Hochburg Buchara, wo der Mohammedanismus sich seit einem Jahrtausend wie an keinem anderen Ort rein und unver- fälscht erhalten hat, ist es besonders bcklagenslvert. Selten ver- lassen sie ihr trostloses Heim. Aengstlich suchen sie ihren Weg durch die Menge, stets in Sorge, überfahren oder überritten zu werden. Da haben es die Kirgisinnen besser. Hoch zu Rotz oder auf dem Kamele erscheinen sie im Gewühl; auf dem unverschleicrten Haupte mit dem rabenschwarzen Haar chront der mächtige Turban, der den Sartinnen versagt ist. Die Kirgisen sind schlechte Mohammedaner und kümmern sich wenig oder gar nicht um die Weisungen deS Propheten. Durch dieses vielfarbige Menschengewirr, das die Strassen des Basars durchflutet, drangen sich die Scharen der Vierfüssler. Langsam schreiten die unförmlichen Kamele der Karawane, von einem Esel an der Spitze geführt, im Gänsemarsch dahin, riesige Lasten auf ihren Rücken schleppend: Tee, Baumwolle, Matten, Teppiche und andere Erzeugnisse deS Landes. Reiter zu Rotz und Esel suchen ihren Weg durch die Menge:„Poscht, poscht," Vor- ficht, Vorsicht, tönts bald rechts, bald links, bald vor uns, bald hinter uns und schnell flüchten wir in eine Nebengasse, um nicht unter die riesigen Räder einer„Arba" zu kommen. Die einzelnen, überaus engen Basarstrasscn, laufen strahlen- förmig in gewölbten Rotunden, die mit einer hohen Kuppel bedeckt sind, zusammen. Wie früher in Deutschland, so liegen auch in Buchara die Läden der gleichartigen Gewerbe in den verschiedenen Rotunden, Strassen und Höfen zusammen. Alles, was das Land erzeugt, oder der Buchare braucht, kann man hier kaufen. Wir wandern durch den Mützen-, den Teppich-, Seiden- und Chalat» basar, und erfreuen uns an den leuchtenden Farben der aus- liegenden Sachen. Auf dem niedrigen Ladentisch hockt mit unter- geschlagenen Beinen der Verkäufer, neben sich die unvermeidliche Schale mit grünem Tee. Mit unendlicher Geduld zeigt der Mann uns feine Waren. Eins der herrlichen Scidentüchcr nach dem andern holt er hervor und breitet es vor uns aus; immer neue Teppiche, bucharischc, persische, afghanische, immer neue Chalate aus Baumwolle, Seide oder köstlichem Brokatstoff schleppt er herber. Und mit derselben Geduld, mit der gleichen Rüye, ohne ein Wort des Missfallens faltet er seine Sachen wieder zusammen, wenn. wir, ohne etwas zu kaufen, weitergehen, um uns die Schätze seines Konkurrenten, dessen Laden nur durch eine dünne Bretter» wand oder ein Teppich von dem seinigen trennt, zu be- trachten. Kismct! Allahs Willen war es, dass wir nichts bei ihm erstanden haben. In anderen Gassen haben die Apotheker und Drogenhändler ihre Stände, in jenen Reihen verkaust man Schuhe, Waffen, Bücher, Stickereien, Metallwaren, Schmucksachen, dort wieder Zuckerzeug in schier uncrmesslicher Fülle und getrocknete Früchte: Weintrauben, Pistazien, Mandeln, geröstete Aprikosenkerne und vieles andere. Auf den Ladentischen der Geldwechsler, meist Inder, liegen Haufen des einheimischen Geldes, an dessen Gebrauch wir uns gewöhnen müssen. Für ivenige Puhls, eine kleine Messingmünze im Werte von einem halben Pfennig, erstehen wir uns einige Scheiben der herrlichen Melonen, die allenthalben feilgeboten werden; oder Schaschlik, am Spiess gebratenes Hammelfleisch, in einer der vielen Garküchen, oder kleine, dreieckige Fleischpastetchen, wozu wir eine Tasse Tee trinken, die zwei Puhl, also einen Pfennig kostet. Alle grösseren Ausgaben bestreiten wir mit der„Denga", einer Silber» münze, die etwa 30 Pfennig gilt. Im Schatten gewaltiger Ulmen liegt, wie das Traumgebilde eines Märchens, eine hochragende Moschee. Die hcisse Sonne Asiens spiegelt sich in dem leuchtenden Kachclschmuck des kuppel- reichen Gotteshauses und zaubert tausendfache buntschillernde Re» flexe aus einem heiligen Teich hervor. Auf den Stufen, die ihn umgeben, lagern die Bewohner der Stadt mit ihren malerischen Gewändern und den schneeweisscn Turbanen, in süssem Nichtstun. Ein würdiger Märchenerzähler hat einen grossen Kreis andächtiger Zuhörer um sich versammelt. Zu den Klängen seiner Laute singt er Weisen aus alter Zeit; jetzt springt er auf, er wird lebendig, das Feuer der Begeisterung kommt über ihn: von Tamerlan er- zählt er, dem Gewaltigen, vor dem der halbe Erdkreis erzitterte. Lautlose Ruhe ringsum; nur die Stimme des begeisterten Erzählers und daS Windesraunen in den alten Baumricscn durch- bricht die weihevolle Stille. Ein Märchenbild, erhaben und er» hebend, das nur der erschaut, den ein glückliches Geschick nach Bu- chara geführt hat. kleines Feuilleton. Literarisches. Detlev Liliencrons Vermächtnis. An einem Mitt» sommertag ist er zur grossen Armee abmarschiert, und am ersten Herbsttage, dem Kalender nach, kam sein Testament. Zwei Blicker hat Liliencron als sein Vermächinis hinterlasten, daran nun sein ganzes Volk erben soll. Das V o l k I Ach wessen Dichters wonnigster Traum war eS nicht: ihm ganz zu gebären? Das hatte Liliencron wohl immer geträumt. Aber die Erfüllung? Sie haben ihn, als er die Sechzig erklon, men, zu hätscheln an- fiefangen, wie man ein artiges Kind hätschelt und Hosianna I ge- ungen. Hosianna, Liliencron! Um durch dies Lärn, getose das Schamgefühl ihrer Indolenz zu ersticken und nun den Glauben zu erwecken, als wären sie es gewesen, die den Dichter zuerst erkannt hätten. Ganz richtig: Die Bourgeoisie bat den Lyriker als den ihrigen proklamiert, wie sie gewahr wurde, dost sie ihn von seiner schwächsten Seite für ihren byzantinischen Hurrapatriotismus gebrauchen könne. Das war es auch, was Liliencron am tiefsten schmerzte und schmerzen muhte. Freilich so rücksichtslos er den verknöcherten Anschauungen seiner feudalen Kaste ins Gesicht schlug— er bleibt, wenn nicht Geist von ihrem Geiste, so doch durch daS Gefühl eines„gehobenen' Standes mit ihr verbunden, mochte er auch dagegen ankämpken, wieviel er wollte. Gleichwohl ist er in seiner Art doch ein ehrlicher Streiter gewesen; denn er gab sich, wie er war. mit allen Tugenden und Mängeln— inner- halb der seinem Talent gesteckten Grenzen. Forscher und ungenierter ist kein anderer auf de», deunche» Parnah umgesprungen wie Liliencron; und wenn er dabei dem Philistertum gehörig die Zipfelmütze ausklopfte, so tat er das immer unter soldatischen Vor- stellungen. Hierin liegt seine Einseitigkeit. Mit„Adjiitaiiienritten" hatte er begonnen; als Soldat hat er sich von seinen Verehren, ver- abschiedet. Die militärische Note klingt denn auch in:„Gute Nacht", dem Buche seiner hinterlassen'en Gedichte an(Scbnster u. Loeffler, Berlin). Sein letzter Wunsch ist: auf dem Schlachtfelde zu fallen, nachdem Deutschland gesiegt hat und„einig" ist. Politischen Scharf- blick bar Liliencron ja nie besessen. Ihm genügt, wie allen optimistischen Schwärmern, die augenscheinliche Talsache. Dag sich hinter ihr viel„blauer Dunst" verbirgt, wie Heinrich Reder zu sagen pflegte, kümmerte ihn nicht. Wenn sich»un alle.OrdmingSparteien" zu einer Tellersammlung für des Dichters Witwe entschlossen haben, so scheint übersehen zu werden, das; ihnen Liliencron gerade in seinem hier letztwillig veröffentlichten BiSmarck-CanluS gründlich den Text gelesen hat. Auch mancves der anderen patriotischen Gedichte steht auf schwachen Fühcn. Ucberdies— wenn von einer Reibe aus LiliencronS prächtiger„Balladenchronik" bereits bekannter lyrisch-epischer Stücke abgesehen wird— verbleibt herzlich wenig neues, das dem Dichterbildnis frischere Farben hinzuzufügen hätte. Jndeffcn tritt uns doch wieder diese hcrbfröhlichderbe Nanir, der nichts„MenschlicheS-Allzumenschliches" fremd geblieben, sehr nahe. In den Sizilianen wie in den Sonetten und mauch anderem steckt so viel Schönes und Rührendes zugleich, daß wir dem Dichter freudig bewegt beide Hände schütteln möchten, wenn er noch am Leben wäre— am Leben, das er trotz aller Kümmernisse und Schmerzen, die es ihm gebracht, so unsagbar geliebt hat. Sein »Abschied" klingt wie ein Vermächtnis: Ins halb schon tote Herz, ins alte, grüßen Noch einmal Vogelsang und Soinmerranken. Wie blau der Himmels welch ein lustig Schwanken Der grünen Blätter, die sich neckend küsien. Und nun das herbe Abschiednehnwnmüssen. Vorbei, wie zögen, d, gleiten in Gedanken Die wenigen Stunden, die ins Herz mir sanken, Mit reinen Seligkeiten und Genüssen. Gönnt mir den letzten Trunk aus diesen Schalen, Eh' ich hinab muß in die grauen Gründe; O gönnt ihn mir als letzte meiner Qualen! Lebt wohl I Klagt eurem Gott all meine Sünde I Ihr kennt die Schmerzen nicht, die in mein Leben Sich gruben, sonst— ihr würdet mir vergeben. Auch der novellistische Band:„Letzte Ernte'(im selben Verlag) wird umrankt von je einem Soldatenstück, und damit hat der Leser sofort daS„Erleben" und Erlebnis vor Augen, auf das dieS Buch gleichfalls gestimmt ist. Liliencron war zu sehr Dichter, um im„objektiven Verfahren" irgend ein„Problem" aufzustellen und ihm menschliche Figuren unterzuordnen, die nun nach Willen und Laune ihres Gestalters die Rollen von Siegern oder Beftegien spielen müffen. Sondern Menschen, die er gekannt, Schicksale. die ihnen begegneten und ihm im Gedächtnis haften geblieben, werden da plötzlich lebendig: vermöge einer dichterischen Bildkraft, die jeden Sonnenblitz und Regentropfenfall, jedes Vogel- gezwitscher und Hundegebell, jedes Rädergeknarre und jeden schlurfenden Menschentritt sichtbar und hörbar hervorzaubert. Die frische Ur- sprünglichkeit. mit der das alles gegeben wird, deutet in jedem Federzug auf LiliencronS impressionistisches Schaffen hin. Er bleibt auch darin Poet, wenn er neben die bitterste Tragik von Tod und Sterben den Lockruf des lachenden lustigen Lebens stellt. Mit blutendem Herzen, eine salzige Träne im Auge, reißt er sich los von allem, was schmerzlich war— und uns mit. Ueber Knick und Dorngestrüpp geht'S hinweg; man bat Mühe, den im Sonnenglanz flirrenden Faden der Handlung festzuhalten. Aber wenn die Geschichte am Ende ist, weiß man, daß man mit einem echten Dichter Arm in Arm gegangen. So siiid's denn wieder prächtige Stücke, voran die unheimliche Marichengeschichte:„Der Blanke Hans", daS Harpagon-Motiv i „Ehepaar Ouint", die hier— es sind alles zusammengenommen nur sieben— dargeboten werden. Denn in jeder Novelle steckt ein Stück Erleben. e,n Selbstbekenntnis LiliencronS: und die„ewigen Qualen, die Demütigungen" jeneS armen, von Gläubigern gehetzten Pumpleutnants in der„Schuldengeschichte":„Der gelbe Kasten"— offenbart sie uns nicht das Erdenweh, an dem auch Liliencron zeit- lebenS bis nah ans Grab getragen? E. K. Hygienisches. .DaS keimfreie Schwimmbad. Die Erneuerung des WasierS in Schivimmbädern kann sehr häufig nicht so reichlich er- folgen, daß ein den Forderungen der Hygiene entsprechender Znstand gewährleistet wird. Schon nach vierundzwanzig Stunden erscheint das Wasier oft dunkel gefärbt und namentlich in den tieferen Schichten stark verunreinigt. Am Boden setzt sich ein schleimiger Say ab, und der Aufenthalt im Wasser wird den Badenden bald gründlich verleidet. Ein gutes Mittel zur Bekämpfung dieser Miß- stände ist, wie ein im„Lancet" mitgeteilter Bericht des Mitgliedes einer Sanitätsbehörde ansführt, die sogenannte„elekirolynsche Flüssigkeil", d. h. eine Lösung von unterchlorsaurer Magnesia, die aus Chlorniagnesiun, durch eine eigenartige elektrolytische Behandlung gewonnen wird. Ein Liter davon genügt, um in t0(X) Litern eines durch LS Stunden nicht gereinigten BadewafferS alle organischen Stoffe zu zerstören. Bei der Vewendung der drei- fachen Menge waren diese bei den angestellten Versuchen schon nach zwei Stunden vollständig verschwunden, wobei ein sehr er- heblicher Ueberschuß von Hypochlorit zurückblieb. Für die Badenden bringt der Zuiatz des Desinfektionsmittels nicht die geringsten unangenebinen Begleiterscheinungen mit sich, da es sich weder für den Geruch noch für den Ge- ichmack irgendwie bemerklich macht. Die dunkle Farbe des Wassers verschwindet vollständig. Die chemische Analyse ergab vollständige Abwesenheit aller organischen Stoffe, und nach viertägiger Einwirkung zeigte sich das Wasser bei der bakterio- logi'chen Untersuchung vollkommen keimfrei. Die Kosten für das chemische Mittel sind sehr gering und kommen gegenüber den Auf- Wendungen, die für eine oftmalige Erneuerung des Badewassers erforderlich sind, kaum in Betracht. An kleineren und weniger wohlhabenden Orten, wo sich die Gefahr der Verunreinigung öffentlicher Badeanstalten noch dadurch steigert, daß es meist an häuslichen Badeeinrichtungen gebricht, muß das neue DesinfeklionSverfahren auf das nachdrücklichste empfohlen werden. Es bierer auch einen girren Schutz gegen die Uebertragung ansteckender Krankheiten, deren Erreger in unbewußter oder leicht- fertiger Weise von Badenden dem Waffer öffentlicher Schwimm- anstallen mitgeteilt werden. Allerdings wäre vielleicht hier und da nötig, davor zu warnen, daß im Vertrauen auf die reinigende Kraft des Magnesiumsalzes die Erneuerung des Waffers etlva in ungebühr- sicher Weise versäumt werden dürfte. Eine künstliche Reinigung ist selbstverständlich stets nur ein Notbehelf, wenn auch unter Umständen ein sehr wertvoller. Pßyfikalisches. DaS eisenlose Schiff auf der Seereise. DaS eigentümliche Fahrzeug, das auf Kasten deS Earnegie-Jnflituts für die Zwecke der magnetischen Durchforschung der Moeresräume er» baut und nach Carnegie selbst benannt worden ist, hat jetzt seine erste Ozeanfahrt hinter sich. Am 2. Oktober verließ es den Hafen von St. John in Neufundland und traf am 14. Oktober in Fal» mouth an der Südküstc von Cornwall in England ein. Während dieser Fahrt sind an jedem Tag mit einer Ausnahme magnetische Beobachtungen ausgeführt worden. In Falmouth wird der„Car- negie" bis Ende des Monats bleiben, um magnetische Beobachtungen im Hafen und an der umgebenden Küste auszuführen. Tann wird er nach Madeira hinuntergehen und weiterhin über die Bermuda- Inseln nach New Dork zurückkehren, wo sein Eintreffen uni den 1. März 1310 erwartet wird. Das Schiff steht unter dem Befehl von Kapitän PcterS, der schon den Vorläufer des„Carnegie", daS Forschungsschiff„Galilee", kommandierte und mit ihm rund 63 000 Seemeilen zwecks magnetischer Forschungen im Stillen Ozean auf Kreuzfahrten zurückgelegt hat. Auch dieser Kreuzer war bereits mit äußerster Sorgfalt aller magnetischen Eigenschaften entkleidet worden. Beim Bau des„Carnegie" aber wurden noch mehr Auf- Wendungen zur Erreichung dieses Zweckes gemacht. Die größte Schwierigkeit bereitete die Beschaffung einer nicht magnetischen LRaschine, die das Schiff haben mutzte, um nicht gar zu sehr vom Winde abhängig zu sein und bei Windstille nicht viel Zeit zu ver- lieren. Am billigsten würde eine Gasolinmaschine getvescn sein; man entschied sich aber für einen Gasmotor, da er sich im Betrieb erheblich billiger zu stellen versprach. Diese Maschine, die in der „Monatsschrift für Erdmagnetismus und atmosphärische Elektri» zität" eine besondere Beschreibung erfahren hat, ist hauptsächlich aus Manganbronze hergestellt und mit vier Zylindern ausgestattet. Einige der Ventile sind die einzigen Teile, die aus Stahl oder Nickel verfertigt worden find. Kerantw. Redakteur: Emil Unger, Grunewald. — Druck u. Verlag: Vorwärt« Buch» ruckerei u.Veri«g«anst