Nnterhallungsklatt des vorwärts Nr. 239. Donnerstag den 9 Dezember 1909 (Nachdruck Verbole-.) 8] 'Cobclvolh. Eine Dorfgeschichte von Paul I l g. I Als Elsbeth nach einer Stunde reisefertig in die Türe trat, um dem Vater Adieu zu sagen.— er saß an seinem Sekretär im Amtszimmer— rief er ihr..für heute" nur ein wenig sarkastisch zu:..Ich laß sie denn grüßen— die Gritta. Sag' ihr. ich hätte nächstens auch etwas mit ihr zu besprechen!" Mehr brauchte es nicht. Das stattliche, vom Kopf zum Fuß reich und geschmackvoll gekleidete Fräulein drückte schnell den Muff ins Gesicht, um ihren Schreck zu verbergen. „Ich will's ausrichten!" sagte sie verstört und verschwand wie der Blitz. Welch ein saltsamer Reisesegen I Elsbeth trug schwer daran. Es war so ein vielwissender, halb höhni- scher, halb warnender Ton, der sie noch lange verfolgte und ihr eingab:„Gib acht, das nimmt kein fröhliches Endel" Nur nicht weiter darüber nachdenken I Erst aus der Hälfte des Weges ztzm Bahnhof siegte die Freude über das Wieder- sehen mit Heinrich. Zuletzt drang ihr der kalt leuchtende Wintertag so aufheiternd ins Herz, als gälte es wieder ein- mal, alle zagen und traurigen Gefühle gründlich auszulüften. Früh war er heuer gekommen— der Winter. Und das hatte sich so zugetragen: an einem Novemberabend, sowie die Sonne nicht mehr im Wege stand, kam er mit heulenden Winden dahergestoben, zog einen dichten Vorhang zwischen das Firmament und die Erde und schüttete darauf eine ganze Wolke großflockigen Flaums über sie aus. „Sie gestatten, meine Dame!" sagte er ein bißchen zu- dringlich und tat. wie wenn er bestellt wäre.„Ich komme geradenwegs vom Nordpol. Und dies hier ist das Neueste, wenn ich bitten darf." Im Nu hatte er der Staunenden einen leichten, lockeren Mantel umgeworfen.„Achten Sie auf die Farbe. Es ist das Reinste vom Reinen. Die atmo- sphärischen Verhältnisse waren Heuer ganz besonders gut, und das Gewebe ist von einem Duft, Euer Gnaden—" „Ja... aber... Warum kommen Sie denn schon so früh?" hauchte die überraschte Schöne verwirrt, so daß der kalte Patron schier geschmolzen wäre vor Entzücken.„Es' sind ja noch volle vier Wochen bis zum kürzesten Tag!" Der Winter zuckte die Achseln wie einer, der sich auf höheren Ratschluß beruft und meinte sodann mit verbind- lichem Lächeln:„Es war übrigens höchste Zeit, meine Dame. Die Herbsttoilette— verzeihen Sie, wenn ich mir die Frei- heit nehme— aber wahrhaftig, sie sah doch schon sehr ver- tragen aus. Die gelben und roten Flitter alle abgefallen, das grüne Unterkleid ganz verblaßt, und was die herbstlichen Nebelschleier betrifft— die kann Ihnen meine Firma ent- schieden feiner und diskreter liefern!" „Was Sie sagen! Und glauben Sie, daß dieses Gewebe hält?" fragte die Erde, indem sie einen verschämten Blick auf den hellschimmernden weichen Mantel warf. „Gerade so lange, als es.Ihnen gefällt!" gab der schlaue Bursche zurück, denn er wußte genau, daß die Mutter Sonne kurzen Prozeß damit machen werde. Und richtig— Am nächsten Morgen gegen elfe— vorher konnte sie den dichten Nebel nicht durchdringen— machte die Sonne ein bedenklich schiefes Gesicht. Beinah wäre sie stehengeblieben vor Ungehaltenheit. „Das ist ja gegen jede Weltordnung, meine Liebe! Du weißt wohl nicht, was die Glocke geschlagen hat? Was, meinst Du, werden die armen Leute dazu sagen?" „Die haben sich nach mir zu richten und nicht umgekehrt!" erwiderte die Tochter erbost. Aber sie fühlte gleich, wie unter den stechenden mütterlichen Blicken die erste Winter- bescherung schnell wieder zu Wasser wurde. Einige Tage war die Erde ganz aufgelöst: sie schwamm ordentlich in Tränen. Aber in der achten Dezembcrnacht kam der Winter doch wieder ungerufen hereingeschneit. „Pst! Diesmal haben wir den Mond auf unserer Seite. Er wechselt gerade!" flüsterte er vergnügt und rieb sich die verfrorenen Hände.„Wenn das nicht, so weit Ihr Auge reicht, die beste Arbeit wird, so pfeif ich auf das ganze Sonnensystems" In dieser Nacht strahlte der Himmelsdom in eitel Glanz und Licht, eine eisige Kälte sank auf unseren Stern herab und verwandelte die hohe Schneedecke bald in einen Teppich von blitzenden Diamanten. Ter Rauhreif hüllte sorglicki jedeS Zweiglein ein, Flüsse und Teiche wurden eilig in durchsich» tiges Eis gepackt, und die Haut der Erde bekam laute» Beulen und Risse. „Was tut's— niemand kann es sehen!" philosophiert» sie nach Frauenart, und während ihre Glieder vor Kält« starrten, lächelte sie noch stolz, denn die strahlende Versamm» lung ihrer Brüder und Schwestern rückte immer näher und näher und zollte ihr ungeheuchelte Bewunderung.„Schöner kann es die Frau Venus auch nicht haben, und das ist be» kanntlich die herrlichste Erscheinung am ganzen Firmament!" sagte der Winter, aber da merkte er auch schon den argen Mißgriff und setzte schnell hinzu:„Nach Ihnen, versteht sich, nach Ihnen!" Jegliche Kreatur verkroch sich in ihren Schlupfwinkel, wo er am wärmsten war. Der Fuchs, im Begriff auf die Jagd zu gehen, hotte kaum den Kopf aus seiner Höhle ge» steckt, als ihm schon ein Eisbart um die freche, bissige Schnauze wuchs.„Was ist da zu tun?" überlegte er schlot- ternd und warf einen verzagten Blick zurück auf die trauliche Stelle, wo die Alte mit den Jungen verwachsen schien zu einem warmen Knäuel— dann wählte er wohlweislich das kleinere von zwei Uebeln und schlich mit grimmigen Ernährer- sorgen dem Hühnerstall des Bauern Matthias zu. Diesmal konnte die Sonne schon am Morgen in aller Frühe sehen, was sich in ihrer Abwesenheit begeben hatte. „Siehst du, das kommt alles nur von deiner schiefen Stellung zu mir!" rief sie im ersten Groll, aber schließlich, als sie das eitle, liliengleiche, prächtige, gesunde Kind näher ins Auge faßte, als sie die witzigen Schnurrpfeifereien und Kinkerlitzchen des Winters— die Eiszapfen, Schneehauben, Glasblumen usw. gewahrte, da mußte die Sonne selber lachen, und dies tat sie denn auch den lieben kurzen Tag, bis die ganze Welt widerhallte vom Schlittengeläut. Heinrich Anderegg stand schon lange am Bahnhof, als Elsbeth endlich an des Apothekers Hausecke zum Vorschein kam. Aber ihr entgegeneilen durfte er nicht, wie sehr es ihn trieb, weil sie nicht ins Gerede kommen wollte. Um so schneller flogen ihr seine Blicke zu. Sie hatte jenen freien, sorglosen Gang von Mädchen aus achtbaren Häusern, die mit dem Bewußtsein ihres Wertes ein gelassenes, gutherziges Wesen verbinden. Hochmut macht eckig, Eitelkeit geziert, und wer seiner selbst nicht sicher ist, wird bei den Blicken der anderen leicht ins Zappeln geraten. Das in der französischen Schweiz gemachte„Fräulein" Stadler hatte in Haldenstei» und Umgebung keine Rivalin, die ihr nach Schönheit und Besitz den Rang streitig machte. Die Grubmüllers Tochter war vielleicht eine reichere Partie, aber ungebildet, dauern» stolz: des Doktors Malwine hinwceder hatte die Blütezeit schon hinter sich und konnte Elsbeth erst recht nicht gefährlich werden. Wer von den jungen Männern, die sie kannten, begehrte sie nicht? Heinrich erschrak, wohl öfters aus Angst als aus Freude. wenn ihm alle Vorzüge seiner Geliebten zugleich vor die Seele traten. ,.Wär' ich nur zwei Jahre weiter, so brauchte mir darum nicht bang zu sein!" dachte er dann, denn er wußte sehr gut, daß sein verborgener innerer Wert der Welt noch lange nicht als Aequivalent für Elsbeth Stadlers große sichtbare Gaben erscheinen werde. Auch jetzt mußte er erst wieder langsam an ihr emporwachsen, Gewißheit aus ihren treuen Augen holen, ehe diese Beklemmung wich. Sie begrüßten sich nach Abrede fast steif, als seien sie nie aneinander warm geworden, und sprachen vernehmlich über gleichgültige Dinge. Heute wollre es jedoch ein schnöder Zufall, daß sich der spaßhafte Ortsvor- steher zu ihnen gesellte. „Wohin, wohin in der Kälte?" erkundigte sich der wackelnde Mann mit listig blinzelnden Aeuglein. Der Schnee knirschte wie vor Schmerz unter seinen plumpen Tritten. „Wollt Ihr zusammen die Aussteuer kaufen?" Dazu schüttelte er beiden die Hand wie ein heuchlerischer Gratulant. ..Getroffen! Und morgen kommen wir dann zu Ihnen zum Aufbieten, wenn's dem Fräulein Braut recht ist!" parierte Heinrich gewandt, denn der Vorsteher war zugleich Zivilstandesbeamter. Elsbeth faird nicht fo schnell den verwegenen Spott- vogelton. Sie wurde immer gleich feuerrot. ,£). ich kann schon noch eine Weile warten!" sagte sie fast beleidigt und guckte bolzgerade in die Luft, wo nicht ein Deut zu sehen war. Der ungebetene Gast hingegen dachte: „Echan, schau! Da bin ich ja richtig jemandem auf die Hühneraugen getreten! Wohl bekomms!" Er stellte noch einige anzügliche Fragen. Ob denn heutzutag die Dichterei ihren Mann so gut ernähre? Früher hätten doch dieser Gattung Leute am Hungertuch nagen müssen! Worauf Heinrich ein bißchen gesalzen zur Antwort gab:„Ja. die Welt hinter Haldenstein sänge allmählich an. der großmächtigen Dummheit den Gehorsam zu venoeigern. Es sei draußen schon gar nicht mehr gefährlich, sich ohne ihre Kokarde sehen zu lassen!" Zum Glück für die beiden kam gerade des Vorstehers Zug angedampft; er fuhr nach der anderen Seite. Doch konnte er's nicht unterlassen, im Ab- gehen dem Stationschef zu winken, indem er mit dem Daumen zurück auf das entpuppte Pärchen wies:„Wenn man doch auch noch einmal so jung und so nahe dran wäre!" tFortseymig folgt.) (Nachdruck MtBoltn.} Von der deutfehen Trunk fu cht, Rür die Völlerei der Deuticken. die vom IS. Jahrhundert ab immer offenkundiger wurde und sich in den teiU verachlenden, teil« entrüsteten Berichien ausländ»' cher Reisenden spiegelt, gibt Paul Frauenstädt im.Ärlhiv für Kullurgeswichi«- unter dem Tnel.Alt« deutscher Durst im Spiegel des Auslandes" interessante Belege. Der Engländer Morysvn, dessen Reisetagebuch l6l7 erschien, bat in den Jadren 1591 und 1592 Teniichland gründlich kennen gelernt. Zur Frühjahrs« und Herbjrzeit unternahm er Reisen, im Sommer und Wimer studierte er in Wittenberg, Leipzig und Heidelberg. Die Ausnihrlichkeit, mit der Moryion die Trmksitren schildert, bewett't, ebenso wie die Unparteilichkcii seines allgemeinen Urteils über die Deutschen, daß er seine Beobachtungen sehr sorgtältig und gründ« lich angestellt hat. Er schildert z. B. folgendermaßen die allgemeine Trunksucht: »Wenn die Stadttore geschloffen werden, und die Leute, die in den Vorstädten wohnen, hinausgehen, taumeln fie von einer Seite zur andern, stolpern, fallen in den Kot und spreizen die Beine, als sollte zwischen diesen ein Wagen durchfahren. Kommen sie dann wieder auf dir Füße, so renne» sie an jeden Pfosten, Pieiler und des Weges Kommenden an. Selbst die Stadttore scheinen für fie nicht weil genug, ausgenommen, die Mauern würden niedergerissen.... Die reicheren Leute suchen zwar ihre Unmäßigkeit meistens zu ver- heimlichen, indem fie sich zu Haui'e hallen, dagegen gibt der gemeine Haufe täglich ein solches Schauspiel. Ich weiß nicht, was den Deutschen die Gesellschaft von Trunkenbolden so anztebend macht, da niemand sich durch andere Elgeilichaften so viel Freunde machen kann als gerade damit, so daß. loeun jemand gern gesehen iein will oder ihre Sprache zu erlernen wüntcht. er sich bis zu einem gewissen Grade im Trinken üben muß. Wenn fie beim Trunk fitzen und eS kommt jemand ins Zimmer, sei es auch ein Fremder oder ein Ausländer, so beschwören fie ihn bei dem Bande der Freundschaft, bei seines Vaiers Adel, bei seiner Mutter Keuschheit, thnen Bescheid zu tun. und wenn das nicht Hilst, nötigen sie ihn dazu, indem sie ihm zurufen:.Kannst du nicht saufen und steffen, so kannst du keinem Herrn wohl dienen."— Jeder an, Tische be- grüßt ihn mit einem Becher, die er alle bis auf die Neige leeren muß. bevor er zu ihrer Gesellschaft zugelassen wird, so daß einem besser ist, unter seine Feinde mit Fechten als unter seine Freunde mit Trinken zu geraten. Sie sind am Zechtilche selten sehr lustig und redselig, sondern rufen nur zuweilen einander zu:.Seid fröhlich, trinkt aus!", und wie jeder Psalm mit einem Gloria, so endet jedes ihrer Gespräche mit ernem.Ich bring's euch, ich trinke euch zu I" AuS Scherz kneipen fie ihren nächsten Rachbar— und zwar ganz gehörig— in den Arm oder ins Bein, und das geht so weiter m der Runde herum." Unter den Trmkfinen. die Moryson erwähnt, sind auch diese: .Manchmal nehmen sie drei Gläser auf einmal, setzen jedes auf «inen Finger und trinken sie zu gleicher Zeit aus. Sie nennen dos .die Krönung des Kaisers". Sind sie recht lustig, i'o lassen sie ein Bierspiel loS, das.Knrlemurlebuff" beißt. Es besteht in der Be« rührung des Glases, des Buttes, des TiicheS, Pfiffen und Schnippen mit den Fingern nach bestimmten Regeln in einer so rasche», selt- samen Aufeinanderfolge, daß es eine Herlulesarbeit ist, den Be- wegungen zu folgen. Wer den geringsten Fehler macht, muß zur Strafe ernen vollen Humpen spenden." Oie Richtigkeit der Angaben Morylons beweist eine Sammlung der Triukregeln. die 161g als..Jus po'-andi oder Zechrecht" erschien. Ueber daS„Turl-Murl-Puff" heißt eS:»Da dann der Bart bald da bald dort gewifitiet, bald da und d»rt itzt mit den Füßen ge« tappet, bald mit den Fingen gcschnipfft, eins gepfiffen und sanften viel seltsame phantaitiiche Possen gebrauchet werden". Eigentümlich ist die Wirtshaussitte, über die sich auch Erasmus von Rotterdam(1467—1536) schon beschwerte, daß alles, wa» die Gäste gegessen und getrunken haben, zusammengerechnet und der Betrag dann zu gleichen Teilen von allen bezahlt werden mußte. Zu Moryions Zeiten wurde zwar nicht mehr die ganze Zeche, aber doch olles Getränk, daS nach Entfernung des Tischtuches genossen wurde, in jener Weis« gemeinsam bezahlt. Nur wer sofort zu Bett ging, war stei. Für die m Deut'ch« land reisenden Ausländer war diese Sitte recht teuer, da fie. selbst wenn sie gewollt häileii, es mit den Deutschen nicht enlfemt im Trinken aufnehmen konnten. 1565 er'chien ein.Sendbrief an die vollen Brüder", eine der vielen Streitichristen gegen den Saufteufel, worin erzählt wird, dnß man aus Schüsseln. Töpfen, Kä'enäpfen, Waichbeiken, Hand- fänern, Fischpfannen, Hüten und Schuhen trinke.»ES üben solches Lasier jetzund nicht allein die Maniispersonen, sondern auch die Weider, nicht ollein die Alten, sondern auch die jungen Kinder, die können allbereit einander ein halbes zutrinken. Die Eltern lehrenS auch wohl ihre Kmdkr. Nun. laß sehen, spricht der Bater zum Söhnlein, was du kannst. Bring ihm ein halbes oder ganzes." .Ein Lied wider das Bollsaufen und Trunkenheit, g«tru«kt zu Frankfurt am Main 1565' enthält die Strophe: »Die Weibesleut auch heben«n, Einander zuzutrinken, Volle und halbe wie die Mann, Mein Hertz will mir entfinken. Wenn ich bedenk die sünde schwer Und allen schaden, so folgt her AuS Uederfluß deS TrintenS." Bereits auf den Reichstagen zu Worms. Lindau und Freiburg (1495—1498) wurde über Maßregeln gegen da« Saufen beraten und 1512 beschloß der Reichstag mit Strafen einzuschreiten. Aber fie balien nichts. Mory'on knüpft an dies« Erlasse an:»Aber zeigt mir einen Fürsten, der vielem Laster nicht stöhnt und seine Hofleute deshalb strafen dürste. Sab ich doch mit eigenen Augen einen Herzog bei der BeerdigungSfeier sür einen seiner nächsten fürstlichen Vettern so hartnäckig tnnken, uin seinen Gram zu lindern, daß alle seine Sinne und Geister be- nebelt waren, und von vielen anderen anwesende» Fürsten meni'chensreundliche Stunde, c) das Manuskript ist sauber, sehr leierlich und honen geschrieben. X. ES ftöfet bei keinem Leier an. XI. ES»st im Gegenteil rührend harmlos. XU. Es hat keine Zeile zu viel oder zu wenig, sondern würde der untrüglichen Berechnung des Redakteurs nach in den noch� zu füllenden Raum der übernächsten Nummer der Monatsschrift paffen. XIII. Es wird io vorsichtig tu, gemahnt, daß man es für eine Aufforderung zur jahrelangen Prüfung halten könnte. XIV. XV. XVI. Der Schriftsteller bekommt die Nachricht, man wäre evenwell nicht abgeneigt,— aber vor allen Dingen Milderung einiger Stellen tFamilieupublikum) bei gleicher Zeilen- zahl, widrigenfalls— XVII. Der Schreck, als der Postbote den Brief von wohl- bekanntem Gewicht zückt, wirst den Schriftsteller auf ein notgedrungen kurzes Krankenlager. XVHL Der Pump zur Rücksendung gelingt merkwürdigerweise wiederum. XIX., XX., XXI— XXVII. Freundliche nunmehr eigenbändig auf die Redaktion ge'chleppte Mahnbriefe sowie drei eingehende Bitten um Vorschutz, mühevolle relephoiiische Anfragen bei Gelegenheit des Kaufes einer Füiifpfennigzigarre, wann endlich— XXV1LL Das Manuskript erscheint urplötzlich abgedruckt, wimmelt nach Ansicht de« Versaffers von den gröbsten sinnentstellenden und Druckfehlern, ist aber trotzdem geradez»— mit einem bescheidenen Ausdruck— bahnbrechend. XXIX. Der Schriftsteller erscheint in der nächsten Stunde mm- mehr in drohender Haltung auf der Redaktion. XXX. Erhält die Nachricht, datz das Honorar durch die Buch« halterei abgesandt werden würde. XXXI. Der Schriftsteller fährt a konto dieser Versicherung voller Hast, um den Mann mit dem Gelde nicht zu verfehlen, stolz mit der Stratzenbahn nach Hause, voller Verwunderung über die Leute, die ihre Geickäftswege niit der Bahn machen können. XXXH. Der dröhnende Schritt des Posiboten oder Klingeln in der entferntesten Ecke des Hauses treibt die Tropfen des Wahnsinns auf seine Stirn. XXXIll Da« Geld verspätet sich überhaupt und durch end- lichen HinauSwurf durch die Wirtin, die mit dem Mieter den Post- boten am Guckloch erwartet und endlich Täuschung argwöhnt, und postlagernde Nachsendung um ftinf Tage. XXXIV. Der Schriftsteller ist den, Hungertode nahe, er nächtigt im Asyl kür Obdachlose. XXXV. Das Honorar trifft nach täglich siebenmal vollendeter Nackfrage ein, die Zeile zu sechs statt zu zehn Pfennigen gerechnet, im Betrage von 7,66 M. Der Schriftsteller sagt: Immerhin— und bleibt Lpliniist. XXXVL Er kauft Brot, Butter und Backsteinkäse, um ein opulentes Diner im Freien zu halten'sowie fünf Bogen Papier, mietet mit einer Anzahlung von 2 M. eine neue Schlafstelle und begibt sich, durch den Erfolg angefeuert und angestachelt, un- gebrochen an die Abfassung eines neuen Manujkpripts. I. H. uiw. usw. wie vorher. Max Thielert. Meines feuilleton. Naturwissenschaftliches. Vom Kamps ums Dasein. Seit Darwin seine Lehre der natürlichen Auslese der am besten an die LebenSbedinguiigen angepatzlen Tierformcn verkündete, ist der.Kampf ums Daiein" zu einem heitz umstrittenen Schlagwon der Biologie(der Wissenschaft vom Leben) geworden. ES erscheint dem Laien so einleuchtend, datz die am vollkommensten ausgerüsteten Tiere auch die meisten Aus- sichten haben, im Daseinskämpfe obzusiegen, zur Farwflaiizung zu gelangen und so ihre Eigenschaften auf die Nachlommen zu übertragen, während schwächliche oder krantbafte Individuen vorzeitig zugrunde gehen. Selbst für zahlreiche For'cher bildet die zückterische Bedeutung des Kampfes ums Dasein keine Frage mehr, um deren Berechtigung man überbänpl noch ernstlich zu diskutiere» verantw. Redakteur: Richard Barth, Berlin.— Druck u. Verlag brauchte. Diese Zuversicht stützt sich jedoch leider nicht auf Tatsachen, ja eS würde den meisten„Darwiniaiiern" schwer, irgendwelche positiven Beobachtnngen anzugeben, die da» Neberleben der bester organisierten Individuen einer Art einwandfrei bewiesen. Dieser schwere Mangel hat denn auch zahlreiche Gelehrte zu der Behauptung geführt, datz es nitbt berechtigt wäre, dem Kampfe um die Existenz«neu auslesenden Wert zuzuschreiben, seine Rolle bt* stehe höchstens nur darin, offenbar minderwertige Individuen aus» zutilgen, von der Fortpflanzung auszuschließen und einer Art« Verschlechterung vorzubeugen. Aber selbst vor einer Ueberschätzung des.Eliminaiionsweries" wird gewarnt, da eine ganze Anzahl Beispiele aus der Natur dafür bekannt sind, datz sich selbst.Krüppel' mit hochgradige» pathologischen Veränderungen trotz des vorausgesetzten scharfen Weltstreites zu erhallen vermögen. So beschreibt der bekannte Münchener Zoologe A. P a u l h einen im Walchensee gefangenen Hecht, ein Tier von einem halben Meter Länge, das eine hochgradige Verkümmerung der Oberschnauze zeigt, als wäre diese zwei bis drei Zenlimeier hinter der Spitze abgehackt. Obwohl dem Tiere diese Verkrüppelung das Ergreifen der Beute sehr erickwerie, blieb es doch leben, bis ein Zufall es in das Netz der Fischer führte. Hofer erwähnt sogar einen zweisömmerigen Karpfen, besten Miindspalten vollständig verwatdien waren, so daß der Fisch seine Nahrung nur durch die Kiemenipalten aufzunehmen verniochie. Aus diesen paar Beispielen ersiebt man bereits, auf wie wenig gesichertem Boden diese Theorie steht und wie notwendig eine sorgfältige Nachprüfung ist, um die vielen berechtigten Bedenken zu widerlegen. Gerade wer von der Richtigkeit der Abstammungslehre überzeugt ist— und zu ihr bekennen sich ja heute alle ernsthaften Forscher— mutz das fordern, um nickt den Gegnern Schwächen zu zeigen, die sie nicht ungenutzt lasten würden. Es ist daher mit Freuden zu begrüßen, datz Davenport, wenn auch erst in bescheidenen Grenzen, eine experimentelle Klarlegung versucht hat. Eine Schar von 300 Kücken im Alter von fünf bis acht Wochen wurden ohne mütterlichen Schutz auf eine Wiese gelösten. Swon nach zwei Stunden waren 24 von Krähen getötet. Die zu dem Experi« menl verwandten Kücken waren zu 40 Proz. weiß, zu 40 Pioz. schwarz und der Rest von 20 Proz. baue eine fleckige bodenähnliche Färbung. Hätte nur der Aufall über den Tod entschieden, so müßten nach eiiüacher Wahrscheinlickkeitsrechiiung etwa 10 weiße, 10 schwarze und 5 gefleckte unier den getöteten gewesen sein. In Wahrheit fiel aber nur e i n geflecktes Kücken den Krähen zur Beule. Die bodenähnliche Zeich« nung war also offenbar eine nützliche Eigenschaft, die den Tieren das Entkommen erleichterte. Mau dürfte daher annehmen, datz in voller Freiheit die schwarzen und weißen Hühner allmählich gänzlich ausgerottet und nur die Tiere mit schützender Färbung überleben würden, die ihre nützlichen Artmerkmale dann weiter auf ihre Nachkommenschaft übertrügen. Einen anderen entfprechenden Versuch stellte Ces n o la mit braunen und grünen Gottes- anbelerinnen an. Die Heuschrecken wurden bei Neapel an einem frei siebenden grünen Strauche festgebunden. Da zeigte es sich denn nach einiger Zeit, datz wohl die braunen Gottes» anbelerinnen von den Vögeln geholt waren, die grünen dagegen ver» schont blieben. Tie beiden Expcrimcnle erscheinen anfangs vielleicht unbedeutend, und dock sind sie so ziemlich die ersten einwandfreien Belege für die auslesende, züchterische Kraft des Daseinskampfes. Th. Technisches. D i e gleislose Elektrische. Für die Umgegend von Bremen ist eine elektrische Oberleitungsbahn ohne Gleise geplant. Dieses Mittelding zwischen Stratzenbahn und Omnibus bedarf statt des einen Fahrdrahtes der Oberleitung ihrer zwei, da die Schienen zur Ableitiing und Rückleitung fehlen. Es ist den, Ingenieur Köhler gelungen, einen Slromabnebmer zu konstruieren, der auf den zwei etwa 20 Zentimeter übereinander liegenden Fahrdrähten schleift und dabei gestattet, datz der Wagen fünf bis zehn Meter von den Leitungsdrähten nach der Seite hin ausweicht. Bei geringen Längen» änderungen des Kabel«, bis zu zwei Metern, wirkt die patentierte Kadelichleife, bei größeren rollt doS Kabel von einer Trommel ab, auf die es sich auch wieder automatisch aufwickelt. Durch eine schnell lösbare Kuppelungsklemme wird die Anwendung von Weichen in der oberen Drahtanordnung vermieden: beim Begegnen zweier Wagen werden die Klemmkuppelungcn gelöst und die Stromabnehmer ausgetauscht. Die Wagen, ähnlich denen der Straßenbahn, sind au? Stahl, die Räder lausen aus Kugellagern, die Reifen, au den Hintorrädern je zwei, sind aus Bollgunimi. Dreierlei Bremsen seleklriiche, Hand- und Futzbremie) und ein Handrad zum Lenken, wie bei den Automobilen, und zwei Molore mit zusammen über 20 Pferdestärken, die dem besetzten Wagen über 20 Stundenkilometer gestatten, ergänzen die Ausrüstung. Der Vorzug dieser Erfindung besteht vor allem in der Rentabilität, denn es genügt der vierte Teil deS Anlagekapitals, da? zum Ausbau einer Schienenbahn, z. B. nach einem Vorort hinaus, erfordert wird. Benzinauiomobile haben sich wegen der vielen Reparaturen, der Gummikosten sinfolge deS hohen WagengewichtcS) und auS sonstigen Gründen auf derartigen Strecken, wie sie für die gleislose Ober» leitungsbahn in Frage kommen, nicht bewährt. Als weitere Vor» züge haben die auf einer Probestrecke angestellten Fahrübungcn er» geben: sanftes Anfahren, kein Schleudern, wie bei der Straßenbahn in den Kurven, und relative Geräuschlosigkeit. Borwar» Buchtruckerei».Verlag»anstatt Paul Singer ärEo.. Berlin SVL