Anterhaltungsblatt des Horwärts Nr. 210._ Donnerstag den 28. Oktober. 1909 (Nachdruck verboten.) 201„Lolclaten fein febön l" Bilder aus Kaserne und Lazarett. Von Karl Fischer. Stabsarzt Bauer von der äußeren Station, ein jovial aussehender, groß und kräftig gebauter Mann, erschrak fast, tvie ihm Böhlicke als erster mit seiner Meldung entgegentrat. „Danke," antwortete der Stabsarzt.„Legen Sie ab und kommen Sie dann mit." Die Schüler der Inneren warteten noch auf Stabsarzt Renner, der kommen sollte und nicht kam. Bornemann wurde das Warten schon etwas ungemütlich, und in komischen Be» merkungen machte er seinem bedrückten Herzen Luft. Eine Viertelstunde nach der anderen verging. Elf schlug'es schon von der nahen Kasernenuhr, und er war noch immer« nicht da. Oberstabsarzt Klein war mit seiner Visite auf der ge- mischten Station fertig und kam mit seinem Gefolge, einem Assistenzarzt, dem Unteroffizier und den neuen Schülern ins Konferenzzimmer zurück. Plötzlich vernahmen die Wartenden eine gellende Stimme im Treppenhaus, aus der Bornemann und Volter den Vor» gesetzten heraushörten, der einen Fehler eines Untergebenen oder Kranken mit starken Worten rügen mußte. Bornemann, der neugierig um die Fensternischenecke ge- blickt hatte, flüsterte leise seinen Kameraden zu:«Kollegen, das ist er!" Stabsarzt Renner, noch ganz erhitzt von dem Rüffel, den er eben erteilt hatte, betrat endlich das Konferenzzimmer. Ein kleiner schmächtiger Mann. Sein Gesicht war nicht be- sonders vertrauenerweckend. Stechend blickten seine scharfen Augen hinter den Klemmergläsern hervor, die seine Haut an der Nasenwurzel zu einer runden Wulst herauspreßten. Der Klemmer hätte an seinem Nasenbein keinen Halt gehabt, so tief stand es zurück, so daß die Nase beinahe der Form einer sogenannten Ansatznase gleichkam. Unter seinem schwarzen dichten Schnurrbart traten die großen fleischigen Lippen scharf hervor. Wieder mußten die Schüler eine geraume Zeit warten. Stabsarzt Bauer kam schon aus dem Operationssaal zurück. „Endlich scheint er zu kommen," flüsterte Bornemann den anderen zu, der immer ungeduldig durch die Scheiben der Glastür gesehen hatte. Aufgeregt übersahen sich alle noch einmal ihren Anzug. Als erster meldete sich Volter. „Musketier Volter, der inneren Station zugeteilt." „Mein lieber Freund, erstens sind Sie kein Musketier mehr, sondern ein Sanitätsschüler. Zweitens möchte ich auch gerne wissen, von welchem Truppenteil Sie kommen." „Von der elften Kompagnie, Herr Stabsarzt." „So! Nun werden Sie mir morgen diese Meldung zwanzigmal auf ein Papier aufgeschrieben vorlegen.— Und Sie?" Damit wandte er sich an den nächsten, der natürlich die eventuelle Gefahr voraussah und seine Meldung nach dem Wunsche des Stabsarztes herplapperte. Nachdem der Stabsarzt sich die letzte Meldung hatte her- beten lassen, gab er jedem seine Anweisung für die Visite. „Sie tragen täglich das Waschbecken.— Sie die Seife und das Handtuch.— Sie die Instrumente und Sie die Krankenjournale. Und Sie machen die Türen auf zu den Krankenzimmern." Sergeant Jacoby, der hinter dem Stabsarzt stand, blickte krampfhaft in sein Notizbuch hinein und kaute an dm Lippen. Assistenzarzt Mendt, der als Lehrer beim Nachmittags- Unterricht fungierte, machte eine Miene, so ernsthaft und dienstlich, wie es ihm nur möglich war. Die folgende Visite glich einer Prozession. Bornemann machte es einen heimlichen Jux, immer voran zu springen und die Tür aufzureißen, um einen nach dem anderen an sich vorbeidefilieren zu lassen. Zuerst den Stabsarzt— dann den Assistenzarzt— den Stationsaufseher— und dann die Schüler. Vor jedem belegten Krankenbett machte der Zug Halt, Was die Schüler in den Händen trugen, mußten sie absetzm, um bei der Untersuchung den Kranken halten zu können. Mit den Fingern kam Stabsarzt Renner mit den Kranken kaum in Berührung. War es aber doch geschehen, so beeilte sich jeder Schüler sein vorher abgesetztes Utensil zu holen und dem Stabsarzt zur Benützung hinzureichen. Beim Waschen der Hände betrachtete er gewöhnlich die Anzüge und Frisuren der Schüler. Alles mußte nach seinem Geschmack sein, selbst die Haartrachten. Die Kranken mußten sich mit großer Präzision seinem persönlichen Regiment fügen. Ausgenommen waren natür- lich die Schwerkranken. Vermißte er bei einem Leichtkranken die nötige Sauberkeit, wurde auf seine Fragen nicht schnell genug geantwortet, und lag man nicht vorschriftsmäßig im Bett, auf dem Rücken, Arme über der Bettdecke, am Körper längs angelegt, konnte es leicht passieren, daß er zur Be» köstigung dritte Form blank als Strafe zudiktierte. Das war die Kost, die aus drei Suppen, früh, mittags und abends, und einem kleinen Weißbrot bestand. Diese Form war cigcnt- lich nur für die Schwerkranken bestimmt, denen sie mit allen möglichen Zulagen, Brot, Butter, Schinken, Eier, Bier, Wein, verabfolgt wurde. Schnell gings mit der Visite durch Stube fünfundachtzig. Nur nach dem Allgemeinbefinden wurde gefragt und von einigen der Inhalt des Speiglases angesehen. In diesem Räume lagen die Tuberkulosekranken, wie die Schüler erfahren hatten. Mitleidig betrachteten sie ihre schwindsüchtigen Kameraden. Wie lange wirds wohl bei jedem einzelnen noch dauern? dachte Volter. Gräßliches Los, beim Militär krank zu sein — und vielleicht zu sterben! Die Tuberkulosen bekamen zu essen, was sie haben wollten und wonach sie Appetit verspürten. Der Ton des Stabsarztes war ihnen gegenüber viel nachsichtiger und Wohl- wollender als gegen die anderen Kranken. Volter merkte Stabsarzt Renner einen gewissen Zwang an, wie er in diesem Zimmer sprach. Es schien ihm, als ob er beim Reden die Zähne nicht auseinanderbringen wollte. Der macht den Mund nicht weit auf, flüsterte Borne, mann Volter zu,„damit ihm die Bazillen nicht hineinfliegen." Sobald der Stabsarzt das Zimmer verlassen hatte, ging er eiligst zum nächsten Spucknapf. Die Stube, in der Weiner lag, war die nächste, der die Visite galt. Volter war unruhig gespannt darauf. Was wird wohl der Stabsarzt über ihn sagen? Vielleicht erfährst du, was ihm fehlt. „Also erzählen Sie nochmal, wie Sie krank geworden sind," frug der Stabsarzt Weiner, als er an dessen Bett kam. „Am Tage vorher, wie ich mich krank meldete, war mir schon so übel zumute— hatte immer Kopfschmerz und Schwindel.— Herr Oberstabsarzt Frenzel schickte mich aber wieder zum Dienst,— und auf dem Marsche bin ich dann zusammengebrochen.— Was dann mit mir geschah, weiß ich nicht. Ich kam erst wieder zu mir, als ich hier im Lazarett lag." „Es wird schon nicht so schlimm gewesen sein, als Sie sich krank meldeten. Sonst hätte Sie der Oberstabsarzt nicht wieder zum Dienst geschickt." „Doch, Herr Stabsarzt, ich konnte mich kaum auf den Füßen halten.— Aber die Untersuchung ging sehr schnell—" „Reden Sie doch nicht!" rief der Stabsarzt laut.„Was wissen Siel" „Ich habe mich nicht einmal dabei ausgezogen." „Halten Sie Ihren Mund! Und reden Sie. wenn Sie gefragt werden." Traurig fiel Weiners Blick auf Volter, der, hinter dem Stabsarzt stehend, hochrot im Gesicht vor innerer Erregung. zugehört hatte. „Was, hat er Fieber?— Sehen Sie mal nach, Jacoby." Der Sergeant nahm die Fiebertafel. „Achtunddreißig, Herr Stabsarzt." „Richten Sie sich auf! Ich will Sie untersuchen." Wie Bei einem anderen Kranken sprangen sofort die Schüler hinzu, um ihn dabei zu stützen. Volter war der erste, der seinen Freund hielt. „Lassen Sie dasl" rief ihnen der Stabscvzt barsch zu. •»ÜCer kann sich schon allein halten." Lange klopfte er an Weiners Brust und Rücken herum, «nd an vielen Stellen setzte er sein Hörrohr an. „Wollen Sie mal probieren?" wandte er sich darauf an den Assistenzarzt. Dieser machte dieselben Versuche. „Ich kann nichts entdecken!" sagte er danach achselzuckend zum Stabsarzt. „Geben Sie ihm dritte Form blank!" rief der Stabsarzt Sergeant Jacoby zu und ging weiter. Der letzte war Volter, der das Zimmer verließ. Er warf seinem Freund zum Abschied noch einen aufmunternden Blick zu. lFortsetzung folgt.) (Nachdruck verboten.) Oer Spiritismus. Vor kurzem hat wieder mal ein weibliches„Medium" von sich reden machen, insofern es sich wegen Betruges verhasten lieh. Die Polizei, die Räuber und Messerstecher so oft mit Schweißhunden vergeblich sucht, entdeckte mit kühnem Griff einen Schleier im Bermel der vierdimensionalen Jongleurin und inhibierte die weitere Zauber- Vorstellung, sehr zum Verdruß der Anwesenden, die sich aus den „besten Kreisen" rekrutiert haben sollen. Die Fülle der mystischen Tempel und Tempelchcn Berlins, bis herab zur verschwiegenen Hinterstube der Kartenlegerin und Kaffeesatz-Deuterin, wird aber auch leider von der minder bemittelten Bevölkerung so ausgiebig in Nahrung gesetzt, daß es angebracht scheint, einmal auseinanderzusetzen, was denn die Wissenschaft, so weit sie vorurteilslos ist, von dem ganzen Spektakel hält. Borsichtige Kritik ist hier ebenso am Platze, wie vorgefaßte Meinungen vom Uebel find. Das beweist schon das Schicksal des Hypnotismus, der bei seinem Wiederauftauchen vor nicht allzu langer Zeit fast von der gesamten Wiffenschaft für Taschcnspielerhumbug erklärt wurde. Heut sind die hypnotischen Erscheinungen hinreichend studiert, in. ihren Wurzeln aufgeklärt und daher wissenschaftlich voll- kommen anerkannt. Man darr sich mit Recht wundern, daß derselbe Zeitraum nicht auch eine Aufklärung über die angeblichen spiritisti- schen Phänoniene brachte. Aber da haben wir gleich den grundiätz- lichen Unterschied:. den HypnotismuS kann jeder xbeliebige Mensch an jedem anderen xbeliebigen nachprüfen; auch vor einer bei hellstem Tageslicht versamnielren Gelehrtengesellschaft bleiben die hypnotischen Erscheinungen absolut und immer die gleichen. Die speziell spiritisti- schen Manifestationen haben aber bisher in der ganzen Welt die bedauerliche Eigenschaft gezeigt, daß sie in Gegenwart eines zwcifel- süchtigen Naturwissenschaftlers versagen. Die orthodoxen An- Hänger erklären das damit, daß die Geister nun eilimal eigen- willig und zur Fopperei aufgelegt sind und daß sie überhaupt die Gegenwart eineS ungläubigen Spions nicht mögen. Kurz gesagt, gibt es also noch gar keinen streng wissenschaftlichen, das heißt nach naturwissenschaftlicher Methode uniersuchten Spiritismus m a n g e l s des zu untersuchenden Objekts. Dies ist erstaunlich bei der Menge von„Seancen", die z. B. in Berlin allein stattfinden. Aber mir, wie allen anderen Untersuchern, die bestrebt waren, die Sache zu prüfen, ging es gleichermaßen so: man wird erst darüber ausgeholt, wie man sich zum Spiritismus stelle und was man bei der Sitzung zu tun gedenke. Dringt man dann endlich auf das Stattfinden der angebotenen Demonstration, so setzt es Ausflüchte, wie sie krauser manchmal kaum gedacht werden können. Dasselbe sagt Albert Moll in der„Zeitschrift für Religionspsychologie": „Sie versprechen die Sitzungen, und wenn sie unter wissen- schaftlichen Bedingungen stattfinden sollen, kommt bald eine Migräne, bald ist eine Verwandte gestorben, so daß nicht die nötige Stimmung da ist, bald ist das Medium verreist; immer Ausreden." Betrachten wir also, was die Spiritisten behaupten und be- richten oder was sich an kleineren Erscheinungen auch ohne mit- wirkende Seance der Gläubigen jederzeit hervorrufen läßt. Der höhere Wesenskern des ganzen Getriebes ist die Lehre, die mensch- licho Seele sei unsterblich und könne mit der Nachwelt vermöge bisher unbekannter Kräfte in Verbindung treten. Die Aeußerungen der Geister sind sozusagen unartikuliert und werden am besten durch eine besonders veranlagte oder dressierte Mittelsperson, eben das ,, M e d i u m", unserem Verständnis erschlossen. Man sieht schon, diese Lehre ist eigentlich sehr wenig originell und hat verzweifelte Aehnlichkeit mit dem Gespenster- glauben, von dem sich die Kulturwelt erst eben mühsam befreit glaubte. Es gibt noch viele Iveit zurückgebliebene Naturvölker, bei denen dies System in voller Blüte steht. Das Medium heißt dort „Schamane" und ist eir e Art Prophet, der eines Tages seinen wahren Beruf entdeckt und, angeblich durch„göttliche" Inspiration getrieben, in Zuckungen verfällt spiritistisch„Trance" geheißen), bis ihm der Schaum vom Munde laust und er irre redet wie mir je eine Pythia von Delphi oder Groß-Berlin. Eine neue Er« findung ist dies Nervenstadium also keineswegs und ich bezweifle sogar, daß die hiesigen Künstlerinnen des Fachs eine so großartige und eindrucksvolle„Trance" fertig kriegen, wie ihre Kollegen im tiefften Sibirien oder im dunkelsten Sudan. Eins ist indes ohne weiteres klar: daß dies Gcbahren und diese Lehre sozial schädlich sind, weil sie, in Afrika wie in Berlin, den Künstlern der hysterischen Grimasse ein Uebergewicht über die verblüfften Zuschauer gewähren; ein Uebergewicht. das die besonnene Erkenntnis verwirrt, zu planlosem Handeln aufs Geratewohl verleitet und vor allem den Gläubigen die Gelder aus der Tasche lotst. Sozial bedenklich ist noch nicht das Vorhanden» sein von nervös reizbaren und zu„Medien" geeigneten Personen, so lange sie nur Studienobjekte abgeben würden. Aber die Massenhaftigkeit des Geschäftsbetriebes bildet einen fühlbaren Wider- stand gegen die Aufklärung. Es muß allerdings gesagt werden, daß viele Medien erst im Laufe der Zeit der Versuchung erliegen und in die Karriere des Humbugs abschwenken; denn die Nachfrage nach Taschenspielerschwindel ist immer noch größer als das vorhandene Angebot und in die Wartezimmer mancher Orakeldamen muß der Be« sucher außer der wohlgefüllten Geldkatze eine längliche Geduld mit- bringen. So bringt es die Konjunktur mit sich, daß bis jetzt fast alle bekannten und„angesehenen" Medien„entlarvt" wurden, weil sie zum mindesten den guten Absichten der Geister„nach- halfen". Wissenschaftlich steht der Betrug in diesen Fällen fest; ob auch juristisch, ist eine Doktorfrage. Die Unentwegten fühlen sich selten„geschädigt", und es erscheint ihnen belanglos, ob ein Schleier iin Bermel oder eine Apfelsine im Unterrock nach« gewiesen wird. Aus der Geschichte des Spiritismus wäre zuerst der listenreiche Odysieus zu erwähnen. Homer schildert ausführlrch seinen Verkehr mit den Seelen der Verstorbenen. Medium Odysieus bedient sich noch nicht eines klopfenden Tisches, um die Verbindung mit der Geister» Welt herzustellen, fondern er nimmt seltsame Opferzeremonien vor. So ein antiker Bronzetisch wäre auch schwerlich ins Wackeln geraten, selbst unter den vereinten Kräften einer ganzen Tafelrunde; die Geister lieben auch heute die schweren eichenen Eßtische nicht. Odysieus erfährt bei der Gelegenheit vom verstorbenen Kollegen Achill, eS sei bedeutend angenehmer, auf Erden Hausknecht zu iein, als bei den Schatten König zu spielen und Zehnender zu pürschen. Die? ist immer noch die einleuchtendste Mitteilung, die der Spiri- tismus bis jetzt aus dem Jenseits erhalten hat. Der hervorragendste Seher der neueren Zeit ist dann der Schwede Swedenborg(1688—1772). Er war ein bedeutender Naturwisienschaftlcr, bis er im 57. Jahre seines Lebens einen Raptus bekam, der anscheinend mit maßloser Onanie zusammenhing. Er hatte Visionen, hauptsächlich von Frauengestalten, wurde hellseherisch und schrieb einen Haufen mystischer Bücher, die bei den Okkultisten hoch im Kurs stehen. Seine Prophezeiungen lasten sich begreiflicher- weise jetzt schlecht nachprüfen. Uebrigens hat sich sein Zeitgenosie Kant mit ihnen beschäfttgt und sie als Phantasien abgetan. Dann hat 1363 Jung-Stilling versucht, die„Geister- künde" theoretisch zu begründen. Er zog zuerst den HypnotiSmuS (damals MesmeriSmus oder Magnetismus genannt) in den Kreis der Betrachtung. Man fand nun plötzlich, der alte Volks- aberglaube sei eminent wertvoll und auffchlußreich und fing an, alles hierauf bezügliche Material zu sammeln. DaS größte dieser Werke ist die„Zauberbibliothck" des Predigers Horst, eine Reihe von Bänden, noch heut das beste Oucllenwerk über Aber- glauben. Wir kommen nun zu dem berühmten Nniversalmedium Friederike Hauffe geb. Wanner aus Prevorst in Württemberg. Leute aus ge- birgigen Gegenden sind meist gesund und kräftig und erreichen ein hohes Alter, leiden aber an nervöser Belastung. So auch die Seherin von Prevorst Sie heiratete in eine Talgegend und einen Mann, der ihr nicht zusagte. Bald entwickelte sich ein schweres Gemütsleiden, an dem fürchterlich herumgedoktert wurde, bis sie im Alter von 25 Jahren als hochgradige hysterische Som- iiambulc zu dem auch als Dichter bekannten Arzt Kerner nach Weinsberg in Behandlung kam. Kerner beobachtete sie zwei Jahre lang und schrieb getteulich alles, waS die Kranke an Sonderbar« leiten von sich gab, in ein dickes Buch zusammen. Es ist bei Reclam billig zu haben, und wer taktfeste Nerven hat, mag den Versuch wogen, in diesem Wust von Irrsinn und Genie den Ariadnefaden ausfindig zu machen. Es steht schon alles darin, was dem modernen Spiritismus teuer ist: Schlafwandeln, Hellseherei, Gedankenüber- tragung, physikalische Manifestationen und die Beschreibung über- irdischer Sphären. Im Jahre 1843 kam Davis aus dem Staate New Dork mit „außerordentlichen Offenbarungen" wieder und begründete damit die amerikanische Schule des Spiritismus. Auch Davis war hysterisch. Die Offenbarungen wurden ihm zu teil von einer göttlichen Stimme und mit dem Befehl, sie zum gegenwärtigen und zukünftigen Wohle der Menschheit bekannt zu machen. Das geschah auch ausgiebig in vielbändigen Werken. Davis ging aus Vortragsreisen, machte blendende Geschäfte und wurde gar Ehrendoktor. Sein Potpourri aus sozial klingenden Phrasen, pastoraler Gesalbtheit und naturwissen- schastlicher Unkenntnis fand drüben im Lande der Sensation, unter- stützt durch ein paar berüchtigte Spukaffären, begeisterte Aufnahme. 1867 hatte sich in London ein Verein unter dem Namen .Dialektische©efcllfcBafl* aufgetan. Im Programm hieb es, die bürgerliche Gesellschaft sei im allgemeinen noch nickt so fortgeschritten, daß sie dem Einzelnen gestatte, ehrliche und wohlüberlegre Anschauungen auszusprechen, ohne daß er irgend- wie sozialen Schaden davontrüge. Dem solle die Gesellschaft in weitestem Maße abhelfen. Die Mitglieder bestanden aus den an- gesehensten Leuten des öffentlichen Lebens; Vorsitzender war der be- kannte Forscher John Lubbock. Die Gesellschaft existierte noch gar nicht lange, als einmal auch der Spiritismus aufs Tapet kam. Man tat sofort, was in der Frage einzig zu tun war, und wählte ein Komitee zur objektiven Prüfung der Sache. Nach anderthalb Jahren erstattete das Komitee seinen Bericht, der indessen der Gesellschaft als ein solcher Kuddelmuddel von Widersprüchen er- schien, daß sie seine offizielle Drucklegung verweigerte, worauf das Komitee den stattlichen Oktavband in eigener Verantwortung herausgab. Das Resümee lautet kurz: ES können Töne sowie Bewegungen von Körpern ohne sichtbare Ursache entstehen, allerdings nur bei Anwesenheit gewisser geeigneter Personen, �cimlich der Medien. Das Resultat dieser langen Arbeit war also sehr dürstig und brachte nichts als die Bestätigung der alltäglichsten Er- fahrung. Getrübt wird es noch weiter durch den Umstand, dast eine Anzahl Komiteemitglieder, und nicht die unbedeutendsten, sich dem Guiachten nicht anschlössen, vielmehr abweichend Sonderreserate ab- gaben, in denen von Hysterie. Betrug und Leichtgläubigkeit die Rede ist. Es wäre nun verkehrt, die Forschungen der Dialettischen Gesellschaft in dem Maße gegen den Spiritismus auszubeuten, wie seine Anhänger für sich Ruhm daraus schöpfen. Es mutz aber darauf hingewiesen' werden, daß die psychologischen Untersuchung«- Methoden damals noch nicht so wie jetzt ausgebildet waren, und daß die Komiteeleule sehr leicht, ohne es zu wollen. Selbst- täuschungen unterliegen konnten. Wir haben solche Selbsttäuschungen noch neuerdings bei der Affäre des»klugen Hans" reichlich mit erlebt. Ich übergehe den weiteren modernen Ausbau der Lehre, der «ine unübersehbare Zeitschriften- und Buchliteratur gezeitigt hat. und komme zu den einzelnen positiven Unterlagen, deren experi- mentelle Prüfung vor einem naturwissenschaftlichen Forum, wie oben gesagt, bisher nicht möglich war. Gei st erPhotographien: Sicher gibt eS Erscheinungen oder meinetwegen auch Kräfte, die der Mensch noch nicht hat er- kennen können. Denken wir an X-Strahlen und Radium. Also die photographische Platte ist nachgewiesenermaßen empfänglich für Strahlen, die wir nicht wahrnehmen. Hier wäre daher eine sichere Beurkundung der Geister möglich, etwa so, wie wir Sterne kleinster Größe zuerst durch die erfolgte Belichtung des Bromsilbers nachweisen. Wer aber nur jemals als Amateur geknipst hat, der wird, wenn er eine Geisteraufnahme in die Hand bekommt, sofort den Verdacht hegen, daß hier nicht eine versehentliche, sondern absichtliche doppelte Belichtung vorliegen muß. In der Tat ist der simple Betrug in irgendeiner Form bei allen Geisterphotographien stüher oder später nachgewiesen worden; das sagt auch Alfred Lehmann, ein gewissenhafter Forscher auf diesem Gebiet. Und selbst wenn jeder Betrug ausgeschlossen wäre, könnte irgendein Lichteindnick aus der Platte immer noch eher aus einer x-strahlenähnlichen Quelle herrühren, als von dem warnenden Geist eines verstorbenen OrbonkelS. Materialisation: Der Schleier im Aermel ist soeben wieder mal bewiesen worden, das heißt der vorher hin.in- praktizierte, und die Apfelsinen eines früheren Falls waren nebenan bei der Gemüsefrau zum üblichen Marktpreis erstanden worden. Schlimm I das sagen auch die„wissenschaftlichen" Spiritisten, die mit Recht jede Gemeinschaft mit der Madame Abend und ihrer albernen Bcwunderersckar weit von sich weisen. Aber was bieten sie uns für bessere Beweise vom Handgreiflichwerden der toten Seelen? Daß der Geist einen in der Sitzung hinten im Stehkragen kitzelt, wäre belanglos. Solche Kitzelempfindimgcn hat jeder, der sie erwartet; es sind geradezu typische Selbsttäuschungen. Nun aber die Abgüsse der Geisterhände! Sie entstehen folgendermaßen: taucht man einen Finger in geschmolzenes Paraffin und darauf in kaltes Wasser, so erstarrt der Parassinüberzug; man kann ihn dann abstreifen und einen Ausguß machen. Nun lud man die Geister ein, doch gefälligst die ganze Hand ins Paraffin zu stecken. Kann, plätscherten sie danach im kalten Wasser, so machte man schnell Lickt; der Geist ver- duftete und ließ seinen Paraffinhandschuh im Wasser zurück. Nun? fragen die Unentwegten triumphierend, wie könnte ein Betrüger das Paraffin vom Handgelenk abstreifen wollen, ohne es kaput zu machen? So schwört z. B. Karl du Prel, einer von den ehrlichen Selbst- täuschcrn. Stein und Bein ans diesen„zwingendsten" Beweis(Der Spiritismus, bei Reclam). Gemacht erstens gleichen die Abgüsse meist den Händen der Medien. Schon faul, wie der Berliner sagt. Zweitens aber ist eö gar nicht wahr, daß man das Paraffin nicht unzerbrochen abstreifen könne. Nur ein wenig Ucbung gehört dazu! Die Kritiklosigkeit dieser Annahme und das Versäumen jeder Nach- Prüfung illustrieren auss beste die Methode selbst der„Wissenschaft« lichen" Spiritisten. Psychograph: Legt man die Hand auf einen kleinen, leicht beweglichen Apparat, der einen Bleistift trägt, und denkt angespannt über einen bestimmten Gegenstand nach, so wird der Bleistift, ohne daß man es merkt, auf einem darunter liegenden Blatt Papier Worte auffchreiben, die mit dem Gegenstande des Nachdenkens in Zusammenhang stehen; oftmals sogar in einem Zusammenhang, der nur im Unterbewußtsein besteht und nur sehr mühsam in die be« wußte Erinnerung zurückgerufen werden kann. Das ist ein normale? wissenschaftliches Experiment. Die Spiritisten meinen, daß ein Geist die Hand mit dem Bleistift führt, in hellseherischer Prophezeiung. T i s ch r ü ck e n: Der Tisch torkelt nicht, ohne daß bei da Tafelrunde der Wille zum Tischrücken vorhanden ist. Es ist durch Messungen mit empfindlichen Apparaten festgestellt, daß die an- gespannte Erwartung in den ausgelegten Händen kleine Richrungs« antriebe auslöst, die sich allmählich verstärken und schließlich die an- scheinend wunderbare Bewegung hervorrufen. Das Tischrücken mißlingt auch sehr oft bei Ungeübten, wo die Richtungsimpulse durcheinander gehen und nicht nach ein und derselben Seite gelenkt werden. Ein geübtes Medium wird unter Umständen die Zitter» bewegungen der Teilnehmer augenblicklich im günstigen Sinn« beeinflussen. Alles in allem: der Spiritismus enthält viel religiösen Glauben und Aberglauben, mystische Philosophie als Reizung für Phantasten und Denkrräge, hysterische Posen von Weibern und halben Männern, hervorragende und sehr interessante Variete-Tricks und als Rest knüppeldicker Betrug. Unter diesem stattlichen Gerümpel von Urväter- Hausrat mögen einige winzige Möglichkeiten neuer Wissenschaft« sicher Erkenntnis verborgen schlummern. Die Spiritisten haben ein Interesse daran, den Zugang zu diesen zu verbauen. Dr. A l f r e d Kind. Me wird die Tuberkulose übertragen? Neues über die Ansteckungsweise der Tuberkulose veröffent» licht Professor v. Baumgarten im Heft 10 der„Deutschen Medizinischen Wochenschrift". Die Tuberkulose, unter der heute nicht allein die Lungenschwindsucht verstanden wird, sondern auch die durch den Tuberkelbazillus veranlaßte Erkrankung aller übrigen Organe, soll nach den bisherigen Anschauungen im wesentlichen auf zwei Wegen übertragen werden. Die einen behaupten, die An- stcckung erfolge im wesentlichen durch die mit dem Auswurf aus- gehustcten Bazillen und betri-ffe namentlich die in ständiger Nähe Tuberkulöser wohnenden Personen; die anderen hingegen sind der Ansicht, daß die mit der Milch, dem Fleisch, also der Nahrung auf- genommenen Tuberkelbazillen, die zumeist von an Tuberkulose er- krankten Rindern stammen— die Rindertuberkulose bezeichnet man populär als„Pcrlsucht der Rinder"—, die haupsächlichste Ur- fache der menschlichen Tuberkulose bilden. Dapach unterscheidet man zwei verschiedene, für den Menschen in Betracht kommende Arten von Tuberkelbazillcn, den Bacillus humanus und den Bacillus bovinus. Baumgarten und andere pathologische Ana- tomen konnten nun experimentell nachweisen, daß diese beiden Bazillenartcn in ihrer Wirkung absolut nicht identisch sind. Der Erreger der menschlichen Tuberkulose, der unter den Menschen so entsetzliche Verheerungen anrichtet, wirkt auf das Rind fast gar nicht; auf Meerschweinchen hingegen sehr stark, auch auf Kaninchen ziemlich stark. Hingegen wirkt, nach den Untersuchungen Baum- gartens, der Rindertuberkelbazillus sehr stark auf Rinder, Ka- ninchen, Meerschweinchen, dagegen in viel geringerem Maße auf den Menschen. Die Annahme der Identität des Bacillus siumanus und bovinus hat zu dem Irrtum geführt, die Uebertragung der Tuberkulose durch die mit der Milch, Butter, Käse usw. in den menschlichen Darmkanal eingeführten Bazillen des Rindertypes zu erklären. Zu dieser Annahme ist man aber nicht berechtigt ge- wesen. Die pathologische Anatomie hat gezeigt.- daß die beim Menschen vorkommende Darmtuberkulose fast niemals durch den RinderbazilluS erzeugt wird, sondern daß sich auch hier als Er- reger der Bazillus der menschlichen Lungenschwindsucht nachweisen läßt. Diese Tatsache erklärt sich sehr gut. Bekanntlich verschlucken alle Menschen sehr häufig ihr Sputum(Auswurf). Ist dieses nun mit Tuberkelbazillen erfüllt, so vermögen diese, wenn sie in den Darmkanal gelangen und sich festsetzen, eine sekundäre Darmtuber- kulose zu erzeugen. Die von einer Reihe von Forschern vertretene Ansicht, die menschliche Tuberkulose entstehe vorwiegend durch die Aufnahme von Produkten tuberkulöser Rinder, scheint hiermit widerlegt zu sein und die rein menschliche Ansteckung wieder in den Vordergrund zu treten. Aber auch hier gelangt der bekannte Tübinger Pathologe, der seine Ansichten auf dem Internationalen medizinischen Kongreß zu Budapest vorgetragen hat, zu ganz anderen Resultaten. Er schreibt der Infektion durch die Einatmung bazillenhaltiger Luft eine ver- hältnismäßig geringe Rolle zu. In der Tat muß man sich, wenn man doch dieser Annahme zuneigt, fragen, warum einige Menschen, die täglich mit Tuberkulösen in enge Berührung kommen, nicht angesteckt werden, andere aber an Tuberkulose erkranken. Man hat versucht, diese Differenzen in dem Verhalten der Menschen gegenüber der Ansteckungsgefahr der Tuberkulose durch die söge- nannte Disposition zu erklären, konnte aber nicht übersehen, daß diese Erklärung schließlich nur mangels einer besseren gewählt wurde, daß sie eigentlich nichts erklärt, sondern nur die Tatsache registriert, wonach der eine mehr, der andere weniger für die Er- krankung empfänglich ist. Baumgarten kommt an Hand seiner Erfahrungen und Experimente zu dem Resultat, daß weder durch Me Lust noch durch die Nahrung die Mehrheit der Kranken tuber- !ulös infiziert wird, daß vielmehr durch Ucbertragung des Ba- zilluS>mit den elterlichen Keimprodukten dem fich entwickelnden Embryo die Tuberkulose gleich als Erbe mitgegeben wird. Gegen diese Annahme haben sich di? meisten Forscher bisher gesträubt. ES ist nun aber erwiesen, daß sowohl mit der männlichen Samen- flüssigkeit Tuberkelbazillen in die Geschlechtsorgane de? Weibes ge- langen als auch auf das sich in der Gebärmutter entwickelnde Kind eine Uebertragung von einer tuberkulösen Mutter vermittelst der Plazenta, des Mutterkuchens, stattfinden kann. Diese verbindet den mütterlichen Blutkreislauf mit dem kindlichen und ermöglicht also auf dem Blutwcge die Infektion des Kindes. In ähnlicher Weise kann z. B. auch die Syphilis vererbt werden. In sehr vielen Fällen konnte bei lungentuberkulösen Müttern auch eine Tuberku- lose der Plazenta, mittels deren der Embryo ernährt wird, nach- gewiesen werden, so daß die Möglichkeit einer Uebertragung auf den kindlichen Organismus sehr wahrscheinlich wird. Die Gegner dieser Anschauung stützten sich nun darauf, daß die Tuberkulose der Lungen bei Neugeborenen oder Frühgeborenen fast niemals zu finden, folglich eine mütterlicher- oder väterlicherseits erblich erworbene Erkrankung nicht anzunehmen ist. Durch zahlreiche Untersuchungen früh verstorbener Neugeborener konnte nun er- wiesen werden, daß bei ihnen zwar noch nicht die Lungen, aber die zugehörigen Lymphdrüsen, sowie die Lymphdrüsen anderer Stellen an typischer Tuberkulose erkrankt sind, daß also zweifellos eine Uebertragung von der Mutter oder vom Vater her stattgefunden haben muß, da vor der Geburt das Kind weder mit Luft noch mit bazillenhaltiger Nahrung in Berührung gekommen ist. Die Lymph- drüsen, deren eS sehr viele an den verschiedensten Stellen des menschlichen Körpers gibt, haben die große Aufgabe, als Filtrier- apparat des Blutes und der Lymphe zu dienen, Gifte und andere schädliche Dinge in ihrem Innern zurückzuhalten: so erfüllen sie auch ihre Funktion, indem sie die mit dem mütterlichen Blute in den Blutkreislauf des Embryo gelangenden Tuberkelbazillen zurück- halten und an der Entfaltung ihrer schädlichen Tätigkeit hindern, oft sogar zum Absterben bringen können. Warum aber diese erblich tuberkulösen Wesen häufig viele Jahre hindurch keine Symptome ihrer Erkrankung zeigen, um dann plötzlich, meist erst in den Jahren des Jünglingsalters, die typischen Erscheinungen der Tuberkulose zu bekommen, ist eine noch immer nicht eindeutig entschiedene Frage. Nach Baumgarten ist bei ihnen die Tuberkulose latent(schlummernd): sie ist vor- Händen, aber symptomlos, um vielleicht durch einen äußeren Anlaß, der die Widerstandsfähigkeit der Betreffenden herabsetzt, durch irgend eine akute Krankheit zum Ausbruch zu kommen. Immerhin ist es merkwürdig, daß der Bazillus jahrelang im menschlichen Organismus vegetieren kann, ohne abzusterben, und dann unter be- sonderen Verhältnissen seine Tätigkeit beginnt. Baumgarten selbst glaubt nicht nur an die Möglichkeit einer erblichen Uebertragung. sondern ist davon überzeugt, daß dieser Weg die gewöhnliche Art der Infektion darstellt, nicht die Uebertragung mit der Luft oder Nahrung. Namentlich das häufig beobachtete Zusammentreffen der Tuberkulose der mütterlichen Plazenta mit der tuberkulösen Erkrankung der Lymphdrüsen des Embryo oder Neugeborenen machen einen erblichen Zusammenhang sehr wahrscheinlich. Man wird mit Jntereffe verfolgen, wie sich die Mehrheit der Forscher zu dieser auch für die künftige Behandlung der Tuberkulose un- gemein wichtigen Frage stellen wird, nachdem lange Zeit hindurch die Vererbbarkeit der Tuberkulose, die Uebertragung der Bazillen von den Eltern auf den sich entwickelnden kindlichen Organismus, verneint worden ist. Kleines femlleton* Aus der Vorzeit. Prähistorische Massenbauten in Amerika. Durch Beschluß der amerikanischen Bundesregierung ist die Gegend im Montezuniadistrikt in Colorado, wo kürzlich die Ruinen einer großen Klippenbewohnersiedelung entdeckt wurden, unter dem Namen„Mesa Verde-Nationalpark" zum Nationaleigcntum erklärt worden. Ein Gebiet von nahezu 274 englischen Ouadratmeilcn wird der Willkür der privaten Sammlertätigkeit entzogen und im Auftrage der Staatsregierung beginnen jetzt die Arbeiten, die auf die völlige Freilegung des großen neuaufgefundenen„Klippen- schlosses" abzielen. Diese imposanten Ueberreste einer merkwürdigen prähistorischen Siedelung zeigen nach allem, was Dr. I. Walter Fewkcs vom ethnologischen Institut, der Leiter der Ausgrabungen, bisher beobachten konnte, eine verblüffende Wesensähnlichkeit mit der Organisation einer modernen Mietskaserne: in dem prähisto- rischen Schlosse hausten nicht weniger als ein halbes Tausend Menschen in zahllosen Einzelwohnungen, die je eine Familie beher- bergen mochten. Die Notwendigkeit, sich gegen kriegerisch über- legenc Feinde zu schützen, hatte die Klippenbewohner angetrieben, ihre Wohnungen ,n den unwegsamen Höhen steiler Felsinscln an- zulegen, oder hoch oben am schwindelnden Rande schroffer Stein- abhänge. Auch das Klippenschloß mag als ein Vcrteidigungsmittel gegen Fremde in seiner baulichen Einheit erstanden sein: aber die ganze Anlage bietet zugleich überraschende Merkmale für die hoch< entwickelte soziale Organisation der einstigen Klippenbewohner. Jede der einzelnen Wohnungen umfaßt eine für sich abgeschlossene Reihe von Zimmern, Vorratsräume und Speisekammern für Korn und Nahrungsmittel sind nicht vergessen, jede Wohnung hat ihren Keller und in jeden Keller findet man noch einen kreisrunden Raum, der„Kiva" genannt wird und in dem die Bewohner familienweise ihren religiösen Kult verrichteten. Für die Kultur» stufe dieser seltsamen Menschenrasse bleibt es charakteristisch, daß sie in vorgeschichtlicher Zeit schon Mais und Kornmehl bauten, Körbe flochten, Bohnen züchteten und allem Anschein nach auch Baumwollengewebe anzufertigen wußten. Jedenfalls fand man in den Ruinen zahlreiche Reste alten Baumwollengewebes. Es scheint, daß die amerikanischen Klippcnbcwohner nicht sonderlich kriegerisch veranlagt waren und den Feinden lieber auswichen, als ihnen entgegentraten: manche Anhaltspunkte für die Lebens- und Bauweise dieser Ureinwohner Amerikas geben die Mokis und die Zunis, die noch heute lebenden Klippenbewohner, die in ihrer Bau» weise unbewußt die alte Tradition aufrechterhalten haben. Die prähistorischen Klippenbewohner scheinen auch eine besondere Vor- liebe für Musik gehabt zu haben, denn bisher fand man in jeder Wohnung ein bislang unbekanntes lautenartiges Saiteninstrument ja meist gab es mehrere dieser Instrumente in jeder Wohnung. Jedes Haus zeigte eine Art Vorbau, die den Eingang beherrschte. Die zähe Energie und Willenskraft jener heute ausgestorbenen Menschenrasse mutz man bewundern, wenn die Verhältnisse be» trachtet werden, unter denen sie ihre gewaltigen Mietskasernen er- richteten und aufrecht erhielten. Aus den tiefen Schluchten mußte jeder Tropfen Wasser heraufgcschleppt werden, Leitern und Treppen gab es nickt, in die Felswände hatte man Futzlöcher ge» schlagen, an denen die Klippenbewohner in affenartiger Gelenkig» keit emporklettertcn. Da man für den Fall einer Belagerung die Vorratskammer, insbesondere aber das Wasserreservoir gefüllt halten mußte, wird ein großer Teil der Bevölkerung ausschließlich unter herber Anspannung aller Kräfte den Transport des Wassers und der Vorräte ins Klippenschloß bewerkstelligt haben. Man fand in den Ruinen noch Mumien, die manche interessante Aufichlüsse über diese Art des amerikanischen Urmenschen geben, ohne zunächst eine genaue Zeitbestimmung zuzulassen. Ein völliger Wiederauf- bau des Klippenschlosses ist nicht beabsichtigt; die Ruinen sollen nur freigelegt und das Mauerwerk an den gefährlichen Stellen verstärkt und ausgebessert werden. Sobald dieses Werk vollbracht ist, wird Dr. Fcwker die Freilcgung und Wiederherstellung einer zweiten Klippenwohnung vornehmen lassen, die zwar erheblich kleiner ist als das Klippenschloß, aber doch eine höher entwickelte Bauweise zeigt. Man hat es„B a l k o n h a u s" genannt, weil regelrechte Balkons errichtet find, die den Verkehr zwischen den einzelnen in sich abgeschlossenen Räumen der oberen Stockwerke der- Mitteln. Das Haus hat etwa 25 Zimmer und eine große flache Dachplattform: das Mauerwerk ist mit größerem Geschick zu- sammengcbracht, die Steine besser aneinandcrgcpaßt, alle Ecken genau rechtwinkelig. Als Ganze? macht dies Haus den Eindruck einer trotzigen Festung. Geographisches. Mittel, den Nordpol zu bestimmen. Die Sonnen» beobachtungen. die als da« einzige Mittel bezeichnet worden sind, um zur Sommerszeit mit Sicherheit festzustellen, ob man sich am Pol befindet, scheinen doch nicht die ausschließliche Zuflucht für einen „erfolgreichen' Polarreisenden zu sein, der darauf bedacht sein muß, die bündigsten Beweise für seine Anwesenheit am Pol nach Hause mitzunehmen. Freilich wird er fich besonders darauf vorbereiten müssen, wenn er noch andere Mittel benutzen will. Der Professor der Astronomie an der Universität Oxford hat solche in einer Mit» teilung an die Wochenschrist„English Mechanic' zusammen» gestellt. Er empfiehlt zunächst eine Reihe von fort» laufenden Photographien des Horizontes, den man auch künstlich durch einen Schneewall ersetzen kann, der in einem kurzen Abstände rund um den pholographischen Apparat aufgebaut wird. Wenn die Photographie in der Sonne über diesen Wall hinweg oder über dem Horizont wenigstens dreimal hintereinander die gleiche Höhe zeigt, was man ermitteln kann, indem man die Platten zur Deckung bringt, so müssen die Bilder über dem Nordpol selbst aufgenommen worden sein. Viel bequemer ist die Aufgabe natürlich zn lösen, wenn man während de» Winters am Pol wäre, da dann zahllose Sterne zur Verfügung stehen. Man würde fich dann einen Stern in der Nähe deS Aequators auswählen, der infolge der Strahlenbrechung gerade über dem Horizont stünde. Wenn dieser Stern 24 Swnden lang denselben Abstand vom Horizont behielte, würde ein genügender Beweis dadurch erbracht sein. Ein anderes, freilich mehr umständliches und bedenk» liches Mittel wäre, sich volle sechs Monate lang auf dem Pol nieder» zulassen und zu beobachten, wie lange der fortgesetzte Tag oder die ununterbrochene Nacht dauert. Leichter wird man aber mit einem Pendel zustande kommen, daS an einem Punkt so aufgehängt ist, daß eS frei in einer Ebene schwingen kann. Wenn es über dem Pol angebracht wird, so muß eS in genau 24 Sternstunden einen Kreis um den Bufhängepunkt beschreiben. Dies Verfahren hat leider wieder den Nachteil, da? es einen sehr genauen Apparat oder ein gutes Chronometer erfordert. Verantw. Redakteur: Emil Nngcr, Grunewald.— Druck u. Verlag: Vorwärts Buchdruckerei ll.BerI«g»anstalt Paul Singer LrEo..Berlin LV!»