MnlerhaltMgsvlatt des �orivär! s Nr. 230. Freitag den 26. November. 1909 40] iNachdru« berbsttn.) „Soläaten fem fckön!" Bilder aus Kaserne und Lazaretk. Bon Karl Fischer. In einer stillen, dem Massengetriebe fernliegenden kleinen Schenke saß Volter am vorletzten Manövertag mit einigen bekannten Kameraden seiner und anderer Kompagnien. Der Zufall hatte es gefügt, daß er auf dem Weg ins Wirtshaus Bornemann traf, der sich ihm anschloß. Bornemann strahlte. Sein sonnenverbranntes Gesicht glänzte vor Wonne. Seine Feldmütze saß ihm ganz auf dem einen Ohr, daß sie jederzeit herunterzurutschen drohte. „Ich habe Dich den ganzen Abend gesucht, Volterl" sagte er, als er neben ihm saß.„Den letzten Manöverabend wollte ich noch in Deiner Gesellschaft verbringen. Morgen abend beim Abfahren kommen wir doch nicht zusammen. Wie gehts, alter Kollege? Seit vier Tagen habe ich Dich nicht gesehen!" „Du siehst jat Ich freue mich auch mit, daß es nun bald AU Ende ist.",, „Mensch, ich werde vor Freude noch blödsinnig! Kollegen!" rief er dest anderen zu.„Sauft zu! Eine Runde bezahle ich! Gestern habe ich von daheim mein letztes Manövergeld bekomnien!" Ein allgemeines Jubelgcheul ertönte als Dank auf solch «in Anerbieten. Schnell wurden die auf dem Tisch stehenden Gläser ausgetrunken. „Aber Volter, sei doch ein bißchen fidcler! Denk doch, noch einen Tag!" „Laß nur, Bornemann! Ich freue mich auch so mit Euch." „Prost!" ertönte es im Chorus.„Auf Dein Wohl, Du Lazarettbummler!" „Prost, Ihr Tippelbrüder!" rief Bornemann zurück.— „Wollt Ihr meine neueste Geschichte hören?" „Du hast wohl gestern Schnaps in Deiner Feldflasche gehabt?" lachte Beck von Volters Kompagnie. „Das fehlte gerade noch! Ihr könnt froh sein, wenn �ch Euch Wasser nachschleppe. Ne— aber mit meinem Leut- nantl Dem habe ich es beigebracht. Mein Leutnant kann mich nämlich nicht leiden. Schon vom vorigen Jahr her. Bis vor drei Tagen habe ich doch keinen Appell mitgemacht. Ich werde mich hinstellen als Sanitätsgefreiter und meine Brocken begaffen lassen. Vorgestern, mitten auf dem Marsch. kriegt mein Leutnant seine Laune. Wie er eine Weile»ach dem Gefecht hinter mir hergetippelt ist, fängt er mit einem Male an:„Mein Anzug sei furchtbar unsauber, meinen Ver- bandskasten hätte ich überhaupt noch nie geputzt, und meine Labeflasche sähe aus, als ob ich sie drei Tage im Schlanime rumgewälzt hättet" „Das war aber ein Schreck für Dich!" rief einer lachend. „Ne. mein Lieber! So leicht lassen wir uns nicht bange machen!— Also kurz und gut. er sagte, ich solle von jetzt ab die Appelle mitmachen. Ich sagte ihn, darauf, daß meine 'Sanitätsausrüstung dem Bataillon gehört und daß der Assistenzarzt des Bataillons mein direkter Vorgesetzter ist. Kollegen! Da hättet Ihr denn mal sehen sollen, wie er Feuer spuckte. Ich dachte, er wollte mich mitten auf der Straße vergiften. Natürlich war ich beim Appell am Nach- mittag nicht erschienen. Wie ich mich beim nächsten Antreten rausredete, ich hätte Sanitätsdienst gehabt, wollte er mich dem Hauptmann melden. Na gut!— Gestern abend auf dem Biwakplatz,— schon ziemlich spät— ich tvar schon unters Zelt gekrochen und wollte ein bißchen daren— da rief er mich. Gefreiter Bornemann! Ich lag gar nicht weit von ihm und dachte mir, ruf Du noch eine Weile. Es konnte mich kein Mensch sehen, so dunkel war es. Vier-, fünfmal rief er. Dann schickte er ein paar Kerle, mich zu suchen. Na— ich dachte— will doch endlich mal hören, was er auf dem Herzen hat. Ich tat so. als wenn ich von weitem her- gerannt käme, und meldete mich bei ihm atemlos. Wo stecken Sie denn? brüllte er mich an. Ich habe mir schon die Kehle wund geschrien!— Ich habe nichts gehört! antwortete ich ihm so aufrichtig, wie ich nur konnte.— Na. er machte gute Miene zum bösen Spiel.— Kommen Sie mal mft Ihrem Pflasterkasten dort in die Scheune, sagte er dann leise. Sie müssen mir meine Füße verbinden. Er hatte stch also wund gelaufen! Na warte, dachte ich mir, jetzt sollst Du mal die Appellgeschichte büßen. Auf jeder Fußsohle hatte er eine talergroße Wasserblase. Ich bitzelte ihm nun mft meiner Schere an den Füßen herum, daß er quietschte vor Vergnügen. Dann fuhr ich ein paar Mal beim Aufschneiden der Haut daneben, daß er zusammenzuckte wie bei einer Elektrisier- Maschine. Ich konnte mirs Lachen kaum verbeißen. Dann strich ich ihm recht dick frisches Kollodium auf die Stellen. wo die Blasen waren. Er konnte nicht reden, so fest biß er vor Schmerz die Zähne zusammen." „Das ist recht!" riefen einige Alles lachte. Hat er Dich gemeldet wegen des Appells?" fragte Beck. „Meinem Leutnant ist das Melden vergangen! Ihr hättet ihn sehen sollen, wie er heute auf dem Marsch tippelte! Immer auf den Fußspitzen mit eingeknickten Beinen. Er wußte gar nicht, wie er auftreten sollte." Jeder der Anwesenden wußte, was das für ein Gefühl ist. Sie lachten alle schadenfroh aus vollem Halse. „Prost Bornemann l" rief Volter lachend.„Du bist ein Spitzbube!" „Prost Kollege! In drei Tagen sind wir daheim!— Singen wir eins, Kameraden!" Aus kräftigen Soldatenkehlcn ertönte ein Reservisten- lied. Klangfarbe war Nebensache. Die Hauptsache war der Text. Ihre ganze Freude kam dabei überlaut zum Ausdruck. Reserve spielt ja stets den Schlauen, den Schlauen, Und lustig geht'S zum Tor hinaus! hinaus!! Plötzlich wurde das Lied jäh abgebrochen. Die Tür war hastig aufgerissen worden, und auf der Schwelle stand Sergeant Schneider, ohne Mütze, mit dem blanken Seiten- gewehr in der Hand. Ueber seinem linken Auge floß aus einer frischen klaffenden Wunde Blut, das ihm übers Gesicht auf seinen Uniformrock lief. Ganz ermattet hielt er sich am Türpfosten fest. Erschreckt hatten sich aller Augen zur Tür gewandt. Valter war der erste, der aufgesprungen und zum Sergeanten geeilt tvar. „Was ist geschehen?" fragte er ihn entsetzt. „Volterl" antwortete Sergeant Schneider mit schwachem Ateni.„Sie— sind hier?— Das ist— gut.— Da können Sie mich— gleich verbinden." „Wer hat Ihnen denn das getan?" frug Volter. „Ich war ein Stückchen raus vors Dorf gegangen. Me ich mm vorhin zurückkomme— fielen an der großen GutSmauer— nicht weit von hier— einige Kerle über mich her. Das kam mir ganz unverhofft, daß ich mich— im ersten Augenblick nicht zur Wehr setzen konnte.— Da hatte ich aber schon einen Hieb abbekommen. Ich zog mein Seitengewehr — verteidigte mich im dunkeln— so gut es ging. Es waren aber zuviel— ich mußte zurückweichen. Wie ich das Licht dieser Kneipe sab— und hörte Gesang— schlug ich mich bis hierher und stürzte dann herein." Neugierig waren alle um ihn herumgetreten. Der Wirt und seina Frau schlugen die Hände über den Kopf zusammen, wie sie das Blut sahen. „Bornemann hole schnell Deinen Kasten!" rief Volter. „Herr Wirt, können Sie uns nicht auf einige Augenblicke in ein leeres Zimmer lassen." Der Wirt öffnete die Tür zu seiner Privatstnbe. „Ihr andern," rief Volter zurück,„bleibt bitte hier in der Gaststube und macht kein großes Aussehen!" „Aber Bornemann soll sich draußen in acht nehmen!" flüsterte Sergeant Schneider Volter zu.„Die Kerle haben mir nachgerusen, sie wollten warten, bis ich wieder hinaus- komme?" ..Bornemann wird schon wissen, was er denen zu sagen hat," antwortete Volter. Die Wirtin, eine alte angstliche Bauersfrau, hatte glerch Wasser in die Stube gebracht, und Volter wusch Sergeant Schneider das Blut vom Gesicht. _ Q «Kannten Sie di? Burschen?" fragte ihn Volter. „Es war zu dunkel draußen. Ich konnte keinen er- kennen." «Haben Sie denn irgendwie Streit angefangen?" «Ach wol Ich weiß selbst nicht, warum sie über mich herfielen. Ich kann mir's höchstens denken." „Denken Sie. daß einige von der Kompagnie das da draußen angestifet haben? „Sicherl" „Habel, Sie einen bestimmten Verdacht?" „Wer kann wissen, wer s gewesen ist. Bis zu meiner Krankheit wurde ich von der ganzen Mannschaft gehaßt— wegen— na, Sie wissen ja.— Ich kannte es nicht anders. Da wird mir wohl einer etwas nachgetragen haben." „Das werden wir gleich erfahren!" rief Volter.„Bleiben Sie ruhig hier in der Stube. Ich werde mal mit den Vauernburschen reden." „Die werden sich aber irgendwo versteckt haben!" „Ich werde sie schon finden!" Damit begab sich Volter hinaus. Nach einer geraumen Zeit betrat er mit Bornemann wieder die Stube. „Sie sind fort!" rief er dem Sergeanten zu. „Haben Sie mit ihnen gesprochen?" „Ja." „Und—" „Ich erzähle Ihnen das vielleicht später.— Jetzt wollen wir Sie erst verbinden." „Was soll ick aber dem Hauptmann melden, wenn er den Verband sieht?" „Sagen Sie ihm die volle Wahrheit!" antwortete Volter. „Da werden Sie aber mit in Konflikt kommen." „Das schadet nichts." „Wie ich ihn kenne, will er alles genau wissen. Soll ich ihm auch sagen, daß Sic mit den Kerlen gesprochen haben?" „Sagen Sie ihm alles!" lSchluß folgt.) lNochdrulk vcrbolen.1 s�eue woklfeüe Wandbilder. In Wniidbildansstelllingen, die setz, an vielen Orten von unseren Bildungsauöschüsscn und Gewerkschafistartellen veranttaltct werden, kann man immer wieder beobachten, wie viele Arbeiter an Dar- stellungen des menschlichen Antlitzes ohne ein Zeichen ernsthafter Hingabe vorübergehen. Und dabei sind in der Regel nur ganz wenige iolchcr Bilder zur Schau gehängt. Die Landschaft da- gegen besitzt deS Arbeiters Herz wirklich und ganz nnd gar, und wiederum sehr oft besonders dann, wenn Figürliches darin zu sehen ist, das die Stimmung deS Bildes ausdrückt. Das Einfühlen in die Landichaft wird durch solche Zugaben erleichtert. Das Bild. daS den Arbeiter fesseln soll, inntz ihm etwas erzählen können. Desbalb zieht ihn auch das ernsthafte Genrebild so leicht an, zumal wen» der Inhalt sozial gcrichlei ist. DaS hingebende Verweilen vor Uhdcschen und Milletschen Bildern erklärt sich so, daS bedachtsame Durchblättern der Mtlletmappe des„KunstwanS"«Preis ö M.), das gefesselte Betrachten pdotograpbischrr Wiedergaben szenischer Bildwerk? MeunicrS und der düsterwuchligcn revolutionären Elendbilder von Kälhe Kollwitz. Zum Einfühlen in Darstellungen des menschlichen Gesichtes hat sich dem proletarischen Bildbetrachter also der Weg noch nicht so gut geebnet. Bicle wissen nicht, daß daS Gesicht die Lebenslandschaft der menschlichen Seele ist. Also geschieht auch hier ein Erzählen, und ein Erzählen von den verborgensten Bewegungen deS Lebens ist's. Drei Pbotogravüren«Preis je 5 M.j hat der«Kunstwart" herausgegeben, die von dieser feinsten Kunst deS Erzählens Zeugnis ablegen sollen: in den letzten Iahren die Rembrandtschen Borsteher der Tuchmacherzunst, dann das herrliche Eiorgionesche Konzert und in diesem Jahre bas Bild Die Unter- r e d ii n g vo» Lore n zo Loito. Dies Werk von Lotto, geschaffen in der Blütezeit der Bildnis- Malerei italienischer Renaisiance, zeigt drei Köpfe nebeneinander: einen Jüngling, einen Mann, einen Greis. Drei Lebensalter also. Der bartlose Jüngling swaul mit sinnender Aufmerksamkeit aus ein beschriebene? Blatt, das er in der Hand heilt. Er hörr zu. Der bärtige blühende Mann neben ihm spricht. Dem Inhalt des Schriftstücks gilt sein Wort. Die ruhige Sicherheit seines Antlitzes, sein gesenktes Auge, die stille Halimig deS Mundes zwingen den Schauenden mit sanfter Gewalt in sein Inneres. Und still spricht dieser überlegt gebende Mann, und aus der seinbeweglen linken Hand lesen wir. Zum stillen Ton gesellt sich eine edle Form, deren Wesen klare Ein- sachheil ist. Neben den beiden Jängeren dann der vom Leben derb ausgeformte Kopf des Gruses: jene ganz von der Sache hin- genommen, dieser zwar auch hinhörend, aber von den Gedanken schon in die Weite geführt! die Augen deuten es an. Der Ausdruck dieieS drillen Kopfes bringt Bewegung in das Bild, die alle Enge beseitigt. Man fühlt: was die zwei dort bedenken, daS geht nicht nur sie an, es ist von Bedeutung über sie hinaus. Eine wunderbare Ruhe erfüllt das Bild. Hell treten nur die drei Köpie und die eine Hand heraus; halbhell angedeutet ist daS Schriftnück. Und bedeutsam ist das Licht auf den Gesicknern verteilt. jedes ist anders vom Lichte getrosten, von vollem Licht nur das Antlitz des Mannes, indes gegenüber wiederum die Kopfform deS Greises am meisten deutlich abgegrenzt aus dem Dunlel heranZ-- gehoben ist. Das alles gibt dem Bilde eine lebendige Sprache. Ma» muß nur anichauend verweilen, so erschließt sich ihr Inhalt reich und reicher dem lauschenden Gefühl und erzählt vom feinsten Gescbchen des Lebens. Dies Verweilen wird übrigens durch den äußeren Vorgang des BildcS erleichtet. Der Zuschauer wird unwillkürlich zum Zuhörer. Es ist ein eigener Reiz darin, Menichen nnreinander reden zusehen. Die'en Reiz verspürt man auch bei dem wundervollen Bilde«Der Brief" von dem alten Niederländer V e r in e e r, das der„Kunstwart" ebenialls in Phoiogravüre herausgegeben bat. Das große Bild kostet freilich 8 M., aber jetzt ist eine gurgelungene Reproduktion auch in den Meislerbildern erschienen, die nur 25 Pf. kostet. Jedein § immer wünsche ich dieses Bild voll edelster Natürlichkeit, das zwei rauen in Zwiesprache über einen Bnes darstellt. Leichter ist natürlich der Weg zum Lebensinhalt solcher Einzel- bildnisse zu finden, wie der kernige 5k a r l Bauer sie bei Teubner in Leipzig veröffentlicht. Da ist ein einziges große? LebenSgeiübl, ein einziger großer LebenSgedanke in den Gesichtszügen versinnlicht, eben daS, was uns Lebenden diese Männer der Bergangenheit nahe- bringt. So erschien eben das Bildnis Schillers. Wie ist da ans einen Wurs mit kühnem, robusten Strich die mäcvtigste Willens- kraft ansgedrückl I Nichts Kleines hat in diesem Antlitz Raum, nur das Geivaltige, das sich zur Tat berufen fühlt. « Bon neuen Landschaftsbildern nun! Jede? Jahr bringt deren eine neue Fülle heran. Kein Wunder: sie vor allem werden für den Schmuck der Wand verlangt. Mehr als drei Viertel alle? Ncuersckiienenen ist landschaftlicher Art und fast alles geben die farbigen Künstler-S t e i n z e i ch n u n g e» der beiden verdienstvollen Leipziger Verlage von Voigtländer und Teubner. Diesmal ist maiicherlei Gutes unter dem Neuen, einiges ist sogar künstlerisch höchst ansehnlich. Das Beste sei voran genannt. Herrlich ist Rudolf Siecks Herbst am Chiemsee sTcubner 5M.). Daß das Bild die Landichaft ausdrücklich nennt, aus der es hervorgegangen ist, mag von denen begrüßt werden, die eine Erinnerung an jenen schönen Fleck Erde Häven wollen. Es ist in diesem Jahre die beste Stein- zeichnung, die der Forderung gerecht wird: den Wohnraum lichr z u beleben. Wäre noch ein klein wenig mehr leuchtende Sonne im Blatt, voll klänge dann die Melodie des Mörikeschcn HcrbstliedcS hervor;„Ich seh zu meinen Füßen herbstkräftig die ge- dämpfte Welt in warmem Golde fließen." Alles in diesem von Ferne erfüllten Bild ist sanft und doch so bestimmt: die gewellten Ackerstreiien. die leichten Hügellinien, die Uierau mit ihren ver- streuten Feldbäumen, die stille Waiierweue mit ihren baumbcwachsenen Jiiselchen nnd Landzungen. Bor dieser Ferne stehen noch blältervolk die braunen Laubbäume und tiefer im Bild hinter einer Hügelwelle empor die düstergrünen Tannen I Sieck weiß Bäume zu zeichnen I Winterbilder werden nicht gern für die Zimmerwand gekauft. So sind sie auch unter den Steinzeichuungen bisher nur spärlich vertreten. So gut belebte Schneelandschasteii wie L. MnnschcidS abendliche Baucrnichlitlen im Erzgebirge pflegen aber in den Wand- scbmuck-Ausslellungen der Arbeiter viel Aufmerksamkeit zu finden. Jetzt ist bei Teubner ein neues Winterbild erschienen: Weih- nachtsabend von F r. H e ck e r. s5 M.) Tief eingeschneit steht in der sternigcn Winternackt ein dörfliches Haus. Durchs Fenster leuchten sreudigschön die Kerzen des Tannenbaums, und draußen auf dem Schnee glänzt still der Widerschein. Das Bild ist ganz frei von Seniimenlalilät und irgend welcher Aufdringlichkeit. Sein Jnbalt ist mit einfacher Schlichtheit gegeben und wirkt durch den farbigen Zusammenklang der blaugraucn, sterndurchstrahlten Schnee- duiikelheii mit dem goldigen Lichterglanz. Ein tieswohliges Gefühl geht davon aus. Wald und Märchen dämmern ineinander in der farbigen Stein- zeichnung von H. Arnold: Waldau dacht(Voigtländer, ö M.). Wo in der Walddämmcrung unten zwischen den alten, mächtig wurzelnden Stämmen ein Sonnenfleck geheimnisvolle Helle schafft. sitzt ein Geiger mit seinem Kinde und spiest. Erstaunt guckt das Kind, denn die Töne wirken zauberhaft: auf den Wurzelknorren umher sammelt sich geheimnisvoll huschendes Getier und lauscht wie versteinert mit gespitzten Obren. Die Zeichnung ist in großen ein- fachen Formen gehalten, beschränkt sich auch in der Farbe auf ein paar dämniernde eiuiacbe Töne, verliert sich nirgends in Kleinmalerei und wirkt crfteulich gut. Der ,K u n st>o a r t"- V e r l a g hat in den letzten Jahren eine Reihe Blätter wiedergegeben, aus denen die übermächtige Größe der Meernatnr atmet. Ein Soniiemintergaiig Ludwig v. Hof» manns<2,50 M.) zwingt das Gefühl der unendlichen Ferne deS ruhigen Meeres empor: ans dännnerblauer Flut zieht die fenrige Spiegelbahn des Sonnenbildes fernher, glühend endet sie zu Füßen des Beschatters, der die herrliche Erscheinmig von hoher FelsenMppe auS anstaunt. Von Hukert R! henhofen erschien ein nebelndes Bild aus den Dünen<2.50 M.). aus dem die Lberwältigende Höhe des von schweigenden schweren Wolken durch- drängten Himmels wirkt. Zu den beiden gesellt sich nun in diesem Lahre ein Bild aus dem Wattenmeer: Alfred Bachmanns „Versandetes Wrack" sPreis 1,50 M.). Aus dem Bilde dringt in Ferne und Höhe die Stimmung des Grenzenlosen. Zu grosier Einheit gehen alle Stimmungs- elemente zusammen. Sie scheinen sich zu sanimeln in der am fernen Meerhorizont tief auf dem Watt ruhenden Sonne. Verebbend arbeitet noch die Brandung. Ein dunkles Trümmerwrack liegt eingesunken da mit seinem zerrissenen, starrende» Plankenzeug, ein Trupp Regenpfeifer steht gespenstisch in der Nähe. Das Bild hat die Sprache des Uncndlich-Groxen: in der tönenden schweren Stille der Waltküste wird sie vernehmbar. Das Bild drängt nichts auf und ist doch offenbar stark absichtsvoll und wirkungsbewusil ge- schaffen. Der Künstler ist hinter sein Werk zurückgetreten, unsichibar wirkt er als Schöpfer aus der Ratur heraus. Die Wiedergabe des Bildes ist dem„Kunstwart" offenbar gelungen. Die Toppeltonbild- reproduktion hat auch in diesem Falle erwiesen, welch klarer, vertiefter, härteloser Ausdruckskraft dieses Verfahren fähig ist. » Die Blütezeit des Ocldruckschund? fällt zusammen mit der Schwärnrerei für Alpenbilder. Diese schreckliche Zeit ist heute dank den Fortschritten der Rcproduklionstechnik überwunden, und damit ist auch die Verranntheit der Vorliebe für Alpenlandschaften als Zimmerschmuck in den Hintergrund gedrängt worden. Natürlich hängt das nicht nur mit der Uebcrwindung des Oeldrucksckunds zusammen. Die Vorliebe war ein romantischer Hang, der das Gute sehnsüchtig in der Ferne suchte, und der ist nun der besseren Er- lenntniö gewichen, daff das Gute überall zu finden ist. Auch aus Arbeiterausstellungen zeigt sich die Vorliebe für alpine Darstellungen heule nur ganz selten. Die ausgehängten guten, großen Alpen« bilder von Glück u. Raven st ein lbei Voigtländcr erswienenl werden zwar betrachtet, aber nur ausnahmsweise gekauft. Selbst mit dem wundervollen Louterbrunnenlal von Hans Thoma, das der„slinistwart� farbig reproduziert hat<4 SR), geht das so. Für den Verlag von Teubsiet hat H. B. W i e l a n d einige große farbige Alpenbilder geschaffen, vor ein paar Jahren ein mäckitigcs Alpenglühen, diesmal wieder einen weiten Ausblick über die Alpenhäupter hin bis zu den fernen Gletscherriesen<6 M.). Im Vorgrunde erhebt sich hoch aus zerfurchtem Steinboden ein braunes Kreuz. Bergkreuz heißt dies Bild. Verhaltenes, rötlich braunes Glühen rubt auf dein Kreuz und an den durchfurchten Felswänden; das mächtige nahe Tal ist von dämmerwogendem Nebel erfüllt, und der Wind reißt den Nebel in ungeheueren Scknvaden schweifartig in die Luft enipor. In Tageshelle wirken diese Ncbelstreifen hart und störend, bei leicht schlcierndem Lampenlicht aber werden sie erträglich. Dämmerungsbilder eignen sich nicht siir jedes Zimmer und vor allem auch nicht für jeden Platz der Wand. Es gibt sebr schöne Bilder dieser Art, aber auch diese wollen vorsichtig erprobt sein. Tiefe graugrüne Dämmerung, in der alles unbestimmt wird und zu großen Mafien zusammengeht, schildert eine kleine Steinzeichnung von JuliuL Nits che: Abend in der Aue(Voigtländer, 2,50 SR). Hinter dunklem Walde, der den weiten Wiesengrund ab- grenzt, geht ncbclrot groß der Mond auf. Früher und anders ist die Abenddämmerung auf R. Bäumers zerfahrenem birken- gesäumten Heideweg fVoigtländer, 2,50 SR). Die Sonne ist noch nickt gesunken. Es glüht der Grund und das Birkcnlaub in den tiefen, brennenden Farben der Abendröte und die schmalen, ge- krümmten Stämme schimmern lichtweiß. Die Bauernfrau, die sich fern durch den Sand hermüht, wünscht mai» aus deni Bilde weg, die einsame Weile würde ohne diese Beigabe ihre Eigenart noch stärker geltend machen. Die Steinzcichnnngcn mühen sich seit Jahren um Hcide- stimmungen; sie charakteristisch zu treffen scheint besonders schwer zu fein. Auch dies Bämnersche Blatt bedeutet noch nicht, daß das Ziel erreicht ist. Morgendämmerung schildert Zeno D i e in e r s Zeppelin über dem Boden sec sVoigtländer. 5 SR). Da? Bild gibt das, woran man heute bei dem Namen Bodensee denkt, ist aber glücklicherweise ohne hurraniäßige Aufdringlichkeit. Es zeigt nicht bloß den Ballon, sondern zugleich, mir gutem Malerauge ge- sehen, die weite Fläche des Sees, hinler defieu fernem User sich die schueeglänzende Kette der Alpen schroffzackig in lichter Bläue erhebt. Der Ballon ist als ein Teil dieser Landschaft dargestellt, in der feuchten Atmosphäre schwebend, die allem etwas DuftweichcS gibt. Nun ein hellfrisches Bildchen vom vollbesonnlen Tage: Die weißrosige Seligkeit des Frühlings im Gärtchen einer Häuslcrkate schildert Ulrich Webers Blatt A p f e l b l ü t e«S Menschen noch anftcckungSfählg bleiben. Wir müssen annehmen, baß sie auch mit dem Zimmerftaub übertragen werden können, Kerantw. Redakteur: Richard Barth, Berlin. � Druck u. Verlag: toenn wir cnnki keinen unmittelbaren Beweis dafür besitzen. D Kleines f euilleton* Technisches. Die Nutzlosigkeit der Meeres iv eilen. Es gebort zu den aufsälligsten Tatsachen, die zu tiefem Nackdenken Beranlasiung geben sollte». daß eö dem Menschen gerade versagt geblieben ist, von den fast nimmer ruhenden Naturkräften Nutzen zu ziehen und sie vor seinen Wagen zu spannen. Weder daS Licht und die Wärme der Sonnenstrahlen noch die Kraft des Windes, nock die Gewalt der Meereswellen sind bisher in nennenswertem Grade dem Menschen dienstbar gemacht worden. DaS wenige, was man mit Wind- motorcn oder gar mit de» irgendwo in fernen Ländern als Merkwürdigkeit lonstriiierten Sonnenmotoren erreicht hat, kommt fast gar nicht in Betracht. Auf die AuSm»tzung von Ebbe und Flut oder der durch die Luflsirönlungen erregten MeercSwellen bat man noch immer einige Hoffnungen ge'etzt. Der Ingenieur Riccardo Salvadori bat nun in einem Vortrag vor der Italienischen Elektrotechnischen Bereinigung dieser Hoffnung den Boden völlig zu entziehen versuckt. Er hat nämlich die Gründe auseinandergesetzt, warum die Kraft der Wellen nicht ausgenutzt werden könne. Eine der großen Schwierigkeilen liegt in der außer- ordentlichen Veränderlichkeit des Energiebetrags. Wenn aber diese Schwierigkeit dadurch Überwunden werden könnte, daß man die Energie aufspeichert, zum Beispiel in Behältern, in denen die Luft zm'aminengepreßt wird, so würden die Kosten der Anlage die praktische Verwendung unmöglich machen. Den wichtigsten Grund aber für die Unbrauchbarkeit der Meereswellen erblickt Salvadori darin, daß die mittlere Pferdekraft der MeereS- wogen tatsächlich überhaupt zu gering sei. Eine Welle von zwei Meter Höbe würde, auf daS Meter Küstenlinie berechnet, 7 Pkerde- stärken geben, aber die Zahl der Tage im Jahr, die solche hoben Wellen bringen, ist verbältniSmäßig klein. Bei Wellen von 1 Meter Höhe, wie sie dielleicht in der Hälfte der Tage deS JahreS vorkomme», würden sich die Kosten für den Gewinn einer Pferdestärke auf nicht weniger al» 4000 M. stellen. Vorwärts BuchSruckerci u.VerlagSaujtalt Paul Singer ücEo..Berlin SW.