Nnterhaltungsblatt des Vorwärts f Nr. 236. Sonnabend den 4 Dezember. 1909 lNachdrua CctBotutJ 6J I�obelvolk. Eine Dorfgeschichte von Paul Jlg. ..Morgen mit dem Zehnuhrzug muß ich in die Stadt I" gestand sie über und über rot, schon auf dem Sprung, zu ent- wischen.„Für jetzt will ich voraus und hinein. Es darf uns um Himmels willen niemand sehen." Dann huschte sie xhm davon. „Also auf morgen I" rief er ihr nach, aber der Schmerz über ihr schnelles Entschwinden wühlte noch lange in seinem Glück. Verlangend streckte er die Arme nach ihr aus, doch gerade, als er im Uebermaß der Seligkeit aufjubeln wollte, warf es ihn nieder, und die Tränen waren schneller als dre Hände, die sie begraben. „Siehst Du. Mensch, das ist die Liebe 1" sprach er zu sich selber und schluchzte, um Steine zu erweichen. TuuutI machte das Nebelhorn. Behutsam schloß Heinrich die Haustür auf und horchte eine Weile.. Aitl» liebsten wäre er ohne Gutnachtgruß die Stiege hinaus in. seine Kammer geschlichen. Stundenlang hatte er sich in Nacht und Nebel herumgetrieben, um allein zu sein, nur ja keine Gesichter sehen, keine Stimmen hören zu müssen. Das Glück war gleich einem reichbefrachteten Kaufsahrtei- schiff in der Bucht seiner guten Hoffnung erschienen, und alle Schätze des Morgenlandes führte er an Bord, vor deren selbst seine kühne Phantasie erstaunen mußte. Wohl hatte er all- zeit geglaubt, daß es einst auch an seinem Horizont auf- tauchen werde. Aber jahrelang war sein Harren unbelohnt geblieben, die Sehnsucht beinah erblindet in den schwülen Nächten der Erwartung. Er hätte sich ja, wie viele seines- gleichen, zu den Piraten schlagen,— kleine Abenteuer suchen können, um die Not der verlangenden Fugend zu stillen. Ahnte er, daß die Beute selten das Wagnis aufwog, oder war er zu schwach und zaghaft, ein Räuberleben zu führen, heute in diesen, morgen in jenen Armen zu liegen? Nein, oft genug hatte er seine Schaluppe— bemannt mit den frechsten Begierden— hinausgesteuert in die Lebensdunkel- heit, ganze Nächte durch gelauert, aber ach! Was da für ihn in Sicht kam, waren immer und immer wieder elende Sklavenschiffe, die er dann unangefochten ziehen ließ, weil ihm die trügerische Phantasie jedesmal einen stolzeren Raub vor die Sinne stellte. Umsonst, der wurde nie zur Tat. Stets kehrte er ohne Erfolg zurück in seine Hungerhöhle, und auf den Ruderbänken saßen schlaffe Gesellen, übernächtig, halb verdurstet und verdorben zu jeglichem Tagewerk. So war seine Jugend hingeschwunden, ein Strom trüber, nie befriedigter Wünsche.... Doch jetzt, in der süßen Gewißheit naher Erfüllung, seit das glückhafte Schiff vor seinem Strande die Anker gelichtet hatte, dankte er seinem Stern, der ihn vor den entseelenden Lastern der anderen bewahrt hatte. Dafür, daß die Liebe noch ein geweihtes, nie betretenes Land für ihn war! Ja, er konnte vor diesem verschlossenen Garten noch in Andacht niederknien, während die Vorahnung kommender Freuden seine Brust mit heiligen Schauern füllte! Und morgen, wenn die Sehnsucht nach der Geliebten den leisen, spinnwebzarten Schlummer, das Netz der Träume zerriß, brach ein Tag an, so voller Frohlocken, wie er noch keinen gesehen!„O. wär' er schon da!" war die einzige Klage, die ihm geblieben, und die fehlenden Stunden dräuten seiner Seele wie ein breiter See, den er durchschwimmen mußte, um in ihre Arme zu gelangen. Was hatte er denn sonst noch zu fürchten? Schon sah er sich im Geiste mit ihr vereint, Herr einer schönen, länd- lichen Häuslichkeit, weit umher geachtet und gesucht als Mensch wie als Dichter, dem nun endlich vergönnt war, aus dem klarsten Born des Erdenglücks zu schöpfen und auszuteilen. Das lange Wandern hatte seine Glieder schwer gemacht. Vielleicht erlöste ihn nun der Schlaf von den Wonnequalen der Erwartung. Aber, dachte er, weshalb sich feig in die Kammer stehlen, als hätte er irgendein Angesicht zu scheuen? Wie gewohnt, trat er zuvor in die Stube. Der Vetter Bastian war in seinem Winkel eingenickt. Er sah beinah aus, als sei er zum nächtlichen Hüter der Wäsche bestellt, die zum Trocknen rings um den mächtigen Kachelofen hing. Das schwindsüchttge Licht auf dem Tische beleuchtete kläglich die Reste einer festlichen Mahlzeit, schmierige Teller mit geschun- denen Rändern, verbogene Zinkgabeln, aus dem Heft fallende Messer, eine Literflasche, die, nach dem Bodensatz zu schließen, mit neuem Wein gefüllt war, einige Schweinsrippenknochen, etliche zart verschlungene Fäden Sauerkraut und eine Schüssel mit Pellkartoffeln— alles in allem ein recht melancholischer Anblick. Die Base schien bereits zu Bett, außer dem schnarchenden Vetter niemand mehr im Zimmer, in dessen Mitte übrigens ein halbgefülltes Holzgefchirr neben einem Stuhl stand zum Zeichen, daß sich eben noch jemand die Füße gewaschen hatte. Eine unerfreuliche Hitze, wenig einladende Gerüche schlugen dem Eintretenden entgegen. Er blieb einige Sekunden stehen, im Zweifel, ob der AÜe am Ofen im Aufwachen sei, und wollte, da dies nicht der Fall, gleich wieder verschwinden, als er im Flüsterton seinen Namen rufen hörte. Heinrich fuhr zusammen wie von einem Stich in den Rücken. Erst jetzt sah er die auf dem Kanapee liegende Marei. Sie war bis auf Unterrock und Mieder ausgezogen. Die nackten Beine hatte sie flegelhaft aufgesetzt, die kurzen, massigen Arme unter den Kops geschlagen. Das schwarze Haar hing tief in die Stirn hinein, das Gesicht schaute bleich, verquollen darunter hervor, und über der Spitze des Mieders hob sich verlockend die weiße Wölbung der Brust. Er blieb wie angewurzelt stehen. „Ach, Du bist's?" Unwillkürlich hatte er laut gesprochen, so daß nun auch der schaffensmüde Schläfer die Augen auf- sperrte. „Ich wollte nur Gutnacht sagen!" Der Vetter guckte erstaunt nach der Schwarzwälder Uhr über ihm; es war kurz vor elfe. „Ja, Zeit wär's! Woher kommst? Allweg vom Tanz- baden 1" sagte er zum Spaß, damit andeutend, daß er ihn im Ernst keineswegs dort gesucht hätte. „Ha, mußt auch noch fragen, wo!" warf Marei laut spottend dazwischen, als ob sie es unfehlbar erraten würde. Sie war wütend, weil sie vergeblich gehofft hatte, mit ihm auf die Cbilbe zu wandern, ließ jedoch nicht zuviel davon merken. Dagegen schlug sie im Groll das eine Bein übers andere und schaukelte sich; Heinrich konnte erkennen, wie die rosigen Zehen sich krümmten. „Herumgelaufen bin ich. Das ist alles!" stieß er un- natürlich lachend-hervor. Dabei suchte er sich jetzt eine Miene zu geben, wie wenn ihm halbnackte Weibsleute ein längst- gewohnter, nicht eben aufregender Anblick seien. „Ich will wetten. Du hast den Tisch noch nicht ab- geräumt!" rief die besorgte Base durch die Türspalte.„Hab' ich nickt recht, Heiri?" „Doch, doch, Bas'— alles in schönster Ordnung!" log er zu Mareis Gunsten, worauf die Warnerin mit einem brummigen„'s nimmt mich wunder!" zu Bett ging.� Der Vetter nickte auch schon wieder, und Marei schaukelte immer noch das rechte Bein. Heinrich konnte sich doch nicht ent- halten, die schimmernden Blößen zuweilen mit scheuem Auge zu streifen. Wie kam die kaum Zwanzigjährige zu dieser hohn- lächelnden Preisgabe aller Schamgefühle?„Vor vielleicht zwölf Jahren"— fiel ihm ein.„schlief ich noch unter einer Decke mit diesem Wesen und hatte keine blasse Ahnung von der tvrannischen Macht ihres Geschlechts, die mich jetzt schier zur Raserei treibt!" Die Stube fing an, sich mit ihm zu drehen. Er mußte sich setzen. Dabei machte er den Versuch, der gefährlichen Schlange den Rücken zu kehren und mit dem Vetter ein Gespräch anzufangen über die Geschichte vom alten Wcttstein, die ihm unterwegs doch nach zu denken gegeben hatte. Er wollte, wenn möglich, dessen Jugendzeit aufspüren, auskundschaften, ob hinter der hilflosen Güte und Wehr- losigkeit des„Philosophen" nicht ein Geheimnis— etwa eine schwere Schuld, ein harter Schickjalsschlag verborgen llegS, icr seinen Widerstand früh gebrochen, den Mann an k«n Bettelstab gebracht hatte. Vielleicht war es kein bloßer Zufall, der ihm zum Zeugen der heutigen Wirtshausszene machte— am Ende kam es wirklich ihm zu, dem greisen Selbstmörder einen Gedenkstein zu s-tzen und den Hochmut der Reichen, die auf ihre billige Ordnungsliebe- und Recht- Mäßigkeit pochten, gehörig zu geißeln. Der Vetter Bastian kratzte sich das borstige Kinn:„Jaso, der? Ja wart'— wie war das doch?" und fing verworren zu berichten an. Allein Heinrich hatte bereits keine Geduld mehr, ihm zu folgen. Er wurde— wie er sich auch dagegen wehrte— von all seinen Gedanken und Gesühlen stets wieder hin zum Abgrund der sinnlichen Mächte getrieben, die Flammen schlugen über ihm zusammen, die gereizte Natur schrie nach Erlösung von den Fesseln der Scham. Heinrich meinte zu ersticken in dem tosenden Aufruhr des Blutes, und wenn die Marei jetzt hinauf in chre. Kammer gegangen wäre, so hätte er ihr wie am Strick folgen, sie auf den Knien um Einlaß anflehen müssen. �Fortsetzung folgt.) (Nachdruit vervotcn.) Im HoUdaus. Von Ha n s Hyan. „Woll'n Sie bitte die Tür recht fest hinter sich zumachen", sagte Dr. Manuel zu dem eben Eingetretenen,„es zieht hier!" Der Ankömmling, hinter dessen Rücken noch die Schlüssel de? Jrrenwärters klirrten, war im ersten Augenblick ganz perplex über diese, im ernstesten Tone vorgebrachte Redensart; aber er faßte sich sofort und erwiderte mit einer tiefen Verbeugung: „Mein Name ist Alboin Beryllus.. Theaterdirektor.. ich bin Ihnen für den freundlichen Empfang außerordentlich der- bundenl" „Sparen Sie sich alle Komplimente, lieber Freund; Sie wissen, wir sind verrückt.... Die Hemmungen in unserem Verstand« haben nachgelassen oder sind gar nicht im genügenden Maße vor- handen gewesen... es wirkt deshalb affektiert und lächerlich, wenn wir uns wie die vernünftigen Esel da draußen benehmen, deren Verstand sie zwingt, sich gegenseitig fortwährend anzuschwafeln ... im übrigen will ich alle die langweiligen Fragen, die Sie in d«r nächsten Zeit doch an mich richten würden, jetzt gleich im voraus beantworten: ich bin praktischer Arzt und hatte eine sehr bedeutende Praxis unter Frauen und jungen Mädchen, denen ich über gewisse Schwierigkeiten fortgeholfen haben soll. Ich kann mich auf nichts besinnen, bin offenbar partielb'schwachssnnig und deshalb zur Bc- obachtung hier... und nun," er wandte sich zu dem stupid am Tisch sitzenden Manne mit korrekt gescheiteltem Blondhaar und auf- gestellten Schnurrbartcnden,„stelle ich Ihnen gleich unseren Freund Rasvert vor, gewesenen Staatsanwaltschaftsrat. Er hat selbstver- ständlich auch'n Klaps, und zwar einen, wenn ich mich so aus- drücken darf, behördlich konzessionierten..." „Aber Doktor I" unterbrach ihn der am Tisch Sitzende, dessen Gesicht sich in finstere Falten legte, mit einer ärgerlichen Hand- bcwegung,„das interessiert doch niemand I..." .„Doch! Dochl Das interessiert schon I Gerade Ihr Fall ist besonders interessant I Wenn man vorher die liebxn Nächsten Haufen- weise ins Kaschott gesteckt hat wegen derselben Schwächen, die man selber nie überwinden konnte, dann horcht die ganze Welt auf, wenn so ein Gerechter und neunmal Weiser endlich selbst hineinschliddert l Und die Leute beruhigen sich erst, wenn sich herausstellt, der obrig- keitlicbe Sünder sei mente csprus..." „Ich bin aber nicht verrückt I" ereiferte sich der andere,„ich bin 'n Spieler. Und habe das Pech gehabt,. daß ein paar von meinen Wechseln in die Hände eines Verlegers gerieten, eines sehr reichen Mannes, der nebcnlbei ein bedeutender Geschäftsmann ist. Er bat mich nämlich zu sich und sagte mit dem glattesten Lächeln von der Welt, er dächte gar nicht daran, die Wechsel einzuklagen oder auch nur auf Bezahlung zu dringen. Dafür rechnete er aber auf ein ge- Misses Verständnis meinerseits, wenn das von ihm verlegte Witz- blatt— übrigens ein Schmutz- und Schweineblatt allerersten Ranges!— wieder mal unter Anklage gestellt würde..." Der Mann war nicht unbillig in seinen Kompensationsforde- rungenl" warf Dr. Manuel mit würdevollem Kopfnicken ein. „Den Teufel auch!" Der ehemalige Staatsanwalt schrie ganz laut: Ich Hab' ihm ja auch dies und jenes durch die Finger gesehen! Aber einmal kann unsereiner auch nicht immer, wie er möchte, und außerdem dachte der verfluchte Kerl, er könnte sich nu' alles erlauben!..." „Und dann verlief die Sache ganz programmäßig!" lächelte Dr. Manuel,„Sie gingen gegen den Mann vor, der klagte Ihre Spielwechsel ein. Sie zahlten nicht und— flogen!" „Ja," meinte der Staatsanwaltschaftsrat a. D. tiefatmend, „nachher bin ich auf Antrag meiner Frau und meines Bruders entmündigt und ins Narrenhaus gesteckt worden!" „Vorläufig zur Beobachtung!" ergänzte Dr. Manuel,„und Sie dürfen nicht vergessen, daß Ihr Herr Bruder Wirklicher Ge- heimer Oberregierungsrat, also ein Mann ist, in dessen Familie Uebeltäter im Sinne des Strafgesetzbuches einfach nicht existieren ... dahingegen können Leute, die ihren Verstand nicht voll bei, sammen haben— wie traurige Beispiele leider beweisen— sogar an Königshöfen vorkommen!..." „Wenn man hier wenigstens Karten bekäme!" grollte der frühere Staatsanwalt,„jetzt, wo wir zu dreien sind, könnten wir doch eine kleine Taille abziehen!" ..Ich habe das so oft in natura getan..." wollte Dr. Manuel sagen. Aber der Neue ersrnf das Wort und meinte mit seiner einschmeichelnden, etwas öligen Stimme: „Wenn es weiter nichts ist. Herr Rat...* „„Herr Rat,, ist gut!" unterbrach Dr. Manuel leise, und sein Eulengesicht wurde noch schärfer. „Wenn es weiter nichts istl... Das bekommt man hier für eine Kleinigkeit! Man kriegt hier überhaupt alles! Wenn man nur zu den„Verständigen" gehört!" Der sehr große und magere, ganz in feierliches Schwarz gekleidete Herr machte mit seinen Spinnen- fingern die Bewegung des Geldzählens. „Sie waren also schon einmal hier?" fragte der Arzt. „Einmal?!" Die dunklen Augen in dem verlebten Schau- spielergesicht blickten in rührsamer Bewegung nach oben,„mit zwanzig Jahren hatte ich zum ersten Mal die Ehre! Unter meinen Habseligkeiten fand sich damals ein Perlenkollier, das einer frommen Gräfin gehörte, in deren Konventikeln ich zeitweilig verkehrte. Das Kollier hatte im Schlafzimmer der Frau Gräfin gelegen, auf dem Nachttisch, weshalb eine direkte Anzeige denn auch vermieden wurde. Dahingegen kam ein Kriminalkommissar zu meinen Eltern, und mein Vater— er ist Tomdechant— hielt den Zeitpunkt für gekommen, mich zur Beobachtung meines Geisteszustairdes in eine Anstalt zu bringen. Die Aerzte konstatierten periodisches Irresein. Das hat den Vorzug, daß man in jedem Augenblick gesund und wieder verrückt werden kann..." „Und weshalb sind Sie jetzt hier, wenn man fragen darf?.� meinte Dr. Manuel. Der Theaterdirektor zuckte die Achseln. „Wieder eine Weibergeschichte... Die Frau war bei mir, das heißt in der kleinen Garconniere, die ich mir für solche Zwecke eingerichtet habe... und da hat sie'n Armband vergessen.. „Aha!" machte der Staatsanwalt mit der süffisanten Miene, die er früher in seinen Plaidovers den Missetätern gegenüber auf, zustecken pflegte.„Sie leben also von den Vergeßlichkeiten Ihrer Freundinnen?" Der Mime richtete sich stolz auf. „Wer wagt das zu behaupten?... Ich trage in der Tasche hier..." er klopfte sich mit der knöchernen Linken auf die ein» gefallene Heldenbrust,„das Zertifikat des Oberarztes von Herz- berge, in den, mir dieser Gelehrte bescheinigt, daß ich die von mir begangenen Strafhandlnngen ohne daF Bewußtsein, etwas Strafbares zu begehen, ausführe...: das heißt, ich bin nicht dafür verantwortlich zu machen!..." „Aber ich bitte Ste, meine Herren!" der Arzt, dessen kleine Figur etwas zur Korpulenz neigte, hob beschwörend die Hände, „Sie werden sich doch nicht streiten um derartig irrelevante Dinget Ein Verrückter sollte das überhaupt nicht tun! Ueberlassen wir der- artige Torheiten doch unseren geistig gesunden Mitmenschen! Sie. Herr..." „Müller...» „Müller?... na, ich denke Beryll...* „Ja, ganz recht: Alboin Beryllus! Unter diesem Namen kennt mich die Welt!" „In der man Pretiosen mopst!... oh, Pardon, ich wollte sagen: in der man sensationslüsterne Mondainen oder Demi- mondainen der Sorge um ihre gefährdetsten Besitztümer überhebt l ... Also, Herr Beryllus! Erzählen Sie uns etwas von diesen Kostbarkeiten und ihren jeweiligen Eigentümerinnen! Wir wissen ja hier schon gar nicht mehr, wie eine schöne Frau aussieht!" Der einstige Staatsanlvalt brummte zwar vernehmlich:„Aehl ... langweilig!" Aber der Herr mit dem Schauspielergesicht ver- beugte sick geschmeichelt gegen Dr. Manuel, gab, sich niederlassend, seinem schlottrigen Körper eine möglichst graziöse Pose und bc- gann: „Ich will mit der letzten anfangen, meine Herren. Und ich mutz vorausschicken, daß ich bei meinen kleinen Abenteuern vor allen Tingen auf den sozialen Stand der betreffenden Person achte. Weiber der dienenden oder irgendwie arbeitenden Klasse sind selbst- redend von vornherein ausgeschlossen!... Dahingegen bevorzuge ich die hysterischen—" er lachte gespreizt, wie auf der Bühne— „gleich und gleich gesellt sich eben gern! Die letzte also, die lernte ich auf einein öffentlichen Ball kennen, im Metropol... notabene maskiert... Na, Sie wissen ja: Loge, anfängliches Sträuben, Sekt, den s i e bezahlte, und später Heimfahrt zu zweien..." die Bühnenmaske wurde noch um einen Grad ordinärer...„und dabei trug sie ein Armband mit drei großen, in Kleeblattform ge- faßten Rubinen..." „Drei große Rubinen...", wiederholte der Jurist, wie in Sinnen verloren. „Ja. wieso?... zweifeln Sie dm „Nein, nein... ich meinte nur.. „Lassen Sie sich doch nicht stören, Herr Beryllus," sagte Dr. Manuel mit heuchlerischer Gutmütigkeit,„Herr Raspert dachte nur an ein Armband, das er mal versetzt hat, um seine Spieb- schulden zu bezahlen, und das seiner Schilderung zufolge ähnlich ausgesehen haben muß wie das, WaS Sie. lieber Direltor, in Ihrer geistigen Umnachtung an sich genommen haben I" „Ach!" Der Mime gehörte offenbar nicht zu den Aufgewecktesten seines Standes,„in dem Armband, was ich meine, war in der Mitte zwischen den drei Rubinen ein kleiner Diamant.. Der ehemalige Staatsanwalt hielt den Kopf gesenkt, beobachtete aber von unten herauf den Schauspieler mit einer Schärfe, daß Dr. Manuels boshafte Seele voller Bewunderung tvar für diesen typischen„Jrrenblick". „Und die Dame bekam ihr Armband wieder?" stachelte er den Erzähler. „Natürlich!" erwiderte Alboin,„sie kam am nächsten Tag und machte mir eine furchtbare Szene.... Und weil sie versprach, mich nicht anzuzeigen, gab ich's ihr auch freiwillig heraus... „Wie sah sie denn aus, diese Dame?... Am Ende war's gar keine, sondern ein gewöhnliches Straßenmädchen?" zwinkerte der Arzt. Aber der Mime, ganz aufgebracht über diese Vermutung, der- sicherte auf sein„Ehrenwort", es sei zioeifellos eine Dame der besten Gesellschaft gewesen, darin könne er sich absolut nicht täuschen. ... Im übrigen war's'ne richtige alte Schraube mit rotblond- gefärbten Locken und brillant gemalter Haut... so richtig die alternde Messaline, die einen prachtvollen Chinchillapelz trug und ein winzig kleines Malteserhündchen in der Muffe hatte. Natürlich hatte sie mir nicht ihren richtigen Namen gesagt, denn angeblich hieß sie Margarete v. Aspern, und in dem Armband waren die Buch- staben H. R. eingraviert!... Um des Himmels willen, was ist denn?... was woll......." Gurgelnd hielt der Schauspieler inne und versuchte vergeblich den Staatsanwalt von sich abzuwehren, der ihn bei der Kehle gepackt hielt und wie ein Rasender auf den Unglückseligen einhieb. Dr. Manuel war zur Klingel hingestürzt und schellte an- dauernd. Einige Sekunden später kamen die Wärter und rissen den Juristen von seinem Opfer, um ihn in die Tobzelle zu bringen. „Und da rede noch einer von Simulation!" sagte Dr. Manuel zu dem an allen Gliedern zitternden Schauspieler. „Ja, ja," meinte d«r �ängstlich,„am Ende sind wir alle viel mehr verrückt als wie glauben!.. Die Bntwickelunci der clehtnfcben Yollbabr.cn. Im Sihungssaale der A. E. G. hielt im vergangenen Monat Dr. Eichberg einen interessanten Vortrag über die Entwickelung der elektrischen Vollbahnen. Wie der Vortragende, der selbst durch die Konstruktion eines unter dem Namen„Winter-Eichberg- Motor" bekannten Einphasenmotors sehr viel für die Ent- Wickelung der elektrischen Vollbahncn geleistet hat, betonte, ist diese Frage viel schwieriger zu lösen, als seinerzeit die Frage der Elektrifizierung der Straßenbahnen. Bei den Straßenbahnen hatte es die Elektrotechnik mit einem technisch und wirtschaftlich inferiorem Gegner, dem Pferdeb�etrieb zu tun, einen Gegner, den sie leicht überwinden und verdrängen konnte. Anders liegt die Sache bei den Vollbahnen, da die Elektrotechnik technisch vorzüglich durchgebildete Betriebsmittel von großer Wirtschaft- lichkcit, in der Gestalt unserer modernen Dampflokomotiven, aus dem Felde schlagen muß. Der erste Punkt, der die Entscheidung beeinflussen kann, ist und bleibt die Kostenfrage. P f o r r hat bereits vor einigen Jahren nachgewiesen, daß unter der Berück- sichtigung aller Nebenumstände der clestrische Betrieb, was die Frage der Betriebskosten betrifft, dem Dampfbetrieb bei einem Preise der elektrischen Energie von Pf. für die Kilowattstunde gleichwertig ist. Diese Erzcugungskosten können heute in großen Elcktrizitätstoerken sogar bei Verfeuerung von Kohle ohne weiteres erreicht werden. Bedeutend günstiger liegen die Verhältnisse aber für Gebiete, in denen die elektrische Energie durch die Ausnutzung der natürlichen Wasserkräfte gewonnen werden kann. Hier wird der elektrische Betrieb sogar unbedingt wirtschaftlicher als der Dampfbetrieb. Während also für Gebiete in denen nur Kohle verwendet werden kann, vom Gesichtspunkt der Betriebskosten aus gesehen, eigentlich keine Veranlassung vorhanden ist, vom Dampf- betrieb zum elektrischen Betrieb überzugehen, haben die wasser- reichen Gegenden ein großes Interesse daran, elektrische Vollbahnen zu erhalten, um die Betriebskosten herabzusetzen. Diese Voraus- setzungen gelten jedoch nur solange, als man nur die Frage der Betriebskosten allein betrachtet. Für die Einführung des clek- trischen Betriebes spricht jedoch in vielen Fällen eine ganze Reihe anderer Gründe, so daß auch für einzelne Teile von Gebieten, in denen die elektrische Energie nicht so billig erzeugt werden kann — es ist dabei z. B. an das preutzisch-hessische Eisenbahnnetz zu denken—> der elektrische Vollbahnbetrieb eine außerordentliche Verbesserung bedeutet. Ebenso ist die Einführung elektrischen Betriebes Bedingung, wenn eine wesentliche Steigerung der Schnelligkeit unserer Vollbahnen erzielt werden soll. Daß sich ein elektrischer Vollbahnbetrieb technisch einwandsfrei durch- führen läßt, ist durch verschiedene Ausführungen bereits bewiesen. Allerdings waren bei der Entwickelung der Bedingungen für den elektrischen Betrieb eine Reihe Schwierigkeiten von grundlegender Natur zu überwinden. Die ersten Vollbahnwagen wurden wie elektrische Straßenbahnen von Gleichstrommotoren von 500 bis 600 Volt Spannung angetrieben. Der Gleich strommotor hat eine Reihe für den Bahnbetrieb hervorragend geeigneter Eigenschaften, von denen vor allem seine Eigenschaft bei stärkerer Beanspruchung z. B. auf Steigungen langsamer zu laufen zu erwähnen wäre. Dann ist die Stromzuführung bei den Gleichstrommotoren sehr einfach durchzuführen. E i n Draht genügt zur Zuleitung, die Ableitung geschieht durch die Schienen. Bei Vollbahnen sind aber bedeutend größere Leistungen als bei Straßenbahnen aufzuwenden, die bei der oben erwähnten Spannung von 500— 600 Volt sehr große Stromstärken erfordern, die nicht mehr in den dünnen Ober- leitungsdrähten fortgeführt werden können. Man kam daher zum Ausweg der„dritten Schiene", die neben den beiden Fahrschienen auf dem Erdboden, aber elektrisch von diesem isoliert, läuft, und von der der Strom den Motoren zugeführt wird. Diese dritte Schiene, die unter anderem auch bei der Hoch- und Untergrundbahn verwendet wird, ermöglicht die Verwendung großer Querschnitte für die Stromleitung. Auch eine Vollbahn in der� Nähe von Berlin, die Anhalter Vorortbahn nach Groß- Lichterfclde, arbeitet nach diesem Systcni der Stromzuführung mittels dritter Schiene, und beweist dadurch, daß der Betrieb seit dem Jahre 1903 ungestört funktioniert, die Brauchbarkeit der An- ordnung. Bei Vollbahncn jedoch, die ein größeres Gebiet beherrschen sollen, genügt dieses System nicht. Je größer die Ströme und je weiter die Entfernungen sind, auf die sie übertragen werden müssen, desto schwieriger und unwirtschaftlicher wird der Betrieb. Auch ergibt die dritte Schiene auf größeren Bahnhöfen Komplikationen, die abgesehen von der Gefahr— die Schiene darf nie berührt werden— ihre Verlegung unmöglich machen. Man kann, da die Leistungen immer groß bleiben müssen, die Ströme dadurch ver- ringern, daß man die Spannung erhöht. Bis in die letzten Jahre konnte man aber Gleichstrommotoren nicht für höhere Spannungen als für 650 Volt baue». Man hat jedoch diese Schwierigkeiten überwunden und baut heute Gleichstrommotoren bis 1000 und sogar 2000 Volt. Die bayerischen Staatsbahncn haben z. B. im ver- gangcnen Jahre den elektrischen Betrieb auf der Strecke Berchtes- gaben— Landesgrcnze mit einer Gleichstromspannung von 1000 Volt eröffnet. Aber abgesehen davon, daß diese Spannung auch in den meisten Fällen noch zu niedrig ist, bietet die Erzeugung und Fort- leitung hochgespannter Gleich ströme erhebliche Schwierigkeiten. Man hat daher schon seit Jahren versucht die zweite elektrische Stromart, den Wechselstrom, und zwar zuerst in Gestalt des D reh- st r o m e s, für Vollbahnzwecke dienstbar zu machen. Drehstrom kann leicht auf sehr hohe Spannungen gebracht werden, dkc eine Energieübertragung in dünnen billigen Drähten bei geringen Ver- Insten in den Leitungen gestattet. Er kann ebenso leicht in die für die Motoren passende"Spannung in ruhenden Apparaten, die auf den elektrischen Lokomotiven mitgeführt werden können, umgewandelt werden; erfüllt also einige Bedingungen für den Vollbahnbetrieb ohne weiteres. Die Drehstrommotoren haben jedoch den Nachteil, daß sie ganz unabhängig von der Belastung immer gleich schnell laufen, was z. B. auf Steigungen sehr unerwünscht ist. Der Haupwachteil des Systems besteht jedoch darin, daß man gezwungen ist, mindestens z we i, bei sehr hohen Spannungen sogar drei Zuleitungsdrähte zu verwenden. Für Weichen, Rangier- bahnhöfe und.dergl. ergeben sich dadurch undurchführbare An- ordnungen. Immerhin sind einige Bahnen, z. B. die Valtellina- bahn, nach diesem System ausgeführt. Auch die berühmten Schnell- bahnversuche auf der Strecke Marienfelde— Zossen fanden mit Drehstrombetrieb statt. Diese Schnellbahnversuche gaben neben den Schnelligkeitsresultaten vor allem die Gewißheit, daß man ohne weiteres während der Fahrt aus den Obcrleitungsdrähten hoch- gespannte Ströme entnehmen kann. Man kannte nun schon lange eine Wechselstromart, den Ein- Phasen ström, bei dem einerseits genau wie bei Gleichstrom nur e i n Zuführungsdraht erforderlich ist, der also eine ebenso einfache Leiwngsführung auf der Strecke und in den Weichen wie Gleichstrom ermöglicht und der andererseits dieselben Trans- formierungsmöglichkeiten bot wie der Drehstrom. Man hatte aber keinen Motor, der niit diesem Einphasenstrom betrieben werden konnte. Im Jahre 1903 wurde nun zuerst in Amerika und bald darnach in Deutschland ein Motor gebaut, der mit Einphasenstrom betrieben werden konnte, dabei aber alle Vorzüge des Gleichstrom- motors, vor allem seine große Regulierfähigkeit aufwies. Damit war die Frage der elektrischen Vollbahncn, wie die nächste Zukunft zeigte, nicbt nur prinzipiell, sondern auch praktisch gelöst. Im Jabre 1903 wurde von der Union Elcktrizitätsgesellschaft eine Ver- suchsstrecke zwischen Schöneweide und Spindlersfeld mit ein- phasigen Wechselstrommotoren in Betrieb gesetzt und diese Versuche ergaben geradezu glänzende Resultate, so daß seit dieser Zeit in elektrotechnischen Kreisen kein Zweifel herrscht, daß der EinPhasen- motor der einzig mögliche Vollbahnmotor sein würde. Auf der Spindlersfelder Strecke wurde auch zum ersten Male die„Ketten- a u f h ä n g u n g" der Oberleitung angewendet, bei der der Fahr- draht an einem zweiten Tragcdraht in kurzen Abständen auf- gehängt ist, wvdurck ein zu starkes Durchhängen des Drahtes und vor allem das Berühren eines gebrochenen Drahtes mit dem Wagendach, was b.« den verwendeten hohen Spannungen leicht gefährlich werden könnte, vermieden werden könnte. Seit dem Jahre 1903 ist eine große Anzahl von Vollbahncn mit EinPhasen- motoren in Betrieb genommen, so z. B. die Stubaithalbahn zwischen Innsbruck und FuspmeS, daß Klembahnnrtz der Bsnnage in Belgien, die Bahn zwischen Padua— Fusina«. a. m. Für Deutschland bestand der wichtigste Schritt in der Bollbahnfrage seit jener Zeit in der Einführung des elektrischen Betriebs durch Emphasen- motoren seitens der preußischen Eisenbahnverwaltung auf der Hamburger Borortbahn zwischen Blankenese— Hamburg- Ohlsdorf im Jahre 1907. Auf dieser Bahn, die mit einphasigem Wechselstrom vom HOQO Tolt Spannung betrieben wird, hat man den Einphosen- motor im Dauerbahnbetricb durchproben und feststellen können, daß auch vom eisenbahntechnische.» Standpunkt aus die Frage der elektrischen Vollbahnen als gelöst zu betrachten ist. Die Länge der ganzen Bahnstrecke beträgt über 26 Kilometer und ent- hält 17 Bahnhöfe. Im Jahre 1967 wurden S9 Triebwagen für die Bahn beschafft, doch schon im Jahre 1968 mußten infolge der Steigerung ches Verkehrs 2S weitere Wagen in Auftrag gegeben werden. Es ist zu hoffen, daß die preußische Eisenbahnverwaltung die auf dieser Bahn— außerdem gibt es in der Nähe von Oranien- bürg eine Vcrsuchsstrecke für den Einphasenbetrieb— gewonnenen guten Erfahrungen auch auf anderen Strecken, vor allem bei unserer Berliner Stadtbahn verwerten wird. A. Kleines femlletom Erziehung und Unterricht. Wo ist das Steckenpferd geblieben? Mit dieser Frage beschäftigt sich H. F. Hofmann im ersten Dezemberheft des „Kunstwart". Er schreibt: Ein gut Teil Kindheitszauber hängt an den beiden Worten Wiege und Steckenpferd, die zwei aufeinander- folgende Stufen der Kindesentwickelung kennzeichnen, und Poesie wird Spruchweisheit leben stark von den Gemütstönen, die diese Worte in uns erklingen lassen. Die Worte— wo aber sind die Dinge geblieben? Daß die Wiege in ihrer Gestalt als Horizontal- oder Vertikalschaukel fast völlig verschwunden und wohl nur noch in Muieen und Bauernstuben zu finden ist, wollen wir nicht allzu sehr bedanern, indem wir uns vom gesundheitlichen und erziehe- rifchcn Standpunkt aus des höchst zweifelhaften Wertes dieses Be- ruhigungsmittels bewußt werden. Unsere„Wiegenlieder" sind keine Lieder an der Wiege mehr, unsere Frauen sitzen nicht mehr, wie Maria auf DürerS liebem Holzschnitt, am Lager des Lieblings, mit leichtem Fu5l ciu sgnfteZ Schaukeln unterhaltend, mit flinker Hand und wirbelnder Handspindel den"Faden drehend und dazu ein leises Lie-dchen vor sich hinsummcnd— das ist dahin, wie der Post- hornklang. Aber es mußte dahingehen. Das Steckenpferd dagegen verdient die Zurücksetzung, die es erfahren hat, ganz gewiß nicht. Durch welches andere Pferdespiel- zeug könnte eS ersetzt werden? Schaukelpferd, Räderpferd, oder gar die aus beiden zusammengesetzte, so oder so zu gebrauchende Patentmähre— was sind sie gegen das muntere Rotz, das wirkliche, lebendige Beine hat, das treulich mit dem Reiterlein springt, wohin eS gelenkt wird, und das erst müde wird, wenn auch sein Herr nicht mehr magl Bei lebhafter Kinderphantasie tuts ja auch Vaters sipipler Stock, aber ein Pferdekopf vorn dran ist doch was anderes. Wer heutzutage seinem Jungen ein Steckenpferd kaufen will, der kann nicht an allen, aber an vielen Orten vergeblich aus einem Spielwarenladen in den anderen laufen; Steckenpferde scheinen nicht mehr zu„gehn". Spielzeug, mit dem man Automobilunglücke und Eisenbahnzusammenstöße nachmachen kann, die gehn. Darum, ihr Künstler, die ihr es nicht verschmäht, unseren Kindern gesundes kindliches Spielzeug zu verschaffen, laßt uns dem Steckenpferd eine fröhliche Auferstehung bereiten? Abieits von den Großstädten lebt es noch da und dort, führt ihr es am Zaume, so wird es in sie zurückkommen. Wirtschaftsgeschichte. Trust- und Syndikatsplagcn im Mittelalter. Die Auswüchse des Kapitalismus, die sich in der diktatorischen Preisfestsetzung der Ringe und Syndikate offenbaren, hatten bereits im Mittelalter ihre Vorläufer. Zu Anfang des fiinfzehnten Jahrhunderts, als der Handel in Teutschland mächtig eniporbltihte, hatten sich bald Gesellschaften gebildet, die sich nicht nur mit dem Handel von ausländischen Produkten befaßten, sondern auch an eine gemeinsame Ausbeutung von Silber- und Kupferminen gingen. Auch die Papierherstcllung und andere Manufakturen wurden von größeren Gesellschaften unternommen, die sich durch ihre Macht- mittel bald eine Monopolstellung sicherten und die kleinen Kon- kurrenten bald völlig ausschalteten. Diese Vorgänger unserer heutigen Shndikatspolitik erweiterten ihr Feld bis ins Unermeß- liche. Besonders in Süddentschland, lvo die früher einsetzende kapi- talistische Entwickelung diese Unternehmungen besonders begünstigte und wo sich die großen Handelsbänser der'Fngge, Welser und Im- hoff herausbildeten, wurden iiifolge.der Monopolstellung fabel- hafte(Gewinne ergattert. Nach Steinhausen hatte die Höchstettersche Gesellschaft mit einem Einlagekapital von 966 Gulden in sechs Jahren einen jährlichen Durchschnittsgcwinn von 86— 40 Proz. erzielt und das Stammkapital nach Ablauf dieses Zeitraumes auf 83 666 Gulden vermehrt. Solche Gewinne standet! durchaus nicht vereinzelt da; im Gegenteil, die großen Handelshäuser der Verautw. Redakteur: Richard Barth, Berlin.— Druck u. Verlag:? Fugger, Tücher usw. machten noch ganz andere Geschäfte. Der als Verfechter des kapitalistischen Gewinnes bekannte Professor Ehrenbcrg-Rostock versucht allerdings in seinem Buch über die Fuyger, diese von dem Vorwurf"der volksausbeuterischcn Mo- nopolsucht zu entlasten, doch weit gewichtiger sind die Zeugnisse aus damaliger Zeit, die sich gegen die Handelsspekulantcn mit ihren Ringen wandten. Und die Ringe" haben- tatsächlich existiert; mehrere große Handelshäuser schlössen unter sich Verträge über Preissteigerung und Monopol ab. Alle bekannteren Persönlich- ketten von damals, darunter auch Luther und Hans Sachs, Wetter- ten scharf gegen dieses Wesen. Aber auch die Behörden sahen sich gezwungen, gegen die skrupellose Monopolsucht der Großen vor- zugchen, da die Klagen und der Haß der kleinen Geschäftsleute, die von den ersteren gänzlich an die Wand gedrückt wurden, sich unheimlich mehrten. Als einer der ersten verlangte der Jurist Kuppener ein obrigkeitliches Einschreiten gegen diese Preissteige» rungstendenz. Auf dem Rcichsabschied zu Köln 1512 wurde den Gesellschaften, die Waren allein in ihre Hände brächten, um deren Preis über Gebühr festzusetzen, Konfiskation ihres Vermögens angedroht. 1518 erließ der österreichische Ausschußlandtag ein Dekret, das den ausländischen Großhandelsgcsellschaften verbot, un- entbehrliche Waren aufzukaufen, um dem gemeinen Kanfmanne den Handel zu entziehen. 1523 erließ die Reichsgewalt noch ein ferneres Verbot, um das aufgeregte Volk zu beschwichtigen. Doch allzu viel konnten alle diese Verbote den reichen Gesellschaften, von denen das Reich in einem sehr hoben Grade abhängig war lman denke an daS Verhältnis von Karl V. zu den Fuggern), nicht an- haben, erst der in der zweiten Hälfte deS Jahrhunderts beginnende Verfall des oberdeutschen Handel» übte eine Wirkung aus. Drei» hundert Jahre sind nach jener Blütezeit vergangen, nach jähr- hundertelangem Ringen beherrscht wieder das Trust- und Sim- d-katskapital den Weltmarkt und treibt Raubbau in viel unheim- licherem Maße als im Mittelalter, trotzdem daS Jahrhundert des Humanismus und der Aufklärung dazwischen liegt. Den Volks- ausbeutern von damals zog die mangelnde technische Entwickelung eine Grenz«. Heute ist die Technik die Stütze der Syndikate. Phtisikalischcs. Kugelblitze. Unter dem Namen Kugelblitze wurden von A r r a g o eigentümliche Feuerkugeln beschrieben, die zuweilen bei Gewittern entstehen und sich in unregelmäßigen Bahnen langsam durch die Atmosphäre bewegen, so daß man sie mehrere� Sekunden hiS zu einer Minute verfolgen kann. Manchmal sollen diese feurigen Kugeln spurlos verschwinden, ein anderes Mal unter starker Dewnatton zerspringen und Zerstörung«, p-rnrsochen. Die Kugel- blitze sind entschieden die rätselhafteste Form elektrischer Ent- ladungen und selbst heute in ihrem Wesen noch nicht genau er- forscht. Ja, manche Forscher zweifeln sogar an ihrer Existenz und möchten sie gerne als Gebilde erhitzter Phantasie hinstellen. DaS geht aber nicht an. Die Beobachtungen sind zu zahlreich, und dann ist eS neuerdings auch gelungen, experimentell ganz ähnliche Er» schcimmgcn zu erzeugen. So erhielt z. B. Plante bei Ent- ladung hochgespannter Ströme zwischen feuchten Flächen langsam wandernde Feuerkugeln. Einen sehr hübschen Beitrag zu der Frage der Kugelblitze bringt daS letzte Heft der meteorolo- gifchen Zeitschrift. Die Beschreibung ist den Gerichts- aktcn eines Prozesses wegen Blitzschlages in eine elektrische Hoch- spannungslcitung entnommen, der indirekt den Tod zweier Men- scheu zur Folge hatte. Am 23. Juli 1963 entlud sich gegen 9 Uhr über Romont, einer Station der Linie Frciburg-Lausanne, ein sehr heftiges Gewitter. Ueber die während desselben beobachteten Kugelblitze gab der Bahnhofsvorsteher folgendes zu Protokoll: „Gegen Wi Uhr wurde ich durch einen meiner Leute gerufen. Ich ging aus meinem Bureau und sah mit fünf oder sechs Personen, daß grünliche, sehr glänzende Kugeln von der Größe eines Eies auf den elektrischen Drähten spazierten, vom Hause Nigg bis zum Gehölze in der Richtung von Prevonloup, d. h. in der Richtung nach einem der Romont umgebenden Hügel. Die Kugeln ver- schwanden in der Höhe, während neue beim Hause Nigg erschienen, die den gleichen Weg einschlugen. Sic spazierten langsam die Drähte entlang. Wir baben diese Erscheinung ungefähr eine Viertelstunde lang beobachtet." Auch ein Einwohner des etwa einen Kilometer südlich von Romont gelegenen Dorfes MeziereS, in dem der Blitz das vorhin erwähnte Unglück anrichtete, sah nach einem im Dorfe einschlagenden heftigen Blitze im Innern seines Hauses eine leuchtende Kugel den Drähten der elektrischen Licht- leitung folgen. Fast zu der gleichen Zeit beobachtete ein Pater deS nur wenige 166 Meter nördlich vom Bahnhof Romont entfernten Klosters, wie eine große Feuerkugel aus dem Telephon heraus- quoll. Sie verschwand ztvar sofort, zertrümmerte aber in dem Zimmer ein Fenster und ein Rohr der Zentralheizung. Bereits früher wurden schon mehrfach ähnliche, bei Gewittern auftretende Feuerkugeln beschrieben, die zuweilen weite Wände- rungen in Häuser hinein, durch die Zimmer hindurch und wieder hinaus ins Freie gemacht haben sollten. Was daran Wahrheit ist, was Spiel der Einbildung, läßt sich schwer beurteilen. Jedenfalls wäre es zur Aufhellung dieser interessanten Erscheinung wünschenS- wert, daß jeder, der dazu Gelegenheit hat, seine Beobachtungen in möglichst unausgcschmückter Form einer zuständigen Stelle, z. B. der Meteorologischen Zeitschrift, mitteilte. Th. örwärts Buchdruckerei u.Vcrl«g»anstaltPaul Singer ScTo.. Berlin