Nnterhaltungsblatt des vorwärts Nr. 222. Sonnabend den 13 November. 1909 lNachdrock derbolen.Z 82] �Soldaten fem fcbön!" Bilder aus Kaserne und Lazaretk. Von Karl Fischer. Sie hatten gar nicht gehört, wie der wachthabende Arzt, zum Ausgehen gerüstet, in die Krankenstube getreten war. „Nun, wie stehts mit ihm? Hat er sich schon gerührt?" „Jawohl, Herr Assistenzarzt," antwortete Volter. „Geben Sie nur acht, daß er sich nicht viel bewegt. Er muß so liegen bleiben wie er liegt. Wenns nötig ist. halten Sie ihn mit Gewalt, aber ohne ihm weh zu tun." „Zu Befehl. Herr Assistenzarzt." „Ich»verde in einer Stunde wieder zurück sein. Wenn es mit ihm schliminer werden sollte, rufen Sie mich dann sofort von meinem Zimmer." „Zu Befehl.", Wohlwollend winkte er Bornemann ab, der ihm beim Weggchen die Tür öffnen wollte. Der Kranke lag immer noch in derselben Lage, mit aus- druckslosem, starren Gesicht. Geduldig warteten beide Schüler weiter, ohne ein Wort zu sprechen. Ihre ganze Aufmerksamkeit war auf den Kranken gerichtet. Es mochte halb sieben Uhr in der Frühe fein. Das Zwie- licht der Gasflamme und der matten, aufgehenden Winter- sonne beleuchteten des Daliegenden weißes Gesicht. Im Lazarett wurde es lebendig. Die Leichtkranken be- ganncn aufzustehen, und die Krankenwärter trugen die Früh. stücksrationen durch die einzelnen Stuben zu den Patienten. Volter und Bornemann vernahmen den wachsenden Lärm, der bis zu ihnen drang. Schrill ertönte die Küchenglocke, die sämtliche Wärter zur Küche rief, die Morgengetränke auszutragen. Nach einer Weile schien es wieder ruhig. Nur das dumpfe, fernklingende Geräusch der erwachenden Lazarett- insassen durchzittcrte leise summend die Luft des Zimmers, in dem Bornemann und Volter wachten. Beide standen immer noch neben dem Bett, die Augen auf den Liegenden gerichtet. Plötzlich entrang sich des Kranken Lippen ein entsetz- lich klingender Schrei, der beide im Innersten erbeben machte. Furchtbar mußte dieser Schmerz gewesen sein. Sein Gesicht war bis zur Unkenntlichkeit entstellt. Sie hatten Mühe, den Kranken ruhig zu halten. Fest griffen sie ihn links und rechts am Arm. Markerschütternd stöhnte und wimmerte er. Sein namenloser Schmerz mußte seine Kraft bis ins Riesenhafte gesteigert haben. Beide wandten ihre ganze Stärke beim Halten an und konnten es doch nicht verhindern, daß er sich eininal auf die Seite wälzte. Durch diese Bewegung lvurde die Qual des Aermsten nur noch größer. Heiser brüllte er, und»vie iin Wahnsinn suchte er sich von den Schülern zu be- freien. Diese griffen fest zu und drückten ihn aufs Bett zurück. Entsetzen packte beide Schüler, als der Kranke sich mit Riesenstärke aufrichtete und Volter vor Schmerz in den Arm biß, daß er blutete. Vor Schreck ließ dieser einen Moment los. Bornemanns Kräfte reichten in diesem Moment nicht aus, den Mann zurückzuhalten. Mit Gewalt drängte dieser ihn zurück, der sich aus Leibeskräften anstrengte, den Kranken zurückzuhalten. Der Gefangene war schon aus dem Bett. Wahnsinn in den Augen, stand er im Hemd vor Bornemann und drängte ihn zurück. Wie Volter den Kranken außer Bett mit seinem Kameraden ringen sah, ließ er feine Wunde bluten, sprang gleich hinzu und suchte Boruemann zu unter- stützen. Ein heißes Ringen entstaird. Beide Schüler keuchten bor Anstrengung. Volter hätte gern Hilfe herbeigerufen, aber diese Situation gebot ihm. das Zimmer nicht zu verlassen. Beide fühlten den ausgebrochenen Wahnsinn des Kranken, der sie mit unheimlicher Kraft bis in die Mitte der Stnbe gedrängt hatte. Schwer keuchte auch der Kranke und krallte sich mit den Händen in die Kleider seine« Pfleger ein. Plötzlich durchfuhr ein krampfhaftes Zucken den Gs- fangenen. Mit Aufbietung seiner letzten Kraft klammerte er sich an die Schüler und mit einem matten Aufschrei brach er zusammen. Einen Augenblick standen die zwei Sanitätssoldaten wie festgebant. Tief holten sie nach der Anstrengung Atem. Volter war der erste, der wieder völlig zur Besinnung kam, Nasch entschlossen faßte er den Kranken an— Bornemann half ihm— und zusammen trugen sie ihn auf fem Lager zurück. Volter suchte gleich nach dem Pulsschlag— aber der« gebens. Sein Atem hatte aufgehört. „Renne sofort zum Arzt, einerlei zu welchein, und meld» ihm den Todl" rief Volter dem bleichen Gesichts dastehenden Bornemann zu, der sich eben den Schweiß von seinen Wange» wischte. So ereignisreich das Lazarettleben für die Sanitäts- soldaten auch»var, verging ihnen die Zeit doch noch zu lang» sam. Oft wurden am Reservekalender die noch zu dienenden Tage gezählt. Für alle war es nach jeder Woche ein großes Fest, wenn wieder für sieben Tage zugeklebt lourde. DaI Klebeamt war eine besondere Vertrauensstellung, zu der Bornemann einstimmig gewählt worden war. Das Kaien- darium hatte die Form eines Reservisten, auf die genau daS Bild eines Reservemannes paßte. Dieses Bild hatte Borne» mann im Besitz, und waren wieder sieben Tage vergangen, schnitt er ein Stück von der Figur ab und klebte es auf den Kalender. Bei dieser Feierlichkeit waren felbswerständlich die meisten Schüler anwesend. Der Kopf und die Brust prangten schon in herrlichen Farben auf dem Kalender an der Wand. Ein Stück vom be- droddelten Reservistenstock war auch schon zu sehen. Bornemann schmunzelte, sobald er einen Blick auf di» halbe Figur warf. Dabei dachte er an den Tag der Abreis» aus der Garnisonstadt, in die Heimat— Hamburg! Dia Elbe! Das Meerl Den Zivilanzug wollte er sich schon zwei Monate vorher schicken lassen und in sein Spind hängen. um ihn jeden Tag vor Augen zu haben. Jeden Abend vor dem Schlafengehen wollte er dann einen Blick auf sein Herlig« tum werfen, um richtig einschlafen zu können. „Mensch! Sonappl Du brauchst Dir natürlich keinen Zivilcmzug schicken zu lasten. Du bleibst doch hier! Bei Di» heißt es doch: Parole e»vigl" Das war die größte Beleidigung, die er ihm sagen konnte. Denn das Kapitulieren»var bei jedem alten Knochen verhaßt. Wenn einer sich auch»uit der Absicht trug, Unter- offizier zu rverden, wagte erS doch nicht auszusprechen. Denn er mußte der giftigsten Hänseleien seiner Kameraden ge« wärtig fein. Das Wort Unteroffizier war bei allen Ge» meinen verpönt. „Vielleicht wirst Du Kohldampfschieber, aber ich nicht P antwortete Sonapp wütend.„Denn die am meisten vorheH das große Maul haben, bleiben am ehesten beim Militär!" „Wenn Du das erlebst, kannst Du mich»mt Steinen schmeißen. Ree. Mensch, ich sortiere meine Zigarren. Da verdiene ich mehr und bin ein freier Mann." „Hast Du schon eine Liebste?" fragte ihn Böhlicke. „Und ob. Mensch! Meinst Du, ich laufe immer so Solo herum?" „Die hilft Dir wohl bei den Giftnudeln?" „Nee, Kollegel— Dafür nudelt sie michl Solltest mal sehen, wenn sie mich packt!" „Packst Du sie nicht?" Das Anbringen seines beliebten Schlag»vorts rief jedeS« mal allgemeine Heiterkeit hervor. „Aber natürlich I Ich Hab sie schon einmal� so gepackt. daß es ihr ganz merk»vürdig im Leib geworden ist." „Na— und dann?" „Dann?— Nach einein Jährchen sollte ich Alimcn» zahlen." „Mensch, Bornemann, da haste das Zeug aber ordentluH gepackt!— Was ist denn nun weiter geworden?/* .Dann kam ich zum Militär— und wenn ich frei bin, werden wir heiraten." .Was ist es denn? Ein Junge oder ein Mädel?" „Ein Junge, Kollegel" Das war für alle neu, daß Bornemann schon Vater war. Gar nicht zugetraut hätten sie ihm so was� Unwillkürlich stieg er in ihrer Achtung. Fast allabendlich nach dem Dienst saßen die Schüler auf ihrer Stube und unterhielten sich bis zum Schlafengehen. Das große Wort führte bei diesen Sitzungen Bornemann. Alle hatten seine witzige Redeweise gern. Selbst Sonapp, der gewiß Grund hatte, ihm zu grollen, lachte herzlich mit. lFortseyung folgt.) Das für JVIecrcskimdc. ii. Im Obergcschoh, das wir heute besuchen, wird dem Beschauer das Herz aufgehen über die Fülle des sozial interessanten Mate- rials. Wir sehen das kleine Menschenkind im Kampf mit Wind und Wellen, oft als hilflos besiegten, aber öfter noch als starken Bezwinger. In Raum I werden die wichtigsten Typen der Segelschiffe vorgeführt, die auch heute nur allmählich und widerwillig dem Dampfer den Platz räumen. Da sind Kutter, Schoner, Brigg und Vollschiff nebst ihren Zwischenformen. Sie unterscheiden sich nach Gestalt, Takelung und Reisezweck. Der neu- zeitliche Sprccathener, der ja den Sommer über halbwegs die Wasserratte spielt, wird die Modelle nicht ganz mit fremden Augen betrachten. Der Raketenapparat führt uns gleich zu dem Jammer des Schiffbruchs. Vom Lande aus schießt man zunächst eine Leine nach dem festsitzenden Wrack hinüber, damit wird das stärkere Joll- tau nachgeholt, das wiederum fiir das eigentliche Rettungstau als Läufer dient. Eine sogenannte Hosenboje, die gerade einen Menschen fassen kann, läuft nun zwischen Strand und Wrack hin und her. Bedingung des Gelingens ist vor allem, daß die Raketen- leine beim Schuß glatt abgewickelt wird. Sie liegt zu dem Zweck in einem besonderen Kasten vorsichtig aufgerollt. Für den, der nie die stürmische See sah, mag bemerkt werden, daß sich Rettungs- boote im flachen Brandungswasscr nicht bewegen lassen; außerdem aber schlägt die wütende See das Boot am Schiffsbord leicht in Stücke, und jede Minute ist kostbar, weil ein vollbeladenes und fest- sitzendes Schiff, das nicht mehr vom Wasserdruck gehalten wird, in kurzem aus den Fugen bricht. Dann hebt das Meer die tückische Faust und schlägt den Rest kurz und klein. Zur Seite des Appa- rates steht in voller Fagur einer jener Braven von der Rettungs- Mannschaft. Oelanzug und Korkweste sind sein ganzes Rüstzeug; dazu ein nerviger Arm und ein sicherer Blick. Das Glanzstück der oberen Sammlung ist wiederum ein Hasenmodell, diesmal aber eins der friedlichen Arbeit. Es ist ein Teil der Hamburger Anlagen im Verhältnis von 1: 100(Raum 2). Auf dem Reiherkai(quer) steht das Verwal- tungsgebäude der Hapag, an der Ecke nach dem Auguste Victoriakai zu die elektrische Zentrale, deren Turm eine von der Sternwarte regulierte Signaleinrichtung zur Chronomcterkontrolle besitzt. Die ausfahrenden Schiffe bedürfen zur Ortsbestimmung,&. h. um sich auf der weglasen See zurechtzufinden, einer genau gehenden Uhr, die stets die richtige Hamburger oder Grcenwicher Zeit zeigt. Zur bestimmten Sekunde gleitet also der Signalball am Mast herunter, und die Schiffer stellen ihre Uhr danach. Den Kai entlang erstreckt sich das Schuppcngebäude und davoe die Reihe der Halbportalkräne, von denen jeder 301X1 Kilogramm hebt. Ein liebenswürdiges Teufelchcn Asmodi hat uns das Schuppendach, zum Teil aufgc- klappt, so daß wir auch die Jnnenräume inspizieren können. Wir sehen, daß hier eine Sortierung und vorübergehende kurze Lage- rung der mannigfachsten Güter beim Austausch zwischen Schiff und Eisenbahn stattfindet. Am Kai liegen die Dampfer„Patricia" und„Blücher", quer die„Prinzessin Victoria Luise" und an den Dukdalbcn(Pfahlgruppcn) der Mittellinie„Abessinia" und„Rhe- nania". Am Kohlcnkai ist ein Eimerbaggcr tätig, und Leichter werden unter dem Kohlenkipper beladen. Ein Schlcppzug mit be- ladcncn Kohlenleichtcrn fährt gerade unter der Eiscnbahnbrücke durch den Leichterkanal; oben drüber fährt ein Eisenbahnköhlenzug, von dem die Schiffe die Kohlen auf dem Gleis zwischen Schuppen und Kai direkt entnehmen werden. Die„Prinzessin Victoria Luise" ist reparaturbedürftig; der Hammerkran, der 20 Tonnen bewältigt, hebt ihr gerade das Oberlicht ab; neben ihm liegen Kessel und andere Maschinenteile. Außen an Bord arbeiten Anstreicher und Rostklopfcr. Die Schornsteine werden neu gemalt. In der Takelage sind Matrosen beschäftigt, und am Bug prüft eine Schute die Ankerkette. Die Ladung der„Patricia" ist zum Teil schon ge- löscht und wird durch Rollwagen, Bahn, Schute» und Oberländer Kähne zu Wasser und zu Lande abgefahren. Ein Getreideheber hängt seine Saugrohre durch die zweite und dritte Luke hinunter und löscht in den daneben liegenden Kahn. Die Kräne setzen die Ladung auf die Rampe ab. von Ivo sie durch Radkarrcn zum Schuppen gebracht werden.„Blücher" hat am Vormast das Sternen- banner gesetzt, da er noch heut nach New Dork in See sticht. Zwischen den Masten führt er Einrichtung für Fumentelegraphie. Sein Schuppen ist fast leer, denn er hat nahezu fertig geladen. Eiligst wird noch von einem Leichter durch die vordere Luke die letzte La- dung eingenommen und vom Frischtvasserboot Wasser gevumpt. Schon naht sich der Raddampfer„Willkommen", um die Passagiere zu übergeben. Born an Steuerbord der„Abessinia" übergibt ein Dampsleichter Stückgut und ein Oberländer Kahn Salz in Kipp- kübeln. An der„Rheriania" ist das Taucherboot bei der Unter- suchung der Schrauben beschäftigt; aus dem Oclboot wird Maschinenöl genommen. Dazwischen: Barkassen, Jnspektionsboote, Tender, Schleppzüge, Verkehrsboote. Güterzüge, Frachtwagen usw., das ganze, aus der Vogelschau gesehen, ein reizvolles, fast künst- lerischcs Bild menschlicher Betriebsamkeit. Im gleichen Raum steht ein Modell eines Riesenkrans von loOlXXI Kilogramm Tragfähigkeit; er trägt keinerlei totes Ge- wicht auf dem kurzen Auslcgearm, vielmehr fungiert er so, daß die eine Laufkatze immer als Gegengewicht sür die andere belastete Katze dient. Der Kabeldampfer dient ganz besonderen Zwecken. In seinem Innern, das hier leider nicht sichtbar gemacht ist, birgt er in großen Tanks das aufgewickelte Kabel, das über die Leitaugen an Deck auf den Grund des Meeres hinabgelassen wird. Man sieht an den großen Winden mit den starken Bremsvorrichtungen, daß es sich hier um außergewöhnliche Funktionen handelt. Diese Dampfer dienen auch zum Aufholen der schadhaft gewordenen Kabelstellen, deren geographische Lage man ziemlich genau berechnen kann.— Der Petroleumtankdampfer ist ein weiteres Spezialschiff. Man pumpt das Petroleum einfach in den Hohl- räum, wodurch die Fässer gespart werden, die ja früher manchmal — lang ists her und vor der Zeit der Oeltrusts— mehr gekostet haben sollen als das Oel in ihnen. Diese Tankmethode setzt sich heut zum Teil bis vor die Tür des Konsumenten fort. Tankfluß- damvfer kommen täglich in Berlin an und geben ihren Inhalt auf Tanks ab, die am Spreeufer stehen. Ja man sieht sprengwagen« ähnliche Tanks auf Rädern vor den Berliner Seifengeschäften lie- fern. Die Methode ist nicht gefahrlos; deshalb liegt z. B. bei dem Dampfer, wie man am Schornstein sieht, die Mascküne ganz am Ende und vor ihr noch erst der Kohlenraum.— Der Eisbrecher ist so konstruiert, daß er sich mit dem Vorderteil auf die Eisdecke hinaufschiebt und sie durch sein Gewicht eindrückt.— Das Feuerschiff liegt als leuchtender Wegweiser an solchen Stellen der Fahrstraßen verankert, wo sich feste Leuchttürme nicht bauen lassen. Es besitzt starke Scblingerkicle und besonders günstige Gewichts- Verteilung, um der Mannschaft den Aufenthalt gegenüber den un- mäßig starken Bewegungen des Schiffes wenigstens einigermaßen leidlich zu gestalten; auch wäre ein heftig bewegtes Licht nur schwer in seiner speziellen Art zu erkennen. Und gute Kennung ist wichtig bei der Mannigfaltigkeit der Feuer.— Ein Oelgemälde zeigt die pittoreske Ausfahrt des Senkkastens zum Fun- damentbau des Rote-Sand-Leuchtturms. Zwei Tage dauerte es, bis das Riesenmöbel auf die Baustelle geschleppt und hier durch Wassereinlassen auf den Grund gesetzt war. Der Kasten wurde dann durch Luftdruck bis 22 Meter unter Niedrigwasser versenkt und ausbetoniert.— Die unmittelbare Be- Zeichnung der Fahrstraßen geschieht durch Baken und Bojen. Baken sind feste Zeichen, also entweder am Lande oder im Grunde des Wassers errichtet. Ihre Form ist manchmal ziemlich seltsam; die Hauptsache ist, daß sie sich gut vom Hintergründe abheben. Der Schiffer mutz halt wissen, was die und die Bake zu bedeuten hat. Wer fremd ist. braucht deshalb einen Ortskcnner, d. h. einen Lotsen, um hineinzukommen in den schirmenden Hafen, wo sich die Wellen nun weiter draußen am Wellenbrecher die Gischtköpfe zer- schellen mögen. An dem Modell der Kaiserfahrt von Swine- münde, die mancher von der billigen Spritztour her kennen wird, sieht man, wie die Bebakung und Befeuerung einer Fahr- straße durchgeführt wird. Die Lämpchcn an dem Modell brennen (im Verhältnis natürlich viel zu groß), und zwar in der verschieden- artigsten Weise: einfach, farbig, fest, als Blickfeuer usw. Alles hat seine Bedeutung. Für die Einfahrt von See oder vom Haff her gibt es auch besondere Richtungsbaken und Richtungsfeuer. Wenn das Schiff im richtigen Kurs steuert, muß das hintere und höhere Oberfeucr senkrecht über dem vorderen und niedrigeren Unter- feuer erscheinen. Unsere Rudervereine auf der Spree haben solche doppelte Richtungsbaken übernommen zu dem Zweck, um eine ge- rade Startlinie herzustellen. Ist der Sturm so schwer, daß kein Lotse abkommen kann, so gibt man den Schiffen mit der Windbakc Zeichen: die Bakenrute mit dem Ball wird bei falschem Kurs jedesmal nach der Seite geneigt, nach der der Kurs verbessert werden soll. So tritt die uralte stumme Gebärdensprache wieder in ihr geheiligtes Recht. Die Betonnung der Straßen geschieht durch die schon erwähnten Bojen, die im Gegensatz zu den Baken schwim- mende Seezeichen sind. Wir haben sie in Gestalt von kleinen Fässern und Balken auch auf Spree und Havel. Besonderheiten sind hier die Leucht- und Glockcnwnnen, von denen nian gleichfalls Modelle findet; ferner gewisse Bojen, die bei stürmischer See in- folge der in ihrem Mantel zusammengedrückten Lust entsetzlich zu heulen beginnen, wie es Strindberg in seinem Roman„An offener See" so schaurig-fchön beschrieben hat.— Die Leuchtfeuertechnik bedient sich heut meistens des Petroleumglühlichtappa- rates, nachdem man vordem alle möglichen Lichtarten durchprobiert hatte. Das Licht wird durch Linsensysteme in der mannigfachsten Wcise konzentriert oder in Bündel zerlegt. Bemerkenswert ist der Fresnelsche Gürtelapparat, der sein Licht als festes Feuer ständig über den ganzen Horizont sendet. Ein Scheinwerfer, der ein ein- ziges Bündel Lichtstrahlen entsendet, mutz sich natürlich um sich selbst drehen, um den ganzen Horizont zu bestreichen. An jedem Punkte drautzen auf dem Meere wird demnach ein Blitzfeuer auf- leuchten und danach wieder eine gleichmäßig lange Pause der Dunkelheit eintreten. Man kann auch die Strahlen so ausschicken, daß ein„Lcitfeucr mit zwei Warnsektoren" entsteht. Das Schiff mutz dabei seinen Kurs im Bereich des festen Feuers halten. So- bald es rechts oder links abweicht, sieht es das feste Feuer in Gruppen- blitzfeuer mit zwei Blitzen übergehen, wird daher gewarnt und kann in die Fahrstraße zurückkehren. Alle diese komplizierten Unterschiede sind nötig, weil der ganze Küstenkaum derartig befeuert ist, daß man von jedem Punkte aus mindestens ein Feuer erblickt. Wegen der Vielheit der Feuer werden also so viele unterscheidende Kenn- zeichen gebraucht, sonst wäre ja die Orientierung illusorisch, wenn der Schiffer nicht auf den ersten Blick sagen könnte, dies ist das Feuer von Helgoland oder vom ersten Elbschiff. Außer den Hauptpunkten, die wir hier nur zur Anregung hervorheben konnten, wird der Besucher noch viel des Studierens- werten selber ausfindig machen. Es bleibt noch zu besprechen die Hochseefischerei und das Leben in der Meerestiefe nebst den Appa- raten, die es uns kennen lehrten. tNaSvruck vertatea.) Die Mocke, die Tage und ihre)Vamcn» Von H. M. Elster. Gedankenlos gebranckit man zur Bezeichnung der Tage ihre Namen, ohne sich Rechenschaft darüber abzulegen, woher fie stammen, wie sie gerade in dieler Reihenfolge zmammengekommen sind; gedankenlos folgt man dem Laufe der Woche und nimmt es als selbstverständlich bin, daß fie sieben Tage umfaßt, nicht einen Tag mehr oder weniger, daß die Wochen ununlerbrochen sich folgen und weder Neujahr, noch Weihnachlen, now andere Feste aus einem Sonntag einen Freilag, oder aus einem Monrag«inen Dienstag machen. Die Gedankenlosigkeit wird noch dadurch unierstützl, daß man auf der ganzen Welt, überall, wohin des Europäers Fuß nur gelangt ist, die europäische Woche als die herrschende vorfindet, die femzehn- oder nenn-Tage-Woche aber als eine Willkür der Ein- geborenen hinnimmt. Dem ist aver nicht so. Auch wir haben früher andere gäblunftsarren gehabt, noch bis in die neueste Zeit hinein; man denke nur an die französische Revolution, die die Deco de ein- führte, am b. Oktober 1733. und jeden Monat in drei Decaden zcr- fallen ließ, deren einzelne Tage Zahlnamen erhielten: ldrimicki, Dusdi, Tridi, Quartidi, Quintidi usw. Langes Leben hatte diese Neuerung ja nicht. Napoleon hob sie wieder auf; am S. Sep- tember 180ö wurde durch Senatsbeschluh die Rückkehr Frankreichs zum gregorianischen Kalender und zu den alten Wochentagsnamen für de» l. Juni 1806 wieder angeordnet. Wir winen nun wohl, daß unsere Siebenerwoche nicht anf eine willkürliche Zählung zurückgeht, sondern auf eine alte astrologische Sitte, je einen Wochentag nach einem der sieben Planeten zu be- nennen. Es stehen sich also ein Nu m era l- System und ein P l a n e t a r s y st e m gegenüber; beide sind religiösen Ur- sprungS, denn die planeiarifche Woche entstammt dem astrologischen Polytheismus, die Numerale dagegen dem Monotheismus. Dieser scharfe Ursprung verlor aber bald seine scharf unterscheidende Be- deutung, so daß in nur ganz seltenen Fällen die Wochenreibe eines Volkes ganz planetar oder rein zählend geblieben ist. Die Systeme gingen eben ineinander über oder wurden initeinander ausgetauscht, und nach Dr. W. Oehl bestehen in Java drei verschiedene Systeme: die alte malayische Fünferwoche, die indische und die arabische Siebenerwoche. Und mir letzterer Zahl ist der Begriff„Woche" auch unlöslich verbunden, soweit eben die hepradische sSiebener) Woche verbreitet ist, waS allein für die germanische» Vezeichnungcn nicht gilt und die starke Selbständigkeit unserer Ahnen beweist. Das Wort.Woche" ist nämlich altgermanisch und wurde im Sinne von bestimmten, festen Zeitabschnitten angewandt, wobei an die oerti dies.-lostg!eit während der Sominers- zeit auf Lachse befischen. Gegenwärtig geben die englischen Eport- fischer in Norwegen jedes Jahr ungefähr 4 Millionen Mark für Lachssischerei ans. Sicher ließe sick der Lachsbcstand auch in an- deren Ländern durch einige Sorgfalt wieder in die Höh« bringen. denn es liegen Beweise dafür bor. daß sich der Ertrag des Ln.ds- fange« bei geeigneter Schonung bald wieder steigern läßt. Daß bis- her so wenig für den Lacks geschieht trotz der Anerkennung, die er wol>I in aller Welt als Speisefisch genießt, erklärt Artur Hutton in der„Allgemeinen Fischereizeitung" daranö, daß man noch immer viel zu wenig von der Lebensgeschichte de» Lachse« überhaupt weiß. DaS ist um so weniger zu rechtfertigen» als die Schuppen des � Lachses in merkwürdiger Vollkommenheit das Mittel geben, diese 1 Verantw. Redakteur: Richard JVnch, Verlin.— Druck u. Verlag:! LebenSgeschichke zu studieren. Die Lachse steigen� zum Wände« ebenso wie die Aale in den Flüssen aufwärts. Sie steigen mög» lichst hock hinauf und legen dort ihre Eier ab. Die kleinen Lachse wachsen in den Bächen auf und wandern, nachdem sie eine gewiss« Größe und einen schönen Silbcrglanz erworben haben, wieder nach dem Meere hin. Wie lange sie fich dort aufhalten, ehe sie dann zur Ausübung des Fortpflanzungsgeschäftes ihrerseits in die Flüsse steigen, war bisher nicht bekannt. E« ist nun interessant und wichtig, daß man von den Schuppen bei genauer llntcrsuchung vieles ablesen kann, was sich unmittelbar gar nicht beobachten läßt. Die Schuppen zeigen bekanntlich sogenannte Jahresringe, die denen der Baumstämme ganz ähnlich sind und regelmäßig abwechselnden Zeiten von schnellerem und langsamcrem Wachstum entsprechen, die natürlich wieder mit der größeren oder geringeren Rcichlichkeit der Nahrung zusammenhängen. Da nun die Nahrung gewöhnlich im Fluß weit spärlicher zur Verfügung steht als im Meer, so kann man ans der Beschaffenheit der Schuppen zunächst erkennen, wie lange sich der betreffende Fisch in den Flüssen aufgehalten hat und in welchem Alter er ins Meer hinausgewandert ist. So lehrt z. B. die Betrachtung einer Schuppe von einem bestimmten Lach«, daß er im Alter von zwei Jahren ins»Reer geschwommen und dann einig» Monate darauf gefangen worden ist. Fristet er sein Leben auch im Meer längere Zeit, ohne den Nachstellungen deS Menschen zum Opfer zu fallen, so bilden sich die Schuppen weiter in der Weise aus, daß man an den Ansatzringcn die Zeiten besserer und schlcch» terer Ernährung erkennen kann. Da auch im Meer der Winter die Zeit des Mangels zu sein Pflegt, so werden diese Ringe wiederum zu einem Maßstab des Alters. Daraus kann man loeitcr entnehmen, daß sie im Alter von vier bis höchstens sechs Jahren zum Laichen in die Flüsse wieder hinaufsteigen. Dort gehen sie entweder durch Fang oder durch Erschöpfung zugrunde oder gelangen im besten Fall»ochmal in das Meer zurück, um sich dann wieder z» völliger Gesundheit zu erholen und weiter zu cnt» wickeln. Tic Zeit der Anstrengungen und Entbehrungen während de» Aufenthalt» in den Flüssen läßt fich aber wiederum an den Ringen der Schuppen aufs deutlichste ablesen. Technisches. Die Einschienenbahn. I» den Ausstellungshallen am Zoologischen Garte» wird in diesen Tage» der Einschienenbahll» wagen, der für das Sckerlicke Scknellbahnsyslem die Grundlag» bildet, in einem Probebetriebe vorgestihrt. Die Idee der Cinschienen» bahn ist nicht neu. Schon im Jahre 1899 wurde vou einem eng» tischen Ingenieur Behr ein Plan ausgearbeitet, Liverpool und Man- chester»nt einer solchen Einschienenbahn zu verbinden, die mit 179 Kilometer in der Stunde lausen sollte. Auf der letzten Brüsieler Weltausstellung war auch eine Probestrecke nach diesem System im Betrieb, die eine Geschwindigkeit von 139 Kilomet« in der Stunde entwickelte. Ein zweites Einschienenbahnsystem, von deni auch ein kleiner Probewagen ausgeführt wurde, war daS deS Engländers Louis Bcennau. Eine Anwendung im prattiichen Betrieb bat bis jetzt keines der Systeme gefunden. Die Anhänger dci Einschienenbahn behaupten: wegen der natürlichen Trägheit deS menschlichen Geistes, der sich allem Neuen entgegenstellt: die vor- nrteilslosen Beurteiler: weil da? System nicht genügend betrieb«- sicher und vorteilhast ist. Es ist zweiselhafl, ob die Berliner Versuch« dieses Urteil umstoße» können. Nicht vielleicht deshalb weil der Wagen bei den öffentlichen Fahrten fast öfter versagt hat als ge- fahren ist. DaS kann auch auf die Tücke des Objekt? zurückzuführen fein. Molordefekte besagen noch nichts. Aber es ist uuinöglich. aus der Talsacke. daß ei» kleiner Wagen, der vielleicht vier Personen fasien kann und nicht schneller fährt, als ein erwachsener Mensch geht, den Schluß zu ziehen, daß dies System für eine Vollbahn mit Geschwindigleitcn vou 299 Kilometern da» Ideal darstellt. D« LcriuchSwagen, Gyrowagen genannt, hat Räder, die nur in d« Mittelachse de» Wagens angeordnet sind, sodaß der Wagen nur auf einer Schiene läuft. Die Räder dcö Wagens werden durch direkt eingebaute Elektromotoren angetrieben. In der Mitte des Wagens befindet sich, in eurem Gehäuse eingc schloffen, ein von einem kleinen Eleklromotor angclriebcncr Kreisel, der mit 8999 Umdrehungen in der Minute itra seine Achse rotiert. Dies« Kreisel dient dazu, daS Gleichgewicht des sonst kippenden Wagens ausrechtzuerhalten. Seine Lage wird je nach de» Schwankungen des Wagens durch einen kleinen Präzifionsapparat, der gewissermaßen die Seele des Wagens bildet, automatisch verändert. Der Kreisel bringt den Wagen dann immer in die Gleichgewichtslage zurück. Bleibt der Wagen stehen, so muß. falls der Kreisel nicht läuft, ab- gestützt werden. Beim Versuchswagen geschieht es durch primitiv« Holzböcke, beimwirklichenBerrieb soll es durch kleine Stützräder geschehen. Derganz offene Modellwagen, der ungefähr fünfMetcr lang und nichlviel mehr als ein Meter breit ist, sieht wie einer der ältesten offenen Eisen- bahnwagen aus, der auf den Kiel eines Bootes gesetzt ist. Di« Vernichs sind wohl nicht für viel mehr als einen cxperin:enlelle» Nachweis für ein theoretisches Problem anzusehen. Eine Lösung der Vollbahnfrage bedeuten sie nicht, da man alle die gerühmten Vor» züge des EiufchiencnsystemS: die große Sicherheit, das ruhige er- erschütterungsfreie Fahren, die Geräuschlosigkeit usw.(alles natürlich j bei großen Geschwindigkeiten) an diesem Wagen nicht erproben i kann. Stfcu Borwärr» Bitchdruckerei u.BerlegtanstaltPcml Singer llcCo..Berlin LV?.