Hlnterhaltungsblatt des vorwärts Nr. 241. Sonnabend den 11 Dezember 1909 IVZ �obelvolk. (Nachdruck vcrbote�l Eine Dorfgeschichte von V a u l I l g. Sie zog ihn geradezu mit sich fort. Kaum kannte er sie mehr, denn ausgelassen und selbstgewiß wie jetzt war sie noch nie gewesen! Gleich großartigen Käufern schritten sie dem belebten, wimmelnden Weihnachtsmarkt zu, sahen sich tausend wünschenswerte Dinge an, und jedes bedachte im stillen, womit es das andere zum Fest überraschen könnte. Der Marktplatz war voll von altersgrauen Bretterbuden. Gott, was gab es da für Ueberfluß! All das Spielzeug, die Berge von Honig- und Lebkuchen, der glänzende Flitterkram für die Christ- bäume— zuchel�fiir Augen und Ohren. Besonders hatte es Heinrich ein Filzjchuhstand angetan. Die vielen Bataillone stehender, hängender, aufgeschichteter— außen schwarzer, innen weißer— Studierpantoffeln nahmen ihn völlig ge- fangen. „Gott sei Dank, jetzt endlich weiß ich, was mir noch gefehlt hat zur Vollkommenheit!" sagte er zu seiner Be- gleiterin.„Da bin ich nun so alt geworden, und oft, wenn ich in meiner Stube grübelnd auf und ab ging, da vermißte ich sozusagen den letzten intimsten Reiz des Behagens und konnte nie darauf kommen, was es eigentlich sei. lind denke Dir, nun sind es ganz einfach solche Filzpantoffeln!" „O Du dummer Gimpel!" Sie mußte weidlich lachen. „Dann will aber ich Dir ein Paar schenken, damit das Be- Hagen desto größer ist!" Gleich hatte sie die Schuhe bei der Hand. Er mußte wie ein zu beschlagendes Pferd den Auß aufheben, und Elsbeth nahm das Maß von der Sohle. Als sie jedoch dem„armen Verkäufer" so recht hartnäckig einen halben Franken vom Preis abhandelte, lehnte sich Heinrich gegen solche Blutsaugern auf und wurde dafür mit Schimpf und Schande in die Flucht geschlagen. Dann kamen sie an einen Seidenstand. Elsbeth entwickelte alsbald ein Interesse und eine Sachkenntnis, daß ihm vor heidenmäßigem Respekt eine große Spinne den Rücken hinauflief. Wo nahm das Mädchen bloß diesen energischen Haussrauengeist her, der dem doppelten und dreifachen Alter noch Ehre gemacht hätte? Sie wühlte alles durcheinander, vertröstete den Mann auf bessere Gelegenheit, ohne einen Faden zu kaufen, und trotzdem machte ihr der Händler die ergebenste Verbeugung. Es tat Heinrich wohl bis in die Zehenspitzen. An der nächsten Bude revanchierte er sich. Ein dick ein- gemum meltes typisches Marktweib mit erfrorenen Händen und Backen, das beständig von einem Fuß auf den andern trat, hatte da Süßigkeiten feil. „Echte Basler Leckerle, Appenzeller Bibersladen, Pfeffer- nüsse!" plärrte die Dicke lieblos, wie wenn es Kohlköpfe wären. „So nun kommt die Reihe an Sie, gute Frau?" sagte der feine, junge Herr wichtig.„Lassen Sie sehen, was da Gutes zu haben ist!" Die Händlerin geriet in zappelnde Beflissenheit, nannte Qualitäten und Preise, betupfte dazu jeden Gegenstand mit den appetitlichen Fingern und war übrigens sicher, diesmal einen schönen Batzen einzuheimsen. Man kgnnte diese an- gehenden Hochzeitspärchen? Nach langem Mäkeln und Lungern nahm er ein winzig kleines Lebkuchenherz mit rotem Zuckerguß, steckte es in Els- beths Tasche und fragte die Frau mit der unschuldigsten Miene von der Welt, was er zu bezahlen habe. „Gott behüte! Das wird doch nicht etwa alles sein?" meinte diese, verdutzt über solch eine Unverfrorenheit, wäh- rend Elsbeth sich vor verhaltenen! Lachen hinter den Muff verstecken mußte. „Hier ist ein Franken dafür!" sagte Heinrich gelassen und verließ den Stand. Es war gut der zehnfache Preis. Und die Wirkung wie gewünscht! Elsbeth hörte sofort auf zu lachen, puffte ihn empört in die Seite und begann, ihm auf französisch den Text zu lesen. „Du bist nicht recht gescheit! Das kostet ja höchstens zebn Rappen. Was machst Du denn für dumme Witze? Es ist ja schad ums Geld!" „Das kommt bloß von Deinen Knausereien. Die muß ich wieder gutmachen— auf die Art. Vielleicht treib' ich Dir das gräßliche Markten, das ich nicht leiden kann, bei- zeiten aus!" O weh, machte sie da giftige Augen an ihn heran! „Seht mir doch den großen Herrn! Wohl, Du mußt es ja recht leicht verdienen. Dein Geld, daß Du so närrisch da- mit umgehst. Pfui, nein, mit so einem nichtsnutzigen Ver- fchwender fange ich überhaupt keinen Hausstand an!" schalt sie halb im Ernst, halb im Scherz. Sie hatte nun einen so köstlich überlegenen, vormundschaftlichen Ton gegen ihn an- genommen, daß er am liebsten immer nur dumme Streiche ersonnen, ihren Zorn herausgefordert hätte. Auch vor dem Christbaumwald blieben sie eine Weile andächtig stehen. Heinrich wurde schier ein wenig traurig gestimmt, als sie erzählte, daß bei ihr daheim noch jede Weih- nachten ein Baum brenne wie zu Kindszeiten.„Ach, wenn wir doch wenigstens Weihnachten übers Jahr zusammen feiern könnten?" seufzte er leise, worauf auch Elsbeth in me- lancholische Gedanken versank. Ach ja, ja,— es sah halt noch gar nicht so recht danach aus! Ihrer Liebe mußten noch starke Flügel wachsen, um über alle die trennende Zeit, die großen Hindernisse hmwegzutragen. Auf den Beistand der Eltern durfte sie nicht zählen. Und Heinrich, ohne deren Segen, in die entsetzliche Lebensungewißheit folgen—? Der bloße Gedanke daran machte sie frieren! „Weißt Du was?" sagte sie dann plötzlich sehr ernst. Er sah, daß sie selbst erschrak vor dem, was sie offenbaren wollte. Eine Weile blickte sie mit ungewissen, suchenden Augen zu Boden. „Ja, so sag' doch— woran denkst Du? Heraus mit der Sprache!" Ihm sagte eine gute Ahnung, daß er ihr Mut machen mußte. Doch da faßte sie schon wieder seinen Arm, schmiegte sich dicht an ihn heran und erklärte mit einer Entschiedenheit, die Berge versetzen konnte:„Wir gehen jetzt ganz einfach zusammen zur Tante Gritta und stellen uns als Verlobte vor. Hast Du Lust? Ich muß jemand haben, der's weiß. Und außerdem kann uns die noch einmal gute Dienste leisten. Umsonst ist sie nicht des Vaters Schwester! Wenn Du ihr nur ein bißchen gefällst, steht sie zu wns wie ein Soldat." Er hätte nie gewagt, diesen Vorschlag zu machen. Immer ging sie voran, tatkräftiger, ehrgeiziger als er für's gemein- faine Glück. Beschämt, innig erfreut drückte er ihren Arm an seine Brust:„Daß Du so tapfer sein könntest, hätte ich nie; nie geglaubt. Du bist ja heute tollkühn wie ein Kosak." „Aber das sage ich Dir gleich!" unterbrach sie ihn, wieder stehenbleibend,„Du mußt denn nicht etwa mich allein reden lassen. Je mehr Du auftrumpfst und tust, als wenn Du nur die Hand auszustrecken brauchtest, desto besser für uns!" Wahrhaftig, er mußte sich beständig an die Stirn fassen. ob denn diese fleisch- und blutgewordene Kriegserklärung. dieses Lauffeuer an seiner Seite noch die geringste Aehnlich- keit hatte niit jener sanften Elsbeth Stadler, die er vor zwei Monaten zum erstenmal ans Herz drücken durfte. „So hat mir denn das goldene Kreuz doch zum Segen geleuchtet!" fiel ihm wieder ein. Erfaßt von ihrer mutigen Stimmung, versprach er seinem Mädchen, jetzt und künftig wie ein Mann für sie zu kämpfen. Als sie aber so bräutlich verschlungen vor dem inr Villen- quartier gelegenen Haus ankamen, an dessen Pforte ge- schrieben stand: Oberst Hardmayer— mußte er doch alle Kraft zusammennehmen. Rem, gar so leicht wars nicht, die Hand auszustrecken nach den begehrtesten Gütern und sich auf gleichen Fuß zu stellen mit den wurzelstarkeu, altehrwürdigen Familien! Wenn man zeitlebens zum Tobelvolk gehört hatte! Etwas von jener Erdenschwere und sklavischen Ehrfurcht des Armenguartiers blieb immer hängen an dem, der nicht die Frechheit zum Gevatter hatte.-- Vollgestopft mit Verlob ungskuchen, ausgerüstet mit dem Segen und hundert guten Ratschlägen der resoluten Tante, den Rücken gehörig gestärkt, wanderten die zwei am Abend seelenvergtiügt dem Bahnhof zu. Sie hatten den gewohnten Heiinkchrzug versäumt: es war halb acht. Und vom Moment an, da Heinrich dies bemerkte, ergriff ihn eine fröstelnde Unruhe, so daß Elsbcth, die einmal vergeblich auf Antwort wartete, verwundert fragte, was denn auf eimnal wieder in ihn gefahren sei! Auf dem Bahnsteig wurde seine schlinime Vermutung aur Wirklichkeit. Der erste Mensch, dem sie begegneten, war die schwarze Marei. Die beiden sahen sie fast zu gleicher Zeit, unwillkürlich ließ Elsbeth seinen Arm fahren, wäbrend Heinrich den Hut tiefer ins Gesicht zog. Obwohl sich Mareis Blick mit dem seinen kreuzte— gleich zwei feindlichen Klingen vor dem Ausfall—, grüßte er sie nicht und nahm auch weiter keine Notiz von ihr, aus Furcht, sie möchte sich ihnen anschließen, was Elsbeth ohne Zweifel sehr peinlich gewesen wäre. Es gab also keine andere Rettung für ihn als diese Gemeinheit, sofern er die heute eroberte Stellung nicht verwegen aufs Spiel setzen wollte. „Wenn wir nachher zu Hause sind, Wird sich schon alles finden"— mußte er denken, und seine stolzen Empfindungen begannen wieder rapid zu sinken. Einmal zahlte wohl jeder solchen Tribut an die Venus der niederen Triebe, ohne sich deshalb graue Haare wachsen zu lassen! Er vergaß im Augenblick ganz, daß Marei außerdem den Vorzug hatte, seine Base zu sein! Das verwünschte Abenteuer schien übrigens gut abzu- laufen. Unbehelligt gelangte das Paar in den Wagen, und während der Fahrt holten sie alles reichlich nach, was sie auf dem Hinweg versäumt hatten. Elsbeth rührte mit keinem Wort an die unliebsame Begegnung, und Heinrich sagte nur obenhin, gleichsam zur Verschleierung seines fragwürdigen Verhaltens:„Auf Neujahr— das ist jetzt ausgemacht— zieh ich in die Stadt. Es war ja nur so eine einfältige Heimwehstimmung, weswegen ich mich seinerzeit dort oben einguartierte. Denn im Grunde habe ich mit den guten Leutchen doch gar keine Berührungspunkte mehr. Das wird man mir zugeben müssen!" Aber rot wurde er doch, wie er das so sagte. „Wir können uns dann immer bei der Tante tre!>en!" meinte Elsbeth schnell. Das andere Thema ließ sie lieber fallen, wenngleich ihr mit Heinrichs Ankündigung eine sckwere Last abgenommen war. Schmeichelhaft war es ein- mal nicht für sie, daß ihr Geliebter mit Krcthi und Plethi zusammen im Tobel banste. „Ich komme auch gar nicht recht zum Arbeiten. Es drückt auf mich— diese Erbärmlichkeit von innen und außen. Ich kann nichts dafür. Aber es muß anders werden!" Tie letzten Worte stieß er heftig, wie eine Selbstbeschwörung hervor. Elsbeth sah seine verstörte Miene. „Wer kann Dir denn einen Vorwurf daraus machen, wenn Du gehst? Du gehörst ja auch sonst nicht zu den Leuten!" sagte sie. auf ganz falscher Fährte. Heinrich tat ihr nämlich leid, weil er sich, wie sie dachte, ein gar so großes Gewissen daraus machte. Er küßte sie darauf stürmisch, in plötzlicher Ahnung einer ernsten Gefahr. „Wenn nur Du Dich durch nichts mehr von mir ab- bringen läßt! Sonst bin ich verloren!" kam es zwischen seinen zusammengepreßten Zähnen hervor. Seine Angen hatten einen Fieberglanz, die Hände glühten an ihren Wangen, ihr Druck schmerzte sie fast. Mehrere Male flüsterte er zwischen seinen Küssen:„Nur Dich Hab' ich ja gern— sonst keine Seele. Du weißt es— mag kommen, was willl." lFortsetzung folgt. j�eiie Jugenäsckriften. Jugendgeschichten. Hat das Kind lesen gelernt, so stellt sich bald eine Zeit starken Lesehungers ein. Die Bilderbücher, die nur eine einzige oder nur wenige Geschichten enthalten, tun's nicht mehr; die Bücher dürfen und müssen größeren Umfang haben. Diese Zeit muß benutzt werden, das Kind von dem Lesebuch mit seinem Vielerlei von kurzen Sachen vorwärts zu führen zu der größeren geschlossenen Er- Zählung. Unsere volkstümlichen alten Märchenbücher stehen auf ver Grenze von der sogenannten Häppchcnliteratur zur Buch- Literatur. Hier setzt Heinrich Wolgast in seiner Sammlung: „O uellen, Bücherz urFreude undzurFörderung" ein l-Fwgeirdblätter", München, jedes Heft von 80 Seiten gebunden 20 Pf.), die den Uebergang zum inhaltlich geschlossenen größeren Buche schaffen will.„Wir müssen zu einer Lektüre in der Schule kommen, die eine länger andauernde Versenkung in ein und den» selben Sioffkreis ermöglicht, die das Kind wenigstens längere Zeit in der gleichen geistigen Atmosphäre mit Lust verweilen läßt." Wie immer packt Wolgast, der Bahnbrecher, seine Aufgabe mit sicherem, praktischem Griffe an. So wählt er aus Grimms Märchen ein Bändchen„Märchen zum Lachen" und eins„Märchen zum Staunen" aus, aus Hauff eins„Zaubermärchen" und eins„Spott- märcken", und schon sind Bändchen erschienen wie Schillers„Tell", an denen sich zeigt, daß dies Unternehmen nicht bloß eine schöne Phrase braucht, wenn es ankündigt, es wolle der Aufgabe dienen, das Kind zu den Quellen zu führen, aus denen unsere nationale Bildung strömt. Neben Wolgasts„Quellen" sind jetzt noch zwei andere von der Lehrerschaft der Volksschulen geschaffene Büchereien am Werk. Sie wollen nicht erst fürs Bücherlcsen erobern, sondern schon erwachsene Leser abdämmen gegen die berüchtigte Schund- literatur unserer Tage.„Es muß etwas geschaffen werden, das den Lesern der Schundliteratur ein guter Ersatz ist für das, was man ihnen nehmen will. Es müssen den Kindern und jungen Leuten, die den Reizen der Detektiv-, Indianer- und Räuber» geschichten niederster Art verfallen sind, Erzählungen geboten werden, die eine reiche und lebhafte Handlung enthalten, die Helden und Abenteuer recht anschaulich vorführen und doch Dichtungen und nicht Machwerke sind." In den„Freien Stunden" hat die Arbeiterschaft längst Arbeit auf dieser Linie geleistet. Die „Deutsche Jugendbücherei" der Vereinigten Prüfungs- ausschüsse für Jugendschriften lHillger, Berlin, jedes Heft von 32«Ästen 10 Pf.) und die„Bunten Bücher" der Freien Lehrervereinigung für Kunstpflege in Berlin lEnßlin, Reutlingen, jede Nummer lO Pf., die vierzehntägig erscheinenden Hefte cnt- halten meist mehrere Nummern) gehen im Aeutzeren von der Art der bekannten Sdmndliteraturheftc aus, sind aber sorgfältig in Bild und Schrift und geben vor allen Dingen in jedem Hefte eine abgeschlossene Erzählung. Dies letzte ist wichtig. Von großem Ein- fluß auf den Umsatz der Hefte ist aber auch, daß sie Zehnpscnnig- hefte find. Tie von Hermann Köster-Hamburg geleitete„Deutsche Jugendbücherei" hält darauf und kann in der.Jugendschriften- Warte" günstiges darüber l?erichten. Sie scheint auch, alles in allem genommen, in der Auswahl praktischer zu verfahren als das Unter- nehmen der Berliner Vereinigung. Wünschenswert wäre es, wenn nur eine einzige Sammlung existierte und alle propagandistische Stoßkraft auf ihrer Seite hätte. Denn der Feind ist übermächtig groß: Millionen und Abermillionen seiner verderblichen Hefte gehen alljährlich ins Volk und haben einen unheimlich ausgedehnten und sicher funktionierenden Verkaufsapparat zur Verfügung. Natürlich müßte das eine und ungeteilte Gegenunternehmen geleitet werden von der Zentrale der Jugendschriftenbewegung, die schon jetzt hinter der„Deutschen Jugendbücherei" steht, die, wie man hört, beträchtliche Summen für den Ankauf geeigneter Erzählungen aufgewendet hat. An neuen Ausgaben der eingebürgerten Märchensammlungen ist dieses Jahr nicht reich. Das Notwendige ist da in den letzten Wintern genug getan. Ein paar Andersen- Ausgaben liegen vor. Eine ist von Berliner Lehrern veranstaltet,— sie ist mir nicht zu Gesicht gekommen: eine Ausgabe von neuen, besonders phanta- stisch-romantiichen Stücken Andersens hat der Münchener Hyperion- Verlag veranstaltet: ein Buch, köstlich gedruckt in edclklarer Unger- Fraktur, und künstlerisch bedeutend gemacht durch Zeichnungen, in denen Wala von Mav als berückend starker Impressionist der B-e- wegung neben dem Dichter emporwächst.(Preis 6 M. gebunden, 4,50 M. ungebunden.) Neue Märchen, die beachtenswert sind, stammen von zwei Frauen: eine Sammlung„Neue Märchen" von Klara Hepner(„Jugendblätter". München, 1,20 M.), und ein Band„Märcken für K i„der und Haus" von V a r e n a zur Linde(Groß-Lickterfelde. Charonverlag, 2,50 M.). Das Lesen des Buchs von Klara Hepner verlangt durchaus gereiften kind- lichen Verstand; vieles bewegt sich auf der Linie des Andersensckcn Naturmärchens, immer aber ist eS frei von jeder romantischen Weichheit. Varena zur Linde, die als Anhängerin der Ottoscken Altersmundart-Bestrebungen schreibt, will die frühen Kinderjahre errreuen und spinnt kleine Geschichten aus, die der kindlichen Phan- tasie, die noch kein Moralisieren kennt, in der Tat sehr glücklich angepaßt sind. Man macht dabei eine beachtenswerte Erfahrung: wenn man die Geschichtchen für sich liest, will sich das Gefühl dein ewigen„und da" nicht bequemen, aber das Ei ist ja bisweilen klüger als die Henne, und wenn man die Geschichten nun einem nock nickt Fünfjährigen vorliest, zeigt sich, daß das Erzählte dem Kinde als wonnige Kost eingeht, daß Wort um Wort sitzt und nach» wirkend Eigentum wird. An Sagenbüchern ist wieder kein Mangel. Nikolaus Henningsen, der Hamburger Lehrer, hat Gustav Schwabs alt- bekannte„Schönste Sagen des klassischen Alter- t u m s" in drei Bänden bei Schafsstein, Köln, neu herausgegeben (Preis jedes Bandes 2 M.). Bei der Neubearbeitung, die den In» halt um einiges vermehrte, wurde darauf geachtet, daß die Samm- lung auch für Volks schüler bestimmt ist, die nicht durch die Gcschichtsstunde mit der griechischen Mythologie vertraut gemacht werden. Die kurz gefaßte Darstellung des gleichen Stoffes in Albert Richters vielgebrauchtem Buche„Götter und Helden" kommt gegen Schivabs dichterisch empfundene Arbeit nicht auf. Der Verlag sollte sich übrigens entschließen, den Bänden einige Käri'chcn beizugeben. Schwabs Buch bedeutete den Versuch, die griechischen Sagen„den alten Schriftstellern und vorzugsweise den Dichtern einfach und vom Glänze künstlerischer Darstellung ent- kleidet, doch, wo immer möglich, mit ihren eigenen Worten nach- zuerzählen. Man hat ihm das nie als ein Verbrechen angekreidet. Anders ging es B e r t h o l d Otto, als er vor etwa zwanzig Jahren der Jugend und dem Volke„Die Sage vwm Doktor Heinrich Faust" im Anschluß an Goethes Dichtung erzählte; man steinigte ihn mit schlimmen Anwürfen. Aber sein Buch, das jetzt in dritter Auflage herauskommt(Scheffer, Leipzig, 3 M.), ist gut; es stellt nicht nur für den Verstand dar, sondern will auch vom Herzen erfühlt sein. Die erzählende Wiedergabe des P a r z i v a l, die Ernst Falch vorgenommen hat(München, Dietrich, 2 M.), kommt dem Leser nicht so nah; die ganz knappe Fassung des Inhalts der Wolframschen Dichtung tut es nicht allein. Die Bilder dieses Buches sind herzlich unbedeutend. Eine seit Jahren schmerzlich empfundene Lücke wird ausgefüllt durch Rüttgers„R e i n e k e der Fuchs". Nach der alten nieder- deutschen Ausgabe von 1498 wird von Rüttgers— er ist ein wich- tiger Kopf im Kampf um gute Jugendliteratur— die alte Sage aus dem Königreich der Tiere für Zehn- und Elfjährige erzählt. Damit wird nun eine andere Prosavorstellung, in der das alte Gedicht und die Goethesche Darstellung in oft recht wenig erbau- licher Weise verquickt sind, endlich aus dem Felde gedrängt. Nüttgers schreibt in prächtig-lebendiger Gedrungenheit(Schaff- stein, Köln, 1,80 M.). Von den„Abenteuern der sieben Schwaben" liegen gleich zwei Ausgaben vor; die Schaffsteinsche, die ohne Bilder ist(Preis geb. 1 M.) enthält auch die anschließen- den Abenteuer des Spiegelschwaben; die des Verlages E. Nister, Nürnberg, die von Adolf Jöhnssen mit einigen sauberfarbenen Bildern geschiuücn kst(Preis 2 M.), ist mit den Geschichten der Schildburger. zusammengedruckt. In Nisters illustrierten Jugend- und Volksoüchern, die Martin Dölitz herausgibt, ist auch eine Bearbeitung der„Seltsamen Possen des Till Eulenspiegel"(Pr. 2 M.) erschienen, deren von Karl Dotzler beigesteuerte farbige Bilder nur ein paar Streiche Tills illustrieren, von Till selbst aber nichts zu erzählen wissen, was die Jugend näher an diesen Gesellen heranbringen könnte. Die Nistersche Ausgabe von„Münchhausens Abenteuern"(2 M.) kann in ihrem bildlichen Schmuck auch nicht als gelungen gelten. Mir scheint, Dölitz beurteilt die Aufgabe des Bildes in solchen Erzähl- büchern nicht richtig. Das ist zu bedauern, denn die Nürnberger Volksbücher sind gar hell und freundlich in ihrer übrigen Auf- machung. Durch geschichtlich wertvolle Bildbeigaben hat der Nistersche Verlag seine neue, von Ludwig Schröder angebrachter- maßen von allerlei Unschönem befreite Ausgabe von Grimmcls- Hausens„S i m p l i z i s s i m u s" beachtenswert gemacht(3 M.); diese klassische Schilderung des merkwürdigen Soldatenlebens im dreißigjährigen Kriege aus dem Leben heraus, soll jeder junge Leser kennen. Es ist beste Abcnteurerliteratur. Von der älteren Abenteurerliteratur der Jndianerromane haben sich nur Coopers„L e d e r st r u m p f- E r z ä h l u n g e n" in die Jugendschriftenlisten herüberretten können. Ihre Schätzung ist jetzt im Wachsen: sie sind historische Dokumente. Ein Stück Anfangsperiode amerikanischer Kolonisation ist darin geschildert und in der Gestalt Lederstrumpfs lehnt sich die Menschlichkeit gegen die Barbarei der kolonisierenden Zivilisation auf. Jetzt unter- nimmt es der Verlag von Paul Cassierer, Berlin, die Erzählungen, die in den Jugendausgaben natürlich stark gekürzt sind, in ihrer breiten ursprünglichen Form herauszugeben. Karl Federn besorgt die Ausgabe, deren erstem Bande durch die Bildinitialien von Max Slcdoigt noch ein besonderer künstlerischer Wert verliehen ist. Die tatkräftigsten Arbeiter der deutschen Jugendschriftenbewegung wissen, daß sie für ihren Kampf vor allem Erzählungen brauchen, in deren Mitte energische Charaktere stehen. Diese Einsicht wirkt auch auf die Redaktion der„Mainzer Volks- und Jugendbücher", die jetzt bis zum zehnten Bande gediehen ist (Jos. Scholz, Mainz, jeder mit Bildern versehene Band 3 M.>. Alle Erzählungen dieser Sammlungen sind neu; seltsamerweise ist fast alles historisch gefärbter Stoff, bei dessen Auswahl der Gc- sichtspunkt der Speisung des jungen Lesers mit einer Dosis monarchischen Gefühls absichtsvoll eine Rolle zu spielen scheint. Die Erzählung der gewandten Charlotte Niese von dem Ham- burger Jungen Michel Schneidewind arbeitet in auffälliger Form in dieser Richtung. Die Lauffsche Altkölner Stadtgeschichte scheint mir um ihrer aufgereihten Sprachpose nicht für die Jugend ge- geignet. Das Beste dieser Sammlung, etwas wirklich Gutes, ist immer noch Gustav Falles Hamburger Vorstadtgeschichte: «Drei gute Kameraden" und auch Karl Ferdinands ürgc- schichtliche Erzählung„Das Pfahldorf" läßt man willig gelten. Sie will nur einen Einblick in vergangene geschichtliche Zustände geben, ganz ohne Nebenabsichten. Neben diesen Erzählbüchern, die eine einzige längere Gc- schichte geben, tauchen immer wieder Versuche auf, Sammelbücher kleinerer Geschichten in Prosa und Vers einzuführen. Auch da ist größte Vorsicht am Platze. Kinderkalender gab es schon vor Jahrzehnten, und immer noch erscheint Berthold Auerbachs Deutscher Kinderkalendcr, von dem jetzt Georg Bötticher den 28. Jahrgang herausgibt(Fernau, Leipzig). Er ist«ine wahre Schule für geistige Verflachung, eine Pflsgstäite der Häppchen- kitevatur in Bild und Wort, und auch Strasburgcrs Kinderkalendcr (Neufeld u. Hcnius, Berlin) schiebt beiseite, wer es mit seinem Kinde gut meint. Ich halte es für keinen Verlust, daß der Wundergartenkalender des Scholzsckcn Verlages nicht aufgekommen ist. Viel besser ist das„Deutsche Jugendbuch", das Kotzde diesmal zusammengestellt hat(Scholz, 3 M), aber ein schlimmer Mangel ist, daß es sich an die so verschiedenartigen Altersstufen von Kind und Jugend zugleich wendet und dann ist der Heraus- geber auch nicht frei von Rücksichtnehnierei vor gewissen Tendenzen. Ein so einfaches schlichtes Heldenbuch, wie das vom Hanckurger Jugendschristenausschuß aus den Schätzen neuerer deutscher Er- zählkunst ausgewählte Büchlein„K i n d e r w e l t"(Wunderlich, Leipzig, 60 Pf.) ist nur halb so umfangreich wie das„Jugendbuch" und bedeutet erzieherisch doch hundertmal«ehr. Naturbücher. An naturkundlichen, volksvcrständlichen Büchern ist der vor- handene Besitz um einiges Gute vermehrt worden. In neuer der- besserter Auflage liegt die kleine Ausgab«„N a t u r st u d i e n" von Karl Kröpelin vor(Teubner, Leipzig, 1 M.). Oskar Schwin- dragheim hat die Bilder der stühcren Auflage verbessert und durch neue charakteristische und doch immer den Künstler verratende Federzeichnungen ergänzt. In neun Spaziergängen durchwandert Lehrer und Schüler mit Frage und Antwort die heimische Land- schaft. Der eifrige„Kosmos"-Mann Dr. C u r t F l ö r i ck e hat zwei schöne Bücher„Wanderungen" und„Streifzüge" veröffent- licht: eins über Säugetiere, eins über die Vögel Deutsch- l a n d s. Er ist ein guter wissensreicher Erzähler, der einen wundervollen Schatz von Tierbildern zur Hand hat(Nister, Nürn- berg). Neben diesen beiden Büchern schrieb Flöricke für Knaben und Mädchen im Alter bis zu zwölf Jahren noch fünf reich mit farbigen und in den Text gefügten kleineren Bildern ausgestetlete Bündchen„Der kleine Naturforscher"(Nisier, Nürn- berg, je 1,20 M.) Ihre Titel sind:„In Haus, Hof und Garten"; „In Flur und Feld";„In Busch und Wald";„An Fluß und Teich"; „Am Meercsstrand". Die Bücher iverden deshalb Glück haben, weil sie tierisches Leben, wie wir es auf Wanderungen aufspüren, erleben läßt. Die Plauderbüchcr packen nicht aufdringlich mit Ge- lehrsamkeit voll. Sie lassen teilnehmen an der Freude des bio- logisch schauenden Naturforschers, für den die Natur immer stisch und neu bleibt. An jedermann von der reiferen Jugend auf- wärts wenden sich die Bände der Naturwissenschast- l i ch e n Bibliothek, die der Verlag von Quelle und Meyer, Leipzig, herausgibt.(Preis 1,80 M.i. Sie sprechen über'Deutsch- lands Urzeit, über den deutschen Wald, die Ameisen, das Aqua- rium, das Terrarium, Beleuchtung und Heizung, Reptilien- und Amphibienpflege, die Schmarotzer, die Photographie, ziehen das Bild ausgiebig heran und bedeuten einen großen Gewinn fiir jeden, der von der bloßen Naturfreude zum ernsthaften Natur- studium übergeht. Denn ihre Darstellung ist klar, der reiche In- halt wohl geordnet. Ein Buch zuletzt, das als ein Kinderbuch ge- geben ist und eins der wundervollsten Mittel bedeutet, Kinder an das heimlichste Lcbxn der Natur heranzubringen und zugleich zur innigen Naturfreunde zu erziehen. Eine skandinavische Frau, N a n n y H a m m a r st r ö m. hat das Buch geschrieben:„Die Abenteuer zweier Ameisen"(Etzold, München, 3 M.). Als ein Märchen ist es geschrieben, ein Lebensmärchen, in dem ein Ameislein den ersten Sommer seines Lebens vom Ei herauf er- zählt. Farbige Bilder von Tier und Pflanze begleiten die Er- zählung in frisch belebender Anordnung auf den Seitenrändern. Nicht bloß das an wundersamen Ereignissen überreiche Leben der Ameisen lebt der Leser mit, das ganze Auf und Ab der sommer- lichen Natur fühlt er nah um sich her. Eins der nützlichsten und reizendsten Bücher von der Natur ist hier dem Kinde gereicht. Uel>er all dem Eifer, dem Kinde die Natur vertraut zu machen, sollen wir freilich nicht vergessen, daß sich eine städtische Kultur um uns her bewegt, der gegenüber die Erzieher ebenfalls große Ver- pflichtungen haben. Fritz Gansberg fordert einen Groß. stadtanschauungsunterricht, und als ein gutes Zeichen darf man's deuten, daß sein Lesebuch für Schule und Haus: „Streifzüge durch die Welt der Großstadtkinder" (Teubner, Leipzig. 3,20 M.) im Verlaufe weniger Jahre jetzt bis zur dritten Auflage vorschreiten konnte. Das„Großstadt-Bildcr- buch" aus dem Voigtländerschen Verlage, von dem schon die Rede war, deutet eine EntWickelung im Kinderbuchwcsen an, die als ein wichtiger Fortschritt angesehen werden mutz. Franz Diederich. kleines feuitteton. Im Joch. Er war einer jener Enterbten, die von früh bis spät vor dem Karren gehen und des Nachts auf den Fliesen kauern. Ob er je ein anderes Leben gehabt, weiß ich nicht,—ich sah ihn nur am Karren. Den zog er von früh bis spät, ächzte, keuchte, zog ihn stets mit derselben gequälten Miene, den krampfhaft ge- spannten Beinen, alle Tage wie immer, müde und matt, ganz gleich, ob er Zeitungen enthielt, Grünkram, Lehm oder Kohlen. Er zog ihn von früh bis spät, streckte sich nachts auf die Fliesen, er- wachte und fror, und sprang, kaum daß der Tag graute, schon wieder auf, um wieder angespannt zu werden, durch die Straßen zu keuchen und zu ziehen, zu ziehen... ohne End«. Ich habe ihn gesehen, wie et_ cm einem Mittag im Hof lag.' Er war ganz voller Staub und Schweiß, ganz Ermattung. Ader fein Blick war klar. Es war etwas wie Stolz in ihm, wie Hoffnung und Stolz. Er glitt über die Brandmauern, glitt höher hinauf — höher— gen Himmel. Zur Sonne auf. Aus dem schmutzigen Hofschacht— zur Sonne... Ich wußte nicht, daß ein Blick so viel sagen kann. Ein ein- ziger Blick, den ein gequältes Wesen, den ein Hund zur Sonne auftut. Dann ging es bergab mit ihm. Der Karren rollte langsamer. die Schläge fielen dichter. Er war alt, er konnte nicht mehr. „Hü!" schrie sein Herr, ein roher Patron..Füttere ich Dich umsonst, faules Luder?!" „Hü!" äfften die Gassenjungen ihm nach.„Füttern wir Dich umsonst?!" Und er zog... Von Straße zu Straße, von Haus zu Haus. Niemand hatte einen Blick für ihn, niemand ein gutes Wort. Nicht nur die Menschen nicht; die Menschen sind hart. Nein,— auch nicht die Hunde. Es gingen Hunde vorbei, feist und ge- striegelt, die sich warm durchs Leben schmarotzten, es fuhren Hunde daher in breiten Eguipagen, große auf dem Kutschbock und kleine in Decken gehüllt,— keiner achtete auf ihn. War er denn überhaupt ein Hund? Ein Gleichwertiger, einer der ihrigen? Rein. Er war ein Arbeitstier, halb Karrenwächter. halb Lastgaul, das im Rinnstein wohnte, im Rinnstein fraß und — im Rinnstein sterben würde. „Hü!" schrie sein Herr.„Hit! faules Luder!" „Hü!" äfften die Jungen ihm nach.-- Ich erinnere mich des Tages, da cr zusammenbrach. Es war ein heißer Tag, und er lag auf der Straße, mitten auf dem Fahr- dämm, etwa zehn Schritt vom Hause. Die Zunge hing heraus, da? Maul stand offen, die Augen quollen vor. Er lag auf der Seite, den Kopf vorgestreckt, und wand sich in Krämpfen. „Hü!" schrie sein Herr. Die Peitsche klatschte. Aber es ging nicht. Die Krämpfe wurden heftiger, der Atem schwerer, dann kam«in Ruck— und er war nicht mehr. Er lag auf dem Fahrdamm in der Sonne. Menschen kamen vorbei und blieben stehen. Einige zuckten die Achseln. Niemand hatte ein Wort für ihn, auch nicht e i n Wort. Die Menschen find hart. Aber selbst Hunde gingen vorbei. Ein Mops kam daher, schnupperte in der Lust und trottete weiter. Ein.Windhund kam. wohl ekn Aestethiker in seiner Art, fuhr zusammen und lief davon... Gewiß, war denn das ein Himd? Ein Vollwertiger,— der? Ein Karrenwächter, ein Lastgaul, der im Rinnstein lebte, im Rinn- stein starb? Bah, machte er—— _ Ich aber kannte ihn. Ich sehe ihn noch jenen Tag im Hofe. Sehe ihn müde und gequält. Ich sehe den Blick zur Sonn?... Werner Peter Larsen. Kulturhistorisches. Die Strafe des Steintragens im Mittelalter. Ja verschiedenen Berliner Museen werden sog.„Bagsteine"(von „vagen"— zanken, streiten, hadern) aufbewahrt, eine unter den vielen Arten der Strafiilstrumcnte des Mittelalters. Das Tragen des BagsteinS wird zuerst um 1300 erwähnt und erhielt sich bis ins 10. Jahrhnndert; seitdem wurde diese Strafe allmählich durch die sog. Fiedel ersetzt, ein Instrument aus Holz-.wer Eisen bände, /.um Ein- Manne» von Hals und Händen sür eine oder auch zwei Personen. Das Steintragen wurde vocuehmlich zänkischen Frauen als Sühne auierlcgt. ES war seinerzeit geradezu ein Freudentag sür die ganze Eiuwohnerichak� eines Ortes. Die Verurteilte wurde mit dem Sterne behängt und gefesselt von dem Büttel auf einem vorgeschriebenen Wege durch die sich auf den Straßen drängende Menge geführt, die natürlich an der Delinquentin ihre Svoltlun imd ihren Uebermui aus- ließ. Meist wurde die Strafe an einem Marli» und Gerichtstage vollzogen, da zu solchen Terminen große Meiuchemiursieii zusammen zu strömen pflegten. Vielfach schritt ein Pfeifer und ein Pauker dein Zuge voran; oft erhielten auch die Bube» faule Eier; und die Burschen betranken sich»nt dem Wein, der ihnen sür Rechnung der Delinquentin verabfolgt wurde. Wie E. V. Muß« Berg in den„llntersiichttngen zur deutschen Staats- und Rechts- geschickte" mitteilt, haben wir in der Strafe des SteintragenS ein Rudiment, eine Abschwächung der früheren SrrafiucchUckast ebenso wie in dem Hunde-, Sattel- und Pilagradtragen zu sehen. Der Bagstein war ursprünglich ein Handmühlftein als Zeichen weiblicher Arbeit Medizinisches. Gehirnoperationen. Die moderne Chirurgie hat mancherlei Operationen mit Erfolg ausgeführt, deren Gelingen man früher für unmöglich gehalten hätte. Dank der Narkose, der vollkommenen Asepsis(Keimsteiheit) und einer immer iveichr ausgebildeten Technik ist es heute möglich, immer komplizierte Opera- tiouen auszuführen. Daß der Bauch in leträchtlicher Ausdehnung aufgeschnitten wird, große Teile innerer Organe, etwa vom. Magen, Darm, Gebärmutter usw. entfernt werden, gehört gewissermaßen zum täglichen Brot der Chirurgen. Auch an so empfindlichen Qr- ga uen wie Herz und Nieren werden mit Erfolg Operationeu aus- Verantw. Redakteur: Vickard Barth, Berlin.— Druck u. Verlag: gesührt, die oft bon lebenrettendem Einfluß für den Betreffenden sind. Die günstigen Resultate verdankt die Chirurgie in erster Linie dem aseptischen Vorgehen der Operateure auch bei den kleinsten Eingriffen. Seitdem P a st e u r, der geniale französische Forscher, nachgewiesen hat, daß in dpr Luft, auf unseren Händen, an unseren Kleidern usw. zahllose Bakterien ihr Dasein führen, die bei gegebener Eelegeuhett Eiterungen und andere Infektionen machen, ist es ein Grundsatz jedes operativen Vorgehens geworden, nur nach Desinfektion aller Gegenstände und Personen, die irgend- wie unmittelbar mit der Operation zu tun haben, künstliche Wunden anzulegen. Auf diese Weise ist die Wundinfektion, das Wundfiebcr. das früher den meisten Operationen ihren unheilvollen Ausgang gab, so gut wie vollkommen aus der praktischen Medizin verdrängt und damit die Grundlage zu den Erfolgen, deren sich die Chirurgie rühmen darf, gegeben worden. Das sensibelste Organ unseres Körpers, das Gehirn, ist in jüngerer Zeit ebenfalls Gegenstand operativer Eingriffe geworden. Darüber berichtet der Direktor der Berliner chirurgischen Universitätsklinik, Professor Hildebrand, in der„Deutschen Medizinischen Wockcnschrisl": Wenn man berücksichtigt, daß unser Gehirn das Zenttalorgan der zahllosen Nervenstämme darstellt, daß es ferner der Sitz unserer psychischen(seelischen) Borgänge ist, so� wird man begreifen, mit welchen Gefahren ein Eingriff in die Substanz des Gehirnes der- Kunden ist. Dennoch ist es gelungen, Geschwülste, die sich im Ge- Hirn ausgebrettet haben, Wasseransammlungen, die ebenso wie erstere auf die ungemein empfindliche, nervöse Substanz des Hirnes gedrückt und Aussallserscheinungen wie Lähmungen der Gliedmaßen. Seh- oder Hörstörungen je nach der Stelle ihres Sitzes hervorgerufen hoben, operativ zu beseitigen und damit eins dauernde Heilung zu erzielen. Freilich bedarf es zur Ausführung des chirurgischen Eingriffes der genauen Feststellung, der Diagnostizicrung des Krankheitsherdes. Dies ist die Arbeit des Nervenarztes, des Neurologen, der die verschiedenen Krankheits- symptome so verwerten muß, daß cr vor der Eröffnung des knöchernen Schädeldaches den Sitz der Geschwulst, die Ausdehnung der Klüssigkeitsanfammlung usw. genau bestimmen und seinem chirurgischen Kollegen beschreiben kann. Durch die Beteiligung ver- schiedener Gehirnzelttra, deren Sitz meist gut bekannt ist, z. B. durch Sehstörungen, durch Hörverluste, durch Schwiiidelaufälle usw. kann der geübte Nervenarzt mit großer Sicherheit die Stelle um» schreiben, an der sich der krankhaste Prozeß lokalisiert haben muß. Es bedarf also auf jeden Fall der Zusammenarbeit des Chirurgen und des Neurologen, um eine Gehirnoperation auszuführen. In Berlin haben feit mehreren Jahren zwei hervorragcnde Vertreter ihres Spezialfachs, der Nervenarzt Professor Oppen- heim und der Chirurg vom Augusta-Hospital, Professor Fedor Krause, in dieser Weise zusammengearbeitet und durch ihre Re» sultate berechtigtes Aufsehen erregt. Jetzt beteiligen sich auch andere Nervenärzte und Chirurgen an Gehirnoperationen. In der Ueberempfiudlichkeit der nervösen Substanz gegen Druck, Einstich usw. besteht die große Gefährlichkeit aller Gehirnoperatioucn, die trotz der Ausbildung der modernen chirurgischen Technik und Diag. nostik zu den ernstesten Eingriffen gehören, zu denen sich die Heil- kund« entschließt. Deshalb zerlegt man. da die Operation� meist sehr umsangreich und zeitraubend und infolgedessen sehr schwächend ist, den ganzen Eingriff in zwei Stadien. Während der ersten Sitzung wird zur Eröffnung des Schädels ein breiter Haut, und Kuockenlappen in der Gegend der diagnostizierten Stelle aus dem Schädeldach herausgeschnitten oder gesägt. Mit der Bildung deS Knochenlappens ist der erste Akt der Operation beendet; den zweiten Akt. die eigentliche Hirnoperation, verschiebt man auf einen späteren Tag. Der Knochen- und Hautlappen, der an einer Seite mit dem übrigen Schädel noch in fester Verbindung steht, wird wieder in die Höhe geklappt, und der Patient etwa eine Woche, je nach dem Verlauf kürzer oder länger, in Ruhe gelassen. Hat er den ersten Teil der Operation gut überstanden, so wird der zweite Teil in Angriff genommen, der meist sehr viel blutiger wegen des enormen Blutgehaltes des Gehirns— im Gichten befindet sich etwa ein Viertel unseres Gesamtblutes— verläuft. Bevor das Gehirn freiliegt, muß noch die harte Hirnhaut durchschnitten werden. Ist dies geschehen, so gewinnt man die Uebersicht über das lebend« Gehirn, ein Anblick, der auch dem Arzte nur selten zuteil wird. Der Krankheitsherd macht sich lsimfig schon durch«ine Auf« treibung der Hirnsubstauz an einer bestimmten Stelle bemerkbar. Die Geschwulst wird meist stumpf, mit dem Finger oder mit einem anderen stumpfen Instrument, um keine Substanzverletzungen am Hirn selbst zu machen, herausgeschält, eine Zyste ihre flüssigen In- Halts entleert und eventuell herausgezogen. Dann wird die Wunde geschlossen, erst die Hirnhaut vernäht, der Kuochenlappen in seine richtige Lage gebracht und die Haut vernäht. Wenn keine Ver- letzungen an empfindlichen Stellen der Hirnsubstanz erwlgt sind, kann die Operation die glücklichsten Resultate geben und oem Be» troffenen die volle FunkttonSfähigkeit zurückbringen. Eins große Gefahr liegt darin, bei der Entfernung des Krankheitsherdes lebenswichtige Gehirnstellen zu verletzen, deren Erhaltung oft durch den Sitz der Geschwulst unmöglich geworden ist. Immerhin fiud aber die glücklich auSgefübrteu Gehirnoperationen wahre Meisterstücke der chirurgischen Technik. �V. Vorwärts Bucht ruckerei u.Vertagtanstatt Paul Sinzer& Co.. Berlin SW.