Nnterhattungsblatl des Horwiirts m Nr. 229. Donnerstag den 25 November. 1909 tNaqdruck DfcSoten.) 89) �Soldaten fein fchön l" Bilder aus Kaserne und Lazarett. Von Karl Fischer. Boriiemann kannte sich vor freudiger Aufregung gar nicht aus. Seinen Zivilanzug hatte er schon acht Tage im Besitz. Jedem Stubenkameraden hatte er ihn gezeigt. Diese Freude hatte aber einer orderen Platz gemacht, als er erfuhr. daß Volter und er zum Manöver kommandiert waren. Das Bewußtsein, nicht unter der Masse init dem Gewehr mar- schieren zu müssen, sondern so schön leicht mit den: Pflasterkasten und der Labeflasche, bereitete ihm den größten Genuß. Mit einem an ihm nie wahrgenommenen Eifer wirtschaftete er in seinem chaotisch hängenden und liegenden Spindinhalte herum. Seine Spindeordnung war in der Stube berühmt. Es war die höchste Zeit, daß er Inventur machte. „Wer bleibt denn nun auf unserer Station?" „Jedenfalls Unteroffizier Baumert allein!" antwortete ihm Volter. „Der wird sich aber umgucken, wenn Du fehlst!" „Das hilft nun mal nichts." „Macht Sergeant Schneider die Manöver mit?" frng Bornemann weiter. „Jedenfalls. Wenn er morgen als geheilt zur Front entlassen tvird." „Mensch, da hast Du ja gute Bekannte! Wenns nur erst so weit wäre. Sonapp foppt sül) aber, daß er hierbleiben muß. Ich niuß den Plattkopp noch ein bißchen ärgern.— Sag mal. Volter, ist in Deiner Kompagnie nicht ein Reser- vistenbild gemacht worden?" „Sicher. Ich bin nicht mit drauf, da mir niemand etwas gesagt hat." „In unserer Kompagnie sind sogar zwei Bilder gemacht worden. Weil unsere alten Knochen vom Hauptmann immer so geschunden worden sind, haben sie sich heimlich, ohne Vor- gesetzte, ein Bild machen lassen. Das hatte der Hauptmann erfahren. Mir hätte das Spaß gemacht, wenn ich seine Wut gesehen, hätte. Vorigen Sonntag beim Appell hat er die alte Mannschaft zwangsweise mit den Unteroffizieren Photo- graphieren lassen. Auf Kosten der Kompagnie hat er einen Photographen bestellt. Wie er alle hatte Aufstellung nehmen lassen, drohte er kurz vor der Aufnahme mit Arrest, wenn einer mit dem Kopfe wackeln oder mit den Augen klimpern sollte. Jetzt ist das Bild fertig, und da hat er der Kompagnie sagen lassen, wer eins kaufen wolle, solle sichs beim Feldwebel holen. Die Alten haben unter sich geschtvorcn, keins zu kaufen. Btoß zwei, drei Kriecher haben Bilder genommen. — Mensch, ich werde ja da sckwne Sachen erfahren, wenn ich in meiner Kompagnie die Manöver mitmache. Mir als Sanitätsgcfreiten kann der Alte nichts wollen! Ich zähle doch eigentlich gar nicht, mehr zur Kompagnie." „Er kann Dich aber bestrafen, wenn Du Dir etwas zu- schulden kommen läßt." „Ich werde mich schon vorsehen, Kollegel Diesnial wird es einem ja viel leichter! Wenn ich denke, voriges Jahr, mit dem Affen auf dem Buckel! Halb blödsinnig ist mau geworden. Jetzt wird er mir mit der Bagage nachgefahren! Und dann im Biwak! Was hatte ich immer für eine Heiden- angst um meine Zeltstöcke und Heringe, daß ich die wieder zusammenkricgte. Jetzt müssen die Hammel für mich das Zelt mit bauen. Ich brauche mich bloß darunter zu legen. Kollegs, gibt das ein Gaudium!" Früh um vier Uhr mußte sich Voltcr bei seiner Kompagnie melden. Er empfand wieder dasselbe drückende Gefühl wie zuerst, als er den ihm schon frenid gewordenen Kasernenhof- ton vernahm. Seine Kompagnie hatte sich bereits zum Abmarsch auf- gestellt, als er sich dem Feldwebel meldete. „Scbere« Sie sich an den linken Flügel!" rief ihm dieser «nwirsch zu. Seine plötzliche Verstimmung verschwand sofort, als ihm die bekannten Kameraden vom ersten Jahre freudig zunickten. Wie ihm der unweit im Glied stehende Beck leise zurief: „Wie gehts, Volter?" fand er seine gute Laune wieder. Bald hatte er sich an das alte Milieu gewöhnt. Wie im vergangenen Jahre wurde zum Bahnhof mar« schiert und von dort gings im Zug ins Manövergelände. Seine guten Bekannten konnte er im Standquartier be« grüßen. Sergeant Schneider war einer der ersten, dem er die Hand drückte. Wie Freunde unterhielten sie sich. Der größte Tel der Kompagnie war ihm ziemlich fremd. Einzelne Rekruten hatte er im Lazarett kennen gelernt. Während der Zeit des Standquartiers hatte er viel mehr freie Stunden als die Frontsoldaten. Wurde früh ausgerückt, marschierte er der Kompagnie nach. Auf dem großen, eigens für das Brigade- und Divisionsmanöver angewiesenen Platze traten sämtliche Sanitätsmannschaftcn der Kompagnien aus und hielten sich abseits auf, bis das Ueben vorüber war. Bei dieser Gelegenheit kam Volter mit Bornemann zusammen. Der wußte viel Neues zu erzählen von seinem Hauptmann, und was er inzwischen erlebt hatte. Hatten die Frontmannschaften nach dem Einrücken noch Appelle, nachmittags Gewehrreinigen, so war Volter frei bis zum nächsten Ausrücken. Es war ihm sehr angenehm, mit der Kompagnie nichts weiter zu schaffen zu haben, als in seiner Eigenschaft als Sanitätsgefreiter. Sergeant Schneider fand sich in seiner freien Zeit oft bei Volter ein. Dieselbe Vertraulichkeit hatte sich auch im Manöver erhalten. Stundenlang blieben sie beieinander und unterhielten sich. Beide hatten keinen Gefallen an dem lauten Wirtshausleben. Einzelne Alte der Kompagnie konnten sich Volter gegen- über nicht genug wundern über da? veränderte Benehmen des Sergeanten. Er sei wie umgewandelt, hörte Volte sie sagen. Immer still für sich hielt er sich und sprach kaum ein außerdienstliches Wort mit den andern Unteroffizieren. Früher hatte er immer das große Wort geführt, und seit feiner Wiederkehr aus dem Lazarett war er die Schiveigsym- keit felbst. Volter erwähnte dein Sergeanten gegenüber kein Wort davon. Ihre täglichen Gespräche führten sie weit vom Militär- leben weg. Mit tiefer Beschämung gestand sich Sergeant Schneider die häßliche Art seines früheren Verhaltens. Das Blut stieg ihm ins Gesicht, wenn er an die Behandlung dachte, die er Volter in seinem ersten Jahre hatte zuteil werden lassen. Ein brennendes Gefühl der Beschämung einpfand er ihm gegenüber. Volter schien alles vergessen zu haben. Mit keiner Silbe ließ er den Sergeanten merken,, was er seinerzeit von ihm gehalten hatte. Sergeant Schneider fand gar nicht Gelegenheit, die ihm auf der Zimge schwebenden Worte über die Lippen zu bringen. Ungern ging er von Volter weg, wenn der Dienst rief. Diese stillen Unterhaltungsstunden blieben Geheimnis vor den anderen. Keiner in der Kompagnie wußte davon. Da Volter als einzelner bei einer armen Bauernwitwe im Quartier war, konnte Sergeant Schiwider zu ihm kommen,»vann er wollte, sie wurden nie gestört. Während des Dienstes merkte man keinem von beiden an, in tuelch naher Beziehung sie standen. Die drei Wochen des Standquartiers vergingen schnell. Das Korpsmanöver nahm seinen Anfang. Die Märsche und Anstrengungen der Soldaten wurden von Tag zu Tag größer, und damit auch die Zahl der Fuß- kranken, die Volter viel Arbeit brachten. Die für Sergeant Schneider so schönen Mußestunden mit Volter waren nun vorbei. Nur flüchtig konnten sie sich sprechen. Fast jeden Abend ging es in ein anderes Quartier. Drückende Spätsommerhitze lastete am Tag schwer ans den laugen Marschkolonnen. Fast täglich kamen Ohnmachts- anfülle vor. Da gab es Arbeit für die Sanitätsmannschaften. Volter tat seine Schuldigkeit. Auf den Heimmärschen in die nächsten Quartiere blieb er oft weit hinter der Truppe bei den zurückgebliebenen marschunfähig Gewordenen. Sobald er im Quartier angekommen, war seine Tätigkeit noch nicht zu Ende. Außer der vom Bataillon festgesetzten Verbandszeit wurde er von vielen Kameraden seiner Kompagnie aufgesucht, die für ihre kleinen Fußwunden ein Pflaster oder einen Ver- band wollten. Mit der Zeit hatten ihn alle wegen seiner Freundlichkeit. auch den Rekruten gegenüber, gern. Im Ouartierorte, auf dem Biwakplatz oder während einer Marsch- oder Gefechts- pause war immer ein Kameradenkreis um ihn versammelt, den er unterhielt. Wie die Tage vergingen! Immer größer wurden die Anforderungen, die an die Mannschaft gestellt wurden! Auf den letzten großen Märschen wurde die Allgemeinstimmung immer gedrückter. Lauter und fröhlicher gings in den Ouartierorten zu. In den Wirtshäusern wurden allen Ver- boten zum Trotz muntere Reserveliedcr angestimmt. Tie Rekruten mußten mitsingen, ob sie nun wollten oder nicht. Freude beherrschte alle. In ausgelassener Weise jubelten die Alten über das baldige Ende ihrer Dienstzeit, und die ein- gezogenen Reservisten gaben beim Lied den Ton an. Ob in der Kaserne als Krummbock oder Schlimmschütze verschrien, ob Gefreiter, der den Korporalschaftsführer vertritt, ob Haupt- mannsbursche— im überfüllten Wirtshaus beim Bier waren alle gleich! Ta wurde kein Organ geschont. Die schönsten Soldatenlieder wurden herausgeschmettert, daß den Wirten die Obren schmerzten. Und trotz alles Lärms wurden manchem die Augen feucht. lFortsetzung folgt.) (Nachdruck verdaten.) Ranzenräuber und Zottelbär, Von Hans A a n r u d. (StWutz.) Christian hatte während dieser Mittagsruhe nicht viel Zeit zum Essen, er mußte gleich wieder hinaus und auf der Weide Gras für Ranzenräuber pflücken. Als er den Hut und den Schoß voll hatte von dem feinsten und zartesten, das er finden konnte, ging er auf die Wiese an der Sennhütte und legte es auf einen Haufen fticht am Viehgatter. Darauf ging er in das Gehege hinein, störte Ranzenräuber, der ruhig da lag und wiederkaute, und zog ihn heraus. Er führte ihn an das Gras, doch der schnoberte nur daran, sah Christian an und schmiegte sich an ihn. Als er das getan hatte, legte er sich ganz ruhig nieder und kaute weiter. Ja, ja, er würde schon fressen, w-mn man ihm Zeit ließe. Christian legte sich auch hin in die Sonnenglut am Zaun, streckte sich aus und legte den Hut über das Gesicht. Die strahlendste Sommersonne strömte auf die grüne Berg- wiese nieder. Es war so still, daß das Hermelin aus der Mauer guckte und die Bachstelze ungestört ihr Nest im Ziegenstalle besuchte, Ivo das ganze Kleinvieh lag und schlief oder döste oder wiederkäute. Bald schlief auch Christian mit all den anderen unter dem hohen blauen Himmel, wo es keine Wolke gab und wo sich auch kein Wind- hauch regte. So lagen sie lange. Plötzlich fuhr Christian in die Höhe und stützte sich auf die Ellbogen. Er hatte etwas Unangenehmes geträumt, konnte sich aber nicht darauf besinnen, was es war, und es do"erte auch eine Weile, bis er sich klar machen konnte, wo er war. Er rieb sich die Augen. Doch jetzt besann er sich. Er war ja auf der Sennhütte und hatte sich draußen zum Schlafen hingelegt. Er tastete umher. Wo er wohl den Hut hingelegt hatte? Dann fiel ihm der Bock ein, und er sah zu ihm hinüber. Da riß er freilich die Augen auf. Dort stand Ranzenräuber am Zaun und zupfte an etwas Weißem. Es war der Hut! Ein Stück von der Krempe war das ein- zige, was übrig war! Das übrige hatte er gefressen, und dort lag das ganze feme Gras unberührt! Er wurde fur�tbar wild, ergriff eine Stange, um den Bock durchzubläuen. Doch er besann sich und ließ sie fallen: „Nein, da hätte ich acht Groschen drum gegeben--. Aber meinetwegen, wenn Du mich heute zum Obcrhirtcn machst, so soll er Dir gegönnt sein. Da hast Du ein Viertel Tobak zum Nachtisch." Den fraß Nanzcnräuber. *•* Am Nachmittag trafen sich Per und Christian auf der ver- abredeten Stelle, jeder mit seinem Bock. Es war nicht so feierlich wie am Vormittag; denn Christian. der nur in der Mütze erschien, mußte gleich Bericht erstatten, wie es dem Hut ergangen war, und da fühlte Per sich sehr überlegen; denn nun hatte er dock jedenfalls in der einen Richtung gesiegt. Und er konnte auch erzählen, daß Zottelbär während der ganzen Mittagsruhe Gras gefressen hatte; Christian wurde ganz verzagt. Auf einer kleinen grünen Ebene sollte der Kampf stattfinden. mitten zwischen einem mit Birken bewachsenen Hügel und dem Rand vom Riesenmoor. Gegen das Moor war sie durch eine schmale, tiefe Rinne abgegrenzt, wo nur ein wenig Wasser durch- sickerte. Sie führten die Böcke bor und ließen sie einige Schritte von- einander los. Ranzenräuber hob gleich die Mähne, Zottelbär blieb faul stehen und sah sich um. Ranzenräuber ging vor und schnoberte an ihm. Zottelbär schnoberte wieder, sah aber ganz sanft aus. Christian und Per standen jeder auf seiner Seite von der Ebene und wagten kaum zu atmen. Ranzenräuber versuchte seinen Gegner zu reizen, aber der andere nahm es gemütlich, darauf wagte er sich heran, legte den Kopf schief und wollte ihm mit seinem spitzen Horn einen Stoß in die Seite versetzen. Doch Zottelbär war auf seinem Posten. Er warf rasch den Kopf zur Seite, so daß die Hörner mit einem Knall zusammenstießen. Jetzt hob auch der andere die Mähne und bekam blitzende Augen. So balgten sie sich eine Weile herum. Endlich erhob sich Nanzenräuber auf die Hinterbeine, Zottelbär stellte sich in Bereitschaft, und sie krachten gegeneinander los, als sollten, die Hörner mitten entzweibrechen. Damit hatte der Kampf begonnen. Er sollte hart und lang werden. Im Anfang wandte Zottelbär eine List an, er ließ den anderen sich auf die Hinterbeine erheben und nahm nun den Stoß entgegen, das strengte die Kräfte weniger an, und es fiel ihm schwer, sich aufzurichten, denn er hatte so viel Zotteln. Aber der andere durchschaute ihn bald, und dann reizte er nur, bis Zottel- bär auch in die Höhe mußte. Zottelbär war schwer, und das gab seinen Schlägen viel Wucht, so daß Ranzenräuber jedesmal die Hörner schüttelte, sobald er einen Stoß bekommen batte. Aber er gab sich darum doch nicht. Endlich»lachte Zottelbär eine rasche Wendung und bekam seinen linken Vorderfuß zwischen die Hörner; es sah haßlich aus. Christian stürzte vor. „Das ist nicht erlaubt!" Aber Per stürzte auch vor: „Willst Du sie in Ruhe lassen!" Sie waren nahe daran, gegeneinander loszufahren, aber im selben Nu kam der Fuß los, und sie gingen an ihre Plätze zurück. Der Kampf hatte jetzt eine gute halbe Stunde gedauert, und Zottelbär fing an stark zu keuchen; er wollte gern zwischen jedem Stoß eine kleine Pause machen und ausruhen. Doch dazu bekam er keine Zeit. Endlich kam die Entscheidung. Nach einem starken Stoß, glaubte er, würde er einen Augenblick Ruhe haben, aber Ranzenräuber rannte gewaltig gegen ihn an. Sie waren dicht an die tiefe Rinne am Moorrand gekommen und bums— da lag Zottelbär unten, so daß die Zotteln um ihn herumstanden. Christian schrie vor Freude. „Sei ruhig." rief Per,„das ist gemogelt? Zottelbär kletterte wieder heraus, triefend von Wasser und Moorerde. Nanzenräuber wollte gleich auf ihn losstürzen. Er wehrte sich. zog sich aber seitwärts zurück. Als Ranzenräuber im Ernst einen Anfall machte, lief er fort. „Hurra!" rief Christian und sprang hoch in die Luft. Hier siehst Du den Obcrhirtcn. den Jungen mit dem Bock und dem Hut." Er griff nach dem Kopf, um den Hut zu schwingen, kriegte aber nur die Mütze zu fassen. Er wurde auf einmal ganz kleinlaut Per war auch dazugekommen: „Ja, Oberhirte bist Du, aber HTer ist der Junge mit dem Hut!" Nein, das ging Christian zu weit: „Der elende Hut! Du bildest Dir doch nicht etwa ein, daß Ranzenräuber den fressen würde!" „Glaubst Tu vielleicht, daß ihm Deine Mütze lieber wäre?" (Nachdruck ocrdote») IVeue Mnfcbauungen über das Erfrieren der pflanzen. Bis in die Gegenwart hinein galten als Ursachen des Erfrierens der Pflanzen jene Erichcinungcn, die von Müller-Thurgau und von Molisch als maßgebend aufgesiellt wurden, bis im Jahre löllö ein anderer Botaniker, Mez-Halle, gegen die Lehre der ersten beiden Forscher auftrat. Ganz neuerdings haben die Einwendungen, die Mez gegen Müller-Thurgau und Molisch erhob, wesentliche Unter- stützung von anderen Botanikern gefunden. Die neuen Unter- suchungen sind zudem geeignet, manche Lücke in der bisherigen An- schauung über das Erfrieren der Pflanzen zu schließen. Ilm das Wesen des ErfriercnS der Pflanzen— auch der Kältetod der Pflanzen genannt— ganz zu erfassen, muß man einen Unterschied zwischen Gefrieren und Erfrieren Benchten. Ein Beispiel mag den Unterschied veranschaulichen. Betrachten wir nach den ersten herbst- lichen Frästen die Pflanzen im Garten, etwa eine Banernrose, so finden wir deren Blätter mehr oder weniger langgestreckt am Boden liegen, sie haben ein glasiges Aussehen und zerspringen sehr leicht b.im Zerreiben in der Hand; sobald jedoch gegen Mittag die Temperatur wärmer wird, erheben sich die Blätter wieder vom Erd- boden, die scheinrote Pflanze ist zu neuem Leben erwacht. Die Blumen der Dahlien, die nach dem Froste gleichfalls ein glasiges Aussehen zeigen, erholen fich nicht wieder, sie werden bei steigender Temperatur schwarz und schmierig. Die Dahlie ist erfroren, sie hat den Kälretot erlitten; die Bauernrose war nur gefroren. sie erholt fich wieder. Mit der Tatsache, dafi gefrorene Pflanzen nicht unter allen Um- ständen zu Grunde gehen und daß andererseilS Pflanzen bei Tempera- turcn über Null.erfrieren", lieg fich die von allersher übliche An- schauung von der Wirkung des Frostes in den Pflanzenkörper nickt ver- einbaren. Man glaubte nämlich, datz der Frost die Zellflüssigkeit im Innern der Zelle zur Erstarrung bringl. und dag durch die damit bedingte Bolumenvergrögerung die Zellen zersprengt werden, wie etwa eine Flasche auscmanderplatzt, wenn diese, mit Wasser gefüllt, dem Froste ausgesetzt wird. Mit diesem Glauben haben die Forscher, wie namentlich die oben gcnannlen' Müller- Thurgau und Molisch. gründlich aufgeräumt. Der Pflanzenkörper birgt zwischen den Zellen röhrenartige Lustkanäle, die Zellenzwisckenräume. Beim Einlreien des Frostes erstarrt nun die Zellflüisigkeit nicht im Innern der Zellen, sondern fie scheidet zunächst Wasser aus, welches in die Zellen- Zwischenräume eintritt und hier zu Eis gestiert. Währt der Frost nur kürzere Zeit, so taut daS Eis auf, das Wafler tritt in die Zellen zurück. Ist das Wafler imstande, mit dem übrigen Zellinhalt wieder in innige Verbindung zn kommen, so ist das Leben der Pflanze (der Bauerurose im obigen Beispiel) nicht gefährdet, da der eigentliche Zellsait durch den Frost nicht in Mirleidenschaft gezogen wurde; die Pfranze war nur gefroren. Vermag aber der Zellsast infolge seiner eigenariigen Beschaffenheit das Wafler nicht wieder aufzunehmen, was bei der Dahlie zutrifft, so ist die Pflanze unrettbar verloren. Dadurch, daß der Zellsast Wafler ausscheidet, läuft er selbst weniger Gefahr zu gestieren, denn je mehr die Salze in einer Flüssigkeit enthalten sind, um so weniger schnell gestiert diese. Der falzhaltige Zellsaft stellt nach der Waflerabgabe eine solche konzenstierte Salzlösung dar. Dänert der Frost nun längere Zeit, so wird dem Zellsast immer mehr Wafler entzogen und endlich mutz auch der Zellsaft selbst gestieren. Dabei mutz dann auch die Bauernrose absterben, denn wir sehen, datz nach anhaltenden Frösten fich ihre Blätter nicht wieder vom Boden erheben. Nun haben wir noch Pflanzen, wie die immergrünen Gewächse, die doch auch den Frostwirkungen ausgesetzt find, die aber nach dem Anstauen im Frühjahr lustig weiter wachsen. Solche Pflanzen ge- stieren wohl, aber sie erfrieren nicht. Der Grund ist in der Be- schaffenheit des Zellsoftes zu suchen. Der Zellsäst verliert die Eigenschaft, das ausgeschiedene Wasser wieder aufzunehmen bei einer Abkühlung, deren Grad bei den verschiedenen Pflanzen sehr ver- schieden ist. Bei etlichen liegt dieser Grad noch über dem Nullpunkt, bei anderen noch sehr wesentlich darunter. Im allgemeinen gilt die Regel, datz eine Pflanze um so weniger schnell erfriert, je weniger wasserreich ihr Körper ist. Der Tod der Pflanze infolge der Kälteeinwirkung wäre nach dieser Anschaunng nicht eine direkte Folge der Kälte, sondern immer erst eine sekundäre Erscheinung: die Kälte ändert den Zellsast; kann der Zellsaft seine ursprüngliche Beschaffenheit nicht wieder erreichen, so geht die Pflanze zugrimde. Dem tritt nun der Botaniker Mez entgegen, er ficht den Tod als eine direkte Folge der Kälte an, indem er sagt: Die Lebens- stäger der Pflanzen vertragen wie ein Maximum der Temperatur auch ein Minimum der Wärmemenge; sobald die Pflanze unter dieses Minimum abgekühlt wird, müssen die Protoplasten, das find die Lebensträger, ihre Tätigkeit einstellen, ohne sie wieder lebens- fähig werden zu können. Die Auslrocknung des Zellinhalts durch den vom Gestiercn hervorgerufenen Waflerenlzug ist dabei weniger von Belang. Zudem liegt die Grenze, bei der die Pflanze er- stiert, tiefer als jene Temperatur, bei der die Anslrocknung der Protoplasten durch Waflerenizug vollständig geworden ist. Jede Pflanze hat nach Mez eine bestimmte Todestemperatur, wie fie einen Hitzelodespunkt besitzt. Mez sieht, was übrigens andere Forscher vor ihm auch schon anerkannten, die Eisbildung als einen Vorteil für die Pflanze an, als ein Mittel, das dem Tode entgegenwirken kann. Das Eis leitet die Wärme nicht so schnell als der unbeeinflutzte Zellsaft ab. Auch die Frage der Ueberkältung in Verbindung mit dem Kälte- tod der Pflanze betrachtet Mez von anderem Standpunkt als frühere Forscher. Unter Ueberkältung oder Unterkühlung ist dieses zu verstehen. Unter besonderen Umständen können Flüssigkeiten unter ihren Gefrierpunkt obgeiühlt werden, ohne zu erstarren. So kann Wasser, das in einem Glase von einer Oelschicht bedeckt ist. bei starkem Frostwctter auf 8 bis 1b Grad unter Null abgekühlt werden, ohne zu gestieren. Wird solches überkältete Wafler plötzlich stark erschüttert, so gefriert es sofort. Weil eine solche Unterkühlung beim Ersticren der Pflanzen eine häufig wiederkehrende Erscheinung ist, so nahm man seither an. diese Unterkühlung sei notwendig, wenn die Pflanzen erfrieren sollen. Mez sagt, die Pflanze ist be- strebt, diese Unterkühlung zu bermeiden, weil dann die Gefahr d«§ Erstierens nicht so nahe gerückt ist. In der Tat ist die Unter» küblung nicht allen Pflanzen eigen; manche sind imstande, eine Unterkühlung direkt zu verhindenr. Oel, Gummi, Zucker mrd Pflanzenschleim, das sind u. a. die Stoffe, mit denen der Pflanze dies gelingt. Datz die Ueberkältung das Erfrieren der Pflanze befördert, hat Mez experimentell nachgewiesen. Bestimmte Pflanzen erlagen rascher dem Kältetod, wenn eine Unterkühlung des Zellsafles herbeigeführt wurde, als wenn eine solche sich vermeiden lietz. Bei dem Gefrieren des ZellfasteS wird Wärme frei und zwar in um so höherem Matze, je starker die genannten Schutzmittel gegen die Unterkiihlung vorbanden sind. Die Schutzmittel dienen als Wärmespeichcr; die Wärme setzt die Gefahr des Erstierens stark herab. Auch die Anschauung, datz für jede Pflanze nur ein bestimmter Tcmperaturgrad den Kältetod herbeiführt, ist umgestotzeu worden. So wurde der Nachweis gebracht, datz Pflanzenteile, die längere Zeit bei einer Temperatur von 0 Grad lagerten, erst bei einer tieferen Temperatur erfroren als andere der gleichen Art, die vorher bei wesentlich höherer Wärme aufbewahrt waren. Daraus folgt, datz wenn ein Kälteminimum für di? einzelnen Pflanzen fest- gelegt wird, ein Absterben bereits möglich ist bei höherer Teniperawr. Hiermit im Einklang steht der Gärtnern und Gartenbesitzern bekannte Erfahrungsgrundsatz, datz ge- wifle Pflanzen viel mehr unter den Einwirkungen der Kälte zu leiden haben, wenn die Kälte in starkem Matze und plötzlich die Pflanzen überfällt, als wenn die Temperatur allmählich herabsinkt. So haben im letzten Winter so viele Ziersträucher, ganz besonders die Rosen, lediglich deshalb so stark unter der Kälte gelitten, weil die nn vollen Safte stehenden Pflanzen sich im Ostober plötzlich starken Frösten ausgesetzt sahen. Lediglich dem unvermittelten Wettersturz im letzten Herbste ist es zuzuschreiben, datz so viele Pflanzen, die sonst gar nicht so empfindlich sind, den Kältetod er- litten. Wann hatte man je einen so starken Verlust von Erdbcer- pflanzen zu verzeichnen, als im letzten Winter? Es geht den Pflanzen genau wie uns Menschen, auch sie emp- finden einen schroffen Uebergang von grotzer Wänne zu tiefer Kälte viel schwerer als einen langsam erfolgenden Temperamrniedcrgang. Flieht die Wärme langsam, so vermag die Pflanze den 5kältewirkungen durch Anpassung besser zu begegnen; der plötzlichen Ueberrunrpelung unterliegt fie schneller. Dieses Anpaffungsvermögen— das Protoplasma gegen die Kälteeinwirkung widerstandsfähiger zu machen— ist, wie der Bota- niker Rein nachgewiesen hat, nicht allen Pflanzen eigen, sondern nur jenen, die dort heimisch sind, wo Fröste eintreten. Bei echten Tropen- pflanzen erfolgt der Kältetod stets bei dem gleichen Temperaturgrad. Aber auch in Gegenden, wo Fröste vorkommen, sind nicht alle Pflanzen befähigt, ihr Temperamrmininium zu verlegen. So ent- geht vielen untergetaucht lebenden Wasserpflanzen und den Keim- pflanzen vieler Sommergewächse diese Anpaffungsfähigkeit. Sie be- dürfen dieser ja auch nicht, da in ihre Lebcnssphäre keine Frostgrads eingreifen. Die eigenartigen Vorgänge im Innern der Pflanze während der Frostwirkungen lassen sich natürlich nur unter einem Mikroskop verfolgen, das mit einer besonderen Vorrichtung versehen ist. welche dazu dient, die Versuchsobjekte genügend lange Zeit auf bestimmte Kältegrade abzukühlen. Ziehen wir aus dem Gesagten nur eine Nutzanwendung für unsere Zimmerpflanzen. Empfindliche Pflanzen, wie Begonien, Gloxinien, überhaupt alle Pflanzen mit weichen, fleischigen Blättern müssen im Winter eine Wärme von mindestens-st 4 Grad haben, sollen fie dem Kältetod nicht anheimfallen. Pflanzen mit harten Blättern, wie Azaleen, Palmen, Kamelien können gelegentlich schon einmal 1 Grad Kälte aushalten, doch darf die Kälte nicht plötzlich aus hohe Wärme folgen und nicht zu lange andauern. Die im Winterquartier stehenden Fuchsien, Geranien, Lorbeer und andere sollen nur wenig Wasser bekommen und dieses möglichst nur an warmen Tagen. Ein trockener Lorbeerbaum übersteht eine Kälte von 6 Grad leichter als ein mit Wasser gesättigter eine Teiuperatnr von — 3 Grad. Das vom Lorbeer gesagte gilt in analoger Weise für andere Pflanzen gleichfalls. Herrn. K r äfft. Die Husbrücbe des pik von Teneriffa. Der berühmte Pik von Teneriffa, der jetzt zu den grötzten Sehenswürdigkeiten der Ozeanbummler gehört und seit etwas mehr als einem Jahrhundert ein starker Anziehungspunkt für wissen- schaftliche Forschung gewesen ist, hat plötzlich die Laune, der Menschheit eine große Uebcrraschung zu bereiten. Man wuhte ja, datz dieser mächtige Vulkan zu den erloschenen eigentlich nicht ge- rechnet werden konnte; das lehrte schon eine selbst oberflächliche Untersuchung seines Kraters und seiner Lavasttöme. Aber der Mensch ist ein vergeßliches Geschöpf. Wenn so ein Riesenkerl etwa 100 Jahre Ruhe gegeben hat, dann heißt es schon, er sei tot Dabei könnte man doch namentlich ans der Geschichte de? Vesuv gelernt haben, dcch ein Vulkan nach sehr viel längerer Pause einen neuen Ausbruch von großer Gewalt in Szene sehen kann. War doch der alte Kraterboden des Vesuv schon mit einem hohen Wald be- wachsen, als er im Jahre 70 zu dem verheerenden Ausbruch aus- holte, dem wir das konservierende Begräbnis von Pompeji der- danken. Von den Eruptionen des Pik von Teneriffa oder Pico de Tcyde liegt nun freilich überhaupt nur eine spärliche lieber« lieferung vor. Alexander von Humboldt, der den Vulkan 1TO7 bestieg, hat ihm in seinem„Kosmos" ein lebhaftes Interesse be- wiesen. Nach Humboldts Nachforschungen war der Vulkan von Teneriffa dem Altertum unbekannt. Seine Höhe beträgt nach den neuesten Angaben 3709 Meter, übertrifft also den Aetna noch um 430 Meter, wirkt aber schon deshalb noch weit großartiger, weil er sich in Kegelform unmittelbar aus den Meeresfluten erhebt. Deshalb ist auch seine Höhe verhältnismäßig leicht zu ermitteln. Trotz dieser gewaltigen Höhe kann, wie schon Humboldt aus- geführt hat. der Berg von den Säulen des Herkules(der Straße von Gibraltar) aus, der. Grenze der Schiffahrt des Altertums, nicht sichtbar geioesen sein. Dagegen könnte es nach HrimboldtS Berechnung möglich sein, den Gipfel von dem nächstgelegencn Teil der afrikanischen Küste um das Kap Bojador bei günstiger Witte- rung zu sichten. Danach wäre es also nicht ganz ausgeschlossen. daß auch schon im Altertum eine Ahnung von dem Vorhandensein des Pik von Teneriffa bestanden haben mag. Wie dem nun auch sei, eine feste Ueberliefcrung au? jener fernen Zeit besteht in dieser Hinsicht nicht. An einer anderen Stelle bringt Alexander von Humboldt die Tatsache in Erinnerung, daß C o l u m b u s auf seiner ersten Entdeckungsreise in den Nächten vom 21. bis 25. August 1492«inen Feuerausbruch auf Teneriffa gesehen hat. Sein Tagebuch enthält darüber freilich nur die kurze Bemerkung: „Wir sahen von dem Gebirge der Insel Teneriffa ein großes Feuer entspringen." Mit dem Hinweis auf diese Urkunde-beseitigte Hum- boldt die irrtümliche Annahme, daß im Jahre 1704 der erste Ausbruch des Pik seit der Eroberung der Kanarischen Inseln durch die Spanier stattgefunden habe. Ebenso verschieden lauten übrigens die im Augenblick»och wichtiger erscheinenden Angaben darüber. wann der letzte Ausbruch des Vulkans geschehen sei. In Lehr- büchcrn findet man dafür gewöhnlich die Jabrcszabl 1736 vev- merkt. Nach Humboldt dagegen soll im Jahre 1798 der letzte Lava- ausbruch an den Flanken des Berges in dem Krater der Chahorra erfolgt sei». Dies Ereignis scheint danach immerhin gering- fügig gewesen zu sein. Eine weit gründlichere Erforschung als ourch Humboldt, der auf Teneriffa nur einen kurzen Besuch ab- stattete, erfuhr der ganze Vulkan dann durch den großen Zeit- genossen und Freund Humboldts, den deutschen Geologen Leo- pold von Buch, der im Jahre 1815 fast zwei Monate auf Teneriffa zubrachte, den Pik bis zum Gipfel bestieg und nach vielen Richtungen durchwanderte. Die daran anschließende Erforschung der umgebenden Inseln, namentlich Gran Canaria, Palma und Lanzarote, ergab weiter wichtige Aufschlüsse über den Vulkanismus der Inselgruppe. Das Ergebnis dieser Reise war die berühmte „Physikalische Beschreibung der Canarischen Inseln", die unter Begleitung eines trefflichen Atlas im Jahre 1825 von Leopold von Buch in Berlin veröffentlicht wurde und noch heute in den Haupttinien als klassisch geschätzt wird. Diese Schrift bildete die eigentliche Grundlage für die von Leopold von Buch auf- gestellte Theorie der Erhebungskrater, die zwar auf Widerstand stieß und später widerlegt wurde, aber einen höchst wichtigen Einfluß auf den Fortsrbritt der Wissenschast ausgeübt hat. Hum- boldt schloß sich den Lehren Leopold von Buchs an iiuö übernahm vor allem die Unterscheidung in Zentralvulkane unv Reihenvulkanc. Im„Kosmos" führte er den Pik von Teneriffa selbst als ein Beispiel für einen Zcntralvulkan an. Der Pik bilde den Mittel- Punkt der vulkanischen Gruppe, von dem die Ausbrüche von Palma und Lanzarote herzuleiten feien. Bis zum heutigen Ausbruch, über dessen Eigenart ja erst mit der Zeit genaueres bekannt werden wird, war der Pik von Teneriffa auch in seinem Gipfel- gebiet das, was man als eine Vulkanruine bezeichnet. Um den Gipfel herum legte sich ringförmig der alte 5lratcrwall, der nach dem Beispiel des Vesuv überall Soinmo genannt zu werde» pflegt. Innerhalb dcS von diesem Ring umschlossenen Raumes, der einen Durchmesser von drei bis vier Kilometern besitzt, erhebt sich der Pik, d. fi. der eigentliche Ausbruchkegel der letzten Eruptionen. Eigentlich sind cS mehrere solcher Kegel, von denen aber der höchste eine mittlere Stellung einnimmt. Leopold von Buch nannte ihn „ein Gebirge über einem Gebirge". Seit den Forschungen dieses großen Gelehrten ist als die auffälligste Eigentümlichkeit das Vor- handensein mächtiger Vinisstcinselder bekannt, die den Abhang des Kegels in solcher Mächtigkeit überziehen, daß der Berg, vom Meere aus gesehen, eine Schueebedeckuug zu tragen scheint. Und diese Weißen Massen sind durchzogen von schwarzen Strömen vulkanischen Glases(Obsidian). Auf der Südseite bildete der Krater- rand noch einen völlig geschlossenen Halbkreis, nach Westen und auf der Nordseite dagegen war er mehrfach durchbrochen. Nach der jetzigen Eruption werden sich nun diese Verhältnisse bedeutend verändert haben. Ohne Zlvcifcl werden sich Forscher aus allen Kulturländern auf den Weg mackien, um den Verlauf und die Ergebnisse der unerwarteten Katastrophe zu beobachten. Es ist ein günstiger Umstand, daß von den großen Eruptionen, die in den Jahren 1736 bis 1736 die Inselgruppe der Kanaricn betrafen, durch die Sorgsamke'it Leopold von Buch? ein ausführlicher Bericht eine? Augenzeugen erhalten geblieben ist, der zum Vergleich heran- gezogen werden kann. Dr. E. Tießen. kleines Feuilleton. Kunst. Panl Cvzanne, der vor einigen Jahren verstorbene große französische Farbenkttustler, ist mit einer umfangreichen KollektivauSstellmig im Salon Cassirer vertreten. Vor ungefähr einem Jahrzehnt erschien er an dieser Stelle zum erstenmal, und seitdem haben wir fast jedes Jahr Werke von ihm in der Sezession gesehen. Aber einen rechten Begriff vom Wesen deS seltmmen Künstlers bekommen tvir doch erst jetzt angesichts dieser umfassendca Auswahl seiner Schövtungcn. Cezamie gehörte in den sechziger Jahren zu den anerkannten Führern und Pfadfindern des werdenden französischen Naturalismus. Er war einer der intimsten Freunde Zola S, der ihm sciiie berühmte Kritikensammlung widmete, und die damalige junge Generation setzte gerade auf ihn die größten Hoffnungen. Aber plötzlich verschwand er von der Bildfläche. Er verließ Paris und nahm feinen Wohnsitz in der Provence, die seine Heimat war. So kam es. daß mau den Sonderling bald vergaß. Und doch hatte der querköpfige Enisiedler das Ziel vollkommen erreicht, daö er sich gesteckt hatte. Gozmiue wußte sehr wohl, was er wollte; nur ging sein Streben weit über die Ideale deS da« maligen malerischen Naturalismus hinaus und er überholte mit genialem Sprunge die Kunstentlvickelung mehrerer Jahrzehnte. Darum verstand ihn Zola nicht, und darum hätten die kritiichen Wortführer der achtziger und neniiziger Jahre, die völlig im natura- listischen Fahrwasser segelten, niit ihm nichts anzufangen gewußt, auch wenn er ihnen leine Arbeiten vorgelegt hätte. Erst unsere Zeit ist zum richtigen Verständnis dieses großen Meisters gelangt, Iveil die Enlwickclung der Malerei eben jetzt den Punkt erreicht hat, auf dem Cözanne schon vor drei oder vier Jahrzehnten stand. Die kimsthistorische Bedeutung des impressionistischen Naturalis nius bestand vor allem darin, daß er die Maler zwang, mit unbelangeilen und eindringlichen Augen in die Natur zu blicken. Man entdeckte auf diese Weise eine Fülle von neuen Farben und Farbennuaiiceii, von denen die ältere Kunst keine Ahnung gehabt hatte. Diese Entdeckungen nun in freier künstle- rischer Weise zu verwerten, das war die Aufgabe der�Kuustepoche, die den Naturalismus ablöste. Cözaune hatte diese Aufgabe schon früher erkannt und sich das Ziel gesetzt, die in der Natur neu entdeckten Tomverte zu neuen koloristischen Harn, ouien zusammeuzuietzeu. Seine Kunst wollte nicht, wie die de» Naturalismus, getreue Abbilder der Wirklichkeit geben, sondern sie sollte durch den sinnlichen Reiz farbiger Wohlklänge auf das Auge des Beschauers wirken. Komposition, Zeichnung, Lust- und Linicuperipeltive kommen daher fiir ihn kaum in Betracht. Seine Gemälde sind nichts als farbig dekorierte Flächen, die der Beschauer so betrachten und würdigen muß, Ivie er etwa die ornamentalen Muster bunter orientalischer Teppiche betrachtet und würdigt. Aber auch dem. der diesen Schliiffel zum Verständnis der Eözanuischeu Kunst besitzt, wird an den Gemälden noch vieles nnllar und fremdartig erscheinen. Sein Auge wird oft keineswegs reine Harmonie, sondern im Gegenteil schreiende farbige Mißklänge empfinden. DaS kommt daher, daß unser Auge durch die Werke der älteren Kunst an ganz andere koloristische Har- monicn geivöhnt ist und erst lernen muß, sich in der Eigenart der neuen Farbenwelt zurechtzufinden. Die Schöpfimgen jedes Künstlers, der etlvas Neues bringt und die Eutwickelung auf eine höhere Stufe emporführt, verlangen zu ihrem Verständnis ein solches Einleben und Umlernen. Die Farbenskala, mit der die allen Meister ihre koloristischen Wirkungen erzielten, ist durch den impressio- nistischen Naturalismus unendlick, erweitert und bereichert worden. Man hüte sich daher beim Betrachten der Eüzanueschcn Gemälde bor einem allzu raschen Urleil! Die Arbeiten find samt und sonders die Resullate eines schweren und heilig ernsten Ringens um die höchsten Ziele der modernen Kmist. Der Meister, der diese Werke schuf, wählte den ungleich schwierigeren Weg der Bewäl- tiguug ganz neuer, bis dahin ungelöster, ja zum Teil ungeahnter Probleme. Bevor man ein Urteil über diese oft seltsam und fremdartig aumiltendcn Farbcnznsammcnstelluugen wagt, suche man mit ernstem Bemühen zunächst i» jedem einzelnen Falle die künstlerischen Absichten EezanneS zu verstehen. Man betrachte z. B. daö„Stilleben mit der Uhr"(?kr. 2t) und achte auf den farbigen Zusammenklang dcS tiefen, samtartigen Schwarz, deS lichten Rosa, de» Stahlblau und Schwefelgelb. Man vergleiche die dunklen, satten Töne des Bildes„Sommer- Sonntag"(Nr. 27) mit den hellen, zarten, von einem tchiimncrnden, bläulichen Hauch umflossenen Farben d«S in der Nähe hängenden Stillebens Nr. 32. Man vertiefe sich vor allem nicht in die Details, sondern man suche den farbigen Get'amteindriick jedes einzelnen Bildes in sich aufznnehmen und"sich über seine kolorislische Eigenart klar zu werden. Dann wird bei einigem guten Willen allmählich das Ver- stäudnis fiir diese oder jene Schönheit aufdämmern, man wird die Absichten de? Maler» begreifen, seine reife und vornehine Kunst ge« nießen und lieben lernen. ck. S. Berantw. Redakteur: Richard Barth. Berlin.— Druck u. Verlag: vorwtrtl tvuchdruckere, u.Veriagtanstalt Paul Singer äl«o..««rlm 5