Anterhaltmgsölatt des Horwörts Nr. 215. Donnerstag den 4 Noveniber. 1909 (Nachdruck becCoten.) 25] �Soldaten fem fcbönl" Bilder aus Kaserne und Lazarett. Bon Karl Fischer. Es dauerte ziemlich eine halbe Stunde, bis Bornemann mit dem Reinigen seiner Hose fertig war. Ganz gemütlich putzte er dann seinen Rock und sein Koppel. „Mensch. Du putzt ja gerade so. als wenn Du zum Rapport müßtest I" höhnte Sonapp, der sich sein Essen aus der Küche geholt hatte und sich's schmecken ließ. „Meinst Du vielleicht. Du Plattkopp, ich will von der Straße von irgendeinem Offizier wieder heimgeschickt werden? Wegen schlechtem Putz? Wenn ich in die Stadt gehe, muß es an mir blinken! Das bin ich gewöhnt!" „Mensch. Du bist doch sonst nicht so? Warum denn mit einemmal heute?" „Gib, Du Kaffer, nur acht, daß Du Dich nicht verschluckst, und kümmere Dich um Deine Dummheit, Du Krummbock!" Den inzwischen zum Essen erschienenen Schülern machte dieses Rededuell natürlich den größten Spaß. Daß Sonapp den kürzeren ziehen würde, sahen sie voraus. „So. jetzt bin ich fertig, jetzt kann ich Essen holen." Alle waren nun auf Bornemanns Wiederkommen ge- spannt und warteten neugierig auf das Donnerwetter, mit dem ihm der Sergeant empfangen würde. Es wurde halb zwei Uhr— es wurde zwei— halb drei! Bornemann war noch nicht zu sehen- Kurz vor drei Uhr kam er endlich und stellte das Geschirr mit dem Essen in den Verschlag des Sergeanten Bogdahn, der im Augenblick gerade auf Station war. Bornemann zog sich in aller Gemütsruhe um und holte sich sein Essen aus der Lazarettküche. Wie er beim Essen saß und mit größtem Appetit löffelte, wurde die Tür aufgerissen und Sergeant Bogdahn von der Nebenstube erschien auf der Schwelle. „Wo ist der Bornemann?" �„Hier. Herr Sergeant." „Was haben Sie mir denn da für Essen gebracht? Ich glaube gar. Sie sind verrückt, Sie Schweinigel!" „Herr Sergeant, ich bin unterwegs gestolpert, und da ist mir das Geschirr aus der Hand gefallen." „Das machen Sie mir doch nicht weis! Du, Jakoby," rief er dem eintretenden Sergeanten zu.„denk Dir, diesen Halunken, den Bornemann, schicke ich zum Essenholen. Erstens bleibt dieses Nilpferd drei Stunden, dann bringt er mir Braten, den er erst ein paarmal auf der Straße iheraumgewälzt hat. Von Suppe ist überhaupt nichts zu sehen.— Ich werde Sie nielden! Sie Bübchen wollen jeden- falls gerne mal auf drei Tage ins Loch!" „Herr Sergeant, der Müller von meiner Kompagnie hat's gesehen, wie ich über einen Stein gestolpert bin." „Es ist schon gut! Sie komnien ins Loch. Jakoby, be- stimme mal einen von Deinen Schillern, der mir Essen holt. Meine müssen gleich rauf auf Station." „Sonapp." rief Sergeant Jakoby ihm zu,„machen Sie sich fertig und gehen Sie." Sonapp war nicht erbaut davon, das merkte man ihm am Gesicht an. Es ärgerte ihn, daß gerade er in den sauren Apfel beißen mußte, doch dazu, wo Bornemann jetzt seine ganze Sck>adenfreude an ihm auslassen konnte. „Meinst Du, daß er Dich meldet?" fragte Böhlicke Bornemann, sowie die Sergeanten die Stube verlassen hatten. „I wo! Der hat ja selber Angst, daß er reinfliegt. Der wird mich bloß ein bißchen triezen»vollen! Aber ich lasse mir dock nicht bange machen.— Na siehst Du, Sonapp, jetzt lache ich!" Alle lachten mit. Bis jetzt galt Bornemann nur als Witzbold. Nun hatte er auch gezeigt, daß er ein echter alter Knochen war, dem jeder feinen Respekt bezeugen mußte. „Pröhl, Du hast doch das Dienstbuch? Wer muß denn auf Wache?" „Vorläufig müssen erst einige zur Oeicheifobduktion," antwortete dieser.„Wer hat noch nicht unterschrieben?" Du mußt auch mit, Bornemann— dann Sonapp—* „Mensch," fiel Bornemann ein, wie er hörte, daß Sonapp auch zur Leichenöffnung kommandiert worden war,„da freue ich mich aber— das gibt eine Hetz, wenn dem die Augen übergehen, wenn er mit im Leichnam rumbutteln muß." „Wo ist Volter?" frug Pröhl. „Der muß auch mit? Ach herrje!" entfuhr es Borne« manns Lippen. Plötzlich war seine fröhliche Laune ver- schwunden und nachdenklich rief er Pröhl zu:„Warte so lange! Ich suche ihn." Während Vornemann sich aus dem Zimmer begab, dachte er, nun wird er gewiß wieder im Garten sein. Außer Dienst läßt er sich überhaupt nicht mehr sehen, seit sein Freund Weiner tot ist.— Und nun muß er noch bei der Leichen- öffnung dabei sein. Na, ich möchte nicht in seiner Haut stecken. Wenn er wenigstens noch weinen würde � aber er geht inimer schweigend herum— Wie Borncmann richtig vermutet hatte, fand er Volter auf einer versteckten Gartenbank sitzend. „Aber Volter, warum sitzt Du denn bei der Kälte hier draußen im Garten? Komin doch rein in die Stube!" „Lieber Bornemann, ich bitte Dich, laß mich allein." „Mensch, diese Trauer hat doch gar keinen Zweck. Du kannst höchstens noch krank dabei werden." „Du meinst es gut— siehst Du— ich kann nicht gleich mit den andern zusammen sein— ich muß erst über- winden—" War Dir denn Weiner so viel?" „Ich hatte ihn herzlich lieb gewonnen— dann hatte ich auch Mitleid mit ihm, weil er nur Bitteres im Leben ge- kostet hatte.— Das ist aber noch nicht alles.— Seine Schwester hat nun keinen Menschen niehr. Gestern abend habe ich ihr den Tod schonend mitgeteilt. Ich konnte den Jammer kaum mit ansehen! Daß sie den letzten ihrer Familie noch verlieren mußte—" „Hat sie gar keine Verwandte mehr?" „Keine." „Das ist allerdings sehr traurig.— Nun kommt noch etwas. Volter. was ich Dir mitteilen muß.— Aber erschrick nicht— Ich hätte es Dir lieber später gesagt— es ist aber schon heute nachmittag.— Du bist mit zu seiner Obduktion kommandiert worden." „Was?! Nicht genug, daß er mir gestorben ist— nun soll ich noch dabei sein, wie seine Leiche verunstaltet wird?" „Es wußte doch niemand, daß Du sein Freund warst." „Es ist aber traurig, daß das Schicksal gerade mich noch dazu bestimmen mußte." „Kannst Du Dich nicht davon drücken oder Dich krank melden?" „Nein, das würde auffallen. Trotzdem ich stolz bin auf die Freundschaft meines toten Freundes, braucht auch nie- mand zu erfahren, daß er mir teuer war." „Du machst also mit?" „Was bleibt mir anders übrig? Ich würde schließlict doch nur verhöhnt werden.— Konnte ich alles bisher er tragen— so werde ich auch das noch überstchm." Volter blieb standhaft bis zum Ende. Man sah ihm nicht an. was er dachte und fühlte. Die witzelnden Bemer» kungen des obduzierenden Oberarztes Breitmeier hörte er kaum. Mutig faßte er mit an. Selbst als alle andern beim Anblick der übelriechenden, vcn der Krankheit zerfressenen Eingeweide ekelnd zurückwichen, stand er allein dabei und half dem Arzt, der Sergeant Jakoby mit näselnder Stimme das Protokoll diktierte. Der ungewohnte Anblick der zerstückelten dürren Leiche erregte bei den Schülern ein Grauen. Sonapp wäre ohn- mächtig zusammengebrochen, w-xm er nicht noch rechtzeitig an die srische Luft geführt worden wäre. „Das ist ein Schlappschwanz!" rief ihm der Oberarzt nach.„So nun kommt der Schädel dran. Wollen mal sehen, ob das Gehirn auch tuberkulös ist." Mit einem Schnitt von einem Ohr zum andern, quer über den Schädel, trennte er die Kopfhaut und schlug die BefSen gelösten Lappen zurück, daß die mit daranhängenden kleinen Fleischfetzen bedeckte Schädeldecke bloßlag. Volter bot seine ganze Energie auf, diesen Anblick zu ertragen. „Volter ist der Strammste von Euch allen!" sagte der Arzt.„Gebt mir mal die Säge dort aus dem Besteck.— So — nun wollen wir mal die Schädeldecke absägen.— Haltet fest und gebt acht, daß Ihr Euch nicht verletzt! Die Leiche ist ansteckend! Das kann Vergiftung geben" Unbeholfen fuhr er mit der kurzen Söge am Schädel der Leiche auf und ab. bis ihm der Arm müde ward. „Nun versuchen Sie mall" rief er Bornemann nach einer Weile zu. Mit einem flüchtigen Blick auf Volter setzte dieser an und tat, wie ihm befohlen. (Fortsetzung folgt.) Im IftipfeiTticb-I�alrinett. Wer das Bedürfnis empfindet, aus dem Lärm und Getümmel der Weltstadt sich an einen stillen und einsamen Ort znrückzuzieben, «vo er niemand sieht und von niemand gesehen wird, der sucve das sogenannte Knpferstich-Kabinett im Neuen Museum aus. In 399 unter 1000 Fällen wird er hier gänzlich mit sich allein sein. Das große Publikum meidet diese Räume und wenn sich gelegentlich ein Frenidlm� hinein verirrt, so ist sein einziges Bestreben darauf ge- richtet, möglichst schnell den Ausgang zu finden. Die Mehrzahl der MuseumSbeUicker aber versteigt sich überhaupt nicht so hoch; denn das Kupfcrstich-Kadinett liegt oben im zweiten Stock de« Neuen Museums und man muß mehrere Treppen der Kaulbachschen Frestenhalle er- klimmen, ehe man zu seinen beiden Eingängen gelangt, von denen der linke zur alten, der rechte zur modernen Kunst führt. Die Abneigung des Publikums ist unberechtigt. Das Kabinett enthält nicht— wie man vielleicht aus seinem Namen schließen könnte— bloß Kupferstiche, sondem seine Sammlungen umfassen das ganze Gebiet der zeichnenden und der graphischen Künste: alle andschristenmalcreien, Blei st ist«, Silber st ist-, Feder», reibe-, Kohle-, Rötelzeichnungen alter Meister. sowie illustrierte Druckwerke des Ib. bis 20. Jahrhunderts und andere Erzeugnisse der verviefältigenden Kunst, Holz», schnitte. Radierungen, Lithographien usw. Und zwar sind diese Blätter in ihrer überwiegenden Mehrzahl nicht bloß für den Fachmann wichtig und wenvoll, sondern auch für das große Publikum unterhallend, belehrend und anregend, zumal in unserer Zeit, wo das Interesse und das Verständnis für Linienlunst sich mehr und mehr verbreitet und man den soliden reproduktiven Techniken, denen wir den modernen Wandschmuck unserer Wohn- zimmer verdanken, wieder größere Aufmerksamkeit zuwendet. Wer aus seiner Srube die nichtsnutzigen allen Oeldrucke verbannt hat und die Wände mit gerahmten Kunstwartblättern und ähnlichem schmückt, dem müssen auch die Schätze, die daS Kupferstichkabinett aufbewahrt, interessieren und erfreuen. Um diese Schätze zu würdigen und zu genießen, braucht man, wie gesagt, durchaus kein.Kenner" zu sein. Nur ein wenig liebe- volles Vertiefen gehört dazu. Zur flüchtigen Betrachtung sind diese Werke allerdings ebensowenig geschaffen wie die Gemälde und Skulpturen der anderen Mufeumsabteilungen. Wo einem ein Blatt oder auch nur irgend eine Einzelheit auf einem Blatt durch diese oder jene Absonderlichkeit ins Auge fällt, da verweile man länger, bemühe sich, die Absichten des betreffenden Künstler» zu verstehen, und versuche zu ergründen, mit welchen künstlerischen Mitteln er seine Zwecke erreicht hat. DaS Studium namentlich der Hand- Zeichnungen gewährt oft einen viel feineren und intimeren Genuß als das der fertigen, bis in alle Details ausgeführten und abgerundeten Gemälde. In rasch hingeworfenen Skizzen und lebensfrischen Naturstudien erkenn: man oft viel deutlicher die charakteristische Handschrift, den eigentlichen Stil des betreffenden Meisters als in seinen vollendeten Werken. Für jeden, der einmal Geschmack daran gefunden hat, ist eS eine Freude, mit nach- Schaffendem Auge dem Lauf der Blei», Kreide- oder Federstriche zu olgcn und den eleganten Schwung, die zarte Grazie oder ausdrucks- volle Energie einer Linie zu genießen. Sogar das Erspähen und Beobachten von kleinen Unregelmäßigkeiten und Entgleisungen, die bei solchen improvisierten Arberlen leicht mit unterlaufen, kann einen besonderen Reiz gewähren. Neben den Handzeichnungen enthält das Kupferstich- Kabinett eine sehr reichhaltige Sammlung von Werken der v e r v i e l» fältigen den Kunst. Die vervielfältigenden oder graphischen Künste haben in neuerer Zeit bekanntlich einen gewalligen Aus- schwung genommen. Sie werden nicht nur zur Reproduktion vor- bandener Kunstwerke verwandt, sondern ihre verschiedenartigen Techniken dienen unseren modernen Malern und Zeichnern auch vor allem zur Herstellung von Originalwerken. Man hat erkannt, daß manche dieser Techniken eine solche Genauigkeit der Zeichnung und zugleich so seine Tonvariäionen gestatten, wie keine andere Zeich- nungstcchnik. Jedes gemalte oder gezeichnete Bild, mag eS nun in Oel. Aquarell oder Pastell, in Kohle, Kreide oder Bleistift aus» geführt sein, läßt stets die Art seiner Herstellung mehr oder weniger direkt erkennen. Anders ist es bei den Werken der graphischen Kunst. Hier wird nicht die Originalhandarbeil des Künstlers, sondern daS Resultat des vervielfältigenden Druckes, also die indirekte Schöpfung, dem Beschauer vor Augen gebracht. Einen fertigen, gedruckten Holz» schnitt, einen Kupferstich, eine Lithographie oder Radierung kennt wohl jeder, aber die wenigsten wissen, welche äußere Form diese Kunstblätter haben, wenn sie aus der Werkstatt des Künstlers hervor» gehen, und worin die charakteristischen Unterschiede ihrer Herstellung bestehen. Im hinteren Durchgangszimmer des rechte», der modernen Kunst eingeräuniten Flügels finden wir in einigen Schau» kästen eine kleine lehrreiche Sammlung von künst» lerischen Druckplatten, Material und Hand- werkszeug ausgestellt, die unS über die verschiedenen Arten der graphischen Techniken unterrichtet und unS die Stadien zeigt, die ein graphisches Kunstwerk bis zu seiner Vollendung durch» lausen muß. Die vervielfältigenden Künste unterscheiden drei Druckarten: den Hochdruck, bei dem die Bildfläche erhaben über dem vertieften Grunde steht sz. B. beim Holzschnitt), den Tiefdruck, bei dem die Bildfläche in die Druckform eingeschnitten ist fz. B. beim Kupfer- stich und bei der Radierung) und den F l a ch d r u ck, bei dem der Grund und die Bildfläche in einer Ebene liegen, d. h. keines gegen das andere erhöht ist