Zlnterhaltungsblatt des Jorwärts Nr. 214. Mttwoch den 3 November. 1909 (Nachdruck verdoteo.7 2i]„Soldaten fein fchön!" Bilder aus Kaserne und Lazarett Von Karl Fischer, Volterl Komm schnell!.Wir müssen uns melden," rief Bornemann ihm zu. Eilig wischte sich Volter die Tränen aus den Augen, nahm stramme Haltung an, und begab sich vor den Eingang des Konferenzzimmers, wo er mit Aufstellung nahm. Wohltätig berührte alle Schüler der Aeußeren die ruhige Sicherheit Stabsarzt Bauers. Sie waren die polternde Un- gufriedenheit vom Stabsarzt Renner gewöhnt und hier hörten sie kein lautes Wort. Schnell ging die Visite vorüber, bei der der Stabsarzt diejenigen Kranken bessimmte, die zum Verbinden ins Opera- tionszimmer kommen sollten. Dort wurden die Wunden ge- säubert, frische Verbände angelegt und mehr, wo die Schüler rnit behilflich sein mußten. Alles war ihnen etwas Neues. Stabsarzt Bauer und Assistenzarzt Klinge verließen, so- sbald der letzte Kranke verbunden war, die Station. „So." fing Sergeant Bogdahn an, der mit den Schülern nun allein war,„jetzt stellen Sie sich mal auf— in einer Linie." „Nanu," dachte Bornemann,„was wird denn da heraus- kommen?" „Aber nicht wie die Hottentotten, sondern wie Jhr's gelernt habtl Nach der Größe— so—" „Stillgestanden!— Nennt Ihr das ausgerichtet?— Richten Sie sich aus. Bornemann, und ziehen Sie nicht so ein dämlick)es Gesicht!— Na endlich!— Rührt Euch!" Kunze, mit der Brille auf der Nase, mußte sich das Lachen verbeißen, als Sergeant Bogdahn wie ein komman- Gierender General, mit dem Notizbuch in der Hand, vor ihnen auf und ab ging. Er wird doch nicht etwa mit uns hier im Operationssaal exerzieren wollen? Sergeant Bogdahn mußte ein Vergnügen daran finden. Selbstgefällig strich er sich seinen großen Schnurrbart, dem er mit der nötigen Wichse eine übertriebene„Es ist erreicht"- Form gegeben hatte. Seine spitze Nase stand in seltsamem Kontrast zu dem übrigen Teil des Gesichts, aus dem seine hervorstehenden kalbsaugenähnlichen Sinnbilder der Obhut zuerst auffielen. An seinen merkwürdig ausgesprochenen sächsischen Dialekt hatten sich die Schüler schon die Zeit her gewöhnt, wenn sie auch noch nicht dienstlich mit ihm zu tun gehabt hatten. „Also, Sie sind jetzt bei mir auf Station!" Ach, der will uns eine Rede halten! dachte Bornemann gnd machte eine treuherzig fromme Miene. „Da will ich Euch nun sagen, was Ihr zu tun habt! Vor allem will ich Euch das eine sagen: Wenn Ihr strikte Euren Dienst tut, wird Euch kein Mensch etwas anhaben. Sobald aber einer frech wird oder faul und führt nicht meine Befehle aus, dann sollt Ihr mich kennen lernen. Zuerst werde ich Euch beibringen, wie Ihr Eure Pfoten zu waschen habt, wenn Kranke verbunden werden sollen. Dann werden jeden Morgen die Instrumente ausgekocht. Die müssen allemal schon fertig dastehen, wenn ich raufkomme auf Station. Dann macht einer den sterilen Mann, der sich die Hände desinfiziert und heim Verbinden dem Arzt die Instrumente reicht. Das werden Sie von jetzt ab machen. Volter." „Zu Befehl." „Sie fassen nichts an als Ihre Instrumente, und kümmern sich um weiter gar nichts! Wenn alles klappt, braucht Ihr bloß auf der Station zu fein, wenn etwas zu tun ist. Klappt's nicht, wird vorschriftsmäßiger Stations- dienst eingehalten.„Dann," damit fuhr er sich mit der Hand über seinen fetten Leib, über den die Unteroffiziersdrillich- jacke so fest gespannt war. daß sich Querfalten im Tuch ge- bildet hatten,—„dann wird mir jeden Mittag Essen geholt aus dem„Blauen Löwen". Ich werde jedesmal bestimmen, wer gehen soll. Heute gehen Sie, Büchner. So. Nun wäre ich fertig. Tretet— weg!" kommandierte er im Kasernenton. „Wollt Ihr gleich nochmal her? Ist das eine Kehrt- Wendung, wie Ihr sie gelernt habt?" „Tretet— weg!— So! Das muß man nur üben." Der neue Polizeiunteroffizier des Lazaretts verstand sich mit allen gut. Er wußte, daß mit den Lazarettbummlern, wie die Sanitätsschüler allgemein genannt wurden, nicht viel anzufangen war. Da drückte er oft ein Auge zu. Es war das erstemal, daß er als Frontunteroffizier ins Lazarett auf ein Vierteljahr kommandiert worden war. Ein hübscher Ruheposten, nach dem er sich gesehnt. Seine ganze Funktion war, die Zu- und Abgänge zu überwachen, für Ordnung und Ruhe zu sorgen, die Meldungen der Stubendienstwach- habenden der Schülerstuben beim Zapfenstreich anzuhören und früh das Personal zu wecken. Mit dem Wecken ging es nicht so streng zu, wie in der Kaserne. Wecken tat er wohl: ob aber die Schüler auch aufstanden, darum kümmerte er sich weniger. Wer sollte auch so früh kommen und revidieren? Und was sollten die Schüler auch in aller Herrgottsfrühe anfangen. Die Kranken schliefen noch, und was eventuell getan werden konnte, machten sie bis zur Visite vollständig. Nur die Krankenwärter mußten an das pünktliche Aufstehen glauben. Die mußten früh mit der Lazarettreinigung be- ginnen, um zur Zeit fertig zu werden. Todmüde, wie Volter sich allabendlich zu Bett legte, war er doch der erste, der ausstand, sobald geweckt worden war. Sein erster Gang war auf die innere Station zum kranken Freund. Seit zwei Tagen stand ein Wandschirm um Weiners Bett. Volter wußte, was das zu bedeuten hatte. Kummer im Herzen stieg er morgens hinauf. Auf das Schlimmste gefaßt, öffnete er die Tür des Saales, in dem Weiner lag. Was war das? Assistenzarzt da? Flüsternd sprach dieser auf die Krankenwache ein, die sich am Bette Weiners zu schaffen machte. Wie er Volter be- merkte, wandte er sich um. „Was wollen Sie?— Doch es ist gut, Sie können mit helfen, den da ins Leichenhaus zu schaffen/ Weiner war tot. Kein Blick verriet sein inneres Gefühl, als Volter hinzu» trat, mit anzufassen. Erschreckt wollte er zurückfahren, als er die nackte Leiche sah. Ein mit weißer Haut überdecktes Gerippe lag da vor ihm. Wie auf ein Gespenst fiel durch das Fenster das Morgenlickst, das diesen entseelten Körper noch schrecklicher erscheinen ließ. Weit geöffnet standen die Augenlider, zwischen denen die Pupillen herausstarrten. Die Mundwinkel der halbgeöffneten Lippen waren herabgezogen, als ob er noch in der letzten Sekunde dem Schmerz über die ihm versagt ge- bliebcne Freiheit Ausdruck gegeben hätte. „Na, gucken Sie ihn nicht erst lange an und fassen Sie mit zu!" Erschreckt fuhr Volter aus seiner traurigen Betrachtung empor und sah wie geistesabwesend dem Assistenzarzt ins Gesicht.. „Mit anfassen sollen Sie!" rief ihm dieser entgegen.„Er beißt nicht, er ist tot." Wie im Traum tat Volter seine Pflicht. Er sah nichts mehr. Seine Hände halfen, wie mechanisch, dem Befehle ge- horchend, die Leiche ins Leinentuch hüllen. Ganz gedanken- los hob er den toten Körper auf die Bahre und trug ihn mit zum Obduktionshaus. Erst nachdem der hinzugerufene Polizeiunterosfizier die Tür des Leichenhauses verschlossen, in dem sein toter Freund niedergelegt war, und er, mit dem Unteroffizier allein, das Knarren des Schlosses hörte, kam er wieder zum vollen Be- wußtsein. „Ist Ihnen übel?" fragte ihn der UnterofflZler, wie ev ihn allein noch vor der Tür stehen sah. „Nein, nein!" antwortete Bolter. „Na. bleiben Sie noch ein wenig hier im Garten m der frischen Luft. Das wird Ihnen wohltun." Nun war Volter allein. Müden Schritts ging er zur nächsten Bank und ließ sich nieder. Er spürte nichts von dem kalten Wintertag. Sem Kopf war so heiß-- und Gedanken stürmten auf ihn ein. daß er keinen einzigen fassen konnte. Er sah nur seinen toten Freund vor sich, der nun endlich in der— Freiheit mar! Lange blieb er einsam auf der Bank sitzen. Das Glocken- zeichen der Lazarettküche schreckte ihn aus seinen trübseligen Gedanken auf und rief ihn zum Dienst. „Böhlicke, rufen Sie mal den Bornemann zu mir.� „Dort kommt er gerade, Herr Sergeant." „Bornemann, heute holen Sie mir Essen." „Herr Sergeant, ich habe keine Tuchhose. Meine ist in der Kompagnie zum Ausbessern, und mit der Drillichhose kann ich doch nicht gehen." „Sie haben doch noch eine der fünften Garnitur da?" „Jawohl, aber die ist so dreckig. Die muß ich erst sauber machen." „Da machen Sie sie sauber! Verstanden?" „Das geht aber nicht so schnell. Die müßte ich cigent- lich erst waschen." „Weil Sie sich vom Essenholen drücken wollen, gehen Sie jetzt nun gerade!" „Aber ich kann doch nicht, wenn ich keine Hose habe!" „Da pumpen Sie sich eine. Bilden Sie sich doch nicht etwa ein. daß ich das glaube, was Sie mir da erzählen. Sie gehen einfach! Wenns Ihnen nicht Paßt, können Sie sich ja beschweren. Aber erst wenn Sie meinen Befehl aus- geführt haben. Sie kennen doch die Kriegsartikel?" „Jaivohll" „Also, wenn Sie noch was erzählen, werde ich Sie melden wegen Nichtausführung eines gegebenen Befehls. Haben Sie mich verstanden?" „Jawohl!" Sonapp war inzwischen auch von Station�gekommen und hatte gehört, um was es sich handelte- Schadenfroh blickte er Bornemann an. „Herr Sergeant, ich muß niir erst meine Hose, sauber machen." „Beeilen Sie sich! Dann melden Sic sich bei mir. Nun scheren Sie sich weg!" „Der kann aber lange warten, bis ich dantit fertig bin." flüsterte Bornemann dem Kunze, auf seiner Stube ange- kommen zu.„Ich bin doch nicht zum Militär gekommen, um jedem Kohlendampfschieber seinen Hausknecht zu machen! Das fehlte gerade noch." „Siehste, Borneniann, nun mußt Du doch gehen," hänselte Sonapp. „Na wart nur, der schickt mich nicht ein zweitesmal. Der hat scheint's noch kein Beefsteak niit Kieselsteinen gegessen!" „Mach noch Dummheiten!" warnte Kunze. „Ich werde mir doch nichts vormachen lassen!" lIortsctzung folgt.) lNachdruck vcrBotM.) Hus der Ocfcbicbte unseres Raus- ,1 gekliigels. Von C. Schen kling. (Schluß.) In viel entfernt liegendere Zeit als die Zähmung der ge- Tlannten Vögel reicht die Zähmung von Gans und Ente zurück, auch find beide nicht aus Asien eingeführt, sondern stammen von einheimischen wildlebenden Arten ab. Unsere Hausgans hat ihre Stammform in der Grau- oder Wildgans(.Anscr ferus) und nur wenig von dem Wesen und der Eigenart ihrer Stammutter ver- loren, wennschon sich diese— wie das bei allen wildlebenden Tieren der Fall ist— stolzer hält und rascher bewegt, wodurch sie einen vorteilhafteren Eindruck auf den Beobachter macht. Die Grau- g a n s ist die einzige Wildgans, die in Deutschland brütet. Sie ist ein Zugvogel, der bereits Endg Juli zur Abreise rüstet, aber schon vor der Schneeschmelze nnt fröhlichem Geschrei bei uns wieder eintrifft. Tie ersten Zähmungsversuche der Graugans scheinen im nördlichen und mittleren Europa, vielleicht im heutigen Pommern und Mecklenburg vorgenommen zu sein. Das muß aber schon sehr früh stattgefunden haben, denn schon Homer erwähnt die zahme Gans als Hausvog»l Griechenlands. Bei den Griechen galt die Gans als ein lieblicher Vogel, dessen Schönheit bewundert wurde und der zu Geschenken an geliebte Knaben diente. Sie wurde nicht nur um des Nutzens willen, sondern wegen ihrer Schönheit gehalten, so hat Penelope ihre Freude an einer Herde .Gänse, die mn sie lagert, als sie ihrem verkleideten Gemahl ihren Traum erzähkt. Auch Gudrun hielt Gänse auf ihrem Burghose, bka laut aufschrien, als ihre Herrin am Leichnam Sigurds jammerte. Nach griechischer Vorstellung sind Gänse auch wachsame Hüterinnen des Hauses, und auf dem Grabmal einer guten Hausfrau befand sich unter anderen Emblemen(Sinnbildern) das Bildnis einer Gans, um die Wachsamkeit der Verstorbenen auszudrücken. Auch im alten Rom galt die Gans als Sinnbild der Wachsamkeit; die weißbefiederten waren der Juno geheiligt. Jener Auszeichnung zeigten sie sich nach der bekannten Geschichte, nach der sie durch ihr Schnattern die Einnahme des Kapitals durch die Gallier(390 v. Chr.) vereitelten, würdig; sie vermochten sich aber trotz dieses Verdienstes nicht vor dem römischen Leckermaul zu retten. Schon um 290 v. Chr. gibt Protius Cato, der unversöhnliche Feind Kartha- gos, in seinem Buche über den Ackerbau Anleitung, Gänse z» stopfen, und später verstand man durch Fütterung von Feigen riesengroße Ganselebern zu erzeugen. Wie reich an Gänseherden Germanien wie die benachbarten Teile Galliens gewesen sein müssen, erhellt aus einer Notiz Plinius des Aelteren(t 70 n. Chr.), nach der von den Morinern, die an der belgischen Grenze saßen, alljährlich Gänseherden nach Rom getrieben ivurden. Es waren dies indes nicht Hausvögel, sondern eine halbwilde Art, deren weihe Federn so hoch im Preise standen, daß aus den römischen Lagern an der Grenze oft Kohorten ausgingen, um der Jagd nach diesen Vögeln obzuliegen. Die Benutzung der Federn zum Füllen der Kissen rügt allerdings Plinius als eine„erst kürzlich ausgo kommene Sitte". Das Christentum schuf die Martinsgans. Zu Ehren des heiligen Martin von Tours wurden seit der frühchrist- lichen Zeit an seinem Gedächtnistage Tausende von Gänsen ge- schlachtet und verspeist, denn die Gans war in Deutschland zu einem Nutzvogel ersten Ranges geworden, dessen Fleisch, Eier und Federn für den Haushalt hochwillkommen waren. Di« Gans ist ein Weidevogel, dem ein Hirt gehalten wir?, aber im selben Maße ein Hofvogel und als solcher vielfach aus- drücklich in der lex Lalica bezeichnet. Nur zu gewissen Zeiten ist ihr vergönnt, ihre Nahrung auf dem Felde zu suchen, im all- gemeinen gehört sie aber hinter Zaun und Gitter und soll zum Schaden eines Nachbarn nicht darüber hinauskommen. Ebenso soll die Ente in der Gemeinde in Hut und auf dem Hofe gehalten werden; außerhalb des letzteren steht sie für an- gerichteten Schaden mit ihrem Leibe. Die Ente, von der Wild- oder Stockente(Auas boschas) abstammend, hat. wiewohl sie als sehr altes germanisches Haustier erscheint, weniger Bedeutung, da sie nur in wasserreichen Gegenden gedeiht, auch nur als Fleischvogel Wert hat. Der zahme Schwan unserer Weiher und Flüffe ist der Höckerschwan(Cxknus olor), so benannt wegen des schwarzen Höckers auf dem roten Schnabel. Im Norden unseres Vater- landes, wie in Nordeuropa überhaupt, auch in Ostsibirien lebt er als wilder Vogel und nistet auch jetzt noch in vereinzelten Paaren aus größeren, ruhig gelegenen Seen Pommerns und Ostpreußens. Neben dem Storch und Kranich gehörte er zu dem Luxusgcflügel alter Edelsihe. In der germanischen Mythologie stand der Schwan in engster Beziehung zu den in Luft und Wasser waltenden Licht, gestalten und auch im Rufe der Weissagung; daher die noch jetzt zur Bezeichnung einer Vorahnung üblichen Ausdrücke: es schwant mir— mir wachsen Schwanenfedern. Auf Rügen vertritt er die Stelle des Storches, er bringt die kleinen Kinder. Gewisse göttliche Wesen, namentlich aber Walküre», Wald- und Wasserfrauen liebten es, Schwanengestalt anzunehmen; sie find die Schwanenjungsrauen der nordischen Mythologie. Auch in der deutschen Sage erscheinen sie oft an Flüssen und Seen, legen ihr Schwanengewand ab und baden in der kühlen Flut. Wer ihnen das Gewand wegnimmt, bekommt sie in seine Gewalt. So nötigt Hagen in der„Nibelungen- sage" das„Ndeerweib", ihm zu weissagen. Bei den alten Griechen galt der Schwan als der heilige Vogel deö Apollo, von dem er die Gabe der Weissagung empfangen hatte, und Jupiter genoß di« Umarmung der Leda in Gestalt eines Schwanes. Früher stand der Schloan in der Küche in hohem Ansehen. Bei dem Prunkmahle, das die Stadt Paris im Jahre 1549 zu Ehren der schönen Katharina von Medici gab, wurden unter anderem Ge- flügel auch 21 Schwäne aufgetragen, und der mainzische Mundloch Max Rumpolt gibt im Jahre 1581 die Art seiner Zubereitung an. Zu einer Zeit, wo-man auch Adler auf vornehmem Tische nicht ver- schmähte, kam er nicht selten auf die Tafel. Zumeist wurde er als sogenanntes Prunkessen aufgetragen: Von allerlei Backwerk sah »ran da„aufrechtstehende Schwäne und Kraniche, welche die Hälse emporreckten". Noch bei einem in den siebziger Jahren in Mel- bourne veranstalteten„Experimentaleffen" wurden schwarze Schwäne, die in Südaustralie» und Tasmanien zu Hause sind, auf- getischt. Natürlich fanden sich die Schwäne auch auf der Tafel der Römer, wie Athenäus berichtet. Durch Plutarch erfahren wir, daß man Schwäne mästete und ihnen zu diesem Behufe die Augen- lider zunähte. Die massige Vollgestalt des Vogels verspricht einen ansehnlichen Braten, aber dies ist auch der einzige Vorteil des Schwanenfleisches; es schmeckt tranig und ist bei alten Vögeln zähe. Sind diese fett, so läßt sich das Gericht eher verdauen; Schwanen- braten von jungen Vögeln wird sogar gerühmt, und in London stehen unter den besonderen kulinarischen Genüssen, die man zu Weihnacht auf die Tafel bringt, als feinstes und raffiniertestes Gericht, gebratene junge Schwäne obenan. Ter Geschmack soll dem eines Gänsebratens ähnlich sein. Wie gesagt, war in früheren SfaljrljunlJerku di«seS Gericht'häufiger aus den Schüsseln der Vor- Nehmen zu sehen, aber in neuerer Zeit ist die Schivanenzucht etwas in Verfall geraten, und da stch die Schwäne nur langsam der- wehren, ist heute ein Schwaneirbraten eine ziemlich kostspielige Sache. Man zahlt dafür etlva 40 Schilling, und der Preis wird kaum geringer werden, da aus den Schwanenzüchtereien des Königs nur sehr wenige Exemplare in den Handel kommen� die Schlvanen- zucht in allen öffentlichen Gewässern aber ebenso wie die im Besitze der Städte befindliche strengen Schutzgesetzen unterworfen ist, so daß nur aus einigen privaten Schwanenzüchtereien noch Tiere auf den Markt kommen. Der Schwan wird als„König der Getvässer" bezeichnet. Und in der Tat, es bietet einen prächtigen Anblick, wenn der majestätische Schwimmer stumm und fast feierlich mit halbgeblähten Schwingen den Spiegel der Seen und Teiche durchfurcht. Ter Anblick dieser schneeweißen Vögel, mögen fie wandernd in hohen Lustzonen hin- ziehen oder Ruhe suchend auf den Gewässern sich niederlassen und in stattlichen Geschwadern an den Buchten und Küsten hinsegeln, gehört zu den schönsten Bildern, namentlich der baltischen Meeres- küsten. Daß die Plastik sich diesem edlen Ticrbilde mit besonderer Vor- liebe zuwandte, ist erklärlich. Auch die Dichter haben den Schwan besungen und in ihm gleichsam ihr eigenes Symbol gefeiert. Wenn er den Tod nahe fühle, dann stimme er seine Kehle zu melodischem Gesänge und seine Seele entschwebe unter diesen rührenden Tönen, so erzählt der alte, sinnige Mythus. Bleibt dieses eben auch nur Fabel, so fehlt ihr doch nicht ganz eine natürliche Anknüpfung. Denn während.fast alle Schwimmvögel nur einen rauhen oder chrillen Schrei yervorbringe», ist dem Singschwan allerdings ein onorcr, ebenso voller als weicher Ton verliehen. Auch nüchterne Beobachter haben ihn mit dem sanften Klange ferner Posaunen und Glocken verglichen, sagt Masius. In Wirklichkeit wird dieser eigen- artige Gesang oftmals der Grabgesang der schönen Tier«: das letzte Aufröcheln des Singschwanes ist klangvoll wie jeder Ton, den er von sich gibt, Der LaubenkolomCt als Gärtner und Kleintierzüchter. Von der Baumpflanzung. Im Spätherbst, wenn die Blätter gilben und fallen, ist die Zeit gekommen, zu der der Gartenbesitzer neue Pläne für die kommenden Jahre schmiedet und zur Ausführung bringt. Das Obst ist ein-- geerntet, die Gemüse sind zum Teil aufgebraucht, zum Teil in Kellern und Grube» eingewintert, Somnier« und Herbstbluinen sind verblüht, und so bleibt denn unter normalen Verhältnissen vor der Hand nichts weiter zu tun, als das nach und nach aufzuessen, was man im Sommer rm Schweiße seines Angesichts dem dürftigen märkischen Sandboden abgetrotzt hat. Wer sich aber einmal dem Zauber der Gartenarbeit mit Erfolg hingegeben hat. wen der Reiz der selbstgezogenen Blüten und Früchte einmal gefangen nahm, der legt nicht gern die Hände in den Schoß; denn Stillstand ist Rückgang. So werden denn Pläne geschmiedet und zur Aus- führung gebracht. Die Zukunftsmusil des Laubenkolonisten und mehr noch des Parzellenbesitzers ist und bleibt immer die Obst- kultur, jene? interessante Gebiet des Gartenbaues, auf dem nur Sonntagskinder wirkliche Erfolge erzielen, die dann durch Jahr- zehnte fast regelmäßig wiederkehren. Diese Sonntagskinder sind aber nicht Leute, die da? blinde Spiel des Zufalls ausgewählt hat, sondern solche, die die Sache verstehen, also mit Neber- Icgung und Sachkenntnis zu Werke gehen. Wenn die Millionen Obstbäume, die wir im Deutschen Reiche besitzen— kein zweites Land in ganz Europa hat auf verhältnismäßig gleich großem Raum auch nur annähentd so viel Obstbäume wie da? Deutsche Reich—, so hätten wir eS längst nicht mehr notwendig, für viele Millionen teils recht minderwertiges Obst ans dem Auslände zu beziehen, sondern wir könnten selbst andere Länder mit unserem Ueberfluß beglücken, und das Winterobst würde bei uns so billig sein, daß es nicht mehr wie jetzt für den Arbeiter einen Luxus dar- stellte, den er sich nur selten und ausnahmsweise leisten kann. Wenn die Blätter fallen, der Obstbaum also in eii« gewisses Ruhcftadiuin eintritt, ist es Zeit, ihn zu pflanzen. In Jahren, wie dem gegenwärtigen, dauert eS allerdings rechl lange, bis die Blätter fallen, denn der Oktober brachte uns diesmal Sonnentage, wie sie uns sonst nur im Mai erfreuen, und die Apfelbäume prangen des- halb auch jetzt noch vielfach im sattgriinen Schmucke ihreö üppigen Laube«. Aber Oktober und November sind unter allen Umständen die besten Pflanzmonate für die Obstbäume. Pflanzt man nur wenige, so empfiehlt es sich, die ausgegrabenen Stämme zu ent- blättern, unbedingt notwendig ist es aber nicht. Auf keinem Gebiete des Liebhabergartenbaucs werden so diele und so grobe Fehler wie bei der Obstbaumpflanzung gemacht. Man pflanzt, was einem gerade unter die Hände kommt und was besonders billig ist. Kern- und Steinobst, ohne Rücksicht aus Reifezeit und Sorten, aber was am schlimmsten ist, auch ohne Rückficht auf die Beschaffenheit der Bäume. Auch für den Laubengarten und die Parzelle ist nur das allerbeste gerade gut genug. Die Bäume müssen wüchsig und gesund sein, eine gleichmäßig entwickelte Krone und ein reich verzweigtes Wurzel- systcnr haben. Wird letzteres durch rohe? Ausgraben beschädigt, so ist das Anwachsen schon in Frage gestellt. Wurzclwunden sind freilich bei frisch ausgenommenen Bäumen unvermeidlich, sie müssen aber vor der Pflanzung, um gut zu verheilen, mit scharfem Messer glatt nachgeschnitten werden, und zwar derart, daß die schräge Schnittfläche nah unten gerichtet ist. Von Kern- und Steinobst kommen für die Parzelle in der Hauptsache nur zwei Baumformen in Frage: der H a I b st a m m mit etwa 120 Zentimeter hohem Stamm und der N i e d e r st a m m oder B u s ch b a u m, dessen Verzweigung schon 50 Zentimeter über dem Boden beginnv. Letztere Baumform ist die idealste und lohnendste für kleine Ber- hälmisse. Allerdings ist der Bufchbaum kurzlebiger als Halb- und Hochstamm i während aber bei letzteren die eigentliche Ertragfähigkeit erst nach 12— IS Jahren beginnt, setzt sie bei ersterem schon im dritten Jahre ein, um dann von Jahr zu Jahr zuzunehmen. Die Altersschwäche beginnt bei diesen Bäumen, je nach Behandlung und Boden, zwischen dem 30. und 40. Lebensjahre! dann haben sie sich aber reichlich bezahlt gemacht. Wer alio nicht für seine Erben, sondern für sich selbst Bäume pflanzen will, der wähle in erster Linie den Buschbaum. Bevor ma» die zu pflanzenden Bäume kauft, berechne man sich erst die notwendige Anzahl. Am besten fährt man, wenn man einen Teil der Parzelle ausschließlich für Obstkultur, den anderen für Gemüse nnd Blumen bestimmt. Unterkulturen unter den gepflanzteit Obstbäumen sind nur in den ersten Jahren möglich, denn wenn die Bäume die üppigen Kronen entwickelt haben, be- schatten sie den Boden derart, daß außer dem unerwünschten Unkraut überhaupt nichts niehr aufkommen kann. Auch verlangen sie eine regelmäßige Bodenlockerung und-Lüftung, was allein schon Unter- lulturen ausschließen sollte. Gewöhnlich wird viel zu dicht gepflanzt; anfangs sieht es ja aus, als wenn alles Platz hätte. sobald sich aber die Kronen nach einigen Jahren dehnen, sieht man, daß die Bäume zu dicht stehen, und dann muß Lust geschaffen werden. In unserem Sandboden beträgt der ge- ringste Abstand der Buschbäume, die dauernd ihren Standort em« nehmen sollen, zwischen 4—5 Meter. Ich empfehle, den Bäumen innerhalb der Reihen 4 Meter Abstand zu geben und den Abstand von Reihe zu Reihe auf 5 Meter zu bemessen. Will man in den ersten 8—10 Jahren möglichst große Erträge herauSwirtschasten, so läßt sich auch dichter pflanzen und zwar in der Weise, daß man später die Hälfte der gcpflanzten Bäume herausuehnien kann I Die zu entfernenden Bäumchen haben sich dann unter günstigen Verhältnissen schon durch ihre Erträge sehr gut bezahlt gemacht. Halbstämme müssen von Stamm zu Stamm nnndestens 7 Meter, wenn möglich S— g Meter Abstand haben. Eine größere Bodenrente erzielt man in den ersten 10—12 Jahren durch Zwischenpflanzung von je einem Buschbaum zwifchen zwei Halbstämmen. Wenn die Halbstämme starke Kronen gebildet haben, also in das ertragsfähige Alter treten, werden die Bufchbäumc entfernt. AuchZwischenkulturcn von Himbeeren. Johannis- beeren und Stachelbeeren sind möglich. Rebe» der guten Beschaffen- heit des Baumes find auch Reifezeit und Qualität der Früchte wichtig. Man Pflanze, wo es möglich ist, von jeder Gattung verschiedene Sorten, frühe, mittelfrühe und späte; und zwar von frühen und mittelfrühen, deren Früchte nur kurze Zeit konserviert werden können. ver» hältnismäßig wenig, mehr dagegen von Spätsorten, die den ganzen Winter vorhalten. Bei Auswahl der Sorten sind immer in erster Linie die zu berücksichtigen, die sich in der betreffenden Gegend und unter den obwaltenden Bodenverhältnissen am besten bewährt haben. In eingebauten Gärten oder in folchen, die durch hohe Laubbäume beschattet werden, ist jede erfolgreiche Obstkultur auS- geschlossen. Die einzige Obstsorte, die noch bei ziemlichem Schatten Ertrag gibt, ist eine Sauerkirsche, die große, lange Lotkirsche, auch Schattenmorelle genannt. In sonnenreichen Späthcrbsttagen wie den gegenwärtigen tut man gut daran, die frisch gepflanztcn Obstbäume tüchtig an zu- schwemmen, d. h. mit Wasser zu versorgen. Für jeden Baum muß ein breites und tiefes Pflanzloch ausgeworfen werden. Zum Pflanzen gehören zwei Mann; einer hält den Stamm gerade an der richtigen Stelle in das Pflanzloch und der andere füllt mit Spaten oder Schaufel langsam Erde ein, die nicht in das Pflanzloch geworfen. sondern geschüttelt werden muß. Wo es notlvendig ist, sind dabei die Wurzeln gleichmäßig zu verteilen; der Mann, der den Baum hält, sorgt durch ganz leises Auf- und Abziehen des Stammes dafür, daß die lockere Erde überall gut zwischen die Wurzeln kommt. Wenn das Pflanzloch zu drei Vierteln gestillt ist, beginnt man auch mit Antreten der eingefüllten Erde, um damit dem Baum die nötige Festigkeit zu geben. Fertig gepflanzt, darf der Baum nicht tiefer in der Erde stebcn, als er zuvor in der Baumschule gestanden hat. Niedrig veredelte, sogenannte Buschbäume, sind so zu pflanzen, daß die an ihren Anschwellungen deutlich zn erkennenden VercdelungS- stellen nicht mit in die Erde kommen, sondern mit der Erdoberfläche abschließen. Ein Düngen frisch gcpflanzter Bäume ist absolut zu v e r m c i d e n: der Baum verträgt erst dann Dungstoffe, wenn er angewachsen ist, d. h. im zweiten bis dritten Jahr nach der Pflanzung. Man kann aber die Baumscheibe, d. h. den Raum unter- halb der Krone der frisch gepflanztcn Bäume zum Schutz gegen Frost mit halb verrottetem Laub oder mit strohigem Dünger be- decken. Eine solche Bedeckung empfiehlt sich besonders bei frisch gepflanzten Birnpyramiden, die in der Regel auf Quitten veredelt sind, die sich etwas frostempfindlich erweisen. Diese Decke bleibt auch den Sommer über liege»», da sie tu der warmen Jahres- zeit daS schnelle ÄuStroFaen beS VodenS um den Baum verbindert, eine permanente Bodenfeuchtigkeit aber da? freudige Anwachsen fördert. An Stell« von Land und Dung kann man auch gut durchfeuchtete? Torfmull verwenden, das die Nässe wie ein Schwamm aufsaugt und lange anhält. Es empfiehlt sich, dieses Torfmull unter der Baumscheibe leicht einzugraben. Die wichtigsten Obstgehölze für den Laubenkolonisten sind vnsere Beeren st rauche r. Auf Pachlland, von dem man nie weiß, wie lange man es in der Hand behält, beschränke man fich am besten auf Becrenobst, daS ohne Rücksicht auf da? Alter in jedem Herbst oder Frühling, wenn eS sein muß. ausgenommen und an anderer Stelle wieder neu gepflanzt werden kann. Wenn man aber erstmals zur neuen Pflanzung schreitet, fo tut man gut daran, nicht alte, verholzte Sträucher von anderen Parzellen zu pflanzen, sondern junges, kräftiges und wüchsiges Pflanzmaterial zu wählen. Wenn eS auch in der sogenannten„alten Weibermühle" möglich sein soll, au? alten Weibern durch Ummahlen rosige Jungfrauen zu machen, fo ist«S doch dem tüchtigsten Gärtner «cicbt möglich, aus einem alten abgetragene» Strauch durch raffinierte Kunstgriffe einen jungen zu machen. Ein alter Strauch läßt sich höchstens durch HerauSnehlnen de? ältesten Holze? und durch Zerteilen in mehrere Pflanzen verjüngen, aber zwischen einem verjüngten und einem wirklich jungen Strauch besteht trotz alledem noch ein himmelweiter Unterschied. Junges Pflanzmaterial ist immer das beste. Manche Beerensträucher geben uns die Möglich- keit in dir Hand, junge Rachzuchl heranzuziehen, wie Himbeeren und Brombeeren durch Ausläufer und Johannisbeeren durch Stecklinge. Letztere, im Herbst geschnitten, wachsen sicher an. Bei Stachelbeeren ist die Sache für den einfachen Liebhaber schon schwieriger, doch kann er fich auch bei diesen jnngeS Pflanzmaterial durch sogenannte Ableger heranziehen, indem er von gesunden Sträuchern einige zwei-, dreijährige Triebe abbiegt, auf zehn bis fünfzehn Zentimeter Länge in den Boden hineinlegt lind hier mit einem Holzhaken festhält; der im Boden liegende Teil bewurzelt sich. wird dann im zweiten Jahre von der Mutterpflanze abgetrennt und als selbständiger Strauch gepflanzt. Freilich läßt sich nicht alles so wir nichts dir nichts durch Stecklmge vermehren, wenn es auch Ge- Hölze gibt, die als Stecklinge und Ableger wie Unkraut wachsen. So kann man von Weiden armstarke Aststücke mit Erfolg pflanzen. Ja, ich befitze einen Bekannten, der beute im Schatten seines ehe- waligen Spazierstocks, eines Weidenknüppels, sein Bier trinkt. Der Mann hatte feinen selbstgeschnittenen Weibenstock im Wirts- Haufe neben fich in den Boden gesteckt und beim Heim» gehen aus Vergeßlichkeit im Stiche gelassen. Als er nach reichlich zwei Monaten wiederkam, um fich seinen Stock zu holen, war dieser festgewurzelt und hatte furchtbar aus- geschlagen. Heute ist aus dem ehemaligen Spazierstock ein großer Baum geworden! Schade, daß eS kein Obstbaum ist, der Früchte trägt. Auch Pappeln wachsen leicht. Auf einem Holzplatze bei KaulSdorf bewundere ich alljährlich im Hochsommer über Meter starke Stammstücke von alten Pappelstämnien in reichet» Blätterschmucke. Im Stadlpark zu Stendal hat man vor einigen Jahren aus alten Akazien- flämmen, die vor Jahr und Tag gefällt waren, einen Pavillon gebaut, dessen Stützpfosten diese Stämme bilden. Auch mehrere dieser Pfosten find fest gewachsen und haben gewaltige Beste entwickelt. Daß man ehr alte Bäume erfolgreich verpflanzen kann, wenn die Sache nur richtig angefangen wird, haben die drei hundertjährigen Linden auf dem Leipziger Platz gezeigt, die gelegentlich des Baues der Untergrundbahn verpflanzt werden mußten. Freilich hat das Verpflanzen eines jeden dieser drei Bäume die Kleinigkeit von 10000 M. ge- kostet, und Prictzke freut sich, daß nicht er. sondern die Untergrund- Hahngesellschaft das zu bezahlen hatte. In Frankfurt a. M. hat man sogar eine dreihundertjährige Eibe, die allerdings ein kuriosum ist, mit einem Kostenaufwand von über 80000 M. verpflanzt. Der Transport der alten Dame nach dem anderen Ende der Stadt er- folgte mittel« gewaltiger Walzen auf einer Bohlenbahn, die das Zusammenbrechen des Asphaltpflasters verhinderte, mittels zweier vorgespannter Dampfstraßenwalzen und dauerte fast drei Wochen. Ich habe mir jüngst den alten Baum angesehen: er hat die Schinderei gewallig schief genommen, scheint aber trotz alledem entschlossen zu sein, weiter zu wachsen._ Hi Kleines fcuUlcton* Naturwissenschaftliches. lieber die Reflexe. Wenn wir bei Tieren, die in der Stufenleiter der Entwickclung weitab vom Menschen stehen, zweck- müßige Handlungen sehen, so widerstrebt eS uns, diese Zweckmäßig- keit einer höheren Vernunft zuzuschreiben: wir sprecheil dann von Reflexen, Instinkten. Und wir tun recht damit. Was ist ein Reflex, ein Reflexakt? Wie kommt er zustande? Mit diesen Fragen beschäftigt sich der Physiologe Baglioni in feinem Buche„Zur Analyse der Reflexion"(Bergmann, Wiesbaden 1007). Seine Schlußfolgerungen fußen auf einer großen Reihe von Bcrsuchcn, die er im Laufe mehrerer Jahre angestellt. Reflexe sind nach ihm Bewegungen und Sekretionen(also Muskelarbeit und Drüsentätigkeit), die vom Zentralnervensystem vermittelt und ge- regelt und infolge Einwirkung äußerer Reize hervorgerufen werden. Auf ganz besiimmle Sicher« Rci-e erfolgen harmonische zweckmäßige Handlungen, die immer eine bwkogischc Bedeutung zur Selbsterhaltung des Individuums und der Art besitzen. Hierher gehören der Saugreflex bei Jungen, der Fluchtreflex bei vielen Tieren, wenn der drohende Feind naht, die geschlechtlichen Reflexe u. a. m. Beim enthaupteten Frosch läßt sich für eine ganze Reih« von zweckmäßigen Handlungen zeigen, daß für ihr promptes Zu» standekommen ein„Bcwußtseinsakt" nicht nötig ist.— Jeder Reflex hat seine Grundlage in dem Bau jener Organe, die für die Auf« nähme äußerer Reize eingerichtet sind, die die Erregungen zum Gehirn oder Rückenmark leiten, um von hier aus eine bestimmte Bewegung in einer bestimmten Muskelgruppe oder Drüsentätigkeit hervorzurufen. In diesem Sinne spricht Baglioni mit vollem Recht von„prädisponierten" Bewegungen, die gar nicht anders ablaufe« können, weil den Bewegungen, die auf bestimmte Hautstellen(oder Sinnesorgane) treffen, ganz bestimmte Nervenbahnen vorgezeichnct sind. Je nach der Natur des Reizes, der auf eine und dieselbe Haut« stelle trifft, ist auch der Reflex, der zustande kommt, verschieden. Hebt man z. B. auf die Fußsohle des enthaupteten Frosches eine« leisen Druck von unten aus, so macht der Frosch mit den Zehe» Bewegungen, die jenen der Sprrmgbewegung gleichen, nachdem er den Boden mit der Fußsohle berührt hat. In dieser Stellung vcr- harren die Zehen einige Zeit. Sticht oder kneift man nun die Fußsohle, so werden die oben besprochenen Bewegungen gehemmt und es treten ganz andere Bewegungen ein: das gestochene Bein wird an den Körper angezogen. Das tost uns, daß die Erregungen nicht einfach von der Haut über das Rückenmark zu den einzelnen Muskeln weitergeleitet werden, sondern auf dem Wege eine Ilm« formung, eine Verstärkung oder Abschwächung oder gar Hein» mung erfahren müssen: durch ein- und denselben Reiz, auf dem Wege ein und derselben zum Rückenmarks führenden Nervenbahn müssen die Muskeln teils zur Kontraktion, teils zur Erschlaffung gebracht werden. Eine Erschlaffung eines Muskels auf einen Reiz hin wird natürlich nur eintreten, wenn die Erregung auf dem Wege eine Hemmung erfahren wird. Durch sehr sinnreiche Ver» suche, die aber hier nicht besprochen werden können, hat Baglioni gezeigt, daß die Nervenzellen, die die eintreffenden Erregungen— entsprechend der Natur des Reizes— umzuformen haben, in de» hinteren Partien des Rücknmarksguerschnittcs gelegen sind. Was für die Reize gilt, die aus die Haut treffen, dürfen wir auch auf die Sinnesorgane(Auge, Ohr, Nase) treffenden Reize übertragen. Sie haben sich alle aus der Haut entwickelt, wie die Entwickelnngsgcschichte es lückenlos gezeigt hat. In den Fellen der Hirnrinde hätten wir die Nervenzellen, die die.Umformung der von den Sinnesorganen eintreffenden Erregungen zu besorge» hätten. Die Frage, wie der für einen bestimmten Reflex Pia« disponierende Verlauf der Nervenbahnen zum ersten Male aufgetreten ist, bei der Nachkommenschaft immer unverändert wieder« kehrt oder im Laufe der Zeit eine fortschreitende'EntWickelung er- fahren hat. können durch die biologisckxn Gesetze der Auslese und der Vererbung beantwortet werden. Daß übrigen? bestimmte Re« flexe vererbt werden können, zeigen viele alltägliche Erfahrungen. wie z. B. der Saugreflex des Säuglings. Völkerknude. Die Verwandtschaften unter den ESkimoS. In jüngster Zeit ist eine erhebliche Anzahl neuer Forschungen über die grönländischen ESkimoS und ihre Verwandtschaftsverhältnisse veröffentlicht worden, die der hervorragende Ethnologe Franz BoaS in einem zeitgemäßen Aufsatz in der Wochenschrift„Science" zu- sammenfasscnd bespricht. An erster Stelle sind die Untersuchungen von Dr. Thalbitzer, einem der eifrigsten Eskimoforscher der Gegen» wart, zu nennen. Sie gründen sich auf die Andrup-Sammlung, die in Ostgrönland zwischen dem 68. und 75. Breitengrad gemacht war- den ist. Ihre hohe Bedeutung liegt darin, daß sie eine nahe Ver- Wandtschaft zwischen den Eskimos der Nordostküst« von Grönland und denen vom Ellesmere-Land, dem nördlichen Baffin-Land und dem nordwestlichen Teil der Hudson-Bay(Kanada) aufdeckt. Die Beziehungen in allen Aeußerungen der Kultur, wie sie in den Sammlungen hervortreten, sind so enge, daß mit ziemlicher Sicher- heit der Schluß auf eine Wanderung der Eskimos von der Hudson« Bay über die genannten Gebiete bis nach der Nordküste von Grön- land und dann wieder längs der Ostküste südwärts gezogen werden kann. Die besonders auffälligen Gegenstände der Sammlung sind Nadelbüchsen mit Verzierungen, Stangen zum Robbenfang, Eis- fchaber aus Knochen und eigentümliche hammerähnliche Geräte, die wahrscheinlich zum Zerschlagen von Robbenspeck dienen. Ferner kommen in Betracht Beile aus Knochen und Pfriemen mit oft reich verziertem Griff. Diese Geräte weisen meist eine so eigenartige Form auf, daß sie ohne Beeinflussung nicht wohl gut von den Be- wohnern verschiedener Gegenden erdacht sein können. ES wird dann noch die Aufmerksamkeit auf die Behauptung von Ryder g«- lenkt, wonach die Eskimos von Ostgrönland auch viele Aehnlichkeit mit den Bewohnern von Alaska aufweisen, und damit wird die Anschauung befestigt, daß zwischen der ausgebreiteten Familie der Eskimos Zusammenhänge bestehen, die sich über weite Gebtete er« strecken. Perantw. Redakteur: Emil Unser« Grunewald,— Druck u. Perlag: vorwärts Buchdruilerci u.BerlMg»anftalt Paul Singer ScTo..BerlinZ«.