Iwterhattlmgsblatt des Horwärts Nr. 232. Dienstag� den 30� November. 1909 0 Tlobelvolk. (Nachdruck verboten.) Eine Dorfgeschichte von Paul I l g. Schon bald eine Stunde saß nun Heinrich Anderegg wieder in der niedrigen, rauchgeschwärzten Stube des Vetters Bastian und kämpfte, indes die Base nicht müde wurde, ihn auszufragen, vergeblich gegen Angst und Reue an, weil er doch noch einmal den Schritt über diese Schwelle getan hatte. Ahm war zumute, als würde er gefesselt mit den Schlingen des stumpfen, beengten Lebens unter dem grauen Dache, als ob die lieben Kindhcitserinnerungcn, die ihn hergetrieben hatten, schon am ersten Tage verwelken müßten im trüben Licht der Hoffnungslosigkeit, der alle, die hier lebten, ver- fallen schienen. �, Im Saal nebenan rollten die Wagen der Stickmaschine auf den eisernen Schienen eintönig hin und her: es war ein fortwährender Donner, dazu hörte man deutlich das Krachen der gespannten Leinwand, wenn die Nadeln hineinfuhren, der Faden angezogen wurde oder das gelle Zischen und Rattern, wenn der Bohrapparat in Anwendung kam. Eine dumpfklingende Leier des Alltags.... Wie hatte er hoffen können, hier seines Lebens froh zu werden? „Ich kann's und kann's halt nicht fassen, Heiri. daß Du wieder da bist nach so vielen Jahren I Alsgemach haben wir schon gemeint. Du kämest nie mehr zu uns und alles sei vergessen! Und doch ist mir keins von den Meinen so lieb gewesen wie Du— das weiß der Himmel I Immer Hab ich gesagt zum Bastian: Gib acht, der Heiri niacht uns noch einmal Freud'. Von den eigenen Kindern könnt' ich das nicht sagen." Die nun schon graue, gebeugte Frau saß auf einem Schemel vor ihm und weinte, den Kopf an seine Knie ge- schmiegt. Er hatte sie ganz anders im Gedächtnis behalten, rüstig, hart, eine derbe Zuchtmeisterin, die nicht darauf zu achten pflegte, wohin der Kuieriem oder die Haselrute traf. wenn sie ihn einmal„in die Finger nahm". Das geschah aber so häufig, daß sich Heinrich in seiner Schulzeit als der ärmste und geschlagenste Tropf vorgekommen war. „Erzählt mir doch, wic's ihnen geht und was sie treiben!" sagte er jetzt, weniger aus Neugier, als um das schmerzliche Weinen seiner Pflegemutter zu stillen. Da verstummte auch das Rollen der Maschine nebenan und der Vetter Bastian im blauen Arbeitsschurz trat wieder in die Stube. Es war eine rechte Jammergestalt, hager, vertrocknet, ganz eingefallen im Gesicht und auf der Brust, mit häßlich langen, schlumpigen Gliedern und stark einwärts gekchrten Füßen. An ihm hatte der Heimgekehrte keine Veränderungen wahrgenommen. Der grundgütige, schwache Mann sah noch mit den gleichen treu- braunen Augen in die Welt und sein Gehaben entsprach noch immer dem festen Glauben, daß dieses Leben aus Mühen und Leiden bestehen müssen, kurz, nur als Voorbereitung zu einem besseren Jenseits zu begreifen sei. Er setzte sich bescheiden hinter den Tisch auf die Ofen- bank. „Ganz leer möcht ich denn doch nicht ausgehen, wenn da berichtet wird—" suchte er sein Erscheinen vor der gestrengen Gattin zu rechtfertigen. Ep sprach mit Scheu, meist irgend- einen toten Gegenstand betrachtend und schien sich nicht so schnell wie seine Frau in die nun umgekehrte Stellung zu Heinrich zu finden, gerade, weil seine Achtung vor dessen Geistesgaben tiefer furchte und ihn selbst, den unwissenden. geduckten Taglöhner. schier beschämte. „Ja, Du kommst mir grad recht. Du Wundernase!" fuhr die Base auf ihn zu.„Was aus unfern Goofen") geworden ist. will der Heiri wisien. Sag Du ihm jetzt die Herrlichkeit — und was wir für Staat mit ihnen machen können, kurz und gut—" wandte sie sich wieder an den letzteren, während sich die Tränen auf ihren fleischigen Backen jagten—:»Der Rudi ist auf und davon nach Amerika und läßt nichts mehr von sich hören. Der Jörg ist Fuhrknecht in der Grubmühle, #) Kinder. aber Gott weiß wie lang noch— ein Säufer, ein Wüterich — sein Weib ist des Lebens nicht sicher vor ihm. Da über uns in den beiden Dachkammern hausen sie zusammen. Und dann die Marei. o du mein Gott, was ist das für ein Elend," — sie mußte sich setzen, das Gesicht mit den Händen bedeckend, so daß Heinrich erschrocken auffuhr und den Vater fragend anstarrte. Der jedoch wiegte nur bedauernd das Vaterhaupt und zeigte mit dem Daumen über die Schulter hinweg zur Kammertür. „Was? Ist sie da? Krank am End?" flüsterte Heinrich irregeführt. Da bekam die Base ordentlich wieder Luft und Leben. „Ach, warum nicht gar! Der fehlt nichts als ein Vater zu dem Wurm da drinnen. Es ist halt die gleiche Geschichte wie dazumal mit Deiner Mutter, Heiri." Er begriff, wurde rot und machte entsetzensgroße Augen. „Sie ist Ausrüsterin beim Guggenheim in Treustadt. Wirst sie ja morgen sehen. Aber sag selber: was soll jetzt noch aus ihr werden? Ein rechter Mann nimmt doch ewig kein Maitle mit so einer unsauberen Aussteuerl" Eine Weile schwiegen sie alle. Auch der Vetter ließ den Kopf hängen. Dann schlang die Base plötzlich die Arme um den Hals des feinen, sauberen Burschen und schluchzte so herz- erschütternd, wie nur eine Mutter schluchzen kann, deren Kinder verdorben sind. „Du bist jetzt noch mein einziger Trost. Ich müßt' es Deiner Mutter, wenn sie noch lebte, auf den Knien abbitten, jedes böse Wort, was sie Deinetwegen hat hören müssen. So froh bin ich um Dich. Und daß— Du uns doch nicht ganz— vergessen hast. Oh, oh!" „Eben drum, Bas!" versuchte Heinrich zu trösten, in- dem er wider Willen einen Arm auf den gekrümmten Rücken legte.„Vielleicht— wer weiß— macht Euch das Kind von der Marei auch noch Freud im Leben. Es ist also bei Euch? Kann ich's sehen?" fragte er weiter ohne Wunsch, nur um die peinliche Umarmung zu lösen. Die Base wischte sich bestürzt die Augen:„Allweg ja, verzeih mir's Gottl" sagte sie vor sich hin, winkte Heinrich mit gehobener Hand, ihr zu folgen und schwebte auf den Zehen über den holprigen, spaltenreichen Brctterboden zur Kammertür. Drin, wo es dunkel war, öffnete sie sachte"die Fenster- laden. Neben dem breiten Ehebett mit dem bekannten ge- blümten Bezug, der roten Wolldecke stand eine uralte Wiege. „Dieselbe, in der Du gelegen hast!" bedeutete die Base mit merkwürdigem Stolz. Der Vetter war tiefsinnig, grübelnd auf der Schwelle stehengeblieben. Heinrich betrachtete das kleine, kaum halbjährige Wesen mit erheuchelter Zärtlichkeit: im Grunde wunderte er sich bloß, daß es wirklich die Frucht der lustigen Marei sein sollte, die noch in die Schule ging, als er im Lehrlingskleid so Haus wie Heimat verlassen hatte. Leise wie sie kamen, gingen sie wieder hinaus:„Denn Du wirst, schätz ich, sein Geschrei noch früh genug zu hören bekommen!" meinte die Großmutter mit einem liebevollen Blick auf das schlummernde Kind. Indessen sie dunkel machte, fragte Heinrich den Vetter verstohlen:„Wer ist denn eigentlich der Vater?" „He, was weiß ich— irgendein windiger Schreiber oder Gummi, der zeitig das Weite gesucht hat." Weiter sprachen sie kein Wort darüber. Seltsamerweise wollte es Heinrich bei aller Nieder- geschlagenheit doch fast wie ein Zug ausgleichender Gerechtig- keit erscheinen, daß er, der um Gottes willen geduldete Spröß- ling, nun doch unter vieren der einzige Treffer im Leben stand. Er hatte einst manchen Hieb empfangen, den die anderen bekommen sollten und oft genug hören müssen, welch ein nichtsnutziger Balg mit ihm auf die Welt gekommen sei. Innerlich aufstöhnend, setzte er sich wieder ans offene Fenster. Es war ein milder, sonnerfüllter Herbstnachmittag. Die Weinernte hatte gerade begonnen. Hügclan, hügelab über den Goldregen des fallenden Weinlaubs wanderte sein Blick und. soweit er reichte, regte sich's im Rebcngelände. Auf den Wegen standen schwere Ochsengespanne mit breiten Mulden, buttentragende Gestalten gingen aus und nieder und Heinrich meinte sogar den Duft zu sprcen, den die ge- häuften Trauben allüberall aushauchten. Wer auch nur ein schmächtiges Endchen Rebland fein Eigen nannte, tat jetzt groß vor dem Herrn. Das war nie anders gewesen, soweit Heinrich zurückdenken mochte. Von nah und fern kamen zu dieser Zeit die Freunde des Land- manns herbeigereist, namentlich die Treustädter Verwandt- und Bekanntschaft, geschniegelte Herren und Damen, ließen sich diese schönste ländliche Feier nie entgehen. Es war außer- dem eine Ehre, dabei zu sein, den Segen zu besprechen, die ersten Tropfen des„Neuen" frisch von der Kelter zu kosten und die Güte des Jahrganges mit Kennermiene wahrzu- sagen. Niemand wußte das besser als die Nichtgeladenen. Heute niocht es da und dort ein armes Kartoffelbäuerlein, kleine Handwerker geben, die im Gefühl ihrer Nichtigkeit verbissen beiseite schielten, wenn die fröhlichen Karawanen der Winzer und Winzerinnen an ihnen vorbeizogen. Ob ich morgen auch eingeladen werde? dachte Heinrich mit traurigem, sehnsuchtsvollem Auge. Ach, wohin waren die hochfliegenden Gefühle glücklicher Heimkehr so schnell ent- schwunden! Als er vorhin den schmalen Weg von der Station da hinaufging, glich sein Herz noch einem überströmenden Eimer des Glücks und die Quelle seiner Freude war das Be- wußtsein, heimzukommen als einer, dem selbst die höchst- gestellten Mitbürger Achtung zollen mußten. Wenn seine Güter nicht gemünzt auf einem großen Haufen lagen, so hatte dafür sein Name einen guten Klang, denn er gehörte trotz seiner Jugend schon zur Zunft jener Schmiede, die ihre Er- fahrungen gleich Edelsteinen sammeln, läutern, schleifen und fassen, um sie endlich zum Segen aller dem herrlichen Krön- schätz der Menschheit einzuverleiben. Wenigstens stand es so in seinem Sinn und diesen Stolz hatte er nicht eben ge- stöhlen. Sein Pfad war keineswegs bequem gewesen, sondern mit großen Fährnissen im Zickzack steil aufwärts gegangen und manche Hülle war abgestreift am Wege liegen geblieben, ehe er seinen wahren Beruf zu ergreifen vermochte. Nun hatte ihn aber ein bitteres Heimweh zurückgetrieben an die Stätte seiner Kindheit. In Träumen sah er sie lang vor dem Aufbruch, ein silbern Geläute Hub an von auf- erwachten Erinnerungen, Willkommen winkten die vertrauten Gehege, der Anger wirbelte feine Düfte und Schmetterlinge in die Luft, der See hielt den Atem an und ließ ihn schauen das blitzende Leben der Tiefe und auch Rauschebart, der Alte im Walde, erschien ihm im Traum, er, der damals so manchen Ast gutmütig stützte, wenn der Waghals Vogelnester aus- nahm, der das Kind erfüllte mit seinem sinnbetörenden Odem und die spielend durchgedrungenen Sonnenflitter heimlich verwob mit den Schößlingen der Dichterseele. Ja, und nun hatte Heinrich gehofft, einmal recht von Grund auf auszu- ruhen von den Irrfahrten seiner Jugend, eines ziel- und meisterlosen Gesellen, der von einem Gewerbe zum anderen lief und vergeblich strebte, die geraden Märsche der Regel- rechten mit Seitensprüngen und Winkelzügen zu über- trumpfen. Hier wollte er vergessen die erlittene Schmach des Arbeitsscheuen, der in mancher selbstverschuldeten Not lieber- lich die Hand ausstreckte und kaum mehr errötete, wenn die Gabe bettelhast gering ausfiel oder barsch verweigert wurde. Ja freilich, dem Beutel nach gehörte er noch recht wohl da hinauf ins Tobel, wie die kleine Ansiedlung oberhalb des eigentlichen Dorfes hieß. Das war der Grollwinkel der armen Haldensteiner, und nicht wenige gab es da, die nie ein Fäßlein Most im Keller, keine Rübe im Felde hatten. Inmitten der unansehnlichen Hütten, aus denen da und dort deutlich das Laster der Faulheit, des Schmutzes, der Trunksucht durch die mit Pappe geflickten Scheiben grinste, stand, etwas erhöht mit herrlicher Aussicht das Haus des Stickers Bastian Hugentobler. Eine alte Baracke desgleichen, doch sah man auf den ersten Blick, daß hinter dem bröckelnden Gemäuer, dem verräucherten Fachwerr unter dem maus- grauen Schindeldach eine Hand wirkte, die sich mühte, das runzlige Gesicht des Häuschens mit allerlei Ranken und Blumen zu verschleiern. Das war aber nicht etwa der Base, sondern des Vetters vielverhöhntes, gescholtenes Stecken- pserd. Die drei sprachen nun weiter von ihren häuslichen An- gelegenheiten. Der Vetter hatte eS durch seinen Fleiß end- lich vom Pächter zum Eigentümer sowohl des Hauses als auch der Maschine gebracht, die zusammen einen Wert von siebentausend Franken ausmachten. s„Wir könnten auch schon einen schönen Batzen am ZinS haben, wenn der einfältige Tropf da"— die Base wies mit dem Kopf schmälend nach ihrem Manne hin—„nicht die Hälfte von Jeinem Verdienst dem Großen zusteckte." Sie meinte den ältesten Sohn.„Wie wenn der nicht alt und stark genug wäre, sich ehrlich durchzubringen. Eine Schande ist das!" lFortsetzmig folgt.) Hus dev JVaturgcfdncbte des Sites. Die Forschungen der letzten Jahrzehnte haben die Kunde von der Natur und Bedeutung des Eises der Erde in hohem Matze er- weitert und vertieft. Dazu haben sowohl die Reisen in Polar- gebieten wie die Untersuchungen an den Gletschern der Hochgebirge das meiste beigetragen. Aber auch die Eisbildungen auf Seen und Flüssen der gemäßigten Zonen find nicht vernachlässigt worden und außerdem hat man sich auch im physikalischen Laboratorium mit der Ergründung der Eigenschrsten des Eises eingehend beschästigt. Daraus ist eine Summe von Kenntnissen entstanden, die viel Lehr- reiches enthält. Im allgemeinen kann man auf der Erde drei der- schiedene Arten von natürlichem Eis unterscheiden: das Eis der Landgewäffer, das Meereis und das Gletschereis, und all« drei Arten lassen sich an ihrem Aufbau unterscheiden. Außerdem kommen nun aber noch ander« Eigentümlichkeiten hinzu, die zum Teil von großer, man könnte sagen weltbehcrrschcnder Bedeutung sind. Pro- fessor Buchanan, der das berühmte Schiff„Challenger" schon vor fünfunddreißig Jahren auf einer Kreuzfahrt an die Grenzen des Südpolargebietes begleitete, machte damals die Beobachtung, daß die Schmelztempevatur des McereiscS durchaus nicht, wie es so lange von jedem Eis angenommen war, genau bei 0 Grad lag. Es schmilzt vielmehr schon bei einer niedrigeren Temperatur. Auch ergibt solches Eis, nachdem es geschmolzen ist, niemals rxines Wasser, wie es ja auch nicht aus reinem Wasser, sondern eben aus Seewasser entstanden ist. T amols wurde zum erstenmal der Schluß gezogen und bald vollgültig bestätigt, daß in dem Eis, das sich auf' dem Meere bildet. Salz in festem Zustand enthalten ist. Ebenso wie eine Mischung von Schnee und Salz eine Temperatur besitzt, die erheblich unter dem Gefrierpunkt liegt, auch wenn sie sich in schmelzendem Zustand befindet, so hat auch eine Mischung von Schnee und Seewasser, wenn sie beständig umgerührt wird, eine niedrigere Temperatur, nämlich von fast— 2 Grad. Diese Beob. achtung wurde zuerst bei den Arbeiten gemacht, die sich an die rühmliche Vega-Expedition von Nordenskjöld anschlössen. Professor Buclwnan hat jetzt in einem Vortrag schlechthin den Satz aufge- estllt, daß es In der Natur wahrscheinlich kein Eis gibt, das genau bei 0 Grad schmilzt und friert. Diese sonderbar erscheinende Be- hauptung rechtfertigt sich einfach daraus, daß vollkommen reines Wasser in der freien Natur fast gar nicht vorkommt. Wenn aber das EIS oder das Wasser, in das eS eingetaucht ist, irgendeine Verunreinigung enthält, beginnt das Eis schon bei einer niedrigeren Temperatur als 0 Grad zu schmelzen. Das. was man als reineS festes Eis zu betrachten pflegt, ist überhaupt kein solches, sondern eine Mischung von Eis und reinem Wasser. Die häufigste Art der Verunreinigung des Wassers, weil sie eine Eigenschaft der ge- samten ungeheuren Masse der Ozeane darstellt, ist selbstverständ- lich das Chlornatrium, mit gemeinem Namen Kochsalz genannt, und die Anwesenheit dieses Stoffes bedingt für sich allein bcttits eine ganz wesentliche Beeinflussung sämtlicher Eigenschaften des EiseS. Der Gefrierpunkt und der Schmelzpunkt können beim Seeeis je nach der Natur der llmgebung, wobei ganz besonders noch die Druckverhältnisse zu berücksichtigen sind, um 30, 40 ooer gar noch mehr Tcmperaturgvade schwanken, eine gewiß gang erstaunliche Tat- fache. Wenn man aus dem Polarmeer ein Stück schwimmenden Eises auflöst, so erweist eS sich zunächst als nicht durchaus gleich- förmig in seinem Bau. Es besteht möglicherweise oder wahr- scheinlich aus einem Grundstock von echtem Meereis. In den oberen Lagen aber finden sich immer Bestandteile anderer Ratur, die au? Schnee, aus gefrorenem Spritztvasser und sehr oft auch aus Bruch- stücken von Landeis hervorgegangen und zu einem sehr eigentüm- lichen Konglomerat verkittet sind. �Wenn nun das ganz« erhitzt wird, so fängt es schon bei einer Temperatur zu schmelzen an, die 1 oder 2 Grad unter dem Schmelzpunkt von reinem Eis liegt, und die sich ergebende Flüssigkeit ist Salzwasser. Die am stärksten salz. haltigen Teile deS Eisstückes schmelzen zuerst, die reineren später. Man kann diese Tatsache durch ein hübsches Experiment im Labo» ratorium beweisen. Man versckaffe sich einige Würfel von reinem Eis, die genau aneinander passen, begieße das ganze mit Salz- Wasser und lasse es gefrieren. Dadurch entsteht ein einheitlich aus- sehender Eisblock. Wenn dieser nun der Sonne ausgesetzt wird, so schmilzt zuerst das Salzwasser und nach einiger Zeit zerfällt der Block, und zwar genau in die früheren Eiswürfel. Etwas ganz Aehnliches geschieht, wenn man einen Block von natürlichen- Gletscherwasser der Sonne aussetzt. Dieser löst sich dann auf in eine Anzahl von Körnern. Diese werden zuerst los« in ihrem Bindemittel, so daß sie ein klapperndes Geräusch geben, wenn man den Block hin und her schüttelt, und schließlich fallen fie auf einen Haufen zusammen. Buchenau nennt einen Block von Gletschereis eine geometrische Kuriosität. Er besteht nämlich aus einer Anzahl von festen Körpern, die zwar ganz verschiedene Größen und un- regelmäßige Formen haben, aber ganz genau so aneinander passen, wie sene künstlichen Würfel, von denen bei dem Experiment die Rede war. Das Gletschereis ist daher auch in den Forschungen der letzten Jahrzehnte ganz besonders berücksichtigt worden, und sein« Entstehung aus der allmählichen Umwandlung des Schnees der Hochgebirge in Firn und dann in Eis ist eine der großartigsten und merkwürdigsten Naturerscheinungen, die sich auf der Erde darbieten. Aber auch das Eis, das sich auf Süßwasserseen bildet, ist weit davon entfernt, einen einheitlichen Aufbau zu besitzen, vielmehr erleidet es unter der Wirkung der Sonnenstrahlen einen ähnlichen Zerfall wie das Gletschereis. Wenn z. B. aus den Alpenseen Eis geerntet wird und die Blöcke zuweilen tagelang am Ufer liegen bleiben, ehe sie in die Eishäuser geschafft werden, und namentlich wenn ein solcher einmal vergeffen wird, so gerät er durchaus nicht schnell in? Schmelzen, so lange die Winterluft eine niedrige Temperatur behält. Aber schon nach wenigen Stunden einer Bestrahlung durch iie Sonne beginnen an seiner Oberfläche sonderbare Zeichnungen vorzutreten. ES ist, als ob die Sonne eine Aetzwirkung auf das Eis ausübe, und eS zeigt sich als deren Folge, daß auch das Eis aus Körnern besteht. Diese sind nun aber wiederum sehr verschieden von denen des Gletschereises, obgleich sie in beiden Fällen als Kristallindividuen zu betrachten sind. Der Unterschied erklärt sich leicht daraus, daß die Körner des Gletschereises bei dem Abwärts- gießen der großen Massen von den Gipfeln in die Täler gewisser- maßen übereinander gerollt werden, während sie in dem fest- liegenden Seeeis ihre Lage zueinander beibehalten. Das Seeeis bleibt, so lange nicht durch Schnee oder Schmelzborgänge eine Störung eintritt, vollkommen durchsichtig und an der Oberfläche glatt, trocken und poliert wie Spiegelglas und verrät auch nicht im g ringsten seine Zusammensetzung aus einzelnen Kristallen. Wenn es aber zu schmelzen beginnt, so zeigen sich diese als aufrecht stehende Brismen, die spaier,' wenn die Auflösung erfolgt, in einzelnen Gruppen selbständig»mherschwimmen. Es ist danach klar, daß sich an einem Stück CiL seine Entstehung aus dem Meer, aus den Firnen des Hochgebirges oder aus dem Süßwasser leicht erkennen läßt (Nachdruck verlöten.) Der Giftlgel. Von H. M. Elster, In Laienkreisen ist nur sehr wenig bekannt, daß der Igel giftfest ist, nicht infolge eines bestimmten ihm eigenen Gegengiftes. sondern infolge der Anpassungsfähigkeit seines Blutes an die Ein- flüsse des Giftes, womit freilich noch nicht vollkommen klargestellt ist, wie die Giftfestigkeit des Igels eigentlich zustande kommt. Tat- fache ist jedenfalls, daß der Igel, der doch zu den energischsten Gegnern und Vertilgern des Ottergezüchtes gehört, gefeit ist gegen Bist von Kreuzottern, ja sogar gegen Zyankali. Diese Tatsache wurde vor noch gar nicht langer Zeit festgestellt. Der Igel ist eines der beliebbesten Tiere unserer heimischen Fauna, freilich war er das zur Zeit unserer Großväter in viel höherem Grade, da man in ihm direkt und mit Recht ein nützliches Haustier sah, daS auf dem Lande fast in jedem Bauernhause ge- halten wurde zur Vertilgung der Mäuse. Heute kommt der Igel als HaiStier leider immer mehr und mehr ab. Wegen seiner garstigen Gestalt ist der Igel für den Naturwissenschaftler von höch- stem Interesse; denn wie selten ein Tier hat sich der Igel in der Form erhalten, die wir als die älteste, am meisten urweltliche Säugetierform der Erde ansprechen können. In der Ticrordnung wird er zu den sogenannten Insektenfressern gezählt, die bereits existierten, als noch die großen Saurier mit gespenstischen Formen die vorsintflutliche Welt unseres Planeten bevölkerten. Zu gleicher Zeit begannen sich die Reptilien zu vermehren, unter denen die echten Giftbeißcr einzusetzen beginnen; eine einzige Eidechse, die Hellodenna Mexikos, und die allbekannten Giftschlangen. Wie man sich die Entstehung deS Giftes in den Schlangen zu denken hat. ist unklar; doch vermutet man, daß das Gift der Reptilien zuerst nur ein stark zersetzender Berdauungssast gewesen ist. mit dem die Schlange, die ja bekanntlich die Nahrung ungekant hinunterwürgt, schon im Munde die erste chemische Einwirkung zur Verdauung ausübt. Der Saft muß dann auch dazu dienen, etwa noch lebende Opfer zu betäuben, bis er schließlich, im Zahn verborgen, zur raffinierten Bißlvaffe, zur Abwehrwasse wurde. Wenn man sich nun mit der Konstruktion eines Gistzcchnes bekannt macht, so er- staunt man, mit welcher satanischen Feinheit dieses ganze Jnstru- ment gebaut ist. so daß es wundernimmt, daß man nicht öfter von einer wirksamen Anwendung dieses Apparates hört Freilich find schon von alters her die Schlangen in Schach gehalten durch die positive Giftscstigkeit ihrer Feinde, die teils anerzogen, teils ererbt ist. Und gerade damals, als die„Hochblüte der Reptilien", wie Wilhelm Bölsche sagt, herrschte, trat besonders der Igel in Wirk- samkcit, dessen scharfes Gebiß wahrhaftig nicht bloß zum Insekten- sangen gedient hat und dient, sondern auch zur wirksamen Abwehr de.- gefährlichen Lebcnsfeinde. Das ist aber nicht nur beim Igel der Fall, sondern auch bei anderen Insektenfressern, bloß mit dem Unterschieds, daß sich andere Tiere derselben Ordmma nicht al» schlangensest herausgestellt haben. Meister Swinegel läßt sich aber fortgesetzt die Schlangen mun- im, die im Geschmack an den Aal erinnern sollen. Als vor einigen Jahrzehnten ein bewährter Altmeister unserer Tierkunde, der Pro- fessor Lenz zu Schnepfenthal, der Gelshrtenwelt vom Kampfe eines Igels mit einer großen Anzahl der bösen, bissigsten Kreuz. ottern berichtete, nahm man das mit Enthusiasmus auf. Der Igel ging als Sieger hervor, ohne daß ihn der Biß der Ottern viel zu kümmern schien, selbst wenn sie die empfindliche Zunge trafen, was ihm aber auch nichts schadete. Dieser Bericht des Professors Lenz ging krtikkos in sehr viele Naturgeschichten für das Volk über, und es verbreitete sich un- glaublich schnell die Künde, das ganze Swinegelvolk sei giftfest. was aber doch nicht in dem Grade zutraf; denn alsbald traten skeptische Forscher mit allerlei Bedenken auf. Zuerst meinten sie. Professor Lenz habe ja nur mit einem einzigen Igel gearbeitet, und ein einziges Experiment könne nicht etwas für die ganze Familie Gültiges feststellen: ferner sei jener Igel ein altes, erfahrenes Tier gewesen, und so müsse man denn der Frage von einer anderen Seite beizukommen suchen. Das geschah denn auch bald, und zwar durch Professor L. Lewin. der bei dieser Gelegenheit die Grund- Probleme der Giftfestigkeit überhaupt erst zu einer gewissen Lösung gebracht hat. Er meinte nämlich, daß,„wenn der Igel wirklich ge- wappnet wäre gegen die blutzersetzende Wirkung des Schlangen- giftes, zu erwarten wäre, daß sein Blut ein bestimmtes Gegen- gift enthalte. Im Sinne moderner Serumtherapie müßte es dann aber denkbar sein, aus diesem seinem Blute ein direktes Schutz- serum auch für Menschen gegen Kreuzotterbiß herzustellen." Diese letztere Ueberzeugung veranlaßte nun eine Anzahl von Fach- Medizinern, mit Igeln Experimente anzustellen, wobei z. B. auch festgestellt wurde, daß nicht einmal die Kreuzotter selbst gegen ihr eigenes Gift in ihrem Blute ganz gefeit sei.„Bei dem Igel aber", berichtet Wilhelm Bölsche nun weiter,„zeigte sich dann, daß für gewöhnlich und bei einigermaßen schon geübten älteren Tieren die angegriffene Kreuzotter überhaupt nicht zum gefährlichen Biß kommt. Vom Igel bei gesenktem Kopf und vorgeschobenem Stachel- visier blitzschnell gepackt, gelangt die Schlange in der überwältigen» den Menge der Fälle bloß noch dazu, ohnmächtige und gefahrlose Bisse in das Stachelkleid zu tun; im äußersten Falle ritzt sie ihm einmal den Nasenrücken, wo aber die dünne, trockene Haut auf dem Knochen am wenigsten eine Infektion wahrscheinlich macht. Um eil» klares Bild von einer etwa noch vorhandenen Giftfestigkeit zu ge- Winnen, mußte man bei alten Igeln schon zu künstlichen Versuchen greifen. Man ließ also solche Igel zwangsweise von kräftigen Ottern in Zunge und Mundwinkel beißen. Erfolg: diese Igel wurden durchweg zunächst ziemlich krank, litten drei bis vier Tage sichtlich an den Folgen, gesundeten aber dann vollkommen. Eine ziemlich starke Gistfestigkeit war damit also auch erwiesen. Aller- dings keine absolute! Direkte Einspritzungen konzentrierten Ottern» giftes zeigten endlich genau den Grad, bis zu dem der Schutz be» stand. Eine Dosis, die ein Meerschweinchen tötete, mußte verzchn- facht werden, um den Igel auch nur vorübergehend erkranken zu lassen. Bei der Seltenheit der Giftbisse ist das aber für den peak- tischen Gebrauch des Igels zweifellos genug,— praktisch ist er also so gut wie ganz giftfest. Da außerdem durch langsame Gewöhnung an kleine, gesteigerte Giftdosen auch bei anderen Tieren sich eine gewisse Immunität gegen Schlangengift erzielen ließ, erscheint mir nicht ausgeschlossen, daß auch bei dem Einzeltier nach glücklichem Ueberstebcn mehrerer Vergiftungen noch ein gesteigerter indivi» dueller Giftschutz eintrete; das alte Exemplar, mit dem Lenz ex» perimentterte, und daS angeblich nicht einmal auf mehrere Bisse erkrankte, könnte vielleicht so zu verstehen sein. Die praktische Haupt- fache, wonach der Mediziner für uns gesucht hatte, wurse dagegen nicht gefunden. Es ließ sich keinerlei bei anderen Tieren wirksamer Schutzswff gegen Otterngift im Blute deS Igels nachweisen. Worin die relative Gistzähigkeit bei ihm also beruht, ist auch bis heute nicht erkannt." Und diese relative Gistzähigkeit besteht auch, wie wir eingangs schon erwähnt haben, geegnüber anderen natürlichen Giften, deren Wirkung im Verhältnis zum Schlanzengift viel verheerender und furchtbarer ist. In dem Leib der sogenannten„spanischen Wogen". der schön goldgrün schimmernden Käfer, aus denen mun unser blasenziehendes Pflaster fabriziert, gärt jenes unheimlich scharfe Gift, dessen Name Kantharin in weiteren Kreisen unbekannt ist. Und diese gefährlichen Insekten verdaut und verspeist Meister Swinegel, ohne daß er nur die geringsten Beschwerden davon hat. Ebenso läßt er sich kurck eine Dosis Zyankali, das bekanntlich zu den allerschlimmsten Giften gehört, die eine starke Katze binnen vier Stunden tötet, nicht aus seiner Ruhe bringen; erst das Fünf» fache dieser Menge macht ihn eben erst krank. Wie kommt nun aber der Igel zu der Immunität diesem Gifte gegenüber, und welchen praktischen Nutzen hat sie für ihn? Das beides nachgewiesen zu haben ist das Verdienst von Professor H a r n a ck, der feststellte. daß sich in zwei Tieren, die wie Bölsche hübsch sagte,„auf der natürlichen Speisekarte des Herrn Swinegel stehen", zistige Fyan- kaliverbindungen befinden: zuerst in jenen hätzlichen, widerlichen Gliedertieren. die den phantastischen Namen„Tausendfüßler" führen, und ferner in dem ätzenden Drüsensaft der Kröte, die dem Igel ein besonderes leckeres Mahl ist. Schaden stiftet der Igel außer durch das Vertilgen von den landwirtschaftlich nützlichen Kröten tmrch Ausnehmen von Vogelnestern: doch ist dieser Schaden dem Ruhen gegenüber, den er durch seine unermüdliche Mäuse- jagd ausübt, gering. Das Volk hat im allgemeinen Unrecht, wenn es ihm keine besondere Achtung entgegenbringt, wie schon der aus Niedersachsen stammende Name Swinegel bezeugt. An den hat man allerlei mutwillige Scherze geknüpft, die den Igel bald als be- sonders„gerissenes" Tier kennzeichnen— man denke nur an die Geschichte vom Wettlaus zwischen Hasen und einem Swinegel— bald ihn aber auch zum gutmütig dummen Tier stempeln, das sich alles gefallen lätzt. Die Zigeuner hatten ihn gar in seinen Stacheln gebraten, und der Bauer glaubte, er stehle ihm das Obst und schlug ihn deshalb tot. Derartiger Aberglaube verschwindet jetzt natürlich mehr und mehr. Zum Schlüsse sei noch ein kurzer Ueberblick über die Giftigkeit der Tierwelt gegeben. Man ist erstaunt, zu sehen, daß es nur noch verhältnismäßig sehr wenige giftige Formen gibt. Wir haben z. B. keinen Vogel mehr, der giftig wäre. In der großen Gruppe der Säugetiere befinden sich nur zwei Tiere, von denen man be- hauptet, sie seien giftig, was aber bei beiden Tieren nickt zutrifft. Nach dem Volksglauben soll nämlich die Katze, die eine Spitzmaus fängt, vergiftet werden; es wird ihr aber nur infolge des penetranten MoschuLgeruches, den die Spitzmäuse im Gegensatz zu den echten Mäusen von sich geben,„übel", wie die Redensart sagt. Das zweite giftige Säugetier soll das Schnabeltier sein, das mit seinem Sporn mn Fuße, der allerdings durchbohrt ist und mit einer Drüse in Verbindung steht, vergiftete Kratzwundcn erzeugen soll. Aber auch das scheint nicht zuzutreffen; denn dieser Sporn ist keine Ver- teidigungswaffe und ist außerdem siir Menschen auf jeden Fall ungefährlich. Erst unter den Reptilien treffen wir dann eigentliche Giftbeißer an. Das ist die ganze Ausbeute, wenn wir in der heutigen Fauna— die Insekten ausgeschlossen— nach Gifttiercn suchen. Da sieht es in der Pflanzenwelt bedeutend anders aus. FreUich schützt die Tiere vor der giftigen Flora ihr Instinkt. kleines Feuilleton. Literarisches. George Tyrrell,„Zwischen Scylla und EharybbiS* oder„Die alte und die neue Theologie". Aus dem Englischen von Eniil Wolff. Verlegt bei Eugen Diederichs. Jena l909. Giuseppe Prezzolini,„Wesen, Geschichte und Ziele des Modernismus". Uebertragen von Otto Ekkehard. Verlegt ebenda. 1009. Man fragt sich verwundert: Was sollen diese Bücher? Sie entstammen einer Reihe von Schriften, die den sogenannten Mo- dcnnSmuS in Deutschland stärken sollen. Der Modernismus aber ist tot. Was war der Modernismus? Eine wissenscbaflliche und religiöse KrisiS innerhalb des Katholizismus, die durch staalliche Be« günstigung in der Zeit der letzten Anti-Zentrumspolitik auf eine kurze Dauer hin den Anschein von kultureller Wichtigkeit erhielt. Der Staat hat seine Hand von ihm gezogen, der MiramonlanismuS hat gesiegt— daS Fiasko der nationalkarholischen Bewegung auf dem Gebiete der allgemeinen Politik hat sein getreues Gegenstück in der schmähliche» Unterwerfung der deutschen Modernisten unter die alte Füchtel der Hierarchie. ES gibt eben keinen geistigen Kampf gegen den Katholizismus, weil der Katholizismus— was man auch bei Prezzolini nachlesen kann— eine wirtschaftliche Macht ist. eine wirtschaftliche und soziale Macht_ ersten Ranges. Von einer geistigen Ueberwindung Roms können daher mir diejenigen reden, die Rom nicht kennen. Es klingt banal— aber die Reichsfinanzreform. wie der politische Katholizismus sie soeben mitgemacht hat, entreißt der katholischen Kirche mehr„Seelen", als hundert modernistische Märtyrer es vermocht— härten. Was die Schriften selber anbetrifft, so wäre eS lächerlich, wollte ein Arbeiter seine kostbare Zeit mir ihrer Lektüre vergeuden. Aber auch den an Lestüre dieser Art Gewöhnten zieht nichts in ihnen an. Das erste und zweite Heft der Sammlung, die„Antwort der französischen Katholiken an den Pap st" foivte daS„Programm der italienischen Mo- dernisten" mochte noch gehe»; kurz, knapp, schlagfertig und vor allem lebendig. Mir Prezzolini geht die Sammlung schon ins Historische, um mit Tyrrell im theologisch spitz- findigen Gezänk zu endigen. Tyrrell ist auf keinen Fall ein Manu, der praktisch irgend etwas wirken wird: mit seinem ewigen Ja»nd Nein stellt er die Situation dieses halb Aufgewachten und halb noch Träumenden trefflich dar, wirklich zwischen zwei Stühle», zwischen Scylla und Charybdis. Prezzolini macht den Versuch, alles, was sich in Europa modernistisch nennt, unter einen Hur zu bringen, ein ganz unmögliches Unlernehmcii. Die Sammlung wird an derselben Unmöglichkeit verbluten. Der Verlag von Alfred Kröner in Leipzig macht den Ver- such, mit kleinen handlich g-bundenen Ausgaben der römischen Moral Philosophen um Interesse für eine religiösfreie Be- gründung der Welranichauung zu werben. Diese Absicht ist durchaus anerkennenswert. Die durchaus auf das Diesseits gerichtete Moral dieser römisch-gricchischen Sroiker ist ja nur durch christliche Ver- leumdungen nickt das. waS sie uns sein könnte. Sie hat übrigens das ganze Mittelalter hindurch bis in die Neuzeit einen die kirchliche Welt- anschauung untergrabenden Einfluß ausgeübt. Bis jetzt sind erschiene» Seneca und Mark Aurel, a 1 M. Wer sich an edlen Gedanken wahrer Menschlichkeit erbauen will, wird schwerlich etwas finde», das diesen alten Lebens- lmd Menschenkennern gleicht.— Die„Bibliothek der Aufklärung" s F r a n k f u r t. Neuer Frantfurter Verlag) hat in der- selben anrikinblichen Tendenz ein leicht verständliches Büchlein von Ludwig Feuerbach:„Wider den Dualismus von Leib und Seele, Fleisch und Geist" neu drucken lassen. lPreiS 1 M.) In dem Zeitkanipf um den Monismus wird dieser kräftige Denker gern gehört werden. A. K. Kulturhistorisches. Aus der Sterbezeit des Feudalismus. Im „Journal des Debats" wird im Anschluß an eine von F. D o l l i n g e r in der„Revue Alsaciennc illustres" veröffentlichte Abhandlung über das Ende der Fcudalshcrrschaft Sulz eine lebendige Schilderung der sozialen Zustände im Elsaß in der Epoche der französischen Revolution gegeben. Die Geschichte be- ginnt wie eine Kostüm-Operette: Einzug der gravitätisch-komische» neuen„Herrschaft" in ihrem Däumlingsreich. Der Herr ist ein Baron Bode. Er war Offizier in französischen Diensten und hat seine Oberstleutnantschaft um 125 OVO Frank verklopft, um eine Lehcnshcrrschaft zu erwerben und auszubeuten. Sein Auge fällt auf Sulz, ein seit einiger Zeit erledigtes nicderelsässischcs Terri- torium zwischen Hagenau und Wcißenburg, dessen Lehnsherr der Kurfürst von Köln ist. Der Kurfürst fordert 200 000 Frank für die Belehnung und Baron Bode pumpt den ihm fehlenden Rest- betrag von einem Schwager seiner Frau. Diese ist eine geborene Miß Mary K i n n e r s l e y, Tochter eines Edelmannes aus Straffordshirc. Es fehlt noch die Huldigung, die der König von Frankreich von den Vasallen der Fürsten fordert, die im Elsaß Besitzungen innehaben. Der Baron aus Fulda und die Dame aus Straffordshirc müssen dazu die französische Nationalität erwerben. „Der Spaß hat August mehr als 1500 Livres gekostet," schreibt die Baronin in einem der Briefe, die Dollinger als Hauptquelle seiner Darstellung benutzt hat. Im September 1788 erscheint der neue Herr an der Grenze seines„Landes". ES ist der Vorabend der Revolution, aber die Szenerie zeigt noch das volle Rokkoko: Kanonenschläge, Glockenläuten, die Bürger in Militäruniformen, die Juden in grün- und scharlachgefärbten Kostümen. Im großen Rathaussaal vier Damastfauteuils für den königlichen Kommissär, ür den neuen Seigneur und seine erlauchte Gemahlin und für en Amtmann. Ansprachen, Blumen, eine katholische Messe und eine protestantische Predigt, Eidesleistung der vierhundert Familienhäupter usw. Ueber der neuen Herrschaft hängt der Himmel voller Geigen. Wenigstens zeigt die Baronin, eine reso- lute Dame vom Kommandeusen-Typus einen beglückten Stolz. Sic schreibt einem ihrer Verwandten:„Sulz ist unsere Hauptstadt, und außer ihr besitzen wir noch vier Dörfer. Wir sind unbeschränkt die Herren und haben das Recht der niederen und hohen Justiz. Wir bestimmen die ganze Zivilgerichtsbarkeit und haben mindestens ein Dutzend Acmter zu vergeben.... Ich kann Ihnen schwer eine Vorstellung davon verschaffen, so sehr weicht die Regie- rungsform von der Englands ab.... Wir haben hier 34 Judenfamilicn, die uns für das Aufenthaltsrecht zu zahlen verbunden sind. Die Zehnten kommen uns von Rechts wegen zu. Unsere Untertanen sind verpflichtet, uns mit Hennen, Hühnern und Kapaunen, mit Brotfrucht. Heu und Kartoffeln in solcher Menge zu versorgen, daß wir sie niemals aufzehren könnten. Es ist unmöglich, Ihnen alle Rechte aufzuzählen, die wir besitzen. Wir kennen sie selbst nicht einmal. Jede Frau ist verpflichtet, jährlich zwei Pfund Garn oder Hanf für mich zu spinnen, und jederUntertan.Männchcnoder Weibchen, ist verpflichtet, zehn Tage im Jahr für uns zu arbeiten...." In dieses feudale Idyll bricht plötzlich der Donner des Bastille» sturms in drohendem Nachhall. Noch kann sich freilich die neue Herrschaft eine Weile mit ihrer niederen und hohen Justiz be- helfen. Ein paar unzufriedene Bauern werden gehängt. Aber wenige Tage darauf.kommt die Kunde von den Beschlüssen der Nacht des 4. August. Ade nun die schönen Rechte! Die Baronin versteht die Welt nicht mehr:„Sie können sich," schreibt sie,„die Frechheit des Gesindels nicht vorstellen." Je weiter die Revolution fortschreitet, desto wütender werden ihre Briefe.„Frankreich ist ein Räubernest geworden." Ihre Hoffnung setzt sie jetzt auf die Fürsten des Auslands, schließlich auf die Annexion von Elsaß und Lothringen durch die deutschen Fürsten. Hoffentlich werden die deutschen Patcntpatnotcn die Herrin von Sulz darum nicht zur Nationalhciligcn erheben. Nach der Kriegserklärung verhielten sich der Baron und die Baronin neutral, aber nach der Wiedererobe- rung des Elsaß durch H o ch e im Dezember 1703 sahen sie sich ge- zwungen, endgültig das Land zu verlassen. Erst einem Enkel ge- lang es, nach langwierigen Prozessen, die Ansprüche auf den Besitz durchzufctzen. Aber seine Gläubiger gönnten ihr» nicht, sich des zugesprochenen Gutes zu erfreuen. Alles wurde verkauft. Dem Enkel blieb nicht einmal eine Scholle, so groß wie die, die der Kommissar des Königs seinem Großvater beim Einzug in Sulz als Symbol der Herrschaft unter Böllerschüssen und Glockenklang dargeboten hatte. Vercmtw. Redakteur: Richard Barth, Berlin.— Druck u. Verlag c Vorwärts Buchtcuckerei».VerligsanstaltPaul Singer sclo.,B«rlinLV/.