Anterhaltungsblatt des vorwärts Nr. 219. Mittwoch� den 10 November. 1909 (Nachdruck verboten.) 20] �Soldaten fein fcbönl" Bilder aus Kaserne und Lazarett. Von Karl Fischer. „Auf einen dieser Pfähle exerzierte ich schnurstracks zu. Ich stieß mit meiner ganzen Kraft an ihn an— er mußte wohl am Fuße etwas zerfault gewesen sein— und er fiel um. Der Lärm der zerschellenden Glaslaterne weckte mich auf— und vis ob sich meine bis dahin unterdrückte Verzweiflung offen- barte— rannte ich zum nächsten Pfahl, warf ihn genau so um wie den ersten und so weiter mit den letzten zweien.— Der ganze Hof war in Aufregung und in plötzlicher Ver- wirrung. Alles Exerzieren hörte auf.— Ich sah noch, was ich angerichtet hatte, und ohne etwas zu überdenken— stürzte ich die große steinerne Treppe hinauf— die Tür meiner Zelle stand offen— ich flog hinein und warf mich, wie ich war, auf mein Bett. Ich blieb liegen mit dem festen Entschlüsse, nicht wieder aufzustehen, mochte da kommen was da wollte. — Natürlich dauerte es keine drei Minuten, so waren auch die mir nachgefolgten Unteroffiziere mit dem Hauptmann da. Sie sahen mich liegen und wagten mit gezogenem Seiten- gewehr langsam näher zu kommen. Der Hauptmann rief sie zurück, zwinkerte ihnen mit den Augen zu und machte An- deutungen wie: der ist verrückt I— laßt ihn liegen. Ich hatte die Zeichen des Hauptmanns bemerkt. In dem Momente fiel mir ein: Halt, du stellst dich geisteskrank! Seit dieser Zeit gelte ich für verrückt. Nach etwa einer Stunde wurde wieder die Zellentür geöffnet. Ein ganzes Aufgebot war dazu kommandiert worden, mir die Zwangsjacke anzuziehen. Man brachte mich dann hierher, und nun warte ich der Dinge, die da kommen werden." „Du hoffst bestimmt, als dienstuntauglich entlassen zu werden?" fragte Volter nach einer langen Pause. „Ich glaube bestimmt. Was wollen sie mit mir auch anfangen? Schicken sie mich wieder auf Festung, mache ich dieselbe Komödie. Das steht bei mir fest. In der Front halten sie mich ganz gewiß für zu gefährlich. Das Jahr werden sie mir schon schenken müssen. Es bleibt nur noch die Arbeiterabteilung. Da werde ich schon Mittel und Wege finden, mich für dort unmöglich zu machen. Es dauert noch einige Wochen, bis meine Strafzeit zu Ende ist. Bis dahin werde ich mich noch im Lazarett herumdrücken müssen oder ich werde einem Zivilgesängnis oder einem Krankenhaus überwiesen. Uebrigens— was liegt mir daran, wo ich noch hinkomme. Nur nicht in die Festung zurück oder in die Kaserne. An meinem Leben liegt mir fast nichts mehr." Aus Polowskys letzten Worten klang seine ganze Welt- Verachtung. Müde und niedergeschlagen blickte er vor sich hin. „Aber ich bite Dich," sagte Volter mit weichem Ton, „warum schon die Flinte ins Korn werfen? Denke, wenn alles vorüber ist, es war eine schlimme Krankheit, die Du durchmachen mußtest, und beginne von neuem! Wer weiß viel von Dir? Nach Deinen Militärpapieren wird in Deinem Beruf nicht viel gefragt." „Du hast gut reden! In der Wirklichkeit sieht das doch etwas anders aus. Nein, nein, diese Zukunftsträume schlage ich mir aus dem Kopf. Dafür denke ich an etwas anderes." „An was denn?" „Zufrieden mit meinem Dasein kann ich dann vielleicht erst wieder werden, wenn ich weiß, daß diese erbärmlichen Schufte, denen ich das alles verdanke, ihre verdiente Strafe erhalten haben." „Aber um Himmels willen, was willst Du denn tun?" rief Volter. „Erst muß mein kleiner Korporal im Festungsgefängnis dran glauben. Ich laure ihm aus, und wenn ich Monate hiee mich durchbetteln müßte. Daß ich diesen Hund halbtot schlage, ist gewiß." Sein Gesicht hatte sich bei diesen erregt� gesprochenen Worten gerötet und seine rechte Hand hatte sich zur Jaust geballt. Volter erschrak über diesen neuen leidenschaftlichen AuZ- bruch. Er bezwang sich und fragte ruhigen Tones: „Was hast Du davon?" „Was ich davon habe? Ich würde zeitlebens sein Gesicht vor mir haben, wie es mich schabenfroh angrinst. Ich will es einmal sehen, wenn ihm vor Entsetzen die Augen übergehen! Dann ist mir wohl. Mag ich dafür auch einige Zeit ins Ge- fängnis gehen— in Zivilgefängnissen ist es schon zu ertragen. — Dann habe ich noch eine alte Schuld abzutragen an meinen ehemaligen Korporalschaftsfllhrer vor fünf Jahren. Der wird vielleicht jetzt schon Feldwebel sein und mich vergessen haben. Meine Faust wird mich wieder bei ihm in Erinnerung bringen!— Ich bin es meinem Gewissen schuldig, daß ich diesen Peinigern auf meine Art danke. Habe ich das erreicht, kann meinetwegen ein neues Leben für mich beginnen. Vor- her nicht!— Der Gedanke würde mir keinen Augenblick Ruhe lassen, daß zwei Menschen existieren, ohne für das Verbrechen bestraft zu sein, das sie an mir begangen haben. Das Ver- brechen war nicht nur roh und brutal, sondern auch feig und niederträchtig! Denn sie quälten ein wehrloses Opfer, das sich nicht verteidigen konnte. Meine Verteidigung kommt jetzt hintennach. Dir erscheint das wunderlich, was?— Du kennst nicht die Eide, die man sich selbst apferlegt. Erst schwur ich nur Rache in der ersten Verzweiflung. In den langen bitteren Jahren des Höllendaseins auf Festung wurde der Eid zu meinem Evangelium! Mit dem Bewußtsein, daß der Tag der Abrechnung kommen werde, stand ich des Morgens aus und legte mich miide gehetzt des Abends nieder. Von Tag zu Tag. von Woche zu Woche wurde der Entschluß fester. Die einzige Freude meiner Haft war die, wenn ich an meine Rache dachte. Eine Erholung war für mich das Phantasiebild, das mir die Szene der Vergeltung vorspiegelte— viel schöner, als es in Wirklichkeit sein wird. Nein, nein, laß das! Ver- suche mich nicht davon abzubringen. Volter. Dieser Vorsatz ist vollständig mit mir schon verwachsen." Volter hatte der leidenschaftlichen Erzählung sinnend zu- gehört. Wie er mit ihm fühlte. Wie lebendig erschien ihm doch das alles, das ganze Elend. Die beredte Zunge Polowskys hatte seine Grundsätze auf einen Moment ins Wanken ge- bracht. Es wollte sich in ihm auch ein Bedürfnis nach Wiedervergeltung regen, das er aber sofort im Keim unter- drückte. Einen Blick des tiefsten Bedauerns und Verstehens lvarf er auf den Gefangenen. „Ich verstehe und begreife Deinen Zustand und Deine Absicht vollkomnien. Ich kann mich ganz gut in Deine Lage versetzen. Ich bedaure bloß Dich! Du tust mir leid in tiefster Seele. Glaube mir— ich habe schon so viel einstecken müssen, ohne an Wiedervergeltung zu denken. Man muß die nötige Festigkeit des Charakters besitzen. Vielleicht ändern sich Deine Ansichten noch." „Nie," rief Polowsky. „Das wollen wir nicht hoffen," entgegnete Volter ruhig. „Tu hast lange keine Menschen gesehen. Sechs Jahre Sol- datenröcke um sich zu haben, ist etwas Furchtbares für unser- einen. Werde erst frei! Sollst sehen. Polowsky, dann kommst Du auf andere Gedanken und läßt die dumme Geschichte fahren. Dem einzelnen Menschen lege ich weniger Schuld bei. Das System ist das verderbliche, der Zwang, dieses wehrlose Prctsgegebensein! Die Dir das taten, hatten zu viel Gewalt in Händen. Und die mißbrauchten sie. Es gibt noch viele solcher und wird auch in Zukunft noch viele geben." „Ja, ja! Aber meine Rache laß ich nicht, nie! Ich muß sie alle drankriegen, diese Hunde, diese Elenden! Dann werden wir schon weiter sehen.— Es tut mir unbeschreiblich wohl, einer mitfühlenden Seele mein Herz auszuschütten, aber da- gegen darsit Du mir nichts reden." „Hast Du keine Furcht, verraten zu werden?" „Nein. Wenn Bornemann— oder wenn Du dreist dem Arzt melden würdest. Du hättest mich beobachtet und wärst zur Ueberzeugung gekommen, daß ich nicht krank wäre, würde man Dir doch gar nicht glauben!— Ich weiß. Ihr tut es nicht.— Wenn Ihr es tätet, bliebe meine Behandlung dieselbe. Nein, ich habe Dir hauptsächlich erzählt, um vor Teilten Augen so zu erscheinen, wie ich wirklich bin. lstortsetzung folgt.) * — 8" ScbUlcr in Vergangenheit und Gegenwart. Heute bor anderthalb Hundert Jahren trat Schiller ins Leben ein. Viel des Tröstlichen oder Ermutigenden bot jene Epoche des patriarchalischen ÄbsolutismuS wahrlich nicht. Aber der junge Dichter raffle die in Frankreich entzündete Fackel der Aufklärung auf, um fie kühn der groben Revolution voraufzuschwingen und mit feurigem Ungestüm ins eigene Volk zu tragen. Es mufzte in diesem Manne eine unbegrenzte Liebe, ein titanischer Glaube wohnen, um dem versklavten Geiste seiner kleinbürgerlichen Umwelt die Tore des Universums zu entriegeln. Ihm blutete das Herz. das für die ganze Menschheit schlug, beim Anblick der erbärmlichen Zustände in deutschen Landen. Den Zusammenbruch von 1806 noch zu erfahren, verhinderte ihn ein srühzeitiaer Tod. Ob Schiller, wäre er am Leben geblieben, 1813 als TyrthäuS patriotische Kriegs- und Siegeslieder angestimmt haben würde, wie unbefleckte Literaturprofessoren angenommen haben— nun, solche Hypothesen fallen in ihr Nichts zurück. Sein Patriotismus war Weltbürgertum, obwohl seine anfängliche Sympathie für die fran- zösische Revolution sich anscheinend ins Gegenreil gekehrt hatte, wo- für ja die Stelle in der„Glocke" bezeichnend ist. Daß Schiller deswegen aber die Ideale seiner Sturm- und Drangperiode ver- leugnet haben sollte, dah er den Kampf gegen die Despotie in jeder Form und Gestalt aufgegeben hätte, blotz weil er, ans dem Zcnith seines Künstlertums angelangt, das Endziel aller Menschheits- befreiung in der Kunst erblickte, diesem Irrtum konnten doch nur kurzsichtige Philister verfallen. Ein noch gröberer Irrtum war es, SSiller wegen verschiedener Sentenzen in seinen Dranien zu einem nation alpatrio-- tischen Dichter zu stempeln. Dieser Irrtum entstand durch sälschlisches Herausgreifen von Zitaten. Der schärfste Mibbrauch damit wurde wohl 1850 anläblich der ZentenargeburtstagSfeier ge- trieben. Man schwärmte damals für ein„geeinigtes Paterland". Und da das deutsche Bürgertum, will es mit Worten viel, in Taten nichts erreichen, eines Symbols, eines PaladiumS bedurfte, um alles Sehnen und Drängen aus bedrückender Eltge auf einen Punkt zu vereinen, so erwählte es Schiller zum Heerrufer und Nationalheiligcn. Das hatte sein Gmes, aber auch seine Schatten- feiten. Der Vorteil bestand darin, daß von allen Seiten auf deS Dichters grobes Vermächtnis— seine Schriften— sowie nicht minder auf seine vorbildliche Persönlichkeit hin- gewiesen wurde. Gelehrte und Schriftsteller von Ruf und Ansehen übernahmen die Dolmetscher-Rolle. Schillervereine traten überall, selbst im Auslande ms Leben. Die Frauen und Jungfrauen des Bürgertums wurden zur Sammlung einer„Nationalspende", der noch gegenwärtig bestehenden„Schillerstistung" angehalten, einer Gründung, die Jakob Grimm bei ihrer Geburt allzu schroff„eine Armenanstalt für mittelmäbige Schriftsteller, für Dichterlinge, denen von aller Poesie abzuraten besser wäre, als fie noch aufzumuntern", genannt hat. Viel löblicher und nützlicher wäre, meinte Grimm weiter, für dies Geld, statt es„in den allverschlingenden, immer hungrigen Artneusäckcl" zu legen, an verschiedenen Orten von Künstlers Hand geschaffene Bildsäulen Schillers aufzurichten, die dann,»cinenr dauernden Frcudenfeucr gleich, leuchten im Lande". Als ein weit größeres Denkmal erachtete er allerdings eine kritische und zugleich billige Ausgabe seiner Werke. Und hier stehen wir an einem Punkte, von dem ans die damalige Schillerfeier nur mehr wie eine Farce er- scheinen muß. Rudolf Gottschall hatte in gewissem Sinne recht, wenn er in oll den Festtaumcl, in dem Schiller als Herold und Hort der Freiheit, als Liebling des deutschen Volke« usw. gepriesen wurde, seine Brandrede gegen die„Abkehr von Schiller", gegen„eine ge- Wiste Verödung des inneren LebenS" schleuderte,„für welche die Schillerschen„Ideale" nicht viel mehr sind als die abgeblaßten Tapetenbilder eines FestsaalcS, der nur für besondere Feierlichkeiten geöffnet wird". Schiller war bis dato nur der Dichter für die„Ge- bildeten" gewesen. Aber wie sah es bei ihnen ans? Nicht um ein Haar bester als heute.„Es gibt große Kreiie der Gebildeten, denen die Dichtung"— Goethe und Schiller eingeschlosten—„ebenso fern liegt, wie etwa die Musik der Sphären; für andere wieder ist sie eine Sache der Schulbildung und der Mode geworden— wo aber wird sie anerkannt alS eine Macht, welche das Leben erfüllt und gestaltet?" Für solche Mißstände macht Gottschall den auf Gelderwerb gerichteten Sinn, die witzhaschcnd« kritische Nüchternheit, das selbstgefällige Spiel der Geister, die sich vor jeder Größe geniert fühlen, die notdürftige Einschränkung der Empfindung ans den Hausbedarf verantwortlich. Und bann malt er sich ans, welcher Enipfang dem Dichter, wenn er unter die Festfeiernden träte, von den Kathedcrästhetikern wie der Tageskritik, dem Theater wie der Zensur bereitet werden würde. Den Lyriker Schiller würde man als„Rhetoriker" ablehnen; den Dramatiker Schiller würden die meisten Bühnen, voran die höfischen, auf denen er ohnedies auch noch bis in unsere Tage hinein nicht viel mehr ist als ein„Mädchen aus der Fremde", ihre Pforten verschließen. Wie aber von der Schillerfeicr als einem„SiegcSfeste des Geistes", so war damals das eigentliche Volk mehrenteils auch vom kostspieligen Erwerb der Schillerschen Werke ausgeschlossen geblieben. 4- Der Cottasche Verlag besaß das alleinige Monopol der buchhandlsrischen Ausbeutung. Die ursprüngliche Schutzfrist war auf Betreiben Cottas und der Slbillerschen Erben durch einen auf alle vor dem S. November 1837 verstorbenen Autoren ausgedehnten Bundesbeschluß bis 1867 verlängert worden. 1850 lag also noch der Gedanke an eine billige Volksausgabe von Schillers Werken in weiter Ferne. Der Cottasche Verlag, der Millionen an Schiller verdient hatte, wollte nicht die geringsten Opfer für die Hundertjahrfeier bringen. Er lehnte eS sogar ab, den Abdruck der keine 500 Verse starken„Glocke" in einer besonderen Schillerfest-Ausgabe freizugeben, in einem Augenblick, da ein über- reich erhöhter Absatz einzelner wie der Gesanilwerke nicht bloß zn erwarten stand, sondern tatsächlich herbeigeführt wurde.,. So sah eS 1859 um die Schillerfeier aus I Wie steht's nun heute? Seit das moderne Drama alle Bühnen beherrschte, ver- schwand Schiller in der Rumpelkammer, um mit anderen Klassikern dann wieder„zum neuen Leben" erweckt zu werden. Gleichwohl würde man in der Annahme sehr irren, daß dieser Umschwung auch einer Bekennerschast zu Schillers Geist und Sweben gleich zu erachten wäre. Mit Nichten. Die Bourgeoisie hat sich nur mehr und mehr vom Realismus abgewendet, weil er ihr die sozialen Wehen und Kämpfe unserer Zeit wie in einem Spiegel vor Augen rückt. Es ist wahr: heute werden unzählige Hekatomben an Schiller- reden und Schillerartileln, an Bierrommersen und Apotheosen ge- opfert werden— aber alles wird nur wieder eine abgedroschene Phrase sein. Schiller wird jetzt wieder für alle schönen Dinge, als da sind: Gott, König. Vaterland und Geldsacksmoral herhalten niüsten. ohne daß die Festredner sich die Frage vorlegten: wer denn eigentlich Schiller sei und in welcher Beziehung er zur Gegen- wart stehe. Wie stellte sich der Dichter zu Freiheit und Kultur im Staate? Wer repräsentiert darin die höchste Gewalt? Welches soll das Ziel des Staates sein? Was ist Vaterlandsliebe? Geben wir Schiller selbst das Wort. „Freiheit und K u l t u r", so unzertrennlich beide in ihrer höchsten Fülle miteinander vrreinigt find und nur durch diese Ver- einigung zu ihrer höchsten Fülle gelangen, so schwer find fie in ihrem Werden zu verbinden. Ruhe ist die Bedingung der Kultur, aber nichts ist der Freiheit gefährlicher als Ruhe. Alle verfeinerten Nationen des Altertums haben die VllUe ihrer Kultur mit ihrer Freiheit erkauft, weil sie ihre Ruhe von der Unterdrückung erhielten. Und eben darum gereichte ihre Kultur ihnen zun, Verderben, weil fie aus dem Ver- derben entstanden war. Sollte den, neuen Meuschengeschlecht dieses Opfer erspart werden, d. i. sollten Freiheit und Kultur bei ihm sich vereinigen, so müßte eS seine Ruhe auf einem ganz anderen Wege als dein Despotismus empfangen. Kein anderer Weg war aber möglich als die Gesetze, und diese kann der noch freie Mensch nur sich selber geben." „Was die Untertanen erblicher Monarchien zuletzt ganz ver- gesten", ist,„daß es(das Volk) selbst die Quelle der höchsten Gewalt, daß der Fürst nur das Geschöpf der Nation ist"..Der Staat selbst ist niemals Ziveck, er ist nur wichtig als eine Bedingung, unier welcher der Zweck der Menschheit erfüllt werden kann, und dieser Zweck der Menschheit ist kein anderer als Ausbildung aller Kräfte des Menschen, Fortschreitung. Hindert eine Staatsverfassung, daß alle Kräfte, die im Menschen liegen, sich entwickeln; hindert sie die Fortschreitung de« Geistes, so ist sie v c r w er f l ich und sch ä d li ch.... Ihre Dauerhaftigkeit selbst gereicht ihr alsdann vielmehr zum Vor» wurf als zum Ruhme— sie ist dann nur ein verlängertes U e b e l; je länger sie Bestand hat, um so s ch ä d I i ch e r ist sie." An gleicher Stelle— in seiner Abhandlung über die Gesetz- gebung deS Lykurgus und Solan in Sparta— spricht sich Schiller auch in nicht mis�uverstebendcr Weise über den Unwert einer von oben herab gezüchteten„Vaterlandsliebe" aus.„Eine einzige Tugend war es, die in Sparta mit Hintenansetzung aller anderen geübt wurde: Vaterlandsliebe. Diesem künstlichen Triebe wurden die natürlichsten schönsten Gefühle der Menschheit zum Opfer gebracht. Aus Unkosten aller sittlichen Gcftihle wurde das politische Verdienst"— gemeint ist das militärische—„errungen, und die Fähigkeit dazu ausgebildet.... Eilte zärtliche Mutter ist eine weit schönere Erscheinung in der moralischen Welt, als ein herrisches Zwiitergeschöpf, das die natürliche Empfindung verleugnet, um eine künstliche Pflicht zu befriedigen"— womit Schillers oppositioneller Standpunkt gegen das rohe Kriegshandwerk und gegen den Hurra» Patriotismus in jedweder Form und Gattung besiegelt wird. Desgleichen ist Schiller ein prinzipieller Gegner de» T o d e S st r a f e als Sühne für ein schweres Verbrechen, so, wenn er den„Verbrecher aus verlorener Ehre", in der gleichnamigen Geschichte, am liebsten vor dem Galgen bewahrt sähe, damit jener Zeit und Gelegenheit fände, ein achtbares Leben zu führen. Präzis äußert sich aber der Dichter anderenorts:„Einen Menschen auS den Lebendigen vertilgen, weil er etwas BöseS begangen hat, heißt ebensoviel, als ciuen Baum umhauen, weil eine seiner Früchte faul ist". Doch wenn wir uns nun mit Schiller reiukünstlerischen Idealen zuwenden— wie verhält es sich z. B. mit seinen Anforderungen an die Schaubühne? Die Schaubühne ist nach Schiller eine Stätte, an der öffentlich Gerichtstag gehalten wird. Jbre Gerichtsbarkeit fängt an, wo das Gebiet der weltlichen Gesetze auf- hört.„Wenn die Gerechtigkeit für Gold verbündet und im Solde der Laster schwelgt, wenn die Frevel der Mäckligen ihrer Ohnmacht spotten und MenschcnfurÄt den Arm der Obrigkeit bindet, über- nimmt die Schaubühne Schwert und Wage und reibt die Laster vor einen schrecklichen Nichterstuhl. Das ganze Reich der Geschichte, Vergangenheit und Zukunft stehen ihrem Wink zu Gebot. Kühne Verbrecher, die längst schon im Staub vermodern, werden durch den allmächtigen Ruf der Dichtkunst jetzt vorgeladen und wiederholen zum schauervollen Unterricht der Nachwelt ein schändliches Leben.... So gewist sichtbare Darstellung mächtiger wirkt als toter Buchstabe und kalte Erzählung, so geWitz wirkt die Schaubühne tiefer und dauernder als Moral und Gesetze." Sie wirkt aber nicht blast durch„Rührung und Schrecken", sondern auch durch„SSerz und Satire". Sie„ist mehr als jede andere öffentliche Anstalt des Staats eine Schule der praktischen Weisheit, ein Wegweiser durch das bürgerliche Leben, ein unfehlbarer Schlüssel zu den geheimsten Zugängen der menschlichen Seele". Weiter„macht uns die Schau- bühne auf Schicksale aufmerksam und lehrt uns die graste Kunst, fie zu ertragen"... fie lehrt uns auch gerechter gegen den Unglück- lichen sein und nachsichtsvoller über ihn richten... Hier nur hören die Grosten der Welt, waS sie nie oder selten hören— die Wahrheit; was sie nie oder selten sehen, sehen sie hier— den Menschen. Kein geringeres Verdienst gebührt der besseren Bühne uni die ganze Aufklärung deS Ver stände«. Eben hier iy dieser höheren Sphäre weist der groste Kopf, der feurige Patriot fie erst ganz zu gebrauchen. Er wirst einen Blick durch das ganze Menschcngcichlecht. vergleicht Völker mit Völkern, Jahrhunderte mit Jahrhunderten und findet, wie sklavisch die graste Masse des Volkes an Ketten des Vorurteils und der Meiming gefangen liegt, die seiner Glückseligkeit entgegen- arbeiten.... Aber noch weiter will Schiller die Wirkungen der Schaubühne gesteckt wissen. Voir ihr herab sollen politische und gesetzgeberische Symbole leuchten. Kurz, die Schaubühne soll nach Schiller eine Widerspiegelung des gesamten nationalen Lebens fein, die Verkörperung der Devise: Alles durch das Volk, alles für das Volk. Und endlich soll sie das Herz der Welt sein, worin sich die ganze Menschheit verbrüdert, mein Geschlecht wieder auflöst. Und wenn wir nun vom Theater weg auf die S ch a n s p i e l e r sehen— wer hat sie in Deutschland emanzipiert, wer hat sie zur Würde der Künstlerschaft erhoben? Schiller I Er mutzte erscheinen, die Schwungkraft seiner Gedankenfülle mutzte den Schauspieler aus den Niederungen der Alltäglichkeit emporreisten. Un, dies zu vcrstcheit, braucht man sich nur das jämmerlich« Bühnen- repertoire jener Zeit, oder gar die erschreckend trivialeit Kunstan- schauungen selbst berühmter Theaterleiter und Mimen vorzustellen. Schiller hat das Theater zum Tempel gewandelt, die Bühne zu der geweihten Stätte, die— nach seinem eigenen Ausspruch— neben Lehrstuhl und Kanzel die Erziehung des Menschengeschlechts vollendet. Er hat den K ü n st l e r zum priefterlichen Verkündiger deS Schönen und Guten geweiht I Ueberall bestätigen seine Werke. waS er den Jüngern aller Künste zuruft: Der Menschheit Würde ist in Elire Hand gegeben l Bewahret sie l Sie sinkt mit Euch. Mit Euch wird sie sich heben I Hat das Bürgertum den wahren Schiller längst bergesien, tritt der Kapitalismus seine Ideale mit Fühen, so ist das P r o l e- t a r i a t es, das Schiller die Treue hält und in feinem Sinne Kunst und Kultur zu»nenschheitbcglückender Tat werden lassen will. Wohl war Schiller ein Sohn und ei» Säuger des aufsteigenden Bürgert»»,«. Aber er hat weiter geschaut, kühner gefordert und mehr erhofft als seine bürgerlichen Enkel. Die ansfteigende Arbeiter- schaft tritt sein Erbe an. soweit eS ihr ollein noch winkt. Wie Schiller alles Tatsächliche ergriff, alle Schmerzen seines Zeitalters durchlebte, so schafft heute die Arbeiterklaffe am groß- arligen Werke jener Zukunft, deren rötlich erstrahlende Gipfel der Dichter im Geiste geschaut hat. Er, deffen menschliches Sein, dessen ganzes Dichten und Trachten auf die Tat gestellt war, er. der „nmer die Freiheit gesucht, der sein Tun und Denken unter die Parole stellte: Festen Mut in schweren Leiden, Hilfe, wo die Unschuld weint, Heiligkeit geschwornen Eiden. Wahrheit gegen Freund und Feind, Männerstolz vor Königsthronen, Brüder, gält es Gut und Blut, Dem Verdienste seine Kronen, Untergang der Lügenbrut I er ist würdig, das Proletariat in seinen Kämpfen und Siegen mit seinen anfeuernden ermuligcnden Seher-Worten zu begleiten. Ernst KreowSki. Sdrillcr als Knrmnalprycbolodfe* ES wird niemanden wundernehmen, wenn man in den Tagen. wo die Aufsätze über„Schiller als.. oder„Scbiller und..' so ziemlich alle Seiten des menschlichen Lebens zu dem Dichter in Beziehung setzen, Schiller als einen Anhänger fortgeschrittenster humanitärer Tendenzen auch in der Rechtspflege anspricht. Als Schüler der Montesquieu, Voltaire, Rousseau koimte er sich aber nicht auf eine gefühlsmästiae, allgemeine Humanitätsidcologie be- schränken; er mutzte tiefer sehen, Einzelproblcme zu erforschen suchen, kurz, Kriminalpsychologie wenigstens als Dichter treiben. Bekannt ist das Gedicht von der Kindesmörderin, deren Anklagen gegen die Gesellschaft heute noch genau so aktuell find, wie leider die An- klagen der Gesellschaft gegen die Kindesmörderinnei». „Weib, wo ist mein Vater? lallte Seiner Unschuldstimme Donnersprach'; Weib, wo ist dein Gatte? hallte Jeder Winkel meines Herzens nach— Weh I umsonst wirst, Waiie, du ihn suchen, Der vielleicht schon andere Kinder herzt, Wirst der Stunde unsres Glückes fluchen. Wenn dich einst der Name Bastard schwärzt.� Weniger bekannt ist heute die Novelle vom„Verbrecher auS verlorener EhretjtaltPauI Singer ö-To..BerlinLV?.