NnterhaMmgMatt des Horwärts Nr. 218. DumStng den 9 November. 1909 (Nachdruck Wrtoten.) ss]„Soldaten fein fcbönl" Bilder aus Kaserne und Lazarett. Von Karl Fischer. „Ja. ja," erwiderte Volter.„So gut kann ich Dich der- stehen I Ich bin gespannt auf das weitere." „Eines Tages hatten sie sich alle verabredet, mich in der Nacht, nachdem ich eingeschlafen, zu überfallen und zu der- hauen. Ich, durch meine ganze Umgebung schon mißtrauisch gemacht, merkte bei allen an diesem Tage eine gewisse Ver- änderung in ihrem Benehmen. Die meisten waren ja dumme Kauernbengels, die sich nicht gut verstellen konnten. Sie flüsterten da und dort untereinander, daß ich Lunte roch und vorsichtig wurde. Ob der Korporalschaftsführer etwas davon gewußt, konnte ich nicht feststellen. Jedenfalls ging er gerade an diesem Abend aus und wollte spät zurückkommen. Ohne daß einer es merkte, brachte ich eine Stunde vorher mein blankes Seitengewehr ins Bett. Wie gewöhnlich legten wir uns nach Zapfenstreich in unsere Fallen. Ich mit der festen Absicht, nicht einzuschlafen und scharf aufzupassen. Nach einer Stunde vernahm ich dann ein verdächtiges Geräusch und ein leises Flüstern. Halt, dachte ich, jetzt scheint es loszugehen. Ich tat als ob ich schliefe und packte mein Seitengewehr, zur Verteidigung bereit, fest am Griff. In der Dunkelheit be- merkte ich. wie sich alle ganz leise um mein Bett geschlichen hatten. Nach dem ersten Schlage, den sie nach mir führten, war ich auf den Beinen. Die ganze grenzenlose Wut, die sich in der Zeit bis dahin bei mir angesammelt hatte, kam jetzt zum Durchbruch. Ich schlug um mich wie ein Besessener. Die ganze Korporalschast, mit Klopfpeitschen und Stecken be- waffnet, drang auf mich ein. Ich dachte an gar nichts. Die erbärmliche Feigheit dieser Wichte spannte meine Kraft über- menschlich an. Ich muß in einer kurzen Zeit wie ein Rasender gewütet haben, denn wie die durch den unbeschreiblichen Lärm herbeigelockten Unteroffiziere, der Feldwebel, der Unteroffizier vom Dienst und einige andere ins Zimmer traten, lagen drei oder vier meiner„Kameraden" wie halbtot auf dem Boden. Jeder hatte irgendeine blutende Wunde. Und einen hatte ich zum offenstehenden Fenster hinausgeworfen. Einem der mn Boden Liegenden soll ich den Brustkasten halb eingetreten haben. Ich muß nicht bei Verstand gewesen sein, denn ich schlug noch um mich, wie die Unteroffiziere da waren. Mann- schaften aus der nächsten Stube mußten noch herbeigeholt werden, ehe es gelang, mich zu überwältigen. Ich wurde dann unter ständiger scharfer Bewachung ins Wachtlokal ge- bracht. Und von da in Untersuchungshaft. Nach einiger Zeit wurde mir der Prozeß gemacht. Alle waren gegen mich �— nicht einer war auf meiner Seite. Ich wurde schon als Verbrecher angesehen wegen meiner militärischen Vorstrafen. Dann schrieben sie mir noch einen tätlichen Angriff auf Vor- gesetzte zu. Mir war das alles ganz gleichgültig. Und wenn sie mich zum Tode verurteilt hätten, es hätte mich gleich- gültig gelassen.". „Ist einer von Deinen„Kameraden" seinen Verletzungen erlegen?" „Die kamen ins Lazarett und erholten sich bald. Selbst dem, den ich zum Fenster hinausgeworfen hatte, ist nichts Gefährliches passiert. Alle kamen mit einer leichten Strafe davon, und ich"— dabei lächelte Polowsky bitter—„ich bekam fünf Jahre Festungshaft." Volter schauderte. Mitleidig sah er in PolowskyS durch die Erzählung erregtes Gesicht. Polowsky, der aus Volters Blick dessen Gedanken heraus- gelesen hatte, nickte dankend und fuhr fort: „Was ich nun im Gefängnis erlebte, stellte das bisherige weit in den Schatten. War mir das Leben in der Front zur Qual, so brachte mich die Schinderei in der Festung dem Wahnsinn nahe. An mir konnte ich alle Phasen der Wir- kungen des Straflebens feststellen. In der Front war ich eine willenlose Maschine, hier im Gefängnis war ich ein Stück Fleisch, mit dem man machen konnte was man wollte. Wer das Fcstungsgefängnis nicht genau kennt, macht sich gar keinen Begriff davon. Die Hölle auf Erden! Ziemlich fünf Jahre habe ichs aushalten können, ohne verrückt zu werden- An einen Selbstmord war nicht zu denken. Erstens fehlten einem die nötigen Mittel— dann war man ständig unter Aufsicht. Man hatte auch gar nicht viel Zeit zum Denken und Grübeln. Von Früh bis Abend hatte fast jede Minute ihre bestimmte Bedeutung. Dann der Drill und das Dasein unter den Mitgefangenen. Nicht genug, daß jeder an seinem traurigen Los zu schleppen hatte sie mußten sich auch noch untereinander das Leben noch bitterer machen als es schon war. Einer mißtraute dem anderen. Wenn einer den anderen verpetzen konnte, tat er es, nur um sich bei den Vorgesetzten einzuschmeicheln. Die armen betrogenen Wichte! Mit einem Wort: ein Höllenleben I Ein zum Festungsdienst komman» dierter Sergeant, dem ich in seiner Korporalschaft unterstellt war, hatte es just gerade wieder einmal auf mich abgesehen. Was dieser Mensch mit mir getrieben hat! Weshalb er gerade mich als Quälobjekt auserlesen hatte, weiß ich nicht- Ein kleiner Knirps war dieser Kret. Mit einem Hieb meiner Faust hätte ich ihn niederschlagen können! Aber giftig wie eine Natter. Dabei diese Schadenfreude, die sich in feiner häßlichen Fratze widerspiegelte! Das machte mich vollkommen wild.— Jahre waren schon auf Festung vergangen. Durch Zufall kam ich in den Besitz eines Messers. Ein kleines Küchenmesser, wie es beim Kartoffelschälen benutzt wird. Es war vielleicht von einem Gefangenen gestohlen worden, und wie er nicht wußte, wohin damit, hatte er es weggeworfen. Ich fand es. Mein erster Gedanke war, mir die Pulsader zu öffnen. Dann dachte ich, halt, erst kühlst du deine Rache. Ter mir das Schlimmste angetan, muß mit! An einem sicheren Versteck verbarg ich meinen Kneif und wartete auf eine günstige Gelegenheit. Die sollte sich auch bald bieten. An einem Sonntagnachmittag. Der Unteroffizier vom Dienst muß an solchen Tagen um fünf Uhr die Zellen, in denen gewöhnlich zehn bis zwölf Man inhaftiert sind, nacheinander öffnen, um diejenigen, die Bedürfnis haben, austreten zu lassen. Der Dienst hatte, war mein kleiner Sergeant, der Knirps. Von meiner Zelle war ich der einzige, der austreten wollte. Vorher hatte ich mir mein Messer zurechtgesteckt." Volter hatte aufmerksam zugehört. Jetzt verfolgte er gespannt Polowskys Erzählung weiter. Was dieser erzählte, glaubte er alles. Nach seinen eigenen Erfahrungen und Er- lebnissen mußte das möglich sein. Und Polowsky wußte, daß Volter früher oder später seine Akten einmal zu Gesicht be- kommen würde, da hielt er sich streng in den Grenzen der Wahrheit. „Ich tat so, als ob ich austreten würde— stellte mich aber in der Latrine in eine dunkle Nische. Der Korridor dorthin zu war etwas dunkel— dann machte der Gang einen Bogen. Der Sergeant konte nicht sehen, ob ich wirklich aus- trat.— Ich kalkulierte nun so: Da er mich eigentlich vor- schriftsmäßig zu begleiten hat und bloß zu faul dazu war, wird er an meiner Zelle warten in der Hoffnung, daß ich bald zurückkehre. Es wird ihm zu lange dauern— da wird er dann selbst kommen und mich holen wollen. Sobald er an meiner Nische vorbeigeht, stürze ich dann auf ihn. Rache für alles, Rache! Einige Minuten wartete ich in größter Anspannung meiner Nerven. Mit meinen: Leben hatte ich abgeschlossen. Meine sämtlichen Gedanken konzentrierten sich auf dieses Subjekt. Plötzlich vernahm ich Tritte den Korridor entlang, die sich meinem Versteck näherten. Das ist er dachte ich.— Mit dem Messer in der Faust wartete ich auf den Moment, wo ich über ihn herfallen konnte.— Jetzt, jetzt war er ganz nahe. Sobald ich die Gestalt im Halbdunkel be- merkte, war ich über ihn, warf ihn auf den Boden, um ihm das Eisen in den Lech zu stechen.— Der Kerl war von dem plötzlichen Ueberfall so überrascht, daß er vor Schreck keinen Laut von sich geben konnte.— Polowsky! rief er, als er mich erkannte, bist Du denn verrückt?— Eine Sekunde noch und er hätte die Klinge in seinem Leibe gehabt. Mit einemmal fällt mein Blick auf das Gesicht des unter mir Liegenden— und ich erkenne, daß ich den humansten Gefreiten der Festung für den Sergeanten gehalten hatte.— Er hatte auch an dem Tage Dienst gehabt, und der Zufall mußte ihn gerade um diese Zeit auf den Korridor führen.— Zum Glück hatte dieser Neberfall fem'großes Geräusch verursacht. Dieser Gefreite wollte mir immer wohl, und oft hatte er mir ein Stück Brot zugesteckt. Mit fliegenden Worten flüsterte ich ihm den Sachverhalt zu und bat ihn. zu schweigen. Er versprach mirs. Dafür nahm er mir das Messer ab und ich ging zurück in meine Zelle. Der Sergeant, der noch immer vor der Tiir stand, konnte in diesem Halbdunkel meine Aufregung nicht bemerken, er fragte nur unwirsch, als er mir öffnete, wo ich so lange war und klappte hinter mir die Türe zu." „Aber Mensch!" entfuhr es Volters Lippen.„Wie konntest Du nur— „Das habe ich mir dann auch gedacht. Wie konnte ich nur eine solche Dummheit begehen wollen!" „Tu hattest doch gar nicht mehr lange zu sitzen! So hattest Du Dich zeitlebens unglücklich gemacht." „Das fiel mir auch ein.— Aber Du kannst Dir nicht den Haß vorstellen, den ich auf diesen Menschen hatte. Ich dachte in meiner entsetzlichen Wut an nichts, als an meine Rache.— Also diesö Sache war vorüber.— Ich habe das bloß mit er- zählt, damit Du über meinen Zustand ein klares Bild be- kommen konntest.— Einige Tage vergingen wieder im ent- setzlichen Einerlei. Eines Vormittags wurde mir beim Exerzieren von meinem Sergeanten wieder bös mitgespielt. Keinen anderen seiner Korporalschaft quälte er so wie mich. Es war schon ziemlich kaltes Wetter, doch strömte mir der Schweiß aus allen Poren. Ich erinnere mich jetzt, wie mir damals zu Mut gewesen ist— um eine Nuance größer meine Wut— und der helle Wahnsinn war da. Dann— ich weiß nicht, wie es kam— dachte ich gar nichts mehr. Mein Kops war wie ein Bleiklotz. Mir war. als ob mir jemand mit großer Gewalt auf den Schädel geschlagen hätte. Ich wußte nur noch, daß ich überhaupt existierte. Ich hörte noch un- deutlich die kreischenden Kommandoworte des Sergeanten. Ich mußte Parademarsch üben. Ich weiß nicht, ob Dir be- kannt ist, daß im Festungshof vier hölzerne Laternenpfähle stehen." „Ja, ja, ich habe sie gesehen!" antwortete Volter. (Fortsetzung folgt.) Sombaltus'Cheopbrartua paracelfus. In frischer Erinnerung ist noch der kürzlich verhandelte Prozeß fegen die Bombastus-Werke in Dresden, deren Haup!arrangeur ein iorzellanmaler, gleichzeitig auch Geistcrbeschwörcr war. Aus Ver- onlassung der zitierten Geister fanden sich Leute, die rund dreiviertel Millionen zur Gründung der BombastuS-Werke, einer Fabrik kos- metischer Präparate—'Mundwasser, Zahnpulver usw.— hergaben und dieses Geld auch in die vierte Dimension verschwinden sahen. In der Bezeichnung: vombastus-Werk könnte der Kundige eine feine Selbstironie oder einen gegen das konsumierende Publikum gerichteten Spott finden, wenn er die naheliegende Bezeichnung bombastisch mit der des Bombastns in Zusammenhang bringt. Die Beranstalter des Unternehmens sind sich aber wohl kaum dieser Jdeenverbindung, die auch mir in dem Gleichllang der Worte, nicht aber in ihrer wirklichen Bedeutung zu finden ist, bewußt geworden. DaS Wort Bombastus hat mit den», was wir unter bombastisch verstehen, nichts zu tun. Es muß daher eine andere Bewandtnis mit der Wahl gerade dieses Wortes für ein kosmetisches Unternehmen haben. Bombastus ist der Beiname eines Mannes, der als Bahnbrecher auf vielen Gebieten, besonders ans dem der Chemie und Medizin, bekannt ist. Als Erfinder neuer Arzneiformen ist er auch hervor- getrete», so daß die Bezeichnung als Bombastus-Wcrk ganz sach- gemäß gewählt war, insofern, als auch hier neue Präparate m den Handel gebracht werden sollten. Der vollständige Name dieses un- freiwilligen Ahnherrn der verkrachten Fabrik lautet: Bombastus Theo- phrastns Paracelfus von Hohenheim, zu dem man noch den Taufnamen Surcolus hinzufügen kann. Doch hat der Mann sich selbst nie mit diesem langen Titel genannt, sondern nur Paracelsns von Hoben- heim. Sein Vater stammte aus dem Hanse der Bombaste, einem hohen wnrttembergischen Adel, und war nahe verwandt mit dem Großmeister des Johanniterordens, Georg Bombast von Hohenheim. Damit ist wohl hinlänglich erwiesen, daß der Name mit der Be- Zeichnung als bombastisch nichts zu tun bat. Als Sohn eines Edel- manites und berühmten ArzteS wurde unser Paracelsns im Jahre 1403 bei Einfiedeln in der Nähe von Zürich geboren. Paracelsus ist gleichbedeutend mit Hohenheim, da man in damaliger Zeit seinen Namen, wenn es ging, zu lateinisieren pflegte. Um den Werdegang des jüngeren Hohenheim richtig würdigen ga können, müssen wir uns in das Milieu der damaligen Zeit versetzen und alle die Umstände beachten, die diese Zeit zu einer be- Sonders bemerkenswerte» gestempelt haben. Es war die Zeit des weichenden Mittelalters. Man begann zu denken, wo man bisher nur Althergebrachtes einfach gedankenlos nachbetete. Humanisten und Reformatoren erschütterten die Macht der bisher in starrer Dogmatil verbarrenden Kirche. Kopernikus wies den Sternen, Giordano Bruno dem steien Geiste neue Bahnen. Amerika'wurde entdeckt, die Bnchdruckerkunst erfunden. Die Lese- und Schreib- kunst, bisher fast nur von Mönchen geübt, begann Gemeingut zu werden. Ueberall herrschte Kampfstimmung, die auf die dumpfe Luft der damals allmächtigen Kirche nicht ohne Einfluß bleiben konnte überall begann man sich gegen alle Vorurteile aufzulehnen, so daß nicht nnr die Völker, sondern jedes einzelne Jndividunm mitinLeidenschast gezogen wurde. Ueberall kämpften die alten überlieferten Ansichten und Erziehungsmethoden gegen die noch nicht verdanken und noch ver- wirrenden Ideen der neuen Zeit. Die Tradition und die Jahr« taufende alte Indifferenz und Stumpfheit ist nicht plötzlich zu bannen und zu überwinden. Aenßerer und innerer Konfliktsstoff bilden sich genug, um Gärungen aller Art heraufzubeschwören. Die führenden Geister wurden daher als solche auch nicht erkannt und anerkannt; im Gegenteil: sie mußten ein vielfaches Marlhrium erleiden, wurden verfemt, starben arm und einsam oder starben gewaltsam für ihre Ideen. Erst die Nachwelt verstand ihre bahnbrechenden Ideen und Taten zu würdigen. Auch unser ParaleelsuS hat hierin keine Ausnahme gemacht. Von seinem gelehrten Vater unterrichtet, bildete er sich später bei verschiedenen Klostergeistlichen weiter aus und kam im sechzehnten Jahre auf die Universität Basel. Seiner Eigenart konnten jedoch die regelmäßigen akademischen Studien nicht behagen, so daß er auf eigene Faust berühmte Männer und Laboratorien aussuchte, alle Länder Europas durchzog, als Wundarzt Feldzüge mitmachte und die Wissenschaft suchte, wo er sie fand: bei Scharf- richtern, Badern. Juden, Zigeunern usw.„Die Kunst geht keinem nach, aber ihr muß nachgegangen werden; darumb Hab ich Fug und Verstand, daß ich sie suchen muß und sie mich nit. Ich bab etwan gehört, daß ein Arzt soll ein Landfahrer sein, dieses gefallt mir zum Besten wohl, denn Ursach: die Krankheiten wandern hin und her so weit die Welt ist und bleiben nicht an einem Ort. Will einer viel Krankheiten erkennen, so wander er auch."— Dieses Wanderleben brachte ihn natürlich mit allerlei Volk zusammen, und da das Her- bcrgswesen damals nicht in besonderer Blüte stand, sah der äußere Mensch bald stark reduziert auS. So heißt eS in einer Paraeelsischen Biographie:„UebrigcnS lebte er wie ein Schwein, sah aus wie ein Fuhrmann und fand sein größtes Vergnügen in dem Umgang deS niedrigsten und liederlichsten Pöbel. Durch die meiste Zeit seines ruhmvollen Lebens war er besoffen; auch scheinen alle seine Schriften in, Rausch geschrieben." Neuere Studien haben allerdings eine ganz andere Charakteristik Hohenheims zutage gefördert. Es hat überhaupt 300 Jahre gedauert, bis man die Unmenge seiner Schriften sonderte und fich mit ihnen beschäftigte; und noch heute harrt sehr viel Material der Sichtung. So sagt ein anderer Kritiker:.Fast aber möchte es scheinen, als hätten wir gerade in bezug auf den Mann, der als Wendepunkt in der Medizin des Mittelalters die Neuzeit inauguriert. keine Geschichte: Geschichten wohl, Geschichte nicht." Die Geschichte hat jedoch schon soweit klärend gewirkt, daß Sätze, wie die folgenden, keinen Glauben mehr finden: .Seine Einbildung war so sehr verwirrt, daß er alle Hexengeschichten. alle Torheiten der Astrologie, der Punktierkunst, der Chiromantie und Kabbala annahm und seine Lehrjünger sogar versicherte, er frage auch den Teufel um Rat. wenn Gott nicht helfen wolle." Daß er Astrologie und magische Zauberkünste getrieben, ist allerdings ver« bürgt. Auch er konnte eben nicht aus seiner Haut bczw. seiner Zeit heraus. Es waren diese? eben die bereits geschilderten Konflikte. deren auch erleuchtete Geister nicht aus einmal Herr werden konnten Uebrigens glaubte ja auch der Gottesmann Luther an Geister und Teufel Hohenheim huldigte der Astrologie auch nickt in der mittelalterlichen Weise, da er sagt:„Der Gang Saturens bekümmert keinen Menschen um sein Lebe», länger! noch kürzt nichts." Er erkannte in den Sternen die Einheitlichkeit des Weltalls, ohne der eigentlichen Sterndeuterei zu huldigen s er eifert sogar direkt dagegen und sagt ausdrücklich, daß er unter Magie nicht wie gewöhnlich die Zauberei. sondern die natürliche Kenntnis der irdischen und himmlischen Dinge verstehe.„Was aus den spiritibus kommt ist Zauberei; das find Zaubergeister. von denen hie nicht geredet wird, sondern von natür« licher Wirkung ans Kraft der Weisheit, die den Himmel regiert. Also ist Zauberei Magica genannt worden, das doch nicht Zauberei ist, sondern die höchste Weisheit." Dieser Ausspruch allein steht nicht danach aus, als ob er von einem Charlatan stammte. Nach einer Wanderung von zehn Jahren als Arzt, Alchymist, fahrender Sibülcr, Theoioph kehrte Hohenheim im Alter von 32 Jahren nach Deutickiland zurück, wo er wegen seiner glücklichen Kuren. n. a. an 13 Fürsten, einen großen Ruf erlangte. Im Jahre' 1527 wurde er an die Universität Basel als Professor der Physik. Medizin und Chirurgie berufen. Hier erregte er die Unzufriedenheit der Znnfller durch Einführung der deutschen Sprache in den Borlesungen. Diese selbst hielten fich nicht in den bisher üblichen Grenzen, indem nian sich einfach auf Kommentare der alten Aerzte beschränkte, sondern Paracelsns lehrte unter lebhaftem Zuspruch seine eigene neue Wissenschaft. Da er zugleich Stadtarzt war, er- regte er den Unwillen der Apotheker dadurch, daß er Revisionen der Apotheken einführte, und zugleich den der anderen Acrzie, daß er eS verschmähte, den vorgeschriebenen roten Talar als AmiStracht anzu- legen. Die Stimmung gegen ihn ttnttfte immer gereizter, es wurden Schmähschriftengegen ihn verteilt und man warf ihm vor. den Doktortitel unrechtmäßig zu führen u. dergl. In einem Konflikt mit einem hohen Geist- lichen, der ihm den ausbedungenen Preis fürseine körperliche Herstellung nicht zahlen wollte, zog er den kürzeren, indem sich der Stadirat aus seilen des Geistlichen stellte. Ein öffentliches Manifest Hohenheims gegen den Stadtrat hatte den Erfolg, daß dieser„von Haß, Zorn und Mißgunst getrieben, wider ihn beschloß, man solle ihn fest- nehmen und nach Herzenslust mit ihm verfahren." Das drängte ihn zur Flucht. Heimlich verließ er Basel und flüchtete nach dem Elsaß. Da? unstete Leben von früher begann nun von neuem, so daß Paraeelsus oft mit Armut zu kämpfen hatte, wenn er auch in dieser Zeit viele seiner Schriften verfaßte.„Habe keine Acht meines Elends, du Leser, laß mich mein Uebel selbst tragen." Im Jahre 1331. finden wir ihn wieder in der Schweiz und endlich 1541 in Salz- bürg, wohin ihn wahrscheinlich der gebildete Fürst und Pfalzgraf Ernst berufen hatte. Doch nicht lange sollte er sich der Ruhe er- freuen; noch in demselben Jahre starb er dort im Alter von 43 Jahren. Ein Denkmal und eine Gedenktafel in der Sebastians- Kirche in Salzburg zeigen seine Ruhestätte an. Wohl selten ist ein bedeutender Mann von seiner Mit- und Nach- Welt mehr verlästert und verkannt worden wie Hohenheim. Der Paracelsus-Forscher Dr. Mook stellt eine Menge solcher sich wider- sprechender Urteile' zaiammen, die ihn zu derAeußerung veranlassen, „daß man so ziemlich/tlles ans Paraeelsus gemacht hat: einen frommen Gottesmann und gotteslästerlichen Ketzer, Kabbalist und Charlatan, Reformator der Medizin. Homöopath und Magnetiscur, Heilkünstler und Entdecker der chemischen Arzneimittel, den Begründer der deutschen Sprache in der wissenschaftlichen Medizin, einen Titanen, der den Mut besaß, tausendjährige Autoritäten und Lehrsätze zu zer- trümmern, die längst zum Dogma geworden und andererseits einen halbwahnsinnigen Schwindler."— Für einen solchen wird er auch heute nocki vielfach von Männern der Wissenschaft gehalten. Bom heutigen Stande der Medizin aus hat eine solche Ansicht allerdings eine gewisse Berechtigung. Man muß jedoch den Maßstab für seine Leistungen an den mittelalterlichen Stand der Wiflenschaft legen; nur auf dieser Basis sind die vielfachen Vorurteile zu wider- legen. Schwieriger ist die Darstellung des eigentlichen Gehalts und Zwecks seiner Schriften; schwierig deshalb, weil er seine Grundsätze und den Kern seines Denkens nicht klar ausspricht. Auch heute ist trotz aller Forschungen seine Weltanschauung in allen Teilen noch nicht völlig klargestellt. Das Prinzip der Paracelsischen Medizin besteht darin. die organische Natur in ihrer rein natürlichen physiologischen Entwickelung aufzufassen, alle diese Kräfte zu individualisieren und alles in ihrer Gesamt- Wirkung und Gegenseitigkeit aufzufassen.— Unter Philosophie versteht Paraeelsus die Erkenntnis des Wesens in allen Dingen. Er selbst sagt:„Der Arzt, der nicht durch Philosophie in die Arznei eingeht, geht nicht in die rechte Tür, sondern oben zum Dach hinein und werden aus ihnen Mörder und Diebe". Er gründete die Medizin auf die Erkenntnis des organischen Prozesses auS dem Organismus selber, der Medizin daher einen ganz neuen Boden gebend, da man bisher alle Lebenserfcheinungen aus gleichen physikalischen Prinzipien erklärte.— Wo bei Krankheitsfällen die Natur nichts vermag, er- klärte er auch die Medizin fiir unfähig, ein eingewurzeltes Leiden zu heilen. Das Prinzip der Alien, wonach die anzuwendenden Arzneien die entgegengesetzte Qualität der Krankheit haben müßten, erklärte er für falsch. Er führte wichtige Miueralmittel und Pflanzen- extrakte in den Arzneischatz ein, wie sie noch heute angewandt werden; er empfahl auch den Gebrauch der Mineralwässer, trotzdem er erkannte, daß damals schon viel Unfug mit Badereisen getrieben wurde.„Wenn ein Arzt nichts mehr kann, so rät er ins Bad, gleich als ivenn einer Unsinnigkeit mit Tanzen vertreiben wollte." Er verwarf den Aderlaß nicht ganz, warnte aber vor Mißbrauch in der Blutentziehung. Er behandelte in seinen Traktaten die Diät. Therapie usw. kurz. Nicht nur in der Geschichte der Medizin, auch in der der Philosophie und Theosophie und in der Geschichte der Wissenschaften überhailpt steht Paraeelsus als Repräsentant der neuen Richtung, wodurch sich daS ganze 16. Jahrhunditt charakterisierte. 13. L. lNeMrua verBoten.) Me bereiten fieb die Ziere für den Mnter vor? Von Dr. Otto Reinfeld. Wenn die Menschen beginnen, mit Heizmaterial und Kar- toffeln, Obst und eingemachten Früchten die Keller zu füllen, um für die kalte Jahreszeit gerüstet zu sein, beginnen auch die Tiere, oder doch viele Tiere mit ihren Vorbereitungen für den Winter. Und wie es unter den Menschen verschieden ist, wie sie je nach ihrer wirtschaftlichen Lage, Stellung, Wohnort usw. diese Vorbereitungen treffen, so auch die Tiere. Allgemein bekannt sind die Vorbereitungen der Zugvögel; wie vielfach die Menschen, die in„hohen Kreisen" leben, entziehen sie sich den Unbilden der Witterimg durch eine Vergnügungsreise nach dem Süde". Indessen gibt es auch z/hlreiche Vögel,"die in un- seren Gegenden bleiben und die dem strengen Regiment des Win- ters standhalten. Merkwürdigerweise aber finden sich bei den über- wintcrnden Vögeln nur geringe Spuren don irgendwelchen Vorbe- reitungen für die Winterzeit, wie denn auch gerade diese Tiere bei uns im Winter am nieisten Hunger leiden. Sie behelfen sich mit der notdürftigsten Kost, mit allerlei Nahrung, die sie im Som- mer unberührt lassen würden. Nur bei Spechten und Baumläufern wollen Naturbeobachter gelegentlich Beweise eines natürlichen Spartriebes für die schlechte Winterszeit bemerkt haben. Eicheln und andere Samen fand man in den Borken von Kiefern versteckt, und zwar in der den genannten Vögeln eigentümlichen Art einge- klemmt, die in der offenbaren Absicht dort für die nahrungsarme Zeit aufbewahrt worden waren. Das ist aber wohl auch der einzige Fall der Vorbereitung für den Winter in der gefiederten Welt, die sich— und das scheint noch merkwürdiger!— vor der Kälte gar nicht schützt. Nicht nur, daß die Vögel ihre Nester, wie das bei den Wohnungen anderer Tiere oftmals ist, für den Winter nicht fester und dichter machen, suchen sie sie sogar im Gegenteil oft im Winter überhaupt nicht aus, sondern suchen alle möglichen Verstecke, Baumlöcher und Mauer- ritzen auf, oder übernachten überhaupt im Freien. Dabei ist die früher von Naturforschern deshalb angenommene Ansicht, daß sie die Kälte nicht in dem Maße empfinden, wie andere Tiere, durch das viele Erfrieren von Vögeln— oft bei geringer Kälte,— widerlegt. Offenbar ist ihr Schutztrieb wenig entwickelt. Als der berühmteste Wintersparer, dessen Vorbereitungen für die kalte Jahreszeit geradezu sprichwörtlich sind, gilt bei uns, frei- lich wohl auch mit vollem Recht, der Hamster. Der Hamster gehört zu den nickst wenig zahlreichen Tieren, die einen Winterschlaf halten. Er errichtet sich etwa einen Meter unterhalb der Erde eine Wohnung, die aus zwei Räumen besteht, in deren einem er wohnt, und in deren anderem er seine Winter- Vorräte aufspeichert. Ja, manche, besonders ältere Rammler, sind so vorsorglich, sich ein paar Vorratskammern anzulegen, in denen sie Leinsamen, große Puffbohnen und Erbsen vor allem, aber auch Getreide niederlegen. In diese Wohnung, deren Eingänge er sorglich mit Erde verstopft, zieht sich der Hamster Anfang Oktober, — oder je nach der Witterung früher oder später,— zurück, um seinen Winterschlaf zu halten. Bon Zeit zu Zeit erwacht er dann, frißt sich satt und zieht sich wieder in sein Wohnzimmer zurück, um weiter zu schlafen. Wie reichlich seine Wintervorräte sind, beweisen jene Hamstergräber, die es sich zum Gewerbe machen, seinen Bau aufzustöbern, ihn zu töten und die Vorratskammer. die im Anfang des Winters oft mehr als IV Kilo Feldfrüchte birgt, als Beute zu gewinnen. Auch der Dachs baut sich ein schönes Winterhcim, stattet es weich und warm mit Moos aus, um sich dort, meist erst, wenn es schon recht ungemütlich ist, zum Winterschlaf zurückzuziehen. Seine Vorräte, die er in den sehr kunstvollen Bau trägt, sind nicht be- deutend, wie er-denn diesen Bau auch schon im Winter verläßt, um neue Nahrung zu suchen. In der Hauptsache besteht denn auch mehr die Vorbereitung dieses Tieres auf den Winter darin, daß es sich den Bau für den Winterschlaf behaglich ausstattet, als in dem Zusammenscharren von Wintervorräten. Und das ist bei den meisten sogenannten Winterschläfern der Fall, beim Igel, der sich sorglich sein Heim mit Laub und Moos auspolstert, bei der Haselmaus und dem sogenaniiten Sieben- schläfer, der freilich große Vorräte an Nüssen, Samen, Obst und Eiern sammelt und im Herbst in seine Löcher trägt, wo er dann sieben Monate sehr fest schläft, nachdem er sich tüchtig vollge- fressen hat. Auch die Fledermäuse halten einen, wenn auch nur kurzen Winterschlaf, zu dem sie sich zu Hunderten und Tausenden im Herbste zusammenfinden. Sie suchen sich eine geschützte Stelle auf, an der sie sich,— gemeinsam große Klumpen bildend.— mit dem Kopfe»ach unten aushängen. Die in Deutschland vorkommenden Amphibien tind Reptilien sind durchweg Winterschläfer. Beim Nahen der kälteren Jahres- zeit suchen sie sich ein bequemes Plätzchen, wo sie den Schlaf pflegen können. So zieht sich zum Beispiel der Laubfrosch in den Schlamm zurück, und der von uns im Glas in Gefangenschaft gehaltene Laubfrosch sucht sich die Stelle im Glasbchälter auf, wo das dich- teste Laub angesammelt ist, um dort in Erstarrung ohne jede Nahrung zu liegen. Aehnlich ist's mit den Schlangen, Eidechsen und Kröten, die alle beim Eintritt des Winters in Starrsucht verfallen, nachdem sie der Instinkt geleitet hat. ein möglichst ruhiges und geschütztes Plätzchen auszusuchen, wo niemand leicht den Winterschlaf stört. Auch bei den Insekten ist es nicht anders. Sie suchen unter Baumrinden, Steinen, im Moos, Geröll, in Erdlöchern, im Holz hohler Bäume sich ihre Wintcrwohnung auf. Wann dies geschieht, ist abhängig von der Art der Tiere, aber auch natürlich jeweilig von der Witterung. Und ebenso ist's mit dem Ende ihres Winter- schlafcs, der bei einigen größeren Kerstiercn oft schon mitten im Winter aushört, während er sich bei anderen bis mitten in den Sommer hinzögert. Man kann zuweilen, wenn man im Herbst, vor Beginn des Schneefalles, einen großen Stein hochhebt, oder eine nicht allzu dkchte Baumrinde ToStöft, ganze Sammlungen von sebr verschiede- nen Kerfticren nebeneinander finden, die sich bei leichtem An- hauchen schnell wieder beleben. Viele Schneckenarten verkriechen sich ebenfalls unter Steine und Moos, andere aber bereiten sich für den Winter vor, indem sie ihr Schneckcnhäuschen mit einer Tür versehen, die ihnen die Kälte fernhalten soll. Dies geschieht, indem beim Herannahen des Win- ietS, im Herbste, der weiche Körper der Schnecke eine Schleimhaut ausscheidet, die kalkhaltig ist und die sich, sobald die Schnecke mit ihr die Ocffnung des Schneckenhauses verklebt hat, verhärtet. Wird die Witterung>vieder warm, so öffnet sich wieder diese Tür, d. h. die Platte fällt heraus. Auch bei den Tieren, die ohne wärmere Gegenden aufzusuchen oder Winterschlaf zu halten, bei uns den Winter standhaft über- dauern, kann nmn vielfach Wintervorbereitungen wahrnehmen. Ganze Haufen von Nüsse trägt zum Beispiel im Spätherbst das Eichhörnchen in die Löcher der Bäume und versteckt sie dort sorgsam. Sein grosses, rundes Nest hoch oben im Baume hat cS sich für den Winter gemütlich zurechtgemacht. Darin hat es sich von Moos ein Iveichcs Bett bereitet; die kleine Tür des Nestes ver- stopft eS. und an kalten Tagen legt es sich behaglich zusanimengerollt auf's Moos und schläft, um, sobald der Sonnenschein es zulässt, unter dessen erwärmenden Strahlen einen Spaziergang zu machen und nach seinen Verstecken zu sehen, um sich dort die Nahrung zu holen. Man findet oft in der Nähe eines Eichhorunestes wohl zwanzig und mehr solcher Verstecke. Das weiss freilich auch der Baummarder, der, wenn er solch Versteck aufstöbert, in dessen Nähe sich auf die Lauer legt, um dem Eichhörnchen dann den Garaus zu machen. Oft aber vergisst das Eichhörnchen selbst manche dieser Speisekammern, und man findet sie noch im Sommer im Walde. Sorgloser als das schlaue Eichhörnchen ist der Hase. Man kann wohl sagen: leider. Würde er beizeiten Vorrat sammeln, brauchte er bei strenger Winterkälte nicht Baumrinden anzufressen. Seine Wintervorbcreitungen sind sehr geringfügiger Art; sie be- stehen nur allenfalls darin, dass er sich irgendwo ein Plätzchen aus- sucht, wo der Wind ihm nicht so den Pelz bläst. Grosse Vorrc%äkammern hat der Maulwurf angelegt. Gr hält keinen Winterschlaf, senkt aber im Winter seine Gänge bis in frostfrcie Tiefen, wo Infekten und Würmer Schutz suchen; er erbeutet dann von den froststarren, oder ihren Winterschlaf halten- den Tieren mehr, als er fressen kann und legt von diesen Vor- räte an, wobei er sie schlauerweise so verstümmelt, dass sie nicht mehr graben können. Fuchs. Marder. Iltis, Wiefel, allesamt recht raubgierige Ge- scllen, sind dies viel zu sehr, als daß sie Vorräte ansammeln wür- den für den Winter. Ihr Lebensolemcnt ist es, auf Raub aus- zugehen, und die Wiesel tun dies sogar, auch wenn sie keiner Nahrung bedürfen, aus blosser Blutgier. Die einen oder anderen suche» sich wohl bei herannahender Kälte geschütztere Verstecke aus. Auch das Schwarz- und Rotwild sammelt keine Wintervorräte, weswegen es denn oft bei strenger Kälte sich in die nächste Nähe menschlicher Behausungen wagt. Jagdgerechte Jagdpächter und Förster sorgen für sie durch regelrecht organisierto Wildfüttcrungen, die beginnen müssen, sobald der Herbst den Tieren das Finden der Nahrung erschwert. Natürlich konnten hier nur im allgemeinen die bekanntesten Unserer heimischen Tiere erwähnt werden, abgesehen von den Haus- tieren, die ja durch Zucht ihre natürlichen Instinkte vielfach ver- ändert oder cingebüsst haben und sich darauf verlassen, dass der Mensch sie schützt und für sie sorgt. Bei allen Tieren, wo das nicht der Fall ist, ist der Selbst- erhaltungstricb vorhanden; wenn wir es auch bei vielen� kaum tvahrnehmen, irgendeine Vorbereitung für den Winter ist doch wohl vorhanden, und wo sie nicht vom Tiere ausgeübt wird, hat die Natur sie verrichtet, indem sie die Tiere durch einen dickeren Pelz, dichteres Gefieder usw. vor Kälte schützt und ihre Sinne bei herannahender Kälte schärft, dass sie die Nahrung leichter finden. In einem anderen Fall endlich hat sich der Mensch, als kluger Beherrscher des Tierreichs, die Wintervorbereitung zunutze ge- «rächt, nämlich bei der Biene. Er lässt die Biene, deren Fleiss ja sprichwörtlich ist, emsig für btn Winter sammeln, weit mehr, als sie selbst verzehren kann in der langen Zeit, da ihr die Nahrung in der Natur fehlt, so daß der Imker ihre Vorräte zum Nutzen der Menschen noch tüchtig be- rauben kann, ohne sie dem Verhungern auszusetzen. Liemes Feuilleton. Astronomisches. DaS Weltsystem des Grossen Bären. Die Astro- nomen wissen jetzt längst, dass die Fixsterne ihren Namen zu Unrecht erhalten haben und daß sie sich alle bewegen. Freilich ist es erst bei einer verhälwismässig kleinen Zahl dieser weit entfernten Sonnen gelungen, die Richtung und die Geschwindigkeit ihrer Eigenbewegung nnt einiger Sicherheit festzustellen. Wenn man erst einmal wenigstens von allen grösseren Sternen ermittelt habe» wirb. wohin ihre Reise durch den Weltraum geht, wird sich auch vielleicht ein überragender Menschengeist finden, der daraus den Schluß zu ziehen vermag, wo der eigentliche Mittel- Punkt de» Weltalls liegt, um den sich alles dreht, oder wenn das überhaupt nicht der Fall sein sollte, von welchen Gesetzen die Bewegungen der Gestirne sonst beherrscht werden. Immerhin mehren sich schon jetzt die Fälle, in denen die Zusammen- gcbörigkeit von Fixsternen zu einem System erwiesen wird. Die ungeheure Zahl von Doppelsternen kommt dabei nicht in Betracht, weil ihre Paare so nahe beieinander zu stehen pflegen, dass ihre Abhängigkeit voneinander fast selbstverständlich ist. Weit wunder- barer aber ist die zuerst von Dr. Ludendorf gemachte Ent- deckung. dass die gewaltigen Fixsterne des Grossen Bären. dieses bekanntesten aller Sternbilder. trotz ihres weiten Ab- stmideS voneinander zu einem einzigen bestimmten System gehören und sich in parallelen Bahnen bewegen. Nach den bis- herigen Beobachtungen sollten davon nur die Sterne Alpha und Eta, mit besonderen Namen Dubhe und Benetnasch genannt, au»- genommen sein. Dafür hat jetzt Dr. Hertzsprung im„Astrophysical Journal" die noch mehr überraschende Behauptung aufgestellt, dass auch noch eine Reihe von anderen grossen Fixsternen wahrscheinlich zu diesem selben System gehört, darunter der größte von allen, der Sirius, dann die Gemina in der Krone, der zweithellste Stern im Fuhrmann und noch verschiedene andere, im ganzen 1ö, von denen 9 an sich schon Doppelsterne sind. Wenn sich diese Vermutungen bestätigen sollten, so wäre damit ein wichtiger Schritt zur Erkenntnis durchgreifender Gesetze der Bewegungen ain Fixsternhimmel getan. Physikalisches. Flüssige Kristalle. Mit der Bezeichnung Kristall ver- bindet sich gewohnheitsmäßig die Vorstellung eines festen, harten, nach bestimmten Verhältnissen von regelmässigen Flächen umschlossenen Körpers. Aber auch im Reiche der Kristalle gilt das berüdmte Wort: die Natur macht keine Sprünge. Auch hier findet sich der Ausdruck der grossen Gesetze, nach denen im Reich des Gewordenen sich eins aus dem andren entwickelt hat, so dass man bei tieferem Einblick in das Wesen der Kristallbildung nicht mehr so sehr überrascht sein wird, wenn von runde» und von flüssigen Kristallen die Rede ist. Schon Schnee- und Eis- krisialle erscheinen von gekrümmten Flächen eingeschlossen. Hierbei handelt c-Z sich allerdings um die Vereinigung vieler kleiner Einzelkristalle, aber im Jahre 1876 gelang es Professor Otto Lehmann, der jetzt in der französischen„Allgemeinen Revue für reine und angewandte Chmemie" den flüssigen Kristallen einen ausführlichen Aufsatz widmet, gekrümmte Flächen tatsächlich nach« zuweisen und damit zu zeigen, dass die physikalische Einheitlichkeit der Kristalle, an die man bis dahin geglaubt hatte, nicht eine Grund» eigenschaft der kristallisierten Stoffe ist. Und was bezüglich der physikalischen Einheitlichkeit gezeigt iverden konnte, das erwies sich auch hinsichtlich der chemischen als zutreffend. Lehmanns Entdeckung der gemischten Kristalle und ihres UebergangeS in kristallinische Gebilde gab den Beleg bierfür. Aber auch eine anscheinend uu- umstössliche Charakterisierung des Kristalls, nämlich sein fester Zu» stand, wurde durch die Beobachtungen hinfällig, die Lehmann bei seinen Versuchen mit Jodsilber und besonder? mit ölsaurem Ammoniak machte. In einem Lösungsmittel ballt sich dieser Stoff zu luftblasenartigen Tropfen zusammen, die ineinander über- zufliesse» vermögen und gleichwohl Kristalleigenschaften auf- weisen. Denn sobald die äusseren Umstände, die die po- lyedrische(vielflächigc) Gestalt solcher flüssigen Kristalle aufheben, ausser Wirksamkeit gesetzt werden, ist sofort der eigentliche Kristall wieder da. Die Festigkeit zählt also auch nicht zu den unerlässlich notwendigen Eigenschaften der Kristalle. Flüssige Kristalle ver» schiedener Art vermögen sich zu vereinigen und einen neuen Kristall zu bilden. Flüssige Kristalle können üusserlich reine, voll- ständige Kugelgestalt annehmen, doch zeigen DichroiSmuS lZweitarbigkeit). Doppelbrechung und die innere Struktur deutlich den Kristallcharakter an und ermöglichen, die Zu- geHörigkeit zu eineni der Kristallsysteme festzustellen. Es lassen sich alle möglichen UcbcrgangSformen zwischen festen Kristallen und solchen, die so flüssig stnd wie Wasser herstellen. Die richtenden Kräfte in den Molekülen der flüssigen Kristalle werden vermutlich durch Eleltrizitätseinheiten(Elektronen), die im Innern dieser Moleküle schwingen, hervorgerufen. Die Entdeckung der flüssigen Kristalle hat eine ungeahnte Aufkläning über das Wesen der Materie gebracht und eine Reihe physikalischer Begriffe, mit denen die Wissenschaft gearbeitet hatte, wie die Anschauungen über scharf von ein- ander geschiedene Aggregatzustände(der feste, flüssige und gasförmige Zustand) sowie den amorphen(formkosen) Zustand der Materie und den Polymorphismus, über den Haufen geworfen. Der Aggregat- zustand ist lange nicht so wesentlich für die äußeren Eigenschaften eines Stoffes, als man dachte. BitS den flüssigen Kristallen und ihrem Verhalten wird sich eine quantitative Theorie ableiten lassen, die für die verschiedensten Wissenszweige, Physik, Chemie, Biologie und auch für die Technik, von grosser Bedeutung sein wird. Kerantw. Redakteur: Emil l'nger, Grunewald.— Druck u. Verlag: Vorwärts Buchdruckerei u.Verl«g»anstalt Paul Singer �Eo..R3erlinLW.