Nnterhaltungsblatt des Horwärls Nr. 211. Freitag den 29 Oktober. 1909 (Nachdruck bervolen.) si]„Soldaten fein fchön!" Bilder aus Kaserne und Lazarett. Von Karl Fischer. Volters erste Krankenwache war bei einem Geisteskranken vom Festungsgefängenis. Das Lazarett hatte eine Abteilung für Militärgefangene des in derselben Garnison liegenden Festungsgefängnisses. Vor dem Zimmer, in dem derartig« Kranke untergebracht werden, steht mit scharf geladenem Gewehr ein Wachtposten. Polowsky, sochieß der Geisteskranke, hatte eine stark der- gitterte Zelle für sich, die eigens für solche Fälle hergerichtet war. Der wachthaoende Sanitätssoldat war vom Patienten durch ein dickes, mit einer verschließbaren Tür versehenes Holzgitter getrennt. Volter hatte ein beklemmendes Gefühl, wie er in diese Stube trat. Er erinnerte sich an seinen Rundgang im Festungshof vor dem Manöver, wo er noch als Musketier »nit dem Gewehr wachen mußte. Jetzt war er wieder in einem Käsig. Draußen vor der Tür ein Posten mit Gewehr— und er drinnen zur Beobachtung des Kranken. Neugierig blickte'br durch eine Spalte des Holzgitters, um den Gefangenen zu sehen. Wie angewurzelt blieb er stehen >— als er in dem Kranken den Gefangenen von damals wiedererkannte, der im Gefängnis in der Arrestzelle sitzen mußte. Verstohlen forschend sah Volter des Kranken Augen auf die Spalte gerichtet, durch die er lugte. Was wird das nun wieder für einer sein, der bei mir heute Dienst hat? Diese Frage las ihm Volter von seinem Gesicht. Die Fenster waren sehr klein, ganz hoch angebracht.und draußen mit fingerdicken Eisenstangen verschlagen, so daß das Sonnenlicht nur gedämpft die Zelle erhellen konnte. Seine Beklemmung wurde unwillkürlich größer, wie er des riesenhaften Menschen Augen starr forschend auf sich ge- richtet sah. Volters Blick überflog die ganze Gestalt. Wie er dasaß in dem blaugestreiften Krankenrock, der ihm viel zu eng war, mit struppigem Haupt- und Barthaar. Einen wüsten, wilden Eindruck machte er. Seine Augen verrieten nicht im geringsten, was in ihm vorgehen mochte. Sein fleischloses, knochiges Gesicht iiberspannte eine graubleiche mürbe Haut. Finster waren seine Augenbrauen zusammen- gezogen, und etwas wie Trotz las Volter aus den scharfen Faltenzügen, die von der breiten Nase zu den Mundwinkeln herabliefen. Der Moment aus dem Festungsgefängnis trat Volter wieder lebendig vor die Augen. Wenn er auch damals andere Kleidung trug und sein Haar nicht so lang war, sein Blick war derselbe. Daran hatte er ihn wiedererkannt. Unvergeß- lich waren ihm die Augen— so hilflos und glanzlos, wie die eines bis zur Ermattung gehetzten Tiers. � In feinem während der Dienstzeit schon oft und leicht erregten Gemüt stieg ein tiefes Mitleid auf, das ihm das Herz zusammen- Preßte. Jahrelang war er vielleicht in der Festung inhaftiert, dachte Volter. Und nun war er krank— geisteskrank! Was hat der wohl von seinem Leben gehabt? Und welche Marter muß es ihm gewesen sein? Seufzend wandte sich Volter ab und nahm an dem Tische Platz, der für die wachthabenden Sanitätssoldaten bestimmt war. Lange saß er grübelnd da, die Hände auf dte Bücher gestützt, die er sich zum Lesen mitgebracht hatte. Die Haut schauderte ihm, der ganze Militarismus erschien ihm als ein fleischlüsternes Ungeheuer, das alles vernichtet, langsam auf- zehrt, wer nicht schlau genug ist, den Gefahren zu entgehen, oder zu schwach, um genügend Widerstand zu leisten. Seine bisherigen Erlebnisse durchwanderten hintercin- ander seine Erinnerung. Im Geiste las er aus jedem �Auge der Gemeinen nur Unwille, Zorn oder Schmerz— auf jede Stirn war der Stempel der Gewalt gedrückt. Seine Phantasie malte sich den fortwährenden Krieg aus, den die Mann- schaften gegen ihre Peiniger führten.— List gegen Zwang und Gewalt!— Freiheit! Freiheit!— Vielleicht auf Jahr« hunderte noch Kampf.... Die Wache verlief ruhig und langweilig. Der Kranke sagte den ganzen Tag kein Wort. Entweder blieb er still aus seinem Bett liegen oder starrte zum vergitterten Fenster hinauf. Während der Essenszeit ging Volter furchtlos in best vergitterten Verschlag und reichte dem Kranken die vom Krankenwärter gebrachten Speisen. Automatisch schluckte dieser alles hinunter. Abends neun Uhr wurde Volter bis zum Morgen von der Nachtwache abgelöst, die aus zwei Santtätsschülern bestand. Pünktlich früh sechs Uhr nahm für Volter die Wache ihren Fortgang. Bis zur Visite verhielt sich der Kranke ebenso ruhig wie am Tage vorher. Auf die Fragen des Arztes gab er verwirrte Antworten. Sein Organ war tief und heiser und klang so unrein wie bei einem schweren Lungenkranken. Nicht lange hielt sich der Arzt bei ihm auf. Volter fragte er, ob etwas während der Wache vorgefallen sei, was diese? verneinte. Bis zur Ablösung, zwölf Uhr, ging die Zeit so monoton dahin wie vorher. Bornemann hatte die nächste Wache. ** An das Gleichmäßige des täglichen Dienstes hatten sich die Schüler bald gewöhnt. Der Arzt der inneren Station stellte an die Kranken täglich fast dieselben Fragen. Die verschiedenen Arten der Untersuchungen boten für die Schüler fast nichts Neues mehr. Neue Kranke kamen— Geheilte gingen. Mit Weiner ging es immer schlechter. Das Fieber nahm beständig zu, und die körperlichen Kräfte immer mehr ab. Mit größter Erwartung sah Volter stets der Visite entgegen. Sollte er denn nun nicht bald Klarheit darüber bekommen, was seinem Freunde fehlte? Jede Untersuchung bereitete ihm eine neue Enttäuschung., Die Diagnose konnte eben noch nicht gestellt werden. Wie weh ihm diese Ungewißheit tat. Meiner verhielt sich zu allem apathisch. Schon konnte ihn nichts mehr freuen. In den Büchern, die ihm sein Freund gebracht hatte, blätterte er interesselos herum. Nur gesund wollte er werden— um wieder frei zu sein! Heftige Schmerzen hatte er nicht. Nur eine entsetzliche. Mattigkeit lähmte seinen Körper. Seine Phantasie trieb mit ihm ein grausames Spiel. Wie glücklich wäre er, wenn er jetzt draußen lebte— gesund und arbeitend! So anspruchslos wollte er sein. Mit der Befriedigung der geringsten Bedürfnisse wollte er sich zu» frieden geben! Hier lag er krank. Seine gleichaltrigen Kameraden hatten vielleicht schon das ganze Militärleben in den Armen der Eltern oder Liebsten vergessen. Nur er war an das Krankenlager gebannt. Dieser Gedanke marterte ihn, und machte ihn noch elender, als er schon war. Fiebernd und schwitzend wälzte er sich im Bett. Mit Grauen sah er dem unfreundlichen, gezwungenen Besuche des Arztes entgegen. Er bringt mir doch keine Gewißheit! fuhr es ihm durchs erhitzte Hirn. Zum erstenmal fühlte er wahren Neid, wenn ihm die Entlassung eines schon Genesenen bekannt wurde. Warum mußte er alles Schlimme erdulden? Seine zwei Jahre hatte er doch nun hinter sich. Warum fesselte das Schicksal gerade ihn an das Krankenbett? Sollte ihm denn nicht ein einziges Mal eine frohe Stunde schlagen? Wenn er nur wüßte, wohin als Kranker? Zu wem? Wie gern wäre er fort von hier, gleichgültig wohin, nur fort! fort! Nichts mehr vom Militär sehen und hören! Peinlich wurden ihm sogar die Besuche seines Freundes und dessen Braut. Sie konnten ihn nicht trösten. Kein Mensch konnte es. Für die liebevolle Mrsorge war er dankbar— aber er war unzufrieden mit allem. Sein Denken erschöpfte ihn bis aufs äußerste. Die Aufopferung seines Freundes tat ihm weh, weil er das Nutzlose fühlte. Er wollte seine Dankbarkeit gern be- zeugen— nur gezwungen kamen ihm die Worte über die Lippen. Er konnte es nicht! Grübelnd vergrub er seinen glühen- den Kopf in die Kissen. Das ganze Dasein kam ihm so erbärmlich vor, so jämmer- lich, alles ekelte ihn an, alles hier in diesen Räumen! Wie oft versuchte, gleichgültig zu sein— mit Geduld seine Genesung zu erwarten. Das verurteilte ihn zum Denken. Er mußte grübeln— verbiß sich in seine Gedanken, die ihn unsäglich unglücklich machten. Vielleicht war es nicht so schlimm mit der Krankheit? Seine Ahnung sagte ihm das Gegenteil. Fluchwürdiges Los, das ihn zum Soldaten gemacht. Dann lag er wieder in völliger Apathie— wie geistesabwesend— auf seinem Lager. Aeußerlich ruhig— doch in feinem Hirn trieb, wie im Traume, das grausame Spiel weiter. Seitdem das Fieber bei Weiner immer mehr stieg, der ganze Krankheitszustand rätselhafter wurde, hatte sich auch das Benehmen des Stabsarztes ihm gegenüber etwas freund- licher gestaltet. Essen und Trinken durfte er jetzt, was er wollte. Was sollte ihm das? Es wollte ihm nichts schmecken. lFortsetzung folgt.) (Nachdruck verdol«.) ?Zus cker Gcfcbicbtc un leres Raus- i) geklügels. Bon C. Schenkling. Die Lehre, daß fast alle unsere Haustiere asiatischen Ursprung» sind, wurde zuerst vor etwa einem halben Jahrhundert von Isidore Geoffroy-St. Hilaire aufgestellt. Sie hatte große Wahrscheinlichleit für sich und wurde mit großem Beifall ausgenommen. Später wurden gegen diese Theorie Einwände erhoben und sie erfuhr Aenderungen. Auf Grund anatomischer Befunde wiesen ver- schiedene Gelehrte nach, daß eine Anzahl unserer Haustierrassen von einheimischen Tieren abstammen und nicht von anderen Kontinenten eingeführt worden sind. Zugleich wurde durch die prähistorischen Aus- grabungen festgestellt, daß die ersten Menschen, oie Europa be- siedelten, Haustiere nicht besaßen. In der älteren Steinzeit gab es nur höhlenbewohnende Jäger, die nicht einmal den Hund verwendeten. Erst für die jüngere Steinzeit läßt sich das Auftreten von Haustieren nachweisen. Die Not, die große Erzieherin des Menschengeschlechts, wird die Jäger der Höhlen nach dem Abschuß der Jagdgründe vielfach veranlaßt haben, gewisse Jagdtierc lebend einzufangen, sie zu zähmen und zu züchten, um sich auf diese Weise eine vom Jagdglück unabhängige Nahrungsquelle zu Verschaffen. Während die Nomaden bereits verschiedene vierfiißige, zumeist dem Geschlecht der Wiederkäuer angehörende Haustiere be- saßen, treten befiederte Haustiere erst bei den seßhaften, in festen Häusern wohnenden ackerbautreibenden Völkern auf. Das ist sehr natürlich, da ein Vogel, wie etwa die Gans, die dreißig Tage brütet, kein geeigneter Begleiter für den Nomaden ist, der heute sein Zelt in einem Flußtal aufschlägt, um es binnen kurzem wieder ab- zubrechen. Als ältester HauSvogel ist da? Huhn anzusehen, denn eS hat sich so an den Menschen gewöhnt, daß eS, wie durch verschiedene Versuche festgestellt worden, dem Kampfe ums Dasein durchaus nicht mehr gewachsen ist und rasch zugrunde geht, sobald es in der Wildnis sich selbst überlassen wird. Infolge der veränderten Lebens- vedingnnaen, denen es— gleich allen gezähmten Tieren— unter- warfen ist, sind in seinen Charaktereigenschaften gewisse Verände- rungen hervorgetreten, die eS eben für absolutes Freileben untaug- lich machen. Obgleich anzunehmen ist, daß die große Zahl der Hühnerraffen auf mehrere Stammarten zurückzuführen ist, wird doch allgemein als die Stammform des HauShuhnes das Bankivabuhn(Lallus kuornAiusus) betrachtet. Seine Heimat ist Indien. Es hat einen gezackten Kamm und beiderseits des Schnabels Fleischlappen. Am Hals sitzen lange und schmale, einen Kragen bildende Federn. Das Gefieder ist am Halse gold-, anr Oberkörper rotbraun, an der Unterseite schwarz— bei der Henne am Nacken schwarz mit blaß- gelbbraunen Federsäumen, auf der Oberseite hellbraun mit feinen Ichwarzen Wellenlinien, am Oberkopf und Unterkiefer rostbraun. Das Bankibahuhn ist ein Waldvogel, wird aber auch auf Aeckcrn angetroffen, hat in beiden Geschlechtern einen dem Krähen unseres HauShahnes ähnlichen, bei den Hühnern jedoch kürzeren Ruf, brütet im Himalaya zwischen März und Juli und legt durchschnittlich S— S, zuweilen auch 9—11 lehmgelbe Eier in eine Hackte Bodenmulde. Versuche, die in zoologischen Gürten angestellt wurden, haben gezeigt, daß das Wildhuhn sich nur schwer zähmen und in der Gefangenschaft fortpflanzen läßt. Vergegenwärtigt sich man dagegen die geringen Schwierigkeiten, die unser Haushuhn den Züchtungs- versuchen entgegen stellt, so drängt sich die Ueberzeugung auf, daß das Huhn bereits seit uralter Zeit sich in der Sklaverei des Menschen befinden muß. Auch führen die ältesten indischen Schriften das zahme Huhn als allbekannt auf. Dagegen scheint es sich Verhältnis- mäßig spät nach dem Westen verbreitet zu haben, da es weder im Alten Testament noch von Homer erwähnt wird. Ebenso ist es spät nach Aegypten gekommen, denn auf den Denkmälern des Pharaonen- landes. deren Hieroglyphen uns das Detail des Haushaltes der Niltalbewohner so anschaulich vor Augen führen, ist nie das Huhn dargestellt. Jedenfalls wurde es erst durch die medisch-persischen Eroberungszüge nach dem Abendlande verbreitet. Die Bewohner Griechenlands erhielten eS wahrscheinlich von ihren Stammes- genossen, den Kolonisten der kleinasiatischen Inseln, wie denn zur Zeit der Perserkriege das Huhn in Griechenland bereits allbekannt ist. Durch Bermittelung der griechischen Kolonien in Unteritalien und auf Sizilien wird das Haushuhn jedenfalls sehr früh feinen Weg nach Rom gefunden haben. In welcher Weise und auf welchem Wege es sich über das übrige Europa verbreitet hat, konnte nicht festgestellt werden, wohl könnte man annehmen, durch Bermittelung der Römer; da es von Julius Cäsar aber bereits 55 v. Chr. in Britannien angetroffen wurde, ist es wahrscheinlicher, daß es auf direktem Wege über Südrußland nach dem Okzident gelangte. Als Hofgeflügel einer germanischen Haushaltung wird allerdings zuerst die GanS erwähnt: auch die Ente tritt als vorgermanisches Haus- tier auf. Weit wichtiger als beide aber ist das Huhn, wie aus der reichen Synonymik auch zu erkennen ist, daß man dieser Geflügel- art weit mehr Beachtung schenkte als jenen. Da kein Hofgefliiael mehr Nutzen gewährt als das Huhn, so spricht ihm das Gejetz auch mehr Recht zu als dem anderen Geflügel: es darf über neun Zäune hinweg seine Nahrung suchen und wenn es dabei getötet wird, muß eS vom Täter dem Eigentümer zurückgegeben und noch eine Art Buße geleistet werden. Allerdings soll der Zaun, der den Hühnerhof umgibt, möglichst hoch und mit Dornenreisig besteckt sein, damit den Insassen das Ueber- fliegen vereitelt wird. Um die Neigung deS Tieres für das Aus- brechen zu unterdrücken, bestehen noch viele andere Vorschriften, und um es für die Nachbarschaft möglichst unschädlich zu machen, wurde einst die Stärke des Hllhnerstammes für jede» Hof vorgeschrieben. Seit langem gehört das Huhn nebst dem Wildbret zur edelen fpise, wie die Eier zu einem allgemeinen Nahnmgsmittel geworden sind. Nur die Hühnerfedern sind nicht geschätzt, obschon sie eine gute Füllung für Kissen und Bankpfühle abgeben. Zudem spielt das Huhn in den religiösen Vorstellungen und Gebräuchen fast sämtlicher Kulturvölker eine große Rolle, insbesondere aber der Hahn. Nach dem alwersischen Religionsstister verweibt der Hahn mit seinem Krähen die bösen Geister von HauS und Hof. ein Glaube, der sich durch die Geschichte vieler Völker hindurchzieht und dem Shakespeare im»Hamlet" folgende Worte verleiht: „Der Hahn, der als Trompeter dient dem Morgen, Erweckt mit schmetternder und heller Kehle Den Gott de? Tags, und auf seine Mahnung, Sei'S in der See, im Feuer, Erd oder Luft, Eilt jeder schweifende und irre Geist In sein Revier..." Bei den Griechen hieß unser HauSprophet der„medische Vogel', und ein im„Athenäum" erschienener Artikel weist nach, daß das griechische Wort„alektryon" lHahn) von dem persischen„helaka" gleich Sonne abgeleitet ist. Wir sehen daraus, daß der Hahn nichts anderes ist als der Vogel der Sonne, der Phönix, der hochberühmte Phönix. Wenn die Perser in die Schlacht zogen, ging ihnen ein roter Hahn als Palladium voran. Bei den Griechen finden wir ihn zum erstenmal im 6. Jahrhundert erwähnt. Zu derselben Zeit lernten ihn auch die Aegypler als Haustier kennen. Sie opferten ihn, wenn er ein weißes oder gelbes Gefieder hatte, den Göttern und Göttinnen NephtyS, OsiriS, Isis und Anubis. Trotzdem findet man sein Bild- niS auf keinem ägyptischen Monument, wie ja bereits erwähnt wurde. Dagegen findet man es aus babylonischen Denkmälern und korinthischen Gefäßen aus dem 7. Jahrhundert. In der klassischen Zeit wurden zu Athen auf Kosten des Staates öffentliche Hahnenkämpfe veranstaltet. Das galt als Erinnerung an jene Rede, die ThemistokleS kurz vor der Schlacht bei Salamis hielt und in der er die Griechen ermahnte, sich so tapfer auf die Feinde zu stürzen wie Hähne, die einander angreifen. Die Athener feierten also in den Hahnenkämpfen den Mnt ihrer Vorfahren. Auch im alten Rom stand daS Huhn in hohem Ansehen. Das zum Kampfe ausziehende Heer führte Hühner mit sich, ans deren Gebaren sie auf den Ausgang der Schlacht schlössen, da ihre Zukunftsverkünder, die Auguren, nach dem Gesetz dem Feinde nicht entgegenziehen dursten. Nahmen die Hühner das ihnen gebotene Futter gierig an. so galt dies als ein gutes Omen, verschmähten sie aber die vorgeworfenen Körner, dann wehe den römischen Legionen I Die den Orakelvögeln beigegebenen Pfleger, xuilarii, nahmen in diesem Punkte natürlich„Schiebungen" vor, um den Mut des orakelharrenden HeereS anzufachen. Es gab aber auch Gewitzte, die den orakelnden Hühnern nicht so recht trauten. Zu ihnen gehörte der Konsul Claudius Pulcher, Feldherr im ersten punüchen Kriege, der die heiligen Hühner, weil sie nicht fressen wollten, einfach ins Meer warf.„Wollen sie nicht fressen, so mögen sie saufen", meinte er bei der Ausführung dieser götterbeleidigenden Tat. Erst nach den Punischen Kriegen scheint in Rom die Hühner- zucht ihren Aufschwung genommen zu haben und zur selben Zeit wird man wohl auch von der Ansicht abgekommen sein, daß Huhn mit seinem eigenen Fett beträufelt zu verzehren, eine Unsitte ist. Auch Sportzwecken diente das Huhn, und zwar bezog man zu diesem Zwecke solche von Rhodos und Tanegra, die besonders kämpf- lustig sein sollten. I» der christlichen Zeit lieg man durch die Bild- Hauer die Wände der Katakomben mit Hahnenkämpfen schmücken, die die Dcolesiu militana(kämpfende Kirche) versinnbildlichen sollten. In der späteren Zeit setzte man den Hahn als Sinnbild der Wach- samkeit auf Kirchtürme. Heule ist die Hühnerzucht über die ganze Erde verbreitet, selbst im Innern Aftikas besagt man sich mit ihr; nach Ainerika gelangte sie erst durch die Europäer. (Fortsetzung folgt.) Peftalo22is politische Ansichten. Die neue Pestalozzi- Biographie, die Paul Natorp in der Teubnerschen Sammlung„Aus Natur und Geisteswelt" soeben ver- öffentlicht hat, sncht zum erstenmal die Beziehungen klar heraus- zuschälen, die bei Pestalozzi, diesem Vater aller Pädagogik, zwischen seinen politischen(auch wirlschaftspolitischen) und seinen rein päda- gogischen Theorien bestehen. Natorp macht den fruchtbaren Versuch, die Mannigfaltigkeit der von Pestalozzi vertrete»« Anschauungen in eine einheitliche Theorie zu bringen. Ob dieser Versuch, aus Pestalozzis Art zu denken und zu philo- sophieren, gerechtfertigt werden kann, ist hier Nebensache. Für uns wichtig ist die Tatsache, daß dieser Versuch einer einheitlichen Durch- dringung der Pestalozzischen Gedankenmassen zum erstenmal die engen Beziehungen zwischen Pädagogik und Politik bei Pestalozzi, ja zum ersten Male überhaupt die Existenz einer wirklichen politischen Theorie bei Pestalozzi bewies. Daß Pestalozzis Wirken noch lange nicht abgeschlossen ist, be- weisen die gerade in den letzten Jahren sich mehrenden Schriften über ihn. Es ist höchstwahrscheinlich, daß er auch in Zukunft noch eineit viel tieferen Einfluß auf unsere gesamte Pädagogik ausüben wird, als es der außer ihm bedeutendste der deutschen Pädagogen, H e r b a r t, getan hat. Und zivar wird Pestakvzzi, was Natorp und seine Freunde immer betont haben, gerade wegen seiner vorgeschrittenen politischen Theorien, gerade weil seine Pädagogik in einer politischen Theorie des Demokratisnkus, ja Sozialismus wurzelt, diese große Bedeutung für die Pädagogik der Zukunft haben. Es kann sich für unS nicht darum handeln, die Stellung Pcsta- lozziS zu den verschiedenen politischen Problemen zu zeichnen, die ihm in seinem schweizerischen Vaterlande(es handelt sich um die unruhige Zeit um die Wende des 18. und 19. Jahrhunderts) entgegentraten. Obwohl er auch hier nie müde ward mit neuen Anregungen und Vorschlägen. Nicht vergessen werden aber darf sein Eingreifen in die schweizerische Steuerpolitik. In zwei Broschüren („Blätter über den Zehnten" nannte er sie) trat er scharf für die Ab- schaffung des Zehnten und für Staatssteuern nach dem Maße der Leistungsfähigkeit, also für progressive Einkommen- st e n e r mit Steuerfreiheit für ein reichlich be- messeneS Existenzminimum ein. Auch die ganze Fülle und Tiefe seine? sozialen GemütS muß hier unberücksichtigt bleiben. Obwohl man kaum in der Ge- schichte der Menschheit einen zweiten treffen wird, der— losgelöst von aller dogmatischen oder gar konfessionellen Religiosität— eine solche Genialität im Sittlichen und Altruistischen offenbart hat wie gerade der Winkelschullehrer in Burgdorf. Statt dessen soll hier einzig die politische Theorie Pestalozzis erwogen werden.. Wir fragen, wie er sich im ganzen zu den großen Problemen von Arbeit, Industrie, Eigentum, Gesell- schaft, Staat usw. stellte. Da ist zunächst seine Betrachtung des Menschen über- Haupt hervorzuheben. Gegenüber dem Liberalismus, der ja be- kanntlich nicht nur eine parlamentspolitische Theorie war, sondern sich auf allen Gebieten der Kultur als eine charakteristische, nun freilich längst überlebte Anschauung breit niachte, bebauptete Pestalozzi in den„Abendstunden" wie in dem pädagogischen Romane „Lienhard und Gertrud", daß der Mensch für die Erziehungslehre wie für die Politik überhaupt nur als soziales Wesen, als Gemeinschaftswesen, als vergesellschafteter Mensch in Betracht käme. Seine Vorgänger, in gewisser Weise auch Rousseau, hatten sich um den Menschen nur als ein für sich stehendes, ab- geschlossenes Individuum gekümmert. Nach Pestalozzi steht die Gemeinschaft höher als das Individuum, kann daS Individuum nur erzogen werden, wenn man die Gemeinschaft, die Schicht, in der es lebt, erzieht. Mit einem seiner wnnderbckr anschaulichen Vergleiche drückt er daS einmal so aus:„DaS Er- ziehen des Menschen ist nichts als daS Ausfeilen deS einzelnen Gliedes an der großen Kette, durch welche die ganze Menschheit unter sich verbunden ein Ganzes aus- macht, und die Fehler in der Erziehung bestehen meistens darin, daß man einzelne Glieder wie von der Kette abnimmt und an ihnen künsteln will, wie wenn sie allein wären und nicht als Ringe an eine große Kette gehörten. Es komint darauf an, daß das einzelne Glied nngeschwächt an feine nächsten Nebenglieder wohl angeschlossen zu dem täglichen Schwung der ganzen Kette und zu allen Biegungen derselben stark und gelenkig genug sei." Diese Grundüberzeugung, daß„die Umstände", d. h. die Gesell- schaft, den Menschen machen, spricht sich besonders in der zweiten Hälfte des erwähnten Romans aus, Ivo von der Pathologie und Therapie(Heilkunst) der sozialen Erkrankungen, von den Ursachen und der Heilung des Verbrechens die Rede ist. Der einzelne Mensch erscheint hier fast von Verantwortung frei; jeder kann in die gleiche Schlechtigkeit versallen wie der schlimme Verbrecher, wenn er in soziale„Lagen" gerät, die geeignet sind, den Samen des Bösen in ihm zu entwickeln. Die Gesellschaft ist nicht nur mitschuldig am Verbrechen, sondern sie ist die Hauptschuldige. Auf Grund solcher Aussprüche zählt Natorp Pestalozzi mit Recht zu den Vätern der niodernen S o zi a l p ä d a g o g i k, die die alte liberale Judividualpädagogik ablösen soll. Als einen der ersten Ueberwinder des Liberalismus kennzeichnet unseren Pädagogen auch seine wirtschaftSpolitische Auffassung. Er denkt— wie auch Natorp sagt— die soziale EntWickelung„nicht bloß im Sinne des LiberaliSnius, sondern in deutlicher Näherung zum Sozialismus". Er faßt nicht nur die Aufhebung des Feudalismus, sondern auch ernstliche Eingriffe in das Eigentums- recht ins Auge; denn, wie er wiederholt fagt, das Eigentum ist um des Menschen und nicht der Mensch um des Eigentums willen da. Er will die Ausbeutung des Volke? durch die Grundherren nicht etwa bloß beseitigt wissen zugunsten der Ausbeutung durch daS Kapital; eS soll nicht„der Kaufmann die Brotquellen des Volkes in seinem Portefeuille herumtragen wie ehedem der Edelmann in seinem Stiefel". Er will Befreiung des Volkes zur vollen Wirt- schaftlichen und rechtlichen Selbständigkeit, als den Voraussetzungen gesunder«Selbstsorge' auch für seine allseitige, geistig sittliche Bildung. Die Frage der Staatsform steht für Pestalozzi immer erst in zweiter Linie. Seine Vorschläge halten zmiächst an der Fort- cxistenz von Fürsten und Adel fest. Nachdem sich dann aber gezeigt halte, daß auf diese nicht zu rechnen war. stellte er sich rückhaltlos auf die Seite des Recht fordernden Volkes. In der f r a n z ö s i- schen Revolution sah er nur die unausbleiblich« Fol�e der Revolution von oben, die längst im Gange war. in ihren„Greueln" sah er nur die Folgen des alten Zustandes, aus dem sie heraustrat, nicht des neuen, in den man erst hinein- treten wollte. Sein scharf treffendes Urteil über die Revolution zeigt namentlich darin einen bemerkenswerten Fortschritt über die früheren Schriften hinaus, daß die Eutwickelung des sozialen Lebens entschieden ins Auge gefaßt und in Rechnung gezogen wird.„Er sieht die große Bewegung vom Feudalismus durch die absolut« Monarchie zur Revolution in klarem Zusammenhang mit der Wandlung der Wirtschaft vom vorwaltenden Landbau zur Industrie, in Verbindung mit der Eutwickelung des Welthandels und des Geld- Verkehrs". Er erkennt nach einer anderen Stelle in der großen Be- wegung seiner Tage geradezu eine„Revolution in Brot- angelegenheiten", die freilich im ersten Augenblick Zer- rüttung wirke und alte Bande löse, später aber neue und engere knüpfen werde. Von Anschauungen wie den eben(nur in großen Zügen) ent- lvorfenen sind nun auch die mehr schulpädagogischcn Gedanken Pestalozzis durchdrungen. Die gesamte Erziehung, soweit sie nicht im Hause vor sich geht, muß mit dem sozialen Leben in Ein- klang gebracht werden. Das will besagen: nicht nur die Schule muß sich nach den sozialen Ordnungen(der Kinder, die sie erzieht) richten, fondern auch umgekehrt: die fozialen Ordnungen müssen so beschaffen fein, daß sie eine ihnen gemäße Erziehung der Jugend in Haus und Schule sichern. Zu dem Zweck muß vor allem das Wirtschaft?- wesen des Volkes in eine gesunde Ordnung gebracht werden. Darüber zu spotten, daß Pestalozzi nicht angegeben hat, wie das zu bewerkstelligen sei. ist billig. Sein Verdienst besteht darin, als einer der ersten Politiker und Pädagogen den Zusammenhang zwischen Wirtschafts- und Kulturpolitik erkannt zu haben. So werden wir auch in folgenden Gedanken, die an einer Ueberschätzung der Staatsmacht leiden, den großen richtigen Kern nicht abweisen: Pestalozzi fordert, daß der Staat die wirtschaftliche Regelung übernehme. Die Staatssorge für das Eigentum darf sich nicht dar- auf beschränken, daß nicht gestohlen wird; es soll auch derGebratich, den ein jeder von seinem Verdienst macht, einer öffentlichen Aufsicht unterstehen. Er fordert Aufhebung der Leibeigenschaft, Befreiung der Güter und Personen von herrschaftlichen Abgaben. Er wagt zu hoffen, daß es dann der„Galgen-, Rad- und Galeeren-Gerechtig- keit" nicht mehr bedürfen wird, die Galgen und Rad darum brauchen muß, weil man das Volk zuvor verwahrlo st und selber zu dem ge in acht hat, wofür man e ß hinterher straft. Und Ivenn an einer andern Stelle Pestalozzi erklärt, nicht auf Almosen und Spitäler, sondern auf Recht käme es an,„die Perle des Rechts dürfe nichtinderMist- grübe der Gnade verscharrt werden", so erhebt er sich weit über die philanthropischen Tiraden seiner frommen GesinnungS- zenoffen, der Groll des vierten Standes scheint in solchen Worten »orzullingen. Noch auf einen Zentralgedanlen muß hingewiesen werden, ans den Gedanken von der Gleichberechtigung alles dessen, was Menschenantlitz trägt.»Gehört denn diesen unseren Mitmenschen, — 844— die. mit gleichen Natu rreKten wie wir geboren, uns den Besitzern m i t g l e i ch e n A n s p r ü ch e n ins Gesicht sehen, gehört diesen Staatsbürgern, die jede Last der gesellschaftlichen Vereinigung siebenfach tragen, keine ihre Natur befriedigende Stellung in unserer Mitte 1"„Der Sohn der Elenden, Verlorenen und Unglücklichen ist nicht da, bloß um ein Nad zu treiben, dessen Gang einen stolzen Bürger emporhebt". Demgemäß fordert Pestalozzi in der Schrift „Geietzgebung und Kindermord", daß der Staat die Erziehung der vaterlosen Kinder ganz auf sich nehme, mir der Begründung, daß „die Einrichtungen des Staates dte Hauptschuld an dem Uebel tragen", Unablässig und mit großer Wucht behauptet Pestalozzi die all- ?emeine und wesentlich gleiche B i l d u n g s b c d ü r f tig- eit und Bildungsfähigkeit aller Volksklassen. „Alle Menschheit ist in ihrem Wesen sich gleich und hat zu ihrer Beftiedignng nur eine Bahn." Er verbindet diese Forderung, allen die gleichen Bildungsmöglichkeiten zu der- schaffen, mit einer schneidenden Kritik unserer beutigen Schul- verhällnisie. Mit dem bekannten und packenden Gleichnis, in dem er diese darstellt, schließen wir unsere Skizze:„Der Schulunterricht, wie er heute ist, kommt mir vor wie ein großes Haus, dessen oberstes Stockwerk zwar in hoher, vollendeter Kunst strahlt, aber nur von wenigen Menschen bewohnt ist z in den mittleren wohnen sckon mehrere, aber es mangelt ihnen an Treppen, auf denen sie in das obere hinaufsteigen können; im untersten wohnt eine zahllose Menschenberde. die für Sonncnschcin und gesunde Luft wohl mit den obersten das gleiche Recht haben, aber sie wird nicht nur im ekelhaften Dunkel fensterloser Löcher sich selbst überlassen, sondern man macht ihnen durch Binden und Blendwerke die Augen sogar zum Hinaufgucken in das oberste Stockwerk untauglich". kleines feuiUeton. Physikalisches. Eine merkwürdige physikalische Entdeckung ist in bezug auf eines der seltenen Elemente gemacht worden, die während des letzten Jahrzehnts zur größten Ucberraschung aller Naturforscher in der Luft nachgewiesen wurden. Es handelt sich um den Stoff, der mit dem einfachen Namen Neon(das Neue) belegt worden ist. Der Physiker, Professor Collie, eifriger Mitarbeiter von William Ramsay, dem Entdecker des Neon, machte jüngst die Beobachtung, daß vollkommen reines Neon, wenn es in einer Glas- röhre mit einem Ouecksilberkügelchcn zusammen eingeschlossen und geschüttelt wird, mit einer hellen orangerotcn Farbe zu glühen beginnt. Wenn man die äDuecksilberkuchü in der Röhre hin und her rollt, so scheint ihr eine Flamme von der erwähnten Farbe nachzufolgen. Danach fand Ramsay selbst, daß Neon auch unter dem Einfluß elektrischer Wellen leuchtend wird, und nun war nur ein Schritt bis zur Benutzung des seltenen Elementes zum Nach- weis elektrischer Wellen, wie sie bei der drahtlosen Telegraphie bc- nutzt werden. Dadurch erhielt der„Collie-Effekt", wie jene Eni- deckung genannt worden ist, die Möglichkeit einer praktischen Be- deutung. Man brauchte nur ein Röhrchen mit Neon bei sich zu tragen, um überall nachweisen zu können, ob elektrische Wellen in der Luft sind oder nicht. Den Versuch damit hat, Dr. Dudley von der Vanderbilt-Universität bei einer Uoberfahrt von England nach Amerika gemacht. Wie er der„Science" schreibt, l>egann das Röhr- chen jedesmal zu leuchten, wenn von dem Schiff ein drahtloses Telegramm ausgesandt wurde. Dagegen versagte es beim Empfang solcher Telegramme, weil die ankommenden Wellen wohl zu schwach toaren. Vielleicht läßt sich aber die Empfindlichkeit des Neon noch steigern. Uebrigens verfügt William Ramsay jetzt über die unge- heure Menge von mehr als 500 Kubikzentimeter reinen Neons. Um zu begreifen, was das heißen will, muß man wissen, daß zu ihrer Gewinnung ungefähr 240» Zentner(I) Luft chemisch verarbeitet werden mußten. Meteorologisches.> Plötzliche Kälte. Daß eS im Winter kälter ist als im Sommer, weiß jeder Mensch, und wir wissen auck>, wo die Ursache zu dieser Erscheinung zu suchen ist. Der Unterschied zwischen den verschiedenen Temperaturhöhen der Jahreszeit wird dadurch herbei- geführt, daß jede Stelle der Erdoberfläche in der Sommerzeit länger den Sonnenstrahlen ausgesetzt ist als im Winter, also in der un- gleichen Länge de« Tages und der Nacht in den verschiedenen Jahres- zeiten. Solche Unterschiede treten am stärksten in den Gegenden der Erde auf, die dem Nord- und Südpol am nächsten liegen— dort dauert die Winternacht überhaupt sechs Monate lang und das übrig- bleibende Halbjahr ist von einem einzigen Sommertage ausgefüllt. In unserer nördlich-gcmäßigtcn Zone und ebenso in der cnt- sprechenden südlich-gemäßigten können wir ja nicht so ge- waltige Kontraste aufweisen, aber stark genug ist der Unterschied doch, wenn wir im Hochsommer die Lampen um nenn Uhr abends anzünden müssen. während wir jetzt schon um 5 Uhr nachmittags dazu gezwungen sind. Es leuchtet ein: wenn die Wärme spendende Sonne nur viel kürzere Zeit über dem Horizont steht, und noch dazu uns nur in. ungünstigerer. schrägerer Richtung trifft, kann unsere Gegend sich bei weitem nicht so sehr erwärmen als bei der längeren und kräftigeren Sommer» besonnnng. Aber diese Unterschiede vollzicben sich gerade wie die Stellungsänderung der Erde zur Sonne selbst ganz allmählich, und sie können keineswegs einen so plötzlich eingetretenen Temperatursturz erklären, wie wir ihn jetzt eben erlebten: An einem Tage war eS noch kaum herbstlich, wir hatten vielmehr einen wahren Nachsommer, am nächsten mußte man sich auf der Straße durch Neber- röcke, im Zimnier durch geheizte Oefen gegen die Kälte schützen. Man könitte zunächst geneigt sein, die Ursache darin zu suchen, daß die einzelnen Stellen der Erde be- züglich ihrer Temperatur nicht von einander abgeschlossen sind, sondern daß die unmittelbar an der Erde sich entlang be- wegende Lust von der einen Gegend nach der anderen größere oder geringere Wärme trägt. Diese Lustbewegungen kennen wir ja alle als Wind oder Sturm und wir wissen auch. daß die aus dem wärmeren Süden kommenden Südwinde uns Wärme zuführen, die aus dem rauhen Norden stammenden Nordwinde aber Kälte. � Wer aber die Windfahnen zu beobachten pflegt, oder die von der Zeitung gemeldeten Wetterberichte mit Aufmerksamkeit liest, weiß, daß wir in der jüngsten Zeit gerade südöstliche und südwestliche Winde hatten und danach also gerade gelindes Werter hätten haben müssen. Also die uns unmittelbar merklich gewordenen Lustbewegungen können die Ursache nicht sein; aber die Meteorologen wissen, daß eS außer ihnen auch noch andere gibt. Wir müssen die viele Meilen hohe Atmosphäre ansehen als aus einer Reihe übereinander gelagerter Schichten bestehend, von denen die einen wann sind, die anderen kalt. Ballon» fahrten haben z. B. ergeben, daß in der Höhe von etwas mehr als 11 Kilometern über der Erdoberfläche dauernd eine wanne Lust« schicht ausgebreitet ist und daß sowohl unter als auch über ihr die Lust kälter ist. So verschieden temperierte Luftschichten können nun nicht ruhig übereinander bleiben, sondern sie haben die Neigung, auch senkrechte Bewegungen auszustihren? die wärmere, leichtere Lust strebt eben wegen dieser Leichtigkeit nach oben, die kältere drängt wegen ihres größeren Gewichts nach unten. Man kann sich leicht ein anschauliches und interessantes Bild von diesen so ver- schieden gerichteten Lustbewegungen machen, wenn man in ein mit Wasser gefülltes Glas vorsichtig einen Tropfen Tinte fallen läßt; die Tinte fällt dann nicht geradlinig nach unten, sondern, da die verschiedenen Wasserichichteu verschieden gerichtete, allerdings nicht ohne iveileres bemerkbare Bewegungen haben, muß sich die schwarze Flüssigkeit im Sinken den verschiedenen Be- wegungen der einzelnen Wasserschichten anschließen. Wie hier der Stürm im Wasserglaie e-Z uns zeigt, so vollziehen sich auch in der Atmosphäre Lustbewegnngen nach den verschiedensten Richtungen. Wenn nun in hohen nördlichen Gegenden, wo die Erde in ewigem Eis starrt, die Luft, die sich an diesem EiS stark abgekühlt hat. trotz ihrer Neigung zu sinken, durch kräftige vom Süden her kommende Winde zum einzig möglichen Ausweichen, nämlich nach oben hin gezwungen ist und sich dort nach Süden bewegt, so benutzt sie die erste Stelle, wo es ihr möglich ist. ihrer natürlichen Tendenz zu folgen, also zu sinken. Wo sie dabei die Erde berührt, dorthin führt sie auch die ihr innewohnende Kälte. In diesen Tagen hat sich nun eine solche Senkung nördlicher, kalter Lust bei uns voll- zogen, ist aber bereits wieder von wärmeren Luftströmungen ver- drängt worden. Aus dem Tierreiche. Ein sechster Sinn der Katze. Dr. Fritz hat an der gewöhnlichen Hauskatze ein besonderes Sinnesorgan entdeckt, das freilich nach früheren Forschungen auch anderen Tieren zukommt, bei der Katze aber bisher nicht aufgefunden war. Diefer sechste Sinn besteht äußerlich in einigen langen steifen Borsten oder Fühl- haaren, die aus einer Hautgegend herauswachsen, die besonders reich mit Nerven ausgestattet ist. Dies Gebiet liegt in der Nähe des Handwurzelgelenks der beiden Vorderbeine. Man hatte diese eigentümlichen Sinneshaare früher aü zahlreichen Vertretern ver- schiedener Familien der Wirbeltiere nachgewiesen; und zwar ebenso bei niedrigstebenden Wirbeltieren wie den„Zahnarmen"(Edentaten), wie auch bei Nagetieren, fleischstessenden Tieren und sogar den weniger ho-ysteheiiden Gruppen der Vierhänder. Auch der merkwürdige Klippschliefer Afrikas, der einer Einordnung in eine der genannten Tierklassen widerstrebt, ist dieser Reihe hinzuzufügen. Eine Eigen« schaft scheint allen diefen Tieren, die jenes Organ an den Vorder» beinen besitzen, in gleicher Weise eigen zu sein; sie halten entweder gewohnheitsmäßig ihre Nahrung mit den Vorder- pfoten oder find besonders zum Klettern begabt. Danach ist es wahrscheinlich, daß die empfindlichen Haare im Handgelenk mit der besonderen Betätigung der vorderen Gliedmaßen in Zusammenhang stehen. Die Huftiere entbehren, wie daraus leicht zu verstehen wäre, dieses Organs vollkommen. Daß auch die echten Affen dieses besonderen Sinnes entratcn können. erklärt sich wohl durch die außerordentliche Empfindlichkeit, die sie an den Handflächen und Fingern erworben haben, so daß eine weitere Unterstützung nicht nötig ist. Dr. Fritz ist bemüht gewesen, dasselbe Organ auch beim Hunde aufzufinden, der seine Vorder- Pfoten doch gleichfalls in einer Weise braucht, die zuweilen eine Aehnlichkeit mit den Gewohnheiten der Katze verrät. Die Nach- forschung ist jedoch vergeblich gewesen, so daß der Hund demnach auf seine fünf Sinne beschränkt ist. Lermitw. Redakteur: Emil Ungcr, Grunewald.— Druck u. Verlag: Vorwärts Buchdruckerei u.Verl«g»an stalt Paul Singer SrCo.. Berlin SW.