Mnterhaltungsblatt des Vorwärts Nr. 228. Mittwoch den 24 November. 1909 88] (Nachdruck verbalen.) !" „Soldaten fein febön! Bilder aus Kaserne und Lazaretk« Von Karl Fischer. ,.Es kommt darauf an!" antwortete dieser.„Vor allem, wie es den Spinner verletzt hätte. Dann»väre er vielleicht bei schlimmerem Ausgang unter fünf bis zehn Jahren nicht weggekommen." „Wenn man bedenkt, durch einen Schlag fünf bis zehn Jahre!— Wie lange mußte Polowsky sitzen?" „Fünf Jahre," antwortete der lange Buchner. „Wie ist das eigentlich mit dem?" erkundigte sich Pröhl. >,Erst war er geisteskrank, und nun soll er einem Zivil- gefängnis überwiesen werden, bis seine Strafe zu Ende ist? 2)as kann ich mir Bar nicht denken." „Ja, das möchte, ich auch wissen!" sagte Sonapp.„Wenn er krank ist, warum muß er dann noch seine Strafe absitzen? Als militäruntauglich ist er anerkannt und kommt nicht mehr zu seinem Triwpenteil zurück— aber zum Abbrummen ist er gut genug." „Der hat's beim Kommiß traurig gehabt! Jetzt hat er's wenigstens hinter sich. Das Zivilgefängnis ist ihm lieber, als wenn er wieder in seine Kompagnie müßte." „Ich hätte auch ein Jahr Zivilgefängnis meinem ersten Dienstjahr vorgezogen!" rief Pröhl. Wie Volter vermutet hatte, ließ sich Sergeant Schneide.' mit ihm immer mehr in intime Gespräche ein. Auf einer im Garten versteckt liegenden Bank saßen beide und unterhielten sich. „Was sind Sie vorher gewesen, Herr Sergeant,, ehe Sie zur Unteroffiziersschule kamen?" „Ich wollte erst Tischler werden, aber mein Vater gab das nicht zu. Der wollte mich gleich los sein, nachdem ich mit der Schulzeit zu Ende war. Mein Vater war Witwer, wollte mich versorgt wissen und steckte mich in die Unteroffiziers- schule." „Also sind Sie unfreiwillig dazu gekommen?" „Zuerst ja. Aber wenn man so jung ist und so uner- fahren, lebt man in den Tag hinein, ohne viel an die Zukunft zu denken. Wenn man dann nichts sieht und nichts weiter hört als Militär, verwächst man so eng mit dem bunten Rock, man merkt es gar nicht." „Aber da Sie sich doch nicht selbst diesen Beruf gewählt haben, müssen Sie sich doch nie recht wohl gefühlt haben?" „Ich kenne einfach kein anderes Leben. Wenn ich Zivi- listen gesehen habe, erschienen die mir wie aus einer fremden Welt, die ich wenig verstehe.— Es sind wohl Momente gc- kommen, wo ich mich fragte: wozu das alles? Manchmal war mir das ganze Dasein verhaßt. Und dann rief einen der Dienst. Der sorgte schon dafür, daß man keine über- mutigen Gedanken faßte. Man tröstet sich auch auf das Ende der Dienstzeit. Nach zwölf Jahren ist man ja Militär- anwärter." „Da sind Sie also seit Ihrer Kindheit nie frei gewesen? Daß Sie tun' konnten, was Sie wollten?" „Nein. Ich habe auch keine Sehnsucht danach gehabt. Ich weiß die Freiheit nicht zu schätzen, weil ich sie nicht kenne. Solche Wünsche unterdrückt auch das Militärleben. Man hat kapituliert, und da gibt's nichts dagegen. Ich weiß nicht, woher ich die Meinung habe, ob ich sie mir selbst angeeignet habe oder ob sie mir gegeben worden ist durch das militärische Leben. Mir kam es immer so vor, als ob die Freiheit im Zivilleben gar nicht so beneidenswert wäre. Wenn alljährlich die Rekruten kommen, macht man sich ganz eigene Vor- stellungen von deren Freiheit." „Sie haben sich schon zu sehr in den Militärzwang hin- eingelebt!" „Kann sein, daß es so ist," antwortete der Sergeant, vor sich hinblickend. „Was müssen Sie seit Ihrer Kindcrzcit für ein Leben gehabt haben! Ich stelle mir das grauenhaft vor. Das sind doch die schönsten Jahre Ihres Lebens gewesen! Die Herr- lichste Zeit des jugendlichen Uebermuts kennen Sie gar nicht. Sie kennen nur Abgeschlossenheit, Zwang. Immer gehorchen, immer aufpassen. Die Welt ist aber groß! Was kann man draußen erleben, erfahren! Trotz der Sorgen ums tägliche Brot, trotz der Mühen, Entbehrungen und Enttäuschungen ist es doch ein Leben. Ihr Dasein ist ein maschinenmäßiges Springen auf Befehl, wenn Sie auch über zwölf Mann als Korporal stehen! Tann— können Sie jetzt an Heirat oder Liebe denken? Erstens fehlt Ihnen das Geld, d.ann haben Sie auch keine Zeit dazu. Sie sind an Ihre Kasernenstube gebunden." „Es gibt aber auch viele Zivilisten, die—" „Die nichts haben, die können aber doch tun, was sie wollen! Aber Ihnen ist es verwehrt. Nach zwölf Jahren vielleicht, oder in den letzten Jahren als Feldwebel. In diesem Alter denkt man über Liebe schon ganz anders. Die schöne freie Jugendzeit mit ihrem Drang und Glück ist vorbei." „Sehen Sie, Volter, das allein hat mich unzufrieden gemacht. Nach Freiheit habe ich kein Bedürfnis gehabt, aber — nach Liebe. Mit keinem Menschen habe ich bis jetzt darüber gesprochen— nicht mal mit bekannten Unter- offizieren. Ich weiß nicht, wie es kommt, daß ich gerade Ihnen gegenüber offen bin. Mit Ihnen kann man über alles reden. Mit meinen Kameraden wage ich das nicht. Entweder verstehen sie mich nicht, oder sie lachen mich aus.— Ich habe oft Sehnsucht nach— nach Mädchenbekanntschaftcn gehabt— und ich habe oft gefunden, daß man als Unteroffizier direkt von vielen gemieden wird. Und diejenigen, mit denen ich verkehren konnte, waren auch danach. So traurig und öde, dumm! So kommt es, daß man in seinem Drang sich vergißt und— was ich jetzt bitter bereuen muß." „Das ist eben das Bedauerliche! Für Unteroffiziere ist das viel schwieriger als für Zivilisten. Liebe läßt Eure militärische Eristenz nur in seltenen Fällen zu. Da bleibt Euch der Ausweg— die Dirnen.— Auch vielen Gemeinen geht es so." „Da hatte ich mal einen Ehemann vor zwei Jahren in meiner Korporalschaft. Der war vielleicht ein Jahr der» heiratet. Der Mann tat mir ordentlich leid. In den ersten Tagen merkte ich gar nichts an ihm. Nach drei, vier Wochen hörte ich in meinem Verschlag, wie's um den stand. Fast keine Nacht konnte er schlafen. Wenn er schlief, phantasierte er laut, daß wir andern aus dem Schlafe geweckt wurden. Von Tag zu Tag wurde es mit ihm schlimmer. Einmal ist er sogar beim Dienstantritt früh ohnmächtig zusammengebrochen. Ich befahl ihm dann gleich, sich krank zu melden. Er kam ins Lazarett und wurde später als untauglich entlassen. Auch habe ich viele andere Erfahrungen gemacht als Korporal- schaftsfiihrer. Hauptsächlich bei den Rekruten. Auf alle möglichen Tinge kommen die Kerle." „Man darf das nie zu scharf verurteilen. Wenn die Leute so plötzlich aus ihrer Freiheit, ihrem Kreise und Be- rufe gerissen und in den Soldatenrock gesteckt werden, ist es ganz natürlich, daß sie an irgend etNJOs Schaden erleiden. Der durch den Kasernenausenthalt gewaltsam unterdrückte seruelle Drang sucht eine Erlösung. Da kommen die armen Kerle auf dumme, unsittliche Streiche. Schlimmer für sie halte ich es noch, wenn sie den Soldatendirnen in die Hände fallen und sich vielleicht eine.Krankheit holen." „Was soll man aber machen? Wenn diese Frauenzimmer nicht wären, käme man nicht auf den Gedanken, zu ihnen zu gehen." „Die werden eben als notwendige Ucbel betrachtet und geduldet." „Und unsereins muß die Folgen tragen?— Sagen Sie mal. Volter, sind Sie ganz gewiß, daß man wieder gesund werden kann?" „Ganz gewiß! Sie werden sicher das Manöver mit- machen." „Aber es wird so oft gesagt, gänzlich wäre das nie zu heilen. Nach Jahren würde das immer wieder kommen." „Nur bei denen, die sich vernachlässigen. Hören sie nur auf mich. Machen Sie alles, was der Arzt sagt, und wenn Sie wieder als geheilt entlassen sind, geben Sie genau auf sich Obacht. Sobald Sie wieder etwas merken, melden Sie sich sofort krank. Nach einigen Fakiren sind S e wieder so gesund wie jeder andere." „Mich schaudert, wenn ich daran denke, wieder in die Kaserne zu gehen. Das wird mir doch sicher nachgetragen. Man wird mich direkt als aussähig betrachten und sich von mir zurückziehen." �..Was wissen denn Ihre Kameraden?" „Ich weiß doch, wie die Unteroffiziere von den Gemeinen sprechen, die mal solche Krankheit hatten. Ich war ja früher selbst so, bis ich am eigenen Leibe erfahren habe, wie's drum steht." „Wenn Sie nun abgehen?" „Das ist leicht gesagt. Was soll ich dann ansangen?" „Für den, der arbeiten will, findet sich schon etwas." „Als Straßenkehrer, ja. Ich habe doch nichts gelernt!" „So schlimm ist es nicht. Sic haben doch eine gute Hand- schrift und sind sonst intelligent. Damit kann man sich schon einen Beruf gründen." „Fetzt tat ich's schon, wenn ich nur wüßte, wie." „Na, wir werden darüber noch sprechen." Sinnend sah der Sergeant Voltcr nach. » Die gehobene Stimmung in der Manövererwartung hatte auch dem ruhigen Lazarettcinerlei größere Regsamkeit gegeben. Wenn es der Zustand der Rekonvaleszenten irgend- wie erlaubte, wurden sie als dienstfähig der Front zurück- gestellt. Die Krankenzahl war auf ihr Minimum gefallen. Die Gefreiten, die ausersehen tvaren, das Manöver mit- zumachen, empfingen die dazu nötigen Ausrüstungen und ordneten ihre Anzüge. lFortsctzung folgt.1 kNaSdruck dervoien.) R.an2enraiiber und Zottclbar. Von Ha n I Aanrub. Wahrend die Sennerin auf der nördlichen Kvinstölhüttc im Begriff war, das Vieh loszubinden, schlich sich Christian einen Augenblick an das Sennhüttenfenster und steckte den verbogenen Messingkamm zu sich. Darauf ließ er daZ Kleinvieh hinaus und trieb es schnell über den Hügel hin. Heute vergrub er die Hände nicht in den Hosentaschen, wie er es. zu tun Pflegte, er fühlt« die warme Morgensonne nicht und blickte nicht nach den blauen Bergen. Er fühlte sich etwas schwach und zitternd in den Knien und kümmerte sich gar nicht um die zärtlichsten Ziegen, die sich immer zu hinterst hielten, den Kopf umdrehten und ihm cnigegcnmeckcrten. Der einzige, um den er sich kümmerte, war der große Bock, der Ranzcnräuber hieß, seit er letzten Frühling Christians Ranzen geöffnet und ihm das Brot und den Schinken weggefressen hatte. Denn heute galt es. Gestern waren sie auch auf den südlichen Kvinstöl gekommen, und jetzt sollte cntscbiedcn werden, wer diesen Sommer Oberhirte sein würde, er oder Per Nordberg, und Ober- hirtc sollte der sein, der den stärksten Bock hatte.> Letztes Jahr hatte Christian verloren, da hatte Zottelbär über Ranzenräuber gesiegt. Darein hatte Christian sich finden müssen, und es war auch gar nicht so ärgerlich gewesen, solange sie auf der Sennhütte waren, denn es zog keine anderen Nachteile nach sich, als den Schimpf, den schwächeren Bock zu haben— und ha räumte auch Per ein, daß es nach Zottelbär keinen besseren Bock gäbe als Ranzcnräuber— und dann birftc der Oberhirte immer den Platz wählen, wo sie die Herden trennen sollten, wenn sie zusammen gewesen waren. Aber im Winter war es ärgerlich gewesen; da trafen sich Per und Christian nur in der Schule, und da konnte Per es nicht sein lassen, davon zu reden, und Ranzenräuber, so daß alle es hörten, einen ganz gewöhnlichen Bock zu schimpfen. Und außerdem war es nicht sicher, daß es so ganz richtig zugegangen war. als sie letztes Jahr aneinander gerieten; Per hatte ein Viertel Tabak für Zottclbär gehabt, dj�S er ihm während der Mittagsruhe gegeben hatte, und trotzdem hätte dieser sicher nicht gewonnen, wenn er nicht Ranzenräubers Vorderfuß zwischen die Hörner bekommen und ihn beinahe ausgerenkt hätte. Christian schob den neuen Strohhut in den Nacken und warf einen. Blick nach der Sennhütte zurück. Ja, jetzt war sie nicht mehr zu sehen. Er lockte: „Komm, komm, Ranzcnräuber!" Ranzenräuber legte den Kopf schief nach hinten und meckerte. Darauf drehte er um und kam iangsam, die langen Hörner hoch fn die Luft streckend, auf Christian zu. Christian stellte sich in Bereitschaft, streckte beide Hände vor und packte ihn an den Hörnenden: „Laß Dich mal erproben?" Ranzcnräuber. der das Spiel kannte, stellte sich auch in Bereit- schast und begann zu schieben. Nach kurzer Zeit stieß er Christian gegen einen Birkenstamm, daß es krachte. „Ja, schwach bist Du nicht, aber Du mußt Dir nicht einbilden, daß ich meine ganze Kraft anwandte." Christian kniete nieder und holte den Mcssingkamm hervor. Ter Bock schmiegte sich an ihn. „Jetzt sollst Du geputzt werden für die Musterung." Er kämmte den Bart und die Büschel an der Stirn und an den Seiten, die blauen Zotteln fielen so seidenweich und fein, wie Christistan sie noch nie gesehen hatte. Das war hübscher als die langen schwarzen Zotteln vom Bären. Als er fertig war, betrachtete Christian den Bock noch einmal genau, und dann trotteten die beiden Seite an Seite der Herde nach, die weit vorangekommen war. Bald waren sie oben auf der Höhe und blickten den Abhang nach dem Riesenmoor hinunter. Ja, wenn sie zur richtigen Zeit auf dem südlichen Kvinstöl lockten, so konnte Per jetzt nicht mehr wert sein.. Christian begann zu jodeln, daß es durch da» Birkenwäldchen schallte. Sogleich ertönte von weit unten her die Antwort. Ja, da3 war Per. Christian faßte Ranzcnräuber am Nacken und ging vor der Herde den Abbang hinunter. Die ganze Zeit jodelte er, und die ganze Zeit antwortete es noch lauter, er konnte hören, daß Per auch schnell heraufkam. Dort sah er etwas Weißes hinten zwischen den Birken auftauchen. Ob wohl Per auch einen neuen Strohhut hatte? Er hatte wenigstens geglaubt, das für sich zu haben. Bald waren sie einander so nahe gekommen, daß sie sich ver- stehen konnten: „He, Junge, hier kommt der Oberhirte." „He, hier auch! Hier kommt einer, der über dem Ober- Hirten ist!" „Was kannst Du für Dich ins Feld führen?" '„Einen blauen Bock-mit hohen Hörnern, einen forschen Jungen mit neuem Hutl" „Und was hast Du?" Einen schwarzen Bock mit höheren Hörnern, einen forschen! Jungen mit feinerem Hut!"* „Wann soll der Kampf stattfinden?" „Wenn die Sonne zwischen der Tiefiluft und der Kvinhorn« schnute steht." „Da sollst Du beide, den Bock und den Jungen treffen." „Wo soll die Schlacht stattfinden?" „Auf der Ebene zwischen dem Riesenmoor und dem Blausee." „Dort wirst Du beide, den Bock und den Hut, treffen." Sie gingen näher aneinander. Als sie ein Paar Schritt cnt- fernt waren, rief Per: „Jetzt sollen die Kämpfer sich begrüßen." „Das meine ich auch." Sie führten die Böcke gegeneinander vor und ließen sie los. Sic beschnoberten sich ein wenig, legten die Köpfe schief und fingen an, sich leise zu reizen, indem sie die Mähnen erhoben. Sie waren auf dem Sprunge, aufeinander loszufahren. Da nahmen Per und Christian jeder den seinen wieder— der Kampf sollte erst am Nachmittag stattfinden— und führten sie zur Herde zurück. Als sie sie wegführten, warfen sie beide einen ver» stohlenen Blick nach rückwärts, sie fanden eigentlich beide, daß der Bock des anderen seit dem letzten Jahre unglaublich groß ge- worden war. Als sie die Böcke zurückgeführt hatten, trafen sie wieder zu- sammen, das Nähere zu verabreden. Sie waren beide nicht mehr sicher, und darum schnitten sie gewaltig auf und erzählten sich, wie sie das feinste Gras auf der Weide pflücken und es den Böcken während der Mittagsruhe geben wollten, und als Per zum Schluß ein Viertel Tabak vorzeigte, tat Christian dasselbe, und noch dazu war seiner vom Aeußersten in der Rolle, während der von Per nur Einlage war. Tann entstand ein Streit wegen der Hüte; eS war ja scbon etwa?, wenn man sich den feinsten Hut gesichert hatte, für den Fall, daß man den schwächsten Bock bekam. Und dann trennten sie sich, um zur Mittagsruhe nach Hause zu ziehen. (Schluß folgt.) Selcdicbtlicde Vorbilder des Sebnapsboykotts. Die dem Schnapsboykott zn Grunde liegende allgemeine Idee ist nichts Funkelnagelneues. Es lassen sich vielmehr geschichtliche Vorbilder für die jetzige Bewegung anführen, die dartun, daß eS möglich ist, die Waffe des Boykotts fiir allgemein politische Zwecke nutzbar zu machen. Der Gedanke, aus dem Wege der Boykottierung von bestimmten Waren oder Waren bestimmter Herkunft eine polt- tische Wirkung im Kampf gegen Unterdrückung und Ausbeutung zu erzielen, ist bei weitem älrer, als das Wort Boykott. Während dieser Ausdruck erst feit einem Menschenalter in Gebrauch gekommen »st, war dagzgen von der SaHe des VoylottS und zwar des Boykotts zu allgemeinen politisck-ökonomüchen Zioecken mindestens schon vor bald zwei Jahrhunderten die Rede. Wohl der erste literarische Ver- fechter dieser Idee war der berühmte angloirische Schriftsteller Jonathan Swift, der Verfasser von„Gullivers Reisen". Swift hat 1720 den politischen Boykott zuerst empfohlen als Kampf- mittel gegen die Unterdrückung und Ausbeulung Irlands durch die herrschenden Klassen von England, besonders gegen die vsrderbl-chen Handelsgesetze, die eine eigennützige Krämerpolitik den Iren auf- erlegt harte. ES handelte sich um alle möglichen Einschränkungen der Wirt- schaftlichen Bewegungsfreiheit von Irland, um den englischen Geld- leuten den europäischen, wie den kolonialen, wie den englischen Ab- saymarkt für Jndustrieerzeugnisse ausschließlich vorzubehalten. Be- sonders ist das l69g in Kraft getretene Verbot der Ausfuhr von Wollstoffen aus Irland zu nennen, wodurch die im Aufblühen be- griffen« irische Tuchindustrie vernichtet wurde. Diese Handelsgesetze, die jede wirtschaftliche Entfaltung Irlands unmöglich machten, hatten auch bei den Iren englischer Herkunft, die sonst der zu ihren Gunsten enteigneten keltischen Mehrzahl der Bevölkerung feindselig gegenüber- standen, den Gedanken wachgerufen, sich irgendwie zur Wehr zu setzen. Einen Weg dazu zeigte Swifts Flugichrift von 1720, die das irische Volk aufforderte, den seinem Handel auserlegte» Beschrän- kungen dadurch entgegenzutreten, daß es sich des Verbrauchs englischer Erzeugniffe und also der Einfuhr aus England völlig enthalte, bloß irische Produkte verbrauche. Es wurde gegen Swift wegen dieser Flugschrift Anklage erhoben— ohne anderen Erfolg, als daß er zum populärsten Mann Irlands wurde. Ein positives Ergebnis zeitigte der Boykottvorschlag in dem Augenblick, wo Swift ihn aus- sprach, nicht, obwohl er vielfach aufgegriffen wurde. Aber man ist in Irland darauf zurückgekommen, zu einer Zeit, wo auch die keliische Mehrheit der Bevölkerung geneigter war, mit den angelsächsischen Iren für ein genA-insames Interesse gemeinsame Sache zu machen. Das war in den siebziger Jahren des achtzehnten Jahrhunderts, als England infolge des amerikanischen Revolutionskricges in dicken Nöten und gezwungen war. die Besatzungstruppen aus Irland wegzuziehen. Da entstand in Irland eine stürmische Bewegung für Beseitigung der Vormundschaft des englischen Parlaments, besonders auch der englischen Handelsgesetze. Hierauf zu verzichten sträubten sich die Interessentenkreise in England, besonders die Kapitalisten von Liver- Pool, Manchester und Glasgow, hartnäckig. Sobald die Möglichkeit in Sicht kam, daß die Iren einige kommerzielle Bewegungsfreiheit erlangen könnten, erging aus der Milte der englischen Manufakluristen ein Regen von Bittschriften über das englische Parlament, worin die fürchterlichen Folgen ausgemalt wurden, die sich für Englands Wohl- fahrt ergeben müßten, wenn den Iren die Fesseln der Handels- gesetze abgenommen würden. Diese Herrschasten wurden aber still, als man nun<1779) in Irland dazu überging, den alten Boykott- Vorschlag von Jonathan Swist zu verwirklichen. Zahlreiche Ver- sammlungen wurden abgebalten, in denen überall beschlossen wurde, keine Artikel englischer Herkunst einzuführen oder zu verbrauchen, so lange die Handelsbeschränkungen fortbestünden. Die Einmütigkeit in der Durchführung dieser Beschlüsse brachte denn auch zuwege, daß das englische Parlament klein beigeben und den Iren den verlangten freien Handel zugestehen mußte. Wenn also die Iren nach fast 00 Jahren auf Swifts Vorschlag zurückkamen, so hat dazu zweifellos mächtig beigetragen der große Erfolg, den die Durchführung des Boykotts zu politischen Zwecken inzwischen, und zwar in den letzten IS Jahren vor 1799 in Amerika erzielt hatte. Die Handelspolitik der englischen Geld- leute gegenüber Amerika war im wesentlichen die nämliche wie gegenüber Irland; man wollte keine ausländische Konkurrenz in den Kolonien zulassen, die Kolonien mit ihren Erzeugnissen auf den englischen Markt beschränken und dabei ein Aufkommen industrieller Konkurrenz der Kolonien verhindern. Diese gesetzliche Unterbindung der ökonomischen Entwickeluiig von Amerika hat mehr als alles andere dazu beigetragen, die Kolonisten rebellisch zu machen. Ihr Unwillen über die handelspolitische Benachteiligung durch die herrschenden Klassen des Mutterlandes kam zum Ausbruch, als 1764 das englische Parlament versuchte, durch Einführung der Stempel- steuer in Amerika sich ein Besteuerungsrecht über die nicht im Parlament verttetenen Kolonien anzumaßen, das diese nicht an- erkannten. Unter den Abwehrmitteln der Amerikaner spielte nun schon gleich der Boykott eine beträchtliche Rolle. Die Kaufleute von New Uork machten den Ansang mit dem Beschluß, vom I. November ab keine Waren mehr von England zu beziehen, bis die Stenipelsteuer aufgehoben sei. Die Kausteute von Boston und Philadelphia traten bei, und die ganze Bevölkerung, den weiblichen Teil nicht zu vergessen, beteiligte sich an der Boykottierung der englischen Jndustrieerzeugnisse. Das hieß auf fast allen, auch den Primitivesten Luxus verzichten, besonders auf die Beschaffung einigermaßen ansehnlicher Kleidungsstücke; denn in Amerika wurden nur erst die gröbsten Wollzeuge hergestellt. Aber Benjamin Franklin, der große Amerikaner, der die Sache der Kolonisten in London vertrat, erklärte dort an der Barre des Parlaments, daß es der Stolz seiner Landsleute sei, ihre alten Kleider immer wieder zu tragen, bis sie sich selbst in eigenen Manufakturen neue machen könnten. Bald rangen in England die am Kolonialhandel interessierten Kapitalisten die Hände und brachten in beweglichen Petionen zur Kennttiiö des Parlaments, daß sie ihren Absatz nach den Kolonien rapid abnehmen sähen, neue Bestellungen nicht zu ver- zeichnen hätten und zum Teil sch m genötigt gewesen seien, den Betrieb einzustellen. Zehntausend Ä'rbetter waren in England außer Brot infolge des amerikanischen Boykotts. Unter dem Druck der in ihren Profitinteressen bedrohten Kapitalisten verstand sich daS Parlament im Februar 1766 dazu, die Stempelakte wieder aufzuheben. Dem abgeschlagenen ersten Angriff ließ ober das nächste eng- tische Kabinett North einen neuen folgen, indem es im Jahre 1767 den Versuch machte, den Kolonien einen Einfuhrzoll auf Papier, Malerfarben. Glas und Tee aufzuhalsen. Sogleich setzten sich die Amerikaner wieder zur Wehr und zwar vor allem mit ver schon erprobten Waffe des Boykotts. Die Kaufleute von B o st o�n machten diesmal den Anfang mit dem Beschluß, nichts mehr aus England einzuführen, und fanden überall Nacheiferung. In Virginien spielte George Washington, der nachmalige Revolutionsgeneral und erste Präsident der Vereinigten Staaten, eine große Rolle bei der Inszenierung der Boykottbewegung: er hat hier den Plan zur praktischen Durchführung der Boykoiibeschlüsse entworfen. Er schrieb damals:„Die Waffen seien unsere letzte Hilfe. Wir müssen abwarten, inioiefern wir Englands Aufmerksam- keil auf unsere Rechte und Privilegien lenken können. indem wir seinem Handel und seinen Manufakturen Schaden zufügen." Der Schaden war in der Tat enorm. In Jahrcssrist sank die englische Einfuhr nach Neuengland auf die Hälfte, nach New Dort auf ein Drittel der vorherigen Höhe. Bald klagten die englischen Kapitalisten der Regierung und dem Parlament wieder die Ohren voll. Und so mußte man sich 1769 an der Tbemse wiederum zum Rückzug verstehen. Um aber den Schein zu wahren, wurden nicht alle neuen Zölle aufgehoben. sondern der Teezoll blieb bestehen. Die Antwort der Dankees war, daß sie den allgemeinen Boykott zwar aufhoben, den Tee» b o y k o t t aber beibehielten und mit großer Energie durchführten. Dabei mutz man bedenken, daß für die Amerikaner der Verzicht auf den Tee soviel bedeutete, wie für uns die Aufgabe des Kaffee- genusscS. Die Bevölkerung aber hielt aus. obwohl sie— von eingeschmuggeltem holländischen Tee abgesehen— bloß solchen frag- würdigen Ersatz hatte, wie Tee ans SassastaSblättern. Wie groß der Eifer für den Boykott war, zeigt das Gedicht einer virginischen Dame, die den englischen Tee unter Bezugnahme auf die ungeheuer- lichen Wahlbestechungen im damaligen England also anredet: „Fliege wieder heim nach Britannien, dessen käufliche Männer für Gold ihre angeborenen Menschenrechte verhandeln. Soge den. North und seinem bestochenen Schurkenhaufen, daß ihre blutigen Beschlüsse in der Hölle geboren sind. Sie wollen uns das Sklavenjoch auf- halsen und die heiligen Normen der Gerechtigkeit zerstören. Nein. die Söhne Amerikas werden sich nicht unterdrücken lassen." Jahre und Jahre zog sich der Teeboykott hin, um schließlich seine Wirkung zu tun. Schon für die Zeit von Anfang März des Jahres 1770 bis Mille 1771 gibt Hutchinson, der damalige königliche Gouverneur für Massachusetts, den Verlust, den den Teeboykott für die Zoll- einkünfte der Regierung bedeutete, auf 60 000 Pfd. Sterling süber 1 200 000 M.) an. Die englisch-ostindiiche Kompagnie, die das Monopol des Teeimporls nach England hatte, blieb mit dem be» trächtlichen Bruchteil, der sonst nach Amerika weiterging. sitzen, sodaß sich in den ersten Monaten des Jahres 1773 nicht weniger als siebzehn Millionen Pmnd Tee in den Lagerhäusern der Kompagnie angehäuft hatten. Nicht nur litt darunter die Dividende der Aktionäre sehr, sondern die Kompagnie geriet in die dringende Gefahr, ihre Zahlungen einstellen zu müssen. So machte die mächtige Kapitalistengruppe ihren ganzen Einfluß geltend, damit die Behinderung der amerikanischen Einfuhr aufhöre. Das Parlament wollte sich aber nicht die Blöße geben, den Teezoll einfach aufzuheben, sondern verfiel auf einen Trick, der sich in der T e e a k t e vom Mai 1773 verkörpene. Danach sollten der Kompagnie drei Fünftel der britischen Einfuhrzölle zurück- vergütet werden für den Tee, den sie nach Amerika exportiere. In- folge davon würde den Amerikanern der Tee billiger zu stehen kommen, als wenn der koloniale Einfuhrzoll nicht mehr erhoben würde. Man kalkulierte deshalb, daß die UankceS nun wieder Tee trinken würden. So beschränkt waren die Amerikaner aber nicht; sie blieben bei ihrem grundsätzlichen Standpunkte, daß kein verzollter Tee zu trinken sei, und wenn er noch so billig sei. Derweil hatte aber die Kompagnie bereits in der Erwartung eines raschen Absatzes Schiffe mit Tee nach Amerika hinübergeschickt. Nirgendwo fand die Ware Abnehmer. Und in Boston, wo der englische Gouverneur nicht die Rückkehr der in den Hafen eingelaufenen Teeichiffe der Kompagnie gestatten wollte, ohne daß der Tee gelandet und verzollt worden wäre, in Boston kam eS zu dem berühmten Vorgange vom 28. Dezember 1773, der sogenannten Bostoner Tee» gesellschaft: nach einer Massenversammlung, der ein Drittel der Bevölkerung von Boston beiwohnte, ging eine Schar von Bostoner Bürgern, als Indianer verkleidet, an Bord der Teeschiffe und warf den ganzen Tee, 342 Kisten im Werte von 360 000 M., ins Wasser. DaS Parlament antwortete mit der Schließung des Bostoner Hafens. Aber nun tat sich ein Kongreß sämtlicher amerikanischen Kolonisten zusammen, der u. a. beschloß, sich aller Einfuhr aus England und demnächst auch aller Ausfuhr nach England zu enthalten, bis den Kolonien ihr Rech» geworden. Demnächst kamen die eisernen Würfel ins Rollen. Aber eS waren nicht allein die militärischen Erfolge, die für die Kolonisten ent- schieden, sondern auch die ökonomischen Folgen der Unterbindung des Handelsverkehrs mit den Kolonien, die sich für das Mutterland sehr fühlbar machten. Waren doch im Jahre 1772 von dem da- maliflen Gesamtwert des engli'chen Exports von rund 16 Millionen Pfund Sterling auf die Ausfuhr nach den amerikanischen Kolonien allein 6 Millionen Pfund entfallen. Der Absatz der englischen Woll- Weberei wurde durch die amerikanische Revolution und ihre Boukott- beweguug dermaßen beeinträchtigt, daß die Wolle niedriger in, Preise zu stehen kam, als je ieit Ailbruch der Neuzeit, und daß 1782 der Wollertrag von zwei Jahren noch unverbraucht war. Und die sckaf- züchtende englische Gemry ist sicher durch die Perluste an Grundrente mehr zur Friedfertigkeit gestimmt worden als durch die Menschen- Verluste auf dem Scdlachifelde. An den Erfolg der amerikanischen Boykottbewegung des 18. Jahr- Hunderts hat man sich drei Bierteljabrbundene nach dem Bostoner Teesturm erinnert, als es 1847/48 wieder zu einem politischen Boykott kämpfe kam, und zwar diesmal in Italien. Wenigstens in Aussicht genommen war ein Boykott zu politischen Awecken schon etwas vorher von den englischen Chartisten bei ihrer großen Wahlrechtsbewegung. Als sie 1839 in London und Birmingham ibien allgemeinen Äonvent abhielten, wurde unter den Mitteln zur Erringung des allgemeinen Wahlrechts rieben dem Massenstreik auch der Boykott in Erwägung gezogen. Man beschäftigte sich mir der Frage, ob es sich nicht empfehlen würde, den Chartisten zur Richtschnur zu machen, daß sie nur bei Gesinnungsgenossen kaufen sollten. Damit war beabsichtigt, auf die zahlreiche Masse der klemcn Geschäftsleute zu wirke», die sich im Besitz des Zehnpfund-Wahlrechts befanden und materiell auf die Arbeiterklasse angewiesen waren. In der Tat beschloß der Konvent am 13. Mai 1839 in Binniugham auch, daß nur bei Chanisten Waren gekauft, Gegner des allgemeinen Wahlrechts boykottiert werden sollten. Der Gedanke scheint aber nicht in größerem Maße verwirklicht worden zu sein. Jedensolls verschwand er in der Agitation ganz hinter der Idee des heiligen MonatS, des all- gemeinen, politischen Streiks. Dagegen ging man mit großem Eifer an die Durchführung eines politischen Boykott« zu Ansang 1848 in der damals österreichischen Lombardei, als in Italien die Volks- bewegung gegen die Gewaltherrschaft des Mertcrnichschen Systems immer lebhafter wurde. Ende 1847 erschienen in Mailand ltnd anderswo zahlreiche Maueranschläge, die der Bevölkeru»,g der Lombardei anempfohlen, stch des Lotterie spiels und besonders des Tabakgenus ieS zu enthalten, um dadurch die Finanzen der österreichischen Regierung zu schädigen: bekanntlich besteht in Oesterreich seit langem daS Tabaksmonopol. Mit dem neuen Jahr 1848 begann der Tabakboylott rn der Lombardei. Er führte in Mailand schon am 3. Januar zu blutigen Zusammenstößen mit dem österreichischen Militär, dem von leinen Befehlshabern extra aufgetragen worden war, nun gerade öffentlich zu rauchen. Enie Zigarre in jedem Mund- Winkel, flanierten die Soldaten umber. Revolutionäre versuchten, sie ihnen auS dem Munde zu schlagen, und so kam eS zu den berühmten„Rauchkrawallen", zunächst in Mailand, dann auch in Pavia und anderswo. Die Bevölkerung war überall mit Eifer beim Boykott. Ueber die Stärke feiner Wirkung ist nichts zu sagen, weil nach der Pariser Febrnar-Revolution aucb in der Lombardei die politische Beivegung einen gewaltsamen Charakter annahm. Zweifellos ist aber, daß der Tabakboykott mir dazu bei- getragen hat, den Zusammenbruch der österreichischen Finanzen herbeizuführen, der in den Maitage» vor Augen trat. Daß daS amerikanische Muster den Lombarden vorgdwioebt bat, ist ganz sicher. Wird doch in dem Mailänder Austuf ausdrücklich aus da« Beispiel der Amerikaner hingewiesen, die durch den Teeboykott den engltscheu Finanzen nach Kräften geschadet hatten. Auch heute noch find, wenn davon die Rede ist, durch Einstellung des Verbrauches bestinnnter Waren einen politischeu Zweck zu erreichen, die Boykott- kämpfe der IankeeS das glänzendste Lorbild. A. Conrad y. Kleines Feuilleton. DaS Alter der Hauskatze. Viktor Hehn hat die bisher nicht widerlegte Bermntiing aufgestellt, daß die Einführung der Hauskatze ,md ihre Berbreiinng in ganz Europa durch die Völkerwanderung veranlaßt worden sei und den Zweck gehabt habe, die gleichzeitig mit den wandernden Vöiterscharcn aus Vorderasien und Süd- rußland einbrechenden Ratten zu bekämpfen. Er inacht darauf auf- merkfam, daß in der altgriechlfchen und altrömiscben Literatur als Feinde der Maus nur Wiesel. Marder. Iltis und Wildkatze genannt > oerden. daß die vermeintlichen antiken Abbildungen der Hauskatze vielmehr die Wildkatze darstellen und daß in Pompeji, wo man doch Reste von Pferden, Rindern. Hunden. Ziegen und anderen Haustieren geflindeu hat, nie ein Knochen einer Katze auf- getaucht ist. Neuerdings hat es nun O. Keller sehr wahrscheinlich gemacht, daß die von den Aegyptern oder Nubieru schon in allerältester geschichtlicher Zeit gezähmte, gepflegte und bekanntlich heilig gr- haltene Hauskatze doch schon nach der Einverleibung Aegyptens in das Reich der Römer diesen bekannt und in den ersten Jabr« hunderte» nach Christus in Italien zum weit verbreiteren HauSlier geworden fei. Auch der aus Afrika stammende, in der Literatur I zuerst bei PalladiuS fzwischen 300 und 350) begegnende neue Name cattus, der in die romanischen und germanischen Sprachen . übergegangen ist, beweist, daß es sich um ein vorher unbekamires , Tier daiidell; denn felis bezeichnet stets den Marder, das Wiefel und ihre Verwandten, allenfalls auch die Wildkaye. Wenn eS richtig ist, was aber bei der Kleinheit der Abbildungen nicht auszumachen ist, daß auf Münzen des 5. Jahrhunderts v. Chr. auS Tiuciit und Rhegium daS Tierchen, mit dem der jugendliche Demos spielt, ein HanSkätzchen sei und daß man auf apulischen Baien cbeudasselbe erkenne, so muß vor der römischen Eroberung UnteritalienS ein Akklimatisierungsversuch gemacht, dann aber wieder verschollen sein. Jedenfalls ist das Tier in Italien bis in die Kaiserzeit sehr selten geblieben. Dem Horaz ist sie sicher, dem Plinius wahricheinlich no6> unbekannt. Die gestreiste ver- meintlicke Hauskatze auf eincin pompejauischen Mo'nikbilde im Ncapeler Museum ist nach Keller ein Bastard von Suurpsluchs sfslis chaus) und nubischer Falökatze ffelis maculata), der auch in Aegypten gezähmt und zur Jagd benutzt ward. Gegen die eingangs augeführte Vermutung Hehns wendet Keller ein. daß die Gleichzeitigkeit des Einbruches der Hausratte mit der Völkerwanderung durch yichtZ bewiesen ist, daß die Wanderratte erst 1727 aus den kaspischen Ländern nach Europa kam und daß zur Bekämpfung beider das bereits vorhandene und gezähmte Wiesel, das die Römer allgemein gegen die Mäuse benutzten, noch geeigneter war. Psychologisches. Hohe Intelligenz trotz Wasserkopf. Der Wasser» köpf, der Zustand der starken Flü'sigkeilsaiifüllung der Hirnhöhlen. hat meistens Schwachsinn im Gefolge. Beginnt der Wasserkops bald nach der Geburl sich zu entwickeln, was bei einem unter 1000 Kinder» vorzukommen scheint, und geht die Zunahme in den Hirn- höhlen nur langsam vor sich, schließt dieler Vorgang gar mit einem Stillstand ab, so stellt stch immer Schwachsinn ein; die Kinder werden erst im drillen Jahre reinlich, lernen spät gehen und sprechen, bleibe» überhaupt im Vergleich mit gleichaltrigen Kindern geisiig zurück. Es gibt aber auch Fälle, bei denen die Entwicketiing der Intelligenz nicht hinter der normalen zurückgeblieben ist. Bei einer dritten Verlaufsweise trifft iogarj der Wasserkopf mit einer besonders hohen Enrwickelung der Intelligenz zusammen. Man kann sich dies nur so erklären, daß, wenn ein mäßiger Wasserkopf in Rückbildung übergeht, dem Gehirn- Wachstum durch den einmal erweiterten Schädel ein geringer Wider» stand entsteht. Dr. Berthan in Braunschweig sührt unter den Männern, die an Wasserkopf litten, sich aber durch eine außergewöhnliche Intelligenz auszeichneten, u. a. den französischen Naturforscher Cuvi'er an. Dieser war in seiner Jugend mit einem Wasser« topf behaftet, das Gewicht des Gchinrs, das beim Mann durch- schnittlich auf 1400 Gramm angenommen wird, betrug bei ihm. wie die Sektion ergab, 180V Gramm. Au Cuvier schließt sich Helmboltzan. Er hatte, wie er selbst erzählt, in seiner Jugend einen leichten Wasserkopf, dessen letzte Spuren durch die Sektion nachgewiesen wurden. DaS Gewicht des Gehirns von Helmholtz betrug etwa 1440 Gramm. Als dritter ist der Maler Menzel zu nenircu. Da dessen Hirngewicht nur 1298 Gramm betrug, ayo unter dem durchichnittlichen lag. so kann hier kaum ein Wachstum deS Gehirns nach Rückbildung des Wasserkopfes angenommen werden; eS muß hier die hohe Intelligenz in einer außergewöhn- lichen Bauart des Gehirn? gelegen sein," wobei in erster Linie die Anordnung der Wiildungen in Betracht kommt. Astronomisches. DaS Spektrum des Halleyschen Kometen. Wie bei allen Himmelskörpern ist es auch bei den Kometen wichtig, eine Aufklärung über ihr Spektrum und dadurch über ihre stoffliche Zu- sammensetzung zu erhalten. Den ersten Versuch mit dem jetzt wieder in Erdnähe geratenen Halleyschen Kometen haben d»e Astronomen der berühmten Lick-Sternwarte Ende Oktober ge- macht und zivar ans photoqravbifchem Wege. Die Aufnahme der Photographie mar außerordentlich schwierig und gelang nur vermöge des ausgezeichneten Spiegelfernrohr? der Sternwarte, das einen Spiegel von fast einem Meter im Durchmesser besitzt. Außerdem wurde ein Spektroskop ohne Schlitz benutzt, das eigens für die Be- obacktnng lichtt'chwacher Körper ersonnen ist. In der Tat war es möglich. ein schwaches, kontinuierliches Spektrum von den, Kometen zu erhalten, in dem aber keine Spur von hellen Linien oder Bändern zu sehen war. wie sie sonst das Kometcnspektruin auszuzeichnen pflegen. Es wird angenommen, oaß das Fehlen dieser Eigenheit nur durch die noch zu große Entfernung des Kometen von der Sonne bedingt war und daß die hellen Bänder später»och nachzuweisen sein werden. Die Schwäche des Spektrums n, achte es auch unmöglich zu sagen, ob dunkle Linien darin enthalten waren. UebrigenS wollen die Amerikaner dem Halleyschen Kometen scharf auf den Leib geben, und da eS drüben an Geld für Wissenschast- liche Zwecke nie zu fehlet, pflegt, so ist die Eilsendung einer besonderen Expedition zur Beobachtung des Kometen nach Honolulu für nächstes Frühjahr beschlossen worden. Im Gebiete der Hawai» inseln ist nämlich das Zwielicht von kürzerer Dauer als in nörd« sicheren Breiten und damit wächst die Aussicht auf eine günstige Be» obachtung deS Planeten. Verantw. Redakteur: Richard Barth, Berlin.— Druck u. Verlag: Vorwärts Buchdruckerci u.VerlagsanstaltPaul Singer ScEv-BerlinSW.