ZlnterhalkmgMatt des Nr. 237. Dienstag den 7. Dezember. 1909 6] XTobelvolk. (RoiSttoit wrcawaj Eine Dorfgeschichte von Paul Vlg Aber länger konnte Heinrich die innere Not nicht meistern. „Die Hitze da drin— es ist ja nicht zun. Aushalten. Ihr müßt mir morgen erzählen, Vetter jetzt dm ich zu inüd'— sagte er schnell und stand auf. Mareio verächriiche Grimasse sah er nicht mehr, aber er fühlte, das sie feinen Zustand durchschaute. Der Ton ihrer Stimme, als sie ihm gute Nacht wünschte, verriet es ihm. Es war ein unsäglich aufreizender Hohn, der ihm wie ein Eeißelhieb um die Ohren zischte, noch lange, nachdem er die Stube verlassen hatte. Diesmal war's eine absolute Gewißheit. Schon der Kuß beim ersten Wiedersehn ließ ihn ahnen, daß er ihr nicht schlecht gefiel, und daß sie auf ihre Weise um ihn werben werde. Die Reize der Anmut waren ihr freilich nicht gegeben, auch besaß sie'Leine verklärende, anbetungswürdige Seele, — dafür jedoch pm so mehr sinnliches Element, eine über- sprudelnde Lebendigkeit. Die kleine, gedrungene Gestalt bebte nur so von ungebundener Daseinslust, alle ihr Bewegungen waren von der raschen, leidenschaftlichen Art: und saß sie einmal ganz still, was selten war, so bekam ihr Gesicht einen Ausdruck lauernder Grausamkeit oder ausschweifender Ver- sonnenheit. Sie kannte genau die ihr eigene Anziehungs- kraft. Mehr als die Hälfte ihres Erwerbs wurde für auf- fallende Kleider fortgeworfen. Es fehlte ihr selbstverständlich nicht an Bewerbern, jedoch-- wie sie in den Wald hinein- rief, so schallte es wieder heraus. Und eben dies»vollte ihr nicht behagen! Die frechen Blicke und Reden, kaum, daß sie einem von ihnen eine halbe Stunde Gehör lieh, gaben rhr immer wieder deutlich zu erkennen, wofür sie gehalten wurde, und wohinaus die Männer mit ihr wollten. Das hatte sich naturgemäß nicht gebesiert, seit sie Mutter eines unehe- lichen Kindes war. Es hetzte die schwarze Marei jedesmal in eine Wut, um aus der Haut zu fahren, wenn irgendein Bursch, der ihr gefiel, bei ihr gleich mit Siebenmeilenstiefeln ans Ziel zu gelangen suchte, während er bei anderen Mädchen sich stets ehrbarer Manieren befliß. Darum mochte sie den Vetter Heinrich so sehr, weil er ihr— wenn auch mit Scheu, so doch nie ohne Achtung begegnete. Sie kam seither jeden Abend heim, obwohl sie sonst die Woche über bei einer Freun- bin in Treustadt zu schlafen pflegte. Die Mutter wunderte sich wohl, aber die Marei kümmerte sich wenig danrm, und der Vater war schon lange nicht mehr gefragt worden, ob ihm dies oder jenes in den Kram passe. Der Heiri Kalendermacher— wie sie ihn nannte— mußte von nun an ihr, ganz allein ihr gehören, gleichviel, was schließlich daraus wurde. Sie wollte ihn ganz einfach zu ihrem Schatze haben. Und das wollte fiel Heinrich tastete sich draußen im Gang die steile Stiege hinauf. Der obere Stock bestand aus vier Kammern: die zwei zur Rechten bewohnte Jörg mit Frau und Kindern, links vorn, nach dem See hinaus, schlief Heinrich, noch hinten die Marei. Die Base hatte alle guten Stücke ihres beweglichen Inventars in Heinrichs Zimmer vereinigt: ein neues Bett, den runden Tisch, die Rohrsessel, die altertümliche Kommode aus Nußbaumholz— und außerdem hatte Marei für ihn feine Spachtelvorbänge mitgebracht, so daß nun der Raum mit den frischgeweißten Wänden, dem dunkeln Gebälk gar nicht so übel aussah. Des Vetters Beitrag war ein kleiner Rohrofen, den er sogar eigenhändig einzurichten verstand, und Heinrich selbst hatte die Wände mit einer ganzen Reihe farbiger Blätter ausstafsiert. Ja, alle schienen ehrlich be- forgt, ihn zu kesseln, und besonders— ja ganz besonders sie, die ihn ebensosehr abstieß als anzog. Er steckte die Lampe an. zog sich hmtereinander aus, nahm ein Buch und gedachte, im Bett zu lesen, bis ihm vor Müdigkeit die Augendeckel zufielen. Doch hätte et wohl Ebensoviel begriffen, wenn er den Band verkehrt in die Hände nahm. Seine Brust schien bis obenhin mit Seufzern an- gefüllt. Nur wie von ferne reichten seine Gefühle noch an daS Bild der stillen, schönen Seele heran, die sich vor wenigen Stunden tief in der seinigen verankert hatte. Sie glich nun einer blühenden Flur, über der die unheilkündenden Ranch- Wolken eines Kraters hinziehen. Und wenn es einmal zum Ausbruch kam? Wieder und stärker als zuvor empfand Heinrich die bittere Notwendigkeit, dieses Haus, diese Gegend zu verlassen. Wenn ihn nicht die hier webende Atmosphäre des dumpfsten All- tags niederdrückte: so war dafür seine nächtliche Nachbar» schast eine bis zum Wahnsinn qualvolle Prüfung, die er nicht mehr lange bestehen konnte.— Kurz nach ihm ging auch die Marei zu Bett. Heinrich hörte sie trällern und rumoren. Er versuchte, sich den Akt ihrer völligen Ent» kleiduna vorzustellen, ein Bild ihrer Nacktheit zu erzeugen und sich daran zu berauschen. Alles Blut schoß ihm ins Gehirn.„Warum muß ich so unsinnige Qualen ausstehen? Wem nützen sie das geringste?" sann er verzweifelt, die zuckenden Glieder reckend. Eine Stunde mochte er sich so in der Hölle seiner Bs- gierden herumgewälzt haben, als unten die Haustüre ging und dröhnende Schritte widerhallten. Das war Jörg. Er schien betrunken zu sein, eine Vermutung, die sich vollauf bestätigte, als mit einem Mol ein gräßliches Gepolter er- tönte. Offenbar war er die halbe Treppe wieder hinunter- gefallen. Heinrich lauschte gespannt und atmete im ersten Augenblick erleichtert auf, als der drunten mit ausgewachsener Säufertrompete zu schmettern begann:„Wart' Du Luder. Dich will ich kuranzen! Wo ist das Licht, Du verfluchte faule Gret? Licht her, sag' ich! Dir muß man scheint's wieder einmal mit dem Dreschflegel winken, gelt!" Heinrich sprang an die Tür und rief, indem er die Lampe hochhielt, beschwichtigend hinaus:„Wer wird denn mitten in der Nacht so einen Lärm machen? WaS ist los? Hast Du Dir„einen" gekaust?" Der Lichtschein fiel auf eine mitten auf der Stiege an die Wand gelehnte Gestalt, die nur noch entfernte Aehnlichkeit mit einem menschlichen Wesen aufwies. Die Zähne fletschend, des Steckens Unverwüstlichkeit an der Lehne erprobend, stand der jugendliche Trunkenbold da und schien nur auf das Erscheinen seiner Angetrauten z« warten, um die ausgeswßene Drohung zu vollziehen. Für eine Weile schien ihm Heinrichs Gegenwart zwar die Kraft wiederzugeben, ohne Wanken die letzten Stufen zu erklimmen. Aber sein Zorn ließ nicht nach. Ohne ein Wort zu verlieren riß er die Tür zu seiner Stube auf, schmiß als erstes einen unschuldigen Stuhl gegen die Wand und versuchte, in daS Schlafzimmer zu dringen, das er jedoch verschlossen fand. Er schlug unter dem Wehgeschrei der Kinder den Stiefelabsatz dagegen. Umsonst, die Tür tat sich nicht auf. Indessen war aber unten der Vater munter geworden. Der forderte euer- gisch:„Ruhe da oben! Sonst ist es denn aus mit meiner Geduld. Tann kannst Du Dir eine andere Unterkunft suchen!" Als Heinrich die Lampe zurückgestellt hatte, sich wieder umdrehte, sah er ein weißes Gespenst in Jörgs Stube huschen. „Schämst Dich nicht. Du Lümmel, besoffener, der Du bist!" hörte er Mareis unterdrückte Stimme und gleich darauf stürzte sie wieder hinaus, von dem Betrunkenen bedroht. der dann mit einem wüsten Schimpf plötzlich den Boden maß. Ehe Heinrich wußte, wie ihm geschah, stand sie neben ihm im Zimmer und riegelte die Tür zu. „Der Mensch ist zu allem sähig. Ich bleib' nicht allein!" sagte sie hochaufatmend, ohne Heinrich anzusehen, als wäre ihr Erscheinen im bloßen Hemd das Natürlichste von der Welt. Besinnungslos, im Taumel der Selbstverlorenheit sank Heinrich vor dem Mädchen nieder. Er rnnschlang die ersehnte, rätselbafte Eva in blinder Wut, die ihr einen leisen Schmer- zensschrei erpreßte, und als er sich wieder erhob, trug er die Lachende, Zappelnde auf den Armen in fein Bett. „O Himmel!" stöhnte er auch jetzt wieder selig auf. Aber diesmal war keine Freude, keine Sonne in seiner Seligkeit. nur schmerzgeboreue, rasende Lust, und sein Herz war wie ein glühendes Eisen, das zischend ins löschende Wasser fährt. * Eine mcrknüirdige Liebe-- auf einmal!" bemerkte Frau Stadler, als Elsbeth bei Tisch mit einer befremdlichen Hast die Absicht kundgab, zu Tante Gritta nach Treustadt zu fahren.„Tu bist doch erst letzten Samstag bei ihr gewesen!" Die zum Erschrecken beleibte, schwer leidende Frau, welche sich nur noch niit Mühe von einem Zimmer ins andere bc- wegen konnte, sah ihre Tochter mißtrauisch fragend an. Das eigenwillige Fräulein warf zuerst einen furchtsamen Blick auf den Vater, der jedoch, vollkommen abwesend, auf irgendeinem Streifzug der Zeitungspolitik begriffen war. Er hatte vor die Brille noch einen Zwicker auf die Nase gepflanzt und las nun über die erstere hinweg, indem er dazu lautlos die Lippen bewegte und mit dem Kopfe nickte. Das gab Elsbcth den Mut zu einein wahren Gewaltstreich. Sie er- widerte den mütterlich-mißtrauischen mit einem— geheuchelt — empörten Blick, wobei ihr sogar die Schamröte über das weiterzuspinnende Lügengewebe trefflich zustatten kam. „Warum wundert's Dich denn so? Du weißt doch auch, daß sie allein ist und froh, tvenn einmal eines von uns er- scheint. Und da Hab' ich ihr halt versprochen, von jetzt an jede Woche(beinah ließ sie da der Mut im Stich)— zweimal zu kommen!" Tie Mutter siel vor Staunen in ihren Rollstuhl zurück, ließ die Hände in den breiten Schoß sinken und wiegte das schwere Haupt bedrohlich hin und her. Die blutlosen, hängen- den Backen schlitterten, das schwarze Häubchen sah aus wie ein Sturmsignal. Aber Elsbeth war entschlossen, gegen alle Plänkeleien zu beharren. Mochte die Mutter immer die Augen rollen, wenn nur der Vater nicht fragte: warum und wieso? Mit einem noch nie dagewesenen Heißhunger beugte sie sich über den Teller und fing die bösen Blicke sozusagen mit ihrem Haarkamm als Schild auf, was die ahnungsvolle. neugierige Mutterseele zu den schlimmsten Vermutungen trieb. (Fortsetzung folgt.) (Nachdruck dcrdoicn.j Der erste Arbeitstag. Von Hans?l a n r u d. Christian richtete sich auf den Ellbogen in die Höhe, kroch nach Pein Kopfende und guckte aus dem Fenster dicht daneben. Es war noch beinahe dunkel in der geräumigen Häuslerstube. Draußen war Dämmerung, gerade am Ucbcrgang zum Tag, nur einzelne von den größten Sternen waren sichtbar an dein blauen klaren Herbst- morgen. Wieviel Uhr es wohl Ivar? Ja, zu spät durfte er nicht komnien, die Schande sollten sie ibm nicht antun.— und dann konnte das auch einen?lbzug vom Tagelohn bedeuten. Ein ganzer Kerl mußte den ganzen Tagclohn haben. Es war übrigens sclt- saiu, er hatte Vergessen zu fragen und Lla Nordlicn hatte auch nichts vom Tagclohn gesagt? Er drehte sich, so daß er im Bett saß und blickte hinüber nach icm anderen Bett am anderen Fenster, wo die Mutter lag. „Mutter! Mut— t— 4 er!" Die Mutter drehte sich ein paarmal um, che sie aufwachte, dann schlug sie die?lugen auf:„Ja. Was willst Du, Christian?" „Du hörtest nicht, ob LIa Ztordlien etwas davon sagte, wieviel Tagclohn er geben wollte?" „Und darum weckst Du mich, Du unartiger Junge I" „Ich dachte auch, es wäre vielleicht Zeit, daß Du den Kaffee aufsetztest. Denn wer auf Arbeit soll, braucht Zeit, um richtig munter zu werden." „So leg Dich jetzt wieder hin. Ich werde es schon nicht vcr- schlafen." Aber Christian schlief nicht wieder ein, und was das anbc- trifft, er hatte auch die gauze Nacht nicht viel geschlafen. Denn gestern abend, als er sich eben hinlegen wollte und schon mit den Hosen in der Hand dastand, loar etwas geschehen. da Nordlicn war selbst hcrcingclommcn, Hatto guten Abend gewünscht und gesagt: „Jetzt bin ich im ganzen oberen Dorf herumgezogen und habe Leute zum Kartoffellesen gedungen, und da wollte ich'mal vor« sprechen, ob vielleicht auch hier ein Knecht zu haben wäre." „Rein, ich habe jetzt keinen Knecht hier, hatte die Mutter gc- sagt; der Per hat jetzt mit dem Kuhställ ans Opsal zu tun, und ich erwarte ihn vor den Feiertagen nicht zurück." „Hast Du niemanden? Ich finde, da steht ein großer Bursche drüben am Bett. Nach ihm dort hatte ich fragen wollen." Da kann einer glaube», daß Christian sich aufrichtete. „Du willst also mit zum Kartoffellesen?" fuhr die Mutter fort. „Ja. und darum habe ich ein ganzes Heer von solchen Kerlen zum Auflesen gemietet, die Kulsvcjungcn und Sagbakjungcn und Jens PerhuS." Die Mutter lächelte und sah zu Chrsitian hinüber. „Ja, ich weiß nicht, waS Christian dazu sagt, Tu mußt mit ihm selbst reden." Da verstand Christian, daß er durste. Ola Nordlien wandte sich dann zu ihm und sagte so ernst, alz spräche er zu einem erwachsenen Knecht:«Ja, hast Du wohl Lust. morgen zu uns zu kommen und unS beim Kartoffellesen zu helfen, Christian?" Christian zog die Hosen wieder in die Höhe und knöpfte die Klappe zu, so gut es sich in der Eile machen ließ. Dann setzte er sich auf die Bank, schlug die Knie übereinander, spuckte weit aus und sagte: „Ja, eigentlich habe ich nicht viel Zeit, aber da Du Mangel au Leuten hast, so muß ich wohl kommen." Das war der Grund, warum Christian nicht wieder einschlief, — denn zu spät kommen wollte er nun einmal nicht und dann gast es auch viel anderes zu überlegen, einmal, wie er sich ausrüsten sollte, und dann auch, wie er sich benehmen sollte. Der Morgen schlich langsam weiter, es kam ihm vor, als ob die Uhr gar nicht von der Stelle rückte— vielleicht war sie auch stehen geblieben; ein paarmal versucbte er, sich laut zu räuspern oder zu husten, um zu sehen, ob die Mutter nicht aufwachen wollte. Und als die Mutter endlich aufgestanden war und kaum den Kaffrekessel mit Wasser gefüllt hatte, da stand auch Christian mitten im Zimmer. Er hatte noch diel zu tun. Erst untersuchte er, ob alle Knöpfe an der Hose richtig fest saßen. Nein, einer hing bloß an einem Faden; der mußte befestigt werden; ein Knecht mutzte Hosen haben, die es vertrugen, daß er ordentlich zufaßte. Dann kam der Gürtel an die Reihe,— er mußte ein neues Loch machen, um ihn enger zu bekommen, er war nämlich zu weit, und sollte es zu einer richtigen Kraftanstrengung kommen, so war es am besten, daß er ordentlich eng war. Und den neuen Schal wollte er lose drüber hängen lassen; das würde sich gut machen, wenn er kam, und später, wenn er den Rock auszog, und ihn dann schön zusammengefaltet darauf legte. Lange ehe der Kaffee fertig war, war Christian angezogen und gerüstet, bis auf das Heu in den Stiefeln und die Zipfelmütze auf dem Kopf, und er ging aus und ein und sah aus, als hätte er sehr viel zu tun. Und als der Kaffee endlich fertig war, nahm es nicht lange Zeit ihn herunterzukricgen, obgleich er gewaltig viel essen mußte,»in seinen Mann zu stellen und bald stand die Mutter und blickte ihm nach und bat ihn, gehorsam zu sein und sein Bestes zu tun, während er, die Zipfelmütze bis über die Ohren, mit langen, wiegenden Schritten wie ein Erwachsener den Abhang nach Nord» lien hinuntertrabtc. Als er nach Nordlicn hinunterkam, war es ganz still draußen im Hof, er sah nichts anderes, was sich bewegte, als den Rauch, der langsam in gerader Linie aus der Esse emporstieg, und hörte nichts anderes als das gleichmäßige Kauen der Pferde im Stall,— sie bekamen ihr Morgenfutter drinnen vor einem so strengen Tag. ES dauerte indessen nicht lange, bis er hörte, daß Ola Nord- lien auf den Beinen war und im Hause herumfuhr und weckte, und als er herauskam und Christian erblickte, sagte er: „Das ist meiner Treu ein richtiger Junge, der zuerst auf dem Platz ist," und da setzte Christian den einen Fuß vor und sagte: „Ja, ich finde, wir hätten schon anfangen müssen, wenn wir bis zum Abend etwas ausrichten wollen." Allmählich wurde es lebhaft auf dem Hof. Die Leute des HofeS selber waren aufgestanden und kamen heraus, gähnten und dehnteiZ sich, und von dem oberen Dorf kam der eine nach dem anderen. Erwachsene und Kinder, Häusler und Häuslerinnen, und Ola Nordlicn ging herum und fand Hacken und Eimer und lieferte sie aus, und Trampelpctcr, der Knecht, ließ die Pferde heraus, um sie zu tränken. Christian war der kleinste von ihnen allen, und er hielt sich auch so weit im Vordergrund, daß er ihnen auffiel. Trampelpctcr, der ein loses Mundwerk hatte, sagte auch gleich: „Nein, was ist das für eine Kartoffel, die ist ja mächtig groß." Christian wurde sehr wütend auf den Lümmel, aber sein Zorn legte sich, als Ola Nordlicn gleich sagte: „Das ist mein Grotzknecht. Du, Christian, Du mußt ein bißchen ein Auge auf Trampclpetcr und die anderen haben." Christian sah ihn ein wenig unsicher an, und seine Mund- Winkel fingen an zu zittern; denn er wußte zwar, daß er ein tüch- tigcr Junge war, abcc eine solche Auszeichnung hatte er trotzdem nicht erwartet. „Ist das Dein Ernst, Ola Nordlicn?" »Ja, natürlich, ist es mein Ernst." (Schluß folgt.) (NaSdruck BerMexi Die Tierwelt im{Hinten Von C. Schenkling. Der Winter ist für die Tierwelt eine Zeit der Entbehrungen lind des Leidens, denn er entzieht ihnen außer der Luftwärme auch die Gelegenheit, leicht und reickilich Nahrungsmittel zu gewinnen, die die innere organische Temperatur unterhalten. Niemand friert und erfriert leichter als der Hungrige. Im Winter würden darum verschiedene Ticrgcicklcchter aussterben, wenn die Natur nicht An- stalten getroffen hätte, ihnen über die Zeit der Not hinwegzuhelfen. Die Tiere verhalten sich dem Winter gegenüber verschieden: die einen verschlafen ihn, die anderen fliehen ihn, die dritten treten ihm standhaft entgegen und finden sich mit ihm ab, so gut oder schlecht cS gehen mag. Die Mehrzahl gehört der ersten Gruppe an, eS find die D i n t e r i ch l ä f e r. Zu ilinen gehören mcbt wenige unserer kleinen Säuger. Der Hamster liegt im Winter 1—2 Meter tief unter der Erde in seiner glatiwandigen Wohnkammer, deren ZugangSröhrcn er wohl verstopft hat, zusammengekugelt, wie schein» tot. Bei milderem Wetter erwacht er uns steinet seiner Speisekammer, die mehr denn zehn Kilo der vcrswiedensten Feldfrüchte birgt, einen längeren Besuch ab, um dann den Schlaf fortzusetzen. Meister Grimbart, der Dachs, geht erst im späten November zur Ruhe. In seinem reinlichen Kessel, der mit Moos ausgepolstert ist, ruht er, den Kopf so zwischen die Beine gedrückt, daß die Stirn den Boden berührt, und schläft tagelang ununterbrochen. Daß er sich während des Winter» daö Fett aussauge, ist ein oller Jägerglaube, wohl aber lebt er von dem Fett, das sich zur Zeit der guten Tage in seinem Körper ansammelte. In milden Wintern nimmt er Nahrung zu fich, indem er von den eingeheimsten Vorräten lebt, auch wohl den Bau verläßt, um sich draußen nach Nahrung umzutun. Der Igel hat sich schon in, Herbst ein geschütztes Heim bereitet, das er sorgsam mit Laub und Moos auspolsterte. Während des Winterschlafes sinkt seine Temperatur allmählich auf Null. Ob- wohl sein Wintrrschlas sehr fest ist. wird er bei gelinder Temperarur doch unterbrochen, wie das Tier audererieits bei zu strenger Kälte erfrieren kann. Auch die zierliche Haselmaus verschläst zu einem Knäuel zusammengerollt in Baumlöitienr oder unter Baumwurzeln in einem weichen warmen Nestchen den Winter. Den Rekord im Winterschlaf leistet aber ihre Cousine, die große Haselmaus, die mit kurzen Unterbrechungen sieben Monate zu ichlasen vermag, weshalb der Volksmund sie mit dem Namen„Siebenschläfer" belegt hat. Unsere Fledermäuse verschlafen gleichfalls den Wmter. Im Herbst tun sich die Tierchen zusammen, um ein besonders warmeS und geschütztes Winterquartier zu beziehen. Man findet dann an solcben Stellen wohl hundert'und mehr Stück kopfabwärls hängend. Mancbe Arten schlafe» ununterbrochen, während andere an warmen Winterragen erwachen und sich ins Freie wagen. Blurumlaus und Atmung sind während des Schlafes ungemein verlangsamt, denn bei starker Erstarrung erfolgt nur innerhalb dreier Minuten «in Pulsschlag. Daß sich zur Zeit der ersten Nebel die Schwalben im Geröhr der Seen und Teiche sammeln und wie auf ein gegebenes Zeichen kopfüber ins Wasser stürzen, um, in den Schlamm eingewühlt, die kalte Jahreszeit zu verbringen, ist ein alter Aberglaube/ Es mehren sich aber die Fälle von Jahr zu Jahr, daß man in Erd- und Mauer- löchern, in Felsenritzen und Baumlöchcrn, in Starkästen und unter Dachrändern Schwalben im lethargischen Zustande fand, die ge- gebenensalls, d. h. unter Einfluß der erforderlichen Wärme, auch wieder flugfroh wurden. Die Wissenschast steht den„überwinternden Schwalben" immer noch skeptisch gegenüber, da sie sich nur auf ein umfangreiches Material und durchaus zuverlässige Beobachtung stützen kann. Nnsere Amphibien und Reptilien find durchweg Winterschläfer, Schlangen, Eidechsen, Frösche und Kröten werden schon bei wenig Lust- wärme träge und fallen bei noch geringerer Temperatur in Starrsucht. Da sich ihre Körperwärme nicht nur in den verschiedenen Jahreszeiten, sondern überhaupt bei Witterungswechsel ändert, werden sie jetzt richtiger„wechselwarme" anstatt kaltblütige Tiere genannt. Selbst einige Fische, wie Aal und Karpfen, verbringen den Winter auf dem Grunds der Gewäsier oder im Schlamme in einer Art Lethargie. Außerordentlich groß ist die Zahl der Winterschläfer unter den Insekten. Vielleicht die meisten Arten dieser Tierklafie überleben den Winter in der leisesten Form des Lebens, im Eizustande. Auffallender- weise vermag in vielen Fällen der LebenSkeim mehr zu ertragen als der entwickelte Organismus. Pflanzensamen und Jnsekteneicr halten unbeschädigt Temperaturen auS, denen die aus ihnen hervor- gehenden Pflanzen und Tiere unter allen Umständen erliegen würden. DaS erstarrte Insekt äußert keine Empfindung, bringt man eS jedoch ins warme Zimmer, so erwacht eS rasch wieder zu Leben und Bewegung. Die meisten Schläfer unter den Kerfen versorgen sich für den Winter mit trefflichen Betlchen unter Baumrinde, im Holze hohler Bäume, in, Moose, in Erdlöchern, unter Steinen und Geroll. Deckt man im Herbst am Feldrain oder Waldrandc einen glatt ansliegenden Stein auf, so findet man Schläfer aus den der- schiedensten Ordnungen dicht neben einander. Wafferkäfer frieren nicht selten in ihren Tümpeln ein, ohne daß es ihnen schadet. Manche Schmetterlinge benutzen im Glückssalle eine Höhle, ein Eckchcn in der Scheune, auf dem Bodenraum, im Gartenhaus usw. zur Ueberwiiiterung. Sie sind es dann, die an milden Märztagen als„FrühlingSberolde" fliegen und als„RcdaklionS- schmetterlinge"«in stehendes Rubrum in der Tagespreise bilden. Manche SchmetterlingSraupen, besonders die der Spinner, schmiegen sich bei eintretendem Frost fest an die Zweige ihrer Nährpflanze. Sie werden steif, daß«tan sie zerbrechen könnte, gehen aber doch nicht ein, sondern setzen in, Frübjahr ihr Wachstun, fort, denn beim Ein- tritt des WinierS waren sie erst halb erwachsen. Gewisie Schncckenarten verbergen sich nicht wie die meisten ihrer Schwestern unter Steinen und Moos, sonder» verschließen ihr Häuschen luft- dicht mit einem Deckel. Im Herbst scheidet ihr Körper ein Kalk- plättchen oder eine mit Kalk durchsetzle Schleimhaut ans, die die Oeffnung des Gehäuses so gut verschließt, wie die passendste Tür den Wohnraum. Endlich verbringe» fast alle niederen Tiere, die im Wasser oder in der Erde leben, mit nur wenigen Ausnahmen den Winter im Scheintode Winterflüchtlinge sind die Vögel. Viele von ihnen find Vegetarier. Die Kälte aber bat die einjährigen Pflanzen vernichte, und die ausdauernden in einen Winterschlaf ver- fallen lassen. Die Samen sind ausgestreut und der Mangel an Nahrung trieb die Vögel zum Wandern. Die Strich- Vögel vertauschen die rauheren Lagen ihres Wohngebietes mit milderen. Sie kommen aus den Wäldern in die Alleen der Land- straßen und in die Obstgärten, wo sie sich in größeren und kleineren Trupps zigeunermäßig herumtreiben, manchmal traurig, manchmal guter Dinge, zumal wenn ihnen mitleidige Menschenhände einen Futterplatz hergerichtet haben. Die Zugvögel verlassen nicht nur ihr engeres Wobngebiet. sondern auch ihr große? Vaterland. Auch reisen sie nicht in Tagesmärschen, wie es die Strichvögel tun, sondern in Eilmärschen. Wenn man einen in Keilform geordneten Zug von Saatgänsen und Kranichen dahinsauien sieht, wird man un- willkürlich an die Eiseiibahnrcisenden eriimert, die fich im Bahiibofsrestaurant fast ebenso hastig und ängstlich er- quicken wie die Saatgänse nachts auf einem schneefreien Saatfeld. Während die Sänger der heimiichen Fluren nnS Verlanen, stellen sich nordische Flüchtlinge ein, die den deutschen Winter dem ihrer Heimat gegenüber niild finden. Manche dieser nordischen Wanderer ericheinen regelmäßig, so die Misteldrossel und der Berg- sink; andere, wie der Leinfink, kommen in manchen Jahren in nur kleinen Schwärmen an. während sie in anderen scharenweise er- icheinen; dritte stellen sich nur iu strengste» Wintern bei u»S ein. Zu ihnen gehören neben verschiedenen seltenen Enienarten des hohen Nordens der Sporenammer und der farbenprächtige Seidenschwanz. Den Bewohnern der unwirtlichen nördlichen Breilcn mögen unsere verödeten Fluren noch schön iind angenehm genug erscheinen. Mancher Feinschmecker unter ihnen lernt sich zur Winterszeit an einsachcr Kost genügen. Die Beeren der Eberesche, die trotz ihrer lockenden Farbe von vielen Vogelarten bis jetzt unbeachtet blieben, werden zurzeit eifrigst abgepickt. Der Rabe wird zum Fischer und watet in de» Vach, Muscheln zu suchen, deren Schalen er mit kräftigen Schnabelhieben zertrümmert, um die Bewohnerinnen zu verzehren. Außer Winter'chläfern und Flüchtlingen gehören unserer heimischen Fauna endlich solche Tiere an, die vor dem Winicr weder dumpf erstarren noch mullos fliehen, vielmehr seinen Beschwerden und Leiden standhaft Troy bieten. Diese Tiere sind nnsere Winter- Helden. Als ersten unter ihnen möchten ivir Meister Lampe nennen. Mühsam sucht er seine Nahrung, die häufig genug aus wenigen dürren, die Schneedecke überragenden Hälmchcn oder bitteren Baumrinden bestebt, um sich dann unter einen Busch zu verkriechen. Meist hat er sein Lager so eingerichtet, daß der Wind darüber hinwegstreicht; oft ist es ganz in Scbnee gescharrt. Hier verschläft er manche bitterlalte Nackt. Das Eickböriicken dagegen ruht wohlgeborgen in seinem WinierhauS, dessen Tür eö gegen den Wind vericklicßt. Werden die Tage milder, so besucht es seine Vorratskammern, die in Baumlöchern, hohlen Bäumen, im Wurzelwert angelegt und bereit» zur Zeit der Ernte mit Früchten aller Art reichlich beschickt worden sind. Die Feldmaus bahnt sich unter Ei» und Schnee Gänge, um junge Saat zu schmausen oder Bäume zu benagen, hält wohl auck in menschlichen Siedlungen Einkehr. Die Waldmaus geht selbst auf der Schncevecke ihrer Nahrung nach, die jetzt namentlich auS der Rinde junger Baum- stämmchen besteht. Der Maulwurf hat einen schwere» Stand. Seine Beutelicre haben fich tiefer in der Erde verzogen, also muß er seine Bergmannstätigkeit in tieferen Lagen ausführen. Auch er legt Vorralsuiagazine an. in denen man nicht tote, sondern durch Biß- wunden am Weiterkriechen verhinderte Regenwürmer z» Dutzenden gefunden hat. Alle unsere kleinen Raubtiere, vom Wiesel bis zum FuchS, werden in den beutearmen Tagen ver- wegener und auch die Räuber im Fedcrkleid werden dreister. Für das Rot- und Schwarzwild sorgt der hegende Jäger. Wo aber ein bloßer„Schießer" Jagdherr ist, da sieht eS in schneereichen Wintern für diese Zierden unserer Wälder traurig aus, fast trauriger denn je. beim das kläglich dahin vegetierende Wild fällt dem beute- gierigen Fuchs und revierenden Kötern nur zu leicht zum Opfer, da e» a»S Schwäche der Gefabr sich nicht entziehen kann und aus diesem Grunde auch vom erbärmlichsten Sonntagsjäger niedergeknallt werden kann. Gleich den Säugern werden auch die Vögel im Winter kecker und nähern sich den Wohnungen der Menschen. Goldammer. Haubenlerche und Rabe leien vor Scheuern und Ställen allerhand Ab'älle auf. Selbst der leider immer sellener werdende Schtvarrzspecht scheut sich nicht, in die Dörfer zu kommen und die Lchmiväiide zu untersiichen. Sonderbar ober ist eS, daß Arten derselben Gattung, ja Individuen derselben Art, im Winter sich grundverschieden verhalten. Der HanLsperling ist ein Standvogel, der immer Mittel und Wege finde», sick durchzuschlagen. Der Feldfperling ist ein Strichvogel, doch bleiben stets einige Individuen der Heimat treu. während das Gros wandert. Die Buchfinken verlassen uns während des Winters, doch bleiben stets einige Männchen zurück. Man lagt, es seien Junggeselle». Sind die alter Hagestolze zu träge, die Reise anzutreten, bauen sie aus die Mildtätigkeit der Menschen oder meinen sie, daß die Sorge ihrer abreisenden Genossen vor dem Winter nur ein Vorurteil sei? Wer will es ergründen? Die tapfersten Wintcrheldcn dcS Waldes sind die kleinsten uiiter den Vögeln, Goldhähnchen und Meisen, die den Nadelwald beleben. und die Zauillvnige, welche mehr in Hecken ihr Wesen haben. Nie KeN man sie traurig und verzagt hocken, wie stlra den Goldammer. immer find sie in Bewegzmg. Wie diese Jnsekteiifrefier im Winter idr Leben friste», bleibt eine offen« Frage; jedenfalls werden sie Sämereien nicht von sich weisen dürfen. Such das Rotkehlchen ist ein Winterheld, den selbst klingender Kr«st nicht hindert, sein Sied che» in den winterlichen Bald hinein zu fingen. Alle diese kleinen Helden werden aber übertreffen von dein Kreuzschirabel. der während der „gwatsten" seine Flitterwochen feiert. Unter eine« wagerrchien Ast steht das kunstvolle RestSe», m dem Frau Kreuzschnabel geiegnete» Wochenbett hält, und bei der eisigsten Kälte singe« die Männlden, dast der Wald widerhallt. Die Kahrung gebt dem immerfröblichen Völkchen iticht aus, denn die Nadelholzzapfen bergen der öligen Samen genug und reichliches Fett im Körper schützt den Bogel vor Frost— wie der Lebertran den Eskimo. Lln höchster Stelle mrter d« Winterheldeti steben die Tiere, die sich m der bösen Zeit nicht nur behelfen so gut eS eben geben mag. sondern in den fetten Zerre« für die mageren Tage gesorgt baben, die Wintersparer. ES grbt deren allerdings nur wenige: kein Vogel ge« hört zu ihnen. Die einzige Aeusternng von Svortrieb, die man bei Vögel» gelegentlich beobachtet, destebr darin, dost Eichelheher, Spechte und Baum- länfer Eicheln und andere Samen in d»e Borke von Bä innen klemmten. um sie gelegentlich zu verzehren, d. h. in de« Tagen, wo es noch Nahrung für sie in Hülle und Fülle gab. Bon den Säugetieren ge- hören die Nager zu den Gimersparern. Der aufmerksame, die Natur bclau'chende Waldspaziergänger wird im Frühjahr des öfteren i» hohlen Bäumen Vorräte von Eicheln, Bnibeckttn. Hasel- itüsien und dergleichen finden— vergessene Sveiiemagazme deS Eichborns. Der edelste Wintersparer, der in gemeinsamer Arbeil mit den Genoffeit Erstaunliches leistet, ist ei» Imekt, die Biene. Kein anderes Kerbtier sammelt für den Winter. Ameisen, Wespen und Hummeln, die im Sommer zu Neste trogen, sterben im Herbst oder verbringen den Winter in einem lethargischen Zustand«. Die Biene dagegen versorgt sich so gut, daß sie, wenn der Imker die Plünderung nicht m gründlich vornimmt, ihr gute» Auskommen hat. Sie lebt äusterst sparsam und soll nach angestellten Beobachtungen während deS Ueberflnffes nur die Hälfte von den, verzehren, was sie einträgt. Such hallen die Bienen keinen Winterschlaf. Der in einen gesunden, volkreichen Stock gebrachte Thermometer zeigte bei 0 Grad Luft- temperawr-f» 30 Grad C. im Korbe. Stellt sich gelinde» Wetter ein, dann wird der Appetit der Bienen reger. Lockt die Sonne, so wagen sie einen Flug ins Freie, um die blühenden Haselbüsche und Seidel- baftsträucher zu besuchen, fallen aber häufig erstarrt zu Boden und büßen ihre Arbeitslust mit dem Leben. Ueberblicken wir noch einmal daS Verhalten der einheiimschen Tierwelt dem Winter gegenüber, fo finden wir. daß die Tiere sich gena» so zu wehren suchen wie der Mensch. Dem apathischen Menschen, der seine Leiden stumpffinnig erträgt, entspricht der Winter- schläfer. dem ängstlichen, der der Gefahr ausweicht, ähnelt der Winterflüchtling. dem mutigen, der dem Schicksal gefaßt entgegen sieht, gleichen die Winterhelden. kleines femUeton. Archäologisches. Von Dr. Steins Forschungsreisen ln Zentral- osien erstattet der Gelehrte selbst emen ausführlichen Bericht, dessen erster Teil in der„Umschau" erschienen ist. Bereits auf seiner Reise tSOO/vl Ivar er bei Grabungen im Süden der TaNamakan- Wüste atff die Ruinen alter Wohnstätten mrd Tempel gestoßen, die seit langen Jahrhunderten in ihrem Sondgrabe wohldewahrt schlummerten und völlig neue? Licht auf eine interessante alte Kultur warfen. Eine reiche Zivilisation, aus indiicken, chinesischen und antik-Naisischen Einflöffe» geboren, hatte einst in dieien Oasen des Tarimbeckens geblüht: davon gaben prächtige Skulpturen und Malereien, Reste alter Mauern und Bewäfierungskanäle Zeugnis. Im April 1906 brach nun Stein zu einer neuen Reife auf, um diese Stätten ergebnisreicher Arbeit weiter zu durchforschen. Sein Weg führte ihn vom Fort Chakdarra zunächst durch Gebiete, die einst den SiegeSzug ÄleranderS gesehen hatten»md in denen zahlreiche Ruinen auS buddhistischer Zeit sich erheben. Die archäologische Kampagne in der Wüste begann mit der Nntersuckuiig der Trüminerstätlen nördlich von Hanguya-Kanton. Eine Reibe schöner Stuckreliefs. die einem buddhistilchen Tempel aus dem fünften bis sechsten Jabr- hundert n. Chr. entstammten, wurden geborgen Sehr zahlreich waren die beschriebenen Holztäfelchen und Handschriften in Sanskrit, Ehinefisch, Tibetisch und der unbekannten alten Sprache Kdotans. die aus den Schutthaufen der zerstörten Tempelruinen ans Licht traten. Kunstftil und Müszfunde wiesen deutlich auf die ztveite Hält« des achten Jahrhunderts n. Chr. als die Zett. zu der diese Siedeiungen verlassen wurden. Weil älter war ein anderer Ruinen- Platz, mehrere Togemärsche jenseits des PuntreS. wo der Niyafluß im Wiisteniande versiegt. Hier stieß man in fast jedem der aus- gegrabenen Häuser auf Sckriftsunde, schön gearbeitete rechteckige hölzerne Täfelchen mit genau passenden, als Umschlag dienenden Deckstücken, wie sie für die amtlichen Dokumente gebraucht wurden, dann auf keilförmigen Doppelräfeicken fiir halboffizielle Korrespondenz und auf einfache Vrelichen für Aufzeichnungen, alles in indischer Schrift und Sprache, die die letzten Bewohner um die Mitte de» drliten Jahrhimdert« n. Chr. al«..Makula mr" zurückgelassen hatten. Ein besonders reicher Fund an ollen Dokumenten glückte in dem Haus« eines höheren Beainten. in dem man in einem geheimen Versteck eine Menge von noch im» eröffneten, mit völlig intakten Tonnegeln und lllnschnürunge»»er- fetzenen Schrittstücken entveckte. Die Siegel zeigte« zumeist Abtrücke nach antiken Tetnmen. Nach dielen ergebnisreiche« Arbeiten wurde eine Expedition zu den von Sven Hedia int Jahre 1900 entdeckten Ruiitenstänea nördlich von Lop-nor unternommen. In der waffer- losen Wüste, bei dem eifige» Rordostwind«ind der Kälte von über IS Grad Celsius war die Reise ei» schwieriges Bv- ginnen, denn die Arbeiter mußte« fünf Wochen lang in der öde» Wüst« Nahrung und Trank erhallen. Das notwendige Wasser wurde in Form von Eis mirgeführr. Die Nachgrabungen in den Banrestea der verichiedenen Ruinr.rgruppen lohnten aber reichlich die Mühe. Sogar im äußersten Osten des Tarimbeckens hatte sich eine imps« fanre Kultur und Kunst entwickelt: die arSttektonifide» und kunstgewerblichen Arbeiten zeigen deutlich jenen gräko-buddhifti- fchen Krniiistil, der im nordwestlichen Indien mirer dem Einfluß der Antike in den letzten Jahrhunderte« vor und in den ersten Jahr» Hunderten noch Christi geblüht hat. So weit auch da? Lop-nor» Gebiet von Kderan emfernt ist, so hat doch der indische Einfluß bis hierhin sich erstreckt. DaS erwiesen auch Dokumente in indischer Schrift und Sprache, die neben chinesischen Schriftstücken gesunden wurden. Buch diese Stätten sich etwa m der zweite« Hälfte deS dritten nackchristlichen Jahrhunderts von ihren Beivohner» verlassen worden. End« des JahreS 1906 waren hier die Arbeiten beendet. Die Kälte war bis auf 27 Grad Celfiu» gestiegen. In dieser schreckliche» Witterung wurde nach höchst beschwerlichen achttägigem Manch daS verfallen« Fort Miran mit seinen umliegenden Ruinen durchforscht. Außer zablreichen Doknr.ieiiten zur tibetanischen Geschickt« wurde» in den Stvuttbügeln der buddhistischen Tempel zahlreiche Kimstwerke uu-gefunden, so TorsoS kolossaler sitzender Buddhastawen und Herr» liche, ivenn auch schiver beschädigte WandfteSken. die in Auffassung und Behandlung so ausgeprägten westlich- klaipichen Stil zeigten, daß man vor ihnen eher an den Sckunuck einer römischen Villa Klein» afiens, als an de» eine« BuddhoheiligtumS an der Westgrenze deS eigentlichen Chinas denke» mochte. Bon den Fresken wurde ein großer Teil abgelöst und mitgenommen. Aus einem uralten, ooch vo» Marco Polo erwähnten Wüstrnweg zog dann dieKarawane der Tunbnang- Oase z». die an der Westgrenze der chineiilche« Provinz Kansu liegt. Fünf Tagemäriche von ihr entfernt stieß Stem zmn erstemnal auf ver» 'allene Wachtlürme und entdeck» bald auch Spuren einer sie ver» bindeitden Mauer. Ein sehr alles Bauwert war entdeckt, ein riesiger Grenzivall, der in Zweck und Anlag« der noch heule bestehende» .Großen Mauer" au der Naningrenz« entsprach. Der Grenzwall wurde nun in der noch winterlichen Wüste eingebend untersucht. In Abständen von 3— 5 Kilometern erhoben sich die massiven Wacht» türme mit den bescheidenen Stationen für die Posten. Aus zahlreich gefundenen chinesischen Schriftstücken ging hervor, daß die Erbauung dieses Brenzwalles am End« des 2. Jahrhunderts v. Chr. erfolgte. Die chinesische» Schriftstücke, von denen gegen 2000 gesunde» wurden� find weil aller al» irgend welche anderen bis jetzt in Zenlrakosie» oder China gesundeneu Originaldobuneiite und gebe» ein anschau- liches Bild vom Lebe» dieser in der Büste wache haltenden, alte» chinesischen Besatzimgeu. Hygienisches. Bleifreie Töpferwaren. Wenn von dem Heer der Berufskrankheiten gesprochen wird, so hört man am häusigsten und meisten von der Bteikraukbeil. Sie ist so heimtückisch und folgen« schwer, obgleich sie da§ Leben des Betroffenen nicht unmittelbar gefährdet, und außerdem so weit in die verschiedensten Zweige vou Industrie und Gewerbe verbreitet, daß ihre Erforschung tind Be- kämpfung dauernd die größte Aufmerksamkeit ersordert. Am beste» wäre es. man könnte das Blei überhaupt gänzlich loS werden und darauf richten sich auch vielfach die Bestrebungen, wenn auch vorerst im einzelnen. Einen wichtigen Schritt in dieser Richtung würde es bedeuten, wenn mau zur Herstellung der Glasur aufPorzellan und andere» irdenen Töpferwaren die Beimischung von Blei nicht mehr benötige» würde, und dies Ziel scheim jetzt erreicht zu sein. I» der Caxton-Hall i» Wcstmmster hat Ende November eine AuSstellnug stattgcjunden, ftr der bleiloie glasierte Töpfereien vorgeführt wurden. Wenn auch eine solche Ausstellung nicht alle» zu betveisen vermag, vor allem mit Bezug auf die Haltbarkeit der Ware, so hat sie wenigstens gezeigt. daß die Benutzung von Blei in der Töpferei aus SchöuhcitS» rückfichten nickt notwendig ist. und damit ist schon viel gewonnen. Man kann erwarten, daß im Publikum jetzt häusiger Versuche mit Geräten dieser Art genutcht werden. Die neue Industrie� die zu_ einem großen Segen für die Gesundheft der Arbeiter in tolckien Betrieben werden kann, hat bereits eine achtenswerte Vielieitizkeft gewoimen. Die Ausstellung zeigte diele Geräte für Dich und Toilette von den billigsten bis zu den feinsten Mustern, darur Proben von Ziertöpferei und Porzellan, künstlerisch ousgeführte Tonziegel, Küchengeräte und viele Waren, die für die Gesundheitspflege in Frage kommen. UebrigenS war die Leitung der Ausstellung auch bemüht, den Besuchein Beweise ftir die Haltbarkeil der bleilosen Ware zu geben, und es waren auch Stück« Vorhände», die bereits eine beträchtliche Zeit in Gebrauch gewefea waren. Skranttv. Redakteur: Richard Barth, Berlin.— Druck u. Verlag: BorwärtS Buchdruckerei«.Lerleg, anstatt Paul Siugcr ÄTo.. Berlin L W.